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Es kommt alles zu einem Ende – und geht weiter, wie es sich gehört

 

Wohl selten ist ein blühender junger Mann in einer so verzweifelten Stimmung von Paris nach Berlin gefahren wie ich an jenem heißen Julitage. Ich sah alles schwarz. Das Leben schmeckte mir nicht mehr, ich verzweifelte an allem, besonders aber an mir. Ich taugte nichts, ich war zu nichts nütze. Mein ganzes Leben würde eine Reihe von Mißerfolgen sein, ich war das geborene Muttersöhnchen. Nicht einmal einen Weizentransport hatte ich ordnungsgemäß erledigen können, ich war dumm und untüchtig.

Es ist mir dabei seltsam, mich zu erinnern, daß nicht der Betrug Gregors am meisten mein Herz beschwerte, am wenigsten dachte ich an den ungültigen Trauschein und wenig an Catriona. Sondern der schwerste Vorwurf, den ich mir machte, war der, daß ich in jenem Pariser Kaffeehaus, als Gregor mich so verhöhnte, als ich auf ihn einschlug, daß ich da nicht an die Pistole in meiner Tasche gedacht hatte. Da hatte mir der Rauhbold ausdrücklich den Pistolenkasten, den das Lassenthiner Wappen zierte, mitgegeben, zur Wahrung Lassenthinscher Ehre, und ich hatte mich mit ein paar Faustschlägen, einer zerrissenen Oberlippe begnügt und den Ehrabschneider laufen lassen. Ich würde nie vor den alten Lassenthin treten können –!

Heute denke ich über diesen Punkt anders. Ich danke es dem Himmel, daß er mich in jener entscheidenden Minute die Waffe in der Tasche vergessen ließ. Ich bin zufrieden, daß ich meine Hand nicht mit diesem Blut befleckt habe. Lumpen wie Gregor erledigen sich meist selbst, sie sind ihre eigenen Henker. So kann ich heute ruhig, ohne Selbstvorwürfe, an Gregor von Lassenthin denken. Und Catriona – diesen Vorwurf konnte mir Catriona wenigstens nicht machen, den Vater ihres Sohnes gemordet zu haben. Das Schicksal hatte mir doch noch eine Chance gegeben.

In Berlin hatte ich den besten Anschluß an den Stralsunder Schnellzug. Aber ich benutzte ihn nicht. Noch immer war ich innerlich wie taub, in diesem Zustand konnte ich nicht nach Ückelitz. Ich hatte ja auch alle Zeit, die glaubten mich auf einer Reise in die Apenninen. Ich war nicht wieder in das Hotel »Kartoffel« gezogen; meine Leser werden es kaum glauben, wo ich diesmal abgestiegen war: nirgend anders als in der Pension Knirsch! Da wohnte ich nun, aus reiner Selbstquälerei hatte ich das Fürstenzimmer genommen, und viele Flaschen Wein mußte mir Frau Knirsch hineintragen.

Viele, viele graue, endlose Stunden saß ich da in demselben Sessel, in dem ich damals gesessen, vor langer, langer Zeit, vor gut einer Woche. Die Ledermappe stieß wie damals gegen meinen Rücken, aber nun war sie leer. Ich hatte ihren Inhalt schlecht verwaltet.

Hastig trinkend, immer trinkend starrte ich in die Stube. Ich stellte es mir recht deutlich vor, wie ich hier mit Gregor meine erste Verhandlung geführt hatte. Aber jetzt war ich der Klügere, ich überlistete ihn. Noch einmal ging ich mit ihm auf die Reise, und der Trauschein kam in meinen Besitz, die Anweisungen aber nicht in seinen.

War ich ganz betrunken, so ging ich zu Frau Knirsch und bot ihr Hunderte, wenn sie mir die »Trude« wiederschaffte. Ich wollte eine möglichst vollständige Illusion jener Nacht. Auch das Mädchen sollte wieder da sein, mit seinem weißen, erschrockenen Gesicht. Die Knirsch, der die Trude unbekannt war, verstand mich falsch. Sie führte mir einen Haufen Weiber zu, die ich alle, wie sie kamen, zur Tür hinausjagte.

