Sven Elvestad
Der kleine Blaue
Sven Elvestad

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IV.

Die falschen Wechsel

Man schritt nun zu einer eingehenden Untersuchung der eisernen Kasse. Es fand sich kein Geld vor, aber eine große Anzahl von Wertpapieren, auf recht ansehnliche Beträge lautend. In einem kleinen separaten Raum lagen drei kleine Bankbücher von verschiedenen Banken Christianias, bei denen Jaerven viele tausend Kronen eingelegt hatte. Jedes kleinste Ding des Inhaltes wurde aufnotiert und in die feuerfesten Gewölbe der Polizei hinterlegt. Krag bekam noch mehrere Namen für seine Liste der Personen, die mit dem Verschwundenen in Verbindung gestanden hatten. Sobald die notwendigen Formalitäten erledigt waren, begab sich der Detektiv in sein Kontor, um die Papiere durchzusehen. Er setzte sich auf seinen harten lederbezogenen Sessel und breitete die Papiere vor sich auf dem Tisch aus. Dann nahm er eine Handvoll starker Kubazigaretten, legte sie neben sich, zündete eine an und machte sich an die Arbeit.

Wie die meisten Männer, die viel zu denken haben, liebte er es, starken Tabak zu rauchen. Der erste Name auf der Liste war »Stud. med. Jens Isaksen«. Er war für ein Darlehen von 200 Kronen, am Dreiundzwanzigsten fällig, notiert. Der zweite Name war »Schiffskapitän Halvor Bjerk«, auch auf ein Darlehen von 200 Kronen, am Einunddreißigsten fällig. Krag hielt sich nicht weiter bei diesen und einer ganzen Reihe anderer Namen auf. Aber plötzlich zuckte er zusammen. Da stand Kommissionsagent Jens Bruun, 3000 Kronen, am Elften fällig. Gleich darunter stand Leutnant Hjelm, 2000 Kronen, am Zehnten fällig. Da waren noch ein paar kleinere Beträge, die um den Elften herum fällig waren – dem Tage, an dem Jaerven verschwunden war.

Krag sagte sich folgendes: Wenn jemand ein Interesse daran hatte, Jaerven aus dem Weg zu räumen, mußte es einer seiner Schuldner sein, vermutlich einer, der nicht bezahlen konnte. Er hielt sich darum sofort an die zwei großen Beträge. Den des Kommissionsagenten von 3000 Kronen und den des Leutnants von 2000 Kronen. Krag, der sich als langjähriger Polizeibeamter eine ausgedehnte Personalkenntnis erworben hatte, kannte die beiden Herren ganz gut. Leutnant Hjelm war arm wie eine Kirchenmaus; er stand in dem Ruf, an konstanter Geldverlegenheit zu leiden, und man glaubte, daß er in die Krallen der Wucherer gefallen war. Kommissionsagent Bruun hatte seinerzeit recht große Geschäfte gemacht; aber er war in den letzten Jahren zurückgegangen, und sein Kredit hatte erheblich darunter gelitten, daß sein reicher Onkel, Konsul Bruun, die Hand vollständig von ihm abgezogen hatte.

Während der Detektiv noch in diese Gedanken versunken dasaß, trat der Polizeichef zu ihm ein. Krag sah sofort, daß er etwas auf dem Herzen hatte.

»Finden Sie nichts Merkwürdiges an diesem Geldschrank, abgesehen davon, daß er klarerweise einem Einbruch ausgesetzt war?« fragte er.

»Ja,« erwiderte der Detektiv, »an diesem Geldschrank ist allerlei Merkwürdiges. Was sofort in die Augen fällt, ist ja, daß sich nicht ein einziger unbezahlter Wechsel darin vorfindet. Hingegen eine Menge anderer Papiere. Wo hat der Wucherer seine Wechsel?«

»Genau, was ich dachte,« sagte der Chef. »Und ob das nicht so zu verstehen ist, daß mehrere an dem Verbrechen beteiligt waren – und daß sie die Wechsel vernichtet haben?«

»Sehr möglich. Aber das Wahrscheinlichste ist doch, daß Jaerven seine Wertpapiere in der Bank deponiert hat?«

»Das können wir baldigst feststellen,« sagte der Chef, »ich werde sofort telephonieren ...«

