Otto Ernst
Frieden und Freude
Otto Ernst

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Sterntaler und Sonnengulden

Der deutsche Humor wird noch immer ausgezahlt in Sterntalern und Sonnengulden.

Was Sterntaler sind, weiß jedermann. Wenn man von aller Welt verlassen und dennoch gut und fromm ist, fromm im allerhöchsten und allerschönsten Sinne, und den Armen sein Letztes hingibt, auch sein letztes Hemd, dann fallen die Sterne vom Himmel und sind lauter blanke Taler. Und obwohl man sein letztes Hemd dahingegeben hat, hat man doch eins von allerfeinstem Linnen an, und dahinein sammelt man die Taler und ist »reich für sein Lebtag«. Freilich: die meisten Menschen nehmen diese Taler nicht in Zahlung und geben nicht Brot, nicht Kleid und nicht Wohnung dafür; aber dafür tragen sie sich sehr leicht; man kann die ganze Summe überall mitnehmen, und reich ist man und bleibt man. Immerfort fallen solche Taler vom weiten deutschen Himmel, und wenn der Leser nicht reich wird, so liegt es wohl nur daran, daß er noch nicht gut und fromm genug ist.

Auch was Sonnengulden sind, weiß jedermann. Sie sind leichter zu haben als die Sterntaler, weil die Sonne näher ist als die Sterne; jeder gesunde und harmlose Mensch, der an einem rechten Sommertage in einer grünen Laube sitzt, sieht die flimmernden Goldgulden überall auf Tisch und Bank und Boden liegen, ja sie fallen ihm wohl von selbst auf die Hand, und wenn er die Hand umdreht, in die Hand. Man mag davon aufraffen und in den Herzkammern aufhäufen, soviel man will, der Zauberschatz bleibt immer unvermindert. Allerdings: bei vielen Menschen haben auch die Sonnengulden keinen »Münzfuß« und keine »Währung«; aber wer sie aufnimmt, ist dennoch reich für eine Stunde, vielleicht für einen Tag, wenn er Glück hat, wohl gar für Wochen.

Von Sterntalern wie von Sonnengulden wimmelt's, wie in der weiten Welt, so in der deutschen Dichtung, und wenn der Leser nach dem Lesen solcher Dichtung nicht als ein Mensch von Vermögen aufsteht, dann kann es nur daran liegen, daß er Hand und Herz nicht aufgetan hat.

Ja, das muß vor allem gesagt werden: Wer in den Himmelssaal voll Sterntaler und in die Laube voll Sonnengulden hineinwill, die der deutsche Humor erbaut hat, der muß außer dem Tribut an den Herrn Buchhändler noch ein hohes Eintrittsgeld – »ein Extradouceur« pflegen die Gaukler zu sagen – von mehreren Talenten erlegen. Und das größte von diesen Talenten ist ein offener Sinn. Wer mit einer bittern Zunge kommt, für den sind alle Schüsseln bitter.

»Wenn das Herz nicht lachen will,
So hilft kein Münchhausen und kein Till.«

Die hohen und höchsten Herrschaften, die den fröhlichen Olymp der deutschen Dichtung bevölkern, verlangen Wohlwollen vom Leser, das heißt nicht, daß er sich ein lustiges X für ein trübseliges U machen lassen soll, sondern das heißt: er muß wohl wollen, wenn er nur kann. Manchmal, wenn ich ausgehe, seh' ich weit und breit kein schönes Frauenangesicht, und jede Leserin wird sich mit Recht sagen, daß das nur an mir liegen kann. Ein andermal begegnen mir auf Schritt und Tritt die liebsten, süßesten, entzückendsten Frauen und Mädchen. Das liegt dann natürlich an den Frauen und Mädchen. So, wenn der Leser bei deutschen Humoristen nichts Herzerquickendes finden kann, liegt es unfehlbar an ihm, und so, wenn er eitel Lust und Freude aus ihnen schöpft, liegt es unzweifelhaft an den Humoristen.

Ich sehe da nun einen sehr ernsthaften Mann auf mich zukommen und höre ihn fragen, wo in der deutschen humoristischen Literatur die Sterntaler, die aus Siriusfernen kommen, und wo die Sonnengulden, die nur von unserm lumpigen Fixstern herrühren, wo, mit andern Worten, das Schwergewichtige und wo das Leichtere zu finden, kurz: wie die deutsche Literatur geordnet sei. Ja – das ist nun ein Schlimmes an deutscher Dichtung und deutschem Humor, daß sie nicht »nach Materien geordnet«, daß sie eigentlich nicht einmal chronologisch geordnet sind. Das ist ja auch das Fürchterliche am Wald, daß er nicht »nach Materien geordnet« ist und auch nicht chronologisch, daß die alten Eichen und die jungen Brombeeren wild durcheinander stehen. Aber Ordnung muß sein, darin hat der ernsthafte Mann ganz recht, und so schlag ich ihm die straffe und starre Ordnung des Alphabets vor. Da nun die Menschen – leider – nicht in alphabetischer Reihenfolge geboren werden und ein Zschokke vor einem Arnim auf die Welt kommt, so kommt dabei freilich heraus, daß Eichendorff neben Eulenspiegel, Haug neben Hebel, Rabener neben Raimund, und Schlippenbach, der Dichter der herrlichen Verse