Dann, an einem Abend, da ich noch betrunkener als gewöhnlich war, als die ganze Pension von Lachen, Flüstern, Kreischen erfüllt war, als die alte Knirsch die Arbeit nicht schaffen konnte und seufzend, klagend, allseitig beschimpft von einem Zimmer ins andere lief, band ich mir eine grüne Schürze um und spielte den Hausdiener. Ich putzte Schuhe, brachte die Waschtische in Ordnung, holte Wein, Gläser, schenkte Schnaps aus, schloß die Haustür auf und zu und kassierte viele Trinkgelder.

Ich hätte nie gedacht, daß ein Strammin so tief sinken könnte: Von den verlorenen Mädchen der Straße ließ ich mich kuranzen und machte Dienerchen vor ihnen. Seit jener Nacht weiß ich, wie gebrechlich die Wand in uns ist, die uns von dem Chaos trennt. Seit jener Nacht, in der die Gefahr, ein Gregor zu werden, riesengroß in mir war, habe ich mich aller strengen Tugendrichterei entfremdet.

Aber diese Nacht wurde auch zu einem Wendepunkt. Schließlich war ich ein gesunder pommerscher Junge vom Lande. Die Krankheit war heftig gewesen, aber nun war sie vorbei. Ich bezahlte der Knirsch ihre Rechnung, gab ein Telegramm auf und zog in das Hotel am Stettiner Bahnhof. Am Abend holte ich Bessy von der Bahn ab. Ich sah wohl, wie sie bei meinem Anblick erschrak (ich hatte in diesen Tagen ein ganz anderes Gesicht bekommen, und kein gutes), aber sie suchte ihren Schreck zu verbergen, und ich tat, als habe ich nichts gesehen. Ich logierte Bessy in meinem Hotel ein, wir wohnten sogar Tür an Tür. Ich dachte nicht einmal an das, was Vorpommern dazu sagen würde, die Tanten Belau waren mir Hekuba.

Bessy war die Ruhe, die Selbstbeherrschung selbst, sie fragte gar nichts. Sie war nur einfach da. Ich hatte geglaubt, ich würde sie mit einem Strom von Worten überschütten, ich würde ihr alles, alles erzählen und mein Herz erleichtern. Aber nun, da sie bei mir war, blieb meine Zunge versiegelt. Ich erzählte nichts, mit keinem Wort fragte ich nach Strammin und Ückelitz. Nun sie bei mir war, wußte ich nichts mit ihr anzufangen. Ich begriff nicht mehr, warum ich ihr telegrafiert hatte.

Aus reiner Ratlosigkeit nahm ich sie nach dem Abendessen beim Arm, und wir bummelten in die lichterfüllte nächtliche Stadt. In der Friedrichstraße überredete ich sie, mit mir in einen der damals gerade aufkommenden Kintöppe zu gehen. »Bloß aus Jux«, wie ich sagte.

Ein Anreißer stand vor der Tür, mit vielen sehr fragwürdigen Gestalten, die ihn verhöhnten. Wir erlegten die paar Groschen und kamen in einen kleinen, schmutzigen, stinkenden Saal. Auf einem größeren Bettuch zuckten Fotografien wie Hampelmänner. Auf unordentlich hingesetzten Stühlen rekelten sich Pärchen, die weniger die Bilder auf der Leinwand als der Partner oder die Partnerin zu interessieren schien. Ein Klavier machte Lärm und konnte doch nicht das laute Surren der Vorführmaschine übertönen. Es stank wirklich infernalisch.

Bessy war für sofortige Flucht, ich bestand auf Bleiben. Man gab ein Stück aus dem Leben der Königin Luise, es war eine tolle Angelegenheit. Es zuckte und flimmerte, man mußte zeitweise die Augen schließen, dazu schnarrte die Maschine immer lauter. Gottlob verstummte das Klavier, und den Schatten seines Kopfes auf die Leinwand werfend, tauchte ein Erklärer auf, ein langer, hagerer, sehr aufgeregter Mann, der in der einen Hand einen Stock hielt, mit der er auf die einzelnen Gestalten deutete. In der anderen Hand hatte er ein Bierglas. Er nahm – bei der Atmosphäre im Saal nicht verwunderlich – häufig einen Schluck. Hinterher zog er vernehmlich den Schaum durch seinen gesträubten Bart.

Ich fing an, mich zu amüsieren, ich drückte Bessys Hand, sie erwiderte den Druck. Der Ansager hatte das Pech, daß seine Erklärungen meist zu spät kamen. Seine Worte überstürzten sich, aber diese verdammten Bilderchen liefen zu schnell!