Er verschwand in sein Kontor. Als er bald darauf zurückkehrte, sagte er:

»Ja, ganz richtig. Jaerven hat ein Safe in dem feuersicheren Gewölbe der Bank gemietet. Da das Gerücht von der vermutlichen Ermordung des Wucherers schon dorthin gedrungen ist und große Bestürzung hervorgerufen hat, hat mir der Bankdirektor die Erlaubnis gegeben, die von Jaerven in der Bank deponierten Papiere zu untersuchen. Ich gehe sofort hin. Sie kommen doch mit?«

Krag erwiderte:

»Für den Augenblick ist es nicht von großem Interesse für mich, diese Papiere zu sehen. Es genügt vollständig, wenn Sie sie untersuchen. Ich habe jetzt anderes vor. Aber ich möchte Sie bitten, mir namentlich eine Information zu verschaffen: Welche Indossenten die Wechsel des Kommissionsagenten Bruun und des Leutnants Hjelm auf 3000 bzw. 2000 Kronen unterschrieben haben. Die Wechsel sind am Zehnten und Elften fällig. Jaerven ist, wie Sie sich erinnern werden, am Zwölften verschwunden.«

Der Polizeichef verstand sofort, was er meinte, und notierte sich die Namen.

»Das habe ich mir auch gedacht,« sagte er, »wenn der Verbrecher einer von Jaervens Schuldnern ist, dann muß es einer sein, dessen Wechsel an dem Tag fällig war, an dem der Wucherer verschwunden ist.«

Damit ging der Chef.

Krag blieb einige Minuten in tiefen Gedanken sitzen, während er seine Zigarette rauchte. Dann stand er plötzlich auf, trat an ein Bücherbrett und nahm einen Adreßkalender heraus. Sobald er gefunden hatte, was er suchte, ging er fort.

Beim nächsten Standplatz nahm er eine Droschke und fuhr in der Richtung der Bygdöer Allee fort.

– – – Unterdessen war der Polizeichef in der Bank angelangt, wo er den Präsidenten der Direktion traf, der ihn sofort in die feuerfesten Gewölbe der Bank geleitete. Hier lagen die Privat-Safes in Reih und Glied. Agent Jaervens Safe trug die Nummer 29; es wurde geöffnet, und man begann sofort die Papiere zu durchsuchen.

Der Polizeichef bat, ihm die zwei Wechsel zu zeigen, die vom Kommissionsagenten Bruun und Leutnant Hjelm unterschrieben waren. Der erste war vom Konsul A. C. Bruun indossiert.

Der Direktor der Bank war sehr erstaunt, als er den Namen des Konsuls auf diesem Wechsel des Wucherers erblickte.

»Das ist doch seltsam,« sagte der Polizeichef, »der Konsul ist so reich, daß man einen Wechsel mit seinem Namen in jeder Bank anbringen kann, da braucht man sich doch nicht erst an einen Wucherer zu wenden.«

»Selbstverständlich,« erwiderte der Bankdirektor, »und wenn der Wechsel auch auf 300 000 Kronen gelautet hätte anstatt auf 3000. Da muß sicherlich etwas dahinterstecken.«

Und er sah dem Polizeichef mit einem bedeutungsvollen Blick in die Augen.

»Es wird jedenfalls notwendig sein, sich der Person dieses Kommissionsagenten zu versichern,« sagte der Polizeichef.

Der Bankdirektor fügte hinzu:

»Aber gleichzeitig möchte ich Sie bitten, seinen Onkel, den Konsul, rufen zu lassen. Hier handelt es sich ja um nichts Geringeres, als daß seine im ganzen Lande bekannte Familie vielleicht durch einen aufsehenerregenden Skandal bemakelt werden soll. Wenn der Wechsel falsch ist – und man ist unleugbar versucht, es zu glauben –, dann bin ich überzeugt, daß der Konsul das Geld bezahlen wird, um den Skandal zu vermeiden.«

Der Polizeichef nickte. Die anderen bemerkten, daß er plötzlich sichtlich bewegt schien. Nach einigen Augenblicken des Schweigens sagte er:

»Hier handelt es sich nicht nur um eine Fälschung.«

Der Direktor zuckte zusammen.

