Otto Ernst
Frieden und Freude
Otto Ernst

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Das Bett

Eine sybaritische Plauderei.

Ouuuhahaha!! ... Eieieiuuuha ... Uäääuuujaja ... Ohohoho ... Jittiajajajaja!!! ... Ojajajahaaaaauh... Aah – aaah – aaaaah!!! ... Jeijeijeijeiuhuuuua!!! .. Uiuiutuiiitinnaja!! Herrrrrrgottherrrgottherrrgott!!!... Huijejejenochmal!! Hmmmmgrrrrfffffhhh!...«

Diese furchtbaren, rätselvollen Laute kamen am späten Abend wie Ächzen, Seufzen, Stöhnen, Heulen aus dem benachbarten Zimmer, das mein Freund und Wandergenosse bewohnte.

Bestürzt eilte ich zu ihm: »Um Gottes willen, was hast du? Was fehlt dir?«

»Nichts!« sagte er, im Bette liegend, mit dem glücklichsten Gesicht von der Welt, »ich habe mich zur Ruhe begeben.«

»Soso,« machte ich, »Ruhe nennst du das.«

»Ja,« sagte er. »Das ist mein allabendliches Wonnegebrüll, wenn ich die Decke über die Ohren ziehe. Kennst du etwas Schöneres als zu Bett gehen?«

Ich war damals erheblich jünger als jetzt und sagte: »Nnna!!«

»Nee, Schöneres gibt's nich!« erklärte er, jeden Widerspruch abschneidend.

Es war wohl um dieselbe Zeit, daß Theodor Fontane auf eine Rundfrage nach der Lieblingsbeschäftigung hervorragender Männer für sein Teil die Antwort gab: »Schlafen.« Ich habe mich damals über diese Antwort ein wenig gewundert, sagte mir aber, daß Fontane schon über 70 sei. Inzwischen bin auch ich ein wenig älter geworden und der Anschauung meines Freundes und Theodor Fontanes ein wenig nähergerückt. Neben der üblichen Tagesmüdigkeit, die am Morgen nach gesundem Schlaf wieder geschwunden ist, sammelt sich in uns mit zunehmenden Jahren eine andere Müdigkeit. Ich meine, was mich betrifft, nicht Lebensmüdigkeit. Ein Altersleben wie Goethe, Schopenhauer, Wilhelm Raabe, der mir selbst gestand, daß er sich seines Alters freue, würde ich gern noch lange führen. Aber die Menschen, die Menschen sind ein angreifender, ermüdender Umgang, und man freut sich, wenn man sich am Abend ganz von ihnen zurückziehen und sie vom Bett aus lieben kann. So bin ich denn auch mit der Zeit ein ehrlicher Bewunderer des Bettes geworden.

Ein anderer Bewunderer dieser Einrichtung meinte einmal: »Die größten Erfinder und Wohltäter der Menschen sind unbekannt. Gibt es eine genialere Erfindung als das Bett? Und wer kennt und rühmt seinen Erfinder?«

Nun, das dürfte auch schwer halten. Diese Erfindung ist so genial, daß sie einer auf einmal gar nicht machen konnte. Diese Erfindung ist vermutlich überhaupt keine Erfindung, sondern eine Reihe von Entdeckungen. Der Urmensch war zu genialen Erfindungen vermutlich nicht aufgelegt, und vermutlich schlief er zunächst, als Jägersmann in der Regel im Besitz der erforderlichen »Bettschwere«, platt auf dem Erdboden, wie ich als Junge an heißen Sommertagen, wenn ich »Jäger und Hund« gespielt hatte, mich platt auf den Bretterfußboden warf und ohne Kopfstütze wie ein Dachs schlief und wie ein Gott träumte. Ich war ja noch jünger als Jakob auf der Wanderschaft und träumte, auf jedem Steine schlafend, von Himmelsleitern. Aber das merkte auch der Urmensch schon bald, und wär' es nur der Pithecanthropus von Java gewesen, daß es sich auf Gras, Laub oder Moos angenehmer schlafe als auf Steinen; das begriff er schon mit der Rückseite, ohne Bemühung des Denkorgans. So war als erster Teil des Bettes die Unterlage erfunden oder entdeckt.