Dann nahm er, sich in sein Schicksal fügend, einen Schluck und begann neu – mit Vorsprung. Jetzt weinte die Königin. Die Schlacht von Jena und Auerstedt war geschlagen, Preußens Armee verloren. Sie weinte herzzerbrechend. Der Ansager wies gebührend auf den Schmerz der hohen Frau hin. Der hohe Gatte versuchte sie zu trösten. Der Ansager schluchzte förmlich: »Und da umfaßte Seine Majestät Ihre Majestät und sagte trostvoll: ›Na, weine doch nicht so, Luise, es kommt ja noch die Völkerschlacht bei Leipzig, da werden wir den Napolibum in die Pfanne hauen!‹«

Dies war zuviel für mich. Ich lachte, ich lachte so, wie ich seit Wochen nicht gelacht hatte, ich konnte mich gar nicht wieder beruhigen. Bessy führte mich aus dem Kintopp. Der Ansager war tief gekränkt und stiefelte, mit seinem Stock fuchtelnd und scheltend, noch ein Stück hinter uns drein. Das Ganze war wirklich zu komisch.

Allmählich beruhigte ich mich, und als wir im Tiergarten eine stille Bank gefunden hatten, konnte ich endlich sprechen und mein schweres Herz erleichtern. Wie gut das tat, Bessy alles zu erzählen! Ich hatte meinen Arm um sie gelegt; sie zu fühlen, war schon eine Wohltat, die nahe Wärme eines Menschen, dem ich rückhaltlos vertraute.

Und Bessy brachte es auch fertig, mir mit wenigen Worten alles in einem anderen Licht zu zeigen. Was hatte ich denn eigentlich falsch gemacht? Was hätte ich mehr erreichen können? Gregor hatte eine betrügerische Ehe geschlossen, das stand von allem Anfang an fest, daran konnte nie etwas geändert werden. Ob ich das nun in Paris oder erst in den Apenninen feststellte, war doch ganz gleichgültig. Das Geld stand ihm zu, so oder so, ich war verpflichtet gewesen, es ihm zu geben.

Gewiß, für Catriona sah es schlimm aus – aber nicht durch meine Schuld. Da weder Catriona noch der alte Lassenthin noch der juristisch erfahrene Gumpel mit einem Gedanken an die Verschiedenheit der Glaubensbekenntnisse gedacht hatten (jetzt, hinterher völlig unbegreiflich), konnte niemand mir einen Vorwurf deswegen machen. Es würde auch keiner tun. Und die Pistole –? Ich sollte doch auch ein bißchen an die arme Mama denken. Was war denn damit geholfen, wenn der Gregor erschossen oder verwundet war, und ich saß Jahre und Jahre im Gefängnis –?!

»Mama braucht dich«, sagte Bessy. »Wir brauchen dich übrigens alle, Lutz.«

Wie jedes beliebige Liebespaar haben wir uns auf jener Tiergartenbank geküßt und sind erschrocken auseinandergefahren, wenn jemand vorüberging. Nachher, als es ganz dunkel geworden war, sind wir nicht einmal mehr auseinandergefahren. Es ist komisch, wieviel Küsse ausmachen können: Als wir schließlich doch – sehr, sehr spät – ins Hotel »Kartoffel« heimgingen, lag mir Paris ganz fern. Kein Trauschein interessierte mich mehr außer meinem eigenen, der hoffentlich bald ausgeschrieben würde.

Am nächsten Tag sind wir nach Stralsund gefahren und haben den alten Geheimrat Gumpel aufgesucht. Er nannte sich spontan so, wie mich Gregor beschimpft hatte. »Ich Trottel!« sagte er und tobte ganz ungewohnt durch sein Geschäftszimmer. »Ich vierdimensionaler Trottel! Nicht an so was zu denken!« Schließlich beruhigte er sich. »Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, ich hätte dir keinen andern Auftrag mitgeben können. Es mußte Klarheit geschaffen werden – und jetzt haben wir Klarheit. Es mußte ein Erbverzicht durchgesetzt werden – und du hast ihn durchgesetzt. Mein Kompliment, mein Sohn Lutz!«

Er wurde immer zufriedener. Er ließ Wein kommen, setzte sich behaglich in einen Sessel und sagte: »Die Sache sind wir los. Es ist keine schlimme Sache mehr. Das andere läßt sich alles regeln. Es gibt eine Möglichkeit der Adoption – ich muß bald mit Herrn von Lassenthin sprechen. Jammerschade, daß er die junge Frau nicht ausstehen kann – sie ihn übrigens auch nicht. Aber auch das läßt sich regeln – er könnte den Enkel adoptieren. Wann wollt ihr nach Ückelitz? Morgen? Schön! Ich werde auch dort sein, sagen wir um elf Uhr. Diese beiden wichtigen Papiere nehme ich unterdes in Verwahrung – es ist dir doch recht?«

Mir war alles recht.

