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10

Ich verbringe die schlimmste Nacht meines Lebens, erwache aber recht angenehm

 

Es war sehr spät geworden, als wir bei der Ückelitzer Freitreppe vorfuhren; wie sich später herausstellte, nach elf Uhr. Der große Bau lag still und schweigend im Mondlicht, in keinem Fenster war Licht, und auf der Treppe saß meine getreue Magd nicht mehr.

Ich war vom Alex gesprungen und hatte ihm hastig Sattel und Zügel abgenommen, ehe noch der Wagen heran war. Ich gab ihm einen Klaps, und er trollte sich über den Hof. Mochte er sehen, wie er in dieser Nacht zurechtkam, ich hatte jetzt keine Zeit mehr, ihn zu versorgen. Ich mußte dabeisein, wenn Catriona dieses Haus betrat, seine Einwohner begrüßte. Ich mußte Bessys Gesicht sehen, nicht einen Augenblick mehr durfte ich Catriona verlassen.

Ich trat an den Wagen. »Willst du nicht aussteigen, Catriona?« fragte ich. »Es ist alles dunkel, sie werden uns nicht gehört haben. Aber ich zeige dir den Weg. Ich bin hier schon so bekannt, daß ich jede Stufe und jeden Tritt kenne.«

Catriona sagte mit einer ganz hellen Stimme, als rede sie im Traum: »Da bin ich also. Hundertmal ersehnt, immer wieder verzweifelt, und nun bin ich doch hier. Doch noch zur rechten Zeit. Ich danke dir, Lutz.«

Sie stand neben mir, leicht auf meinen Arm gestützt, und schien in den vom Mondschein erhellten Hof zu spähen.

»Da ist nichts, Catriona«, sagte ich. »Nur verfallene Häuser und Stallungen. Alles ohne Leben.«

»Nicht ohne Leben, horch!« antwortete sie. Da wieherte gerade mein Alex, der wohl seinen Stall gefunden hatte. »Wir bringen neues Leben, Lutz.«

Der Professor hatte mit dem Kutscher gesprochen, nun fragte er: »Was wird mit dem Wagen? Soll er nicht vielleicht doch warten?«

»Für mich nicht, Professor«, sagte Catriona. »Hier bin ich und hier bleibe ich. Aber vielleicht möchten Sie bald zurückfahren?«

»Ich habe Ferien«, lachte Arland. »Von morgen früh an große Ferien – fünf Wochen Ferien. Fort mit Ihnen, Sie Rosselenker!«

Er gab dem Kutscher Geld, und der Wagen rasselte fort in die Nacht. In diesem Augenblick, da wir ihm noch nachsahen, da jeder in seiner Art bedachte, daß nun die letzte Brücke zur Umkehr verloren war – in diesem Augenblick wurde die Tür oben geöffnet, und der alte Elias erschien in ihr, ein Windlicht in der erhobenen Hand. Langsam und gichtisch stieg er Stufe um Stufe hinab, das Licht färbte sein altes, faltiges, ausdrucksloses Dienergesicht mit einem warmen Gelb.

Elias ging gerade auf Catriona zu, senkte den Kopf, daß wir den weißen, dünnen Scheitel sahen, und sagte: »Ich heiße die gnädige Frau als ein alter Diener des Hauses auf Schloß Ückelitz willkommen. Möge der Eintritt der gnädigen Frau diesem Hause Segen bringen!«

Einen Augenblick standen wir alle still. Plötzlich spürte ich wie einen eigenen Schmerz Trauer und Schmerz dieses alten, starken Herzens, das in der schwersten Stunde nie aufgehört hatte zu hoffen. Plötzlich begriff ich diesen alten Diener, der mit einer wahrhaft ritterlichen Treue dem Wappen anhing, dem er seit Jugend folgte, durch leichte und schwere Tage, ach, seit langem wohl nur noch durch schlechte Tage.

Catriona sagte: »Ich danke Ihnen, Elias. Ich hoffe das gleiche wie Sie.« Es klang seltsam matt gegen die feierlichen Worte des alten Dieners.

Jetzt war er aber nur ein alter Mann, der mühselig vor uns die Stufen hinaufstieg, jede Stufe mit dem Windlicht anleuchtend.

Ich fragte halblaut: »Wie steht es drinnen, Elias?«

»Noch unverändert, junger Herr. Aber jetzt wird es wohl bald soweit sein ...«

Wir gingen über die dunkle Diele. Der Lichtschein des Windlichtes tanzte schwach über die Wände und entriß hier eine Rehkrone, dort einen Keilerkopf, jetzt ein Frauenlächeln, nun den sehr männlichen Kopf eines alten Lassenthin unter der Sturmhaube dem Dunkel – und alles versank wieder in Nacht. Die Tür zur Höhle öffnete sich, der überwarme Dunst vom Kaminfeuer, vermischt mit dem abgestandenen Geruch von Alkohol, schlug uns entgegen. Wir traten ein.

Es war nicht sehr hell in der Höhle. Ein paar Kerzen brannten in hohen Silberleuchtern auf einem Tisch am Fenster. Im Kamin verglühten noch ein paar letzte Scheite. Dort hatten Bessy und die alte Dienerin gesessen, bei unserm Eintritt standen sie auf, gingen uns aber nicht entgegen, sondern sahen uns nur schweigend an.

Mir fiel sofort eine Veränderung auf, die während meiner Abwesenheit vorgenommen worden war: In der Nähe des Ruhebettes stand jetzt ein nicht großer, aber sehr schwer aussehender Tisch aus dunklem Eichenholz, einer jener Renaissancetische, die unverwüstlich scheinen. Hinter dem Tisch, so daß der auf ihm Sitzende vom Fenster fort nach der Tür sehen mußte, stand ein ebenso massiv aussehender Hocker, und auf dem Tisch war eine Flasche Wein, eine einzige, noch verkorkt, noch mit ihrer Stanniolhaube.

Der Schloßherr von Ückelitz aber lag wie vorher in trunkenem Schlaf auf dem Ruhebett und wußte nicht, daß nun die Frau auf ihn hinabsah, die zu erwürgen er geschworen hatte, sollte sie je wagen, sein Haus zu betreten. Nein, er lag doch nicht wie vorher. Die Decke war von seinen Füßen geglitten, und Kleider wie Hemd waren über der ungeheuren zottigen Brust aufgerissen, als habe eine zornige Hand nicht einmal diese Hemmung seines Atmens mehr dulden wollen. Und der Löwenkopf des alten Streiters lag nicht mehr still, er rollte ruhelos von einer Seite zur andern. Die Lippen bewegten sich, als flüstere er etwas, und über die festgeschlossenen Lider lief manchmal ein Zittern, als wollten sich die Augen öffnen.

Wie lange Catriona so gestanden und auf den Herrn von Lassenthin herabgesehen hat – ich weiß es nicht. Es kam mir vor, als sei es eine sehr, sehr lange Zeit, eine viel zu lange Zeit. Sie sah so erschreckend bleich aus, ihr Gesicht trug alle Anzeichen äußerster Erschöpfung.

Als sie endlich sprach, wandte sie sich wieder an den alten Elias. »Er hört uns nicht?« fragte sie ihn.

»Nein, er hört jetzt nichts«, antwortete der.

Dann sagte Catriona zögernd: »Sein Sohn – er hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Vater?«

»Nein«, antwortete Elias. »Der junge Herr schlägt ganz nach seiner Mutter. Ich habe drüben in meiner Wohnung ein Bild von ihr. Ich werde es der gnädigen Frau zeigen, wenn sie einmal zu uns kommen mag.«

»Ich werde es mir ansehen«, sagte Catriona, und jeder von uns dachte, wie seltsam es doch war, daß das Bild der verstorbenen Frau von Lassenthin im Dienerhaus hing und nur in diesem Hause angesehen werden durfte. Wie mußte der alte Mann diese Frau gehaßt haben, stärker und immer stärker, auch die Tote noch, je mehr sich im Sohn das schlechte Blut zeigte.