Daß man sich gegen Kälte durch Bedeckung schützt, wußte der Urmensch schon von seiner Kleidung her; der Gedanke der Bettdecke war also verhältnismäßig einfach. Vielleicht war die Bettdecke vor der Körperbekleidung da; das zu entscheiden, überlaß ich den Goethe-Philologen.

Als der Mensch auf seinem Lager durch Schlangen oder sonstiges Gewürm belästigt wurde oder als ihm der Erdboden eines Tages zu feucht war, kam er auf den Gedanken, seine Ruhstatt durch Stützen über den Boden zu erheben; das war der Anfang der Bettstelle. Und als der Erfinder des Weines zu einer Nachtzeit aus dem Bette gefallen war, gab er der Bettstelle Wände, zunächst Seitenwände, dann, als er Kälte an den Füßen fühlte, die Fußwand, um der Bettdecke einen Halt zu geben; warum er später die Kopfwand hinzufügte, weiß ich nicht. Ebenso weiß ich nicht, warum er den Kopfpfühl erfand; die Vierfüßer schlafen noch heute, wenn sie sich legen, ohne solchen Pfühl. Als Junge, wie gesagt, als ich den Vierfüßern noch näher stand als jetzt, brauchte ich auch kein Kopfkissen.

So gering man sich auch die geistigen Fähigkeiten des Urmenschen vorstellen mag – schon der Pithecanthropus war viel zu begabt, um das Himmelbett oder den Alkoven zu erfinden und sich von der Luft abzuschneiden. Dies war einer höheren Entwicklungsstufe vorbehalten. Was mich betrifft, so mache ich gern den Weltraum zu meinem Schlafgemach, die Steine zu meinen Nachtampeln, die windbewegten Bäume zu meinen Fächern und die Nachtigall zu meiner Kammersängerin, indem ich zur Nachtzeit ein Fenster offen lasse. Es ist ein angenehmes Gefühl, solchermaßen bei Mutter Grün in einem richtigen Bett zu schlafen. Und ich bin glückselig, daß ich um mein Bett nicht einmal den dünnsten Gazeschleier zu ziehen brauche, weil es in unserm Klima nur zweibeinige Moskitos gibt, die in mein Schlafzimmer nicht hineingelangen.

Wer sich von dem Urbett des Urmenschen eine deutliche Vorstellung oder sagen wir lieber: einen unvergeßlichen Eindruck verschaffen will, der suche gewisse Hotels auf, wo sich jenes Bett noch erhalten findet. Nur daß jenes vorgeschichtliche, paläontologische Bett wahrscheinlich doch noch etwas bequemer war, weil er, der es machte, selbst darauf liegen mußte. Ich habe in meinem Leben in sehr vielen verschiedenen Betten schlafen müssen und habe das bei meiner hohen Begabung in diesem Punkte auch fast immer fertig gebracht; aber in einigen lieben Gasthöfen des In- und Auslandes habe ich doch auch Betten gefunden, die ausschließlich »zum Wälzen«, aber dabei gar nicht komisch waren. Wenn mein Wanderfreund beim Zubettgehen die Luft mit Wollustgebrüll erfüllt, so glich ich in solchen Nächten dem sophokleischen Philoktet, der nach Lessing ein Beweis dafür ist, daß man Held sein und dennoch heulen und jammern kann. Wenn ich endlich eine erträgliche Lage gefunden hatte, war es immer Zeit zum Aufstehen. Sprichwörtlich gilt es als Gipfel der Unannehmlichkeit, bei einem nassen Regenschirm zu schlafen. Gewisse Hotels suchen diesem Ideal durch feuchte Bettwäsche nahezukommen, und zwar mit Erfolg.

