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17.

Und als ich kam ins Polenland,
Ein' wunderhübsche Gräfin fand,
So schön, 's ist nicht zu glauben!

Altes Lied.

O Du, wie warst Du einst so rein und wahr.
Wie schön Dein Antlitz, Dein Auge wie klar!
Nun glüht aus Deinem Blick ein wundes Herz
Und um die bleichen Lippen zuckt der Schmerz.

Adelheid von Stolterfoth.

Der Morgen hatte so frisch und lockend in Jesabells Stübchen gelacht, daß die Comtesse, tief aufseufzend, die feuchten Perlen von den Wimpern getrocknet und leise hinab in den Garten gestiegen war, um ernst und traurig zwischen den duftigen Beeten hinzuschreiten, gedankenlos hinauf zu ihrem Lieblingsplätzchen, der Mauerbrüstung an der Fahrstraße. Mit verschlungenen Händen saß sie zwischen den Flieder- und Rosenbüschen, welche ihre abgeblühten Zweige so dicht und zärtlich um sie her neigten, als könne ihr scheuer Kuß auf den bleichen Wangen dieses sinnende Herzeleid trösten. Regungslos starrte das junge Mädchen auf den breiten Fahrweg hernieder, und tausend liebe, beseligende Erinnerungen stiegen auf, um Bilder des ersten Sehens, des ersten Verstehens vor ihrem geistigen Auge zu malen. Jesabell glaubte noch immer die frische Melodie zu hören, mit welcher der junge Jägersmann ihr seinen Hut entgegengeschwenkt: »Es lebe, was auf Erden stolzirt in grüner Tracht, die Felder und die Wälder, die Jäger und die Jagd!« Und wie sie leise die Worte zwischen den Lippen summte und mit glücklichem Aufleuchten die schönen Augen zu den treibenden Lämmerwölkchen hob, da hallte es leise und gedämpft durch das Laubholz zu ihr herauf, langgezogene schwermüthige Hornklänge welche von dem Winde getragen, wie Seufzer der Sehnsucht um ihr Angesicht wehten. Die junge Comtesse regte sich nicht, mit vorgeneigtem Haupte starrte sie in das flüsternde Gezweig. »So behüt, Dich Gott, herztausiger Schatz, Du siehst mich nimmermehr!« klagte das Jagdhorn näher und näher kommend, bis sein Gruß im zitternden Hauche erstarb.

Bleich wie der Tod verharrte Jesabell.

Da klang es wie Hufschlag auf der Straße, langsam, sehr langsam näherte er sich, und um die nächste Waldecke biegt endlich ein Reiter, Schritt um Schritt geht es bergauf – Malzhoff. Sein Haupt ist tief gesenkt, um Jahre gereift scheint das ernste Antlitz, und eine trübe Wolke lagert auf der Stirn. Näher und näher trägt ihn das Roß, unverwandt ruht Jesabells Auge auf seinen veränderten Zügen. Da steigt eine Meise jubelnd zum blauen Himmel, und als der Blick des jungen Jägers ihr folgt, zuckt er jäh empor, glühendes Roth jagt über Stirn und Wangen, um sofort wieder einer fahlen Blässe zu weichen. Aus den Fliederbüschen schaut ihn ein Antlitz an, ein süßes, heißgeliebtes Antlitz, und zwei weiße Händchen legen sich auf eine schweratmende Brust, und wie ein qualvoller Aufschrei zittert es aus den bleichen Lippen zu ihm nieder: »Sascha!« Malzhoff starrt zu ihr empor, in diese flehenden Augen, darin die Thränen glänzen; in maßloser Leidenschaft breitet er die Arme nach ihr aus, reißt das Roß herum, um an die Mauer zu stürmen und beißt jäh entschlossen, finstern Blicks die Zähne zusammen, senkt die Sporen in die Weichen des Goldfuchses und sprengt, ohne einen Blick zurückzuwerfen, in wilder Hast den Weg hinan. Krampfhaftes Schluchzen schüttelt die schlanke Gestalt Jesabells, das Haupt auf die Arme geneigt, bricht sie an der Mauer in die Knie und bittere Thränen voll namenlosen Wehes drohen ihr junges Herz zu brechen.

