Sven Elvestad
Der kleine Blaue
Sven Elvestad

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III.

Die Jagd beginnt

Ohne sich über diesen unerwarteten Willkommgruß weiter auszusprechen, begannen nun die beiden Besucher die Hütte näher zu untersuchen. In dem Raume, in dem sie waren, schien sich nichts von besonderem Interesse vorzufinden, weshalb sie sich daran machten, eine Leiter hinaufzuklettern, die durch eine Luke auf den Boden führte.

Einige Minuten später befanden sie sich beide unmittelbar unter dem Dach der Hütte, wo es so niedrig war, daß der hochgewachsene Krag kaum aufrecht stehen konnte.

Der Raum war voll Kisten, allerhand Kannen, Flaschen, Tiegel, Retorten, Kabel und seltsame Instrumente. Es war ihnen beiden klar, daß sie sich in Herrn Barras Laboratorium befanden.

Plötzlich kam ein Ausruf der Ueberraschung von dem jungen Ingenieur, der eben vorsichtig den Inhalt einer großen Kanne untersucht hatte, deren Rauminhalt mindestens fünfundzwanzig Liter betrug. Krag ging rasch zu ihm hin.

»Das ist tatsächlich Nitroglyzerin,« sagte der Telegrapheningenieur.

»Ja,« erwiderte der Polizeibeamte, der seinerseits auch einige rasche Untersuchungen vorgenommen hatte. »Hier sind Sprengstoffe genug, um mehr zu vernichten, als er dem Schullehrer angedroht hat. Außerdem Steinbohrer, Lunten und allerhand Maurergeräte. Wüßte man es nicht besser, man müßte glauben, daß der gute Ingenieur Barra im norwegischen Granit nach Gold gräbt.«

»Der gräbt wohl nach leichter verdientem Golde,« lachte der Ingenieur. »Aber hier haben wir übrigens die Erklärung des mystischen Knallens, von dem die Fischerbevölkerung so viel spricht.«

»Hier ist vorläufig nichts anderes zu tun,« sagte Krag langsam, »als sich der Person des Geflüchteten zu versichern.«

Er sah auf seine Uhr und befragte dann seinen Taschenfahrplan.

»Wir können ihn einholen, bevor er nach Christiania kommt. Aber wir müssen uns eilen. Die Arrestorder wird auch jetzt schon im Telegraphenamt angekommen sein.«

Sie kletterten hinunter, stellten alles zurecht, schoben den Riegel vor die Türe und machten sich auf den Weg ins Tal.

Das kleine Fischerdorf lag still und verlassen da, als sie endlich wieder hinunterkamen. Alle Boote waren zum Fischen ausgezogen. Eine starke Brise wehte vom Meere, die Wellen schlugen hoch über die Mole, und das Blechschild des Kaufmanns rasselte in seinen verrosteten Angeln.

Der Polizist eilte zum Telegraphenamt, das zugleich Telephonzentrale und Postamt war. Er fragte nach seiner telegraphischen Order aus Christiania. Aber der Telegraphist teilte mit, daß heute überhaupt kein Telegramm aus der Hauptstadt eingetroffen war.

Von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, verlangte der Detektiv ein dringendes Telephongespräch mit dem Polizeibureau in Christiania und bekam es nach einigen Minuten.

Krag beklagte sich sofort darüber, daß er die Arrestorder nicht erhalten habe.

»Welche Arrestorder?« wurde gefragt.

»Die ich in meinem Telegramm heute morgen verlangte.«

»Wir haben kein Telegramm von Ihnen bekommen.«

Krag unterdrückte einen kräftigen Fluch und schloß das Gespräch rasch ab. Hier mußte er mit seiner ganzen Klugheit handeln. Er hatte es offenbar mit einem Gegner zu tun, mit dem nicht zu spaßen war. Es war ihm bisher nicht eingefallen, daß dieser auch sein Morgentelegramm aufschnappen konnte.

Vor dem Telegraphenamt stieß er mit Holst zusammen, der ein Fuhrwerk gefunden, die Sachen in den Wagen gebracht und die Rechnung im Logierhaus bezahlt hatte.

»Die Arrestorder ist nicht gekommen,« sagte Krag langsam. »Das Polizeibureau hat mein Telegramm überhaupt nicht erhalten.«

»Unbegreiflich!« rief der Ingenieur.