»'n Kerl wie Samt und Seide,
Nur schade, daß er suff«,

neben Schiller zu stehen kommt. Das ist dann ja freilich eine ordentliche Unordnung! Und diese kreuz- und querfidele Ordnung des Alphabets und der Natur, muß ich gestehen, find ich herrlich. So kann der Leser mit dem Anfang anfangen und mit dem Ende aufhören, kann vom Mittelalter ins 19. Jahrhundert und wieder zurück, kann von Grabbe zu Grimm und von Grimm zu Grimmelshausen schweben und so aus dem Ganzen eine der tiefsten Weisheiten schöpfen, nämlich die: daß das Leben der Menschheit eine Schaukel ist. Das ist eine tröstliche Weisheit, wenn die Schaukel immer höher und höher geht und zuletzt in den Himmel fliegt.

»Wie? Wa – waas?« hör' ich schon seit einer halben Stunde den ernsthaften Mann rufen, »was höre ich da soeben? Raimund und Rabener? Haug und Hebel? Ich denke, du sprichst von deutschem Humor! Rabener war Satiriker! Ist Satire Humor? Haug war ein witziger Epigrammatiker! Ist Witz Humor?«

Bravo, ernsthafter Mann! Siehe, ich vereinige meine Stimme mit der deinigen und rufe laut und empört: »Ist die Erdbeere eine Frucht? Nein und tausendmal nein! Sie ist keine! Jeder Schwachkopf weiß es, daß sie nichts als ein fleischig entwickelter Blütenboden ist und daß die winzigen Nüßchen, die er trägt, die wirklichen Früchte sind! Aber was geschieht? Die Menschen bezeichnen nicht nur den Blütenboden schlankweg als Frucht, nein: sie essen ihn auch! Und er schmeckt ihnen! Und ein ganz ähnlicher Schwindel ist es mit der Ananas, der Feige und sogar mit dem so bieder und treu dareinschauenden Apfel! Dem Früchte verzehrenden Publikum ist Frucht und Scheinfrucht ganz einerlei; es frißt alles durcheinander und nennt es Obst. Ja. Und die Polizei läßt das alles ruhig geschehn. Wann wird diesem Unfug einmal ein Ende gemacht? Die Leute lesen auch Romane, die gar keine sind, deklamieren Balladen, die gar keine sind, sehen sich Dramen an, die gar keine sind; sie werfen Humor, Komik, Witz, Ulk, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung bunt durcheinander und fressen es hinein wie einen Salat. Zum Glück liegt die Sache hier nicht ganz so schlimm wie beim Obst; wir haben wenigstens eine wachsame ästhetische Polizei. Aber da soll es vorgekommen sein, daß ein Dozent etwas auf dem Experimentiertisch, in einem sauberen Probierzylinder als chemisch reinen Humor dargestellt und daß kein Teufel darüber gelacht hat. Und umgekehrt hat man etwas als niedrig-komischen Jokus erkannt, und wenn man nachschlug, war es von Molière oder von Shakespeare oder von Aristophanes. Wie unangenehm! Du siehst, ernsthafter Mann, gegen diesen Wirrwarr ist man machtlos, und so bleibt es denn dabei, daß du in einer guten Humoristenbücherei alles findest, worüber sich mit gutem Grunde lachen läßt: Schweres und Leichtes (nur nichts Seichtes), Grobes und Zartes, Volkstümliches und Apartes, Feines und Derbes, manchmal auch Herbes, Scharfes und Mildes, Zahmes und Wildes, Spitzes und Rundes, aber immer Gesundes. Du meinst, aufs Lachen komm' es nicht an; der höchste Humor sei der, bei dem man nicht lache. Ich kenne die Ausrede. Glaub' mir, es gibt keinen richtigen Wein, bei dem man nicht lacht, sei's laut oder stille, sei's innen oder außen. Wenn du einen Wein kennst, bei dem man nicht lacht, so läuft dir eine Verwechslung unter: Du meinst Lebertran.

Also fasse Mut, ernsthafter Mann, tritt ein in den Sternensaal und Lustgarten deutscher Fröhlichkeit und trink dich satt an unerschöpflichen Quellen voll Sonnenglanz und Sternenschein!


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