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Fünftes Kapitel.
Die Ankunft in Berlin

Am 1. September dieses erbarmungslosen Jahres 1945 fuhren Herr und Frau Doll nach Berlin. Sie hatten nahezu zwei Monate im Kreiskrankenhaus gelegen, und sie waren auch jetzt noch weit davon entfernt, gesund zu sein. Doch hatte sie die Unruhe, ihre Berliner Wohnung durch längeres Zuwarten völlig zu verlieren, fortgetrieben.

Der Zug, der schon am Mittag hätte fahren sollen, war erst in der Dunkelheit abgelassen worden; er war, mit seinen zerbrochenen Scheiben und verschmutzten Abteilen, völlig überfüllt. Alle, wie sie sich da beim Einsteigen in die stockdunklen Abteile gestürzt hatten, waren bösartig gestimmt, brausten beim kleinsten Worte auf und sahen jeden Mitbewerber um einen Sitzplatz als ihren persönlichen Feind an.

Dolls hatten wirklich zwei Sitzplätze bekommen, auf denen sie sofort durch Nebensitzer und um sie Stehende eingeengt wurden. Kisten wurden ihnen gegen die Beine gestoßen, Rucksäcke streiften schmerzend ihre Gesichter. Es war so dunkel, daß nicht das geringste zu sehen war, aber der Haß aller gegen alle schien sich schon durch den Gestank merkbar zu machen, der trotz der zerbrochenen Scheiben nicht aus dem Abteil weichen wollte. Es stank wirklich infernalisch, und dieser Gestank nahm noch immer weiter zu, als während der Fahrt neue Gäste einstiegen, das Abteil über jedes erträgliche Maß hinaus füllten und jeden beschimpften, der schon einen Platz hatte.

Diese Zusteigenden waren in der Hauptsache Pilzesucher aus Berlin, die den Sitzenden ihre Pilzkörbe einfach auf den Schoß stellten, verdrossen murmelnd, sie würden sie nachher wegnehmen. Da aber alles schon vorher überfüllt gewesen war, blieben die Körbe, wo sie waren: Frau Doll hatte vier auf ihrem Schoß, Doll drei.

Sie protestierten aber nicht, sie antworteten den Mitreisenden überhaupt nicht und mischten sich in nichts ein: sie waren noch viel zu matt und krank, um sich in derartige Streitereien einzulassen. Nur die Idee, sich wenigstens die Wohnung zu erhalten, hatte besonders den Mann erfaßt, sie schien ihm die letzte Möglichkeit, noch einmal ein anderes Leben zu beginnen.

Doll wußte freilich, die Idee mit dieser Wohnung war nur ein Strohhalm, aber er wollte dem Schicksal doch wenigstens diese Möglichkeit geben, sie zu erhalten, – wie er manchmal spöttisch zu seiner Frau sagte, die, durch ständige Gallenattacken mutlos geworden, auch ganz unter den Einfluß seiner depressiven Stimmung gekommen war. »Sterben müssen wir wahrscheinlich doch in aller Kürze, aber in der Großstadt macht sich das doch am unauffälligsten und bequemsten. Denke nur an das Gas –!«

Wenn die andern zu viel Gepäck mit sich hatten, so besaßen Dolls vielleicht nicht ganz genug. Sie führten nichts als ein Stadtköfferchen mit sich, das neben ein wenig Brot eine Büchse mit Fleischkonserven und eine Spitztüte mit einem Viertelpfund Bohnenkaffee enthielt, dazu zwei Bücher und sehr wenig Toilettenzeug. Auf dem Leibe trug Doll einen dünnen Sommeranzug, Frau Doll hatte sich von einer Freundin wenigstens noch einen hellen Sommermantel entleihen können. In der Tasche hatte Doll knappe dreihundert Mark, die er sich von einem Bekannten entliehen hatte; das einzig kostbare Besitztum, das sie mit sich führten, war der Brillantring der jungen Frau.

Der Zug hielt endlos auf jeder Station, und wenn er fuhr, fuhr er nur langsam. Dolls sahen trübe die feurigen Linien und Punkte, die der Schornstein der mit Braunkohlen geheizten Lokomotive in die Nacht warf – sie hatten im Kriege etwas zu viel Feuerwerk gesehen, um daran noch Geschmack zu finden. Jede Erinnerung daran tat weh. Aber sie entdeckten beim Schein dieser tanzenden Glühwürmer Gestalten auf den Trittbrettern, geduckt dem dichten Funkenflug den Rücken bietend. Die Ladung ihrer Rucksäcke mußte sehr kostbar sein, um das Verbrennen und Versengen kostbarer Kleider, das Hängen mit einer Hand an der kalten Messingstange, immer vom Absturz bedroht, zu rechtfertigen.

Aber in den meisten Rucksäcken steckte wohl nicht mehr als ein paar Kartoffeln oder ein Beutelchen Mehl oder einige Pfund Erbsen, Nahrung für eine Woche im besten Falle. Doch da hingen sie in Funken und Kälte, mit einer fast stumpfsinnigen Ergebenheit ließen sie sich die Kleider versengen. Es waren wohl alles kleine Leute, die so fuhren; auf das Mitgebrachte warteten schon eine Frau und viele Kinder. Die Schieber, die gegen Tauschware kostbarere Dinge sich einhandelten: Butter, Speck, Eier, die sich die Kartoffeln und das Mehl sackweis holten, die fuhren nicht unter Lebensgefahr, die gewannen sich gegen Beteiligung Lastwagenführer, auf die warteten keine hungernden Kinder ...

