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14

Ich reise mit Gregor und werde bestohlen. Mein Glück und meine schreckliche Niederlage. Alles verloren!

 

Wenn ich mit Mama und Papa nach Berlin gekommen war, waren wir stets im Hotel »Bristol« abgestiegen, und der Gregor hatte seinen Hilferuf um Geld auch aus dem »Bristol« geschickt. Trotzdem stieg ich nicht dort ab, sondern in jenem schlichteren Hotel am Stettiner Bahnhof, das die Berliner »Hotel Kartoffel« nennen, wegen des Umfangs der dort für pommersche und mecklenburgische Mägen servierten Kartoffelportionen. Das »Bristol« schien für mich, der ich allein war, etwas beängstigend pompös. Außerdem wollte ich nicht gern mit Gregor unter demselben Dach wohnen.

Nach der langen Bahnfahrt machte ich mich ein wenig frisch und aß einiges. Darauf schloß ich den schwarzen Kasten in den Kleiderschrank, klemmte die Ledermappe unter den Arm und machte mich auf den Weg nach dem »Bristol«. Es war noch später Nachmittag oder schon früher Abend, in manchen Straßen ging man in einem angenehmen Halblicht, in anderen fingen die bläulichen Bogenlampen schon an zu zischen und zu spucken. In den Schaufenstern der Friedrichstraße aber brannte schon überall Licht, und so eilig hatte ich es nicht, daß ich nicht vor dem einen oder anderen stehenblieb und in Gedanken schon eine Vorwahl der Mitbringsel traf, die ich nach erfolgreicher Reise zu Haus auspacken würde. Ich erinnerte mich noch, daß ich für Mama einiges fand, für Bessy sehr viel, für Catriona aber gar nichts ...

Im »Bristol« trat ich vor den imponierend langen Empfang mit seinen polygotten Chefs hin und bat mit vernehmlicher Stimme um die Zimmernummer des Herrn Gregor von Lassenthin aus Ückelitz bei Stralsund. Der Empfangschef warf nur einen flüchtigen Blick in sein dickes Buch und sagte: »Bedaure, der Herr wohnt nicht hier.«

Ich sagte: »Aber er muß hier wohnen, er hat mich hierherbestellt. Er hat mir von hier geschrieben, vor drei Tagen erst.«

»Aber er wohnt nicht hier. Vielleicht kommt der Herr manchmal hierher. Wie ist es?« Er wandte sich an seinen Kollegen. »Kommt Herr von Lassenthin nicht manchmal hierher und holt sich Post?«

Der andere blickte nach einem großen Glasschrank, hinter dessen Scheibe viele Briefe steckten. »Doch«, nickte er. »Ich glaube, er war heute früh hier, hatte aber keine Post.«

»Sie sehen –!« »Mein« Empfangschef machte eine bedauernde Gebärde.

»Und Sie wissen die Adresse nicht?« rief ich.

»Tut mir leid, wir wissen sie nicht.«

»Und wie könnte ich die Adresse wohl erfahren? Auf der Polizei?«

»Das ist sehr fraglich. Wenn Herr von Lassenthin bei Bekannten abgestiegen ist, wird er kaum gemeldet sein.«

Und mein Empfangschef wendete sich endgültig zum nächsten Gast.

Ich wollte schon ratlos gehen, als mein Blick auf einen dieser Pagen fiel, die ich mit ihren alten Gesichtern und den schief aufgesetzten Käppis immer unausstehlich gefunden habe. Der Page zwinkerte mir ganz unmißverständlich zu, als könne er mir etwas sagen, dürfe es bloß nicht.

Einen Augenblick zögerte ich, dann ging ich langsam durch die wegen der Hitze weit geöffnete Drehtür an dem majestätisch grüßenden Portier vorbei auf die Straße. Ich blieb dort stehen, sah die »Linden« auf und ab und wendete das Gesicht dann wieder der Halle zu. Der Page hatte die Augen auf mich gerichtet.

Gut, dachte ich, nickte, als nickte ich vor mich hin, und bummelte langsam die »Linden« hinauf. Ein paar Häuser weiter blieb ich an dem Schaufenster eines großen Schifffahrtsbüros stehen; aber die schönen Modelldampfer interessierten mich nicht, ich sah nach dem Eingang des »Bristol« hin.

Ich mußte so lange warten, daß ich schon fast verzweifelte. Dann sah ich den Jungen herausflitzen, zu einem Zeitungsburschen, und eine Zeitung kaufen. Er hatte mich schon gesehen und lief rasch zu mir. »Jing nich eher, Herr«, sagte der Junge. »Der Portier sieht aasig uff mir. Aber ick weeß, wo der Herr von Ihnen wohnt, ick hab ihm mal 'n Paket hinjetragen.«

»Und wo wohnt er?«

Der Junge grinste wie ein Affe, wirklich wie ein Affe. »Erst einen Taler, bedenken Sie, ick riskiere 'ne ruhije Lebensstellung.«

Ich gab ihm den Taler, obwohl ich die Forderung unverschämt fand. »Pension Knirsch in der Jägerstraße«, rief der Bengel und schoß wie ein Pfeil ins Hotel zurück.

Die Pension Knirsch lag in einem alten Haus, das unten eine Art Tanzlokal beherbergte, mit sehr viel bunten Plakaten, auf denen Cancan tanzende Dämchen mit Zylinderhut, Monokel und Reitgerte ihre schwarzseidenen Beine zwischen weiß aufgewirbelten Spitzen sehr weit sehen ließen. Im übrigen schien das Haus nur Fremdenpensionen zu beherbergen, in jedem Stockwerk eine andere. Ich stieg immer höher, die Treppenläufer wurden immer schäbiger, die Gasflammen brannten nicht mehr wie tiefer unten in bläulichen Glaskuppeln, sondern aus der Düse eines einfachen Eisenarms.

Im vierten Stock fand ich die Pension Knirsch: »Zimmer auch für Stunden.« Es mußte schlecht um die Finanzen Onkel Gregors stehen, das würde mir meine Aufgabe erleichtern.

Über den Flur schlürfte es, dann wurde die Tür geöffnet. Eine ältliche, schlampige Frau mit einem müden Gesicht öffnete mir: »Guten Abend, mein Herr. Wünschen Sie ein Zimmer? Ich bin Frau Knirsch.«

Sie sah so wenig nach Knirschen aus, wie es einem Menschen nur möglich war. Sie schien mir das sorgenvollste, entmutigteste Weib zu sein, das ich je gesehen.

»Nein, Frau Knirsch, kein Zimmer, aber ich hätte gern Herrn von Lassenthin gesprochen.« Sie sah mich prüfend an. Ich setzte erklärend hinzu: »Ich bin sein Neffe, mein Name ist von Strammin.«

»Treten Sie doch bitte näher. Herr von Lassenthin ist ausgegangen, er wird wohl erst spät zurückkommen. Darf ich ihm etwas bestellen?«

Sie hatte mich in das sogenannte Berliner Zimmer geführt, einem langen einfenstrigen Raum, der im Schein der Gaslampe wie ein Grabgewölbe aussah.

Frau Knirsch warf eine Haarsträhne zurück. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, Herr von Strammin? Ich habe gerade einen Chartreuse da, der wirklich gut ist.« Obwohl ich dankte, holte sie die Flasche und goß sich ein Gläschen ein. Sie trank es aus. »Er ist wirklich gut, versuchen Sie ihn doch.« Und sie schenkte sich ein zweites Glas ein.

»Wann erwarten Sie Herrn von Lassenthin?«

»Ich kann es nicht sagen. Meist kommt er erst gegen Morgen zurück. Ich muß immer aufbleiben, bis er kommt, er hat stets noch Wünsche.« Sie sagte all das in klagendem, aber ganz unaufheblichem Ton, als sei ihr Unglück und die Klage darüber längst zur Gewohnheit geworden. »Er ist ein sehr anspruchsvoller Herr, Ihr Herr Onkel, und sehr reizbar.« Sie trank schon wieder und malte nun mit den Fingern in dem klebrigen Rand, den das Glas auf dem Tisch hinterlassen. »Herr von Strammin, ich sollte es vielleicht nicht fragen, aber Sie sehen ja, wie es mir geht. Bringen Sie vielleicht Geld für Herrn von Lassenthin?«

Ich fragte dagegen: »Er hat Sie längere Zeit nicht bezahlt?«

Sie antwortete: »Er hat mich überhaupt noch nicht bezahlt. Und dabei hat er mein Fürstenzimmer. Ich hätte das Fürstenzimmer dreimal nachts vermieten können, das bringt immer zwanzig Mark, aber er hat getobt, als ich ihn bat, es mir freizugeben. Ich hätte ihm ein anderes schönes Zimmer gegeben, aber nein. Ich habe schon viel Verlust durch Ihren Herrn Onkel gehabt.«

»Zwanzig Mark – hier oben für ein Zimmer!« rief ich und dachte an den schmierigen Aufgang, die verlotterte Frau und an mein Hotel »Kartoffel«, wo ich drei Mark für ein piksauberes Zimmer zahlte. »Das ist ja horrend!«

»Es ist wirklich ein elegantes Zimmer«, sagte Frau Knirsch etwas gekränkt. »Die besten Herrschaften haben schon darin gewohnt. Es hat sogar einen Spiegel über dem Bett«, setzte sie mit Betonung hinzu. Ich verstand damals in meiner Unschuld nicht, wozu ein Spiegel über dem Bett nützen sollte. Das kapierte ich erst eine Viertelstunde später, und da war ich gottlob allein.

Frau Knirsch stand auf: »Ich will Ihnen das Zimmer gern einmal zeigen.«

Ich wünschte mir nichts Besseres. Sie ging mir voran und öffnete den einen Flügel einer großen Tür. »Bitte sehr, Herr von Strammin, in diesem Zimmer ist sogar elektrisches Licht.« Und sie schaltete es ein.

