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Siebentes Kapitel.
Trennung der Dolls

In Tagen und Wochen ausgedrückt, hätten es Dolls nie sagen können, wie lange sie nun schon auf ihrer Couch lagen. Jedenfalls war es eine endlose Zeit, nie ganz wach, nie mit irgend etwas beschäftigt, was über die dringendsten Lebensbedürfnisse hinausreichte.

Das Bedürfnis der jungen Frau nach narkotisierenden Spritzen hatte sich entgegengesetzt der Neigung der Arzte, ihr welche zu geben, vergrößert, die nie richtig behandelte Vereiterung des Oberschenkels wurde immer bedrohlicher. Immer entschiedener forderten die Ärzte: »Entweder Krankenhaus oder Aufgabe der Behandlung!«

Auch die wirtschaftliche Lage der Dolls wurde stets unmöglicher. Ben kam immer lässiger und brachte stets weniger Geld. Noch immer war der Ring nicht verkauft, er mußte immer noch »unter Opfern« aus Eigenem vorschießen, stets kleinere Summen, erst 1000 Mark, dann nur noch fünfhundert. Die Lage auf dem Edelsteinmarkt war eben gar zu schlecht. Es war unratsam, jetzt zu verkaufen, man würde nicht einmal fünfzehn, ja, vielleicht noch viel weniger erzielen. Aber er blieb weiter bemüht, getreuer Freund der Alma ...

Bis eines Tages plötzlich die junge Frau entschlossen sagte: »Heute noch lasse ich mich ins Krankenhaus aufnehmen!« Und einen Augenblick später setzte sie hinzu: »Und dich bringe ich vorher noch in dein Sanatorium!«

Diesmal wurde wirklich etwas daraus. Die junge Frau entwickelte eine Energie wie schon seit vielen Tagen und Monaten nicht mehr. Sie suchte ein bißchen Wäsche und Toilettenzeug für den Mann zusammen, und wenn er fragte: »Und was wirst du nehmen?« so antwortete sie nur: »Darum mach dir nur keine Gedanken, ich sorge schon für mich selbst!«

Wäre Doll ein wenig wacher und nicht so apathisch gewesen, er wäre aus dem Verwundern über die plötzliche Tatkraft seiner Frau nicht herausgekommen, sie kämpfte sich sogar bis zum Bürgermeister des Bezirks durch und erbettelte von ihm ein Auto, den schwerkranken Mann in ein Sanatorium zu fahren.

Irgendwann erwachte dort Doll aus einem tiefen Schlaf, der wie der Tod gewesen war, so ohne Erinnerung und Traum, selbst ohne Atem schien der Schlaf gewesen ... Er sah mühsam, noch ganz benommen, um sich, zu erkunden, wo er war, wo denn Alma geblieben war –? Immer hatte er sie neben sich im Bett gespürt, nun war sie fort, und er war ganz allein. Diese Entdeckung beunruhigte ihn sehr, sie lichtete den Nebel des Schlafmittels in seinem Hirn rascher, er setzte sich im Bette auf und sah um sich ...

Es war eine ehemals weißlackierte, jetzt viel bestoßene Eisenbettstelle, in der er saß; über seinem Leib lag eine blaukarierte Bettdecke. Der Raum war sehr klein und enthielt nichts wie eben diese Bettstelle. Etwa bis zu Mannshöhe war die Wand mit einer grünen Ölfarbe gestrichen, dann war sie geweißt wie die Decke, an der über ihm sehr hoch eine elektrische Lampe brannte. Ein Stück des Deckenbewurfs war abgefallen, er sah das Rohrgewebe und die Bretter, an denen es festgemacht gewesen war ...