Wir gingen zu den Wartenden am Kamin. Ich machte einen ungeschickten Versuch, die Damen miteinander bekannt zu machen, er wurde aber überhaupt nicht beachtet.

»Sie sind also des Lutz Braut«, sagte Catriona.

»Jawohl«, antwortete Bessy, und dann gaben die beiden einander die Hand.

Ich hatte es gar nicht anders erwartet und ärgerte mich dann doch, als es geschah: Das »Pummelchen« vergoß Tränen, als es die neue Herrin begrüßte, und wollte Catriona durchaus die Hand küssen. Dabei stammelte sie gerührt wirres Zeug aus der Bibel, von dem mir nur die so schlecht angebrachten Worte »Gott segne Ihren Eingang und Ausgang!« erinnerlich sind. Dann war auch der Professor vorgestellt, und nun saßen oder standen wir alle um den Kamin. Leise zuckte noch die Glut, beinern klapperten die Nadeln des Strickzeugs, und nur selten wurde ein kurzes Wort gesprochen, auf das doch keiner achtete. Wir warteten nur.

Ich habe mich schon damals, während dieses qualvollen Wartens, immer wieder gefragt, warum wohl die beiden Eliasleute nicht wenigstens für die beiden Damen ein abgesondertes Zimmer vorbereitet hatten. Zeit genug wäre dafür gewesen. Sie, die allen Schrecken des Erwarteten kannten, mußten auch wissen, wie stark der Eindruck dieser Nacht auf jedes Herz wirken würde, und nun gar auf das weiche Herz einer jungen Frau, die nicht weit von ihrer Entbindung war. Hätte ich nur annähernd eine Vorstellung von dem gehabt, was geschehen würde, lieber hätte ich es für ewige Zeiten mit Catriona verdorben und sie die ganze Nacht im Wagen irregeführt, ehe ich sie zu solchem Schauspiel nach Ückelitz brachte.

Aber die beiden alten Leute dachten anders darüber, auch der alte Diener, der mich zuerst doch so flehentlich gebeten hatte, Catriona wenigstens diese eine Nacht von Ückelitz fernzuhalten. Ich habe ihn später einmal danach gefragt, und er hat mir in seiner ruhigen, hölzernen Art geantwortet: »Aber die gnädige Frau gehörte doch zur Familie!« Wahrhaftig, dies war es: Da Catriona doch einmal zur Familie Lassenthin gehörte, schickte es sich nicht, Geheimnisse vor ihr zu haben. Sie hatte das Recht, alles zu wissen, und ich muß gestehen, nach dieser Nacht wußte sie alles. Nach dieser Nacht des Schreckens konnte Ückelitz keinen Schrecken mehr für sie haben.

Ich stand neben dem Sessel, auf dem Bessy am Kaminfeuer saß, sicher der mir zukommende Platz. Aber während ich nur auf Bessys hellen Scheitel und ihre kräftigen, etwas geröteten Hände hinabsehen konnte, hatte ich, hob ich nur ein wenig den Kopf, Catriona voll vor mir. Auch sie saß in einem Sessel, in einer merkwürdig angespannten Haltung, die nicht nur durch das unbequeme, steiflehnige Renaissancegestühl bedingt war. Ihr Gesicht hatte nicht eine Spur von Farbe, die Lider waren tief gesenkt, der Mund so fest geschlossen, daß er nur wie ein schmaler Strich aussah, und ihre Hände lagen so fest um die Lehnen des Stuhls, als wollten sie das Holz zerdrücken.

Mir kam der Gedanke, daß sie fast unerträgliche Schmerzen leide, daß sie dagegen mit aller Kraft ankämpfe und doch jeden Augenblick vor einem Erliegen, einer Ohnmacht oder einem Schrei stände ...

»Catriona«, fragte ich sehr leise, »hast du Schmerzen?«

Sie hob nicht den Blick zu mir, sie bewegte nur in ungeduldiger Abwehr den Kopf. Lauter klapperten die Nadeln der alten Emma. Sie saß etwas weiter vom Kamin ab, schräg hinter dem Sessel Catrionas, und wie diese hatte sie den Ausblick auf Tür und Ruhebett, während Bessy und ich der Fensterwand zugewendet waren. Der Professor indes saß direkt vor dem Kamin, in den Elias ein paar neue Scheite Holz gelegt hatte, die nun schon knackend und prasselnd brannten. Arland hatte einen kleinen Tisch neben sich, auf dem eine Flasche und Gläser standen. Genießerisch ließ er den Burgunder im Munde zergehen, kaute ihn förmlich, Schlückchen für Schlückchen, wobei er den Kopf so weit zurückgelegt hatte, daß sein schwarzer Spitzbart wie ein Teufelsschwanz in die Luft stach. Er setzte das Glas nieder und sagte: »Dieser Burgunder ist köstlich. Erde und Feuer, aber mehr Feuer als Erde, himmlisches Feuer. Will denn keiner außer mir von ihm trinken?«

Niemand antwortete.

»Gnädige Frau«, sagte er. »Sie sehen so blaß aus – ein Glas, nur ein halbes Glas, bitte, gnädige Frau!«

Aber Catriona bewegte nur wieder den Kopf in ungeduldiger Abwehr. Der Professor seufzte tief auf. Vorsichtig füllte er sein Glas neu, und nun saß er still da, das Glas in der Hand, so daß er den Wein mit seinen Fingern wärmte. Er sah in die Flammen, mit jenem klugen, immer wachen Blick, den ich an ihm liebte, an dem mich nur störte, daß ihm die Gabe gedankenlosen Träumens versagt zu sein schien.

Der einzige von uns sechs Wartenden, der sich nicht am Kamin aufhielt, war der alte Elias. Nachdem er das Feuer mit neuer Nahrung versehen hatte, war er in die Nähe des Ruhebettes gegangen. Wenn ich den Kopf wandte, sah ich ihn dort, gegen einen Schrank gelehnt, im Halbdunkel stehen, in einer Haltung geduldiger Erwartung, die mich immer neu anrührte. Es lag etwas so Unausweichliches, Schicksalhaftes in dieser Haltung. Denn während wir da alle so um den Kamin saßen, äußerlich anzusehen wie eine beliebige, etwas gelangweilte Familie, wollte ich mir immer wieder einreden, daß wir auf gar nichts warteten, daß nichts geschehen würde. Was sollte auch noch geschehen? Der Rauhbold war so weit mit Rum aufgefüllt, daß er nicht fähig war, ein Wort zu äußern, einen Schritt zu tun. Er würde seinen Rausch ausschlafen und morgen einen gewaltigen Kater haben.

Wenn ich dies aber gedacht hatte, und ich wandte den Kopf und sah den alten Diener still, wie ich es eben gesagt habe, als etwas Unausweichliches, Schicksalhaftes dastehen, so wußte ich, daß es nur meine Feigheit war, die mich so denken ließ. Beim Anblick von Elias wurde mir klar, ich wünschte nur, daß es so kommen, daß der Rauhbold weiterschlafen möge, aber ich glaubte selbst nicht daran. Im Innern wußte ich es anders. Wir waren keine friedliche, ein wenig gelangweilte Familie. Jedes Gesicht war vom Warten gezeichnet, jedes wußte, es würde nicht mit einem trunkenen Schlaf abgetan sein.

Ein tiefer Seufzer hallte durch den Raum ...

Ich fuhr herum, und mein erster Blick fiel auf den alten Elias. Er hatte seine Haltung nicht verändert, geduldig wartend stand er dort im Halbschatten.