Ich habe nie wieder so etwas von pomphafter, schäbiger, widerlicher Eleganz gesehen. Es war ja wohl Rokoko mit goldverzierten, geschweiften Möbeln, mit einem Riesenbett, ganz niedrig, mit seidenen Vorhängen, die gerafft waren. An den Wänden seidene Tapeten, aber alles verschlissen, alles abgegriffen und überall ein durchdringender, fader Geruch von Patschuli – einfach ekelerregend!

»Hier wohnt Herr von Lassenthin?« fragte ich, mich umsehend.

»Ach!« antwortete sie, die mich sofort verstanden hatte. »Sie meinen wegen der Sachen?« Und sie wies mit dem Finger auf einige weibliche Wäschestücke. »Sehen Sie, das ist eben auch im Preis inbegriffen. Ich frage nichts, ich verlange keine Anmeldung. Ich sage immer ›Gnädige Frau‹. Manchmal kenne ich die Damen, meistens sogar, aber die von Ihrem Herrn Onkel habe ich noch nie gesehen, es sind meistens sehr junge Damen ...«

»Danke, Frau Knirsch«, sagte ich. »Das interessiert mich alles gar nicht. Sie gestatten, daß ich erst einmal die Fenster öffne? Danke sehr. Sie haben mich gefragt, ob ich Herrn von Lassenthin Geld bringe. Ich kann Ihnen nur sagen, ich weiß es nicht, es hängt von ihm ab. Aber ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Ich will Ihnen die Rechnung meines Onkels bezahlen, wenn Sie mir erlauben, ihn heute nacht in diesem Zimmer zu erwarten.«

Sie fing an zu jammern, das könne sie nicht, sie dürfe es nicht, er schlüge sie tot.

»Gut«, sagte ich, »dann gehe ich wieder, Frau Knirsch, und Ihre Rechnung wird unbezahlt bleiben.«

Sie ließ mich wirklich erst ein Stück die Treppe hinuntergehen, bis sie mich zurückrief. Armes Weib, in ihr kämpfte die Angst vor Gregor mit dem dringenden Bedürfnis nach Geld. Das Geld siegte. Sie machte mir dann aber eine recht gesalzene Rechnung auf, nicht nur die Zimmermiete, sondern Wein und Liköre zu irren Preisen. Als ich ohne Zucken zahlte, ging ein klägliches Lächeln über ihre Züge.

»Sie sind ein wirklicher Kavalier«, sagte sie anerkennend. »Was ganz anderes als Ihr Onkel – hat er denn wirklich ein Schloß?« Der Einfachheit halber bejahte ich. »Da sieht man's wieder, die wirklich Reichen bezahlen nie, nur die Pofels sind anständig.« Ich amüsierte mich diebisch über dies Kompliment. »Sie werden lange hier warten müssen, Herr von Strammin«, fuhr sie fort, »ich werde Ihnen eine Flasche Wein hersetzen. Was für einen Wein trinken Sie denn am liebsten?« In ihrer kummervollen Art wurde sie ordentlich fürsorglich.

»Ihre Weine sind mir zu teuer, Frau Knirsch«, sagte ich.

»Aber ich werde Ihnen doch nicht die eine Flasche Wein berechnen!« rief Frau Knirsch ganz lebendig. »So 'nem hübschen Kavalier wie Ihnen ... Wissen Sie was, ich bringe Ihnen eine Flasche Sekt und eine Flasche Rotwein, und Sie trinken Türkenblut. Türkenblut tut allen jungen Leuten gut.« Sie verschwand, und ich überlegte, wie sehr sie mich mit ihrer Rechnung hereingelegt haben mußte, um freiwillig zwei Flaschen Wein darauf zu geben. Aber ich hatte, was ich wollte: Gregors Zimmer zu meiner Verfügung.

Nachdem die Knirsch gegangen war und ich das Weinglas sorgfältig unter der Leitung ausgespült hatte, trank ich zwei Glas Türkenblut und machte mich an eine systematische Durchsuchung des Zimmers. Wieder hatte ich den Gedanken, daß er den Trauschein vielleicht doch bei sich haben könnte, daß ich mir alle Verhandlungen und manchen Kummer ersparen könnte, wenn ich ihn fände. Und ich, der neue Lutz, war entschlossen, vor nichts haltzumachen, auch nicht vor verschlossenen Koffern.

Aber die Koffer waren offen, Gregor hatte bestimmt in diesem geheimen Quartier keinen solchen Besuch erwartet. Ich sah alles nach, Stück für Stück. Ich suchte jede Tasche seiner Anzüge ab, rollte die Socken auf, legte die Oberhemden auseinander. Ich befühlte sogar das Futter der Koffer. Dann ging ich an die Untersuchung des Zimmers. Ich überlegte mir immer: Wo würdest du etwas verstecken, wenn du es ganz sicher wissen wolltest, und danach suchte ich. Aber ich fand nichts, ich fand gar nichts, ich fand nicht einmal einen Brief, keine Lappen Papier, nicht einmal eine Rechnung. War es denkbar, daß Gregor all seine Papiere stets bei sich trug, auch wenn er abends ausging? Es schien mir undenkbar.

Ich setzte mich in einen Sessel, trank wieder ein Glas Wein und sah mich grübelnd im Zimmer um. Ich fand noch die und jene Stelle, wo ich suchen könnte, aber ich suchte jetzt ohne die rechte Überzeugung. Ich war überzeugt, ich würde nichts finden. Jetzt war ich müde und abgespannt, ich trank hastig mehrere Gläser hintereinander. Dann fiel mein Blick auf das Bett, dieses ekelhafte, prunkhafte Bett, das ich gemieden hatte, seit mir der Zweck des Spiegels aufgegangen war. Zuletzt fiel mir mein eigenes Lieblingsversteck ein: der Platz unter dem Kopfkissen. Ich lief hin, überzeugt, nichts zu finden, und zog eine kleine, braune Ledermappe im Quartformat hervor! Die Mappe war mit einem goldenen Schlößchen gesichert.

Einen Augenblick stand ich so da, die Mappe in den Händen, mit Herzklopfen. Immerhin war ich ein Strammin. Aber ich war im Kriege, im Kriege mit einem erbarmungslosen Gegner, der jede Schwäche von mir ausnutzen würde. Mama würde die Mappe nie öffnen, der alte Lassenthin sie aufreißen, was aber würde Bessy tun –? Ich war überzeugt, Bessy würde alles tun, was ihr nützen würde, um die Sache abzukürzen. Langsam, mit einem schweren Seufzer, schnitt ich das Leder um das Schloß auf.

Was ich zuerst sah, waren Scheine, Geldscheine. Siehe da, Onkel Gregor hatte noch Geld, nicht mehr sehr viel, aber beinahe genug, die Rechnung der Knirsch zu bezahlen. Ich war im Kriege, ich legte das Geld in meine eigene Tasche und dafür die quittierte Rechnung der Knirsch in die seine. Dann machte ich mich an die weitere Untersuchung. Aber das Ergebnis war enttäuschend. Neben ein paar Mahnschreiben von Schneidern oder Schustern fand ich nur einen Reisepaß, lautend auf Gregor von Lassenthin, ledig ... Nachdenklich klappte ich die Mappe wieder zu und legte sie an ihren Platz zurück.

Ich setzte mich in meinen Sessel und trank den Rest des Weins aus. Unterdes war die Klingel schon öfters gegangen, ich hatte die klägliche Stimme der Knirsch gehört, flüsternd, helles Frauenlachen, das Rauschen seidener Röcke. In den Zimmern um mich waren Geräusche laut geworden, leises Kreischen. Im Berliner Zimmer wurde gesungen und ein Klavier mißhandelt.

Ich war wirklich sehr müde. Ich knipste das Licht aus und setzte mich im Sessel zurecht. Beruhigt fühlte ich die scharfe Kante der Ledermappe in meinem Rücken. Sie würde mich wachhalten bis zu Gregors Ankunft. –

Ich erwachte. Das Zimmer war strahlend erleuchtet, dicht vor mir war Gregors Gesicht, das mich mit einem so starken Ausdruck von Haß ansah, daß ich sofort hellwach wurde. Flüchtig sah ich hinten am Bett ein Mädchen, ein ganz junges Ding, das mich mit weit offenen erschreckten Augen anblickte.

»Hallo«, sagte Gregor, und sein Gesicht verzog sich zu Spott. »Hier haben wir also den jungen Spitzel! Weißt du, daß ich eben nicht übel Lust hatte, dich aus dem Fenster zu werfen?«

»Und warst klug genug, dir die Folgen eines solchen Fenstersturzes zu überlegen«, antwortete ich und stand auf. »Immerhin bist du hier unter deinem richtigen Namen abgestiegen. Was mich eigentlich überrascht hat.«

»Ich werde in Zukunft mit deiner Fürsorge rechnen«, sagte Gregor. »Aber, mein junger Freund, ich habe das Gefühl, da du es nicht zu haben scheinst, daß du hier ein wenig lästig bist. Wie wäre es, wenn du dich jetzt trolltest? Oder wartest du darauf, daß ich dich befördere?«

»Ich muß dich sprechen, Gregor. Ich habe einen Auftrag an dich.«

»Aber ich will dich nicht sprechen. Erstens ist es drei Uhr morgens, zweitens wartet eine Dame auf mich, drittens bin ich für Aufträge von dieser Seite nie zu sprechen, mein getreuer Ritter.«

»Du irrst dich, Gregor, mein Auftrag kommt nicht von der Seite. Ich komme von deinem Vater.«

»Oh!« sagte er überrascht. »Du erstaunst mich wirklich. Du bist also geschickter, als ich gedacht habe? Du hast den alten Knaben herumgekriegt? Ging es diesmal ohne Niederlage ab? Ich gratuliere dir aufrichtig, Lutz.«

»Willst du mich anhören oder nicht?«

»Ach was«, rief er nach kurzem Überlegen. »Zum Schluß läuft es ja doch nur wieder auf dieses Gewinsel nach dem bewußten Trauschein hinaus! Mein lieber Lutz, wir können uns alles Gerede ersparen. Es gibt diesen Trauschein nicht, wovon du dich wahrscheinlich in der letzten Stunde selbst überzeugt hast.«

»Stimmt!« sagte ich. »Um es dir gleich zu sagen, Gregor, bei dieser Suche fiel mir auch eine kleine, verschlossene Ledertasche in die Hände. Ich habe mir erlaubt, aus ihr deine hiesige Rechnung zu bezahlen, ich mußte nur sechzig Mark von meinem eigenen Geld zulegen.«

Er starrte mich einen Augenblick bleich, mit zitternden Lippen an. Dann rannte er zum Bett und riß die Tasche unter dem Kissen hervor. (Ich sah, daß das Mädchen immer erschrockener starrte, den Tränen nahe, ein ganz junges, unerfahrenes Mädchen!) Der zerschnittene Deckel fiel zurück, und als erstes sah er die Rechnung der Knirsch. Er schrie wütend auf und stürzte zur Tür ...