Da legt sich eine Hand auf ihre Schulter, »Jesabell!« klingt es mild und weich zu ihr hernieder.

Mit verstörtem Blick schreckt sie empor. »Desider!« ringt es sich wie ein erleichterter Seufzer von ihren Lippen, und sie richtet sich wankend empor, schlingt die Arme in zitternder Aufregung um seinen Nacken und birgt das weinende Gesicht an seiner Brust.

Wortlos führt sie Graf Echtersloh zu der niederen Moosbank am Wege. »Du weinst?« fragt er leise, ihr Köpfchen noch fester an seine Brust schließend, »wer darf diese lieben Sterne trüben, deren sonniges Lachen meine einzige Lust war? Was fehlt Dir, Schwesterchen?«

Sie schüttelt stumm das Haupt, Schluchzen ist die Antwort.

»So weine, Kind! Weine dich aus! Glücklich, wer noch Thränen hat, die Qual aus seinem Herzen zu spülen, mit dem Herzblut strömt auch das Gift aus der Wunde, und hat der heiße Strom sich müde geperlt, dann heilt und vernarbt auch das klaffende Weh! Jesabell, wer hat Dich so tief betrübt?«

Glühendes Roth fluthete über das geneigte Antlitz. »Du bist so gut, Du herzlieber Bruder, Du hast genug am eignen Leid zu tragen, laß mir das meine ungetheilt!«

Er bog das liebliche Köpfchen sanft zurück und sah ernst in ihre Augen.

»Schau Dich um, Kind! Siehst Du dort die zerfallene Mauer an der Rosenhecke? Da schlangst Du vor kurzer Zeit die Arme um meinen Nacken, sahst mir voll und vertrauend in das Antlitz und sagtest mit tiefster Ueberzeugung: »Du bist das Ebenbild meines guten Vaters, Desider, und ich weiß, daß ich in Dir all' seine Liebe und Treue wiedergefunden habe!« Glaubst Du nun, Jesabell, ein Vater sähe das Herzeleid seines Lieblings mit an, ohne nach dem Warum und Weshalb zu fragen, einzig, weil er genug am eignen Weh zu tragen meint? Nimmermehr! Deine Schmerzen sind auch die meinen, und liegt es in Menschenkraft, sie zu heilen, dann fühle ich auch genug des treuesten, väterlichen Opfermuthes in mir, um Dein Glück, durch all mein Gut und Blut zu erkaufen!«

Ein leiser, zärtlicher Händedruck, ein feuchter Dankesblick ist ihre Antwort, dann neigt sie das Haupt noch tiefer auf die Brust und flüstert: »So laß mich Dir alles sagen. Desider, alles, was mich in wenigen Tagen so hoch beglückt und so namenlos elend gemacht hat.« Und zögernd, scheu und kaum verständlich in ihrer leisen Hast ringen sich die Worte von den Lippen der jungen Comtesse das Geständniß ihrer Liebe, das fröhliche, seltsame Finden und das qualvolle Erwachen aus süßem Traum.

Der Majoratsherr von Casgamala lauscht voll lächelnden Erstaunens, er nickt still vor sich hin, und in den ernsten Augen glänzt es hell und fröhlich auf, wie ein Sonnenstrahl, welcher aus düstern Wolken bricht, um den weinenden Blütenglocken drunten auf der Aue tröstend zuzulächeln! »Geduld, ihr Kleinen! Das Wetter hat sich ausgetobt und auf Regen folgt Sonnenschein!«

Jesabell schwieg.

»Das ist ein seltsames Zusammentreffen Schwesterchen!« sagte er fast heiter, »die Mutter war an dem Ruin der Malzhoffs schuld, brachte durch ihre schönen Augen Unheil und Kummer in das Herz und Haus derselben, und die Tochter stiehlt sich in die Seele des letzten jenes Geschlechts, um all das Unrecht wieder gut zu machen. Das ist eine schöne Vergeltung, Jesabell, und weil das Schicksal immer gerecht ist, so vertraue ihm und auch mir und sei versichert, daß noch alles gut werden wird. – Du sagst, Malzhoff sei soeben in den Pachthof geritten?«

Das junge Mädchen bejahte mit rosigem Hoffnungsschimmer in dem lieblichen Antlitz.

