Hans Dominik
John Workmann der Zeitungsboy
Hans Dominik

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13. Kapitel

Die warme Luft eines wolkenlosen Augustabends drang durch das geöffnete Fenster in den kleinen Wohnraum, den John Workmann mit seiner Mutter zusammen im Klub der Zeitungsjungen innehatte. Seit einer Stunde war er vom Verkauf der Abendzeitungen zurückgekehrt und nun saß er an dem einfachen, weißen Holztisch und verschlang Seite um Seite den Inhalt eines Buches. Mr. Berns hatte es ihm gegeben. Eine Lebensbeschreibung des Zauberers von Menloe Park, des berühmten Erfinders Thomas Alva Edison. Das wäre sozusagen ein Kollege von ihm, hatte Mr. Berns gemeint. Der habe auch einmal als Zeitungsjunge angefangen und in Wind und Wetter Zeitungen centweise auf der Straße verkauft. Heute aber sei er ein weltberühmter Mann, der Schöpfer einer neuen, gewaltigen Industrie und Besitzer vieler Millionen.

Auf diese Empfehlung hin hatte sich John Workmann eifrig in das Buch vertieft und konnte sich nun nicht wieder davon losreißen. Unberührt stand immer noch sein bescheidenes Mahl neben ihm auf dem Tisch, und Kapitel um Kapitel aus dem Leben des berühmten Amerikaners flog vor seinem geistigen Auge vorüber. Er las, wie Edison seinen Zeitungsverkauf nicht auf das Städtchen Detroit beschränkte, sondern schon als 13Jähriger unternehmungslustig auf der Eisenbahn zwischen Detroit und Chikago hin- und herfuhr und seine Zeitungen an den Mann brachte. Wie dann weiter aus dem 13jährigen Zeitungsverkäufer ein 14jähriger Zeitungsverleger wurde, der seine eigene Eisenbahnzeitung im Zuge schrieb, setzte, druckte und verkaufte.

Sinnend hielt er einen Augenblick mit der Lektüre inne. Da stand, daß Edison schon damals das Morsealphabet fließend beherrschte, daß er aus dem Klappern der Telegrafenapparate auf den Stationen, an denen der Zug hielt, oft die wichtigsten und besten Nachrichten für seine Eisenbahnzeitung heraushörte. Diese Kenntnis fehlte John Workmann noch und er beschloß, sie sich so schnell als möglich anzueignen. Wie hatte doch der alte Werkführer Miller zu ihm gesagt: Dumm sein ist keine Schande, aber dumm bleiben! Er wollte aber nicht dumm bleiben.

Seine Hand ließ das Buch sinken und sein Blick fiel durch das Fenster auf die Bai von New York, auf den endlos schimmernden Ozean, dem sich der rote Sonnenball von Minute zu Minute mehr näherte. Träumerische Gedanken zogen ihm durch den Kopf. Vor drei Tagen war er 15 Jahre alt geworden. Ein Jahr älter als Edison, als er sein erstes selbständiges Unternehmen begann. Zufrieden konnte er mit dem bisher Erreichten immerhin sein. Er hatte seiner Mutter einen sicheren Platz geschafft. Er hatte sich selbst in erträgliche, ja fast angenehme Verhältnisse gebracht. Er kannte Mister Gordon Bennett persönlich; er hatte zahlreiche Freunde und er hatte schließlich seine Zeit nicht verloren, sondern in den beiden letzten Jahren mächtig gelernt. Aber dann flogen seine Gedanken weiter. In drei Jahren würde er 18 Jahre alt sein. Sollte er dann immer noch in New York sitzen und Zeitungen verkaufen? By Jove, nein! Das war ein Geschäft für Jungen, aber nicht für erwachsene Leute. Die hatten ganz andere Gelegenheiten Dollars zu ernten. In dem Buch da mußte es ja stehen, wie Edison, der große, vorbildliche Edison es gemacht hatte.

Und John Workmann las weiter, las, wie der 15jährige Edison eines Tages den Eisenbahnwagen bei einem verunglückten, chemischen Experiment in Brand steckte, wie ihn seine bisherigen Freunde, die Eisenbahner, wegen dieses Vorkommnisses kurzweg auf die Straße setzten und wie er ganz von neuem anfangen mußte. Da hatte der junge Edison sich kurz entschlossen auf einer Station als Eisenbahntelegrafist gemeldet. Eine Morsetaste stand auf dem Tisch des Inspektors, bei dem er seine Bewerbung vorbrachte. Kein Wort sprach der Inspektor auf das Gesuch hin. Seine Hand spielte nur auf der Taste und Edison las klar die Frage in Morseschrift: Können Sie telegrafieren? Edison legte seinerseits die Hand auf die Taste und morste noch viel schneller zurück: Ich denke, ich kann.

