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Ich komme zu Geld, verliere Bessy und habe eine Auseinandersetzung mit Onkel Gregor

 

Der Wind brachte uns bis ins Angesicht der Türme von Stralsund, dann fing er an zu krüseln, das Segel flappte. Umsonst flötete Rickmers und kratzte am Mast: Der Wind verließ uns ganz, und wir lagen, eine Viertelstunde Segelfahrt ab, in der schönsten Flaute.

»Es hilft alles nichts, ich muß pullen, junger Herr«, sagte Rickmers. »Und wenn Sie's eilig haben, so pullen Sie am besten mit.«

»Und ob ich's eilig habe!« rief ich und griff nach zweien von den langen, geteerten Riemen. »Das wäre doch gelacht, wenn wir das nicht in zwanzig Minuten schafften!«

Aber aus den zwanzig Minuten wurde fast eine Stunde, ich erfuhr, wie schwer sich solch großes Fischerboot ruderte. Doch war ich bis in die letzten zehn Minuten hoffnungsvoll. Wenn ich mich umdrehte – und ich drehte mich öfter um, als meinen Ruderkünsten gut war –, sah ich, daß bei Ole Pedersens Brigg lebhaftes Getriebe herrschte, von Menschen und Fuhrwerken, ja, ich glaubte sogar, unsere Stramminer Füchse zu erkennen.

Erst in den letzten zehn Minuten sah ich, daß es keine Füchse, sondern Braune waren. Da ruderte ich nicht mehr so forsch.

Doch hatte ich es dann wieder eilig genug, an Land zu kommen. Das Boot lag noch nicht fest, da kletterte ich die Leiter am Bollwerk hoch, rief dem Fischer Rickmers zu »Sie warten!« und fragte den nächsten Knecht: »Die Stramminer? Waren die Stramminer schon hier?«

Der kuckte mich erst eine ganze Weile an, ehe er sagte: »Die Stramminer? Sollen die auch hier sein?«

»Ja, das sollen sie! Die Stramminer Füchse!«

»Habe ich nicht gesehen, Herr, die Stramminer Füchse. Hast du die gesehen, die Stramminer Füchse?« fragte er einen andern. »Der Herr hier sagt ...«

Ich hatte keine Zeit mehr. Auf dem Verdeck der Svionia schrie unter dem Knarren der Hebebäume der Käptn Ole Pedersen herum, klein, krummbeinig, ein richtiger haariger Teufel, nicht die Spur von dem, was man sich unter einem Schweden vorstellt.

Ich sprang an Deck und fragte ihn: »Strammin? Weizen aus Strammin?«

Ich brüllte, einmal weil der Spektakel an Deck mit den knarrenden Winschen und sich zurufenden Leuten, mit der eilig puffenden Dampfwinde wirklich erheblich war, zum andern, weil ich die dunkle Vorstellung hatte, der Schwede würde gebrülltes Deutsch besser verstehen als gesprochenes – ein Irrtum vieler Sprachunkundiger.

Er brüllte nur ein »Hoh?« und hielt seine Hand an das mit dem silbernen Ohrring geschmückte Ohr, aus dem ein dickes, graues Haarpaket wuchs.

Ich schrie von neuem mein »Strammin! Stramminer Füchse! Weizen aus Strammin!«, und als er noch immer bei seinem »Hoh?« blieb, hatte ich eine Erleuchtung und schrie danach: »Fräulein von Schalenberg! Bessy von Schalenberg?«

Ich glaubte wahrhaftig einen Augenblick, der Mann kriegte den Veitstanz, so wirkte dieser Name auf ihn. Er fing an, ganz närrisch vor mir herumzuhopsen, dabei schrie er wüstes Zeug, das entschieden geflucht war, und schüttelte die Fäuste vor meinem Gesicht. Ich schloß daraus, daß Bessy wirklich auf der Brigg gewesen war, und zwar heute, von ihrem vorigen Besuch konnte der Affekt kaum noch so fröhlich sein. Da aber eine vernünftige Auskunft von dem haarigen Teufel doch nicht zu bekommen war, entlief ich seinem Geschrei an Land und kreuzte durch den strudelnden Verkehr auf dem Bollwerk bis zu Kalanders Kontor.

Diesmal traf ich Kalander nicht allein. Er schrieb mit zwei Schreibern eifrig am Stehpult, und vier, fünf Besitzer aus der Gegend, mir alle flüchtig bekannt, standen im Kontor herum, tranken Schnäpschen, rauchten sehr und erzählten sich eifrig was. Ich mußte viele Hände schütteln, über die Heuernte reden, über die Aussichten von Getreide und Hackfrüchten bei uns, dann die andern Aussichten anhören – ehe ich mich zu Kalander durchkämpfen und ihm die Hand schütteln konnte. Seine Begrüßung schien mir diesmal etwas frostig. Aber das konnte ich schon verstehen, ein wenig sehr pflichtvergessen war ich gewesen – in seinen Augen.

»Fräulein von Schalenberg schon dagewesen?« fragte ich, so unbekümmert wie möglich.

»Doch, doch«, antwortete Herr Kalander und hob den Blick kaum von seinen Büchern.

»Und meine Gespanne?«

»Auch dagewesen.« Er schrieb immer weiter.

»Und?«

»Ja, und?« fragte er dagegen und sah immer noch nicht auf.

»Ich sehe, Herr Kalander«, lachte ich, aber ein wenig verlegen, »Sie sind unzufrieden mit mir. Die Wahrheit ist, ich habe heute früh gründlich verschlafen. Und dann hatte ich eine so dringende Abhaltung ...« Es war mir, als hörte das ganze Kontor zu, jedenfalls unterhielten sich die Gutsbesitzer nicht mehr. Langsam wurde ich ärgerlich. »Jedenfalls ist das allein meine Sache. Würden Sie mir wohl freundlichst Auskunft geben, ob Fräulein von Schalenberg den Stramminer Weizen verladen hat?«

»Hat sie«, antwortete Herr Kalander und schrieb ungerührt fort.