»Durchaus nicht! Erinnern Sie sich an das Papier, das bei Ingenieur Barra für uns dalag?«

»Ja, und?«

»Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß er von unserer Ankunft unterrichtet war?«

»Unleugbar.«

»Nun wohl! Er hat also auch mein Telegramm aufgeschnappt. Er muß auch von hier Verbindung mit der Christianialinie haben. Das hätten wir natürlich oben untersuchen sollen. Jetzt ist es zu spät!«

»Wir können ja wieder hinauf!«

»Nein! Jetzt wollen wir diesen Ingenieur kriegen!«

Sie nahmen in dem wartenden Wagen Platz, und der Kutscher knallte mit der Peitsche.

»Zur Dampfschiffhaltestelle ist etwa eine Stunde Fahrt,« berechnete Krag. »Das Postboot geht nicht vor vier Stunden von dort ab. Also müßten wir Barra noch erreichen können, bevor er an Bord geht.«

»Zweifellos!«

»Wir wollen sehen,« sagte Krag nachdenklich.

Als die beiden Männer mit einem schweißtriefenden Pferd vor dem Wagen zur Dampfschiffbrücke kamen, erfuhren sie, daß ein kleiner, rotbärtiger Mann vor etwa vier Stunden mit einem kleinen Extradampfer, den er sich gemietet hatte, zur Eisenbahnstation gefahren war. Es hatte den Eindruck gemacht, daß er in furchtbarer Eile war.

Asbjörn Krag lächelte.

»Wir werden ihn doch noch erwischen,« sagte er. »Unser guter Freund dachte, von dort mit dem Siebenuhrdreißigzug nach Christiania zu kommen. Hätte er das Postboot abgewartet, so wäre er erst zum Elfuhrzug zurechtgekommen. Wir nehmen uns also auch einen Extradampfer.«

Es lagen gerade zwei Schleppboote im Hafen, die einige Schuten holen sollten. Krag besah beide mit Kennermiene und wählte das kleinere.

»Das läuft rascher,« sagte er und fragte dann den Schiffer, wie lange Zeit er zur Eisenbahnstation brauchte.

»Drei Stunden,« erwiderte der Schiffer; da kamen sie ja ganz bequem zum Siebenuhrdreißigzug zurecht.

Zehn Minuten später dampfte das kleine Schleppboot zwischen Inseln und Schären dahin. Die Maschine war auf Hochdruck gesetzt, und der Schaum stand hoch um den Bug. Es war etwas Spannendes in dieser Jagd, das den Telegrapheningenieur nicht unberührt ließ. Er ging die ganze Zeit oben auf dem Verdeck auf und ab, den Rockkragen bis über die Ohren aufgestellt. Der Schnee biß ihm ins Gesicht. Aber in einer Ecke in der Koje des Schiffers saß Asbjörn Krag und schmauchte ruhig seine Pfeife.

Eine Viertelstunde vor der berechneten Zeit waren sie am Ziele, und der Schiffer bekam für seine gut ausgeführte Arbeit ein Extrahonorar.

Dann gingen die beiden Männer rasch zur Eisenbahnstation, um sich Billette zu verschaffen.

»Um diese Jahreszeit sind wohl nicht viele Reisende?« begann Krag ein Gespräch mit dem Billetteur.

»Ach nein, nicht viele.«

»Ich habe einen Freund, ich glaubte, er würde auch mit diesem Zuge fahren. Hat er nicht schon ein Billett gelöst? Ein kleiner Mann –«

»Nein,« unterbrach der Billetteur bestimmt. »Sie sind der erste, der Billette für den Siebenuhrdreißigzug kauft.«

Also will er bis zum letzten Augenblick warten, dachte Krag und ging auf den Perron hinaus. Hier wurde er vom Billetteur eingeholt, dem offenbar noch etwas eingefallen war.

»Entschuldigen Sie,« sagte er, »Sie sagten doch, daß Ihr Freund ein kleiner Mann ist. Hat er vielleicht rotes Haar und Bart?«

»Stimmt.«

»Und trägt einen langen, staubgrauen Mantel?«

»Jawohl.«

»Und einen großen verbeulten Hut auf dem Kopfe?«

Krag sah fragend Holst an, der die Frage sofort bejahte.

»Er spricht etwas gebrochen Norwegisch?«

»Das ist er.«

»Vermutlich heimgekehrter Amerikaner mit viel Geld,« lächelte der Billetteur.

»Nun, eben! Das ist schon mein Freund,« nickte Krag dem Eisenbahnbeamten zu. »Wo ist er denn jetzt?«

»Unterwegs nach Christiania. Er ist vor einigen Stunden abgefahren.«

Der Telegrapheningenieur sah verblüfft Krag an, der ruhig antwortete:

»Kann's mir schon denken! Extrazug, natürlich.«

Der Billetteur bejahte die Frage und fügte hinzu, daß das den Reisenden zweihundert Kronen gekostet hatte, die paar Stunden auf den Zug nicht warten zu müssen. Der mußte wohl steinreich sein. Und mit diesen verständnisvollen Worten ging der Billetteur wieder in sein Zimmer.

