Joseph Conrad
Spiel des Zufalls
Joseph Conrad

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IV
Die Erzieherin

»Und das Schönste dabei war, daß es gar keine Gefahr mehr gab, daß alles schon vorbei war. Das Auftauchen des angeblichen Neffen hatte einen Zweck. Er war zum Bersten voll von der Wichtigkeit seines Wissens herausgefahren. Es mußten wohl schon Gerüchte über die wackelige Stellung der de Barralschen Unternehmungen umgelaufen sein, aber doch nur unter den ganz Eingeweihten. Kein Gerücht, nicht einmal das Echo eines Gerüchtes, hatte sich bis zu den Außenstehenden in Westend verirrt, geschweige denn bis in die friedliche kleine Vorstadt von Hove. Die Fynes hatten keinen Verdacht; die Erzieherin, die mit kühler, vornehmer Unnahbarkeit bei dem fabelhaft reichen Fräulein de Barral die Mutter spielte, hatte keinen Verdacht. Die Musik-, Zeichen- und Tanzlehrer des Fräulein de Barral ahnten nichts. Die Seelenruhe ihres Arztes, ihres Zahnarztes, der Hausbediensteten, der Handelsleute, die alle stolz waren, den Namen de Barral in ihren Büchern zu haben, war nicht im geringsten gestört. So kam also der Bursche, der unerwartet von irgend jemandem in der City einen sehr zuverlässigen Wink bekommen hatte, zur Mittagszeit nach Brighton heraus und brachte etwas mit sich, was in der Wirkungsmöglichkeit verteufelte Ähnlichkeit mit einer Höllenmaschine hatte. Er wußte aber Besseres zu tun, als sie auf das Straßenpflaster zu werfen. Er saß mit undurchdringlicher Miene beim Frühstück Flora de Barral gegenüber und schloß sich darnach unter irgendeinem Vorwand mit dem Weibe ein, von dem der kleine Fyne in seiner Nachsicht (allerdings immer erst nach einem kurzen Zögern) als von seiner ›Tante‹ sprach.

Es ist leicht zu denken, was sie einander unter vier Augen sagten. Sie kam aus ihrem Wohnzimmer mit roten Flecken auf den Wangen zurück und gab auf eine besorgte Frage ihres Zöglings zur Antwort, sie fühle ihre Migräne kommen. Aber wir dürfen wohl ziemlich sicher annehmen, daß sie am Schluß des Gesprächs dem jungen Schuft gesagt hatte: ›Mach' du nur den gewohnten Ausritt mit ihr!‹ Als Beweis hierfür haben wir die Zeugnisse von Herrn und Frau Fyne, die vom Fenster ihres Wohnzimmers aus zusahen, wie die beiden vor dem Hause aufsaßen und in reger Unterhaltung vorbeiritten, wobei das arme Mädel lustig lachte, denn sie freute sich in aller Unschuld der Gesellschaft ihres Charley. Daraus hatte sie Frau Fyne gegenüber nie ein Hehl gemacht, sondern ihr vielmehr schon lange zuvor gestanden, daß sie ihn sehr, sehr gerne mochte; ein Geständnis, das Frau Fyne mit tiefem Schmerz und dem Gefühl hilfloser Angst erfüllt hatte, wie man es manchmal in bösen Träumen empfindet. Denn wie sollte sie das Mädchen warnen? Einmal wagte sie die Bemerkung, daß ihr Herr Charley gar nicht gefalle. Fräulein de Barral hörte sie verwundert an. Wie konnte Charley jemandem nicht gefallen? Später einmal sagte sie Frau Fyne mit rührender Offenheit, daß sie, so ungeheuer lieb sie sie auch habe, doch kein Wort gegen Charley hören könne – den wundervollen Charley.

De Barrals Tochter hatte wahrscheinlich ihren Spaß an dem lustigen Ritt mit dem lustigen Charley (so unendlich viel lustiger als mit irgendeinem dummen, alten Reitlehrer!), denn die Fynes sahen sie später als gewöhnlich zurückkehren. Es war tatsächlich schon beinahe Nacht. Nach dem Absitzen, wobei ihr der prächtige Charley geholfen hatte, klopfte sie ihrem Pferde den Hals und ging die Treppen hinan. Ihr letzter Ritt. Sie war damals wenige Tage vor ihrem sechzehnten Geburtstag, eine schlanke Gestalt im Reitkostüm, etwas unter dem Mittelmaß für ihr Alter, im schwarzen steifen Hut, unter dem ihr feingewelltes, dunkles Haar, unten geradegeschnitten, frei über den Rücken herabfiel. Charley, der prächtige Junge, saß wieder auf, um die Pferde nach der Stallung zurückzubringen. Frau Fyne, die an ihrem Fenster geblieben war, sah, wie sich das Haustor hinter Fräulein de Barral schloß, bei der Rückkehr von ihrem letzten Ritt.