Dann blickte ich zu dem Ruhebett hinüber. Herr von Lassenthin hatte sich aufgesetzt, seine Füße standen auf der Erde, seine Augen waren weit geöffnet, schienen aber nichts zu sehen. Seine Hände dagegen fuhren rastlos über Jackett und Hemd, der unordentliche Zustand seiner Kleidung schien sie zu ärgern. Die Finger suchten nach einem Knopf, suchten ein Knopfloch, verloren indessen den Knopf und fingen wieder an, nach dem Knopf zu suchen. Es lag etwas grauenhaft Ausdrucksvolles in diesem blinden, sinnlosen Tun der Hände. Besser als jedes gesprochene Wort verriet es, daß der Schloßherr von Ückelitz nicht wußte, wo er war und was er tat. Sein Geist war nicht bei ihm, oder nein, besser, sein Geist war, wie ich es manchmal gelesen hatte, und jetzt erst begriff ich es: sein Geist war umnachtet. Er lebte in der äußersten Finsternis. Mein Blick glitt zu Elias zurück: Er hatte seine Haltung nicht verändert. Fast ungeduldig sah ich nun zu der kleinen, rundlichen Frau: Es sollte also keinen Rum mehr geben? Um des Himmels willen, warum schläferten sie den alten Mann nicht wieder ein?!

Emma saß wie vorher da, die Nadeln ihres Strickzeugs schienen noch heftiger zu klappern, ihr Mund war fest geschlossen, ihr Kinn vorgeschoben. Sie hatte nicht hochgesehen, sie strickte immer hastiger. Es gab also kein Einschläfern mehr. Jetzt kam es, wie es kommen mußte.

Catriona hatte sich in ihrem Sessel halb aufgerichtet, als wollte sie aufstehen. Mit weit offenen Augen starrte sie zum Ruhebett hinüber. Dann erschlafften ihre Arme, ihr Körper sank zurück, die Lider fielen zu. Sie lag da in diesem Sessel, blaß wie eine Sterbende ...

»Professor, einen Schluck Wein!« flüsterte ich.

Aber Bessy hatte schon alles gesehen. Sie war schon neben Catriona, setzte sie zurecht und hielt ihr mit der einen Hand den Kopf, während die andere das Glas Wein an ihren Mund führte. Langsam trank Catriona. Ihre Haltung wurde etwas straffer, sie bewegte dankend den Kopf: Es sei genug, es gehe ihr schon besser. Einen Augenblick flüsterten die beiden miteinander, auf Catrionas Gesicht erschien die Andeutung eines Lächelns, aber sie verneinte ... Bessy hatte ihr wohl vorgeschlagen, jetzt noch schnell die Höhle zu verlassen, und Catriona hatte es abgelehnt.

Es wäre auch zu spät gewesen dafür. Der Rauhbold war von seinem Lager aufgestanden und stand jetzt, etwas schwankend, in der Mitte des Raums, das Gesicht der Tür zugewendet. Er stand da, als warte er auf etwas, auf einen Ruf oder eine Stimme aus seinem Innern, die ihm sagen mußte, was er nun tun sollte. Noch fingerten die Hände an den Knöpfen, aber jetzt ganz ziellos – es war nur ein Echo der vorherigen Bewegung.

Dann, ganz plötzlich, setzte sich Herr von Lassenthin in Bewegung. Er hatte keine Schuhe an den Füßen, aber auch für einen Mann, der in Strümpfen ging, hatte sein Gang etwas erschreckend Lautloses, Katzenhaftes, als beschleiche er jemanden. Oder als wolle er etwas nicht aufwecken ...

Er ging immer schneller und ruheloser vom Lager bis an den kleinen Schrank, wo bewegungslos, als sei er selbst ein Stück Holz, der alte Elias stand. Hin und her, auf und ab, immer schneller, schneller, schneller noch. Seine Hände rissen jetzt wieder an der Kleidung, als beengte sie ihn, und sein Mund fing zu flüstern an. Noch war kein Wort zu verstehen, aber der Mann sprach mit sich, ununterbrochen; in einer gequälten, namenlosen Aufregung schien er zu bitten, dann Vorwürfe zu machen ...

Es hatte etwas Gespenstisches an sich, etwas wahrhaft Teuflisches, dieses Schauspiel ruhelosen Wanderns, das uns der Herr von Ückelitz jetzt dort bot. Es erinnerte wahrhaft an die Qualen einer Seele, die im höllischen Feuer liegt. Von nun an, und eine lange Zeit war das, hatte ich wie alle keinen Blick mehr für die andern in diesem Raum. Ich wußte nichts mehr von Catriona, von Bessy, ich sah nur diesen Verdammten, der gehetzt immer eiliger schlich und den seine qualvollen Erinnerungen immer mehr plagten.

Ja, er lief immer schneller, aber dabei führte ihn sein Weg stets näher an den kleinen Tisch mit dem Hocker, die in meiner Abwesenheit hier aufgestellt waren. Ein paarmal kam er nur noch haarscharf daran vorbei. Er warf unmutige Blicke nach dem Tisch, dann fing er an, nach ihm zu schlagen, wobei er Verwünschungen auszustoßen schien. Aber er traf ihn nicht, sei es aus Unglück oder mit Willen. Ganz besonders aber ärgerte ihn der Hocker. Im Vorbeieilen stieß er mit den Füßen nach ihm, er wollte ihn fortstoßen, am liebsten wohl unter den Tisch. Ein paarmal wäre er dabei fast zu Fall geraten. Aber wie er mit den Fäusten den Tisch nicht traf, so erreichten seine Füße den Hocker nicht. Immer wieder, wenn er sich umdrehte, stand er ihm von neuem im Wege, eine Quelle stets neuer, gesteigerter Erbitterung.

Ich kann es auch nicht ungefähr sagen, wie lange dieses atemlose Laufen des alten Lassenthin dauerte. Es können Minuten gewesen sein, es mag auch eine Viertelstunde gedauert haben. Zum Schluß war jedenfalls dieses Laufen so schnell geworden, daß mir schwindlig davon wurde. Ich mußte die Augen schließen, und noch hinter den geschlossenen Lidern schien der Unselige auf und ab zu traben, immer auf und ab, schneller und schneller.

Dann tat es plötzlich einen harten Schlag, ich öffnete die Augen wieder. Gottlob, das Laufen war vorbei, jetzt saß der Rauhbold auf dem Hocker, er saß an dem Tischchen, das ihn so sehr empört hatte, die Arme auf seine Platte aufgelegt, völlig bewegungslos. Diese Ruhe empfand ich nach dem wilden Laufen zuerst wie eine Wohltat. Es dauerte eine Zeit, bis ich wieder zu empfinden anfing, daß auch in dieser Ruhe etwas Quälendes lag.

Es war völlig still in dem Raum. Ich hörte keinen Atemzug, das Feuer war in sich zusammengefallen, schon fing eine weiße Aschenschicht an, die verglühenden Scheiter zu bedecken. Still, so still – keine Bewegung, nichts. Als seien wir alle längst gestorben und tot, fuhr es mir durch den Kopf. Als sei dies ein letzter Traum, der durch unser gestorbenes Hirn zieht, auch der Traum schon gestorben, ein Traum vom gestorbenen Leben ...

Aber dann begriff ich, daß dies ganz falsch war, daß diese Stille voll Warten war, von unserm kleinen, belanglosen Warten und von dem drohenden, schicksalhaften Warten des kranken Mannes dort am Tisch. Die Sekunden schwollen in ihrer Stille in meinen Ohren, sie schienen zu platzen, und aus ihnen entstand nur neue noch tödlichere Stille.

Plötzlich – ich sah es in dem Bruchteil einer Sekunde – merkte ich, daß auch die alte Dienerin nicht mehr strickte. Der Strumpf war unbeachtet auf den Boden gefallen, sie hatte den Kopf auf die Lehne gelegt und hielt die beiden Ohren so fest mit den Händen zu, daß ich schon aus dieser krampfhaften Bewegung erriet, sie wollte um keinen Preis hören und würde doch hören, unerbittlich.