Aber wer war Schieber und wer nicht? Als Dolls in der völligen Finsternis ihres Abteils von ihrem Brot und Fleisch aßen, rochen es doch durch all den Gestank einige und fingen an, spitz darüber zu reden, nämlich von solchen, die heute noch Fleisch essen könnten. Mit rechten Dingen gehe das bestimmt nicht zu, man müsse sich so was näher ansehen, mehr bei Lichte –!

Dolls antworteten mit keinem Worte, sie aßen schnell zu Ende, was sie nun einmal in der Hand hielten, sie steckten das Übriggebliebene in das Köfferchen zurück und krochen noch enger zusammen; Frau Doll hing ihr geliehenes Mäntelchen um sie beide, sie krochen ganz zueinander. Doll drehte sich eine Zigarette von den Resten seines Tabaks, und prompt sagte eine scharfe Stimme: »Das ist schon die dritte, die der raucht! Ich sag's ja immer, wie es ist: die einen haben alles, und die andern kriegen nie etwas, da kann passieren, was will!«

Das Gespräch wurde allgemeiner über das nie aussterbende Schieber- und Bonzentum, Dolls waren für den Augenblick vergessen. Sie flüsterten von ihrer Berliner Wohnung; jetzt, da sie sich diesem Ziele näherten, doch wieder ein Ziel hatten, fiel es ihnen schwer aufs Herz, daß sie seit dem März nichts mehr von dieser Wohnung gehört hatten. Seitdem waren schwere Kämpfe in der Stadt gewesen, unendlich viel sollte neu zerstört worden sein – vielleicht gab es diese Wohnung gar nicht mehr –?

»Das wäre echt! Dieses Reisen, dieses Frieren, und es gibt gar keine Wohnung mehr! Was ich lachen würde –!«

»Ich hab's im Gefühl, alles steht noch, wie wir es verlassen haben. Und Pettas Zimmer kriegen wir mit ganz leichter Mühe zurecht, da ist nicht so viel kaputt!«

»Meine gute Trösterin –!«

»Was denkst du, wieviel Freunde ich in Berlin habe! Als mein früherer Mann noch lebte, haben wir so vielen geholfen – nun können sie auch einmal etwas für uns tun! Vor allem hoffe ich auf Ben, Ben hat eine englische Mutter gehabt, der kommt jetzt sicher ganz groß. Ernst – (der jungen Frau erster Mann) – hat ihn aus dem KZ. herausgeholt, das vergißt er mir nie!«

»Wir wollen es hoffen, Alma! Wir wollen alles Gute hoffen, aber nichts für sicher ansehen. Sicher ist nur, daß wir uns haben, daß wir beide immer beieinander sind! Daß uns nichts auseinanderbringen kann. Gar nichts!«

»So ist es!« stimmte sie zu. Sie kroch zusammenschauernd noch enger in seinen Arm. »Kalt ist es!« flüsterte sie.

»Ja, kalt ist es!« bestätigte er und drückte sie noch enger an sich.

Berlin! Berlin, wieder einmal Berlin –! Diese geliebte Stadt, in der sie beide groß geworden waren – er freilich dreißig Jahre früher als sie –, dieser lichterglänzende, jagende, ruhelose Ort! Anscheinend in einen ewigen Taumel von Vergnügen und Lust verstrickt – aber nur, wenn man nicht an die weiten, dunklen Arbeitervorstädte dachte, Berlin, die Stadt der Arbeit! Wieder einmal kehrten sie dorthin zurück, ihr Leben neu aufzubauen; wenn an irgendeinem Platz der Erde, so gab es hier für sie eine Chance: in diesem zertrümmerten, ausgebrannten, verbluteten Berlin –!

Es war nachts halb drei, als Dolls auf Gesundbrunnen den Zug verließen, bis sechs Uhr war Sperrstunde. Ein eisiger Wind pfiff durch den Bahnhof, jede Scheibe schien zerbrochen. Es gab keinen Schutz gegen diese Kälte, gegen diesen Wind! Sie versuchten es da und dort, überall froren sie bis aufs Mark. Auch das zufällig noch stehende Unterkunftshäuschen auf dem Bahnsteig war nicht wärmer. Der Wind stürzte herein durch die zerbrochenen Fenster, die Menschen saßen in dicken Klumpen auf dem Boden, trostlos oder dumpf den Morgen erwartend.

Frau Doll zwängte sich zwischen sie, ein bißchen Schutz gegen den eisigen Wind zu finden. Kaum hockte sie auf der Schmalseite ihres Köfferchens, so wurde sie wieder hochgejagt: dieser Platz habe als Durchgang frei zu bleiben! Und sie, die immer Schlagfertige, Fröhliche, Kampflustige, setzte sich jetzt ohne ein Wort an die Außenseite des Menschenklumpens. Sie verkroch sich in ihr Mäntelchen, suchte in ihm Schutz vor dem eisigen Winde, der sie doch mit voller Kraft traf.

Doll kramte in den Taschen die letzten Tabakkrümchen zusammen, drehte mit den frostzitternden Händen eine krumme Zigarette und rannte auf und ab. Einen Augenblick stand er in den Trümmern des früheren Bahnhofsgebäudes und spähte in die dunkle, lichtlose Stadt, über die ein halber Mond ein schwaches Licht warf, nichts wie Trümmer glaubte er zu erkennen.