Die Erzieherin nun, die aus einem hochadeligen Hause heraus (selbst eine Dame und mit einigen sehr bekannten Adelsfamilien verwandt, wie sie sagte) mit so vielem Bedacht ausgewählt worden war, um die Studien zu überwachen, die körperliche und geistige Ausbildung zu leiten, letzten gesellschaftlichen Schliff zu geben und dem unglücklichen Kind überhaupt in jeder Hinsicht die Mutter zu ersetzen – was nun hatte sie inzwischen getan? Nun, nachdem sie sich unter dem denkbar einfachsten Vorwand ihren Zögling vom Halse geschafft hatte, ging sie daran, ihre Sachen zu packen und bewies damit, wie klar sie die Sachlage erfaßte. Sie hatte planmäßig, rasch und gut gearbeitet, hatte in der Wohnung, die ihr in dem großen Hause eingeräumt war, die Schubladen geleert und die Tische abgeräumt, mit etwas wie stumpfer Leidenschaft in ihrer Gründlichkeit. Hatte alles genommen, was ihr gehörte, und einiges, woran das Eigentumsrecht vielleicht fraglich war: Einen juwelenbesetzten Federhalter, ein Papiermesser aus Gold und Elfenbein (das Haus war voll von geschmacklosen und teuren Dingen), einige Büchsen aus getriebenem Silber, Geschenke von de Barral, und andere Kleinigkeiten. Doch unterließ sie es, die Photographie Flora de Barrals mit der gefühlvollen Widmung zu nehmen, die in einem Rahmen aus vergoldetem Silber auf ihrem hochmodernen, kostbaren Schreibtisch stand. Während des Trubels hatte sie das Bild zufällig vom Tisch heruntergeworfen und, nach einem kurzen Blick, auf dem Boden liegen lassen. So kam es wohl, oder doch zumindest der Rahmen, in die Konkursmasse de Barral.

Beim Abendessen empfand das Kind ihre Gesellschaft unerfreulich. Die Stimmung war ungewöhnlich gedrückt. Die Kleine konnte aus ihrer Erzieherin nur einsilbige Antworten herausbringen, und der nette Charley überhörte sogar die verschiedenen, munteren Anknüpfungsversuche seines »kleinen Kameraden«, wie er sie sonst wohl zu nennen liebte – an jenem Abend allerdings nicht mehr. Die beiden waren offenbar gereizt und mit etwas anderem beschäftigt. Für all dieses haben wir Beweise und auch dafür, daß Flora mit dem entzückenden Neffen ihrer aufrichtig verehrten Erzieherin schmollte und froh war, sich früh zurückziehen zu können. Frau, Frau –, ich habe ihren Namen wirklich vergessen, die Erzieherin lud ihren Neffen in ihr Wohnzimmer ein und meinte dabei laut, sie hätten über Familienangelegenheiten zu sprechen. Das sollte Flora wohl hören, und sie hörte es ohne die geringste Neugierde. Denn tatsächlich waren solche Einladungen nichts so Außergewöhnliches, daß sie sich im geringsten hätte darüber zu wundern brauchen. Sie ging gelangweilt zu Bett, und da sie nach dem langen Ritt herzlich müde war, so schlief sie die ganze Nacht durch. Ihr letzter Schlaf voll – nun, ich will nicht sagen: Unschuld, das Wort würde nicht ganz ausdrücken, was ich meine –, aber vielleicht ihr letzter Schlaf in Unwissenheit oder, noch besser, in Unbewußtheit der Wege der Welt, ihrer Gefahren, Schmerzen, Demütigungen, Bitternisse und Falschheiten. Einer Unbewußtheit, die aus anderen Wesen ihrer Art ganz allmählich schwindet, infolge von Erfahrungen und Belehrungen, und auch dann oft nur teilweise, während ein Rest immer in milden Zweifeln oder in Glaubensbereitschaft erhalten bleibt. Ihr Nichtwissen um das Böse, das in den geheimen Gedanken und darum auch in den offenen Taten der Menschen lebt, so oft sich einem bösen Gedanken der Mut zur Ausführung gesellt, dieses ihr schönes Nichtwissen sollte mit roher Gewalt zerstört werden, wie ein Tempel durch rachgierige Wut geschändet wird. Jawohl, das war es, was diesem ganz jungen Mädchen, das fast noch ein Kind war, bevorstand. Und wenn du mich fragst, wieso, wofür, warum, so werde ich dir antworten: durch Zufall. Durch blanken Zufall; wie einem Dinge geschehen, glückliche oder unglückliche, furchtbare oder zärtliche, wichtige oder unwichtige; und darüber hinaus solche, die nichts von alledem sind, Dinge, die auf den ersten Blick so völlig nichtssagend erscheinen, daß man sich fragen müßte, warum sie überhaupt geschehen, wüßte man nicht, daß auch sie den Keim künftiger, unberechenbarer Zufälle bergen.