»Ihr wollt heute noch nach Strammin? Wie kommt ihr dorthin? Ihr habt telegrafisch Pferde vor den ›Halben Mond‹ bestellt? Gut! Du wirst mich deinen Eltern empfehlen, vor allem der Frau Mama, Lutz. Sobald ich kann, komme ich nach Strammin, beichte alle meine Sünden und hole mir Absolution. Es war eine schlimme Sache, lieber hätte ich dich nicht darin gesehen, aber kein Wind ist so schlimm, daß er nicht auch etwas Gutes herbeibläst, nicht wahr, Fräulein von Schalenberg?«

Bessy lachte und nahm meine Hand.

»Sehen Sie, das gefällt mir«, lobte der Geheimrat. »Nun bin ich meiner Absolution sicher. Aber wie wäre es, liebe junge Leute, ihr habt ja noch Zeit, wenn ihr in das nächste Goldwarengeschäft ginget und euch die bewußten Ringe kauftet? Das kann allseitig nur Freude erregen und vielen, vielen Klatschmühlen das Wasser abgraben.«

Wir sahen uns an, Bessy und ich, und lachten. Natürlich, dieser alte Geheimrat, dieser Aktenfuchs und Menschenkenner – einfach unübertrefflich.

Der Alte sprang auf aus seinem behaglichen Sessel: »Aber nein, Kinder, ihr müßt mir die Freude machen, daß ich euch diese Ringe verehren darf! Schließlich bin ich nicht ganz unbeteiligt. Los, los, wir gehen zu meinem alten Freund, Juwelier Mangold, und der Teufel soll ihn holen, wenn er nicht in einer Viertelstunde eure Initialen und das Datum des heutigen Tages in die Ringe geschnitten hat!«

In einer Viertelstunde war das freilich nicht zu machen. So gingen Bessy und ich voraus in den »Halben Mond« (der Wagen war noch nicht da) und bestellten als kleines, heimliches Verlobungsmahl das Beste aus Küche und Keller.

Bei diesem festlichen Mahl war es, daß Bessy mir plötzlich die Hand über den Tisch reichte, mir voll in die Augen sah und fragte: »Und Catriona –?«

»Ach, Bessy«, antwortete ich. »Catriona ist ein Traum, du aber bist das liebe, leibhaftige Leben!«

Unsere Gläser klangen aneinander, und hier war zwischen uns gewissermaßen das Kapitel Catriona abgeschlossen.

Natürlich kam auch Herr Ericke an unsern Tisch, und wir haben ihn zu einem Glas eingeladen. Es traf sich so, daß gerade da der Bote von Juwelier Mangold mit dem kleinen, in Seidenpapier gehüllten Schächtelchen eintraf. Vor den immer größer werdenden Augen Erickes packte ich aus und steckte Bessy den Ring an den Finger, sie tat mir den gleichen Liebesdienst. Vor Herrn Erickes Augen – das Lokal war völlig unbesetzt – gaben wir uns einen Kuß.

»So!« sagte ich lachend. »Und nun, Herr Ericke, dürfen Sie uns beiden gratulieren, als der allererste.«

Es war rührend, wie Herr Ericke sich freute. Ich sah es deutlich: Er hatte sich wirklich ernste Sorgen meinetwegen gemacht. Dann kam er in Bewegung, und ich erfuhr, daß der »Halbe Mond« außer dem Besten noch geheimes Allerbestes in seinem Keller beherbergte. Wir tranken wacker, wir feierten fröhlich, bis Bessy die Hand hob und sagte: »Jetzt ist es aber genug, Herr Ericke! Lutz, wenn du es noch nicht gemerkt haben solltest: Der Stramminer Wagen fährt seit einer halben Stunde immer rund um das Denkmal vom alten Bürgermeister Lambert Steinwich herum.«

Mama und Papa empfingen uns gerade rührend, und als sie nun noch die Ringe an unseren Händen entdeckten, stieg diese Freude ins Unmeßbare. Diesmal hatte meine Heimkehr nichts von der Rückkunft des verlorenen Sohnes, ich war ein Triumphator, ich war ein Sieger. Jedes Wort aus meinem Munde war eitel Weisheit.