»Hat sie irgendeine Botschaft für mich hinterlassen?«

»Hat sie nicht.«

»Und wann ist sie etwa abgeritten?«

»Es wird halb zwei gewesen sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihre liebenswürdige Auskunft, Herr Kalander. Mahlzeit, die Herren!«

Wütend verließ ich das Kontor, wütend schmiß ich die Tür zu. Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß man mich eine öffentliche Mißbilligung fühlen ließ. Dies war eine neue Erfahrung für mich, so konnte ich mich noch nicht richtig beherrschen. Außerdem dachte ich natürlich, das alberne Benehmen Kalanders hinge nur damit zusammen, daß ich mich so gar nicht um den Weizen gekümmert hatte. Ich ahnte noch nicht, daß sich ein Teil meiner nächtlichen Abenteuer bereits in der guten Stadt Stralsund verbreitet hatte und mit Windeseile immer weiter verbreitete. Hätte ich gewußt, daß die Entrüstung Kalanders nicht aus Pedanterie, sondern aus verletzter Moral stammte, wäre ich noch ganz anders zornig geworden.

Aber immerhin stand ich ziemlich ärgerlich vor seinem Kontor, meinen Rücken breit gegen das Fenster, an dem sein Pult stand. Sollte er ruhig meine Hinterfront ansehen! Ich hatte alles Recht, sehr ärgerlich zu sein, abgesehen von jeder Pedanterie. Hatte ich mir doch von Kalander Geld holen wollen, jedenfalls so viel, um den Fischer abzulöhnen. Aber unter diesen Umständen war das natürlich ganz unmöglich.

Eine Weile stand ich unentschlossen da. Aber dann biß ich in den sauren Apfel und ging wieder an das Bollwerk. »Können Sie wohl noch eine Weile warten, Rickmers?« rief ich hinunter. »Ich weiß noch nicht genau, ob ich mit Ihnen zurücksegeln kann oder ob Sie allein heim müssen.«

»Wie lange soll's denn dauern?« fragte er zurück.

»In einer Stunde, denke ich, werde ich's wissen.«

»So lange geht's schon, jetzt ist ja doch kein Wind. Aber ich darf hier mit dem Boot nicht liegenbleiben, junger Herr. Ich muß 'rüber in den Fischereihafen.«

»Ist recht«, sagte ich. »Setzen Sie sich da in eine Kneipe und tun Sie sich was zugute. Ich komme dann und löse Sie aus.«

»Ist recht, Herr. Ich sitze also in den ›Drei fidelen Tranjacken‹.«

Eigentlich mein letzter Ausweg war nun der Geheimrat Gumpel geblieben, meine letzte Hoffnung war, er sei wieder so weit auf dem Damm, daß ich ein Wort mit ihm sprechen und ihn um ein Stück Geld angehen konnte. Eilig ausschreitend, empfand ich es selbst als etwas kläglich, daß dies so romantisch begonnene Abenteuer in den letzten zehn Stunden auf nichts anderes hinauslief als auf die Jagd nach ein paar hundert Mark – so etwas hatte ich noch nie nötig gehabt.

Aber, sagte ich zu mir, wenn wir das Geld haben, wird diese Sache erst richtig ihren Anfang nehmen, und ich werde Catriona schon zeigen, daß ich auch zu etwas anderem zu gebrauchen bin!

Ich war schon dabei, düsterer Vorahnungen voll, den Kreis meiner Stralsunder Bekannten daraufhin zu prüfen, wen ich noch etwa um Geld angehen könnte, falls Gumpel wirklich noch krank lag. Es gab deren genug, die es mir ohne weiteres gegeben hätten (denn so leichtsinnig Papa oft mit dem Geld auch umging, waren wir Strammins doch nie das gewesen, was man böswillige Schuldner nennt). Aber unter ihnen allen wußte ich keinen, den ich in dieser Sache gern um Geld gebeten hätte, der vorher oder hinterher hätte wissen dürfen, es sei für Frau von Lassenthin bestimmt gewesen.

Der Geheimrat Gumpel wohnte, wie es sich für einen so erfolgreichen Anwalt gehört, in der Verkehrsader Stralsunds, in der Ossenreyer Straße. Etwas bänglich stieg ich die dunkle, ausgetretene Treppe empor, und schon das verheulte Gesicht der Haushälterin sagte mir, daß es schlecht um den alten Herrn stand. Sie erinnerte sich gut genug, daß ich ihn am gestrigen Abend nach Haus gebracht hatte, und wollte schon anfangen, mir in einer weinerlich-muckischen Art Vorwürfe zu machen, weil ich ihn nicht besser vor dem Unwetter beschützt hatte.

Da hörten wir einen Schritt rasch und leise die Treppen hinaufkommen, und als dieser Neue ins Licht des Flurs trat, war es kein anderer als mein Onkel, der Herr Gregor von Lassenthin. Ich fuhr ein wenig zusammen, er aber beachtete mich gar nicht, sondern verlangte sehr höflich und doch sehr dringend den Geheimrat Gumpel zu sprechen. Er bekam dieselbe weinerliche Auskunft wie ich, daß der Geheimrat seit gestern abend ohne Besinnung liege und niemanden sehen oder sprechen könne, daß der Sanitätsrat Querfot heute schon zweimal dagewesen sei und in einer halben Stunde zum drittenmal erwartet werde und daß es auf Tod und Leben gehe. Mein Onkel hörte sich das alles aufmerksam an, ohne eine Miene zu verziehen und ohne mich, der etwas zur Seite stand, eines Blickes zu würdigen. Ich hätte darauf schwören mögen, daß ihm diese klägliche Auskunft keinen Kummer machte. Er sagte rasch, mit vollkommener Höflichkeit, daß er diese Erkrankung bedauere, daß er bitte, dem Geheimrat sobald wie möglich seine besten Wünsche auszurichten, und daß er in Bälde wieder einmal vorsprechen werde. Damit nickte er der Haushälterin zu und stieg die Treppe wieder hinunter.