»So komm, Kleine, begleite mich zu dem Kiosk und laß uns dann das Nähere noch besprechen; ich kenne Malzhoff als eine frische, ehrliche, goldgetreue Seele, und es sollte mir nicht unlieb sein, könnte ich auf meinen Jagdzügen im Forsthaus bei einer niedlichen, kleinen Frau Sascha einkehren!« – Er lachte fast lustig auf, erhob sich schnell und legte den Arm des tief erglühenden Mädchens in den seinen. »So laß uns gehen, damit wir einmal die gütige Vorsehung spielen!«

Und der Wind flüsterte in den Zweigen und küßte zwei Mädchenaugen, welche durch Thränen zu dem stattlichen Mann an ihrer Seite emporlächelten; das Gitter wich langsam zurück, aus Rosen und wildem Gerank tauchten die weißen Steinbilder, hoben die zerbrochenen Arme zum Gruß und beneideten den Schmetterling, welcher sich gleich schillerndem Traum vor dem schönen Paare wiegt.

Auf der niedern Moosbank zur Seite des Kiosk, dicht unter dem weit geöffneten Fenster der Vorhalle, und versteckt fast unter tiefhangendem Rosmaringesträuch und Goldregen saß Jesabell und lauschte athemlos den einzelnen Worten, welche gedämpft zu ihr herniederschallten. Vor wenig Minuten war Malzhoff die verwitterten Treppenstufen zu dem Thurmbau emporgestiegen, mit tief geneigtem Haupt, ohne rechts und links zu blicken, und jetzt stand er mit hochgerötheten Wangen vor dem Majoratsherrn von Casgamala, welcher vor niederm Holztisch sitzend, ein paar Schriften durchsah und unterzeichnete. Dann blickte er empor, faltete die Blätter zusammen und reichte sie dem jungen Revierförster zurück.

»Hier, Malzhoff, die Papiere sind in Ordnung. Für den nächsten Holztermin werde ich mich vertreten lassen, am liebsten durch Sie selbst, der Forstort Schwarzkessel ist zu weit, um in einem Tage hin und wieder zurückzureiten. Und nun noch etwas in privater Angelegenheit.« – Desider schob die Papiere zurück und legte die Feder auf das Schreibzeug.

»Herr Graf kommen meinem Wunsche zuvor,« warf der junge Jäger hastig ein, »ich kam heute mit einer Bitte hierher.«

Desider sah schnell empor. »Das lobe ich mir, bekennen Sie also Farbe, mein edler Nimrod!«

Malzhoffs Antlitz war bleich, tiefernst. »Ich wollte Sie um meine Entlastung bitten, Herr Graf,« sagte er mit fester, wenn auch tonloser Stimme.

Echterlohs lächelnde Züge verwandelten sich in momentane Bestürzung, dann huschte abermals ein fast schalkhaftes Zucken um seine Lippen. »Entlassung? Potz Element noch eins, ist das etwa die schuldige Danksagung, daß ich den jungen Herrn vor wenig Wochen zu meinem Revierförster avanciren ließ? Ich hätte der grünen Farbe mehr Beständigkeit zugetraut!«

Malzhoff sah düster in das Auge des Sprechers »Jene Beförderung war nicht Verdienst, sondern einzig Edelmuth Ihrerseits, Herr Graf, welcher an den Kindern gut machen will, was an den Eltern gefehlt wurde, glauben Sie nicht, daß ich Ihre Güte darin unterschätzt hatte.«

»Ich habe schon oft vergeblich versucht, dieser Ansicht zu widersprechen« – Desider sprach mild gütig – »und ich hoffe, Ihnen schon manchen Beweis geliefert zu haben, daß nicht Ihre Stellung, sondern Ihre Persönlichkeit meine Sympathie und mein Vertrauen erweckte. Genug davon. – Sie werden sich in einer neuen Anstellung verbessern?«

»Noch weiß ich nicht, wo mich das Schicksal hin verschlagen wird!« – Eine düstere Wolke zog über Alexanders Stirn.