»Da –!« sagte der Kranke. »Da –!«

Er hatte mit schwerer Zunge gesprochen, aber vollkommen deutlich. Sein ausgestreckter Zeigefinger deutete auf die Tür. In seiner Haltung lag ein so überzeugender Ausdruck gespanntesten Horchens, daß ich mich ihm nicht entziehen konnte. Ich wußte, draußen konnte niemand sein, Ückelitz war leer bis auf uns. Niemand konnte dort draußen auf der verschlossenen Diele sein, und doch horchte ich ...

»Da –!« sagte Lassenthin wieder. »Da –!«

Sein Finger stach weiter in die Luft, fasziniert starrte ich auf die Tür, die Klinke, als müsse sie sich sofort bewegen. Aber es geschah nichts.

Dafür kam Flüstern: »Er denkt, ich höre ihn nicht! Ich höre ihn! Ich höre ihn! Da –!« Sehr gesteigert, fast schreiend: »Da hat die Diele geknackt!«

Sei es nun, daß draußen wirklich eine Diele geknackt, sei es, daß das Horchen des Alten etwas so Suggestives hatte, ich hörte das Knacken, das Herz stand mir fast still.

»Jetzt steht er still«, flüsterte es wieder. »Er hat Angst, der Feigling. Der Dieb – still doch!« Er verwies sich selbst zum Schweigen, um besser lauschen zu können. »Da –! Da schleicht er wieder ...«

Er hielt sich ganz stille, der große Zeigefinger wies ohne Zittern auf die Tür.

Und jetzt hörte ich es auch schleichen. Ich weiß, jeder von uns hörte dieses Schleichen. Ich hörte diesen feigen, leisen Fuß, und mehr noch, ich sah ihn, ich sah den Dieb, der die Ehre des Hauses besudelte, ich sah ihn, der den eigenen Vater bestahl. Ich sah das blasse, hübsche, selbstgefällige Gesicht, feige und doch nicht feige genug, diesen Diebesweg zu meiden.

Und mehr noch: Ich sah den alten Mann, den Rauhbold, dem es auferlegt war, dies nicht nur einmal erlebt zu haben, sondern der es immer wieder erleben mußte, daß der eigene Sohn ihn bestahl! Das konnte er nicht wegtrinken, ich begriff es jetzt; eine Zeitlang, vielleicht monatelang konnte es betäubt, konnte es beinah vergessen werden. Aber dann war kein Rum stark genug, es brach doch hervor.

Der alte Mann lachte, ja, er lachte. Es hallte grausig wider, und dann flüsterte er: »Ich weiß es allein, nur er und ich, sonst keiner, es ist ja nur Geld, was ist Geld –? Still, ich höre nichts ...«

Aber wir hörten es. Zum erstenmal wohl hörten es fremde Ohren. Ich begriff die äußerste Einsamkeit, in die der Rauhbold sich vergraben hatte, nur zwei alte Diener um sich, deren Mund die Treue versiegelte. Nun saßen wir alle hier, die Schande des Hauses war offenbar ... Oh, Catriona, in welches Haus habe ich dich gebracht –! Oh, Lassenthin, was wird sein, wenn du verstehst, wer alles dich an diesem Abend belauschte.

Der Hocker fiel krachend zu Boden, der Tisch wankte, so plötzlich war der Rauhbold aufgesprungen. Er hatte nach der fallenden Flasche gegriffen. Jetzt hielt er sie in der erhobenen Hand wie eine Keule! Aber das hatte er wohl nur unwillkürlich getan, er schrie in wildester Erregung: »Nicht das, Gregor! Nicht das, rühr den Schmuck meiner Mutter nicht an!«

Einen Augenblick stand er atemlos, dann fiel krachend der Tisch. Über ihn fort stürzte Lassenthin zur Tür, sie flog auf ...

»Licht! Schnell, Licht!« schrie der alte Elias und lief dem Forteilenden nach. »Nur Licht!«

Ich packte einen der Leuchter am Fenstertisch und stürzte den beiden nach.

Ich wußte den Weg, aber die Rücksicht auf die offenen Kerzenflammen, die im Windzug zu erlöschen drohten, zwang mich zu vorsichtigem Gehen. So waren die beiden schon in Gregors Gartenzimmer verschwunden, als ich eintrat.

Ich hob den Leuchter, und sein Licht fiel auf das Bett, das offene, leere Bett, aus dem der Vater den Sohn gerade noch zur rechten Zeit fortgeschickt hatte. An dem Bett stand der Alte, noch immer die Flasche in der erhobenen Faust, und schrie: »Den Schmuck, Gregor, gibst du den Schmuck?«

Er schien zu warten, dann sauste die Flasche nieder – ich zuckte zusammen, als sollte sie meinen Kopf treffen. Obwohl ich das leere weiße Kopfkissen vor Augen hatte, war es mir einen Augenblick doch so gewesen, als habe ich auf ihm Gregors Kopf gesehen ... Die Flasche berührte das Leinen, wurde wieder hochgerissen, fiel wieder, noch einmal – . Und dabei schrie der Alte, jetzt schrie er keine Worte mehr, er brüllte wie ein Tier, besinnungslos, hemmungslos und in äußerster Wut.

Beim vierten oder fünften Niederfallen berührte die Flasche das Kopfende des Bettes und zerbrach. Ein Strom roten Weines ergoß sich über das Kissen. Was sage ich: Weines –? Es war Blut, Blut sah der alte Lassenthin, Blut sah auch ich, Blut sah der alte Elias ...

Und eine schreckliche Stimme schrie von der Tür her: »Blut, Blut, er hat ihn erschlagen!« Und dann fing diese Stimme zu schreien an, so schrecklich an zu schreien ...

»Blut!« sagte der alte Lassenthin und ließ die Hand mit der zertrümmerten Flasche sinken. Er sprach jetzt ganz ruhig: »Endlich doch das Blut! Es sieht aus wie alles andere Blut, aber es muß fort, faules Blut, schlechtes Blut, fort!«

Er öffnete die Faust, und der Flaschenstummel fiel zur Erde. Noch einmal sah er auf das rotbefleckte Kissen, dann wandte er sich uns zu. Er sah dem Elias, er sah mir ins geisterbleiche Gesicht. Er schien uns zu erkennen. »Wer schreit da?« fragte er ungeduldig.

Das Schreien war nur noch aus der Ferne zu hören, sie hatten Catriona fortgeführt.

»Meine Frau ...«, antwortete der alte Elias mit zitternden Lippen. »Sie hat sich wohl über etwas erschreckt.«

Herr von Lassenthin schien ihn gar nicht gehört zu haben. »Komm, Elias«, sagte er. »Ich will mich schlafen legen. Ich bin sehr müde.«

Er legte den Arm um die Schulter des Alten. Ich folgte ihnen, den Leuchter hoch erhoben in der zitternden Hand. Wir gingen über die langen Flure, wir stiegen über die umgestürzte Rüstung des Ritters, in den Wänden rieselte und tickte es, an den Wänden gingen uns voraus die beiden Schatten, der riesige des Rauhbolds und der gebrechliche des alten Elias. Niemand begegnete uns, kein Schreien war mehr zu hören.

In der Höhle lagen Tisch und Hocker umgestürzt, wie wir sie verlassen. Herr von Lassenthin sah sie nicht. Er ging gerade auf das Ruhebett zu, warf sich darauf und sagte: »Decke mich gut zu, Elias. Ich bin sehr müde. Lege nach im Kamin, ich friere. Gute Nacht.«

»Wünsche wohl zu ruhen, gnädiger Herr«, sagte der alte Elias und legte die Decken sorgfältig über seinen Herrn, der schon die Augen geschlossen hatte.

Eine Weile standen wir schweigend, dann verrieten uns tiefe Atemzüge, daß der Schloßherr von Ückelitz eingeschlafen war.