»Gehen Sie nicht raus!« warnte ihn eine Stimme aus dem Dunklen. »Es ist noch Sperrstunde. Die Patrouillen schießen manchmal ohne Anruf.«

»Ich gehe schon nicht raus!« antwortete Doll und schleuderte den Stummel seiner allerletzten Zigarette in die Trümmer. Und bei sich: ›Was für ein Anfang! Man stellt sich immer alles falsch vor, das als schwer Erwartete ist oft leicht, und an was man gar nicht dachte, das ist das eigentlich Schwere. Diese zwei eisigen Stunden hier auf dem völlig zerstörten Bahnhof, nichts mehr zu rauchen – und Alma ist krank –! Ihr Gesicht sah so gelb aus ...‹

Er drehte sich um und ging zu ihr zurück.

»Ich halte es nicht mehr aus«, sagte sie. »Es muß doch irgendwo eine Unfallstelle oder einen Arzt geben, der mir helfen kann. Komm, laß uns fragen gehen. Ich bin wie Eis und habe so schlimme Schmerzen!«

»Wir dürfen noch nicht in die Stadt. Es ist Sperrzeit! Die Patrouillen sollen manchmal ohne Anruf schießen.«

»Sollen sie schießen!« antwortete sie verzweifelt. »Wenn sie einen von uns angeschossen haben, werden sie uns wenigstens dorthin bringen, wo es warm ist und uns ein Arzt hilft.«

»Komm, Alma«, antwortete er sanft. »Wir wollen also sehen, ob wir etwas wie eine Unfallstelle oder einen Arzt finden. Du hast ganz recht: alles ist besser, als hier in der Eiseskälte zu sitzen und halb tot zu frieren.«

Sie traten aus dem Bahnhof, zwischen die Trümmer. Das schwache Mondlicht verwirrte mehr, als daß es den Weg erleuchtete. Doll mit seinen schlechten Augen sah fast nichts. »Komm!« sagte sie und ging voran. »Da scheint eine Straße hineinzugehen! Nach der Schilderung muß es die sein, in der – vielleicht – eine Unfallstelle liegt.«

Unsicher ging er ihr nach. Plötzlich stürzte er über ein Hindernis vornüber in einen dunklen Raum hinein.

»Oh!« rief die junge Frau. »Hast du dir sehr weh getan –?«

»Na, jibt's denn sowat –?« rief eine empörte echte Berliner Stimme aus dem völligen Dunkel. »Läßt die Frau den Mann ruhig hinfallen und fällt nich mal selber mit! Det is doch eenfach unerhört!«

»Was hätt es mir denn geholfen«, fragte Doll und mußte trotz seiner Schmerzen unwillkürlich lachen, »wenn meine Frau mitgefallen wäre?! Wo sind wir eigentlich?«

»U-Bahnhof Gesundbrunnen«, antwortete eine andere Stimme. »Aber die erste fährt erst 6 Uhr 30.«

»Danke schön!« antwortete er, und sie gingen weiter, diesmal ineinander eingehängt. »Das war ein echt Berliner Willkommensgruß, ein bißchen schmerzhaft, aber echt. Wie ein Eroberer habe ich den Boden dieser Stadt geküßt und damit in meinen Besitz genommen, und was Berlin dazu zu sagen hatte, war auch nicht schlecht.«

»Hast du dir sehr weh getan?«

»Nichts – nur ein bißchen die Haut von den Händen geschunden und die Glieder geschlagen.«

Sie tauchten unter in das dunkle Trümmermeer, bis auf den Grund der Straßenschächte reichte das Mondlicht nicht. Langsam gingen, tasteten sie sich vorwärts. Die Straße war leer, alles war totenstill, ihr Schritt hallte wider.

»Hier hören wir jede Patrouille schon wer weiß wie weit«, meinte Doll. »Wir haben alle Zeit, uns dann noch zu verstecken.«

»Warte«, antwortete sie. »Dies scheint die Unfallstelle zu sein. Brenn einmal ein Streichholz an.«

Es war wirklich die Unfallstelle, aber alles war dunkel, weder Klingeln noch Klopfen brachten Leben in das dunkle Erdgeschoß.

»Wahrscheinlich geht die Klingel gar nicht«, meinte Doll schließlich. »Was nun? Gehen wir zum Bahnhof zurück –?«

»Nein, nein, bloß nicht wieder dorthin zurück! Vielleicht finden wir einen Arzt oder eine Polizeiwache. Ja, am besten wäre eine Wache. Sie erlauben uns sicher, dort in der Wachstube zu sitzen und uns ein bißchen aufzuwärmen.«

So irrten sie denn weiter durch die totenstille Stadt, in der nicht einmal in einem einzigen Fenster Licht brannte, und schließlich fanden sie wirklich eine Polizeiwache. Nachdem sie lange genug geklingelt hatten, kam ein Polizeibeamter heraus.

»Wat wollen Se denn –?« fragte er barsch.

»Wir sind vor einer Weile von auswärts mit der Bahn gekommen, und meine Frau ist krank. Die Unfallstelle ist geschlossen. Erlauben Sie, daß wir bis sechs in Ihrer Wachstube ein bißchen sitzen und uns aufwärmen?«

»Das kann ich nicht erlauben, das ist verboten«, antwortete der Polizist.

Sie verlegten sich aufs Bitten, aufs Betteln. Es geschehe doch niemandem ein Schaden dadurch, sie würden auch ganz still sitzen!

Aber der Polizeibeamte blieb unerbittlich: »Was verboten ist, kann ich nicht erlauben! Und überhaupt, was machen Sie jetzt auf der Straße? Es ist doch Sperrstunde!«

»Nehmen Sie uns deswegen doch ein bißchen fest«, Herr Wachtmeister! bat die junge Frau. »Dann ist es nichts Verbotenes mehr, wenn wir drin sitzen!«

Aber auch für diesen Vorschlag war der Polizist nicht zu haben, plötzlich schlug er die Türe zu, und die beiden standen wieder allein auf der dunklen Straße.