Ich meinerseits war recht erleichtert, daß er mich nicht erkannt hatte, wenn es mich auch beunruhigte, Gregor heute in der Stadt und an diesem Orte zu sehen. Ich verabschiedete mich nun auch rasch mit ein paar passenden Worten und eilte hinter dem Onkel die Treppe hinunter. Ich kam noch rechtzeitig, um ihn durch den abendlichen Verkehr der Ossenreyer Straße dem Alten Markt zugehen zu sehen, und folgte ihm in einiger Entfernung, neugierig, wohin er sich wenden würde.

In meiner Kundschaftertätigkeit wurde ich aber durch den jungen Strasen, den ältesten Sohn der Strasens auf Groß-Ellerau, aufgehalten, der mich ziemlich erhitzt und auch ein wenig voll des süßen Weines anhielt und von mir wissen wollte, was für einen Preis mir der alte Schurke, der Pedersen, heute vormittag für meinen Weizen gezahlt hätte. Richtig, jetzt fiel es mir ein, es waren die Ellerauer Braunen gewesen, die ich vorhin auf dem Bollwerk gesehen hatte. Es stellte sich heraus, daß Pedersen plötzlich nicht zwei Mark mehr, sondern eine Mark weniger für den Weizen zahlen wollte, und Strasen hatte nach einem erbitterten (und nicht alkoholfreien) Gefecht den kürzeren gezogen. Nun war er hinterher voll Zorn, und es hätte ihn etwas erleichtert, in mir einen Leidensgefährten zu finden. Der Strohhut des Onkels war längst marktwärts entschwunden, aber Ausflüchte hätten mir doch nicht geholfen: Ich gestand klipp und klar, daß ich den Weizenpreis noch nicht wüßte, sondern daß Fräulein von Schalenberg für mich abgerechnet hätte.

»Ein famoses Mädchen«, rief Strasen, eine Spur zu begeistert, aus. »Ja, wer seine Geschäfte in so kluge Hände legen kann! Strammin, Sie sind ein Glücksjunge und wissen nicht einmal, wie gut Sie es haben.«

Ich versicherte mit einiger Zurückhaltung, ich wüßte das schon. Außerdem hätte ich es im Augenblick weniger gut, denn ich liefe schon eine Stunde in der Stadt herum, um Fräulein von Schalenberg zur Abrechnung zu erwischen. Ich sei zufällig ohne einen Pfennig Geld, und das sei etwas peinlich. Ob vielleicht Herr Strasen mir für ein oder zwei Tage oder auch nur für ein oder zwei Stunden (falls ich nämlich Fräulein von Schalenberg bis dahin träfe) mit ein paar Mark aushelfen könne?

»Sagen wir der Abrundung halber fünfhundert Mark, Strammin!« rief Strasen, der die Tasche voll Geld hatte. »Nein, bitte, nichts Schriftliches, wir kennen uns doch! Und wenn Sie heute abend noch hiersein sollten, wir sitzen im Ratskeller und begießen uns ein wenig die Nase. Wahrscheinlich gehen wir hinterher noch in den Troubadour – es soll da eine ganz phantastische Cancantänzerin aus Berlin auftreten. Sie wohnen natürlich im ›Halben Mond‹?«

Ich erwiderte der Wahrheit gemäß, daß ich allerdings meinen Gaul dort stehen hätte. Damit trennten wir uns, die Verabredung für den Abend in der Schwebe lassend, und ich ging weiter, dem Marktplatz zu, auf der längst kalt gewordenen Spur meines Onkels. Einesteils war ich ganz zufrieden, daß nun endlich die Geldfrage gelöst war, anderseits ärgerte es mich doch, daß ich ganz gegen Wunsch und Willen spontan gerade den jungen Strasen um Geld angegangen hatte. Er war ein guter Junge, aber er neigte ein wenig zum Prahlen, und wenn er so weitertrank, wie er heute nachmittag begonnen hatte, würde es noch vor morgen jeder, der es hören wollte, erfahren, daß er dem jungen Strammin mit fünfhundert Kröten aus der Klemme geholfen hatte.

Ich stand auf dem Marktplatz, es ging auf den Abend zu, und ich wußte eigentlich nicht mehr, was ich hier noch sollte. Am schlauesten ich ging zu den »Drei fidelen Tranjacken«, löste meinen Rickmers aus, ehe er ganz duhn war, und segelte mit ihm nach Hiddensee zu Catriona zurück. Gegen Abend gibt es bei uns meistens eine Mütze voll Wind.

Aber ich konnte mich nicht recht entschließen, ich wußte selbst nicht warum. Alles zog mich zu Catriona zurück, und doch mochte ich nicht gehen. Vielleicht war es ein Gefühl von Gefahr, das mir die Anwesenheit Gregors von Lassenthin vermittelt hatte. Als ich mich jetzt seiner glatten, ruhigen Stimme erinnerte, überkam mich wieder der Haß, daß es dieser Mensch gewesen war, der Catriona alles Leid zugefügt hatte, der gesonnen war, ihr noch weiter jedes Leid zuzufügen. Jetzt bedauerte ich es, daß ich ihn nicht angesprochen hatte, vielleicht hätte ein kurzes Gespräch mit ihm mir doch einen Wink gegeben über das, was er vorhatte. Vermutlich saß er in einer der Wirtschaften hier am Markt, aber auf eine Wilde-Gänse-Jagd durch alle Lokale nach ihm zu gehen, gelüstete mich nicht. Dann fiel mir mein Alex ein. Ich hatte ihn in der Nacht ohne Weisung im Stich gelassen, ich ahnte noch nicht, wann ich mich wieder um ihn würde kümmern können, ich mußte dem Stallknecht ein paar Worte seinetwegen sagen. Also ging ich auf den Wirtschaftshof des »Halben Mondes«.