»Was meinen Sie?«

»Wie Sie wissen, spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß Jaerven ermordet worden ist.«

»Wir haben es gehört.«

»Und die Polizei nimmt mit Bestimmtheit an, daß der Mörder ein Mann ist, der an einem bestimmten Tag seinen Wechsel nicht einlösen konnte. Jaerven pflegte in solchen Fällen nicht schonend vorzugehen.«

»Das ist wahr.«

»Wenn nun dieser Wechsel, der am Zehnten fällig war, also zwei Tage vor Jaervens Verschwinden, sich als falsch erweist, dann liegt ja die Vermutung nahe, daß der Kommissionsagent zu einem verzweifelten Mittel gegriffen hat, um der Entdeckung der Fälschung zu entgehen. Ein Verbrechen zieht stets ein anderes nach sich.«

»Aber der Kommissionsagent mußte sich doch sagen,« wendete der Bankdirektor ein, »daß die Fälschung ja doch früher oder später entdeckt werden mußte, da der Wechsel ja nicht beseitigt werden konnte.«

»Es hat sich aber gezeigt, daß der Mörder die eiserne Kasse des Wucherers, sowie andere Aufbewahrungsorte durchstöbert hat, um ihn zu finden. Es ist ganz klar, daß er im Besitz der Schlüssel des Wucherers gewesen sein muß. Er hat die äußere Tür mit dem richtigen Schlüssel geöffnet; aber um in das innerste Fach der eisernen Kasse zu gelangen, mußte er Gewalt anwenden. Vermutlich hat der Wucherer den Schlüssel zu diesem Fach nicht bei sich getragen.«

»Es liegt ja nahe, anzunehmen, daß der Betreffende nach seinem Wechsel gesucht hat,« warf der Bankdirektor ein. »Und wenn er soviel wie einen Mord wagte, um ihn zu erlangen, dann muß es –«

Der Bankdirektor hielt inne und sah den Polizisten an.

Dieser ergänzte:

»Dann muß der Wechsel falsch gewesen sein.«

»Ich verfolge den Gedanken weiter,« fuhr der Direktor fort, »wenn nun der Wechsel dieses Kommissionsagenten falsch ist, dann muß zweifellos der Verdacht auf ihn fallen.«

Der Chef des Sicherheitsbureaus nickte.

»Das wollen wir eben feststellen,« sagte er.

Der Polizist und der Bankdirektor verließen zusammen die Lokale der Bank und begaben sich sofort in das Polizeigebäude.

Aber vorher telephonierte der Polizeichef eine Order in das Detektivbureau. Es war die Weisung, den Kommissionsagenten Bruun zu einem Verhör zu zitieren.

Der Polizeichef hatte noch nicht lange in seinem Kontor gewartet, als der Kommissionsagent sich einfand. Es war ein kleiner, lebhafter Mann mit etwas fieberhaftem Wesen, beinahe ganz glatzköpfig, einem rotbraunen Bärtchen unter der Nase und zwei wasserblauen Augen.

Er war sichtlich sehr unruhig, als er vor die Schranke geführt wurde.

Der Polizeichef notierte seinen Namen und sein Alter. Er war dreißig Jahre alt.

»Haben Sie etwas von dem Verschwinden des Agenten Jaerven gehört?« fragte der Chef.

Bruun wurde noch unruhiger.

»Nein,« antwortete er, »das habe ich nicht.«

»So? Jaerven ist seit dem Zwölften verschwunden. Das müssen Sie doch gehört haben. Sie haben ja Geschäftsverbindungen mit ihm gehabt.«

Der Agent nickte.

»Das habe ich,« erwiderte er, »mehrere Jahre hindurch – – leider,« fügte er dumpf hinzu.

»Da die Polizei Grund hat, anzunehmen, daß Jaerven tot ist, hat sie seine Papiere beschlagnahmt.«

Der Polizist zog einen Wechsel aus dem Stoß hervor.