Sie sahen sich in die ratlosen, bleichen Gesichter. Plötzlich merkten sie, daß es dämmerte, daß der Tag nahe war. »Dann muß es auch bald sechs sein. Wir gehen hier einfach weiter. Vielleicht kommt bald eine Elektrische.«

Später saßen sie in einem Omnibus, der Früharbeiter in eine Fabrik fuhr. Der Omnibus fuhr nicht grade in die Nähe ihres Heims, aber er brachte sie doch an eine Schnellbahnstation, deren erster Zug in Kürze abfahren sollte. Aber ein neues Hindernis: die Beamtin am Fahrkartenschalter hatte verschlafen, und der Knipser an der Sperre weigerte sich, jemanden ohne Fahrkarte durchzulassen, es sei eben gegen die Bestimmungen!

»Und wenn der Kartenschalter erst in einer Stunde besetzt wird?«

»Dann kommt die Stunde keiner durch! Vorschrift bleibt Vorschrift!«

»Aber wir müssen zu unserer Arbeitsstelle!« protestierten viele.

»Wat jeht mir det an?! Ick habe meene Vorschriften –!«

»Das wollen wir doch mal sehen!« rief ein Ortskundiger. »Kommt alle mit!«

Durch einen Seiteneingang, über einen Zaun fort ging es und dann im Halbdunkel über Gleise, die stromführenden Schienen, wieder über eine Mauer. Dolls waren die langsamsten, sie hatte plötzlich Schmerzen in ihrem Bein, und ihm taten noch alle Glieder von seinem Sturze weh. Atemlos langten sie auf dem Bahnsteig an, um noch grade die roten Schlußlichter des Frühzuges zu sehen.

Und wieder Warten und Frieren, Fahren und Todmüdesein, Umsteigen und neues Warten – und wie es sie jetzt nach Haus drängte –! Wie sie von ihrer Couch schwärmten –! Nur Stilleliegen und Warmwerden und Schlafen –! Von nichts mehr wissen –! Ausgelöscht sein –!

Schließlich war es so weit: sie stiegen aus. »In fünf Minuten sind wir zu Haus!« sagte er aufmunternd.

»So wie wir schleichen, werden es wohl zwanzig Minuten werden«, antwortete sie. »Ich möchte nur wissen, was mit meinem Bein los ist. Es war da nur eine kleine, ein bißchen aufgekratzte Stelle ... O Gott, diese Brücke ist auch fort, im März stand sie noch –!«

Und während sie, immer mühseliger, einen schier endlosen Weg schlichen, denn die zerstörte Brücke erzwang einen weiten Umweg, sahen sie plötzlich nur die Zerstörungen, die alten, von denen sie schon gewußt hatten, und die neuen, die seit ihrer Abreise von Berlin dazugekommen waren. Sie wurden ganz still, kein Wort sprachen sie mehr, es waren so viele, viele dazugekommen. Doll dachte: ›Was mache ich nur mit ihr, wenn die Wohnung weg ist? Sie ist krank und völlig mutlos.‹

Dann bogen sie um die letzte Ecke, sie spähten. Diesmal war er der schnellere. »Ich sehe die Blumenkästen auf unserm Balkon! Die Fensterkreuze sind sogar wieder drin! Alma, unsere Wohnung steht noch!«

Sie sahen einander mit einem matten Lächeln an.

Sie hatten keine Schlüssel, zuerst mußten sie zum Portier. Schlechte Nachrichten, sehr schlechte Nachrichten! Der kleine Portier war seit dem April verschwunden, vielleicht in den Kämpfen gefallen, vielleicht auch gefangengenommen, seine Frau wußte es nicht. Gar nichts.

»Jeflohen, Sie meenen ausjerissen? Nee, so is meen Mann nich, daß er von Frau und Kindern weglooft, so eener is mein Mann nie jewesen, Herr Doll! Und warum sollte er ooch? Hat ja nie jemanden nischt Böset jetan! Die Schlüssel zur Wohnung? Nee, die habe ick nich mehr. Da is jemand vom Wohnungsamt ruffjezogen, erst vor een paar Tagen, ne Tänzerin oder Sängerin oder irgendsowat vom Theata, ick weeß doch nich. Mit Mutta und Kind, jawoll, Kind is ooch da! Een bißken hat se die Vorderzimmer in Stand setzen lassen, ja. Und nach hinten raus wohnt noch die Alte, die Schulzen, die Sie schon manchmal da haben schlafen lassen, wenn Sie uff't Land jiingen, damit doch jemand uff die Sachen paßte. Na, wie die uff die Sachen jepaßt hat, det werden Sie ja selber sehen, Frau Doll, ich vabrenn mir den Mund nich. Jedenfalls, Ihr großer Kochpott is weg, den hat sich aba der Volkssturm jeholt. Und wenn der Staubsauger weg is und Ihre Bücher und alle Ihre Eimer, und wenn int Küchenspinde alle Vorräte weg sind, dadervon weeß ick nischt, Frau Doll, da müssen Se de Schulzen nach fraren, wenn Se die zu sehen kriejen, heeßt det. Sie sagt, sie wohnt hier, aba wat weeß ick, wo se wohnt! Ick seh se oft die janze Woche nich, und Miete hat se ooch noch nie bezahlt!«

Langsam, oh, so langsam stiegen die Dolls die vier Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Sie hatten kein Wort zu all den schlimmen Nachrichten gesagt, von denen sie förmlich überschwemmt wurden, sie hatten auch untereinander kein Wort gesagt. Nur ihre Gesichter waren vielleicht noch einen Schein blasser geworden, als sie schon von Krankheit und schlafloser Nachtfahrt und langem Frieren waren ...