Dem Alexius fehlte nichts, der Stallknecht kannte ihn von manchem Besuch (und von manchem guten Trinkgeld), ich brauchte nicht weiter größte Sorgfalt zu empfehlen. Alex wieherte leise, als ich in den Stand zu ihm trat und ein Zuckerstückchen (von unserm Morgenkaffee auf der Tirpitz) aus meiner Joppe für ihn fischte. Plötzlich fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich noch gar nicht wußte, was mit ihm werden sollte, vielleicht hätte ich ihn am besten mit den Fuhrwerken nach Haus geschickt. Aber ich war nicht zur Stelle gewesen, und dann, was hätten wohl die Eltern gesagt, wenn der Alex nach Hause kam, der Lutz aber nicht? Die Eltern – wahrhaftig, ich hatte kaum an die Eltern gedacht in den letzten vierundzwanzig Stunden. Ich mußte ihnen wenigstens ein paar Worte schreiben! Sonst würden sie sich Sorgen machen – wenn's auch bei uns auf dem Lande nicht ganz ungewöhnlich ist, daß die Stadtfahrt eines jungen Mannes manchmal länger dauert, als die vernünftigste Berechnung annimmt. Die Väter »versacken« selbst noch gern einmal, die Mütter wissen davon und lächeln milde und wollen nichts von Entschuldigungen und Erklärungen hören.

Aber ich mußte schreiben, irgend etwas, von dringender Abhaltung, Privatangelegenheiten und späterer Aufklärung – unbedingt, jetzt noch, in dieser Stunde noch!

So stand ich in tiefen Gedanken und kraulte ganz mechanisch dem Alex die Mähne. Da fiel mein Blick auf einen Rappen im Stand gegenüber, einen Rappen mit langer Blesse bis auf die Nüstern herunter. Ich habe das Pferd nie recht leiden mögen, gerade als Dame sollte man nicht einen Gaul mit so auffallender Blesse reiten (obwohl ich die Meriten des Pferdes sonst anerkenne). Diesmal rief ich aber doch ganz erleichtert aus: »Friedrich, das ist doch der Rappe von Fräulein von Schalenberg!«

»Gewiß, Herr von Strammin.«

»So ist Fräulein von Schalenberg im Hotel?«

»Ich möchte es annehmen. Sie hat das Pferd vor einer guten Stunde hier eingestellt.«

Ich ging also doch wieder in den »Halben Mond«, und so bald schon wieder! Am Empfang hantierte Herr Ericke und grüßte mich ernst. Mit einem plötzlichen Einfall ging ich an ihn heran und sagte: »Herr Ericke, ich möchte doch lieber meine Rechnung von gestern abend bezahlen. Geben Sie her, wieviel war es doch?«

Herr Ericke wurde etwas verlegen. »Ich bitte um Verzeihung, Herr von Strammin«, sagte er. »Hoffentlich habe ich keinen Fehler begangen. Vor einer Stunde hat sich Fräulein von Schalenberg bei mir nach Ihnen erkundigt und hat bei dieser Gelegenheit Ihre Rechnung mitbezahlt. Sie sagte mir, sie hätte für Sie Weizen abgeliefert, es sei Ihr Geld – wie gesagt, ich hoffe, daß kein Fehler ...« Er gab sich einen Ruck: »Übrigens sitzt Fräulein von Schalenberg drinnen im Speisesaal.«

»Es ist gut, Herr Ericke, stimmt alles«, sagte ich möglichst unbekümmert. Innerlich aber dachte ich: Hoffentlich hast du den Mund gehalten, du alter Angstpeter, sonst gnade dir Gott! Und ich fragte ihn: »Vielleicht ist mein Onkel auch drinnen?«

»Ihr Herr Onkel –?«

Es war wirklich zuviel selbst von dem landkundigen Ericke verlangt, daß er auch dieses Verwandtschaftsverhältnis aus dem Stegreif wußte. »Herrn von Lassenthin meine ich, den jungen Lassenthin, Gregor.«

»Ist vor zehn Minuten hineingegangen«, sagte Herr Ericke, und nun trat auch ich in den Speisesaal.

Ich sah meine Braut »Bessy« sofort. Sie hatte einen Fensterplatz, auf meinem Wege zum und vom Wirtschaftshof war ich eben zweimal direkt unter ihrer Nase vorbeigelaufen, und sie hatte nicht gegen die Scheibe geklopft. Vielleicht hatte sie mich nicht gesehen, sie saß in eifriger Unterhaltung mit einem Herrn, der mir den Rücken kehrte. Über den Kaffeetassen auf dem Tisch berührten sich die Köpfe der beiden fast. Aber wenn der Herr mir auch den Rücken kehrte, so kannte ich ihn doch, kannte ihn an dem affig ausrasierten Nacken und tadellos durchgezogenen Scheitel, kannte ihn an dem modisch hellen Stadtjackett und der zartgrau getüpfelten Hose, wie sie bei uns hier keiner auf dem Lande trägt. Kannte ihn an dem charakteristischen Zucken der Schulter, mit dem er seinen geflüsterten Worten weiteren Nachdruck zu geben schien: meinen Onkel Gregor, den in vierundzwanzig Stunden zum drittenmal zu treffen jetzt mein Schicksal war.

Aber ich mußte ihn nicht sprechen, durchaus nicht. Noch hatten die beiden mich nicht gesehen, ich konnte ohne ein Wort gehen und entwich vielleicht damit einer recht unangenehmen Auseinandersetzung. Denn worüber die beiden flüsterten, das war mir von der ersten Sekunde klar: doch nur über mich!