»Gottlob!« sagte der alte Diener. »Nun ist es wieder einmal vorbei!«

»Ja«, sagte ich. »Aber die junge Frau? Wo sind sie mit ihr geblieben? Ich muß doch nach ihr sehen.«

Elias machte eine Bewegung. »Bleiben Sie besser, junger Herr, das sind Frauensachen ...« Er mühte sich, den Tisch wieder aufzustellen; ich half ihm dabei, obwohl es mich zu Catriona zog. »Sehr gütig, junger Herr. Ich will jetzt gleich im Kamin nachlegen, der gnädige Herr friert immer nach einer solchen Nacht.«

Er hatte die Glut auf einen Haufen geschoben, von der Asche befreit und legte jetzt Holz auf. Ich sah schweigend zu, wie er dann einen großen Wandschrank aufschloß und anfing, die Flaschenkompanien hineinzustellen.

Es zog mich mit allen Fasern zu Catriona, sie hatte so schrecklich geschrien. Von allem Schrecklichen in dieser Nacht war ihr Schrei das Schrecklichste gewesen. Ich hatte begriffen, daß sie, die ich wie eine Himmlische verehrt hatte, ihn, ihren Quäler, ihn, den ehrlosen Dieb, noch immer liebte. Sie hatte es wohl selber nicht gewußt, sie hatte es sich geleugnet tausendmal, aber als sie das Bett sah und die roten Flecken auf dem Bett wie Blut, da war es aus ihr herausgebrochen, nicht zu halten, dieser schreckliche Schrei ...

»Der Wein muß ihm jetzt aus den Augen«, sagte Elias erklärend. »Wenn er morgen früh aufwacht, darf er nichts mehr davon sehen.«

»Ist es denn nun ganz vorbei? Trinkt er nun nichts mehr?«

»Für dieses Mal ist es vorbei, die nächsten Wochen trinkt er keinen Tropfen. Dann fängt er langsam wieder an und steigert sich schnell, bis er wieder soweit ist – wie heute nacht.«

Ich konnte nicht antworten, Bessy kam eilig herein. Sie warf einen prüfenden Blick auf den Schläfer, nickte und ging dann auf Zehenspitzen zu mir. Auch Bessy hatte viel von ihrer gesunden Farbe verloren, und doch schien sie gerade in diesem Augenblick eine besondere Frische und Lebensfreude auszustrahlen.

Sie fragte: »Du bist sicher sehr müde, Lutz?«

»Ach, Unsinn!« rief ich. »Wie geht es Catriona?«

»Ihretwegen komme ich. Ich fürchte, Lutz, du wirst heute nacht noch einmal nach Stralsund reiten müssen, und das so schnell wie möglich!«

»Selbstverständlich!« sagte ich. »Ich bin nicht die Spur müde. Aber wie geht es Catriona?«

Der Name ging ihr ganz leicht über die Lippen. »Catriona bekommt ihr Kind, Lutz«, sagte sie. »Hole so schnell wie möglich den Sanitätsrat Querfot und die Hebamme Kakeldütt. Weißt du, wo die wohnen?«

»Und ob ich das weiß, Bessy«, rief ich. »Habe ich nicht ihr Schild mit dem von Pastor Friesicke vertauscht? Ich reite sofort. Es geht Catriona doch nicht schlecht?«

»Ich verstehe wenig davon, mein lieber Lutz«, sagte Bessy spöttisch. »Aber die alte Emma versicherte mir, es sei alles, wie es den Umständen nach sein könne. Da mach dir also einen Vers darauf. Also dann guten Ritt, Lutz, ich gehe jetzt wieder zu Catriona.«

»Halt, Bessy!« rief ich. »Überlegst du denn auch, was du tust? Glaubst du, daß Mama dieses ›schicklich‹ finden würde? Ich fürchte, Bessy, wir werden dich vor die Tür stellen müssen, bis der Storch sein Werk vollendet hat.«

Ich wollte nach ihr greifen, ein seliges Gefühl erfüllte mich nach den Schauern der Nacht: Immer doch triumphiert das Leben über den Tod. Wir waren jung, wir lebten!

Aber Bessy war schneller als ich: Sie glitt aus der Tür, lächelnd. Ich ging auf den Hof, sammelte an der Freitreppe das Sattelzeug auf und machte mich auf die Suche nach meinem Alex.

Auf diesem Ritt nach Stralsund kamen wir alle beide kräftig in Bewegung, der Alexius wie ich, ich ersparte ihm nichts. Die Dunkelheit konnte mich nicht hindern. Diesen Weg kannte ich nun allgemach, schon das dritte Mal machte ich ihn in dieser Nacht. Es war mir doch bei sachtem klargeworden, daß Catriona ihr Baby bekam, nicht eine Stunde zu früh war sie in Ückelitz angekommen. Aber ich zerbrach mir den Kopf, ob das Kind nicht zu früh gekommen sei durch die Schrecken dieser Nacht, und dann dachte ich an den langen Fußmarsch, den wir noch gestern von Schaprode bis Kluis gemacht hatten, alles viel zuviel für eine Frau in diesen Umständen – aber woher sollte ich das wissen? Und doch machte ich mir Vorwürfe, und dann dachte ich daran, was wohl aus Catriona werden würde, wenn mit dem Kind etwas geschehe, und ich feuerte den Alex noch mehr an, obwohl er doch schon sein Bestes tat. Und dann dachte ich daran, daß sie ihn noch immer liebte ...

In Stralsund brannte kaum noch eine Laterne, völlig menschenleer lagen die Straßen, es war morgens zwei Uhr. Gewaltig riß ich an dem Klingelzug, der ins oberste Stockwerk zur Hebamme Kakeldütt führte. Ich hörte die Bimmel oben scheppern, wartete etwa zwanzig Sekunden und riß noch gewaltiger. Dies wiederholte ich so lange, bis oben ein Kopf aus dem Fenster fuhr. Es war aber kein Hebammenkopf, sondern der eines Mannes, und eine verschlafene Männerstimme fragte mit Salbung: »Nun, wer begehrt auf dem letzten schweren Wege des himmlischen Trostes?«

Ich aber achtete nicht auf diesen Quatsch, sondern schrie: »Zum Henker, wo steckt denn die Kakeldütt? Seit wann haben alte Weiber Mannsbilder in ihren Stuben? Schicken Sie mir sofort das Weib, die Kakeldütt, es brennt!«

»Lutz!« fragte die salbungsvolle Stimme von oben, »wie war doch dein Konfirmationsspruch?«

Da fiel es mir wie Schuppen von meinen Augen, und ich sagte eilig: »Matthäus sieben, Vers sieben: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.«

»Also suche, mein Sohn Lutz!« sprach der Pastor Friesicke. »Also klopfe artig an, so wird dir aufgetan werden.«

Damit warf er das Fenster zu, ich aber stieg auf meinen Alex und ritt langsam in die Badstüber Straße zur Wohnung der Kakeldütt und dachte darüber nach, wie dies wohl gekommen war, daß die vor Monaten übermütig vertauschten Schilder eine solche Verwirrung in meinem Kopfe angerichtet hatten, so daß ich beim Pastor statt bei der Hebamme den Glockenzug gezogen hatte. Es schien mir aber von keiner guten Vorbedeutung zu sein, daß der Pastor gleich vom letzten Erdentrost gesprochen hatte.

Bei der Hebamme Kakeldütt ging dann alles schnell genug. Ich bedeutete ihr nur, daß sie ihren Kram bereit halten solle, ich komme in fünf Minuten mit dem Sanitätsrat Querfot wieder vorbei, sie abzuholen. Ich achtete nicht auf ihren zornigen Protest, sie brauche keinen Arzt! Und wer ich denn überhaupt sei und wohin die Reise denn ginge und wo ich den Wagen hätte – ich ritt weiter in die Ossenreyer zum Sanitätsrat.