»All right«, sagte der Inspektor, und Edison war engagiert.

Wieder sann John Workmann einige Minuten nach. Das also war das Geheimnis. Etwas können, etwas wirklich gut und vollendet können und dann dieses Können an der richtigen Stelle verwerten und niemals mit dem Erreichten zufrieden sein. Stets weiterstreben und weiterlernen.

Nun war also der 15jährige Edison wohlbestallter Eisenbahntelegrafist, aber wie ging die Geschichte nun eigentlich weiter? Wie wurde er der große Erfinder und Millionär? Das wollte John Workmann schleunigst erfahren und eifrig stürzte er sich von neuem auf das Buch.

Ein Klingeln unterbrach seine Lektüre, und er hörte, wie seine Mutter in der Küche mit jemandem sprach. Dann öffnete sich die Tür, und Frau Workmann trat in Begleitung eines etwa 30jährigen Herrn in das Zimmer.

»Hier, Edward, ist mein Sohn, von dem Sie vielleicht schon gehört haben.« Der Besucher trat auf John Workmann zu und schüttelte ihm nach amerikanischer Sitte kräftig die Hand. »Hallo, Jonny, freue mich, dich kennenzulernen. Habe dein Bild und die Beschreibung deiner Abenteuer auch in den Zeitungen des fernen Westens gelesen. Komme extra bei euch vorbei, um auch deine persönliche Bekanntschaft zu machen.«

Der so sprach, war Edward Winston, ein junger Vetter der Frau Workmann, der seit Jahren als Bergingenieur im fernen Westen, in Kalifornien, tätig war. Einer Einladung der Mutter folgend, legte er jetzt Hut und Mantel ab und beschloß, ein wenig zu bleiben. Das Gespräch kam in Gang, flog hin und her, zu den gemeinsamen, längst verstorbenen Großeltern, zu den Eltern, um dann zur Gegenwart zurückzukehren. Edward Winston erzählte von seinen Arbeiten: Große Zinkminen waren in Südkalifornien neu erschlossen worden. »Ein blutiges Werk, aber erfolgreiche Arbeit«, meinte er lachend, während er die sehnigen Arme zur Zimmerdecke emporreckte. »Mit hundert Leuten allein in der kalifornischen Wüste. Unsere Prospektoren hatten das Zinkvorkommen einwandfrei nachgewiesen. Reiche Erze, 30 Gewichtsprozente Zink, mächtige, unerschöpfliche Adern, aber eine gottverlassene Gegend. Meilenweit kein Tropfen Wasser. Well, das war das erste, daß wir Wasser schafften, und dann ging es los. Stollenbohrung, Maschinenanlagen, Wohnhäuser für die Minenarbeiter. Nach drei Monaten war mitten in der Wüste eine neue Stadt entstanden, und Tag und Nacht rollten die Züge, die das gebrochene Erz nach dem Westen an die Küste schafften.«

Mit offenem Munde lauschte John Workmann dem Bericht Winstons. Das war eine ganz neue Welt, die sich ihm hier auftat, das war etwas ganz anderes als das herkömmliche Leben in New York. In dem großen, brausenden New York mit seinem Reichtum und seiner Armut, mit seinen 6 Millionen Einwohnern und seiner 300jährigen Geschichte. Seine Augen glänzten wie im Fieber, und Edward Winston begriff wohl, was in ihm vorging.

»Go to the West, young man, go to the West«, rief er plötzlich. »Laß den alten verrotteten Osten fahren und komm mit nach dem jungen Westen. Da ist noch allerlei zu holen, während die Leute sich hier gegenseitig das bißchen Luft und Licht nehmen.«

Während dieser Unterhaltung war allmählich die Dämmerung in volle Dunkelheit übergegangen, und Frau Workmann hielt es an der Zeit, Licht zu machen. John Workmann deutete mit der Rechten auf das Buch, welches immer noch aufgeschlagen vor ihm lag.