Wenn ich aber geschwankt habe, so ist es nur der Bruchteil einer Sekunde gewesen. Ich bin Entscheidungen nie aus dem Wege gegangen, am liebsten habe ich sie gesucht. So ging ich auch jetzt grade auf den Tisch zu und sagte, beiden die Hand reichend: »Da bin ich, Bessy. Ich fürchte, ich habe Euer Liebden viel Ärger bereitet. – Guten Abend, Onkel Gregor.«

Bessy reichte mir mit unverhohlener Freude ihre feste, von all der Reiterei und dem vielen Draußensein etwas gerötete Hand und sagte: »Na, Gott sei's getrommelt und gepfiffen, daß du dich doch noch auf mich besinnst – oder auf deinen Weizen, ich will das so genau gar nicht wissen, Lutz!«

Onkel Gregor aber hängte seine schlaffe, weiße Hand nur einen Augenblick in meine und sagte nachdenklich: »Bon soir, cher neveu, comment ça va?«, wartete aber keine Antwort ab, sondern sah aus dem Fenster auf den Markt, als interessiere ihn das Denkmal des Bürgermeisters Lambert Steinwich, der die gute Stadt Stralsund gegen Wallenstein verteidigt hatte, gewaltig.

Natürlich ärgerte mich das, ich schnitt seinem modischen Rücken eine Grimasse, worüber Bessy lachte. Sie sagte: »Du bist bester Laune, Lutz? Jedenfalls scheint, was dich mir und deinem Weizen fernhielt, angenehmer Natur gewesen zu sein?«

»Das kann ich so genau noch nicht sagen«, antwortete ich vorsichtig. Ich war auf meiner Hut, ich hatte noch immer den Eindruck, über mich sei geflüstert worden, und so harmlos Bessy auch schien, vor meinem Onkel wollte ich dieses Thema lieber vermeiden. »Aber ich habe eben den jungen Strasen getroffen, er war ganz empört, weil der Pedersen ihn im Preis gedrückt hat. Auf der Svionia wurde aber der alte Schwede schon fuchsteufelswild, als ich nur deinen Namen nannte – was für einen Preis hast du denn erzielt, Bessy?«

»Den alten! Den alten, guten!« lachte sie. »Alles für Strammin! Alles für Euer Liebden! Wenn Ihr auch empört seid, daß ich meine weißen Arme und blauen Augen für so niedrige Zwecke mißbrauche. Ja, Lutz«, rief sie und klopfte sich triumphierend auf die Tasche ihres Reitjacketts, »ich habe einen Haufen Geld bei mir für dich, und ich bin die einzige, die heut diesen Preis bei dem alten Pascher herausgeholt hat.«

»Du bist wirklich ein Prachtmädel, Bessy«, sagte ich und sah, wie ein leichtes Rot in ihre Backen stieg. »Aber warum ist Pedersen so wütend auf dich?«

Sie lachte. »Er hat gedacht, er könnte mich mit seinem süßen Zeug, diesem Schwedenpunsch, herumkriegen und schenkte mir immer fleißiger ein, und ich trank auch immer fleißiger. Nur hatte er schon zu fleißig getrunken und merkte darum nicht, daß ich immer nur ein Schlückchen nahm und den Rest auf den Boden goß. Eine ganze Pfütze stand da schließlich, und genau in diese Pfütze habe ich ihn gesetzt, als er schließlich zudringlich wurde!«

Sie freute sich aufrichtig ihres Streiches. Aber wieder hatte ich ein unangenehmes Gefühl bei dieser Erzählung; ich dachte an den schmierigen, haarigen Teufel mit den eisgrauen Zotteln aus den Ohren, an seine Kajüte, die förmlich stinken mußte von all seinen Gemeinheiten, und plötzlich dachte ich: So etwas würde Catriona nie tun. Ich sagte aber ganz artig: »Du bist wirklich tüchtig und riskierst allerhand.«

Doch es klang nicht mehr so begeistert wie vorhin, sondern etwas von dem, was ich wirklich empfand, ließ sich in diesen Worten nicht ganz verbergen.

Ich sah eine Wolke über Bessys helle Stirn ziehen, mein Onkel aber wandte sich einen Augenblick ihr zu und meinte, ohne mir einen Blick zu schenken: »Sie müssen bedenken, Gnädigste, ce cher neveu hat ein sehr zartes Gewissen.«

Nach dieser Anmerkung widmete sich mein Onkel wieder ganz seinem Ausguck aus dem Fenster. Es konnte nur eine der gewohnheitsmäßig spöttischen Bemerkungen meines Onkels gewesen sein, es konnte aber auch einen Stich bedeuten, und auf einen Stich gehört ein Gegenstich. »Auf Gewissensfragen verstehst du dich bestimmt besonders gut, Gregor«, antwortete ich.

Der Onkel aber sah, als habe er nichts gehört, aus dem Fenster, und so saßen wir alle drei stumm.

Dann sagte Bessy: »Wenn es dir recht ist, Lutz, reiten wir beide nun bald los. Wenn wir unsere Gäule laufen lassen, holen wir deine Gespanne noch vor Strammin ein, können fröhlichen Einzug halten und deinem Papa ein erfreuliches Geld überreichen.«

Wäre der verdammte Gregor nicht dabeigesessen, hätte ich jetzt – vielleicht – offen mit Bessy geredet. Aber der verdarb mir alles, ich hatte Hemmungen und sagte: »Aber, Bessy, du wirst doch nicht heute abend noch nach Strammin reiten? Das kann ich dir doch wirklich nicht zumuten! Die Gespanne finden schon allein das letzte Stück Weg heim, und wir können hier abrechnen.«

Sie sah mich noch immer nicht an. Auch ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht, nur ihre Stimme klang ein wenig gereizt, als sie fragte: »Und werden Euer Liebden mich wenigstens bis zu meinem niederen Dach geleiten?«

»Ich möchte schon«, sagte ich und ärgerte mich schrecklich über meine feige Lügerei, »aber ich habe dem Strasen versprochen, mich nachher noch im Ratskeller sehen zu lassen. Wir wollen später in den Troubadour, es soll da eine phantastische Cancanöse auftreten ...«

»So!« antwortete Bessy nur. »So!«

Eine Weile war es zwischen uns still, dann sagte sie ganz nebenbei: »Ich habe übrigens deine Hotelrechnung hier bezahlt, Lutz!«

Ich sah wütend den Rücken meines Onkels an und antwortete: »Herr Ericke hat es mir schon gesagt. Hoffentlich hast du keinen Schreck gekriegt, wieviel ich gegessen habe.«

»Wieso gegessen?« fragte sie, ganz woanders mit ihren Gedanken.