Dort aber kam ich nicht so schnell fort. Erst legte sich der alte Herr breit ins Fenster, und dann tauchte daneben die alte Dame auf, und nachdem sie meinen Namen erkundet hatten, fingen sie zu wunderwerken an, wer denn Großes wohl in Strammin sich mit Kinderkriegen abgebe, daß der junge Herr selber geritten sei ... Mir riß die Geduld, ich rief: »Beeilen Sie sich doch ein bißchen, Herr Sanitätsrat! Es geht auf Leben und Tod, und Sie sollen überhaupt nicht nach Strammin, sondern nach Ückelitz kommen.«

»Was –?« rief der alte Sanitätsrat, und die Sanitätsrätin quiekte geradezu vor Aufregung, »seit wann werden denn wieder Kinder geboren in Ückelitz? Die alte Elias ist doch längst aus den Jahren!«

»I den Donner, Herr Sanitätsrat!« rief ich. »Das werden Sie ja alles sehen und erleben und Ihrer Gnädigen heute früh haarklein erzählen können. Wenn Sie jetzt aber nicht machen, daß Sie in Ihre Büxen fahren, reite ich ab und hole die Kakeldütt, die schon sowieso vor ihrem Hause auf uns warten wird.«

»Selber den Donner, Herr von Strammin!« schrie der Sanitätsrat unwillig zurück. »Was brauchen Sie das alte Weib, wenn Sie mich rufen?! Was denken Sie sich denn eigentlich von mir, junger Herr? Meinen Sie etwa, ich soll auf meine alten Tage noch bei den Weibern in die Schule gehen?«

Er war so zornig, daß ich etwas kleinlaut sagte: »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Sanitätsrat. Aber Fräulein Bessy von Schalenberg hat mir ausdrücklich aufgetragen, ich soll Sie beide mitbringen!«

»Was –?« riefen sie beide. »Die Bessy von Schalenberg – und kriegt auf Ückelitz ein Kind? Ich sage es ja immer, dieser Gregor –«

Und ehe ich den fürchterlichen Irrtum hatte aufklären können, fuhren sie beide zurück. Das Fenster schloß sich, ein Licht wurde angebrannt, ich sah die Schatten tanzen. Wild fuhrwerkte der Sanitätsrat mit seinen Jackenärmeln, und immerzu hörte ich die Rätin plappern. Dann stieg der Rat die Treppe hinab, ich hörte ihn über den Hof gehen, die Stalltür klappte – und gottlob erschien jetzt die Rätin wieder im Fenster, nach Einzelheiten lüstern.

Ich konnte sie ihr geben, ich konnte den Irrtum aufklären, aber dazu mußte ich den Namen Frau von Lassenthin nennen, und das hieß eine Sensation durch eine noch größere ersetzen. Gott, was fragte mich die Gute alles in den nächsten fünf Minuten, bis der Sanitätsrat mich erlöste, nach Gregor, nach dem Rauhbold, nach Catriona ... Ich aber sagte möglichst wenig, ich band ihr immer wieder tiefstes, strengstes Stillschweigen auf die Seele, und es war mir doch klar, dies Gebot würde nicht eine Stunde gehalten werden, dafür war die Sensation wirklich zu groß. Dies ging einfach über Menschenkraft.

Der Sanitätsrat kam neben mich geritten, und sofort rief die Sanitätsrätin, daß es in zwanzig Häusern der Ossenreyer zu hören war (ich hoffte aber, es lag noch keiner im Fenster!): »Es ist gar nicht die Bessy! Es ist die junge Frau, die vom Gregor, von der sie soviel geredet haben! Herr von Strammin sagt ja, sie ist gar nicht seine Geliebte, sondern ganz richtig kirchlich getraut ...«

Ich hörte den Sanitätsrat ächzen. Für nachts zwischen zwei und drei war es wirklich ein bißchen viel für einen alten Mann.

Noch lebhafter fuhr die Sanitätsrätin fort: »Das sage ich dir aber, Vater: Diese Geburt läßt du dir nicht von der Kakeldütt wegnehmen! Die machst du allein von der ersten bis zur letzten Minute. Ich will alle Einzelheiten wissen – . Die Kakeldütt läßt du am besten überhaupt hier – die schmückt sich zu gern mit deinen Federn, und dies ist eine Sache ...«

Es ist wirklich wunderlich, wie verschieden die verschiedenen Leute die gleiche Sache ansehen. Für Catriona war diese Geburt auf Ückelitz ein Kampf um ihr Recht, ein Kampf, den sie auf Leben und Tod bis zur letzten Minute ausgefochten hatte. Und für mich war diese Geburt eine tiefe Angst. Mit Empörung lauschte ich auf das Geschwätz der Sanitätsrätin, für die dies alles nur eine Sensation war. Ich ritt einfach los, ohne ein Abschiedswort, und zwang den Sanitätsrat, mir nachzureiten. Was aber war diese Geburt für den alten Rauhbold? Würde er überhaupt etwas davon ahnen, morgen früh, wenn er aus seinem tiefen Schlaf erwachte? Würde er sich der schrecklichen Schreie erinnern? Und was würde Gregor empfinden, wenn er davon hörte? Und was dachte Bessy, die jetzt wohl neben Catrionas Bett saß?

»Sie hören ja gar nicht, was ich sage, Herr von Strammin«, rief der Sanitätsrat jetzt ärgerlich. »Wachen Sie doch endlich auf!« Ich bat ihn um Entschuldigung. »Na, schon gut«, sagte er halb versöhnt. »Aber wie denken Sie sich das eigentlich mit der Kakeldütt? Erstens ist sie wirklich überflüssig, und zweitens haben Sie gar keinen Wagen für sie da.«

»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht«, sagte ich verblüfft. »Ich glaubte, Sie würden mit einem Wagen fahren.«

»Und die alte Scharteke in meinem Wagen spazierenfahren? Kein Gedanke an so was, mein Lieber. Na, das ist die beste Art, sie loszuwerden. Machen Sie es nur schnell mit ihr ab, Herr von Strammin!«

»Aber ich habe den strikten Auftrag, sie mitzubringen«, rief ich verzweifelt.

Doch sah es wirklich nicht so aus, als sollte ich diesen Auftrag ausführen können. Die Kakeldütt, die mit ihrer großen, schwarzen Tasche vorm Haus stand, überschüttete mich mit einem Regen von Scheltworten, weil ich sie so lange habe warten lassen, weil der Wagen noch nicht da war, und der Sanitätsrat unterließ es nicht, das Feuer mit Stichelworten weiterzuschüren. Aber dadurch erreichte er gerade, was er nicht hatte erreichen wollen: Die Kakeldütt, die zuerst empört ins Haus hatte zurückgehen wollen, blieb nun gerade. Dann fiel noch der Name Ückelitz, und nun war sie in Gang ... Ohne ein weiteres Wort machte sie ihre Tasche auf, suchte Bindfaden hervor und band sich ihre weiten Röcke zu zwei bauschigen Hosen zurecht.

»So, junger Herr, und nun helfen Sie mir auf Ihren Gaul. Das wäre ja noch schöner, wenn ich mir so 'ne Geburt entgehen lassen sollte! Fassen Sie nur ordentlich zu, Herr von Strammin, genieren Sie sich bloß nicht. Ich bin 'ne olle Frau, ich bin nicht mehr kitzlig ...«

»Abgekitzelt!« sagte der Sanitätsrat.