»Das wissen Sie noch nicht? Was zum Teufel treibt Sie denn aus meinem Dienst, wenn nicht eine lockende Zukunft?«

»Das Verhängniß, Graf!«

»Auf düstere Stichworte verstehe ich mich nicht, Malzhoff, schenken Sie mir reinen Wein ein, wenn Sie mich Ihres Vertrauens werth halten!« Echtersloh hatte sich erhoben; es lag eine fast lachende Heiterkeit in seinem Blick, welcher seltsam mit der verstörten Miene des jungen Jägers kontrastirte.

»Ihr Interesse kann mir nur schmeichelhaft sein,« entgegnete Malzhoff, den Blick zur Erde gerichtet, »und ich denke, daß ich mich der Ursache nicht zu schämen habe, welche mich aus der gewohnten Bahn reißt, ich liebe, Graf, und da mein Mädchen mir für ewig unerreichbar, da es mir eine Qual, eine Unmöglichkeit ist, ihren Anblick länger zu ertragen, wenn sie nicht mein eigen, so hält's mich nimmer länger hier, ich muß fort!«

»Und was wird aus Ihrer alten Mutter, wenn der Sohn die Flinte ins Korn wirft und sie nicht mehr unterstützen kann?«

»Gott sei Dank habe ich noch zwei gesunde Arme, Herr Graf, welche bereit sind, zu arbeiten und zu schaffen spät und früh, nur nicht mehr hier.« – Malzhoffs Auge blitzte, er warf das Haupt trotzig zurück und Desiders Auge streifte voll Wohlgefallen diese markige Gestalt, welche frisch und muthig in das unsichere Leben hinausstrebte, welche ein warmes Nest für ein trostlos Umherziehen hinwarf, um des ungefügen Herzens willen! – Er trat einen Schritt näher und legte die Hand fest auf die Schulter Alexanders.

»Und was wird aus jenem Mädchen, welches Freund Hitzkopf so unbarmherzig verlassen will?«

Malzhoffs Haupt sank tief auf die Brust zurück. »Sie wird mich ebenso leicht vergessen, als wie sie ein übermüthig Spiel mit mir getrieben,« seufzte er leise auf.

»Das ist ein hartes Urtheil, wenn sich die junge Dame allerdings eine solche Treulosigkeit zu Schulden kommen ließ, so verdient sie keine bessere Behandlung!« – Desider sprach sehr entschieden, aber es schien, als sei es ihm doch nicht Ernst mit seinen Worten.

Malzhoff brauste mit jäher Heftigkeit auf. »Treulos? Nein, das war sie nicht, Herr Graf, im Gegentheil, sie war so hold, so lieb und engelsgut, daß ich den Staub von ihren Füßen küssen möchte, und wenn sie mich hinterging, so war es einzig meine Schuld, denn ich habe durch unbesonnene Reden das arme Kind eingeschüchtert und sie verhindert, ihre wahren Verhältnisse zu bekennen!«

»So! Dann erlauben Sie wohl, daß ich Sie aus tiefster Ueberzeugung für ein junges Ungeheuer halte, welches eine Schuldlose für die eigenen Vergehen leiden läßt?!« – Desider bemühte sich, empört das Haupt zu schütteln, aber aus seinem Auge blitzte der verräterische Schalk.

Betroffen schaute Alexander auf. »Mein Vergehen? Sie wissen die Sache sonderbar zu drehen, Herr Graf, oder ich habe mich unklar ausgesprochen. – Es ist wohl möglich, daß ich mich in meiner ersten Erbitterung zu einem allzu strengen Urtheil über die Geliebte hinreißen ließ, denn im Grunde genommen sind es ja nur die Verhältnisse, welche uns für ewige Zeiten trennen!«

»Also die Verhältnisse! Wer zwei gesunde Arme hat, welche früh und spät arbeiten, welche den Kampf mit der ganzen Welt wagen wollen, der sollte sich von ein paar Verhältnissen zurückschrecken lassen? Das läßt mich zu der Ueberzeugung kommen, daß Sie die Betreffende durchaus nicht aufrichtig lieben, und ein Mädchen, welches an der Seite eines geliebten Mannes vor ein paar Entbehrungen und Hindernissen zurückschreckt, das liebt diesen Mann ebenso wenig. Seien Sie also vernünftig, Malzhoff, schlagen Sie sich die ganze Sache aus dem Kopf und bleiben Sie ruhig mein wohlbestallter Revierförster!«