»Ich lese hier eine Lebensbeschreibung von Edison«, begann er. »Jetzt bin ich gerade bei der Stelle, wo Edison Telegrafist wird. Es ist eine mächtig interessante Geschichte, Mr. Winston. Ich möchte wohl wissen, ob Edison auch nach dem Westen gegangen ist.«

Edward Winston zuckte mit den Achseln. »Als Edison jung war, war auch der Osten noch jung. Heute liegt die Sache anders. Wenn Edison heute noch einmal anfinge, würde er auch nach dem Westen gehen. Übrigens, so recht im Osten hat er ja auch nicht angefangen. Detroit und Chikago liegen schon ziemlich in der Mitte. Glaubst du, sie hätten ihm hier im Osten auf der Eisenbahn einen Gepäckwagen eingeräumt und ihn seine Zeitung drucken lassen?«

»Ah, du kennst die Geschichte Edisons auch«, unterbrach ihn John Workmann.

»Welcher Amerikaner kennt nicht die Geschichte Edisons«, meinte Edward Winston lachend. »Mit 15 Jahren Telegrafist, mit 18 Jahren Boß in einem Telegrafenamt und dabei unverwüstlicher Erfinder. Was uns Roosevelt vom strenuous life, vom angestrengten Leben erzählt hat, ist für Edison sicher nichts Neues. Der hat manchen Tag 24 Stunden gearbeitet, und wenn es nicht mehr gewesen ist, so lag das eben daran, daß der Tag nur 24 Stunden hatte.« Und nun begann Edward Winston von Edison zu erzählen. Anekdoten, die in keinem Buche standen, aber von Mund zu Mund gingen. Wie er seine Hochzeit über einer wichtigen Erfindung total vergessen hatte und seine Freunde ihn mit sanfter Gewalt aus seinem Laboratorium zur Trauung heranschaffen mußten. Oder wie er ein andermal 6 Tage und 6 Nächte ununterbrochen im Laboratorium steckte. Wie sie einen seiner Assistenten nach dem anderen ohnmächtig wegtrugen und er allein unerschütterlich ausharrte, bis endlich der Versuch geglückt, die neue Erfindung gemacht war. Oder jene andere Geschichte, wo er, mit der Erfindung des Phonographen beschäftigt, wertvolle Diamanten mit dem Hammer zerschlug, um passende Splitter für seinen Aufnahmeapparat zu gewinnen.

Es war schon spät am Abend, als Edward Winston das Klubhaus verließ, um seinen Nachtzug nach dem Westen zu erreichen. Auch Frau Workmann begab sich zur Ruhe, und John Workmann blieb allein im Zimmer zurück. Was schon lange in ihm gärte und sich vorbereitete, das war durch diesen Besuch zur vollen Entwicklung gebracht worden. Sein Entschluß war gefaßt, er wollte nach dem Westen.

Fünf Minuten später stand er im Schlafsaal der Jungen und rüttelte Charley Copley, den zweiten Vorsitzenden des Klubs, bis der sich brummend und knurrend entschloß, das Land der Träume zu verlassen und in das Reich der Wirklichkeit zurückzukehren.

»Get up, Charley, and come along with me.« Verwundert, aber willig gehorchte Charley Copley, warf sich seine Kleider über und folgte John Workmann in das Geschäftszimmer des Klubs. Die große Wanduhr dort verkündete die zwölfte Stunde, als sie die Office betraten und sich einander gegenüber am Tische niederließen. John Workmann unterbrach zuerst das Schweigen.

»Charley, du bist bis zur neuen Wahl mein Nachfolger als Präsident des Klubs. Ich verlasse noch heute nacht New York.«

Charley Copley sperrte Mund und Nase auf, aber John Workmann ließ ihm keine Zeit zu langen Erwiderungen.

»Es ist mein fester Entschluß und du bist der einzige, der darum weiß. Es ist nötig, daß ich dir die Bücher und die Kasse des Klubs übergebe. Niemand soll später sagen, John Workmann habe sich bei Nacht und Nebel aus dem Staube gemacht und die Geschäfte des Klubs in Unordnung zurückgelassen. Wir werden etwa drei Stunden zu tun haben, um alles in Ordnung zu bringen. Dann kann ich beruhigt das Haus verlassen.«