»Halt, Gregor!« rief ich und vertrat ihm den Weg. »Was willst du?«

»Ich werde diesem Jammerweib alle Knochen im Leib zerbrechen, und dann werde ich mit dir abrechnen.«

»Frau Knirsch weiß hiervon nichts. Sie denkt, ich habe die Rechnung aus meiner Tasche bezahlt. Du hast es allein mit mir zu tun, Gregor.«

»Ich merke es«, sagte er finster und kaute an seiner Lippe. »Und ich glaube, du wirst noch merken, wer ich bin. – He, Trude«, herrschte er plötzlich das Mädchen an. »Lauf auf die Straße und rufe einen Schutzmann! Hörst du nicht, daß ich bestohlen worden bin?«

Das Mädchen sah ihn schweigend mit weißem Gesicht an, sogar die Lippen hatten ihre Farbe verloren. Sie sah einen ganz anderen Gregor vor sich als den liebenswürdigen charmanten Verführer, den sie bisher gekannt.

»Ich fürchte mich, Gregor«, flüsterte sie.

Er machte einen drohenden Schritt auf sie zu. Er sagte ganz leise: »Wirst du jetzt laufen, Trude, und einen Schutzmann holen?«

Sie schien willens zu gehen, ich glaube aber nicht, daß sie einen Schutzmann geholt hätte.

»Halt, Gregor!« sagte ich noch einmal. »Du vergißt, daß ich dir ein Angebot deines Vaters zu überbringen habe. Bin ich erst im Gefängnis, wirst du es nicht hören.«

»Eure Angebote sind mir gleichgültig, ich pfeife auf eure Angebote. Ich bringe dich ins Gefängnis, Bursche, damit ich endlich Ruhe vor euch habe.«

»Dann wirst du ohne Geld bleiben – viel Geld wird dir entgehen, Gregor.«

»Was ihr schon viel Geld nennt! Ich kenne den Filz in Ückelitz, ein paar tausend Mark, damit ich immer fein an der Leine bleibe.«

»Ich glaube, auch du würdest es viel Geld nennen, was ich dir zu übergeben habe, unter gewissen Bedingungen. Aber dieses Geld gibt es nur durch mich.«

Er dachte lange nach, aber dann besiegte seine Gier alle Bedenken. Er kam ganz nahe an mich heran, er fragte halblaut: »Wieviel?«

Ebenso leise nannte ich ihm die Summe: »Zweihundertfünfzigtausend Taler, Gregor.«

Er fuhr zusammen, als habe er einen Schlag bekommen. Dann sagte er ganz leise: »Wahr? Aber ich sehe schon, es ist wahr.«

»Es ist wirklich wahr, Gregor.«

Da stand er, die Hände auf dem Rücken, die Zähne in der Unterlippe, die Augen halb geschlossen. Plötzlich drehte er sich um: »Mach, daß du fortkommst, Trude. Ich kann dich heute nicht brauchen. Ich habe mit dem Herrn da zu reden. Geh!«

Das Mädchen schlüpfte ohne ein Wort in ein Seidenmäntelchen, setzte ein Hütchen auf, suchte nach Handschuhen und einer Tasche – alles mit einer Hast, als könne es nicht schnell genug wegkommen. Wir sahen ihr schweigend zu. Unter der Tür blieb sie stehen. »Den Schlüssel, Gregor«, erinnerte sie. »Ich hab keinen Schlüssel zur Haustür.«

»Was geht das mich an?« rief er ärgerlich. »Ich hab jetzt keine Zeit. Bleib im Flur stehen, bis jemand kommt.«

Sie stand einen Augenblick unentschlossen, dann sagte sie leise »Gute Nacht« und ging.

»Den Schlüssel, Gregor, ich bringe das Mädchen hinunter«, sagte ich und faßte meine Mappe. Ich sah, wie aufmerksam er diese Mappe betrachtete. »Also gib den Schlüssel.«

Er gab mir ihn. »Tüchtiger, kleiner Spion!« sagte er spöttisch. »Aber du wirst nicht auf deine Kosten kommen, sie weiß nichts.«

Ich hatte gar nicht daran gedacht, das Mädchen auszufragen. Ich holte es rasch ein und sagte: »Ich werde Ihnen aufschließen, Fräulein.«

»Danke«, antwortete sie. Und leise: »Wird der Herr – wird Gregor morgen abend wieder frei sein?«

»Frei sein? Ach so, für Sie! Ich fürchte, Herr von Lassenthin wird eine längere Reise mit mir machen müssen.« Ich fühlte, wie sie neben mir zusammenzuckte. Ich sagte: »Sie verlieren nicht viel an ihm, Fräulein. Sie werden es heute abend gesehen haben: Er ist kein guter Mensch.«

Eine Weile schwieg sie, dann sagte sie langsam: »Wenn man einen lieb hat, ist es einem egal, ob er gut oder schlecht ist.«

Ich ging ganz still neben ihr die letzten Stufen hinab ... Ist es einem egal, dachte ich. Arme Catriona, natürlich ... sie hat ganz recht ...

Ich schloß die Haustür auf. Das Morgengrauen war schon in der Straße. »Ich danke Ihnen«, sagte das Mädchen. »Gute Nacht.«

»Einen Augenblick, Fräulein. Sie könnten mir helfen, wenn Sie mir sagten, ob der Herr dort oben, Gregor, ob er noch viel Geld bei sich in der Tasche hat.«

Sie sah mich an. Ihre Lider senkten sich schnell über die Augen, dann sah sie mich wieder an. »Ich verrate nicht«, sagte sie rasch. »Sie denken, ich bin so eine – und wahrscheinlich bin ich sehr bald wirklich so eine, aber ich verrate nicht.«

Sie nickte mir mit ihrem blassen, kindlichen Gesichtchen zu. Dann ging sie rasch die graue Jägerstraße hinunter, eine zierliche, schattenhafte Gestalt. Zwei Angetrunkene torkelten ihr entgegen, sie wich ihnen bis auf die Fahrbahn aus und ging rasch weiter. Ich sah ihr nach, bis sie in der Friedrichstraße verschwand, eine von Tausenden, von Zehntausenden, zum Fallen bestimmt. Ich würde sie nie wiedersehen.

Oben hatte unterdes Gregor Wein, Kognak und Zigarren beordert. Er war ein ganz anderer, in einer sehr aufgeräumten Stimmung. Sicher hatte er in meiner Abwesenheit einige Überlegungen angestellt.

»Trinke, Lutz«, sagte er. »Ich wage nicht, dich zu bitten, mit mir anzustoßen. Immerhin wirst du mir erlauben, dieses Glas auf das Wohl des Überbringers von zweihundertfünfzigtausend Talern zu trinken. Was für eine solide Ledermappe!«

Er sah mich spöttisch an, dann trank er das Glas rasch aus und warf es gegen die Tür, daß es zersplitterte. (Aus dem Nebenzimmer kreischte es, dann fluchte eine männliche Stimme.)

»Niemand soll wieder aus dem Glase trinken, mein Ludewig, aus dem ich auf dein Wohl getrunken.«

»Ich verstehe das, Gregor. Ich habe dir deine guten Wünsche für mich förmlich vom Gesicht ablesen können.«

Er lächelte. Ich hatte die Ledermappe auf meine Knie gelegt und beide Hände darüber. »Aber, Gregor«, fuhr ich fort, »wir wollen die Sachlage gleich klarstellen. Du machst dir unnötige Spesen, wenn du versuchst, mich betrunken zu machen. Alle Anweisungen und Wechsel, die in dieser Tasche sind«, ich schlug auf sie, »werden erst zahlbar, wenn ich meine Unterschrift daruntergesetzt habe.«

Wenn dies eine Enttäuschung für ihn war, so ließ er sich nichts davon anmerken. »Ich wittere Gumpels Spuren«, sagte er lächelnd. »Ist der alte Knabe also doch noch einmal gesund geworden, höchst erfreulich für ihn – und für euch. Aber ich nehme es nicht übel, zweihundertfünfzig sind kein Pappenstiel, ihr sichert euch. Und nun die Bedingungen, Lutz. Du siehst mich bereit, vieles zu konzedieren. Du hast leichtes Spiel, ich bin wie Wachs in deinen Händen.«

»Es wird vielleicht nötig werden«, fuhr ich unbeirrt fort, »daß wir einige Zeit zusammenbleiben, vielleicht sogar miteinander reisen –«

»Ich kann mir nichts Schöneres denken«, lächelte Gregor.

