Sven Elvestad
Der kleine Blaue
Sven Elvestad

 << zurück weiter >> 

Der Mann im Monde

I.

Die ersten Anzeichen

Es ist gegen vier Uhr morgens. Die Dunkelheit beginnt so allmählich dem anbrechenden Tage zu weichen. Aus einem Hause in der Ackersgasse hört man plötzlich ein lautes Summen, so als ob mehrere Maschinen gleichzeitig in Gang gesetzt würden. Ein ähnlicher Lärm dringt aus einigen anderen Häusern in der Nähe. Das sind die Maschinen der Zeitungsdruckereien, die ihre Tagesarbeit beginnen. Alles ist jetzt aus der Hand der Redaktion fertig und in die Presse gegangen. In einigen Minuten werden die ersten feuchten Exemplare hervorgenommen und ausgebreitet. Gibt es etwas Neues? Was ist draußen in der großen Welt vorgefallen?

Zu dieser Zeit trat eine vermummte Gestalt aus einem der Häuser, in dem der Druckereilärm am stärksten war. Mit aufgestelltem Rockkragen, denn der Morgen war kalt und ein leichter Sprühregen fiel. Offenbar eilte er jetzt nach einer Nacht der Arbeit in seiner Zeitung heimwärts. An der Ecke der Karl-Johann- und Ackersgasse stieß er auf eine ähnliche vermummte Gestalt, die aus einem andern Tor und einer andern Zeitung kam.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen!«

Da sie denselben Weg hatten, gingen sie miteinander und begannen nicht lebhaft, sondern rein automatisch zu plaudern.

»Heute nacht ist etwas Merkwürdiges passiert,« sagte der erste.

»Na, was denn?«

»Wir hatten ein langes Privattelegramm von mehreren tausend Worten aus London im Gange. Seltsame Geschichte. Bekamen es wie gewöhnlich stückweise vom Telegraphenamt. Plötzlich ist die Leitung unterbrochen, eine ganze Stunde. Endlich bekommen wir gegen zwei Uhr den Schluß. Aber das Mittelstück ist und bleibt fort.«

Der andere Journalist zuckte zusammen.

»Ganz wie bei uns!« rief er. »Wir haben heute unsere Privattelegramme aus London überhaupt nicht bekommen! Und sie sollten ganz bestimmt zwischen zwölf und zwei Uhr eintreffen.«

»Unser langes Telegramm ist durch diese Katastrophe so gut wie ruiniert. Verstehe nicht, wie das zusammenhängen kann.«

»Auf dem Telegraphenamt nachgefragt?«

»Ja.«

»Wir auch! Das Telegraphenamt konnte nichts tun. Man meinte, der Fehler müsse anderswo stecken.«

»Dieselbe Antwort haben wir auch bekommen. Merkwürdiger Zufall. Aber haben Sie nicht eine nähere Erklärung verlangt, wie eine solche Kalamität eintreffen kann?«

»Ja freilich. Aber das Telegraphenamt konnte oder wollte vorläufig keine nähere Erklärung geben. Jetzt sei ja alles in Ordnung und die Telegramme kämen ohne Hindernisse. Aber unser Mann, der unten war, hatte den Eindruck einer wilden Verwirrung über dieses merkwürdige Vorkommnis: Unterbrechung auf der Linie eine Stunde lang, und dann alles wieder in Ordnung. Aber da war es schon zu spät, sich die Telegramme repetieren zu lassen oder sie sich auf anderm Wege zu verschaffen.«

»Ganz wie bei uns.«

Die beiden Journalisten blieben bei einer Straßenecke stehen.

»Ich muß das morgen untersuchen,« sagte der eine. »Wer weiß, ob da nicht etwas Besonderes dahintersteckt.«

Damit trennten sich die beiden mit einem Händedruck, und jeder ging seinen Weg nach Hause.

Am nächsten Tage wurde in Journalistenkreisen allerlei über die Geschichte mit den ausgebliebenen Telegrammen gesprochen. Es zeigte sich, daß fast sämtliche Morgenblätter in der einen oder anderen Weise durch die Störung berührt waren. Aber es war nicht möglich, das Telegraphenamt zu einer Erklärung zu bringen. Alles ist jetzt in Ordnung, war die einzige Antwort, die man auf seine Anfragen erhielt. Aber um die Mittagszeit nahm die Sache plötzlich eine unerwartete und höchst ernste Wendung.