»Dieses Papier hier«, fuhr er fort, »ist ein Wechsel auf 3000 Kronen, von Ihnen ausgestellt. Der Wechsel ist von Ihrem Onkel, dem Konsul, indossiert. Er war am Elften fällig, dem Tage, bevor Jaerven verschwand. Warum haben Sie den Wechsel nicht eingelöst?«

»Es ist mir unmöglich gewesen. Ich versuchte, eine Teilzahlung zu leisten, aber davon wollte Jaerven nichts hören. Er wollte alles auf einmal haben. Schließlich ging er darauf ein, mir eine Frist zu gewähren.«

»Wie lange?«

»Bis zum Fünfundzwanzigsten.«

»Das ist erstaunlich. Pflegte Jaerven Fristen zu gewähren?«

»Nein.«

»Aber warum war er gerade Ihnen gegenüber so liebenswürdig?«

Der Kommissionsagent lächelte.

»Wahrscheinlich war er seines Geldes sicher.«

»Ja, Ihr Herr Onkel hat ja den Wechsel indossiert.«

»Nun eben.«

Es entstand eine kleine Pause.

Dann fragte der Polizeichef:

»Aber wenn Sie den ausgezeichneten, geldkräftigen Namen Ihres Onkels auf dem Wechsel hatten, warum wandten Sie sich da nicht an eine Bank, anstatt an einen Wucherer? Hier sitzt ein Bankdirektor! Er würde sicherlich den Wechsel diskontiert haben. Nicht wahr?«

»Absolut,« erwiderte der Bankdirektor, »auch wenn er auf 300 000 Kronen gelautet hätte.«

»Das dachte ich mir. Also: Warum gingen Sie zu diesem berüchtigten Wucherer?«

Der Kommissionsagent war jetzt außerordentlich nervös geworden. Es sah aus, als beschäftigte sich sein Gehirn mit etwas ganz anderem, als diesen inquisitorischen Fragen und Antworten über den Wechsel.

»Ich ging zu Jaerven,« erklärte er, »weil ich mehrere Jahre hindurch in Geschäftsverbindung mit ihm gestanden bin. Ich wollte ihm ganz gerne Gelegenheit geben, das bißchen Diskonto zu verdienen.«

Hier lächelte er wieder in seiner sonderbaren, hoffnungslosen Weise.

»Wie viel?« fragte der Polizeichef.

Der Agent fuhr sich mit der Hand über die Stirne und seine Augen bekamen einen gequälten Ausdruck.

»200 Prozent,« sagte er.

Der Chef erhob sich plötzlich und gab einem anwesenden Bedienten eine Weisung. Der Mann entfernte sich sofort.

Die Stimme des Polizisten hatte nun einen scharfen und harten Klang.

»Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen,« sagte er; »ich habe Ihren Herrn Onkel holen lassen. Er ist vermutlich jetzt in seinem Kontor, so daß es nicht lange dauern wird, bis er hier sein kann.«

Der Kommissionsagent hatte sich inzwischen müde und niedergeschlagen auf eine Bank gesetzt.

»Ich kann mir ja denken, daß Sie schwere Geldsorgen hatten und noch haben,« warf der Polizeichef hin.

»Ja, das habe ich.«

»Warum hilft Ihnen Ihr Onkel nicht mehr?«

Der junge Mann entdeckte sofort die Falle.

»Das tut er ja,« sagte er. »Ist dieser Wechsel nicht ein Beweis dafür? Er hat sich ja für 3000 Kronen verbürgt.«

Der Polizeichef unterbrach ihn hart:

»Wir glauben Ihnen nicht. Der Wechsel muß falsch sein.«

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür. Es war Asbjörn Krag, der hereinkam. Er warf einen raschen Blick um sich, erkannte den jungen Agenten und war sofort über die Situation orientiert.

Der Polizeichef reichte dem Detektiv den Wechsel.

»Hier ist das Papier,« sagte er, »glauben Sie, daß es falsch ist?«

Krag sah es einen Moment an und legte es dann auf den Tisch zurück.

»Ja,« erwiderte er, »es kann schon sein.«

Aber der Agent lächelte nur.

»Wir werden ja sehen,« murmelte er.

Wieder öffnete sich die Tür.

Diesmal kam ein alter, graubärtiger Herr herein.

Es war Konsul Bruun, einer der reichsten Männer der Stadt.

Er würdigte seinen Neffen keines Blickes, sondern ging gelassen auf den Polizeichef zu.

»Um was handelt es sich?«

Der Chef, der sich erhoben und höflich verbeugt hatte, erwiderte, indem er dem Konsul den Wechsel reichte:

»Wir möchten gerne feststellen, ob Ihre Unterschrift auf diesem Wechsel echt ist.«

Der Konsul warf einen verdutzten Blick auf den Wechsel und sah dann seinen Neffen an.