Natürlich war doch alle Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden gewesen, daß de Barral auf der Suche nach einer Erzieherin für seine Tochter an eine völlig harmlose, einfältige, vielleicht auch unfähige, kurzum hergebrachte Vertreterin der Gattung hätte geraten sollen, oder an eine ebenso alltägliche, dumme Abenteurerin, die meinetwegen versucht hätte, ihn zu heiraten oder sonst etwas dieser Art zuwege zu bringen. Oder er hätte auf ein Sinnbild aller Tugenden treffen können, auf einen Schrein alles Wissens oder auf sonst ein harmloses, herkömmliches Durchschnittsgeschöpf. Alle Wahrscheinlichkeit sprach zu seinen Gunsten. Doch da der Zufall unberechenbar ist, so geriet er an eine Persönlichkeit, die weit eher durch Schimpfnamen zu bezeichnen, als ruhig und wissenschaftlich, wenn du willst, zu beschreiben ist – doch fraglos eine Persönlichkeit, und ein Temperament dazu. Selten? Nein. In allen von uns lebt etwas von dem, was ich milde mit Unbedenklichkeit bezeichnen möchte. Nimm als Beispiel nur die ganz ausgezeichnete Frau Fyne, die ja für sich selbst, wie auch im Kreise ihrer Familie wie eine Durchschnittserzieherin wirkte. Nur blieben ihre geistigen Ausschreitungen auf dem Papier stehen und waren überdies durch so viele gefühls- und verstandesmäßige Hemmungen eingeengt, daß sie schließlich auf eine recht bescheidene Freigeisterei hinausliefen. Während, wie du ja bemerkt haben wirst, die andere Frau, die Erzieherin Fräulein de Barrals, durchaus nicht weltfremd war, sondern einen furchtbar ausgeprägten Wirklichkeitssinn hatte. Nein, ihre Wesensmischung war durchaus nicht selten, außer vielleicht in der Schärfe, mit der sie Unterdrückung empfand; ein Gefühl übrigens, das, wie Genie oder Wahnsinn, sehr wohl Leute plötzlich gegen alles unbedenklich zu machen vermag. Sie nun blieb in ihrer Unbedenklichkeit durchaus Weib. Ein männliches Genie, ein männlicher Schuft oder sogar ein männlicher Narr hätten sich wahrscheinlich anders benommen als sie, denn im Manne liegt, selbst noch bei den scheinbar rohesten Handlungen, eine Weichheit, die als Hemmung wirkt.

Während nun das Mädchen schlief, kamen diese beiden zum Streiten, die Frau von vierzig Jahren (ein schon an sich furchtbares Alter) und der vielversprechende Jüngling von dreiundzwanzig (wohl aus gleich guter Familie, nehme ich an). In den ausgeräumten Zimmern standen die Schränke offen, die Schubladen waren halb herausgerissen und leer, die Koffer verschlossen und verschnürt, die Einrichtung durcheinander, und alles bis auf das letzte Stückchen Papier weggepackt. Die Kammerzofe, die für die Erzieherin und das Kind gemeinsam da war, kam, als sie ihren Dienst bei Flora beendet hatte, an die Türe, wie gewöhnlich, wurde aber nicht eingelassen. Bevor sie anklopfte, hörte sie die beiden streitenden Stimmen und zog sich dann, als sie weggeschickt wurde, sofort zurück – wohl die einzige Person im Hause, die damals schon überzeugt war, daß ›irgendwas vorging‹.