Lange, oh, so lange mußten sie auf den Klingelknopf drücken, ehe sich was in der Wohnung – in ihrer eigenen Wohnung! – rührte. Es kostete viel Geduld, bis sie eine junge, dunkle Dame, die nur notdürftig bekleidet war, eingelassen hatte. (Es war aber auch erst morgens, etwa acht Uhr.)

»Ihre Wohnung –? Das hier ist meine Wohnung, mir vom Wohnungsamt ordnungsmäßig zugewiesen. – Da ist gar nichts dagegen zu machen, gnädige Frau. Die drei Vorderzimmer gehören mir, ein paar tausend Mark habe ich hineingesteckt, um wenigstens einigermaßen wohnen zu können. – Die beiden andern Zimmer sind völlig ausgebrannt, das werden Sie ja selber am besten wissen, wenn das Ihre eigene Wohnung ist, gnädige Frau! Das große Zimmer nach hinten – da wohnt Frau Schulz, aber sie ist im Augenblick nicht da, und ich weiß auch nicht, ob sie heute noch kommt. Jedenfalls hat sie alles abgeschlossen. – Ja, es tut mir leid, gnädige Frau, es ist hier sehr kalt, und ich stehe hier im Hemd, ich gehe jetzt wieder ins Bett. – Am besten sagen Sie das alles dem Wohnungsamt, gnädige Frau. Guten Morgen!«

Damit klappte die Tür, und Dolls standen allein auf der Diele. Er nahm seine Frau und führte sie langsam – sie hing sehr schwer an seinem Arm – in das Innere der Wohnung. Aber da war alles fest verschlossen, in kein einziges Zimmer kamen sie. So führte er sie denn in die Küche und setzte sie auf den einzigen Küchenstuhl (‹Früher waren doch drei dagewesen?›) zwischen Gasherd und Küchentisch.

Da saß seine junge Frau, aber jung sah sie in diesem Augenblick nicht mehr aus, wie sie starr, ohne doch etwas zu sehen, vor sich hinblickte, mit einem kranken, gelblichen Gesicht. Doll nahm ihre kalten Hände zwischen die seinen, streichelte sie und sagte: »Ja, das ist kein guter Anfang, meine Alma! Aber davon wollen wir uns nicht unterkriegen lassen, wir werden schon irgendwie durchkommen. Solche wie wir sind doch überhaupt nicht unterzukriegen!«

Bei diesen ermunternden Worten versuchte Frau Doll ein Lächeln, das matteste, kläglichste, herzrührendste Lächeln, das Doll je an seiner Frau gesehen. Sie hob den Kopf und sah sich um in der Küche, lange, sehr lange; sie musterte jeden einzelnen Gegenstand und dann klagte sie: »Meine Küche! Sieh dich um, ob ein Stück in dieser Küche ist, das nicht uns gehört! Und dabei fertigt mich dieses Frauenzimmer auf dem Flur ab, bietet mir in meiner eigenen Wohnung nicht einmal einen Stuhl an!« Es war, als wolle Frau Alma weinen, aber ihr Auge blieb trocken. »Und – hast du es nicht gemerkt? – durch die offene Tür habe ich unsern Radiotisch in ihrer Wohnung stehen gesehen und den großen gelben Sessel, in dem du immer so gerne gesessen hast! Aber warte, ich gehe jetzt sofort aufs Wohnungsamt – –!«

Aber sie ging nicht, sie blieb sitzen, wieder starrte sie vor sich hin. Immer war sie eine verwöhnte, strahlende Frau gewesen. Und da saß sie nun in dem billigen Mäntelchen, das so gar nicht zu ihr paßte und das dazu auch noch geliehen war, ihre Strümpfe waren zerrissen von den Pilzkörben, und an den Händen und im Gesicht waren noch die Spuren der langen, schmutzigen Eisenbahnfahrt zu sehen ...

›Alles verloren – leer gelaufen – wie wir alle!‹ dachte Doll trübe und tätschelte mechanisch weiter ihre Hände. Aber dann besann er sich, daß es jetzt an ihm sei, etwas zu tun, sie konnten doch nicht immer weiter in der Küche sitzen. Ein Weilchen später führte er sie dann auch zu der wohlgesinnten Hausmannsfrau hinunter, und wenn sie auch hier wieder in der Küche saßen, so war die Küche doch warm. In einem Pfännchen wurde der Rest der Dollschen Kaffeebohnen gebrannt. Brot wurde geschnitten und der Rest des Fleisches aus der Dose genommen und ordentlich in ein Schüsselchen gelegt. Alles sah eigentlich schon durch dies bißchen Frühstück hoffnungsvoller aus.

Nur die junge Frau schien nichts davon zu empfinden. Jetzt, jetzt auf der Stelle sollte Doll ihren Freund, den Deutsch-Engländer, den Ben, aufsuchen, und als Doll einwendete, er wolle den Gang lieber erst nach dem Frühstück tun, wurde sie ganz ungeduldig: sie wisse genau, der Ben sei ein Frühaufsteher und immer zeitig ins Geschäft gegangen. Wenn er sich jetzt nicht sofort auf den Weg mache, werde er Ben nicht mehr treffen, sie würden ihn den ganzen Tag nicht erreichen, und sie müsse ihn doch sofort sprechen –!