Dieser war ebenfalls aufgestanden.

»Denke dir nur, Onkel,« sagte er, »man bezichtigt mich, deinen Namen gefälscht zu haben. Denke dir nur, welche Anschuldigung – Schmach und Schande über meine geachtete und im ganzen Lande bekannte Familie zu bringen!«

Der Konsul machte einen Schritt vorwärts, alles an ihm bebte vor Erregung.

»Sind noch mehr da? Andere, außer diesem?« fragte er.

»Nein, Onkel.«

»Gut, meine Herren, der Wechsel ist nicht gefälscht.«

Er warf das Papier auf den Tisch und machte sich zum Gehen bereit.

Aber der Polizeichef bat ihn zu warten.

»Noch eins! Ich möchte Ihren Neffen noch gern etwas fragen. Jaerven verschwand am Elften abends; wahrscheinlich ist er an diesem Tage ermordet worden. Können Sie, Herr Agent Bruun, mir ausführlich erzählen, was Sie an diesem Tage von acht Uhr abends an unternommen haben? Sie sind sich klar darüber, welchen Tag ich meine –?«

»Ja.«

»Schön, können Sie uns etwas darüber erzählen?«

Der junge Mann war plötzlich totenblaß geworden.

Einige Sekunden herrschte Schweigen.

»Nein,« sagte er, »das kann ich nicht!«

Der Bankdirektor sprang von seinem Sessel auf.

Der Konsul starrte seinen Neffen mit weitgeöffneten, entsetzten Augen an.

Der Polizeichef näherte sich dem jungen Mann.

»Dann muß ich Sie, als des Mordes verdächtig, verhaften,« sagte er teilnehmend, aber zugleich mit furchtbarem Ernst.

Doch ganz drüben an der Türe stand Asbjörn Krag, der berühmte Detektiv. Ein eigentümliches Lächeln spielte um seine Lippen. Man hätte ihn murmeln hören können:

»Ach, wie blind sie doch sind!«

»Mord,« murmelte der Konsul entsetzt, »das kann doch nicht möglich sein.«

Der Polizeichef, der stark bewegt schien, erwiderte:

»Alles spricht gegen Ihren Neffen.

Wir verstehen sehr wohl, Herr Konsul, daß der Wechsel, obwohl Sie es selbst in Abrede stellen, falsch ist. Sie wollen Ihren geachteten Familiennamen nicht durch einen solchen Skandal beflecken und bezahlen deshalb die 3000 Kronen, anstatt zu gestehen, daß Ihr Neffe Ihren Namen gefälscht hat.«

Der alte, weißhaarige Herr sah starr vor sich hin.

Der Polizeichef fuhr fort:

»Das ist nun eine Sache für sich. Ihr Neffe wird vermutlich nicht der Fälschung angeklagt werden. Nun hören Sie aber, worauf wir unsere Anklage des Mordes basieren.

Wir setzen voraus, daß der Wechsel falsch ist.

Der Wechsel ist am Elften fällig.

Am selben Tage bekommt der Wucherer einen Brief mit der Aufforderung, sich an einem näher bezeichneten Ort einzufinden und den ›kleinen Blauen‹ mitzubringen. Mit dem ›kleinen Blauen‹ ist natürlich der Wechsel gemeint. Nun gut, der Wucherer findet sich an dem Orte ein und hat den Wechsel mit. Er trifft Ihren Neffen, der um Aufschub bittet, möglicherweise will er eine Teilzahlung leisten. Darauf geht der Wucherer nicht ein. Schließlich erlangt er Aufschub bis zum folgenden Tag. Da trifft er Ihren Neffen an demselben Ort. Aber Ihr Neffe hat noch immer kein Geld. Es kommt zu einer Szene. Ihr Neffe sieht im Geist den Skandal hereinbrechen. Ein Wort gibt das andere. Der Wucherer ist unbarmherzig, grausam, und –«

Der Konsul, der sehr bleich geworden ist, unterbricht:

»Aber wenn nun mein Neffe sein Alibi nachweisen, Ihnen von Minute zu Minute erzählen kann, wo er an diesem Abend gewesen ist?«

Der Polizeichef sieht den jungen Kommissionsagenten an, der in hoffnungslose, verwirrte Gedanken versunken zu sein scheint.