»Jawoll, und immer die, denen fünf Kilometer schon zu weit sind, wenn's zu 'ner Taglöhnerfrau mit der niedrigsten Taxe geht, die drängen sich bei so was vor. So, jetzt sitze ich, nun hoppen Sie 'rauf, junger Herr! Ich faß Sie um den Leib, und meine Tasche halt ich vor Ihren Bauch, mit Erlaubnis zu sagen – Sie haben wohl eher eine Kute. Ist nicht bequem für Sie, für mich aber auch nicht. Dafür machen wir's der jungen Frau nachher um so bequemer ...«

»Die Geburt mach ich!« rief der Sanitätsrat. »Hinterher dürfen Sie meinetwegen das Baby baden!«

»Zuerst ist der junge Herr bei mir gewesen. Sie sind bloß für den Notfall da, Herr Sanitätsrat, wenn ich mich so ausdrücken darf ...«

»Dürfen Sie nicht, Frau Kakeldütt –!«

So begann unser Ritt durch die Nacht. Es war wirklich nicht sehr bequem mit der Alten hinten drauf und mit der Ledertasche vor dem Bauch, durch die ständig irgendwelches Eisen- oder Nickelzeug meine »Kute« attackierte. Ich ritt so scharf, wie ich konnte. Die Olle hockte hinter mir eisern wie ein Ziethenscher Husar, aber das Sticheln zwischen den beiden konnte ich doch nicht zum Schweigen bringen. Das ging immer weiter. Und wenn wir zu forsch ritten, daß sie nicht streiten konnten, so tuschelte mir die Alte von hinten ins Ohr, was sie alles für vornehme Geburten schon hinter sich gebracht hätte, 705 Stück im ganzen. Das heute nacht werde die 706. Und 7 plus 6 gäbe 13. Daraus könne ich schon sehen, daß es gutgehen werde mit dieser Geburt. Bei Geburten bringe die 13 immer Glück, gerade umgekehrt wie im Leben. Darum müsse ich auch dafür sorgen, daß sie die Geburt mache und nicht der Sanitätsrat, der es bisher höchstens auf drei- bis vierhundert Entbindungen gebracht habe. Sie wolle ihn ja nicht schlechtmachen, so was liege ihr gar nicht. Er sei soweit ein ganz guter praktischer Arzt, aber in Entbindungen habe eben sie die Erfahrung.

Und dann fing der Sanitätsrat wieder zu sticheln an. Ich machte mir die schwersten Gedanken, wie es wohl an Catrionas Bett gehen würde, wenn da die beiden mit ihren Eifersüchteleien so fortfuhren. Ich konnte ja wohl kaum mit hineingehen und auf sie achten. Außerdem hatte ich kaum Autorität genug bei den beiden. Ich überlegte mir, ob Bessy wohl diese Autorität haben würde, und entschied mich schließlich für ein Ja. Freilich war's wohl eigentlich meine Pflicht vor den Eltern Schalenberg, Bessy aus der Wöchnerinnenstube zu holen, wenn es ernst wurde. Aber hier zweifelte ich wieder, ob Bessy sich würde holen lassen, und entschied, sie würde sich ganz bestimmt nicht holen lassen.

Auch der unangenehmste Weg nimmt ein Ende, schließlich hielten wir vor der Freitreppe von Ückelitz. Ich half meinem weiblichen Husaren vom Alex und schärfte den beiden noch einmal dringend ein, im Haus mäuschenstill zu sein. Der alte Herr von Lassenthin sei krank gewesen, schlafe jetzt und dürfe auf keinen Fall gestört werden. Dann mußte ich sie allein ins Schloß gehen lassen, ich hatte erst die Pferde zu versorgen. Sie gingen nebeneinander die Treppe hinauf, jedes wollte vorangehen, sie waren wirklich alle beide trotz ihrer Jahre wie die Kinder. Dann schoß die Kakeldütt plötzlich voraus, sie wollte als erste durch die Tür. Aber auch der Sanitätsrat war auf dem Posten gewesen, und so preßten sie sich gleichzeitig durch die Öffnung. Ich ging mit meinen Gäulen nach dem dunklen Stall.

Als ich eine Viertelstunde später auf die Diele trat, sah ich Licht durch die halboffene Tür der Höhle und trat erst dort ein. Der Sanitätsrat Querfot war mit dem alten Elias um den Herrn von Lassenthin beschäftigt, der noch immer im tiefen Schlaf auf dem Ruhebett lag. Elias hielt den entblößten Arm des Rauhbolds, und der Sanitätsrat war gerade dabei, ihm eine Spritze zu geben. Ich war sehr erleichtert, daß sich für den Anfang eine so natürliche Trennung der Pflichten zwischen Hebamme und Arzt ergeben hatte.

»Wie geht es ihm denn?« fragte ich.

»Das kann ich Ihnen erst morgen sagen«, antwortete der Sanitätsrat. »So, Elias. Wir machen gleich noch eine zweite Spritze. Das wird ihn mindestens fünfzehn Stunden ruhig halten. Er hat eine Bärennatur, man kann ihm schon was zumuten.«

Der alte Elias aber sah zu mir auf und sagte, als habe er meine Gedanken erraten: »Im obersten Stock, junger Herr. Das letzte Zimmer rechts, ehe Sie zum Turm kommen.«

»Ich danke Ihnen schön, Elias«, antwortete ich und ging.

Der Sanitätsrat rief mir nach: »Die Kakeldütt soll sich nicht unterstehen, was anzurühren! Ich bin in fünf Minuten oben!«

Aber diesmal hatte der Sanitätsrat kein Glück. Denn als ich nach oben kam, traf ich den Professor, der da auf dem Gang saß, direkt auf dem Boden des Gangs, nur mit einem kleinen, schmutzigen Teppich unter sich, aber mit einer Flasche Wein und einer Kerze neben sich. Trotz des Weins sah der Professor sehr bleich und mitgenommen aus. Er lächelte aber, als er mich sah, gab mir die Hand und sagte: »Sie sind mit der Alten gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Bessy hat es mir eben gesagt: ein Sohn!«

»Gesund?« rief ich. »Großartig! Und Catriona?«

Er machte eine Bewegung. »Ich weiß nicht. Ich mochte nicht fragen. Ich konnte nicht reden. Es ist schrecklich, so was anzuhören, noch viel schrecklicher als das vorhin.«

»Warum sind Sie denn nicht weggegangen, Professor? Warum müssen Sie sich ausgerechnet vor diese Tür setzen?«

»Ich konnte nicht weg, konnte einfach nicht. Der Mensch ist so.« Er sah mich trübe an, seine Augen waren jetzt gar nicht hell und geistreich. Er nahm einen Schluck. »Wissen Sie, Strammin – ach, setzen Sie sich doch zu mir, man sitzt hier gar nicht so unbequem –, ich bin auf einen Gedanken gekommen heute nacht.«

»Und was ist das wohl für ein Gedanke?« fragte ich, setzte mich aber doch lieber nicht neben ihn, sondern überlegte, ob ich wohl in das Zimmer gehen dürfte, aus dem kein einziger Laut drang.

»Ich habe immer gedacht, ich will heiraten, Sie wissen schon, die kleine Kröte, die Thibaut. Aber nun bin ich auf den Gedanken gekommen: Ich will doch lieber nicht heiraten. So was« – er wies mit dem Finger auf die Tür –, »so was soll man nicht auch noch unterstützen.«

»Sie wollen also die Welt aussterben lassen, Professor?« rief ich, war mir aber ziemlich klar, daß diese Nacht seinen Geist etwas verwirrt hatte, sei es durch die Ereignisse, sei es durch den Wein, vermutlich durch Ereignisse plus Wein. Seine Vitalität hatte einen Tiefpunkt erreicht.

»Aussterben lassen«, wiederholte er mit Entschiedenheit. »Radikal aussterben lassen.« Er wurde immer lauter. »So was« – wieder wies der Finger auf die Tür –, »so was ist einfach eine Zumutung. So was kann kein anständiger Mann einer Frau zumuten.«

»Vielleicht empfindet's die Frau aber nicht als Zumutung?« fragte ich.

»Ganz egal«, rief er. »So was wird ausgerottet, mit Stumpf und Stiel! Ich gründe eine Sekte, Strammin«, er krabbelte sich, an der Wand hoch, »eine Sekte zur Vertilgung der Menschheit.« Er taumelte mir in die Arme. »Und Sie werden mein erster Jünger, Strammin.« Er schluchzte fast vor Aufregung. »Wir ziehen durch die Lande, Strammin, und predigen Ausrottung des Menschengeschlechts.«

»Was macht ihr denn hier für einen Lärm?« fragte Bessy, die leise aus dem Krankenzimmer gekommen war. »Was geht denn hier vor?«

Sie sah mit einigem Erstaunen auf den Professor, der schluchzend in meinem Arm lag.