Die Börsentelegramme aus London, die bisher viele Jahre hindurch mit der Genauigkeit eines Uhrwerks eingelaufen waren, hörten plötzlich auf! Zwischen elf und zwölf Uhr kam keine einzige Londoner Notierung an. Es kam überhaupt kein Telegramm aus London. Offenbar war eine Unterbrechung auf der Linie oder sonst irgendwo. Aber wo? Das Telegraphenamt konnte auch weiter keine Aufklärungen geben. Es konnte nur mitteilen, daß einer der tüchtigsten Linien-Ingenieure in dieser Angelegenheit mit dem ersten Zug abgereist war, und sowie der Vorfall mit den Börsentelegrammen sich ereignet hatte, hatte die Leitung noch einen Mann ausgesandt. Als ein förmliches Wunder kam dann noch um zwölf Uhr fünfzehn ein kleines Londoner Telegramm hereingeplumpst. Es war ein armseliger Nachzügler eines Weizenkurses. Aber damit war die Verbindung wiederhergestellt. Man hatte also ganz dasselbe Spiel vor sich, wie in der vorigen Nacht.

Einige Tage vergingen, und von Zeit zu Zeit wurde die Linie in derselben Weise unterbrochen. Das Telegraphenamt arbeitete Tag und Nacht, um den Fehler zu finden; aber es war nicht möglich, die Ursache herauszubekommen, trotz der wiederholten Klagen der Geschäftswelt über diese unsicheren Verhältnisse.

Wir befinden uns in einem der größeren Geschäftskontore im Zentrum der Stadt. Der Chef hat den Besuch eines seiner Geschäftsfreunde, eines Großhändlers. Sie sprechen miteinander über ihre Interessen und die Preisnotierungen des Tages. Plötzlich sagt der eine:

»Es ist doch fabelhaft, wie die Orangen steigen.«

»Ja, die Ernte ist in großen Landstrichen fehlgeschlagen. Daher kommt es.«

»Was! Hat Ihr Agent Sie nicht von der Preissteigerung, einige Tage bevor sie eintrat, benachrichtigt? Da hätten Sie doch große Partien aufkaufen und viel Geld verdienen können. Jetzt müssen Sie sie also mit den Tagespreisen bezahlen!«

Der Großhändler antwortete: »Ich glaubte auch, daß mein Agent diesmal seine Pflicht versäumt hätte. Aber es zeigt sich, daß dies nicht der Fall war. Ich habe heute einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilt, daß er mir am Zwölften dieses folgendes Telegramm gesandt hat: ›Orangen kaufen, kaufen, kaufen!‹ Gerade seine Art, eine plötzliche Preissteigerung anzukündigen.«

»Na, also! Warum haben Sie dann nicht gekauft?«

»Weil ich dieses Telegramm gar nicht bekommen habe.«

Die Herren sahen einander an.

»Meinen Sie, daß das Telegramm auf diesen verflixten Linien verlorengegangen ist? So wie kürzlich die Pressetelegramme und die Börsentelegramme?«

»Ja, das meine ich. Aber gleichzeitig ist mir noch etwas anderes klar!«

»Und?«

»Daß die vielen Linienunterbrechungen einem Manne zu danken sind, der mit Geschäftstelegrammen operiert.«

»Stützen Sie Ihren Verdacht auf etwas Bestimmtes?«

»Ja, ich bin nämlich überzeugt, daß das Telegramm meines Agenten in unrechte Hände gekommen ist, daß es, mit anderen Worten, aufgeschnappt wurde. Denn gerade am Zwölften, wo das Telegramm in meinem Besitz hätte sein sollen, wurden hier in Christiania ungeheure Partien Orangen von einem Manne aufgekauft! Der hat mein Telegramm bekommen!«

»Das ist ja schrecklich. Kann so etwas passieren?«

»Niemand weiß, was für Mittel einem tüchtigen und schlauen Telegrapheningenieur zur Verfügung stehen.«

»Haben Sie die Sache dem Telegraphenamt gemeldet?«

»Ich war eben im Begriff, es zu tun, als Sie eintraten.«

Er ging zum Telephon, rief das Telegraphenamt an und erklärte einem der Chefs die Sache.

»Ich wünsche außerdem die Angelegenheit der Polizei anzumelden,« sagte der Geschäftsmann.

»Das ist auch schon von hier aus besorgt,« erwiderte der Telegraphenbeamte. »Wir sind uns schon längst klar darüber, daß sich ein dreister Schwindler an den Telegraphendrähten zu tun macht. Wir haben schon den geschicktesten Detektiv Christianias abgeschickt, um ihn zu erwischen.«


 << zurück weiter >>