»Ja, wenn er das kann,« sagte er, »nichts könnte mir lieber sein. Ich habe das aufrichtigste Mitleid mit ihm. Und mit Ihnen.«

Der junge Mann erhebt sich.

»Nein,« sagte er nur.

»Sie können uns also nicht erzählen, wo Sie gewesen sind?«

»Ich kann, aber ich will nicht.«

»Und Sie gestehen den Mord?«

»Welchen Mord?«

»Den Mord an dem Wucherer Jaerven.«

»Nein. Ich weiß nichts davon.«

»Ihre Sache steht sehr schlecht.«

»Zweifellos.«

Der junge Mann sprach ruhig und gefaßt.

»Sie sind also verhaftet.«

»Sehr wohl.«

»Das ist doch furchtbar!« rief der Konsul. »Ich kann es nicht glauben.«

Da geht der junge Mann auf seinen Onkel zu.

»Es ist nicht wahr,« sagte er; »ich habe ihn nicht getötet. Ich begreife nicht, daß man mir etwas Derartiges zutrauen kann.«

Der Konsul sah ratlos von einem zum anderen.

Sein Blick blieb an Asbjörn Krag hängen.

»Das ist der Mann, der mit der Untersuchung der Sache betraut war,« bemerkte der Polizeichef.

»So, Sie sind es also, der dieses Netz um meinen Neffen gesponnen hat?«

Der Detektiv trat einen Schritt näher.

»Nein,« sagte er, »Ihr Neffe ist durch ein unglückliches Spiel des Zufalls in all dies verstrickt worden, das sich für den Augenblick dicht um ihn zusammenzuschnüren scheint.«

Der Konsul wurde plötzlich eifrig.

»Glauben Sie an seine Schuld?«

Krag lächelte.

»Er ist ja verhaftet. Er kann sich nicht ausweisen. Alles spricht dafür, daß er der Verbrecher ist. Wie der Herr Polizeichef eben sagte: Seine Sache steht sehr schlecht. Ich sehe keinen anderen Ausweg, als ihn in den Arrest zu bringen – vorläufig.«

»Gut,« sagte der Polizeichef, »es bleibt nichts anderes übrig.«

Ein Bediensteter kam herein, und der junge Mann ließ sich bereitwillig in das Gefängnis führen. Er war furchtbar ernst. Der Konsul setzte sich auf eine der Bänke und vergrub das Gesicht in den Händen.

Es war ein sehr bewegter Augenblick. Selbst die ernsten Polizeileute fühlten sich stark ergriffen.

Da sagte Asbjörn Krag:

»Ich wollte den jungen Mann nicht hören lassen, was ich vorzubringen habe. Er ist unschuldig.«

Der Polizeichef fuhr zusammen. Der kalte, ernste Bankdirektor drehte sich halb zu dem Detektiv um und starrte ihn an.

»Glauben Sie?« fragte er.

»Ich glaube es nicht nur, ich bin davon überzeugt.«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen?« warf der Polizeichef halb unwillig ein. »Der Mann kann doch nicht Bescheid geben, wo er am Zwölften – am Tage von Jaervens Verschwinden – gewesen ist.«

»Dieses Datum hat auch keinerlei Bedeutung.«

»Jetzt kann ich absolut nicht mehr mit.«

Asbjörn Krag fuhr fort:

»Sie bemerkten doch eben, daß ich die Untersuchungen vorgenommen habe. Sie müssen also auch zugeben, daß ich eine ganz andere Kenntnis der Sachlage besitze, als Sie.«

»Aber die Tatsachen sprechen.«

»Gewiß. Die Tatsachen sprechen dafür, daß Agent Bruun nicht der Mörder ist. Hat man je einen Mörder seine Sache so schlecht führen sehen, wie diesen jungen Mann? Selbst wenn ich mich an gar nichts anderes zu halten hätte, müßte ich schon aus seinem Auftreten allein den bestimmten Eindruck gewinnen, daß er unschuldig ist.«

Der Polizeichef begann sichtlich etwas unsicher zu werden.

