Otto Ernst
Frieden und Freude
Otto Ernst

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Hornbold beglückt die Menschheit

Leberecht Hornbold ist ein braver Mann; er will immer nur das Beste; er will die ganze Menschheit beglücken, daran ist kein Zweifel; ob er es überall erreicht, das möcht' ich jetzt einmal dem Urteil meiner Leser anheimstellen.

Nachdem das frömmste und weiseste Land der Welt, das sind nämlich die Vereinigten Staaten von Nordamerika, das vollkommene Alkoholverbot durchgeführt oder sagen wir: eingeführt hatte, stellte sich Leberecht Hornbold an die Spitze einer Bewegung, die nicht eher ruhte, bis das gleiche Verbot für alle Kulturländer der Erde erreicht war. Die Musen und Grazien des Weines flohen aus der Welt. Noahs sanft gerötetes Patriarchengesicht wurde aus der biblischen Geschichte weggeschminkt; des Venusiners laubumkränzter Becher rollte leer in den Staub. Das deutsche Kommersbuch, diese unergründliche Schatztruhe kindlicher Heiterkeit und genialen Unsinns, wurde zugeschlagen, vernagelt und in die Stahlkammer des Magistrats zur Aufbewahrung gegeben. Die Dichter und Komponisten von Goethe bis Geibel, von Mozart bis Meyerbeer, mußten in alkoholfreien Ausgaben erscheinen, und wo sonst ein Rubens oder Teniers mit trunkenen Bacchanten oder Bauern gehangen hatte, da wurden zur Erbauung des Volkes deutliche und farbenprächtige Abbildungen und Präparate von Säuferlebern, Säuferherzen, Säufernieren usw. in ihren fürchterlichsten Entartungen aufgehängt. Die Herzenstür, die der weinerhitzte Mensch zuweilen aufgestoßen hatte, um sich Luft zu machen, bei welcher Gelegenheit dann allerlei Schlimmes und Gutes an den offenen Tag geschlüpft war – dieses Türlein war für immer verrammelt, und wenn der Mensch schon für gewöhnlich eine Auster ist. so war er nun zur ewigen Auster geworden, Der Rausch war aus der Welt verbannt und damit vielleicht ihre wahrste und ehrlichste Hälfte, mit ihm gewiß auch mancherlei Jammer und Elend, wenn auch nicht so viel, wie man gehofft hatte.

Vergeblich riefen die festen Charaktere: »Was fällt euch ein, uns zu Unmündigen zu machen und uns den Wein, den Eröffner der Herzen, zu entziehen?! Wir wissen selbst, wann wir aufzuhören haben! Es ist eine bodenlose Frechheit, erwachsene und gesittete Menschen mit Völlern und Säufern unter dieselbe moralische Kuratel zu stellen und ihnen eine der wenigen reellen Freuden des Daseins vom Munde wegzuziehen! Ebensogut könnte man uns das Schinkenessen verbieten, weil man's übertreiben kann!« Vergebens stiegen in August- und Novembernächten aus dem »Mundus« die Manen Goethes und Schillers empor und riefen: »Was fällt den Hohlköpfen vom Kaliber Woodrow Wilson ein, den Schöpfern des Faust und des Wallenstein den Rheinwein zu verbieten?«

»Schinkenverbot?« sagte Hornbold, Schiller und Goethe überhörend, »Kommt auch noch!« Aber einstweilen hatte er's auf die Raucher abgesehen.

Daß der Tabak schädlich sei, das wußte alle Welt; das genügte aber nicht. Er mußte auf wissenschaftlichem Wege zu einem menschheitvernichtenden Teufel gemacht werden. Dergleichen ist immer zu machen. Hornbold und seine Organisation wußten die Bonbon- und Schokoladefabrikanten davon zu überzeugen, daß doppelt so viel Süßigkeiten verzehrt werden würden, wenn kein Mensch mehr rauchen dürfe. Da flammte unter den Süßigkeitsfabrikanten ein alles mit sich fortreißender Idealismus auf und gab eine Milliarde her für neue und alte Zeitungen, deren Redakteure und Mitarbeiter alle Fragen der Politik vom tabakfeindlichen Standpunkt aus behandeln mußten.