Doll hätte noch einiges dagegen zu sagen gehabt, aber die junge Frau schien so fieberisch aufgeregt und verzweifelt, und er selbst war so todmüde und jedem Streite abgeneigt, daß er sich wirklich zu Bens Wohnung auf den Weg machte. »In einer knappen halben Stunde erwarte ich dich zurück!« rief die junge Frau plötzlich ganz aufgelebt. »Und bring den Ben nur gleich mit. Ich warte auf euch mit dem Frühstück!«

In einer knappen halben Stunde war der Weg nicht zu schaffen, denn die Elektrische, die hier einmal gefahren war, ging noch nicht wieder. Doll mußte das ganze Stück zu Fuß laufen. Nein, laufen nicht – schleichen!

Das Haus, das er aufsuchte, stand wenigstens noch, aber der Flurtür fehlte das Namensschild, auf den Klingelruf kam keiner. Vom Portier erfuhr er schließlich, daß der Herr ausgezogen sei, erst vor ein paar Tagen. (›In unsere Wohnung ist vor ein paar Tagen einer eingezogen, hier der Ben ausgezogen –: einen glückverheißenden Start haben wir in Berlin, das muß ich schon sagen!‹) Wohin der Umzug gegangen war, wollte der Portier nicht wissen. ›So kann ich nicht zu Alma zurück!‹ dachte Doll, und nach einigen Anstrengungen entdeckte er im Hause wirklich einen alten Herrn, der die Wohnung wußte, irgendwo ganz weit draußen im neuen Westen, ein Weg von Stunden. Kein Gedanke daran, jetzt dorthin zu fahren. Zurück zu Alma und zum Frühstück!

Sie hatte damit wirklich gewartet, sie hatte sogar ein paar Zigaretten aufgetrieben, freilich zum Preise von fünf Mark das Stück, was Doll, den die Russen bis dahin großzügig mit Tabak versorgt hatten, phantastisch vorkam. Die Nachricht vom umgezogenen Ben aber nahm Alma mit Fassung auf. »Wir werden nach dem Frühstück zu ihm fahren, so schwer es mir mit meinem Bein auch wird. Glaube mir nur, mein Gefühl ist richtig: Ben hilft uns aus aller Not; das mit dem KZ. wird er nie vergessen! Du sollst sehen«, fuhr seine Frau immer belebter fort, »er ist schon hochgekommen. Daß er in den teuren Westen gezogen ist, beweist das. Sicher hat er dort eine Villa. Und er wird froh sein, uns helfen zu können –!«

So nahmen sie, erfrischt durch das Frühstück und eine gründliche Waschung, von der freundlichen, aber immer bedrückten Hausmannsfrau Abschied. »Ich werde schon in den nächsten Tagen wiederkommen«, versprach Frau Doll, »und vor dem Wohnungsamt die Geschichte mit der frechen Person da oben in Ordnung bringen. Mir nicht einmal einen Stuhl anzubieten, in meiner eigenen Wohnung – die fliegt!«

›Und mit was werden wir ihr »die paar tausend Mark« für die Wohnungsinstandsetzung erstatten?‹ dachte Doll. ›Übrigens bekommen wir, selbst Petta und die Großmutter eingerechnet, nie das Anrecht auf die ganze Siebenzimmerwohnung.‹

Aber er sprach davon nicht mit seiner Frau. Es kam jetzt doch alles, wie es kommen mußte. Es hatte keinen Sinn, sich über irgend etwas aufzuregen oder Pläne zu machen. Alles fand sich von selbst, freilich kaum je zum Guten.

Die Erfrischung durch Waschen und Bohnenkaffee hatte nicht lange vorgehalten, und mit dem Bein seiner Frau mußte es wirklich sehr schlimm aussehen, sie kamen kaum von der Stelle. Immer wieder schwor Doll sich zu, an der Seite seiner kranken Frau zu bleiben, aber ehe er es noch merkte, war er wieder zehn oder zwanzig Schritte voraus. Wenn er dann schuldbewußt kehrt machte und zu ihr zurückkehrte, lächelte sie ihm freundlich zu. »Geh nur!« sagte sie. »Ehe ich dich ganz verliere, pfeife ich. Es muß ja eine Qual sein, neben einer solchen Schnecke, wie ich es heute bin, herzulaufen. Geh los –!«

Nach der kalten Nacht schien die Sonne warm, mit jener angenehm herbstlichen Wärme, die nichts Bedrückendes hat, sondern nur wohltut. Hier in den Villenstraßen hatten die Bäume noch ihr Laub. Es war lichter geworden und verfärbt, aber es tat schon gut, nach all den Ruinen wieder gesunde Bäume zu sehen. Viele von den Villen waren freilich auch zerstört, aber hier zwischen Büschen und Bäumen, von grünen Rasenflächen und Blumen umgeben, sah das nicht so schlimm aus.

Frau Doll sagte zu ihrem Manne, der grade wieder einmal zu seiner »Schnecke« zurückgekehrt war: »Sicher hat Ben schon seinen eigenen Wagen, und sicher wird er uns öfter darin spazieren fahren. Jetzt kommt noch der ganze schöne Herbst – wir wollen ihn endlich einmal, ganz für uns beide allein, sorgenfrei genießen. Wahrscheinlich kann Ben uns auch einen Lastzug besorgen, dann holen wir die Möbel und deine Bücher aus dem Nest und richten uns wieder schön ein. Du wirst sehen, einen wie fabelhaften Haushalt ich dir zaubere! Durch Ben werden wir bestimmt viele englische Gäste haben und du lädst dann deine Schriftstellerfreunde dazu ein ... Ich werde euch die herrlichsten Cocktails mischen – als Mixer stehe ich ganz groß da! – Ben wird schon für die Rohstoffe sorgen –!«

Ben! Ben! Ben!! Was für ein Kind sie doch war –! Wie sie jetzt alle Hoffnungen ihres gläubigen Kinderherzens auf den Freund, an den sie Wochen und Monate nie gedacht, konzentrierte! Ein Kind in Glauben und Vertrauen – keine Enttäuschung hatte bisher diese Fähigkeit, zu glauben und zu hoffen, aus ihrem Herzen ausrotten können.