Mama trieb ihre Güte und Selbstverleugnung sogar so weit, daß sie am nächsten Tage mit uns nach Ückelitz fuhr (unter Mitnahme der Madeleine, die auch einem verlobten Mann noch gern ihr Zünglein zeigte. Aber Bessy hatte gar nichts mehr dagegen einzuwenden). Ich will ganz kurz über diesen Besuch in Ückelitz hingehen, er war nicht erfreulich. Der alte Lassenthin freilich zeigte wieder, daß er ein ganzer Mann war: Wenn er eine Enttäuschung fühlte, mich ließ er sie nicht merken. »Behalte die Pistolen«, sagte er. »Behalte sie als Andenken. Manchmal ist es männlicher, eine Waffe nicht zu gebrauchen. Ich werde dich nie wieder Gockel schimpfen, du bist ein Mann geworden, Lutz.«

Damit verschwand er zu Beratungen mit dem alten Gumpel.

Catriona fanden wir schon außer Bett. Sie war schöner als je, aber diese blumenhafte, unnahbare Schönheit ließ mein Herz jetzt nicht mehr schneller klopfen. »Die Sterne, die begehrt man nicht ...« Ich sah auf Bessy, das lebendige Leben.

Leider muß ich sagen, daß Catriona meine Eröffnung über den ungültigen Trauschein nicht gut aufnahm. Ich hatte mich unter Bessy und Gumpels Einfluß an den Gedanken gewöhnt, daß diese schwindelhafte Hochzeit nicht meine Schuld sei. Catriona schien anderer Ansicht. O nein, sie sagte es nicht geradezu, doch wir merkten alle, wie verstimmt sie war. Immer wieder kam sie darauf zurück, daß ich Gregor hätte zwingen müssen, hierher zurückzukommen und sich legal mit ihr trauen zu lassen.

»Das arme Kind! Das arme Kind!« sagte sie immer wieder, hielt den »Erbprinzen« in den Armen und sah über mich fort.

Wir sind nicht lange bei ihr geblieben. Mama faßte ihren Eindruck dahin zusammen, daß die junge Frau nicht ganz nach Pommern passe und kaum lange in Ückelitz beim Rauhbold bleiben werde.

Mama hatte das, was wir damals noch für unmöglich hielten, richtig gesehen. Herr von Lassenthin adoptierte – nach langen formalen Schwierigkeiten – den Enkel, der auch den Namen Lassenthin bekam. Aber schon vorher war Catriona auf Reisen gegangen (ohne das Kind). Pommern war ihr zu reizlos, die Menschen dort behagten ihr nicht. Sie ist in ihre österreichische Heimat zurückgekehrt. Bald söhnte sie sich mit ihren Eltern aus, schließlich heiratete sie. Sie soll eine ausgezeichnete Partie gemacht haben, einen Großgrundbesitzer über viele tausend Joch Land, wie man wohl dort unten sagt. Wir hörten nie direkt von ihr, nur selten durch Dritte.

Der alte Lassenthin aber widmete sich ganz der Erziehung seines Enkels. Der Rauhbold war ein so starker Mann, daß er's sogar fertigbrachte, den Wein nicht wieder Herr über sich werden zu lassen. Schließlich lebte er völlig abstinent. Sein ein und alles wurde der Junge, der wie der Großvater den Vornamen »Kunz« bekam. Und seltsam: Der Junge entwickelte sich in sehr vielem wie sein Großvater. Gottlob ist er kein Rauhbold geworden, das Blut seiner Mutter hat da doch mildernd gewirkt. Aber er ist ein kräftiger, mit beiden Füßen auf der Erde stehender Landherr geworden, ein richtiger Pommer, mit einer tiefen Leidenschaft für Land, Pferde und Hunde. Wirklich, Kunz von Lassenthin ist ein prachtvoller Kerl, er ist oft bei uns in Strammin zu Gast, seine laute Stimme hallt dann fröhlich durch das Haus. Unsere Kinder lieben ihn zärtlich, er schenkt ihnen Ponys und verdirbt ihre Mägen mit Zuckerzeug.