Gehorsam folgte Charley Copley den Anordnungen des Präsidenten. Er schloß den schweren Geldschrank auf, holte die Bücher Stück um Stück hervor und breitete den Kassenbestand auf dem Tische aus. Ein fleißiges Addieren, Summieren und Kollationieren begann. In den zwei Jahren, die seit der Gründung des Klubs verflossen waren, hatte John Workmann es nicht nur selber gelernt, Bücher zu führen. Er hatte auch dafür Sorge getragen, daß seine Mitarbeiter bei der Verwaltung des Klubs in dieser nicht ganz leichten Kunst Bescheid wußten. So saßen die beiden Knaben sich beim Scheine der elektrischen Glühbirne gegenüber und arbeiteten wie ein paar bilanzsichere Buchhalter. Es schlug eins und es schlug zwei. Als aber die Uhr die dritte Morgenstunde verkünden wollte, da war der Abschluß gemacht und der Kassenbestand als übereinstimmend mit den Büchern befunden worden. John Workmann setzte sich noch einmal nieder und schrieb eine Quittung:

»Ich bestätige hiermit, von John Workmann die Bücher und den Kassenbestand des Klubs der Zeitungsjungen in Ordnung und in Übereinstimmung erhalten zu haben.« Diese Quittung mußte Charley Copley unterzeichnen. Sorgfältig barg John Workmann das Dokument in seiner Brieftasche. Dann übergab er Charley Copley die Schlüssel und verließ nach einem kräftigen Händeschütteln den Raum.

Nur noch wenig blieb ihm zu tun übrig, als er in sein Zimmer zurückkam. Der Abschiedsbrief an seine Mutter. John Workmann wußte wohl, daß er niemals von New York wegkommen würde, wenn er seiner Mutter den Plan mitteilte, wenn er von ihr Auge in Auge Abschied nähme. So biß er die Zähne zusammen und nahm schriftlich Abschied:

»Liebe Mutter, ich gehe nach dem Westen, wie ich es schon lange wollte und Edward Winston es mir heute wieder riet. Sobald ich eine Stellung habe, schreibe ich Dir. Habe keine Sorge um mich. Du wirst von mir hören und bald bin ich wieder da.

Dein Jonny.«

»So, das wäre getan. Es war das Schwerste.« Schnell packte John Workmann sein Bündel, ein Paar feste Reservestiefel, Wäsche, einen zweiten Anzug und die Lebensbeschreibung Edisons. Dann holte er sein Geld hervor. Es waren über 500 Dollar. Eine Hundert-Dollar-Note nähte er sich in das Futter seines Rockes ein, zwanzig Dollar in kleinen Noten steckte er in die Hosentasche, den Rest des Geldes legte er zu dem Brief auf den Tisch. Nun noch etwas Proviant: ein halbes Brot, eine Wurst von stattlichen Abmessungen und er war reisefertig.

Noch war es finstere Nacht, und die Straßenlaternen brannten, als er das Haus verließ und auf die Straße trat. Eine Straßenbahn rollte vorüber, er fuhr up town, von der Südspitze der Manhattaninsel stadtauswärts auf Harlem zu. John Workmann erwischte den Wagen noch gerade und sprang mit einem geschickten Satz auf. Zu dieser nächtlichen Stunde war der Wagen völlig leer und jagte ohne viel zu halten in flottem Tempo vorwärts. Die numerierten Straßen New Yorks, welche die langgestreckte Manhattaninsel der Quere nach durchziehen, auf der einen Seite bis zum Hudson, auf der anderen bis zum Eastriver, flogen in schneller Folge vorüber. Bis zur 100. Straße Geschäftsstadt, von der 100. bis zur 200. Wohnviertel. Dann wurde die Bebauung spärlicher, immer größere Lücken zeigten die Häuserreihen. Schließlich nur noch Straßenanlagen ohne Häuser. Jene unerfreuliche Grenze zwischen Großstadt und freiem Feld. Nun machte das Geleis eine Schleife. Der Wagen war am Ende und beschrieb einen Bogen, um in die Stadt zurückzukehren. Mit einem schnellen Schwunge sprang John Workmann ab. Eine Minute blieb er stehen und schaute dem hellerleuchteten, in der Dunkelheit verschwindenden Wagen nach. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das herrschende Dunkel. Jetzt erkannte er einen Landweg. Ungepflastert, von tiefen Wagenspuren zerrissen. Die Zivilisation ist hier zu schnell gekommen. Man baute Eisenbahnen, bevor man Zeit gehabt hat, Chausseen zu bauen. Rüstig schritt er auf dem Landweg durch die sternklare Nacht dahin. Allmählich zog sich dieser Weg links nach dem Hudsonfluß hinüber, und im Rücken des einsamen Wanderers begann sich der Himmel langsam zu röten. Vereinzelte Fuhrwerke begegneten ihm, auf denen die Farmer der Umgebung die Erzeugnisse ihres Fleißes, frische Gemüse, Milch und Obst in die Stadt brachten. Höher stieg jetzt die Sonne, und im klaren Morgenlicht hob sich die Silhouette eines Waldes am Horizont ab. Längst waren auch die vereinzelten Landhäuser verschwunden. Fruchtbare Felder umsäumten den Weg und unzählige Tautropfen glänzten auf Gräsern und Blüten wie Diamanten. Zwitschernd und jubelnd begleiteten kleine Vögel den Wanderer mit tausendfältigem Gesang aus allen Hecken und Sträuchern, Bäumen und Feldern.