Schließlich saßen sie wirklich in einem großen Salon der riesigen Villa, von den Fenstern hatten sie einen Blick über den Garten fort zu den Garagegebäuden, wo ein Chauffeur grade das Auto wusch – Bens Auto, darin hatten sich Almas Erwartungen wenigstens erfüllt. Ihr Freund Ben war überraschend hochgekommen, offizielle Schilder am Gartentor der Villa zeigten an, daß Herr Ben bereits einen hohen Posten innehatte.

Vorläufig war er noch nicht in die Erscheinung getreten, eine wichtige Besprechung hielt ihn noch im Erdgeschoß der Villa für einige Minuten zurück. Dafür wirkten um die beiden verloren im prächtigen, mit antiken Möbeln ausgestatteten Raum sitzenden Dolls drei Innendekorateure, legten, miteinander flüsternd, hauchdünne Gardinenstoffe in Falten, stiegen Leitern auf und ab und zogen an Schnüren. Und als Doll all diese neue Pracht um sich sah, wie er sie Monate und Jahre nicht mehr so intakt erlebt, empfand er doppelt, zehnfach die eigene Abgerissenheit. Der schneeige Tüll lenkte seinen Blick auf den eigenen hellen Sommeranzug, der häßliche Flecke und Streifen von der Nachtfahrt aufwies; gegen den reichen Brokat des Sessels, in dem Alma saß, stachen das billige Mäntelchen und die zerrissenen Strümpfe besonders ab.

Ja, sie waren zu Bettlern geworden – in diesem Haus, das auch in den besten Zeiten die Villa eines sehr reichen Mannes gewesen war, empfand Doll das besonders stark. Es war noch nicht so lange her, daß er sich selbst für einen recht wohlhabenden Mann gehalten hatte. Aber nun waren er und seine Frau auch nicht mehr – plötzlich sah er das ganz klar – als die Flüchtlinge, deren endlose, jammervolle, hungernde Trecks er vor kurzem noch als Bürgermeister durch sein Städtchen hatte leiten müssen. Auch Dolls, abgerissen und nur ein Köfferchen als ganzer Besitz, ohne Heimstatt, auf die Hilfe von Freunden, von Fremden, vielleicht auf die öffentliche Hilfe angewiesen. Bürgermeister, Hausbesitzer, reichliches Inventar, ein nie völlig erschöpftes Bankkonto, erträglich genährt – und plötzlich nichts, nichts, nichts!

›O Gott!‹ dachte Doll. ›Wenn Alma hier nur nicht zu viel sagt! Daß sie diese beiden Frauen nur nicht um etwas bittet – ich ertrage es nicht, noch sind wir keine Bettler!‹

Unterdes war nämlich die Frau des Freundes Ben mit einer Frau eingetreten; ein bißchen erstaunt waren die beiden Besucher gemustert worden, aber dann hatte Alma zu berichten begonnen ...

Nein, es war nicht die geringste Gefahr, daß sie zu viel sagte. Dazu kam es gar nicht. Denn es geschah etwas, was Doll in der nächsten Zeit noch oft genug beobachten sollte: kaum war Alma recht ins Berichten gekommen, so war es den beiden Frauen deutlich anzusehen, wie sie nicht mehr ruhig sitzen konnten, wie es ihnen auf der Zunge brannte, selber zu erzählen –!

Eben hatte Alma eine Pause gemacht, da setzten die beiden andern ein. Atemlos, überstürzt, einander ablösend berichteten sie, wie schlecht es ihnen ergangen sei, wie sie fast verhungert wären, wie sie so vieles verloren hätten ... Ja, in diesem Prachtbau, in einem antiken Sessel mit Brokatbezug, erfuhren Dolls, wie schrecklich armselig es den Besitzern ergangen war und eigentlich immer noch erging.

Dann trat der Hausherr ein, eilig, nur für fünf Minuten, zwischen zwei wichtigen Besprechungen. Er küßte Frau Alma die Hand und sprach sein Bedauern aus, daß das Leben so schwer, so schwer geworden sei! Nicht einmal eine Zigarette könne er seinen Gästen anbieten, so jämmerlich sei es in seinem Hause bestellt. Ja, das Bein von Frau Doll sehe wirklich schlimm aus, ganz wie eine Blutvergiftung, Doll täte wohl am besten, sie gleich in ein Krankenhaus zu bringen –!

Eine Viertelstunde später standen sie wieder auf der Straße, der Besuch bei Almas getreuestem und dankbarstem Freund war – Gottlob! – ausgestanden. Die Sonne schien noch immer hell und freundlich durch das schüttere Laub der Bäume, der Rasen vor der Villa war tiefgrün, Herbstastern blühten. Doll hängte sich leicht bei seiner Frau ein (sie hatte ein so erschreckend bleiches, krankes Gesicht) und sagte heiter: »Und weißt du, was wir jetzt tun, Alma –? Jetzt pflegen wir unsere Nerven, jetzt machen wir einfach Lebeschön – dein krankes Beinchen wird nebenbei auch gesund. Und wohin gehen wir –? Es fiel mir ein, als vorhin von einem Krankenhaus die Rede war, daß hier, kaum eine Viertelstunde ab, ein Sanatorium liegt, in dem ich schon ein paarmal meine Nerven kuriert habe. Man kennt mich dort, man wird uns dort bestimmt aufnehmen.«