Nie in meinem Leben vergesse ich das Bett, das ich einmal als Soldat im Manöver besteigen mußte. »Es war was besser als von Mist,« würde der scharmante Mephisto sagen, d. h. es war sauber; das war aber auch das einzige Gute, was man ihm nachsagen konnte. Es war so schlecht, daß es selbst von den Wanzen verschmäht wurde. Als Unterlage diente ein auf dem Fußboden liegender Strohsack, der offenbar versehentlich statt mit Stroh mit Stachelschweinen gestopft war; das Kopfkissen war ein schlecht verhüllter Granitblock. Dabei erfüllte den Bretterverschlag unterm schrägen Dach, der einem deutschen Krieger als Obdach dienen mußte, ein atemraubender Geruch; man hatte nämlich so viel junges Heu in meinen Schlafraum gepackt, daß ich an eine Verwechslung glauben mußte; mir war es jedenfalls zu viel. Als ich mich stundenlang gewälzt hatte, fiel mir ein, daß ein Kamerad mir aus Dankbarkeit ein Fläschchen Schnaps gekauft und zugesteckt hatte, mit der beschwichtigenden Bemerkung, einen »Schluck« könne ein Soldat immer brauchen. Obwohl ich eigentlich einen Widerwillen gegen Schnaps hatte, hieß ich doch jetzt den Schlafbringer willkommen und leerte in einer Viertelstunde das ganze Fläschchen. Indessen das Bett war stärker als der Schnaps, und ich mußte mich ungeschlafen erheben. Unten im Stübchen meiner Wirte gab es dann auch noch Kaffee. »Kaffee ist ein aufregendes Getränk, wenn er schlecht ist,« pflegte ein witziger Freund von mir zu sagen. Dieser war aufregend, nein: aufpeitschend. Gleichwohl konnte ich den guten Leuten nicht böse sein; sie waren arm und gaben, was sie hatten. Sie entließen mich mit freundlichem Abschied und riefen mir nach: »Auf Wiedersehn! Halten Sie sich munter!«

Dafür habe ich aber einmal in einem Fürstenbett geschlafen, im Bett eines großen, gewaltigen Fürsten. Es war an Bord eines großen Schiffes, und der Führer dieses Schiffes wollte durchaus, daß ich in den Prunkgemächern, die sonst dem Fürsten vorbehalten waren, wohne, schlafe und frühstücke. (Ich betone das ausdrücklich, weil sonst im freiesten aller Länder einer aufsteht und sagt, ich hätte um ein Fürstenbett gebuhlt.) Habe ich gesagt, ich hätte in diesem Bett geschlafen? Das Wort muß mir unbedacht entschlüpft sein. Das Schiff mußte die ganze Nacht hindurch laden oder löschen, und kaum hatte ich mein müdes Haupt in die allerdurchlauchtigsten Kissen geschmiegt, als über mir die fürchterlichsten Ketten zu rasseln begannen. Wand an Wand mit mir schlief mein Freund mit dem Wonnegebrüll; ihn störten die Ketten nicht; im Gegenteil: er rasselte selbst und hielt jeden Vergleich mit ihnen aus. So tat ich denn auch diesmal kein Auge zu und schlief im Fürstenbett genau so viel wie in jenem Manöverbett.

»Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt.«

Du meinst, guter Leser, wenn der Fürst selbst in jenem Bette gelegen hätte, würden keine Ketten gerasselt haben? Physische gewiß nicht, lieber Freund: aber vielleicht seelische? Und die seelischen rasseln fürchterlicher. Wobei ich dir allerdings zugebe, daß es Fürsten gegeben hat, die einen gefährlich guten Schlaf hatten.