»Für solche Fälle«, ließ ich mich nicht beirren, »bin ich mit einer Reisekasse ausgerüstet. In bescheidenem Umfang, Gregor. Zimmer zu zwanzig Mark und solche Gelage«, ich wies auf die Flaschen, »liegen außer dem Bereich des Möglichen. Dies geht zu deinen Lasten.« Und wieder wies ich auf die Flaschen. »Tut mir leid«, sagte Gregor. »Das hätte ich vorher wissen müssen. Seit du so generös meine braune Tasche benutzt hast, bin ich blank, völlig blank. Ich glaube, ich habe keine drei Sechser mehr bei mir.«

»Was nicht stimmt. Deine Freundin hat mir eben erst erzählt, daß du noch reichlich mit Geld versorgt bist.«

»Die Lügnerin!« schrie er wütend. Er fiel prompt auf meine Lüge herein. »Das hat sie nur gesagt, um Geld von dir zu kriegen! Und du Schaf hast ihr natürlich was gegeben! Wieviel –?«

»Danke, Gregor. Ich wollte mich nur über deinen Kassenbestand informieren. Das junge Mädchen hat natürlich kein Wort über dein Geld gesagt und selbstverständlich auch nichts von mir verlangt. Du siehst aber, Gregor, wir müssen auf einen erträglichen Fuß für die nächsten Tage kommen. Du wirst dich mir fügen müssen, wenigstens in deinen Geldausgaben. Ich zahle nur – Vernünftiges.«

»Und du, mein lieber Kamerad, wirst einsehen, daß ich an einen gewissen Komfort gewöhnt bin. In der zweimal zweiten Klasse fahre ich nicht, auch steige ich nicht in Herbergen ab.«

»Was ich auch nicht verlange. Ein gewisser mäßiger Luxus ist von vornherein bewilligt.«

»Ich sehe schon«, lächelte Gregor, »wir werden noch die besten Freunde. Nur mit Bedauern werden wir uns eines Tages trennen. Und nun, Schatzmeister, die Bedingungen!«

Er hatte bisher gestanden, jetzt setzte er sich auch. Er trank hastig ein paar Gläser. Ich verstand, wie schwer es ihm ankam, seinen unauslöschlichen Haß gegen mich zu verbergen. Aber darin war er ein besserer Schauspieler als ich. Sosehr ich mich zusammennahm, meine Abneigung gegen ihn sprach aus jedem Wort. Auch ich trank, ein Glas Kognak, dann ein Glas Wein.

»Die Bedingungen, Gregor«, sagte ich. »Erstens hast du auf jedes Erbrecht an Ückelitz zu verzichten. Mit dieser Zahlung sind alle Ansprüche von dir für immer abgefunden. Du verzichtest auf jedes Aufenthaltsrecht in Ückelitz.«

»Und wer wird erben?« fragte er lächelnd. »Etwa du, mein tüchtiger Jungherr von Strammin? Hat der Alte Herr in dem jungen, verzeih, aber ich glaube, er nannte dich Gockel – hat er sich in dich verliebt?«

»O nein. Es ist ein anderer Erbe eingetroffen.«

»Und wer –? Du machst mich wirklich neugierig. Das gute Käthchen kann dem Alten nie liegen – solange er nicht völlig vertrottelt.«

Für diesmal verzichtete ich darauf, seine gehässige Ausdrucksweise zu rügen. »Frau von Lassenthin hat einen Sohn geboren«, sagte ich.

Er war so überrascht, daß er für einige Minuten völlig die Selbstbeherrschung verlor. »Das ist unmöglich! Das lügst du! Du willst mich nur wieder bluffen!« Ich sah ihn nur an. »Dieses Käthchen«, sagte er grimmig. »Ich möchte sie hier haben! Darum hat sie mir so zugesetzt, ich verstand es nicht, es lag so gar nicht in ihrer Art. Also darum! Ich hätte an diese Möglichkeit denken sollen.« Er versank in Grübeln, dann hob er den Kopf: »Wo ist der Erbe geboren? Ein Sohn?«

»Ein Sohn«, bestätigte ich. »Er ist auf Ückelitz geboren.«

»Und der Alte? Natürlich trottelhaft verschossen in diesen Stammhalter der Lassenthins?«

»Dein Vater läßt dir durch mich den Vorschlag machen, auf deine Erbansprüche zu verzichten.«

»Mein Lieber«, sagte Gregor lebhaft. »Ich denke gar nicht daran! Ich werde mein liebes Käthchen heiraten, wir werden die glücklichste Ehe von der Welt führen, und ich werde meinen Sohn erziehen. – Warum einen Teil nehmen, wenn man das Ganze haben kann?«

Ich erschrak bis ins Herz. Nicht nur darum, weil Gregor wieder einmal – so ganz nebenbei – das Bestehen einer Ehe bestritt, nein, vor allem, weil ich an diese Möglichkeit nicht im entferntesten gedacht hatte. Gregor hatte recht. Das würde sehr viel vorteilhafter für ihn sein.

»Du vergißt, Gregor«, sagte ich, »daß Frau von Lassenthin jedes Zusammenleben mit dir ablehnt.«

Er lachte: »Eine Frau! Eine Frau, die heute nicht weiß, was sie gestern gesagt hat. Mein gutes Käthchen –!« Er betrachtete mich spöttisch. »Du wirst noch deine Freude haben, Lutz, wenn du uns wie die Turteltauben zusammenleben siehst.«

Ich bezwang meinen Zorn. »Und dann ist da dein Vater. Glaubst du, er wird dich noch einen Tag auf Ückelitz dulden?«

»Man kann auch anderswo gut leben.«

»Ohne einen Pfennig Geld? Dies ist ein letztes Angebot, Gregor, lehnst du es ab, bekommst du keinen Pfennig mehr aus Ückelitz. Nicht die Flaschen dort auf dem Tisch bezahle ich noch!«

»Der Alte ist an die Siebzig«, murmelte Gregor. »Bei seinem Saufen kann er es keine drei Jahre mehr machen.«

»Er könnte sich, den Enkel vor Augen, auch das Trinken abgewöhnen. Außerdem sind drei Jahre ohne Geld sehr lang, für dich bestimmt zu lang, Gregor.«

Er trank wieder. Dann: »Und nun laß auch deine anderen Bedingungen hören, Säckelmeister. Freilich, ich ahne sie schon. Legalisierung heißen sie!«

»Richtig, Gregor. Du übergibst mir einen rechtsgültigen Trauschein und bist Besitzer von zweihundertfünfzigtausend Talern. So einfach ist das!«

Er stand auf, er lachte. »Ich muß es immer wieder gestehen, ich habe das Käthchen unterschätzt. Sie scheint euch alle ja überzeugt zu haben, sogar die ehrwürdige Scharteke Gumpel, die von Rechts wegen zu Mißtrauen verpflichtet ist.« Gregor steckte die Hände in die Taschen und sah mich überlegen lächelnd an. »Aber wenn das die andere Bedingung ist, so kann ich nur sagen: unmöglich. Ich bin kein Fabrikant von Trauscheinen, mein Lieber, selbst für eine solche Summe nicht.«

Das Herz wurde mir schwer, als ich ihn so reden hörte. Ich hatte noch immer gehofft ... Ich hatte so fest geglaubt ... Aber da stand er, und jedes Wort, das er sagte, die Form schon, in die er seine Abweisung kleidete, all das klang so überzeugend ... (Und, weiß der Henker, so überzeugend das alles auch war, in meinem tiefsten Innern blieb selbst jetzt noch gegen Gregor ein Mißtrauen wach.)

Ich sagte: »Das Fabrizieren eines Trauscheins ist unerwünscht, Gregor. Wir werden statt dessen eine hübsche, kleine Reise nach Italien machen und uns den Schein aus einem gewissen Dorf in den Apenninen holen.«

»Sicher wäre es verlockend«, sagte er, »dich dorthin zu nehmen und dich dann dort sitzenzulassen. Es ist wirklich ein reizender Ort, fünf Tage bis zur nächsten Stadt mit Post und Bahn – du sprichst Italienisch?«

»Ein wenig«, log ich.

»Ja, ja«, lachte er wieder. »Wirklich ein hübscher Ort, obwohl die Betten dort abscheulich sind. Aber ein Ort für Trauscheine ist es nicht.«

»Trotzdem werden wir dort hinfahren müssen«, beharrte ich. »Du möchtest doch zu deinem Geld kommen, nicht wahr, Gregor? Wenn es dort unten keinen Trauschein gibt, so gibt es bestimmt dort Zeugen für eine – gestellte Trauung. Schaffe mir, vor Pfarrer und Notar, einen rechtsgültigen Beweis, daß die Trauung nur gestellt war, und das Geld gehört auch dann dir!«

Schwer genug wurde es mir, diesen Vorschlag zu machen. Ich hatte ihn mir als allerletzten Ausweg aufgespart. Aber sein nicht zu erschütterndes Leugnen, die ergebnislose Durchsuchung seines Zimmers – das alles ließ mir keine andere Wahl mehr.

Gregor lächelte: »Nun, das ist ein anderes Wort, darüber läßt sich vielleicht reden. Nicht heute. Es eilt ja nicht, morgen, übermorgen – wo erreiche ich dich?«

Ich nannte ihm den Namen meines Hotels. »Ich würde es nicht zu lange anstehen lassen, Gregor. Meine Reisekasse hat keinen sehr langen Atem. Wie schon gesagt, solche Zechen und Zimmer zu zwanzig Mark, ausgeschlossen!«

»Trotzdem wirst du Madame Knirsch bei deinem Fortgang diese Flaschen hier bezahlen müssen, ich bin blank.«

»Gut – es ist aber die letzte Ausgabe dieser Art.«

»Und du wirst mir einige tausend Mark hierlassen müssen. Ich kann nicht von Berlin fort, ehe ich nicht ein paar Ehrenschulden bezahlt habe.«

Ich lachte. »Mein lieber Gregor, du hast mich noch immer nicht verstanden. Was gehen mich deine Ehrenschulden an? Ich schließe ein Geschäft mit dir ab, nichts weiter.« Ich nickte ihm kurz zu. »Ich wünsche dir angenehme Ruhe und raschen Entschluß. Es könnte sonst sein, daß du mich abgereist und das Angebot zurückgezogen fändest.«

Ich war schon fast aus dem Zimmer, als er mich noch einmal anrief. »Mir kommt ein Gedanke, lieber Neffe«, sagte er lächelnd. »Beabsichtigst etwa du, nach abgewickeltem Geschäft, das Käthchen zu heiraten? Verzeih, ich will mich nicht in deine jugendlichen Gefühle drängen, sie interessieren mich auch offen gestanden nicht sehr. Aber wenn ich zu einem Entschluß kommen soll, würde das immerhin einige Wichtigkeit haben.«

»Da du mit Catriona nicht verheiratet bist, muß das völlig unwichtig für dich sein«, antwortete ich und ließ ihn stehen.