Ehe ich aber noch ein paar Worte von Bessy und mir erzähle, muß ich noch über drei andere Menschen berichten. Über Gregor von Lassenthin ist am wenigsten zu sagen, über ein Jahrzehnt lang hörten wir nichts von ihm. Dann kamen Briefe, in denen er Geld verlangte, immer dringender, zuletzt erpresserisch. Geheimrat Gumpel, der unterdes uralt geworden war, stellte Strafantrag gegen ihn, und nun wurde das ganze Land Vorpommern mit Berichten über die Vorgänge vor fünfzehn Jahren bombardiert. Als auch das nicht wirkte (diese Sensationen waren wirklich gar zu alt und gar zu oft durchgehechelt), hatte er die Unverschämtheit, nach Ückelitz zu kommen. Was sich dort zwischen Vater und Sohn abgespielt hat, wissen wir nicht und wünschen es auch nicht zu erfahren. Jedenfalls reiste Gregor von Lassenthin sehr rasch wieder ab. Gumpel erzählte mir einmal, er sei nach Südamerika gegangen, wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Während ich diese letzten Zeilen schreibe, höre ich unten aus dem Haus eine sehr rasche, lachende Stimme mit den Kindern sprechen. Es ist die Stimme von Madeleine Thibaut, geschiedener Arland. Sie hat ihren Mädchennamen wieder angenommen. Nein, das Glück dieser Ehe (wenn es je ein Glück war) hat nicht lange gedauert. Sie waren beide nicht für die Ehe geschaffen. Sie haben sich, als sie ihren Irrtum einsahen, in aller Güte getrennt und sind die besten Freunde geblieben.

In den Ferien besucht uns häufig Professor Arland, der jetzt von Stralsund nach »Grips«, sprich Greifswald, übergesiedelt ist, und zwar belehrt er jetzt nicht mehr die Knaben, sondern die Jünglinge, denn er ist wohlbestallter Professor an der Universität geworden. Er ist noch genauso quecksilbrig und tatenfroh wie früher.

Ich habe jetzt ein Segelboot an der nächsten Stelle des Boddens bei Strammin liegen, und manche Nacht haben wir beide segelnd, plaudernd und schweigend auf dem Wasser verbracht. Die Sterne zogen an uns vorüber, gewaltig fuhr unser Segel durch den Himmel, deckte zu und ließ aufleuchten.

Dann kam der Mond und erinnerte uns an die alten Zeiten, da wir nach Hiddensee gefahren waren. Wir erinnerten uns an den beschwerlichen, schmollenden Fußmarsch nach Kluis, und speziell ich dachte an eine moosige Stelle im Buchenwald, unweit der Kreidefelsen des »Hengstes«, wo ich bitterlich und verzweifelt geweint hatte. Über Bitternis und Verzweiflung ist das Leben längst hinweggeschritten, wie fern das alles liegt! Hoiho! Das Segel im Winde, zu den Sternen, Menschlein!

Madeleine Thibaut aber ist zu uns zurückgekehrt. Sie teilt ihr Leben zwischen Mama und den Kindern – den armen guten Papa deckt längst die kühle Erde. Manchmal, wenn ich verspätet von einem Ritt über die Felder heimkomme, tritt sie vor mich und richtet mir mit ihren geschickten Händen den Schlips. Dann sehe ich wieder – wie in jungen Jahren – das Eidechsenzünglein im Mundwinkel. Wir lächeln einander an. Und ich denke flüchtig darüber nach, ob Madeleine mich vielleicht einmal eine kurze Zeit liebgehabt hat, so wie ich Catriona eine kurze Zeit liebte. Und dann denke ich nicht mehr daran.

Eigentlich wollte ich nun noch zur »Hauptsache« kommen und eine Menge Zeug über Bessy und mich erzählen. Jetzt finde ich, daß es da gar nichts mehr zu erzählen gibt. Wir sind glücklich, wir haben vier gesunde Kinder – mein Herz, was willst du noch mehr? Ich bin ein ganz guter Landwirt geworden, der ohne jeden Inspektor wirtschaftet, und ein passabler Ehemann.

Bessy aber ist geblieben, die sie war: meine beste Kameradin, bei mir im Glück und erst recht bei mir im Leid, das keiner Ehe erspart bleibt. Ich bin kein Muttersöhnchen mehr und kein Träumer. Ein Mann bin ich, der mit beiden Füßen auf seiner geliebten Erde steht, ein geliebtes Weib zur Seite, ein Vater von vier Kindern: Aus einem Jungherrn ist ein Mensch geworden. Lebt wohl!


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