Nein nein, es schläft sich schon am besten im eigenen Bett, wobei ich als »Reiseonkel« auch an das bezahlte Hotelbett denke. Und zwar in diesem Augenblick an ein unvergeßliches Bett in München, dem hier ein zärtliches Gedenken zu weihen, einfache Pflicht der Dankbarkeit ist. Es war das üppigste, weichste, schmeichlerischste Bett meines Lebens; wäre ich Orientale, ich würde es einer liebeglühenden Geliebten vergleichen, die uns mit Lilienarmen an den schwellenden Busen, an die flaumige Pfirsichwange zieht und gar nicht wieder entlassen will. Es war ein gefährliches Bett, eine Kirke, die mich bei längerem Umgang in ein Faultier verwandelt hätte; schon am ersten Morgen nach dem Erwachen ertappte ich mich darauf, daß ich das Lustgeheul meines Freundes ausstieß: »Ai – ai – ai – ai – aiiiii . . ! !« Wenn ich nicht irre, ist dies der Ruf des Faultieres, das in Südamerika tagelang an demselben Baume hängt und sich Laub und Früchte ins Maul wachsen läßt. Ich ließ mir denn auch das Frühstück ans Bett bringen. Ja, es war ein zauberisches Bett; ich komme von dem Vergleich mit der Geliebten nicht los; wie ein holdseliges Weib war es liebewarm und doch nicht erdrückend, nicht erstickend. Ihr kennt alle das Bauernbett: auf einen Ossa von Unterbett türmt sich ein Pelion von Oberbett, unter dem der arme, empfindsame Stadtmensch daliegt wie ein Veilchen in der Blumenpresse, so daß ihm der letzte Saft aus den Poren quillt. Nein, diese Decke erweckte genau die köstliche Wärme, deren der Ruhende bedarf, und war doch so leicht wie ein Gewölk. Ich mußte mich losreißen aus diesem Sybaris; es wäre mir sonst ergangen wie den Truppen des Hannibal auf Capua. In meiner Naturgeschichte heißt es vom Faultier: »Es ist äußerst träge, beharrt stumpfsinnig in gleicher Stellung; seine Sinne sind stumpf, und besonders das Auge ist blöde und ausdruckslos. Seine geistigen Fähigkeiten sind gering.« Ich stellte ähnliche Symptome bei mir fest und reiste ab. Überdies sagte ich mir: Diese Geliebte ist feil; morgen wälzt sich vielleicht ein schmieriger Kriegswucherer oder ein Hochstapler oder Clemenceau in ihren Armen – pfui Teufel. Das ist zwar bei jedem Hotelbett so; »von diesem aber tat mir's weh.«

Ich fuhr nach Hause und – o heimisches Bett, o häusliches Bett, o Bett aller Betten! Du magst treulos in der Ferne geschweift haben so oft und so lange du willst – es ist dasselbe geblieben; es empfängt dich wie ein ewiger Hort der Treue: du kennst es, und es kennt dich; es nimmt dich mit selbstverständlicher Gastlichkeit schweigend in den Arm, oder wenn es quietscht, so quietscht es »Hihi« oder wenn es knarrt, so knarrt es: »Na? Wieder da?« und alles ist gut. Wahrscheinlich wird es quietschen und knarren, weil du dich am ersten Abend in das heimische Bett hineinwirfst, hineinschleuderst wie der nach dem Bade lechzende Mensch in die Wasserflut.

Theodor Fontane pries es als einen Vorzug seines Bettes, daß es eine »Kuhle« aufwies, die er durch jahrelanges fleißiges Bemühen hineingelegen hatte und die er schmerzlich vermißte, als seine Matratze neu aufgepolstert war. Er war also ein Stillieger. Ich bin darin glücklicher; ich habe auch nachts und im Schlaf Temperament. Und was vermag das Bett Köstlicheres zu bieten als Räkeln und Wälzen, wenn es freiwillig geschieht? Den eigentlichen Schlaf genießt man nicht, weil man ohne Bewußtsein nicht genießen kann; aber wachend oder im Halbschlaf die Knie unters Kinn ziehen oder sich strecken, daß Mensch und Bettstelle in allen Gelenken krachen, oder das rechte Bein anziehen und das linke strecken, oder das linke anziehen und das rechte strecken, oder mit Armstrecken vorwärts Rumpf beugt! oder mit Armstrecken aufwärts linkes Bein spreizt! machen usw. usw. und das alles in der Rückenlage, in der Seitenlage links, in der Seitenlage rechts und in der Bauchlage ausführen – das ist Leben!