Aus einem fernen Dorf klangen Turmglocken.

John Workmann zählte – es schlug 6 Uhr.

Sechs Uhr! Das war die Zeit, wo die Jungen im Klub aufstanden und eine halbe Stunde später im Galopp zum Broadway eilten, um sich ihre Zeitungen zu holen.

Und er, John Workmann, der so oft des Morgens frierend und müde zum Broadway gelaufen war, er war jetzt frei wie die Vögel in den Büschen. Er schritt den Weg in warmer Sommersonne, die Welt weit vor sich offen, tausend blühende Blumen zu beiden Seiten, den weiten, weiten Himmel über sich. Kein hastiges Getriebe mehr, keine zusammengeballten Menschenhaufen, die sich drängten und schoben, geizend mit jeder Minute. Nein, nur köstlicher Morgenfrieden, eine glückliche Welt, die John Workmann noch nicht gekannt hatte.

Das machte ihn so froh, daß er sich wie ein Mensch fühlte, der jahrelang in schwerer Kerkerhaft gehalten war und nun endlich frei durch die Welt wandern konnte.

Und je weiter John Workmann kam, um so glücklicher und freier fühlte er sich.

Jetzt wäre er auf keinen Fall mehr umgekehrt. Er hatte ja niemals zwischen den meilenweiten, steinernen Mauern der Riesenstadt kennengelernt, wie unendlich schön die freie Natur ist.

Hier war die Bläue des Himmels nicht durch den dicken Qualm aus Tausenden von Schornsteinen verfinstert, hier war die Luft klar und rein.

In einem kleinen Dorf, das er durchwanderte, ließ er sich bei einem Bäcker ein einfaches Frühstück geben.

Nur kurze Zeit rastete er, er wollte keine Menschen sehen, und freute sich erst wieder, als er aus dem Dorf heraus war und von neuem das lustige Gaukelspiel der Schmetterlinge sah und sich einen Strauß prächtig duftender Feldblumen wand.

Bei dem Strauße dachte er zum ersten Male wieder an seine Mutter.

Wie schön wäre es doch, wenn sie hier mit ihm durch die weite Welt wandern und sich ebenfalls an all der Schönheit freuen könnte.

Das erfüllte ihn mit Wehmut.

Aber dann dachte er daran, daß ja sein Mütterlein in dem kleinen Garten hinter dem Klubhaus allerlei schöne Blumen besaß, die er für sie gepflanzt hatte.

Ein lustiges Lied singend, marschierte er weiter, und als er bei einem großen Haselnußstrauch vorbeikam, suchte er einen guten Stock aus und schnitt ihn mit seinem Messer ab. –

Es war gegen Mittag, als er ermüdet von der nächtlichen Wanderung auf der Landstraße unter den blühenden Ginster und die frischgrünen Farren abbog und sich im Schatten eines Ahornbaumes niederlegte.

Er wollte sich durch einen Schlummer für den Weitermarsch kräftigen. –

Die Arme kreuzte er unter dem Kopf, blickte zu dem blauen Himmel durch die grünen Blätter empor, freute sich, wie unendlich tief und ohne Grenzen die Himmelskuppel sei, und im Halbschlaf war ihm, als trügen ihn unsichtbare Hände empor.

Bald lag er in tiefem Schlummer.

Seine blonden, krausen Locken drängten sich in das erhitzte braungerötete Gesicht. Ein glücklicher Ausdruck spielte um seinen Mund, ein Abglanz seiner im Traum erfüllten Wünsche und Hoffnungen. Dicht neben ihm lag im Grase sein kleines Bündel neben dem derben Haselstecken.


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