Einen Augenblick betrachtete er das alles. Er mußte überlegen, wo er diese beschädigte Decke schon gesehen hatte. Dann fiel es ihm plötzlich ein. Plötzlich erinnerte er sich der Nacht vom 15. zum 16. Februar 1944, als einer der für ihn schlimmsten Bombenangriffe 55 Minuten lang über Berlin hinweggegangen war. 55 Minuten lang waren in der nächsten Nähe des Sanatoriums Bomben niedergefallen, und eine große Sprengmine hatte eine Ecke weiter alles dem Erdboden gleichgemacht. Sie, die Kranken und die Schwestern, die in einem halb über der Erde befindlichen, völlig unzureichenden Luftschutzkeller saßen, hatten von allen Seiten den Schein der Brände gesehen. Als sie aber nach der Entwarnung nach oben gekommen waren, hatte das Glas aller Fenster in den Zimmern gelegen, die Decken waren zum größten Teil eingestürzt gewesen, und in jener Nacht war auch das Stück Gips da oben an der Decke abgestürzt.

Er erinnerte sich jetzt dessen wieder genau; plötzlich war es, als fühle er wieder das Grauen, die Furcht jener Nacht. Plötzlich war es ihm, als könne gleich die Sirene gehen und ihn hinunterscheuchen in den Keller zu einer andern schrecklichen Stunde der Qual.

Aber dann besann er sich: es war jetzt Friede, Friede ... Keine Sirene ging mehr. Ruhig konnte er in der »Tobzelle« des Sanatoriums weiterschlafen, bis es Morgen wurde, in dieser Tobzelle, die von der Schwester Emerentia nur »das Stübchen« genannt wurde. Wie aber kam er, Herr Doll, in dieses Stübchen –?! War er so unruhig gewesen, hatte er getobt? Noch nie hatte er bei seinen früheren Aufenthalten im Sanatorium hier gelegen! Jedenfalls lag er nicht bloß auf Matratzen, sie hatten ihm die Bettstelle gelassen, es konnte also nicht ganz schlimm gewesen sein! Und jetzt, er sah es erst in diesem Augenblick –: die mit Eisen beschlagene Tür der Zelle war nur angelehnt, schlimm konnte es mit ihm nicht stehen.

Doll setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Ein bißchen unsicher fühlte er sich noch von dem Schlafmittel, aber er würde schon, wenn er sich ab und an gegen die Wand stützte, gehen können. Unwillkürlich sah er sich nach seinen Hausschuhen und dem Bademantel um. Aber er erinnerte sich, daß er nichts Derartiges mehr besaß. So nahm er die Bettdecke um die Schultern und trat auf den Gang und von dort auf die Diele.

In dem großen Samtsessel saß wie immer beim Licht der kleinen Hilfslampe der Nachtpfleger. Eine Weile beobachtete ihn Doll aus der Ferne. Nein, es war nicht der nette Holländer, der den Krieg hindurch hier die Nachtwachen gemacht hatte, und der oft noch bei schon fallenden Bomben die letzten widerspenstigen Kranken aus den Betten in den Keller geschleppt hatte. Es war ein unbekannter Pfleger. Trotzdem –!

Doll räusperte sich, ging weiter. Der Pfleger fuhr aus einem leichten Halbschlaf auf, spähte in das Dämmerlicht und legte beruhigt den Kopf zurück, als er Doll erkannte. »Na, sind Sie auch einmal wach?« fragte er dann. Und er setzte hinzu: »Erkälten Sie sich bloß nicht mit ihren nackten Füßen –!«

»I wo!« antwortete Doll, setzte sich dem Pfleger gegenüber in einen Korbsessel und schlug die Decke um die Beine. »Ich erkälte mich nie. Ich bin hart. Ich habe einmal im Winter da hinten vor der Teeküche einen halben Tag auf den roten Fliesen gelegen, es hat mir auch nichts getan.«

»Danke schön!« sagte der Pfleger. »Und warum haben Sie das gemacht?«

»Keine Ahnung mehr!« antwortete Doll. »Wahrscheinlich um ein Mittel zu kriegen, das die mir sonst nicht gegeben hätten. – Sind Sie direkt hinter dem Simon Boom gekommen –?«