»Ach, nur so. Ein dummer Witz.«

Sie schwieg. Dann gab sie sich plötzlich einen Ruck. Sie sah mich groß an und meinte: »Etwas hat gestern mittag nicht gestimmt, Lutz!«

»Nun, Bessy«, fragte ich, »was hat denn nicht gestimmt?«

»Das Hasenlied!« sagte sie und sah mich immer eindringlicher an. »Das Hasenlied hätte ich singen müssen.« Ich schwieg, aber ich konnte es nicht hindern, daß mir die Röte ins Gesicht stieg. »Siehst du!« sagte sie. Und plötzlich ganz in ihrem alten freundschaftlichen Ton: »Also, Lutz, tu mir auch einmal einen Gefallen, versetze den Strasen, der ja doch nur krakeelig wird, wenn er einen unter der Mütze hat, und reite jetzt mit mir nach Strammin.« Sie überlegte einen Augenblick, dann sagte sie hastig: »Nein, Lutz, bring mich nur bis Schalenberg, nur deinen guten Willen möchte ich sehen. Was ich sonst in Strammin vorhatte, interessiert mich nicht mehr.«

Ich war wirklich gerührt, so viel Weichheit hatte ich von meiner herrischen Bessy nie erwartet. Wie gern wäre ich mit ihr geritten, aber ich wußte ja schon, wie es dann kam. Sie ließen mich nicht wieder los, ich würde in Schalenberg übernachten müssen. Am nächsten Morgen kam ich auch noch nicht fort, da mußte durch die Ställe und über die Koppeln gegangen werden, dann wurde zu Mittag gegessen, und schließlich gab mir Bessy doch noch das Geleit nach Strammin, wo wieder sie übernachtete ... Indessen lag der Fischer Rickmers in den »Drei fidelen Tranjacken« fest, während Catriona mit sechzehn Mark in der Tasche auf Hiddensee meiner wartete. Es war unmöglich!

Aber Wahrheit war möglich, und so sagte ich bittend: »Komm, Bessy, gehen wir ein Stückchen über den Markt.«

Jetzt rief sie zornig: »Ich will nur wissen, ob du mit mir reitest oder nicht, nichts sonst!«

»Aber ich möchte dir etwas erzählen, Bessy.«

»Jetzt kommt es nicht aufs Erzählen an, es kommt darauf an, ob du mit mir reitest. Lutz, ich frage dich jetzt zum drittenmal, reitest du mit mir: ja oder nein?«

Ich sah verzweifelt auf meines Onkels Rücken. Es sah ihm wieder einmal so recht ähnlich, bei einer solchen Auseinandersetzung sitzen zu bleiben! Jeder anständige Mann wäre längst mit einer Entschuldigung gegangen! »Ich muß dich allein sprechen, Bessy!« wiederholte ich hartnäckig.

»Wir haben nichts allein zu besprechen!« widersprach sie heftig. »Wir wissen alle beide recht gut, wovon wir reden. Ich will es nicht auch noch ausgesprochen hören!« Und in einem andern, viel weicheren Ton: »Lutz, besinne dich doch! Wir sind doch immer gute Freunde gewesen, das kann doch nicht alles auf einmal entzwei sein. Oder –?«

»Es ist nichts entzwei, Bessy«, rief ich. »Wir sind bessere Freunde denn je.«

»Aber du reitest nicht mit mir?«

»Ich kann es nicht. Wenn du mich anhören würdest, gäbest du mir recht, Bessy. Da du das aber nicht willst, mußt du mir einfach glauben, daß ich es nicht kann!«

»Also gut!« sagte sie und stand auf, sehr blaß. »Herr von Lassenthin, wir haben ja ein Stück gemeinsamen Weg, reiten Sie mit?«

»Mit dem größten Vergnügen, meine Gnädigste«, antwortete mein Onkel und stand sofort auf.

Bessy ging ohne ein Wort an mir vorüber. Gregor von Lassenthin tippte mit einem Finger gegen seinen Hutrand und sagte nachlässig: »A rividerci, caro nipote!« Und verschwand hinter meiner ehemaligen »Braut«.

Jetzt war mir klar, damit war es zu Ende. Ja, im ersten Augenblick wollte ich fast Erleichterung deswegen spüren: Nun war ich ganz frei und konnte mich ohne alle Scheu Catriona widmen. Aber sofort empfand ich Scham wegen dieses Gefühls. Nicht so, dachte ich. Nicht dies. Ich war ihr Ritter, das war sehr viel und auch wieder nichts, es hätte ruhig eine Braut Bessy neben diesem Rittertum geben können. Bei Catriona war alles ganz anders. Ja, ich liebte sie, ich gestand es mir ein, aber meine Liebe hatte nichts Irdisches in sich. Ich war schon zufrieden, ich war selig, wenn ich sie nur sah. Ja, ich war schon selig durch das Bewußtsein, daß ich ihr diente. Es tat mir in der Seele leid, daß sich Bessy so von mir getrennt hatte, und doch freute es mich selbst in dieser Minute, daß ich ihr, Catriona, dies Opfer hatte bringen können.

Jemand setzte sich an meinen Tisch. Ich sah unwillig auf: Es war wiederum dieser verhaßte Gregor von Lassenthin!