»Tu mit mir, was du willst«, antwortete Frau Doll. »Nur sieh, daß ich bald zum Liegen komme!«

So begann der Marsch zu dem Sanatorium, der durch das mühsame Gehen der Frau freilich nicht eine Viertelstunde, sondern fast eine Stunde dauerte. Von dem allerbesten Freunde Ben war während dieses wahren Elendsmarsches nicht mehr die Rede, nur einmal sagte Frau Doll aus tiefsten Gedanken heraus: »Ich werde nie wieder anständig und großzügig zu den Menschen sein wie früher! Nie wieder –!«

»Gottlob«, sagte er und sah sie zärtlich an, »gottlob, Alma, ist das etwas, was nicht allein von dir abhängt. Du wirst immer – trotz der schlimmsten Erfahrungen – ein anständiger Kerl bleiben!«

Das Sanatorium, ein großer, häßlicher Bau aus roten Steinen und Zement, stand wirklich noch – es wäre auch kaum erträglich gewesen, wenn es auch hier wieder eine Enttäuschung gegeben hätte. Sie saßen im Sprechzimmer. »Biete all deinen Charme auf, Alma«, flüsterte Doll. »Sie müssen uns hier aufnehmen. Wo sollen wir sonst hin –?«

Frau Doll hantierte eilig mit Puder, Rouge und Lippenstift, sie half ihrem Charme, wie sie konnte, nach. »Natürlich nehmen wir Sie auf, kleine Frau!« sagte die weißhaarige Ärztin und streichelte ihr das Haar. »Was Ihren Mann angeht, so müssen wir erst den Geheimrat hören. Für Sie habe ich jedenfalls auf meiner Abteilung ein Bett frei!«

Der Geheimrat erschien. Er sah noch viel gelber, faltiger, zersorgter und noch viel intelligenter als früher aus, kam es Doll vor. »Für Herrn Doll habe ich ein Zimmer frei«, verkündete er nach kurzem Bedenken. »Leider für die junge Frau im Moment nicht – vielleicht läßt sich da in drei oder vier Wochen was machen.«

Dolls, eben noch ihrer schlimmsten Sorgen enthoben, sahen sich fassungslos an, dann auf die weißhaarige Ärztin, die aber jetzt ein verschlossenes und demütiges Gesicht zu ihrem Chef hin machte. Nutzlos, sich auf die zu berufen, das Schicksal war nun einmal gegen Dolls. Jeder Protest war umsonst. Ein Mißerfolg nach dem andern, sie sollten auf die Straße hinaus ...

»Von meiner Frau trenne ich mich jetzt nicht«, sagte Doll nach einem längeren Schweigen. »Komm, Alma. Auf Wiedersehen, Herr Geheimrat. Auf Wiedersehen, Frau Doktor!«

Diesmal merkten sie es auf der Straße gar nicht mehr, daß die Sonne schien, daß die Bäume noch ihr Laub hatten. Die Frage nach dem »Was nun –?« überschattete alles. Gewiß, sie hatten noch mehr Freunde, sie hatten auch noch Verwandte in der Stadt, aber wie konnten sie bei dem Zustand der jungen Frau jetzt noch weite Wege wagen, um schließlich vor einem zerbombten Haus zu stehen –?

»Was nun –? Was nun –?« Und, plötzlich nach dem Sanatorium sich zurückwendend: »Wie ich den Kerl hasse mit seinem schlauhöflichen Gesicht! Natürlich waren Betten frei – für uns beide. Aber er hat deine erste Frau gekannt – ich habe es sofort gespürt, daß er mich mit ihr verglich und ablehnte. Aber wohin gehen wir nun –? O Gott, ich muß endlich irgendwo liegen, nur ein paar Stunden, dann bin ich wieder in Ordnung.«

»Ich denke, wir gehen jetzt einfach zu unserer guten Portiere zurück. Sie wird ja irgendein Sofa oder eine Couch haben, auf die du dich legen kannst. Unterdes finde ich schon was anderes!«

Und da ihnen im Augenblick wirklich kein anderer Ausweg einfiel, beschlossen sie so. Der endlose Rückmarsch begann, die Fahrten in den überfüllten U-Bahnzügen, in denen niemand daran dachte, der kranken Frau einen Platz anzubieten, das mühsame Hinauf- und Hinabsteigen von Treppen, gedrängt, gestoßen, wegen ihrer Langsamkeit gescholten. Er hatte das Köfferchen mit ihrem letzten Kanten Brot in der Hand, Fleisch und Kaffee waren alle. Es war Mittagszeit, sie hatten weder Wohnung noch Lebensmittelkarten, noch irgendeine nahe Aussicht darauf. Sie besaßen – nach Almas extravagantem Zigarettenkauf – keine zweihundert Mark mehr.

›Wir stehen vor dem Nichts‹, dachte Doll. ›Wie macht man es nur –? Gift ist uns unerreichbar. Wasser –? Wir schwimmen beide zu gut. Strick –? Widerwärtig! Gas – aber nicht einmal eine Küche mit Gasherd besitzen wir mehr.‹ Und laut zu seiner sich an ihn lehnenden Frau: »Gleich hast du es ausgestanden! Gleich sind wir zu Haus!«

»Zu Haus«, antwortete sie und lächelte, nur ein ganz klein wenig spöttisch. Und doch gleich wieder voller Reue: »Du sollst sehen, daß ich uns noch ein großartiges Zuhause schaffe!«

»Ich glaub's«, sagte er. »Ein großartiges Zuhause – ich freu mich schon drauf.«


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