»Wer ist denn das –? Ach so, ich weiß schon, der holländische Nachtpfleger! Nein, den habe ich nicht mehr gekannt. Der ist gleich nach dem Umsturz weggemacht. Ich bin erst ein paar Wochen hier.«

»Ist denn noch jemand von den alten Leuten auf der Station? Sie haben sicher gehört, ich war hier schon öfter, ich bin gewissermaßen Stammgast auf der Station.«

Er sagte das nicht ganz frei von Stolz. Dies war ein Haus, in das er immer gegangen war, wenn ihn seine überreizten, nie sehr starken Nerven im Stich gelassen hatten. Schwere Stunden hatte er in diesem Hause erlebt, Depressionen, in denen er sich völlig aufgegeben hatte, in denen er selbst an seinem Verstande gezweifelt hatte, aber immer hatte er sich wieder aufgerappelt. Plötzlich – von heute auf morgen – hatte er sich dann für gesund erklärt und war wieder an seine Arbeit gegangen ...

Er liebte das Haus, besonders aber diese Station mit dem langen Gang zu den Toiletten, auf dem sich zu jeder Tages- und Nachtzeit die Schritte der Kranken hören ließen, diesen Gang mit seinem rotbraunen Linoleum, auf den so viele weiße Türen gingen, alle ohne Klinken übrigens, mit den Schlüsseln der Pfleger allein zu öffnen, und mit großen Glasfenstern, die den Einblick in jedes Zimmer von außen gestatteten, mit Fenstern, deren Glas so stark war, daß es auch der erregteste Kranke nicht mit einem Stuhlbein zerschlagen konnte.

Er liebte die geheimnisvolle Atmosphäre, die sich nach jedem »Exitus« verbreitete, die Pfleger, die dann ziellos herumstanden, und die alle Kranken, da sie von dem Todesfall nichts erfahren sollten, immer wieder in ihre Zimmer zurückscheuchten. Immer war es »peinlich«, wenn jemand im Sanatorium starb, es wurde von allen Angestellten gewissermaßen als Schande empfunden, man starb hier nicht, hier wurde man gesund! Und meist gelang es der Leitung auch, einen solchen Moribundus noch kurz vor dem Ende in ein städtisches Krankenhaus zu schmuggeln.

Er liebte die »Schocktage«, wenn den Kranken mit Cardiazol oder Insulin oder auch mit elektrischem Strom Schocks beigebracht wurden. Dann hörte er in seinem Zimmer plötzlich den Aufschrei der Geschockten, wenn sie das Bewußtsein verloren, der genau so klang wie der Schrei eines Epileptikers. Und schon trat tiefe Stille ein, als wagten die Verschonten nicht, sich zu rühren, um nicht ein gleiches Schicksal auf sich hinabzuziehen.

Er liebte ganz besonders das verbotene Herumsitzen in der »Teeküche«, in der nie mehr Tee gekocht, sondern nur noch abgewaschen wurde, das lange Plaudern mit der Pflegerin dort, die ihn schon seit vielen Jahren kannte ... Sie verwöhnte ihn mit Essen, soweit ihr das möglich war. Er mochte die jüngere, noch anziehende Frau gern, die nun schon zwanzig Jahre unter diesen langsam hinsterbenden Männern lebte, und die sich – trotz Verlusts all ihrer Illusionen – Hilfsbereitschaft und Mutterwitz bewahrt hatte.

Und er liebte die Visiten der Ärzte in ihren langen, tadellos weißen Kitteln, für die jeder Kranke nur ein Fall war, der sofort jedes Interesse verlor, sobald das eigentliche akute Stadium überwunden war. Er amüsierte sich in aller Bescheidenheit über diese Psychiater, die den kleinsten Stimmungsumschwung ihrer Patienten genau beobachteten, für die aber körperliche Erkrankungen nicht existierten. Er liebte diese Ärzte grade darum, weil sie, je älter und wissensreicher sie wurden, sie um so mehr ihren Kranken zu gleichen schienen, weil sie so ohne jede Beziehung zum wirklichen Leben zu sein schienen.