Ich bezahlte die Dame Knirsch. Erst später entdeckte ich, daß sie mir die »geschenkte« Flasche und den Rotwein doch angekreidet hatte. Es war schon hell, als ich mich im Hotel »Kartoffel« ins Bett legte. Ich schlief sofort ein.

Ein Klopfen an der Tür weckte mich. Ich hatte nicht einmal abgeschlossen; auf mein »Herein« kam ein Kellner und sagte, daß Herr von Lassenthin, Zimmer 22, mich in einer halben Stunde zum Frühstück erwarte. Dies war eine erstaunliche Neuigkeit. Ich sagte, ich würde pünktlich sein und fuhr aus dem Bett.

Der Onkel hatte sich ein etwas üppiger eingerichtetes Gemach als ich gewählt, dessen Zimmernummer über hundert lag, durch eine offene Tür sah ich sogar in ein Badezimmer.

»Zwölf Mark, mein Guter«, sagte Gregor, der meinen Blick bemerkt hatte. »Dein Onkel ist dir eben sehr teuer. Frühstücke nur! Was darf ich dir reichen? Wenn du wünschst, koste ich jedes Gericht vor. Bisher habe ich noch kein Arsenik auf die Eier gestreut.«

»Und wirst es auch kaum tun, ehe ich nicht meine Unterschrift auf gewisse Papiere gesetzt habe«, lachte ich. »Aus deiner überraschenden Umsiedlung darf ich schließen –?«

»Du darfst alles schließen. Am besten nimmst du heute für einen Abendzug Schlafwagenkarten nach München.«

»Gut«, sagte ich.

Wir frühstückten schweigend. Aber nach dem Frühstück, als Gregor sich seine Papyrosse angebrannt hatte, sagte er: »Einen Augenblick noch, lieber Neffe. Ehe wir das Geschäftliche einige Zeit ganz ruhen lassen, muß noch allerlei geklärt werden. Zuerst einmal möchte ich die Zahlungsanweisungen, die du dort in der ängstlich gehüteten Mappe hast, sehen. Du wirst das verstehen. Schließlich kannst du mir viel erzählen.«

»Entschuldige«, sagte ich ärgerlich. »Ich bin kein Betrüger, ich bin ein Strammin!«

Er lachte. »Ja, ja, ich weiß, ihr Strammins seid die Ehrbarkeit selbst. Aber immerhin bist du ein verliebter Strammin und hast – siehe meine hübsche, jetzt zerschnittene Ledertasche – schon einiges getan, was nicht ganz Stramminisch ist.« Ich wurde rot. »Nun, nun, ich will dich nicht in Verlegenheit bringen. Niemand kann für seine Gefühle. Also bitte die Anweisungen!«

Er sah sie langsam durch, Stück für Stück. »Erstaunlich!« murmelte er. »Der Alte muß viel mehr haben, als ich je gedacht. Wenn er soviel aufwendet für mich, den er loswerden möchte, wieviel bleibt da für den Erben, den er behält? Nachdenkliche Betrachtungen«, lachte der Onkel, mich ansehend, »aber überflüssige Betrachtungen. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Und nun bitte, der Vertrag, durch den ich mein Erbrecht abtrete.«

Ich gab ihn ihm. Er las ihn langsam durch. Dann las er ihn noch einmal durch.

»Tüchtig«, nickte er. »Der alte Gumpel ist wirklich tüchtig. Wenn ich das unterschrieben habe, ist mir Ückelitz mit Palisaden verbaut. Aber ich werde es unterschreiben, und zwar heute noch. – Mein lieber Neffe«, sagte er, als er meine Überraschung sah, »du bist erstaunt. Du wirst noch manchmal staunen, ich bin viel korrekter, als du annimmst. Wir fahren nach Italien, der eigentliche Schlußakt wird sich in einem kleinen Apenninendorf abspielen. Dort kann diese Urkunde nicht unterzeichnet werden. Du siehst, wie ich auch an deine Interessen denke ...«

»Natürlich möchtest du, daß die Abwicklung möglichst rasch geht.«

»Richtig! Darum unterschreibe ich hier. Natürlich behalte ich das unterzeichnete Schriftstück in meiner Verwahrung, bis die zweite Bedingung erfüllt und die Anweisungen in meinen Händen sind.«

Ich überlegte. Sein Verlangen schien mir gerechtfertigt. »Ich denke, das hat keine Bedenken. Immerhin möchte ich erst mit einem Anwalt sprechen.«

»Warum rufst du nicht Gumpel an?« fragte der Onkel. »Das ist eine Sache von einer Stunde.«

Ich stimmte zu. Dies war wirklich ein ausgezeichneter Rat, nie dachte ich von selbst an das Telefon.

»Und nun, mein lieber Neffe«, sagte der Onkel, »müssen wir noch über einen letzten Punkt ins klare kommen. Es hat leider«, er brannte sich eine neue Papyrosse an und betrachtete aufmerksam ihre Glut, »es hat leider zwischen uns einige Auftritte gegeben, die unter liebenden Verwandten nicht vorkommen sollten. Ich bin dafür, daß wir beide unsere Reise mit dem festen Entschluß antreten, die üblichen Formen zu wahren. Ich werde deine starre Tugend in guter Form ertragen, und du wirst dich bemühen, meine Verworfenheit ohne Naserümpfen zu dulden. Wir sind dazu verurteilt, einige Tage zusammen zu verbringen. Unterdrücken wir unsere Gefühle, seien wir zwei beliebige Herren, die eine hübsche Reise miteinander machen.«

Ich stimmte ohne weiteres zu, dies war wirklich ein vernünftiger Vorschlag.

»Dazu gehört aber auch«, fuhr der Onkel fort, »daß du mich das Übergewicht des Geldes nicht gar zu sehr fühlen läßt. Ich bin wirklich vollkommen abgebrannt, und ich muß es ablehnen, dich wegen jedes Trinkgeldes oder Ankaufs von ein paar Papyrossen um Geld anzugehen.«

»Ich setze dir ein Taschengeld von zwanzig Mark täglich aus«, sagte ich rasch.

Er lachte: »Oh, du Strammin! Das kommt dir schon ungeheuerlich vor, wie? Nun, ich denke, du wirst mir fünfzig Mark für den Tag aussetzen, und du wirst sehen, wie leicht mir das Geld durch die Hand fließt. Ach, bitte, zieh kein Gesicht. Bitte, fang nicht an, mit mir zu handeln.«

»Ich weiß nicht, ob meine Reisekasse das erlaubt«, sagte ich steif, empört über diese Verschwendungssucht, mit der er noch prahlte. Meine Reisekasse erlaubte das sehr wohl (und viel mehr noch), aber das sollte er nicht wissen. Ich wollte ihn auch nicht zu beweglich haben, er sollte immer an mich gebunden sein.

Wieder lachte der Onkel. »Ich bin überzeugt, deine Reisekasse erlaubt es. Gumpel und mein Vater kennen mich doch. Und wenn auch nicht, es gibt die Einrichtung telegrafischer Geldanweisungen. Du wirst immer Nachschub erhalten.«

Ich war noch unschlüssig, fünfzig Mark erschien mir zuviel Geld ...

»Glaubst du denn, lieber Neffe«, lächelte der Onkel, »daß ich mit fünfzig Mark falsche Zeugen kaufen und Mörder dingen kann? Ganz abgesehen davon, daß Mörder mir ziemlich nutzlos wären?« Und wieder zeigte er seine schönen Zähne.

»Also gut, ist bewilligt«, sagte ich.

»Es freut mich, daß wir nun also doch ein Abkommen getroffen haben«, sagte der Onkel und schüttelte mir die Hand, ehe ich mich versehen hatte. »Vielleicht willst du jetzt mit Gumpel telefonieren? Laß dir von ihm für die Vertragsunterschrift einen Berliner Notar nennen, der euer Vertrauen hat. Du kannst uns dort zu jeder Stunde anmelden. Ich gehe nur auf eine halbe Stunde zum Friseur.«

»Also, auf Wiedersehen, Gregor.«

»Lieber Neffe«, sagte der Onkel, »warum so vergeßlich?«

Ich starrte ihn verständnislos an. »Meine fünfzig Mark. Unser Vertrag ist soeben in Kraft getreten.«

»Entschuldige bitte.«

Ich glaube, ich wurde rot. Ich legte das Geld auf den Frühstückstisch, er hatte es fertiggebracht, mich wirklich verlegen zu machen. Und, weiß es der Himmel, er, der dabei doch hätte verlegen werden müssen, er brachte es dahin, daß ich in den folgenden Tagen dieses »Taschengeld« als eine ständige Belastung empfand. Ich wußte nie, wann und wie ich es ihm geben sollte, ob ich es ihm in die Hand drücken sollte oder unter der Serviette des Frühstückstisches verstecken oder in einem Briefumschlag mit seiner Adresse hinterlegen sollte ...

Er demütigte mich jedesmal. Jedesmal ließ er mich meine Ungeschicklichkeit fühlen und war selbst der überlegene, welterfahrene Mann. Die Art, wie er mich dann ein wenig spöttisch anschaute, brachte mich manchmal innerlich zum Rasen. Ich war ja doch soviel mehr als dieser kalte, glatte Schurke, er demütigte mich, daß er mich in all diesen Dingen immer wieder schlug. Wenn er nonchalant vor dem Kellner sagte: »Apropos, meine fünfzig Mark«, und ich kramte das Geld wie ein fauler Schuldner mit rotem Kopf aus der Tasche, wenn er dem Kellner dann fünf Mark hinschob, weil ich natürlich seiner Ansicht nach wieder filzig mit dem Trinkgeld gewesen war – das brachte mein Blut zum Kochen.