Da jedes Leben dunkle und sozusagen unergründliche Zwischenspannen aufweist, so müssen sich solche auch in jeder Schilderung finden, die sich mit dem Leben beschäftigt. In dem, was ich dir nun erzähle – einer Begebenheit aus einem sonst recht eintönigen Sommeraufenthalt, die nach all den Jahren ganz zufällig durch das Zusammentreffen mit einem gewesenen Seemann wiedererweckt wurde – in dieser Geschichte also ist jene Abendunterhaltung ein dunkler, unergründlicher Fleck. Wir mögen nach Herzenslust Vermutungen darüber anstellen. Ich kann mir leicht denken, daß die Frau – vierzig Jahre alt und der Kopf des ganzen Unternehmens – vor Wut außer sich gewesen sein muß. Und vielleicht war der andere nicht wütend genug. Die Jugend empfindet wohl tiefer, das ist wahr, doch hat sie nicht den gleichen scharfen Sinn für verpaßte Gelegenheiten. Sie glaubt noch an die unbedingte Wirklichkeit der Zeit, und dann konnte wohl auch der elende Kerl – dessen Jugend schon beschmutzt war, welk wie eine abgerissene Blume, die nur darauf wartet, auf den nächsten Müllhaufen geworfen zu werden –, dann konnte er wohl auch kein echtes Gefühl mehr für irgend etwas aufbringen, nicht einmal für die Wechselfälle seines eigenen unsauberen Daseins. Eine hingeworfene Bemerkung, halb Lachen und halb Fluch, so etwa: ›Wir sind sauber ausgerutscht!‹, konnte vielleicht den ersten Anlaß gegeben haben. Dem war vielleicht noch eine zweite gefolgt: ›Und haben Zeit genug dabei verplempert‹, und hatte auf der Gegenseite die bittere Erwiderung geweckt: ›Du hattest ja augenscheinlich Spaß daran, dem dummen Backfisch den Hof zu machen.‹ Etwas dieser Art, du verstehst mich schon . . .«

Marlow sah mich mit seinen dunklen, durchdringenden Augen an. Die handgreifliche Wahrscheinlichkeit seiner Folgerungen hatte mir Eindruck gemacht. Aber wir plänkelten ewig miteinander. Und so erschien mir dies als die gegebene Gelegenheit, ihn durch Widerspruch hochzutreiben.

»Du hast eine verteufelte Phantasie«, sagte ich und lächelte ungläubig.

»Nun, und wenn schon«, gab er unberührt zurück. »Aber laß dich bitte daran erinnern, daß die ganze Sache ohne mein Dazutun über mich gekommen ist. Ich komme mir vor wie ein wirrköpfiger Erster Offizier, den wir einmal auf der guten alten Samarkand hatten, wo ich Zweiter war. Der Bursche ging tiefernst herum und versuchte sich ›Rechenschaft zu geben‹ – das war sein Lieblingsausdruck – über eine ganze Menge von Dingen, an die kaum ein anderer einen Gedanken verschwenden würde. Er war ein alter Trottel, aber auch ein fabelhaft tüchtiger Seemann. Ich war noch ein halber Junge, und er machte mir großen Eindruck. Und so habe ich wohl die Anlage von ihm geerbt.«

»Nun, so gib dir halt weiter Rechenschaft«, sagte ich mit gemachter Ergebung.

»Ganz recht!« Damit nahm Marlow den Faden sofort wieder auf. »Ganz recht. Enttäuschte Habgier allein kann als Erklärung für die Vorfälle des nächsten Morgens nicht hinreichen. Vorfälle, die ich dir nicht im einzelnen schildern, sondern nur ganz allgemein erwähnen will, wobei ich bemerke, daß ich nicht nur durch Vermutung, sondern tatsächlich darum weiß. Vorher möchte ich noch einmal zu der Auseinandersetzung zurückkehren, die, wie ich dir sagte, an jenem Abend im Wohnzimmer von Fräulein de Barrals Erzieherin mit leiser Stimme geführt wurde. Was würdest du nun dazu sagen, wenn ich behaupten wollte, daß vielleicht die Enttäuschung der erste Anlaß zum Zank gewesen, daß aber der wahre Grund seiner rücksichtslosen Roheit das geheime Frohlocken war: ›Nun hindert mich nichts mehr, mit dem alten Frauenzimmer Schluß zu machen‹. Und daß wieder ihre giftige Wut sich durchaus nicht gegen den jungen Rohling mit der glatten Larve richtete, sondern gegen das Schicksal, den Zufall und das gesetzliche Leben überhaupt, vor allem aber gegen de Barral und sogar noch gegen das unschuldige Mädchen; und daß diese Wut vor allem vergiftet wurde durch die geheime zitternde Angst: ›Nun habe ich nichts mehr, um ihn zu halten . . .‹«