Er liebte die Spaziergänge in den kleinen, hoch ummauerten Gärten, die allem auf der Welt, nur nicht Gärten gleichsahen und Stätten völliger Trostlosigkeit darstellten. Er liebte den plötzlich entstehenden Lärm auf dem Gang, wenn ein erregter Kranker rasch in die Tobzelle oder in das Bad geschafft wurde. Er liebte das ganze Haus mit seiner dichten, stickigen Atmosphäre, mit seiner Geborgenheit, das Leben hinter den schmalen Eisenfenstern, es war ihm wie ein Zuhause.

»Sagen Sie«, fragte er später den Nachtpfleger Bachmann. »Warum liege ich eigentlich im Bunker? War ich so erregt –? Habe ich was kaputt geschlagen –?«

»Ach, nicht die Bohne!« antwortete der Pfleger. »Sie waren fromm wie ein Lamm. Aber es war nichts frei, als Sie kamen, da hat man Sie eben dahin gesteckt.«

»Waren Sie hier, als ich kam? Haben Sie meine Frau gesehen?«

»Nein, Sie kamen schon vor meinem Dienst, am Nachmittag. Ich weiß von nichts. Sie waren wohl ziemlich vollgetankt, haben aber noch mehr bekommen.«

»So!« sagte Doll. Und: »So!« Aber er setzte die Unterhaltung nun nicht mehr fort, er saß still da, deckte sich fester zu. Plötzlich fiel ihm ein, daß er nicht einmal wußte, in welches Krankenhaus Alma gekommen war! Er konnte ihr nicht schreiben, ihr keinen Boten senden, sie nicht rufen. Er war allein, seit einer langen Zeit war er wieder einmal ganz allein, und plötzlich fühlte er, wie schwach er noch war und wie schlecht es ihm ging.

Er stand auf. Unwillkürlich fing er an, auf und ab zu gehen, die Decke um die Schultern, wie er schon viele Nächte diesen langen Gang auf und ab gewandert war, die endlosen Stunden ohne Schlaf hinter sich bringend.

So fand ihn die alte Nachtschwester. Mit ihrer hellen Altersstimme rief sie, ohne Rücksicht auf den Nachtschlaf der andern: »Und da haben wir ja auch unsern Herrn Dr. Doll wieder –! Nun, Herr Doktor, wie geht es Ihnen denn? Wie gefällt es Ihnen im Stübchen? Hihi, hihi, da hat sich die Schwester Emerentia aber einen Witz gemacht, den Herrn Doll ins Stübchen zu stecken, unsern alten Stammgast! Na, lassen Sie nur, Herr Doll, es kommt auch noch wieder anders! Nur: wir haben über zweihundert Voranmeldungen und kein Bett seit Wochen frei. Wenn da jemand ganz ohne Anmeldung kommt ...«

»Ich war ja angemeldet«, brummte Doll. Es stimmte zwar nicht ganz, aber ...

»Jaja, natürlich!« rief die Schwester immer eifriger und helltöniger. »Es ist ja auch keine Schande, in der Zelle zu liegen, wenn man so brav und artig ist wie der Herr Doktor, nicht wahr, Herr Bachmann?« Der Nachtpfleger brummte eine Zustimmung. »Aber nun gehen wir auch hübsch wieder ins Bett! Es ist noch viel zu früh, so herumzulaufen, erst halb drei ... Sie erkälten sich ja!«

»Erkälte mich nie –«

»Doch, jaja, natürlich erkälten Sie sich. Und wenn Sie nicht mehr schlafen können, gebe ich Ihnen noch was Hübsches ein. Was möchten Sie denn gerne zum Schlafen haben –?«

Wäre er es noch nicht gewesen, diese Frage brachte ihn sofort in den alten Dreh des Hauses, nämlich so viel Schlafmittel herauszuschinden wie nur irgend möglich. Abweisend sagte er: »Ach, lassen Sie mich nur ruhig hier weiter rumlaufen! Sie geben mir ja doch nichts Vernünftiges, ihr beschummelt hier ja alle einen armen, elenden Kranken!«