Aber ich muß sagen, er wahrte bei alledem immer die Form. Er war unangreifbar, ich war der Tölpel. Und daß ich dies wußte, machte alles noch viel schlimmer! Ja, ich habe viel auszustehen gehabt bei dieser Reise mit dem verhaßten Mann. Ich möchte fast sagen: Ich habe viel gelitten.

Wir wickelten unsere Geschäfte in Berlin ganz nach seinen Vorschlägen ab, Gumpel war einverstanden gewesen, und fuhren die Nacht durch bis München. Ich hatte – schon wieder entgegen meiner sparsamen Ader – zwei Schlafwagenplätze erster Klasse genommen, ich mochte nicht mit Gregor im selben Raum schlafen. Er quittierte diesen Luxus mit einem erstaunten Hochziehen der Brauen.

In München blieben wir erst einmal, trotz all meinem Drängen. Der Onkel erklärte, das ständige Bahnfahren nicht zu vertragen, außerdem müsse er eine wichtige Nachricht abwarten. Aber wir langweilten uns nicht, im Gegenteil, sogar ich fand München in diesen frühen Julitagen begeisternd. Das lag in erster Linie an dem Onkel, der sich plötzlich alle Mühe zu geben schien, auch mich von seinem Charme zu überzeugen. Der arrogante, ironische Ton blieb auf seltene Gelegenheiten beschränkt, er sprach mit mir, wie ein älterer Bruder mit dem jüngeren oder wie ein Freund mit dem Freunde spricht.

Freilich, Dinge, die der Fremde sonst in München ansieht, wie zum Beispiel das Hofbräuhaus, perhorreszierte er, das erklärte er alles für pöbelhaft. Aber er ging mit mir in die Alte Pinakothek, und dort vor den Bildern lernte ich einen ganz anderen Gregor kennen. Wenn er selbst auch kaum ein Maler war, so war er doch jedenfalls ein echter Kunstenthusiast, und er konnte seine Begeisterung sogar auf einen so nüchternen Menschen, wie ich es bin, übertragen. Seltsam, ich kannte ihn doch gut genug, ich wußte, er war ein Schurke, ich wußte, er würde jede Gelegenheit, mich zu betrügen, benützen, aber wenn er vor einem Bild stand und eröffnete mir hundert Details, die ich nicht gesehen hatte, lehrte mein blödes Auge sehen, und die Vorübergehenden blieben stehen und hörten achtungsvoll zu, so fühlte ich plötzlich einen Stolz auf diesen – Onkel!

Wirklich, Catriona hatte auch hierin recht: Ganz schlecht ist kein Mensch. Ich verstand nun, daß dieser Mann sie einmal bezaubert hatte. Er wußte wirklich wunderbar zu reden, und, vor allem, er wußte wirklich viel. Er nahm mich auch abends in ein seltsames Kabarett und zeigte mir einen Mann, von dem er begeistert war, einen gewissen Frank Wedekind, und dann führte er mich ins Theater und ließ mich ein Stück dieses Mannes sehen, betitelt »Erdgeist«. Ich fand dieses Stück abscheulich, gemein und abscheulich. Er aber saß hinterher mit mir die halbe Nacht an einem Marmortischchen und bewies mir, daß dies Stück wahr sei, hundertfach wahrer als der gepriesene, aber verlogene Schiller, denn das Leben sei eben gemein und abscheulich.

Ja, das bewies er mir, aber im Innern glaubte ich ihm natürlich kein Wort. Ich konnte nicht gegen ihn streiten, aber ich wußte, alles, was er sagte, war falsch. Wenn ein Leben gemein und abscheulich war, so war es vielleicht das von Gregor und diesem Herrn Wedekind. Aber mein Leben war es nicht und würde es auch nie werden! In solchen Augenblicken empfand ich wieder, daß wir beide ganz verschiedene Menschen waren, daß es nichts Gemeinsames zwischen uns gab, daß seine ganze Liebenswürdigkeit nichts galt, daß wir Feinde blieben, von Urbeginn an bis zum Ende.

Aber dieser Abend, an dem ich mit ihm ausging, blieb auch der einzige. Im allgemeinen erlahmte Gregors Interesse an mir sofort nach dem Abendessen. Er machte ein paar liebenswürdige Worte und verschwand. Meist hatte er dann einen kleinen Pump bei mir angelegt. In diesen Tagen, da wir auf einem erträglichen Fuß miteinander lebten, war ich geneigter, ihm Konzessionen zu machen. Schließlich war meine Reisekasse wirklich sehr gefüllt, ich mußte nicht kleinlich sein. Wenn er dann also kam und in seiner liebenswürdig-spöttischen Weise fragte: »Nun, mein Säckelmeister, wie steht es mit ein paar hundert Mark? Sind wir heute großzügig?«, so gab ich ihm das Geld. Ich fragte ihn nie, wozu er es brauchte. Es genügte mir zu wissen, daß er es in jeder Nacht verbrauchte, er sammelte es nicht auf, um mir irgendwelche Fallen damit zu stellen.

Unser gutes Verhältnis hielt aber nicht lange an. Am letzten Tage unseres Münchener Aufenthaltes erklärte mir Gregor, daß wir nicht sofort nach Italien reisen könnten, sondern daß er zuerst nach Paris fahren und daß ich ihn wohl oder übel begleiten müsse. Ich weigerte mich natürlich. Ich erklärte ihm, daß mich seine Pariser Interessen kalt ließen, daß ich hier auf ihn warten würde, bis er zurückgekehrt sei, daß ich aber nicht sehr lange warten würde und daß der Gedanke, ich solle diese Pariser Reise finanzieren, geradezu absurd sei.

Er blieb unverändert höflich, und mit dieser Höflichkeit bearbeitete er mich einen ganzen Tag lang. Schließlich ließ ich mich bereit finden, mit Gumpel zu telefonieren, und das Resultat dieses Telefonats war, daß wir am Abend nach Paris fuhren. Ich war sehr verstimmt, und es verbesserte meine Verstimmung ganz und gar nicht, daß er mich mit der Überlegenheit eines Erwachsenen über ein schmollendes Kind behandelte. Er lächelte, er sprach geläufig französisch, ein elegantes Pariser Französisch, gegen das meine von Madeleine erworbenen Brocken recht abstachen, er trank und rauchte viel, er attackierte mich um Geld – er war bester Laune und ich war in der allerschlimmsten.

In Paris quartierte er uns zu meiner Überraschung nicht in einem der eleganten internationalen Hotels ein, sondern in einem ganz einfachen, in einer dunklen Nebenstraße gelegenen. Es war später Abend, eigentlich schon frühe Nacht, als wir uns trennten. Er sagte mir gute Nacht, lachend, eben hatte ich sehr unhöflich eine neue Attacke auf unsere Reisekasse abgeschlagen. Vergebens hatte er versucht, mich mit einem Glase Wein sanfter zu stimmen. Der Wein hatte mir bitter geschmeckt.

Ich schlief ungewöhnlich lange, bis in den Nachmittag hinein. Als ich aufwachte, hatte ich einen pappigen Geschmack im Munde, mein Kopf schmerzte. Auf meine Frage nach Herrn Lassenthin wurde mir gesagt, daß er ausgegangen sei. Ein Brief wurde mir übergeben. Ich öffnete ihn, böser Ahnungen voll.

»Mein lieber Neffe«, hieß es darin. »Du übertreibst ein wenig, in allem: in Sparsamkeit, in Biedersinn und in übler Laune. Du gestattest, daß ich mich für einige Tage dieser Atmosphäre entziehe. Ich habe mir erlaubt, Deine Reisekasse für diesen kleinen Ausflug in erfreulichere Gefilde in Anspruch zu nehmen. Hotel- und Pensionsgeld sind für drei Tage bezahlt, am Dienstag sehen wir uns wieder. Dann werden wir diese gemeinschaftliche Reise zum Abschluß bringen. Dein treuer Onkel Gregor.«

Und noch eine Nachschrift: »Daß Du das Veronal im Wein nicht geschmeckt hast, finde ich ebenso rührend wie die Tatsache, daß Du nie Deine Tür verschließt und daß Du Dein Geld zuverlässig unter dem Kopfkissen aufbewahrst. Du hast mir dadurch viele Scherereien erspart.«

Und eine zweite Nachschrift: »Ich schreibe diese Zeilen an Deinem Tisch, Deinen Schlummer bewachend. Dein Gesicht hat etwas so rührend Ländliches, daß ich doch mehr auf Bessy als auf Käthchen tippe. Du bist und bleibst eben ein Pommer.«

Ich bin nicht zu meiner Brieftasche gestürzt, ich wußte es schon: Er hat mich ausgebeutelt bis auf den letzten Sou. Eine maßlose Wut erfüllte mich. Wieder hatte er mich 'reingelegt, und auf eine so alberne, hundsgemeine Weise 'reingelegt. Natürlich konnte ich jetzt nach Haus fahren, ich konnte meine Uhr und Sachen verkaufen und nach Haus fahren. Aber er wußte wohl, das würde ich nicht tun. Er rechnete mit meinem Schamgefühl, er, der Schamlose! Ich würde mich genieren, so heimzukehren.

Und ich wußte, er würde sein Wort, mich am Dienstag wieder zu treffen, halten. Lächelnd würde er eintreten, er würde das Ganze als Bagatelle behandeln. Ich hatte ja wohl auch eine kleine, braune Ledermappe von ihm zerschnitten? Ich hatte ja wohl auch über sein Geld verfügt? Nun also, es konnte mich doch kaum überraschen, wenn er Gleiches mit Gleichem vergalt?

So hörte ich ihn reden – und das einzige, was mir an seinem Brief unverständlich blieb, war der Satz, daß er bei seiner Rückkehr unsere Reise zum Abschluß bringen würde. Dahinter konnte nur eine neue Gaunerei stecken.