Dunkle Glut trat auf die Stirn des jungen Jägers, fast feindselig blitzten seine Augen zu dem Sprecher hinüber. »Wir sollten uns nicht aufrichtig lieben? Sie würde vor einem Leben voll Arbeit und Mühseligkeiten zurückschrecken, sie, die einfache, goldgetreue, herrliche Mädchenseele? O, daß ich es Ihnen nicht beweisen kann, Herr Graf, wie nichtig Ihre Voraussetzungen sind, wie bitter unrecht Sie den treuesten Gefühlen gethan!«

»Und nichts könnte mir lieber sein, bester Malzhoff, als wie mich in dieser Beziehung überführen zu lassen!« nickte der Majoratsherr von Casgamala voll aufrichtigsten Interesses, dann drehte er gelassen den blonden Schnurrbart und griff nach einer Cigarre, Malzhoff gleichfalls präsentirend. »Aber passons là dessus, wir streiten uns ja um Kaisersbart und versäumen unsere kostbare Zeit. Sie kündigen mir also, mein Herr Förster, und ich nehme diese Kündigung an; ja ich setze hinzu, daß ich Ihnen beinahe damit zuvorgekommen wäre!«

»Herr Graf – welch' eine Veranlassung ...« stotterte der junge Jäger betroffen zurückweichend; Desider aber fuhr unbeirrt fort:

»Sie verlassen meinen Dienst hauptsächlich aus dem Grunde, soweit wie möglich von Casgamala entfernt zu sein, das kommt mir sehr gelegen. Sie wissen, daß ich Ihnen voll und ganz vertraue, Malzhoff, lassen Sie sich mit einem neuen Posten belehnen, welcher Ihnen der beste Beweis meiner Sympathie sein mag und welcher Sie weit genug von hier entfernt. Ich stehe in Verhandlung wegen eines Gutskaufes, hier lesen Sie, die Herrschaft Sondrau in Thüringen kommt unter den Hammer –«

»Sondrau?« Mit zitternden Fingern griff Malzhoff nach dem dargereichten Schriftstück, »unser altes, ehrwürdiges Familiengut bereits zum zweiten Male seit meines Vaters Tod in fremden Händen.«

»Ihr Familiengut, ganz recht; ich wußte es.« – Echtersloh trat einen Schritt näher und faßte voll herzlicher Innigkeit die Hände des düsterschauenden Mannes. »Malzhoff, wollen Sie mir einen Dienst erweisen? Reisen Sie in Ihre Heimat, kaufen Sie Sondrau für meine Schwester, Gräfin Jesabell von Echtersloh, und übernehmen Sie es, der Verwalter des Gutes zu sein, welcher die Interessen der jungen Herrin treulich wahren wird, um so mehr, als Jesabell das Thüringer Schloß bewohnen wird!«

Wie von einem Schlage getroffen, taumelte Alexander zurück. »Für Gräfin Jesabell? Sie wird in Sondrau wohnen? – Dann kann ich es nie mit einem Fuß betreten, Graf, denn – so wissen Sie – es ist ja Jesabell, die ich so innig liebe!« – Und Malzhoff schlug die Hand vor das glühende Antlitz und wandte sich in höchster Erregung zur Thür.

Mit sanfter Gewalt hielt ihn Desider zurück – »Sie sagen, meine Schwester erwidere Ihre Gefühle? Wie nun wenn ich sie segnete und dem Himmel dankte, daß er auf diesem glücklichsten aller Wege Sondrau seinem eigentlichen Herrn und Gebieter zurückerstattet und dem Hause Echtersloh endlich Gelegenheit giebt, ein altes Unrecht an Ihnen abzubüßen?«