Die Nachtschwester Trudchen tat einen hellen Entsetzensschrei. »Aber, Herr Doktor, wie können Sie nur so was sagen, Sie, ein gebildeter Mann! Wann habe ich Sie wohl je beschummelt? Aber natürlich«, fuhr die Nachtschwester fort, »wenn einer ewig unartig ist und ständig Krach macht, dann gebe ich ihm auch mal statt Luminal Scopolamin. Das ist doch nie im Leben Beschummeln, das ist eine ärztliche Maßnahme!«

»Ach so –!«

»Aber bei Ihnen ist doch so was nie nötig, Herr Doktor! Wissen Sie was, ich werde Ihnen Paraldehyd geben! Das haben Sie doch immer Ihr Schnäpschen genannt, das haben Sie doch immer gerne genommen!«

»Na, und wieviel wollen Sie mir davon geben?« fragte Doll jetzt schon lebhaft interessiert. Paraldehyd war kein schlechter Vorschlag von dem Trudchen, sie kannte ihre Pappenheimer, sie, die nun schon über dreißig Jahre den Nachtdienst im Sanatorium versah. Sie ersetzte völlig einen wachthabenden Arzt, der Geheimrat ließ ihr darum auch in der Medikamentur ganz freie Hand.

»Wieviel ich Ihnen geben will?« fragte die Nachtschwester und warf einen schnellen, prüfenden Blick auf Doll, um zu taxieren, wieviel er wohl brauche. »Nun, ich werde Ihnen drei Teilstriche Paral geben ...«

Mit einem Ruck zog Doll die Decke wieder um die Schulter und schickte sich an, seinen Fußmarsch wieder aufzunehmen. »Ihre drei Paral behalten Sie ruhig, Schwester Trudchen!« antwortete er verächtlich. »Da gehe ich lieber die ganze Nacht spazieren, als mir solche Kinderportionen verpassen zu lassen.« Und im Abgehen, mit Nachdruck: »Acht will ich mindestens haben!«

Geschrei, Geschwätz, Beschwörungen. Herr Dr. Doll wisse doch sehr gut Bescheid, fünf seien die Höchstdosis. Herrn Doll ging so lächerlicher, ausgedachter Kram wie eine Höchstdosis nichts an: er war giftfest! Er hatte schon mal sechzehn Paral bekommen. (Eine glatt erfundene Behauptung!) Der Handel begann, Schwester Trudchen beschwörend und flehend, Doll stolz wie ein Spanier, der Bettlergeschenke verschmäht, immer bereit zum Abgehen, aber innerlich höchst aufgekratzt von alledem. Er dachte bei sich: ›Ihr seid schön dumm. Ich würde großartig auch ohne jedes Schlafmittel schlafen, ich stecke ja noch ganz voll von dem Zeugs. Aber nun grade nicht!‹

Schließlich einigten sie sich auf sechs Teilstriche. Doll versprach, sofort ins Bett zu gehen, die Schwester verpflichtete sich, das Paraldehyd nicht mit Wasser zu verdünnen. »Wenn es Ihnen die Kehle ausbrennt, Herr Doktor, mir tut es ja nicht weh!«

Doll lag wieder im Bett, in dem Stübchen. Dieses Haus war schon richtig, in seiner Art war es ein ganz großartiges Haus. Er lag, seinen schnapsigen Schlaftrunk erwartend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, behaglich im Bett. Flüchtig dachte er an Alma, aber jetzt ganz ohne Sehnsucht, ohne das dringende Bedürfnis, sofort zu ihr zu stürzen. Das war nicht nötig. Alma lag auch in einem Krankenhause, ihre Wunde wurde jetzt täglich behandelt und verbunden – sie war auch gut aufgehoben, genau wie er, kein Grund zu Besorgnissen!