Was bin ich in diesen drei Tagen in Paris herumgelaufen – ohne irgend etwas zu sehen. Ich habe überlegt, gegrübelt, mir Pläne und Sorgen gemacht, vor allem aber habe ich gewütet. Über Gregor, aber viel mehr noch über mich. Ich habe im sonnenverbrannten Bois de Boulogne gesessen, und ich erinnere mich noch, daß ein Kind, das versehentlich seinen Reifen gegen meine Knie geschlagen hatte, erschrocken von mir zu seiner Bonne lief, erschrocken wegen meiner »mauvaise mine«!

Aber ich habe nicht nur gewütet. Gewisse Vorkehrungen mußte ich für Gregors Wiederauftauchen treffen, das war klar. Ich glaubte nicht an einen Abschluß der Reise in Paris. Das war alles nur Finte von ihm. Ich war entschlossen, ihn nicht wieder mir entwischen zu lassen. Ich mußte Geld haben zur Weiterreise.

Gottlob hatte ich in meiner Tasche noch einen zerknüllten Zwanzigfrankenschein gefunden. Nein, ich rief Gumpel nicht an, ich schämte mich zu sehr. Ich bat ihn telegrafisch um Geld, nicht viel, aber doch so viel, daß es nach den Angaben eines Reisebüros völlig zu einer Reise dritter Klasse in die Apenninen reichte. Es würde Herrn Gregor nicht sehr gefallen, dritter Klasse reisen zu müssen, aber das war mir verdammt egal.

Und das Geld kam an. Es kam am Vormittag des Dienstags an. Gregor hatte noch kein Lebenszeichen von sich gegeben. Ich strich das Geld ein, gab dem Boten ein selbst für Pariser Verhältnisse märchenhaftes Trinkgeld und ging essen. Die Kost in meinem Hotelchen war gar zu schmal und reizlos gewesen.

Als ich von diesem Essen zurückkam und noch immer keine Nachricht von Gregor vorfand, traf ich noch eine zweite Vorkehrung. Ich grub aus der Tiefe meines Koffers den bewußten schwarzen Kasten mit Silberbeschlägen und stellte ihn offen auf meinen Tisch. Der Herr sollte es gleich sehen, daß ich nicht mehr gesonnen war, mit mir spielen zu lassen. Nichts mehr von freundschaftlichem Ton, jetzt standen wir auf Hieb und Stich. Oder vielmehr auf Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit.

Ich muß noch gestehen, daß ich lange mit dem Gedanken gekämpft hatte, Bessy zu telegrafieren. Wenn ich das doch gelassen habe, hat mich kein Schamgefühl dazu bestimmt. Bessy hätte ich meine Blamage schon gestehen können. Ich fand es nur unverantwortlich, das Mädchen nach Paris kommen zu lassen, und sie traf uns womöglich gar nicht mehr an. Bei Gregor konnte man sich auf nichts verlassen, Dienstag konnte bei ihm ebensogut Mittwoch heißen. Ein Geschäft zu Ende bringen bedeutete bei ihm vielleicht, daß er noch jetzt zurücktrat. Nein, und dann wollte ich auch allein fertig werden. Wenn es eine neue Blamage wurde, ich wollte mich dann lieber allein blamieren, ich wollte nicht auch noch Bessy hineinziehen.

Es ist nun allmählich Dienstag nachmittag geworden, der Nachmittag eines drückend heißen Pariser Julitages. Unsere Gasse stinkt. Auf der Straße schleichen die Leute. Ich wage mich nicht von meinem Zimmer fort, ich will Gregors Nachricht nicht verpassen. Er soll mich auf meinem Platz finden.

Stunde um Stunde vergeht, meine Ungeduld wird immer größer, völlig unerträglich. Ich habe schon zwei Flaschen Wein getrunken, aber der Wein beruhigt mich nicht, er macht mich nur ungeduldiger. Ich frage wieder, ob keine Nachricht gekommen ist. Nichts, mein Herr. Ich halte es in meinem Zimmer nicht mehr aus. Ich renne auf die Straße, laufe drei Häuserecken weiter und kehre wieder um. Nachrichten? Nichts, mein Herr. Und wieder renne ich im Zimmer auf und ab.

Es ist schon dunkel, ich beginne mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Gregor nichts wird von sich hören lassen, daß er mich hier sitzenläßt und längst auf meinen Vorschlag verzichtet hat, daß er mir einen Streich spielte, wie er ihn Catriona gespielt hat ...

Man bringt mir ein Telegramm. Ich reiße es auf. Es enthält nur eine Zeile: Mittwoch vormittag elf Uhr. Und der Name und die Adresse eines Anwalts.

Ich sinke in einen Stuhl, springe auf und klingle nach neuem Wein. Dann setze ich mich wieder. Also morgen, denke ich, und seltsam, nach diesen Tagen des Wartens empfinde ich fast ein Gefühl der Dankbarkeit gegen Gregor, daß er mich nun erlöst hat. Morgen also, so oder so, kommt es zu einem Abschluß. Ich lächle vor mich hin. Ich klappe den silberbeschlagenen Kasten auf und betrachte die beiden Pistolen. Dann hole ich eine heraus und sehe durch den Lauf. Jawohl, der Onkel hat sie nach unserer Schießerei wieder tadellos geputzt. Ich lade und sichere. Dann lege ich die Waffe auf den Stuhl, über den ich nachher meine Kleider hängen werde. Also morgen ...

Ich bin nicht allein zu dem unbekannten Anwalt gegangen. Ich holte mir bei meinem Hotelier Rat und bin auf seine Empfehlung zu einem andern Anwalt gegangen, einem beweglichen, quecksilbrigen, redelustigen Südfranzosen, das völlige Gegenteil unseres altbewährten Gumpel. Ich erzählte diesem Herrn von meinem Geschäft nur das Nötigste und sah ihn den ganzen Weg zum Stelldichein vor Neugier nach weiteren Nachrichten vergehen. Immer wieder ritt er neue Attacken auf mich, zum Schluß heuchelte ich eine völlige Unkenntnis des Französischen – umsonst, er ertränkte mich förmlich in einem Schwall von Worten. Ich könnte mit solch einem Franzosen keinen Tag zusammen leben. Er erinnerte mich an weiße Mäuse im Käfig, die sind auch so ruhelos! Ruhelosigkeit schien sein Lebenselixier, das meine heißt Ruhe!

Dieses Mal hatte mich Gregor von Lassenthin nicht an der Nase herumgeführt, er wartete schon auf mich im Büro des Anwalts. Er nickte nur, als ich ihn mit meinem Anwalt bekannt machte. Er war ganz Zurückhaltung, er gab mir nicht einmal die Hand. Natürlich berührte er mit keinem Wort die etwas ungewöhnlichen Umstände seiner Abreise, und auch ich hielt es für überflüssig, jetzt noch davon zu sprechen. Wenn meine Reise heute wirklich ihren Abschluß fand, waren die paar tausend Mark schließlich auch gleichgültig. Freilich konnte ich mir noch immer nicht denken, was Gregor jetzt tun würde – ich war ganz Spannung (und Vorsicht. Eine Pistole steckte in meiner Gesäßtasche! Ich war entschlossen, nicht noch einmal den Narren dieses Lumpen abzugeben).

Wir traten in das Geschäftszimmer des Anwalts, der schon orientiert war. Der seinerzeit in Berlin über den Erbverzicht geschlossene Vertrag wurde mir vorgelegt, ich prüfte ihn, ich fand ihn unverändert. Auch mein Anwalt, der des Deutschen notdürftig mächtig war, las ihn langsam durch, prüfte Unterschriften und Notariatssiegel und erklärte den Vertrag für rechtsgültig.

Gut – und was nun?

Nun nahm Gregor, der auffallend finster und wortkarg war, ein gefaltetes, an den Rändern beriebenes Blatt aus seiner Brusttasche und sagte: »Mein Trauschein ...«

Der Anwalt nahm ihn in die Hand. Ich stand da, wie vom Blitz getroffen, keines Wortes fähig. Da war er, das sollte er sein, der immer wieder abgeleugnet war, der Trauschein, den es nach Gregors Aussage nie gegeben hatte – es konnte nicht sein! Ich konnte es nicht glauben. Das, was der Anwalt da in den Händen hielt, mußte eine Fälschung sein. Warum denn hatte Gregor dieses Schriftstück nicht schon in Berlin vorgelegt? Es war ein neuer Streich – ich ließ mich nicht noch einmal hereinlegen.

Ich rief: »Das ist eine Fälschung! Ich erkenne den Schein nicht an! Der Mann ist ein Betrüger –!«

Gregor sah mich nur an. Dann sagte er: »Die Herren werden den Trauschein prüfen, und wenn sie ihn für echt befinden, werden Sie mir Anweisungen über zweihundertfünfzigtausend Taler geben müssen, Herr von Strammin!«

»Es ist ein neuer Streich von Ihnen! Sie wollen mich wieder betrügen – .«

»Ich möchte dieses Wort nicht noch einmal hören«, sagte Gregor von Lassenthin. »Wann habe ich Sie bei diesem Geschäft bisher betrogen? Kleine Unregelmäßigkeiten sind auf beiden Seiten vorgekommen, sie gleichen sich aus.«

»Warum haben Sie diesen Trauschein nicht schon in Berlin vorgelegt? Wozu diese sinnlose Reise?«

»Ich könnte Ihnen antworten«, sagte Gregor mit einem leichten Lächeln über meine Aufregung, »daß ich diesen Schein hier in Paris in sicheren Händen verwahrte. Daß ich gefunden habe, daß in Deutschland meine Papiere etwas gefährdet waren. Ich sage das nicht. Ich gebe Ihnen offen zu, daß ich diesen Trauschein immer bei mir trug, in einem kleinen, ledernen Brustbeutel, daher die abgeschabten Kanten. Was wollen Sie?« lächelte er plötzlich. »Ich habe immer eine Vorahnung gehabt, daß dieses Blatt Papier ein sehr kostbares Dokument werden könnte. Habe ich nicht recht gehabt?«

»Und warum haben Sie mir den Schein nicht schon in Berlin gegeben?«

»Mein sehr Lieber«, sagte er, und sein Lächeln war nun nichts wie Hohn, »wenn du nicht nur über deine Gefühle nachgedacht hättest, sondern manchmal auch über die meinigen, wäre dir klargeworden, daß diese Aushändigung ein ziemlich schwerwiegender Entschluß für mich war. Das gute Käthchen – wie glücklich wird sie sein! Weißgewaschen in der Wolle steht sie da« – sein Lächeln wurde immer höhnischer, dieses hübsche Puppengesicht wurde häßlich, zu einer wahren Teufelsfratze –, »während ich völlig als der schwarze Schurke dastehe. Nun, mein lieber Lutz, auch ich habe mit mir gekämpft, bis ich den Lappen da auf den Tisch legte. Keine edlen Gefühle haben mich schließlich dazu bestimmt, ich finde es im Gegenteil immer noch höchst ärgerlich, daß dein Käthchen triumphiert. Aber schließlich mußte ich mir sagen, daß ihr kurz oder lang auch ohne mich die Wahrheit erfahren würdet, und so siegte meine verdammenswerte Geldgier!«

Er grinste jetzt so häßlich, ihn erfüllten so offensichtlich teuflische Wut und abgrundtiefer Haß, daß dieser Anblick mich mehr überzeugte als die Prüfung der Anwälte. Beide erklärten sie den Trauschein für richtig, für vollkommen einwandfrei. Auch ich nahm ihn in die Hände (Gregor stand dabei dicht neben mir), schlug mein Notizbuch auf und prüfte den Schein, ob er auch alle mir von Geheimrat Gumpel genannten Merkmale enthalte.