Das Nikotin wurde zum »Dämon« ernannt wie ehemals der Alkohol, und in Filmschauspielen mit dem Titel

»Dämon Nikotin«

wurde das Schicksal der bejammernswerten, aber auch fluchwürdigen Opfer des Rauch-, Kau- und Schnupflasters dargestellt, von dem Ergebnis des ersten Rauchversuches an bis zum Verrecken des Importen-Wüstlings an Nerventatterich und Herzlähmung. Goethes Tiefe wurde jetzt von den Tabakgegnern erkannt, weil er ein Feind des Rauchens gewesen war; der rauchende und schnupfende Schiller und der qualmende Bismarck wurden unterschlagen. Auch sonst hat es allerlei angesehene und achtbare Leute gegeben, die im Tabakgenuß kein Verbrechen sahen. Der Papst Leo XIII. bot einmal einem Kardinal eine Prise an, die dieser mit den Worten ablehnte: »Ich danke, heiligster Vater; diesem Laster fröne ich nicht.« Worauf Leo XIII. prompt erwiderte: »Wenn es ein Laster wäre, übten Sie's längst.« Bekanntlich erlaubt auch die Geschichte – anders als beim Weine – einen Vergleich zwischen rauchenden und nichtrauchenden Zeitaltern; denn die Sitte des Rauchens – »Unsitte!« schreit Hornbold – ist ja erst ein paar Jahrhunderte alt. Ich fragte also Hornbolden, als ich ihn zufällig einmal wieder traf, ob er finde, daß die nichtrauchende Menschheit mehr geleistet habe als die rauchende. Er hatte aber augenblicklich gar keine Zeit, lief davon und war mir auf einige Zeit böse. Nach drei Monaten aber war das strengste Verbot jeglichen Tabakanbaues in allen Reichen der Erde Gesetz. Das Kanasterrüchlein des ehrwürdigen Pfarrers von Grünau, des göttlichen Bräsig und des »Ätti«, der »sei Tuback schnätzlet«, war aus der Welt verflogen, und der liebliche Abendgruß: »Gott grüß euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen?« klang nicht mehr von Zaun zu Zaun.

Mit dem Tabak verbinden sich bekanntlich mit besonderer Vorliebe zu höllischer Brüderschaft Kaffee und Tee, ein Teufel so abgefeimt und heimtückisch wie der andre. Vor dem Kaffee hatte auch Goethe gewarnt, der überhaupt ein großer Mann gewesen wäre, wenn er nicht so gern Wein getrunken hätte. Das Coffein oder Theïn – Hornbold kannte seine verheerenden Wirkungen, kannte es als heuchlerisches Herzgift; er kannte auch den bösen Geist der Schokolade, das Theobromin; aber er mußte den Kampf dagegen zurückstecken in der Hoffnung, ihn in ferneren, lichteren Tagen einmal aufnehmen zu können. Vorläufig brauchte er die Schokolade- und Kakaoproduzenten im Verein mit sämtlichen Mineralwasser- und Limonadeerzeugern, um aus dem hohen Geiste der Konkurrenz den Fortschritt der Menschheit zu destillieren. Als Mokkaersatz empfahl Hornbold das neu erfundene »Blaubeeril«, das man, um die Täuschung vollständig zu machen, auch heiß trinken konnte. Da die Frauen schon das Stimmrecht hatten, so war der Kampf gegen den Kaffee ziemlich schwer; aber da seltsamerweise noch immer mehrere Frauen so stimmten wie ihre Männer und Frauen und Männer durch eine tüchtige Presse von allem zu überzeugen sind, so mußten Tee und Kaffee verschwinden, und Johann Martin Usteris gastlicher Frau Amtmännin blieb ihr herzbezwingendes »Noh e Täßli, Frau Bas?« für ewige Zeiten im Halse stecken.