»So bist du also doch nicht mit Fräulein von Schalenberg geritten?« fragte ich und war sehr auf meiner Hut.

»Ich habe noch einen Auftrag an dich auszurichten von Fräulein von Schalenberg, mein Ludwig«, antwortete Lassenthin und zog ein Paketchen aus der Tasche. »Ich habe hier das Geld und auf einem Zettel die Abrechnung für den gelieferten Weizen.«

»Danke schön«, sagte ich. »Sehr liebenswürdig von dir. Lege es nur hin, es wird schon alles stimmen. Sicher hast du es eilig mit deinem Heimritt.«

»Die Wahrheit zu sagen«, meinte mein Onkel und zog dabei mit übertriebener Pedanterie die modischen Hosen über den Knien hoch, »die Wahrheit zu sagen, bin ich gar nicht beritten, ich bin mit dem Wagen hier. Es fiel mir erst wieder ein, als ich mit deiner Dame im Stall stand.«

»Da du sehr aufmerksam zugehört hast, lieber Onkel, wird dir nicht entgangen sein, daß die Dame nicht mehr meine Dame ist!«

»C'est ça!« lachte er. »Und um dir auch einmal die Wahrheit zu gestehen, wußte ich es schon hier sehr wohl, daß ich gar nicht beritten war. Ich hielt es nur für wünschenswert, daß deine Dame möglichst rasch das Lokal verließ.«

»Du bist heute ungewöhnlich freigebig mit der Wahrheit«, meinte ich.

»Ich kann dir aber nicht dafür stehen, daß es dabei bleibt«, lachte er und zeigte dabei seine schönen weißen Zähne. Er war wirklich ein schöner Kerl, verdammt noch einmal, aber es war solche Puppenschönheit. Sein Mund war viel zu klein, eine Spur aufgeworfen und sehr rot. Sah man ihn an, mußte man immer denken, daß er der Sohn einer (sehr niedlichen) Mutter war, nie, daß auch ein Mann sein Vater gewesen war (und was für ein männlicher Mann!).

»Dann ist es schon besser, wir brechen diese Unterhaltung ab«, sagte ich und stand auf. »Wenn du mir nun noch das Geld geben wolltest, Onkel Gregor?«

Er war ganz ruhig sitzen geblieben. »Ich will dir sagen, was ich tun werde«, sagte er, und all seine falsche Katzenfreundlichkeit war mit einem Schlag von ihm abgefallen und der unverhohlene Haß zum Vorschein gekommen. »Ich werde dir das Geld nicht geben, und du und dein Fräulein von Schalenberg werden sich damit abfinden müssen.« Er lächelte schon wieder. »Ich werde mit dieser erzieherischen Maßnahme bestimmt den Beifall deiner Herren Eltern finden.«

Ich setzte mich wieder. Ich war jetzt ganz kalt, und gottlob konnte ich es mir leisten, kalt zu bleiben, da ich Strasens Geld in der Tasche hatte! »Es ist recht«, nickte ich. »Behalte das Geld nur ruhig, aber vergiß das Abliefern nicht – ich habe gehört, in Geldsachen bist du leicht einmal vergeßlich.«

»Wir haben also wieder Geld?« lachte mein Onkel. »Heute nacht wart ihr nicht gerade bei Kasse?«

»Ich habe immer gewußt, daß der Ericke ein altes Waschweib ist«, sagte ich verächtlich. »Daß aber ein Lassenthin ein Spion ist, das habe ich jetzt zugelernt.«

Gregor von Lassenthin schien nichts zu rühren. »Ja, mein junger Parsifal«, sagte er spöttisch. »Denkst du denn, ich treffe keine Vorkehrungen? Glaubst du, ich liefere mich einer Abenteuerin kampflos ans Messer? Ich bin nicht mehr ganz so unerfahren wie du; so war Herr Ericke auf diesen Besuch vorbereitet und vollständig im Recht, ihn abzuweisen – trotz deiner Bemühungen.«

»Und Major von Brandau war zweifelsohne auch vorbereitet? Als aber der Major mit der Dame sprach, hatte er nicht den Eindruck, mit einer Abenteuerin zu sprechen, sondern eben mit einer Dame! Herr von Brandau ist ein besserer Menschenkenner als Herr Ericke.«

»Ein heißer Frauenverehrer, willst du sagen. Wie der jüngste Esel vom Lande fällt er noch auf jedes hübsche Frauengesicht herein. Unterdes habe ich ihm aber einiges Material zugänglich gemacht, und er weiß, daß ich bei dem geringsten Versuch der Annäherung durch diese Frau Strafantrag wegen Erpressung stellen werde.«

»Ich glaube, Onkel Gregor, manchmal wird dir selbst angst vor deinem Mut.«

»Ich fürchte, lieber Neffe, dir wird eines Tages angst werden vor dem, in das du dich da eingelassen hast. Sie hat nicht die geringste Chance, und nachdem sie einiges Geld von dir bezogen hat, wird sie schleunigst wieder verschwinden.«

Er zog die Scheine aus der Tasche (die mir gehörten), sah sie an, klappte mit ihnen auf das Holz und ließ sie wieder in seiner Tasche verschwinden.

»Du weißt, daß jedes Wort gelogen ist, das du sprichst«, sagte ich wieder, »und du weißt sogar, daß ich das weiß. Aber du bist so schamlos, es kommt dir nicht einmal mehr auf den Schein an. Du weißt recht gut, wie du sie belogen und betrogen hast, du weißt ebenso gut, daß du dich rechtmäßig mit ihr hast trauen lassen, und das einzige, was du vielleicht nicht weißt, ist ...«

»Nun, was weiß ich noch nicht?« fragte er, jetzt wirklich interessiert, und sah mich scharf an.