»Dem Hause Echtersloh!« rief Alexander bitter, »hätte mir Jesabell nicht ihren wahren Namen verschwiegen, ich hätte niemals ein Geständniß gewagt – und gewollt! Ich bin arm, bin im Dienste des Hauses, habe außer meinem Namen nichts zu bieten, und ich kenne die Ansprüche des Hochfeld'schen Stolzes, welcher eine mittellose Ehe eine »Mesalliance« nennt. Verlangen Sie im Ernst, Herr Graf, daß ich mich zu meinem Unglück noch von seiner Stifterin demüthigen lassen soll? O glauben Sie, ich hätte niemals Ihr Brot gegessen, wenn ich gewußt hätte, wer Ihre Mutter sei! Als ich es bei der Ankunft der Gräfin in Casgamala erfuhr, da war es zu spät, da wußte ich, daß Sie ein Ehrenmann sind, und ich sah jenes Gitter im Park, ein stummes, aber furchtbares Zeichen, welch' ein Abgrund Casgamala und den Kiosk trennt, und darum blieb ich, Herr Graf, dem Feind meiner Feindin zu dienen!«

Jähe Glut flammte über Desiders Stirn. »Das Gitter wird fallen, Malzhoff, wenn es solch' unverantwortliche Anklage in die Welt geschleudert, mag es traurig genug sein, wenn Herz und Seele geschieden sind, vor den Augen der Menge soll das Wappenschild wenigstens die Kluft bedecken, welche das Schicksal nun einmal zwischen dort und hier gerissen hat. – Sie hassen meine Mutter und lieben ihre Tochter, soll die Unschuldige für ein Vergehen büßen, welches durch die Jahre bereits verwischt und vergessen ist, soll immer noch der Dämon des Zwiespalts jenen milden Engel zurückdrängen, welcher durch Liebe und nur durch Liebe das Vergangene sühnen will? – Sie wollen mir ja beweisen, Malzhoff, wie treu und redlich Ihre Gefühle sind, wohlan, jetzt können Sie es, zeigen Sie mir, daß die Liebe noch mächtiger ist, als der Haß!«

Er reichte ihm mit treuem Blick die Hand entgegen, und in übermächtiger Erregung schlug Alexander ein, fahle Blässe zog über sein Antlitz und wich der tiefen Glut, welche in unaussprechlichem Glück aus seinem Auge strahlte.

»Aber Gräfin Leontine?« murmelte er unschlüssig.

»Sie wird den Besitzer von Sondrau gern und freudig als Schwiegersohn aufnehmen, denn in ihren Augen kaufe nicht ich, sondern Sie das Gut, Malzhoff, und außerdem ist nicht meine Stiefmutter, sondern ein alter braver Onkel der Vormund meiner Geschwister. Auch Jesabell wird in dem Glauben bleiben, daß Sondrau das Besitzthum ihres Gatten sei. – Und nun, Alexander, wollen Sie mich denn gar nicht fragen, wo Sie Jesabell finden werden, um einen großen, großen Umweg um die Treulose machen zu können?« Desider lächelte, er zog den jungen Jäger zu dem Fenster und wies schweigend auf die Moosbank in dem Goldregengebüsch. Dann trat er lautlos zurück.

In aufwallender Empfindung wandte sich Malzhoff, faßte die Hand Desiders in heißem, leidenschaftlichem Druck und sah ihm fest in die Augen. »Ich danke Ihnen, Graf, Gott segne Sie für diese Stunde!« Und er schritt mit fiebernder Eile zur Thür.

Die Sonne schimmerte über die tiefhangenden Blütenzweige und säumte das liebliche Mädchenhaupt mit zitterndem Golde, die Hände in dem Schoß gefaltet, starrt Jesabell nach der Kioskthür, auf die schlanke Gestalt, welche hastig darin erscheint, welche sporenklirrend ihr entgegeneilt, um mit weitgeöffneten Armen an dem flüsterndem Gebüsch stehen zu bleiben. – »Sascha!«

»Jesabell!« – und er stürmt mit leidenschaftlichem Jubel näher, preßt ihre Hände an Brust und Lippen und wiederholt leise mit tiefinnigem Blick der Liebe: »Jesabell!«

An dem Kioskfenster verschwindet ein blondes Männerhaupt; mit lächelndem Blick hat Desider das junge Paar geschaut, welches in lautlosem Entzücken den ersten Kuß heilig ernster Liebe tauscht, es zuckt um seine Lippen wie wehmuthvolles Herzeleid, langsam tritt er zu seinem Geheimniß, hebt mechanisch seine Schleier und versinkt in schmerzlich süßen Traum.


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