Ich glaubte es Marlow schuldig zu sein, daß ich nach einem leisen Pfiff hinwarf: »Oho, möchtest du also glauben, daß . . .«

Er winkte ungeduldig mit der Hand.

»Ich glaube gar nichts. Es war so. Und warum solltest du die Annahme nicht gelten lassen? Hältst du etwa Erzieherinnen für Geschöpfe, die über jeden Verdacht erhaben oder überhaupt sittlich vollkommen sind? Ich glaube, daß sie eingehendere Betrachtung genau so wenig vertragen wie andere Leute. Warum sollte eine Erzieherin keine Leidenschaften haben, alle erdenklichen Leidenschaften, auch ein wenig unsaubere und sogar zügellose, und sie äußerlich doch mit denselben Mitteln im Zaume halten, wie wir anderen sie auch anwenden: frühe Selbstzucht – Notwendigkeit – Umstände – Furcht vor Folgen! Bis einmal ein Alter kommt, wo die jahrelange Zurückhaltung unerträglich, die Versuchung unwiderstehlich wird . . .«

»Du sagst Versuchung, und sie wäre gut denkbar, wie ich zugebe,« meinte ich, »aber wie willst du dann die Art der Verschwörung erklären?«

»Du denkst an die logisch geordnete Handlungsweise, wie sie bei Frauen nicht gewöhnlich ist«, gab Marlow zurück. »Die Ausflüchte, die eine bedrohte Leidenschaft ersinnt, sind nicht zu berechnen. Du meinst, sie müsse immer geradeaus gehen, während sie doch, um ihr Ziel zu erreichen, sehr wohl imstande ist, sich rücklings in einen Abgrund zu stürzen.

Sobald wir einmal anerkennen, daß sie keine gewöhnliche Frau war, ist alles andere leicht zu verstehen. Sie war abscheulich, aber nicht gewöhnlich. Sie hatte ihr Leben lang nicht unter ihrer niedrigen Stellung, sondern unter der inneren Zurückhaltung gelitten. Eine gewöhnliche Frau in ihrer ganz selbständigen Stellung hätte sich wohl das Ziel gesetzt, die zweite Frau de Barral zu werden. Was nie zu erreichen gewesen wäre. De Barral hätte nicht gewußt, was er mit einer Frau hätte anfangen sollen. Doch sogar, wenn er infolge irgendeines undenkbaren Zufalls wirklich Absichten geäußert hätte, so hätte ihn diese Erzieherin mit Verachtung zurückgewiesen. Sie hatte ihn von Anfang an mit kalter, fremder Höflichkeit als ein untergeordnetes Wesen behandelt. In ihrer selbstbeherrschten, undurchdringlichen Art verachtete sie Vater wie Tochter maßlos. Ich denke mir, daß sie alle ihre Zöglinge ohne Ausnahme gehaßt hatte, sogar die zwei kleinen Herzogstöchter, mit denen sie vor de Barral so gerne auftrumpfte. Wie hart und freudlos muß ihr Dasein dieser Frau erschienen sein, die für ein Leben im großen Stil mehr Genußkraft mitbrachte als die meisten ihrer Brotgeber!