»Aber wer ist dann der Mörder?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber ich bin auf der Spur. Ich verlange eine Stunde zu meiner Verfügung, und wenn diese Zeit um ist, werde ich Ihnen sagen, wann das Verbrechen geschehen ist.«

Krag verließ das Kontor.

»Was glauben Sie?« fragte der Bankdirektor.

Der Polizeichef erwiderte:

»Dieser Mann hat immer Überraschungen für einen.«

Der Konsul fragte:

»Ist Hoffnung?«

»Es sieht düster aus. Aber wenn mein tüchtigster Detektiv es sagt, muß doch wohl Hoffnung sein.«

Er war unruhig und nervös geworden.

Der Konsul fuhr fort:

»Dann müssen wir ja dankbar sein, daß wir einen solchen Spürhund haben. Ich habe das Gefühl, daß hier ein schlimmer Mißgriff begangen worden ist.«

Nach kurzer Zeit trennten sich die Herren. Sie hatten sich geeinigt, vorläufig alles streng geheimzuhalten. Der Konsul sollte in seinem Kontor den Bescheid über das Resultat von Asbjörn Krags Untersuchungen abwarten.

Zur bestimmten Zeit kehrte der Detektiv zurück.

»Ich bin sehr gespannt,« sagte der Polizeichef; »sollten wir uns geirrt haben, so wäre das schrecklich. Ich war eben bei dem Gefangenen. Er ist außerordentlich niedergedrückt, beinahe verzweifelt.«

Krag nahm Platz.

Einige Minuten saß er schweigend da.

Plötzlich sagte er:

»Das ist doch eine ganz eigentümliche Sache. Ich stehe erst noch am Anfang; ich ahne vieles; aber bis jetzt konnte ich nur einen einzigen, kleinen Strahl in das Geheimnis des Verbrechens werfen. Erinnern Sie sich an den Mann, nach dem wir annonciert haben?«

»Ja.«

»Sie erinnern sich, er erzählte, daß er am Zwölften bei Jaerven gewesen war, um ein Darlehen zu verlangen. Er wurde nicht eingelassen.«

»Ganz richtig.«

»Und schließlich guckte er durchs Schlüsselloch und sah Jaerven mit dem Rücken gegen die Türe stehen.«

»Gewiß. Und was weiter?«

»Als Jaerven merkte, daß er beobachtet wurde, retirierte er gegen die Tür und deckte das Schlüsselloch mit der Hand zu.«

»Ja, ganz richtig.«

»Finden Sie nichts Merkwürdiges daran?«

»Es wäre nur, daß er rücklings ging.«

Der Detektiv nickte und lächelte.

»Was mir zuerst auffiel,« sagte er, »war, daß er überhaupt an diesem Tage niemand einlassen wollte. Absolut keinen Menschen, nicht einmal seine Hauswirtin. Dann kam mir sein Benehmen, das Schlüsselloch zuzudecken, recht verdächtig vor.«

»Ja! Warum ging er denn nicht gerade vor?«

»Natürlich deshalb,« erwiderte Krag, »damit der Mann, der vor der Tür stand, sein Gesicht nicht sehen sollte.«

Der Polizeichef war aufgesprungen und begann im Zimmer hin und her zu gehen.

»Ich verstehe noch nicht so recht, wo Sie hinaus wollen.«

Krag umging die Frage.

»Am Elften«, sagte er, »erhielt Jaerven die Aufforderung, mit dem ›kleinen Blauen‹ in die Höhle zu kommen. Und er ging hin.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen.

Krag fuhr fort, indem er jedes Wort betonte:

»Am Elften abends ist Jaerven getötet worden.«

Der Polizeichef zuckte zusammen.

»Aber er begab sich doch von seinem Besuch in der Höhle um zwölf Uhr nach Hause. Schlief nachts in seinem Zimmer, brachte den ganzen folgenden Tag da zu und ging abends wieder fort. Die Wirtin hat ihn doch gehört und gesehen.«

»Ich halte daran fest, daß Jaerven am Elften getötet worden ist.«

»Aber wer war dann der Mann, der sich die ganze Nacht und den Zwölften tagsüber in Jaervens Wohnung aufhielt?«

Der Detektiv lächelte:

»Das ist doch ganz klar,« sagte er, »das war natürlich der Mörder.«


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