Wie immer in diesem Hause ließ das Schlafmittel reichlich lange auf sich warten. Das war ein Trick von denen, um das Mittel recht kostbar erscheinen zu lassen, oder es war auch einfach Bummelei. Die Kranken hatten ja Zeit genug, die konnten warten. Doll hörte, wie sich Schwester Trudchen mit dem Nachtpfleger ganz ungeniert laut im Schwesternzimmer unterhielt. Früher hatte er manchmal gegen diese Rücksichtslosigkeit getobt, so gar nicht den kostbaren Nachtschlaf der Kranken zu respektieren. Jetzt lächelte er nur darüber. Auch das gehörte zu diesem Haus. Das Haus allein hatte von dieser Krachmacherei den Schaden: um so mehr Schlafmittel mußten gegeben werden –!

Einen Augenblick war sich Doll ganz klar darüber, daß dies eben ein blöder Schluß gewesen war: den Ärzten schadete es bestimmt nicht, wenn die Kranken zu viel Schlafmittel bekamen. Es schadete allein den Kranken, die dann den ganzen Tag mit halbblödem Kopf herumliefen. Auf den Fall Doll bezogen, war es der Schwester Trudchen auch ganz egal, ob Doll drei oder acht oder sechzehn Teilstrich Paraldehyd bekam. Eigentlich brauchte er gar keines mehr, er fühlte sich sehr behaglich im Bett. Allmählich erwärmten sich seine eiskalt gewordenen Glieder wieder, er brauchte sich nur im Bett umzudrehen und einzuschlafen.

Aber nein, es war besser, auf einmal ausgelöscht zu werden, plötzlich nicht mehr da zu sein.

Es gab ein Gedicht, es stand vorne in einem Novellenband der Irene Forbes-Mosse. Es hieß »Der kleine Tod« und fing etwa so an: »Den kleinen Tod, den stürb ich gar so gerne, den kleinen Tod beim ersten Licht der Sterne ...«

Es war gewiß ein ganz anderer Tod, von dem die Dichterin aussagte, aber Doll nannte dies rasche Ausgelöschtwerden durch Medikamente seinen kleinen Tod. Er liebte ihn. In der letzten Zeit hatte er so viel an seinen Bruder, den Großen Tod gedacht, er hatte mit ihm gelebt, gewissermaßen Haut an Haut; er hatte sich daran gewöhnt, ihn als die einzige, ihm noch verbliebene Hoffnung anzusehen, die ihn gewiß nicht enttäuschen würde. Er brauchte nur ein bißchen mehr Entschlußkraft, als er im Augenblick grade zur Verfügung hatte, und es war geschehen. Und bis dieses Mehr an Entschlußkraft da war, hatte er den Kleinen Tod. Im Augenblick wartete er grade auf 6 Gramm Paral, und sobald die in ihm waren, war es mit all diesen Überlegungen und Zergliederungen vorbei. Er mußte sich nicht mehr quälen, über nichts hatte er sich noch Rechenschaft abzulegen, warum Herr Dr. Doll dies so tat und jenes außer acht ließ, es gab dann keinen Doll mehr ...

Immerhin war es jetzt wirklich an der Zeit, daß die mit ihren Schlafmitteln antraten. Mit einem Ruck ist Doll aus dem Bett. Er geht zum Schwesternzimmer hinüber, die Tür steht offen. Schon hat ihn die Nachtschwester erspäht. »Da ist wieder der Herr Dr. Doll –! Kommen Sie, Schwester, geben Sie ihm doch gleich sein Zeugs!«

Die Schwester hat schon die braune Flasche zur Hand genommen, sie ruft (sie ist nämlich noch immer durch Herrn Dolls ungerechtfertigten Verdacht gekränkt): »Da kann sich der Herr Doktor gleich überzeugen, daß ich ihn nicht beschummele! Ich und beschummeln! Eher gebe ich zu viel als zu wenig!«