Der Telegrapheningenieur sah die Sache offenbar hoffnungslos an und fragte, was sie in aller Welt jetzt tun sollten.

»Nichts anderes, als auf den Siebenuhrdreißigzug warten,« erwiderte Krag.

»Also ist er uns entwischt?«

»Dieses Mal!«

»Er ist doch ein gefährlicher Herr, dieser Barra.«

»Anscheinend. Er ist jedenfalls nicht der Mann, den man ungestraft unterschätzen darf, was wir leider anfangs getan haben.«

Hierauf gingen die beiden Herren in das beste Hotel der Stadt und nahmen dort ihr Abendbrot. Krag aß mit vortrefflichem Appetit, aber hatte nur einsilbige Antworten auf die vielen Reden des Ingenieurs.

»Sie sind schlechter Laune,« rief Holst endlich, halb ärgerlich über Krags mürrisches Wesen. »Es kommt ja auch nicht jeden Tag vor, daß der erste Detektiv des Landes an der Nase herumgeführt wird.«

»Durchaus nicht,« erwiderte Krag lebhaft. »Ich bin nichts weniger als ärgerlich. Im Gegenteil, sehr vergnügt.«

»Weil Ingenieur Barra uns aus den Händen geschlüpft ist?«

»Das hätte er ja doch früher oder später getan.«

»Worüber sind Sie also froh?«

»Ich bin sehr zufrieden mit der Sache, im ganzen genommen. Sie ist eigentümlich und verwickelt. Und mein Gegner ist zweifellos außerordentlich klug. Bemerken Sie, daß bis jetzt noch kein eigentliches Verbrechen begangen ist, bis darauf, daß Ingenieur Barra ein paar Telegramme aufgeschnappt hat. Uebrigens ist auch das noch keineswegs bewiesen. Deshalb brauchte ein solcher Mann unseren Besuch wahrscheinlich nicht zu fürchten. Allerdings hat er uns selbst eine Mitteilung gesandt, daß wir auf der richtigen Spur sind. Das klingt wie der blutigste Hohn und zeigt, wie gering er im Grunde diese Telegrammdiebstähle einschätzt. Ich glaube, der Mann hat andere und weit größere Pläne. Er hatte furchtbare Eile, sich jetzt nicht zu verspäten, zuerst nach Christiania zu kommen, und es wird mich freuen, ihn dort zu treffen. Die Art, wie er es bisher verstanden hat, die drei großen Hilfsquellen unserer Zeit, Dampfschiff, Eisenbahn und Telegraph zu benützen, zeigt mir den höchsten Grad kaltblütiger Intelligenz. Er hat sich natürlich ausgerechnet, daß wir uns auch einen Extradampfer nehmen würden, aber so verteufelt gut hat er gerechnet, daß in dem Augenblick, in dem wir zu dieser Station kommen, sein Extrazug auf den Eisenbahnperron in Christiania dampft. Es ist uns so auch unmöglich gemacht, die Polizei zu verständigen, die ihn sonst mit einem Händedruck bewillkommnet haben würde.«

Mit einer vielsagenden Gebärde deutete Krag an, wie ein Paar Handschellen angelegt werden.

»Aber warum in aller Welt macht er doch diese Streiche?« rief Holst ganz naiv.

Krag lächelte überlegen.

»Lieber Freund! Das kann ich Ihnen wirklich noch nicht sagen. Aber Sie können überzeugt sein, wo der Einsatz so groß ist, kann es sich nicht um Bagatellen handeln. Noch kenne ich seine Pläne nicht, aber hoffe, ihnen in nächster Zukunft auf den Grund zu kommen.«

Endlich war es sieben Uhr dreißig, und der Schnellzug kam unter das Perrondach gesaust.

Krag und Holst verschafften sich beide Schlafplätze. Obgleich der Zug verhältnismäßig kurze Zeit unterwegs war, wollten sie doch die Gelegenheit benützen, nach den Anstrengungen des Tages und der vorhergehenden Nacht stärkenden Schlummer zu finden.

Die Augen des Telegrapheningenieurs fielen bald zu, und gleich darauf schlief auch der Polizeibeamte ein. Und sie erwachten erst, als der Zug mit einem heftigen Ruck in Christiania stehenblieb.


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