Es ist auch eine einseitige Auffassung, daß der Mensch immer in der Längsrichtung des Bettes schlafen müsse. Ich habe eine ganze Reihe von Kindern, die grundsätzlich in der Querachse des Bettes zu schlafen pflegten, wenn auch wichtige Teile des Körpers unbedeckt blieben, oder, wenn sie schon die Längsachse benutzten, mit dem Kopf am Fußende lagen. Wir fanden sie in allen erdenklichen Lagen und Verdrehungen, als Ballen, als Kränze, als Fragezeichen, als Winkelhaken, auch kniend, mit tief nach vorn gesenktem Haupt und hochragendem Hinterteil wie betende Moslemin; was aber jedenfalls vermieden war, das war die normale Lage. Ich habe sie oft beneidet; denn ich als Junge war in meiner nächtlichen Bewegungsfreiheit stark behindert durch einen Bruder, mit dem ich mein schmales Kinderbett teilen mußte und der meinen nächtlichen Ausflügen fühlbaren Widerstand entgegensetzte.

Und doch! Und doch! Mein Kinderbett! O mein Kindheitsbett! Was ich auch von der Münchener Kirke und von meinem häuslichen Bett geschwärmt haben mag – mit meinem Kinderbett können sie sich nicht vergleichen! Ich hätte mich getrost mit voller Kleidung hineinlegen können: kein Mensch würde danach an meinem Anzug eine »Feder« entdeckt haben. Auch Sprungfedern hatte es nicht; die Unterlage war wohl nur eine hartgelegene Seegrasmatratze; aber zwischen dieser harten Unterlage und meinem Körper lag ein wunderbares Luftkissen, geschwellt von dem Frühlingswind, der die tausend Segel meiner Jugend blähte, mich in tausend und abertausend Nächten und Tagen aufwärts- und vorwärtstrug, so daß ich schlief und träumte, wie von ewigen Wolken getragen! Wie gern streckt' ich mich auf dieses Lager nieder; morgen kam ja wieder ein Tag und eine Sonne, und noch viele, viele unzählige Tage und Sonnen würden kommen und immer schönere Tage, immer hellere Sonnen, immer noch schönere, immer noch hellere! Im anderen Zimmer saßen oft noch Eltern und Geschwister arbeitend bei der Lampe; ein freundliches Wort flog von ihnen zu mir, von mir zu ihnen, und sie mochten plaudern, so laut sie wollten, und die Lampe mochte scheinen, so hell sie konnte, ich liebte es, unter lauten Grüßen des Tages und des Lebens hinüberzusinken in die Nacht und den süßen scheinbaren Tod. Und diese Gewohnheit hat sich bei mir erhalten. Viele, ich glaube die meisten Menschen müssen tiefstes Dunkel und Grabesstille um sich haben, um einzuschlafen; selbst Furchtsame haben diese Gewohnheit. Ich lasse mir noch heute gern durch einen freundlichen Lichtschein und ein gutes Wort über die Schwelle des Schlafes leuchten und falle gern vom Traum des Tages in den Traum der Nacht. Darum pflege ich auch ein Buch mit ins Bett zu nehmen. Im Bette lesen – die Wonne vieler Leute, namentlich junger! Und doch für alle Menschen mit gesundem Schlaf eine gefährliche Unsitte! Scheucht nicht den Schlaf von euren jungen Augen; es kommt die Zeit, da ihr ihn ruft und der Beleidigte nicht kommt! Zwanzig, dreißig Zeilen vom älteren Goethe, aus Hebbels Tagebüchern, aus dem Don Quichote, von Gottfried Keller, von Mörike, aus einem guten, stillen, nachdenklichen Buche – so gehe ich an treuer Hand in die Nacht, die keines Menschen Freund ist. Nein, keines Menschen Freund; denn wenn du erwachst in der Nacht, sind plötzlich deine Leiden, deines Volkes Leiden, der Welt Leiden siebenfach so groß wie sonst, und es kann geschehen, daß du deine lieben, warmen, weichen Kissen mit einem Fußtritt von dir schleuderst und aufspringst und denkst: Wirken, wirken, schaffen, handeln und nicht schlafen! Wie kannst du schlafen! – Und doch mußt du schlafen, wenn du wirken willst ...