»Ich gründe eine Sekte, Fräulein von Schalenberg«, rief der Professor und wandte Bessy sein tränenüberströmtes Gesicht zu. »Wir werden die Menschheit aussterben lassen. – So was«, er nickte wieder zu der Tür hin, »so was muten wir keiner Frau mehr zu. So was wird abgeschafft! Ich werde es predigen, und Lutz ist mein erster Jünger!«

»Er soll sich unterstehen!« rief Bessy und wurde im nächsten Augenblick flammendrot. »Aber es ist Zeit, daß ihr beide ins Bett kommt. Frau Elias hat gesagt, in den Stuben hier oben könnt ihr euch einigermaßen einrichten. Bettwäsche gibt's heut nacht noch nicht, aber Decken sind da –«

»Bessy?« fragte ich leise und lehnte den Professor, der immer noch schluchzte, gegen die Wand. »Wie geht es dem Kind?«

»In Ordnung. Frau Kakeldütt sagt: reichlich früh, aber in Ordnung.«

»Und Catriona, Bessy?« fragte ich wieder. »Und Catriona?«

»Den Umständen nach, Lutz, aber wohl auch in Ordnung.«

»Ich könnte sie jetzt wohl nicht sehen? Nur einen Augenblick, Bessy. Nur durch den Türspalt, bitte!«

»Also, sieh«, sagte Bessy, »aber wirklich nur einen Augenblick!«

Leise öffnete sie die Tür, spähte und winkte mir dann.

Zuerst fiel mein Blick auf Frau Kakeldütt, die ein kleines, sehr rotes Wesen, das kläglich wimmerte, in einem Zuber Wasser hin und her bewegte, während die alte Emma mit einem Tuch in den Händen daneben stand. Dann sah ich das Bett, das dunkle Haar auf den Kissen und nun das Gesicht – die Farbe des Leinens konnte nicht weißer sein als dieses Gesicht. Catriona sah zur Decke. Dann – ganz langsam – wendete sie den Kopf und sah nach dem Kind hinüber. Es lag ein solcher Ausdruck von erlöster Seligkeit in diesen großen, dunklen Augen des weißen Gesichtes, daß ich mein Herz pochen fühlte. Ich hatte nicht geglaubt, daß es solche Seligkeit auf dieser Erde geben könne! Und da stand der Professor, dieser ahnungslose Trottel, noch immer auf dem Gang und schluchzte.

»Ich danke dir, Bessy!« sagte ich. »Gute Nacht, Bessy.«

Sie schloß die Tür. »Gute Nacht, Lutz.« Sie sah mich lächelnd an. »Keiner wird Zeit haben, es dir jetzt zu sagen, Lutz, aber ich finde, du hast dich heute recht wacker gehalten.«

Ich wurde rot. »Rede bloß keinen Unsinn, Bessy. Das bißchen Reiten ...«

»Ich rede jetzt nicht von dem Reiten. Also nochmals gute Nacht, Lutz. Und sieh, daß du den Professor leise ins Bett bringst.«

Das war noch gar nicht so einfach. Seine Stimmungen wechselten ständig, plötzlich wollte er noch singen. So mußte ich ihn gewaltsam in ein – unbezogenes – Bett packen und ihm den Mund mit Kissen stopfen. Immer wieder fuhr er hoch und intonierte: »O Täler weit, o Höhen ...« Dann kam das Kissen, er gurgelte und strampelte, aber ich hielt ihn fest.

Schließlich war er eingeschlafen, und ich warf mich, wie ich ging und stand, auf ein Sofa. Ich lag kaum, so kam der Schlaf zu mir, und mir war, als hätte ich noch nicht zehn Minuten geschlafen, da rüttelte mich eine Hand: »Wenn Sie jetzt vielleicht aufstehen wollen, Herr von Strammin? Es ist bald Mittag, und der gnädige Herr hat schon nach Ihnen gefragt.«

Ich öffnete die Augen und sah mich verwirrt um. Das Zimmer, dessen Fenster weit offenstanden, war strahlend erhellt von Sonne. Vor meinem Sofa stand der alte Elias, einen Morgenrock über dem Arm. »Wenn Sie erst diesen Morgenrock anziehen wollten, Herr von Strammin? Fräulein von Schalenberg hat ihn geschickt, es ist der Morgenrock der gnädigen Frau. Wenn Sie sich so lange damit behelfen wollen, bis ich Ihre Kleider ein wenig gereinigt habe?«

Ich fuhr aus den Kleidern. »Wie geht es der gnädigen Frau, Elias?« fragte ich.

»Den Umständen nach gut, meint der Sanitätsrat. Er ist übrigens schon vor zwei Stunden abgeritten, kommt aber gegen Abend noch einmal. Frau Kakeldütt ist noch hier. Der Kleine ist munter, auch den Umständen nach.«

Dieses verfluchte »den Umständen nach«!

»Rasierwasser habe ich dort hingestellt, auch Rasierzeug. Wenn Sie es wünschen, rasiere ich Sie gern.«

»Nein, danke, das besorge ich schon selbst, Elias. Und Herr von Lassenthin? Er schläft natürlich noch nach seiner Spritze?«

»Der gnädige Herr ist schon seit sechs Uhr auf. Es geht ihm ausgezeichnet. Im Moment spielt er mit dem Herrn Professor Schach auf der Terrasse.«

Das waren Neuigkeiten! Mir war, als habe ich die halbe Weltgeschichte verschlafen. »Also friedfertig, Elias?« fragte ich.

»Der gnädige Herr sind jedenfalls nicht mißkumpabel, wie er zu sagen pflegt.«

»Gott sei Dank!« atmete ich auf, denn so gut ich auch geschlafen hatte, es gelüstete mich doch noch nicht nach einer Fortsetzung der gestrigen Kämpfe. Ich sah Elias an, während ich mich in Catrionas flammendroten Morgenmantel hüllte. »Und das Ereignis hier oben – weiß Herr von Lassenthin davon?«

Elias sah mich wieder an. »Ich weiß nicht«, sagte er schließlich. »Ich glaube nicht, daß der gnädige Herr sich an irgend etwas aus der Nacht erinnert. Es kommt mir nicht so vor. Und Herr Sanitätsrat Querfot meint ja, wir sollten ihm. vorläufig noch nichts sagen. Von dem ganzen Besuch nichts. Der gnädige Herr kommt nie nach hier oben, Sie verstehen, hier sind die Zimmer der verstorbenen gnädigen Frau.«

»Ich verstehe schon, Elias«, sagte ich und fing an, mich einzuseifen. »Auf die Dauer wird es aber unmöglich sein –«

»Natürlich, auf die Dauer geht es nicht, schon der gnädigen Frau wegen.«

Wir nickten uns beide zu, etwas kummervoll.

»Aber er hat nach mir verlangt?« fragte ich dann. »Er erinnert sich also doch an meine Anwesenheit aus der Nacht?«

»Ich glaube nicht. Ich glaube, der Herr Professor hat Sie erwähnt, Herr von Strammin.«

»Und Bessy?« fiel mir plötzlich ein. »Fräulein von Schalenberg meine ich.«

»Fräulein von Schalenberg ist um halb sechs schon fortgeritten, auf Ihrem Fuchs, Herr von Strammin.«

»Du lieber Himmel«, rief ich. »Das hätte sie aber nicht tun sollen! Nun sitze ich hier ja völlig fest, Elias!«

Des Elias Miene bestätigte mir, daß ich festsaß. Er ging, meine Kleider über dem Arm, die Lackledernen an den Strippen baumeln lassend, zur Tür.

»Ich glaube wirklich nicht, daß der gnädige Herr heute mißkumpabel ist«, sagte er tröstlich und verschwand.


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