Dabei dachte ich aber weniger an diese Prüfung als vielmehr an Ückelitz, an Catriona. Ich sah mich eintreten bei ihr, ich gab ihr den Schein (natürlich ohne ein Wort), und dann erlebte ich ihre Freude. Vielleicht fiel sie mir sogar um den Hals. Ich war ihr getreuer Ritter gewesen, was meine Dame mir auferlegt hatte, ich hatte es getan – wenn ich auch wenig dazu getan hatte, die Umstände hatten mir geholfen. Seltsam, während ich mich so nach Ückelitz träumte, fühlte ich, wie schon Haß und Abneigung gegen Gregor in mir zergingen. Er stand neben mir, aber wirklich lebte er schon nicht mehr für mich, er war ein abgeschlossenes Kapitel. Für mich, für alle in Ückelitz würde es nie mehr einen Gregor geben. Versunken und vorbei – lebendig und doch schon tot.

So konnte ich denn mit fast heiterer Ruhe die Anweisungen für ihn gegenzeichnen, nachdem ich die beiden wertvollen Dokumente sorgfältig in meiner Brusttasche verwahrt hatte. »Bitte sehr, Herr von Lassenthin«, sagte ich und reichte ihm die Papiere: »Ich bitte nun nur noch um eine Quittung.«

Ich gönne ihm sogar das viele Geld, mehr Geld, als ich je in meinem Leben auf einem Haufen sehen würde. Ich fand, Catrionas guter Ruf war nicht zu teuer erkauft.

Die Quittung wurde ausgefertigt und mir gegeben.

»Da sind«, sprach Gregor und lächelte sehr liebenswürdig, »nun noch die Gebühren der beiden Herren Anwälte. Es wird dich kaum überraschen, daß ich bereits wieder – trotz deiner großzügigen Hilfe – blank bin. Ich hoffe, du hast ...?«

Ich winkte ab. Ich hatte eine Italienreise erspart, ich besaß Geld. Ich honorierte die Anwälte, die sich ihre halbe Stunde sehr dick vergolden ließen. Dann stiegen Gregor und ich die Treppe hinunter und traten auf den Boulevard – die Anwälte waren noch beieinandergeblieben. Sicher zerbrachen sie sich die Köpfe über dieses ungewöhnliche Geschäft.

Wir sahen uns einen Augenblick zögernd an, Gregor und ich.

»Hier trennen sich nun unsere Wege«, sagte Gregor. »Welche Richtung ziehen Sie vor, Herr von Strammin?«

»Ich gehe rechts.«

»Das trifft sich ausgezeichnet, denn ich gehe links«, antwortete Gregor.

Wir lüfteten mit einer gewissen Würde unsere Kopfbedeckungen und trennten uns, ohne Händeschütteln, ohne Redensarten – gottlob!

Ich ging meines Weges. Ich glaube, ich habe vor mich hin gesungen, so froh war ich. Übermorgen abend würde ich in Ückelitz sein!

»Einen Augenblick noch!« sagte Gregor neben mir. »Ich möchte dich noch etwas fragen ...«

»Bitte!« sagte ich, ein wenig überrascht von seinem unvermuteten Auftauchen.

»Ich möchte dich fragen«, wiederholte Gregor, »ob du jetzt wirklich glücklich bist –?«

»Doch!« antwortete ich. »Ich bin sehr glücklich. Vollkommen glücklich. Ohne einen Wunsch.«

»Und du verachtest mich grenzenlos?«

»Ich denke nicht mehr an dich. Schon vorher, als ich mich überzeugt hatte, daß der Trauschein echt war, dachte ich, daß du wie ein Gestorbener für mich wärst. Du existierst nicht mehr für mich.«

»Gut«, sagte er und lächelte mit all seinen Zähnen. »Aber einen Toten soll man ein bißchen ins Grab feiern, nicht wahr? Tu mir die Liebe und trinke zur Gedächtnisfeier noch eine Flasche Wein mit mir. Ich will sie sogar bezahlen, so blank, wie ich vorhin behauptete, bin ich nun doch nicht.«

»Was soll das für einen Sinn haben?« fragte ich.

»Es hat natürlich gar keinen Sinn«, gab Gregor zu. »Es ist bloß eine Laune von mir. Aber tu mir nun einmal den Gefallen. Es ist bestimmt das letztemal, daß ich dich um etwas bitte.«

»Gut«, sagte ich. »Aber nur eine Flasche. Ich möchte so schnell wie möglich reisen.«

Wir setzten uns vor ein Café, wo die Tische sich ungeniert auf dem Trottoir breitmachten. Wir saßen gewissermaßen auf der Straße zwischen den Flanierenden. Das beruhigte mich; seit Gregor mich wieder angesprochen hatte, wurde ich ein unheimliches Gefühl nicht los. Es war alles in Ordnung, es war alles doppelt, dreifach geprüft – und doch, dieses unheimliche Gefühl blieb und wuchs ...

Der Wein war gebracht. Gregor schenkte die Gläser voll. Er sagte: »Trinken wir auf unsern Erfolg, das ist ein Trinkspruch, auf den sogar wir uns einigen können. Du bist glücklich, und ich muß gestehen, ich bin auch recht glücklich. Ich habe ganz gute Arbeit geleistet. Schmeckt dir der Wein? Schön!«

Wir hatten beide unsere Gläser geleert. Es war ein sehr schwerer weißer Burgunder, der sofort wie Feuer in den Adern rollte, das Blut schien zu summen von ihm. Ich war wirklich sehr glücklich – trotz dieser heuchlerischen Fratze mir gegenüber.

»Und du bist also glücklich, du lieber Junge?« fragte Gregor wieder, fast flüsternd. Er sah mich nahe über dem Marmortischchen an.

»Ich finde, deine Fragen werden etwas eintönig«, antwortete ich. »Aber wenn es dich beruhigt, versichere ich dir noch einmal, daß ich sehr glücklich bin.«

»Du Trottel!« sagte Gregor plötzlich. »Ihr Trottel alle! Der Trauschein – ist – einen – Dreck – wert!«

Das Herz wollte mir stillstehen. Nun kam es – nun kam es doch noch –!

Mühsam sagte ich: »Der Trauschein ist geprüft. Der Trauschein ist gültig. Du bluffst mich nicht noch einmal.«

Er lachte, ich habe nie ein so häßliches, triumphierendes Lachen gehört. »Und von wem ist er ausgestellt? Von einem katholischen Pfaffen! Und was sind wir Lassenthins? Evangelisch! Der Trauschein ist ungültig, die Ehe ist ungültig – ich habe den kleinen Dorfpfaffen ein bißchen über mein Glaubensbekenntnis beschwindelt!«

Ich holte über den Tisch aus und schlug ihn mitten in die freche, triumphierende Fratze! (Wenn er damit gerechnet hatte, die Öffentlichkeit eines Cafés würde mich von Gewalttätigkeiten abhalten, so irrte er sich.) Ich hörte die Leute schreien. Ich sprang über den umgefallenen Tisch und schlug ihn mit einem Fausthieb zu Boden. Er war sofort wieder auf den Füßen, aber ich schlug ihn wieder nieder. Ich schlug ihn drei-, viermal nieder, und dabei heulte ich und schrie und wollte mein Geld wiederhaben, die Anweisungen –

Natürlich nahm das alles schnell ein Ende. Sechs, acht Kellner hielten mich, Gregor stand auf, die Oberlippe war ihm zerrissen, Blut tropfte, er sah schrecklich aus.

Aber selbst in diesem Moment verlor er seine Überlegenheit nicht. »Ich finde«, sagte er rasch, während ich noch gegen die antobte, die mich festhielten, »ich habe meine Rache nicht zu teuer bezahlt. Kehre ruhmgekrönt zu deiner Inamorata heim, sie wird dir einen festlichen Empfang bereiten. Und was das Geld angeht, gib dir keine Mühe. Es war stets ausgemacht, daß ich in seinen Besitz kommen sollte, wenn ich dir einwandfrei bewies, daß eine oder daß keine Ehe stattgefunden hatte. Der Beweis ist erbracht. Oh, ihr Trottel!«

Er hatte seine Kleider abgeklopft, warf Geld auf den Tisch und verschwand, ein Taschentuch gegen die blutende Lippe gedrückt.

Ich mußte mich zusammennehmen. Toben half nichts mehr, das Unglück war geschehen. Auch ich verteilte Geld und erreichte, daß man die Absicht aufgab, mich der Polizei auszuliefern.

Ich durfte in mein Hotel heimschleichen – zur glücklichen Heimfahrt nach Ückelitz.


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