»Ich bedauere, Onkel.« Ich lächelte ihn spöttisch an. » Eine Überraschung behalte ich doch noch gern für dich in Vorbereitung.«

»Es gibt nichts mehr, was mich von dieser Frau überraschen kann«, sagte mein Onkel und tat ganz desinteressiert. Aber ich merkte doch, daß er unruhig geworden war. »Ich habe alles mit ihr erlebt, was ein Mann mit einer Frau erleben kann. Dir hat sie natürlich auch das Märchen von der Trauung aufgebunden. Ich nehme an, sie hat dir auch ihre Papiere gezeigt –?« Er sah mich spöttisch an. »Sie kann dir nicht einmal sagen, wo sie getraut ist, ja, irgendwo, ein Gebirgsdorf in den Apenninen, wird sie sagen. Ja, mein Lieber, sie weiß nicht einmal das!«

»So willst du es also drehen!« rief ich. »Nun, mit einigen Geldmitteln wird man den Namen des Dorfes schon erfahren.«

»Die du ihr zur Verfügung stellen wirst? Ach, entschuldige, ich habe vergessen, du hast ja noch nichts. Dein Vater freilich wird leidenschaftlich gern für dich einspringen.«

»Das wird meine Sache sein. Wir werden es schon herauskriegen. Vergiß den Geheimrat Gumpel nicht, Onkel Gregor, er gehört auch zu unserer Partei.«

»Nimm es für ein Gottesurteil, mon cher neveu, daß der gute Gumpel auf der Nase liegt, und vielleicht nie, bestimmt aber in den nächsten Wochen nichts für euch tun wird können.« Dies war leider nur zu wahr, und mein Gesicht verriet vielleicht etwas von meiner Betrübnis. »Gott, Neffe«, lachte Gregor von Lassenthin, »jetzt machst du wieder genauso ein verkniffenes Gesicht wie vor einer Stunde an der Tür Gumpels!«

»Du hast mich also doch dort gesehen!« rief ich unwillkürlich aus.

»Glaubst du denn, ich bin blind?« Der Onkel sah mich spöttisch an. »Es ist manchmal ganz gut, jemanden nicht zu sehen. Denn wenn man ihn nicht sieht, muß man auch nicht mit ihm sprechen. So hatte ich die schönste Zeit, hier die liebe Bessy ein bißchen auf dich vorzubereiten. Das Ergebnis siehst du.«

Ich fühlte jetzt doch den Zorn langsam in mir hochsteigen. Mit aller Mühe bezwang ich ihn. Von seinen vermeintlichen Erfolgen berauscht, verriet der Onkel in seiner maßlosen Eitelkeit mehr, als er glaubte. Ich mußte ihn jetzt beim Schwatzen halten. »Ach, Bessy«, sagte ich leichthin. »Bei einer so alten Freundschaft gibt es immer einmal ein Gewitter, das zählt nicht.«

»Aber ihr seid doch Brautleute, mein lieber Junge, und bei Brautleuten sind Gewitter dieser Art oft äußerst gefährlich.« Ein hämischer Zug legte sich um seine Mundwinkel.

Ich zuckte nur mit den Achseln.

»Ach –?« sagte der Onkel. »Du legst keinen Wert mehr darauf? Sitzt der Haken so tief? Das ist interessant. Ich erwerbe mir ja direkt ein Verdienst um dich bei deinen hochverehrten Eltern, wenn ich ihnen einen Wink gebe.« Wieder sah er mich spöttisch an. »Für einen so jungen Burschen hältst du dich ganz wacker, Ludwig, aber der Mut wird dir schon vergehen, wenn deine Eltern dir eine ähnliche Frage stellen werden wie vorhin das Fräulein von Schalenberg, und wenn du dann vor der Tür stehst, ohne einen Freund, ohne Geld. Viel gelernt hast du nicht, Gott, das bißchen Landwirtschaft, wie es eben so ein Herrensöhnchen treibt! Und sehr intelligent bist du auch nicht gerade –«

Jedes Wort war halblaut mit lächelnder Miene gesagt, wie seine Stimme überhaupt nicht einen Augenblick lauter geworden war, aber jedes Wort war bestimmt, mich tödlich zu verletzen. Aber da ich diese seine Absicht spürte, darum blieb ich ruhig. Ich sagte: »Vielleicht bringst du das wirklich alles fertig, Onkel Gregor, wenn du auch gut weißt, daß einem Menschen wie dir das Betreten von Strammin verboten ist. Du wirst schon geschickter lügen müssen als eben jetzt, ehe du meine Eltern gegen mich aufbringst.«

Ihn hatte mein Pfeil schärfer getroffen. Seine maßlose Eitelkeit litt Pein schon bei der Erinnerung an seinen schlimmen Ruf.

»Aber ich sagte schon, vielleicht bringst du das alles fertig. Bringst mich mit allen auseinander. Vielleicht erreichst du auch, daß gegen Frau von Lassenthin vorgegangen wird. Vielleicht siegst du auf der ganzen Linie. Aber eines vergißt du, Gregor, eines kann ich dann noch immer tun –«

Ich hatte meinen Mund ganz nahe an sein Ohr gebracht, ich flüsterte nur noch, wenn ich auch innerlich vor Erregung zitterte.

Unwillkürlich flüsterte er ebenso leise: »Und was wäre das –?«

Ich sah ihm fest in die Augen. »Ich kann tun, was der Ferdl tat, Gregor, und ich werde es tun, so wahr mir Gott helfe!«

Ich stand mit einem Ruck auf und schob den Stuhl zurück. Ich sah seine Lippen zittern, ein fast blödes Lächeln spielte um seinen Mund.

»Du mußt dich auch nicht darauf verlassen, Gregor«, sagte ich noch, »daß immer die Lumpen Glück haben.«

Damit ließ ich ihn sitzen. Ich hatte das Gefühl, als sei die erste Schlacht von mir gewonnen. Er hatte Angst, ganz erbärmliche Angst.


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