Nur mit äußerster Kraftanstrengung hatte Leberecht während seines Kampfes gegen den Kaffee einen anderen Haß in sich hinabgewürgt, den leidenschaftlichen Haß nämlich gegen das Fleisch, worunter hier vorläufig nicht Fleisch im christlich-aszetischen Sinne, sondern Rind-, Kalb-, Schweine-, Hammelfleisch, Wild, Geflügel, Fisch und all dergleichen Animalisches zu verstehen ist. Die Gründe, weshalb die Menschheit am Fleischgenuß unfehlbar zugrundegehen muß und nur durch reine Pflanzennahrung zu retten ist, sind bekannt und belanglos. Denn in den Bewegungen der Menschheit kommt es nicht auf Gründe an, sondern auf den Agitationsfonds. Hornbold machte den gesamten Ackerbau gegen die Viehzucht mobil, und in allem, was Reis, Mais, Roggen, Hafer, Weizen, Gerste, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Kohl, Zuckerrüben usw. usw. in ungeheuren Massen erzeugte und in noch ungeheureren Massen zu verkaufen wünschte, sei es nun in Kalifornien oder Rußland, in Ägypten oder Neuseeland, in Weimar oder China, überall loderte himmelhoch jener schöne amerikanische Idealismus empor, der in fünf Minuten sieben Milliarden für eine Anti-Fleisch-Presse zeichnete. Ob es dieser Presse gelang, ein Welt-Fleischverbot durchzusetzen? Kindliche Frage! Die Anti-Deutschlaud-Presse, dieser Kulturfaktor, hat doch den Welthaß gegen Deutschland gemacht; warum soll eine andere Milliardenpresse nicht das Kinderspiel eines Fleischverbots zustandebringen? Also aller Fleischgenuß wurde verboten, Eier und Milch nicht ausgeschlossen; nur die Muttermilch, obwohl ein tierisches Erzeugnis, wurde notgedrungen und »einstweilen« zugelassen, »bis es dem Menschengeiste gelungen sein werde, einen vollgültigen Ersatz zu finden«. Die Ochsen atmeten erleichtert auf, nachdem sie bekanntlich bis dahin bei jeder neuen Kulturtat gezittert hatten, seitdem Pythagoras nach Entdeckung seines Lehrsatzes eine Hekatombe von Ochsen geopfert hatte. Die Warnung eines Statistikers: »Wenn wir die Tiere nicht essen, werden die Tiere uns essen!« fand keine Beachtung, weil die Praxis noch nicht bis dahin vorgeschritten war.

Mit dem Fleische war ohne Zweifel ein gefährlicher Erreger des Blutes und der Leidenschaften beseitigt: aber Hornbold und seine Genossen waren weit entfernt, sich hierbei zu beruhigen. Noch übten Pfeffer, Kümmel, Senf, Zwiebeln, Paprika, Ingwer, Zimt, Kardamom, Lorbeer, Gewürznelken, Piment, Muskat, Vanille und ein ganzes Heer von Gewürzen als Aufpeitscher der Leidenschaft ihren schlimmen Reiz, ihre herz- und nervenzerstörende Wirkung. Auch hier konnte das Tier in seiner unbewußten Vernunft dem Menschen als Vorbild dienen:

»Mag auch die Kuh Muskate?
Sie frißt nur Haberstroh.«

Die große Aufgabe bestand darin, das Leben der Menschen, wenn man sie glücklich machen wollte, so reizlos wie möglich zu gestalten; da verstand es sich von selbst, daß man den Unfug jener Reizmittel nicht fortbestehen lassen durfte. Nach den großen Erfolgen gegen Alkohol, Fleisch und Tabak war es verhältnismäßig leicht, den Kampf auch gegen diese bedenkliche Würze des Daseins zu einem siegreichen Ende zu führen.