Und sie gießt ein. Schon verbreitet sich der charakteristische Paralgeruch, im Grunde stinkt das Zeug abscheulich. Aber für Doll riecht es gut, herrlich! Er beobachtet gespannt das Eingießen und nickt sogar beistimmend, als die Schwester ruft: »Da sehen Sie, beinahe sieben sind es geworden! Wie bin ich zu Ihnen, Herr Doktor –?«

Aber der ist jetzt nicht mehr gesonnen zu reden. Er hat schon das Medizingläschen in der Hand, endlich, endlich hat er wieder den tiefen Schlaf, den Kleinen Tod in der Hand, er ist ganz eingehüllt in den Geruch. Nein, jetzt unterhält er sich nicht mehr. Sein Gesicht ist ernst, fast finster geworden: er ist ganz allein mit sich und seinem Schlaf. Er gießt den Inhalt des Glases mit einem Ruck in den Mund. Es brennt viel schärfer als der allerschärfste Schnaps, es scheint die Haut im Mund wegzufressen, es macht das Atmen unmöglich. So ungern er es tut, er muß zwei kleine Schluck Wasser nachtrinken, er muß diesen herrlichen Todesgeschmack abschwächen. Dann sieht er noch einmal auf die beiden, murmelt ein kurzes »Nacht« und geht zurück in die Zelle, in sein Bett. Er liegt noch einen Augenblick, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, sieht starr in das Licht.

Es zieht wie Wolken durch seinen Kopf, er möchte noch an dies und das denken, und er ist doch schon fort von dieser Welt in seinem geliebten Kleinen Tod ...

Irgendwann wacht er dann wieder auf, und jedesmal ist seine Stimmung anders. Mal liegt er stundenlang mürrisch in seiner Zelle, spricht kaum das Nötigste, wendet sich zur Wand und verweigert jede Auskunft, wenn die Arztvisite kommt. Oder er weint auch viele Stunden leise vor sich hin; dann empfindet er ein unendliches Mitleid mit sich und seinem vertanen Leben, er fühlt, daß er sterben muß. An solchen Tagen ißt und trinkt er nichts, sie sollen ihn schon verrecken sehen in seiner Gestankzelle ... Und wieder an andern Tagen ist er aufgeräumt, die Decke um die Schultern, rennt er überall umher, unterhält sich mit den andern Kranken.

Der junge Stationsarzt war freundlich zu ihm, er suchte ihm zu helfen, er wollte klar sehen, woher diese Mischung von Apathie und Verzweiflung bei Doll stammte. Aber Doll wollte darüber nicht sprechen, er würde vielleicht nie darüber sprechen können, nicht einmal zu seiner Frau, zu Alma. Vielleicht würde er sich eines Tages davon freischreiben können – aber erst, wenn alles überstanden war. Manchmal glaubte er daran, daß er wieder gesund werden würde, daß noch einmal etwas da sein würde, die Leere in seinem Innern auszufüllen. Aber das waren seltene Stunden.

Meistens suchte er den jungen Arzt von seiner Spur abzulenken; dann erzählte er etwas aus seinem Leben, er sprach über Bücher oder er ließ den jungen Arzt auch einmal sich aussprechen, über die schlechte Bezahlung, die noch schlechtere Beköstigung, den übermäßigen Dienst, die verächtliche Art des Geheimrats, seine Mitarbeiter zu behandeln. Oder er versuchte, etwas von dem jungen Arzt über Selbstmordmöglichkeiten herauszubekommen. Darin besaß er eine große Geschicklichkeit: er sammelte Material über Zyankali, Morphium, Scopolamin, Dosen, die unbedingt tödlich wirkten, über das Einspritzen von Luft in die Venen zur Herbeiführung einer Embolie, über Insulin, das einen später kaum nachweisbaren Selbstmord ermöglichte. Er sammelte Material, er wollte bereit sein, wenn die Stunde ihm Kraft genug schenkte, »dies« zu tun, den einzigen Ausweg zu benutzen, der einem Deutschen heute noch blieb.


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