Einmal in meiner Kindheit hab ich auch in einem Federbett gelegen: als ich krank war. Die Mutter deckte mich bis ans Kinn zu und befahl mir strengstens, die Arme unter der Decke zu lassen, was mir noch heute unmöglich ist. Und dann kam zunächst etwas sehr Schönes: heiße Milch mit vielem, vielem Zucker, die ich so heiß wie möglich trinken mußte. Und dann kam das dicke Ende: Schwitzen. O Himmel! Ich hab' es, glaub' ich, schon irgendwo einmal gesagt: am Pol könnte ich leben, am Äquator nur sterben. Wenn ich als Junge an die Hölle dachte, wurde ich plötzlich artig. Jetzt lag ich unterm Äquator – o du grundgütiger Heiland! Ich schwitzte Niagarafälle; aber meiner Mutter war es immer noch nicht genug; sie stopfte mir die Kissen noch etwas fester um Leib und Hals und paßte schändlich auf, daß ich keinen Arm unter der Decke hervorzöge. O du fürchterliches Bett, o du Hölle von einem Bett!

(Als ich einmal bei einem Freunde zu Gaste schlafen sollte und gerade die Beine unter die Bettdecke streckte, fuhr ich entsetzt zurück. Etwas Warmes lag in meinem Bett! Ich schlug die Decke zurück und mußte lachen wie selten in meinem Leben. Die Frau meines Freundes – ein Wunder an Herzensgüte! Ich küsse ihr über Täler und Berge die Hand! – hatte mir eine Wärmflasche ins Bett gelegt! Das mir! einem jungen Kerl von 50 Jahren! Mir das, der ich im grimmigsten Winter in ungeheiztem Zimmer schlafe, die Arme auf der Decke! Das mir, einem Dichter, an dem ein berühmter deutscher Kritiker immer vor allem die »Wärme« gepriesen hat!...)

Aber es half alles nichts; ich mußte nicht bloß einmal schwitzen, sondern noch einmal und noch einmal; die heiße Mutterliebe ließ nicht nach, bis alle Teufel der Krankheit ausgetrieben waren, und dann durfte ich mit befreiten Armen im Bett liegen, durfte aufrecht darin sitzen und spielen. Und nun wurde das Bett wieder mein Freund. Wenn ich eins meiner Knie hochstellte, so war die Bettdecke auf einer Seite ein hoher Berg und auf der andern ein tiefes Tal, und alles lag in tiefem Schnee. Und meine Soldaten standen im Tal, und der Feind stand auf der Höhe, und meine Armee stürmte den Berg und eroberte die Kuppe und stürzte den Feind in den Abgrund. Und mein Eisenbahnwägelchen rollte mit wunderbarer Geschwindigkeit von Berg zu Tal. Oder ich ließ mir die Puppen von meinem Puppentheater bringen und stellte Fra Diavolo auf den Gipfel des Berges und sang ganz leise:

»Seht dort auf Felseshöhen
Den kühnsten aller Räuber stehn,
Fest gestützt auf sein Gewehr;
Drohend flammt sein Blick!«

oder Geßler lag erschossen im Tal, und Tell stand oben und rief:

»Du kennst den Schützen, sucht keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir; du wirst dem Lande nicht mehr schaden!«

und wenn dann die Sonne auf Berg und Tal glänzte, dann war das Kranksein eine schöne Sache.