Aber die Gruppe Hornbold wußte natürlich längst, daß mit all dieser Befreierarbeit das rohsinnliche Vergnügen noch bei weitem nicht aus der Welt geschafft war, und sie sagte sich mit Recht, daß alles, was den Menschen in solcher Weise Vergnügen mache, den wachsamsten Argwohn rechtfertige. Gegen die »rein geistigen« Genüsse hatten sie natürlich nichts einzuwenden; im Gegenteil: sie versicherten, wenn die Menschen erst der sinnlichen Genüsse entwöhnt seien, würden sie sich den geistigen mit verdoppelter Inbrunst zuwenden. Und das Schwerste und Bedeutungsvollste ihres Kampfes hatten sie sich bis zuletzt aufgehoben. Längst war es ihnen kein Geheimnis mehr, daß die Menschen sich aus der Liebe ein Vergnügen machten. Und doch war es der klare Wille der Natur, daß die Liebe nur der Fortpflanzung zu dienen habe. Schon Romeo und Julia, ja, vielleicht schon Hero und Leander hatten aber nicht, oder doch wenigstens nicht ausschließlich, die Fortdauer des Menschengeschlechts im Auge, noch ist anzunehmen, daß sie bei längerem Zusammenleben diesen Zweck zur alleinigen Richtschnur ihrer Empfindungen gemacht hätten. Das mußte anders werden.

Das Laster der zwecklosen Liebe war vielleicht das verbreitetste und verderblichste. Man erwog eine Zeitlang, das Institut der Familie aufzuheben, Männer und Weiber in streng getrennte Wohnungen zu verweisen und die Kinder nach dem hehren Kommunisten- und Schafsideal herdenweise zu erziehen. Eine Begegnung von Mann und Weib sollte dann immer nur so lange erlaubt sein, wie der Zweck nicht erfüllt war. Indessen erschien die Menschheit für dieses Glück noch nicht reif, und man beschränkte sich darauf, die zwecklose Liebe bei Todesstrafe zu verbieten. Ob dieses Verbot überall die beabsichtigte Wirkung hat, konnte ich bisher nicht feststellen; Hornbold meint: ja.

Als die Hornboldianer oder Leberechtianer solchermaßen die Menschheit restlos oder doch nahezu restlos beglückt hatten, konnten sie sich gleichwohl nicht verhehlen, daß sie ihr mancherlei Vergnügen geraubt hatten, konnten dies um so weniger, als plötzlich auch die Lust an den »rein geistigen« Vergnügungen reißend abnahm und eine allgemeine und zunehmende Tristitia sich wie eine Nebelkappe auf die Welt herabzusenken begann. Die Menschen hatten früher gerade den Wechsel von Sinnlichem und Geistigem so angenehm empfunden; ja, mehr noch: sie hatten die Welt dann am schönsten gefunden, wenn das Geistige vom Sinnlichen, das Sinnliche vom Geistigen durchdrungen ward. Wenn sie jetzt von Goethe kamen und soeben gehört hatten:

»Liebe sei vor allen Dingen
Unser Thema, wenn wir singen;
Kann sie gar das Lied durchdringen,
Wird's um desto besser klingen.

Dann muß Klang der Gläser tönen
Und Rubin des Weins erglänzen:
Denn für Liebende, für Trinker
Winkt man mit den schönsten Kränzen.«

oder auch, wenn sie von Schiller-Beethovens Lied an die Freude kamen und sich dann zu einem geölten Linsenkotelett mit Sauerbrunnen niedersetzten, um hinterher statt der Zigarre einen Bleistift im Munde herumzudrehen, so empfanden sie etwas wie Unstimmigkeit. Die Normalmänner und Reformfrauen um Hornbold hatten die bei Goethe erwähnte Systole und Diastole nicht ganz begriffen, vielleicht sogar überhaupt nicht; sie hatten nicht begriffen, daß es ohne negative keine positive Elektrizität gibt. Als gewissenhafte Menschen fühlten sie aber tief die Verpflichtung, für das Genommene einen Ersatz zu bieten, und so beschlossen sie einstimmig, sich auf Gemeinschaftskosten photographieren zu lassen und jedem Haus und jeder Hütte ihr Lichtbild zu schenken, damit es allda zum Schmuck der Wände und zur Aufheiterung des Gemütes diene. Wie weit die Menschheit von diesem Geschenk Gebrauch gemacht hat, kann ich natürlich nicht sagen; ich für meine Person habe einstweilen in Ermangelung von etwas Sinnlichem die Bilder aufgehängt.


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