Jüngst, als ich nach langer Gesundheit wieder einmal krank war, fand ich es weniger schön. Die Bleisoldaten und das Puppentheater fehlten. Dafür dachte ich an unsere deutschen Soldaten und an das Welttheater. Und obschon ich krank genug war, war noch etwas Stärkeres in mir: das Bedürfnis, Augen und Ohren vor der Welt zu schließen, ja auch die Nase zu schließen; denn die Welt duftete übel. Und in meinem warmen, weißen Bett dachte ich oft und ohne allen Schrecken an das letzte Bett. Es war Sünde, ich weiß es. Als einmal ein geplagter Rekrut ausrief: »Ich wollte, ich wäre tot!« da versetzte sein Unteroffizier: »Das glaub ich, das könnte dir so passen: den ganzen Tag im Sarg liegen und nichts tun!« Das war mein Fall. Sich jetzt aus der Welt drücken, da das arme Deutschland sich plagt, und im Grabe faulenzen, das könnte manchem passen. Ich will es auch schon längst nicht mehr. Die Krankheit wich langsam, und die Besinnung kam langsam zurück. Und in solchen Tagen der Genesung und Besinnung plaudert man viel mit seinem Bett. Es wird zum innigen Vertrauten, und man spricht mit ihm, was man nie zu einem Menschen gesagt hat, auch nicht zu dem vertrautesten, ja auch nicht zu sich selbst. Man überlegt mit ihm, ob man wirklich schon imstande sei, das Lebensgeschäft mit einer anständigen Abrechnung aufzulösen. Und ein gutes Bett hat eine schlechte Akustik; es plaudert nichts weiter.

Und als ich dann immer etwas gesünder wurde, da fing das Bett an, einer Geliebten zu gleichen, die von Zeit zu Zeit sehr lieb und angenehm sein kann, die aber lästig wird, weil sie gar nicht loslassen will. Und endlich blieb mir nichts andres übrig als ein sanfter Bruch. Ich sagte: »Es tut mir unendlich leid – ich werde dich nie vergessen – ich bin dir ewig dankbar – ich kehre auch immer wieder zu dir zurück – aber jetzt möchte ich endlich einmal auf eigenen Füßen stehen und mir Bewegung machen. Allzuviel Ruhe ist ungesund.«

Der Dualismus von Ruhe und Bewegung, der Rhythmus, der Pulsschlag des Lebens ist schon eine herrliche Erfindung Gottes.

»Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank' ihm, wenn er dich wieder entläßt.«

Darum sind ja die beiden Übergänge so schön: das sanfte Entschlummern, das frische Erwachen. Aber das Entschlummern ist vielleicht doch das Schönere. Für einen rechten Genießer gibt es nichts Köstlicheres als vorzeitig erwachen und nochmals einschlafen zu dürfen. Ich habe vor, mir einen Diener anzustellen, der mich gegen den Morgen hin weckt, um mir jenen erlesenen, potenzierten Genuß zu verschaffen. Da Poincarés Präsidentschaft zu Ende ist, habe ich ihn dazu ausersehen. Ich werde mich, wenn er mich geweckt hat, auf die Seite drehen und ihm die betonte Rückseite zukehren. Deutschland soll es ebenso machen und Kräfte sammeln. Denn aus der Ruhe soll es einst in Bewegung übergehen.

Der Wechsel von Ruhe und Bewegung der tut's. Ich habe eine bange Ahnung, daß der Mensch in hohem Alter der einen von beiden den Vorzug gibt; aber ich will mich dagegen sträuben, solang ich's vermag. Die ewige Ruhe dauert mir auch zu lang, und ich rechne stark mit einer Auferstehung, wenn es eine »fröhliche Urständ« ist. Die Form, in der ich wiedererscheine, gilt mir gleich; denn jene Goetheschen Verse gelten von allem, was lebt, von allem, was ist.

Sollte jemand das Bett für einen unwürdigen Gegenstand literarischer Behandlung halten, so will ich ihm etwas von eben jenem Goethe erzählen. Wenn er bei gewissen offiziellen Ereignissen besonders viele Besucher zu erwarten hatte, dann spielte er krank und legte sich zu Bett. Das Bett war ihm viel angenehmer als gewisse Menschen. Das hab ich mit ihm gemein.


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