Sie hatte ihre Jugend vergehen, ihre Blüte welken, ihre Hoffnungen sterben sehen und fühlte nun, wie auch die Zeit ihrer reifen Glut zu Ende ging. Als letzter Reiz war ihr das reiche, immer sorgfältig frisierte Haar geblieben, das stark mit Weiß durchzogen war und ihrer gepflegten Erscheinung die prickelnde Besonderheit einer Puderperücke hinzufügte. Kein Wunder, daß sie sich mit aller Kraft an ihre letzte Neigung zu dem verkommenen, jungen Taugenichts klammerte und darin sogar so weit ging, daß sie ihn, wie gesagt, zu verheiraten gedachte. Er war noch nicht so weit gesunken, daß ein solcher Versuch sich von Hause aus als hoffnungslos hätte verbieten müssen. Sie dachte ihn mit der riesigen Mitgift auf dem rechten Wege zu erhalten. Denn ganz offenbar war sie eine Frau, ungewöhnlich genug, um ohne Selbsttäuschung leben zu können – was natürlich nicht sagen will, daß sie vernünftig war. Sie hatte sich vielleicht in einem Anfall grimmiger Selbstverachtung gesagt: ›In ein paar Jahren werde ich für jeden zu alt sein. Bis dahin will ich ihn haben – will ihn mir erhalten, indem ich ihm das Geld dieses unbedeutenden, dummen, kleinen Mädchens in die Hand spiele.‹ Nun, das war ein verzweifeltes Mittel, doch schien es ihr nicht unangebracht. Und überdies gibt es ja kaum eine Frau in der Welt, ganz gleich, wie hart, seelenlos oder besessen sie auch sein mag, in der nicht ein Rest des Muttergefühls nachlebte, unberührt wie ein Salamander von den Flammen selbst der unberechenbarsten Leidenschaft. Und so mag in ihr dies Gefühl für den Burschen bestanden haben, hat fraglos für ihn bestanden. Darum wiederhole ich: Kein Wunder! Kein Wunder, daß sie gegen Flora wütete – und vielleicht sogar gegen ihn, mit widerspruchsvollen Vorwürfen: weil er das Mädchen bedauerte, die kleine Närrin, die nie in ihrem Leben irgend jemandes Aufmerksamkeit verdienen würde, und weil er den Zusammenbruch selbst mit einem zynischen Gleichmut hinnahm, unter dem sie die Empörung witterte.

Und so ging der Zank in der Nacht weiter, über das Unabänderliche. Er beharrte darauf: ›Wozu die Eile? Warum denn so davonrennen?‹ war dabei vielleicht ein wenig traurig für das Mädchen, hatte aber auch wie gewöhnlich keinen Pfennig Geld in der Tasche, schätzte das angenehme Quartier und wünschte sich so lange wie möglich im Genuß dieses dem Ende nahen Wohllebens zu erhalten. Für die nächsten paar Tage war ja wirklich keine Eile nötig. Zum Verschwinden blieb immer noch Zeit genug. Und bei alledem übertönte ein Anklang männlicher Weichheit, ein letzter Rest von Rücksicht auf den äußeren Schein seine Verkommenheit: ›Du könntest dich wenigstens bis zuletzt anständig benehmen, Eliza!‹ Doch in dem hageren Gesicht unter dem wie überpuderten Haar lebte keine Weichheit mehr. Die Ruhe war daraus verschwunden, die dunkel umränderten Augen starrten ihn wie hungrig an: ›Nein, nein, wenn es ist, wie du sagst, dann keinen Tag, keine Stunde, keinen Augenblick länger!‹ Darauf versteifte sie sich, fest entschlossen, keine weitere Liebelei zwischen dem jungen Menschen und dem Mädel zu dulden, da sie ja zwecklos geworden war; nachträglich ärgerlich darüber, daß sie soviel darunter gelitten hatte, und wütend, weil alles umsonst gewesen war.

Schließlich war sie aber doch vernünftig genug, es nicht zum Bruch kommen zu lassen. Wozu auch? Sie fand Mittel, ihn zu besänftigen. Das einzige Mittel. Solange noch etwas Geld zu holen war, hatte sie ihn in der Hand. ›Geh jetzt, es nützt nichts, wenn wir noch länger darüber sprechen. Ich möchte ein wenig allein sein.‹ Er fügte sich brummig und ging. Im selben Stock, am anderen Ende eines kurzen, mit einem dicken Teppich belegten Flurs, stand immer ein Zimmer für ihn bereit.

Ich möchte nicht zu schildern versuchen, wie die Frau jene Nacht zugebracht hat, die langen Stunden, in denen sie der Schlaf wohl floh und in denen ihr kein schöner Wahn helfend zur Seite stand. Schließlich ging auch dies vorüber, und dieses merkwürdige Opfer des de Barral-Krachs, dessen Name in keinem der Prozeßregister zu finden sein sollte, kam undurchdringlich, in der gewohnten vollendeten Haltung, zum Frühstück herunter. Aus irgendeinem Grunde hatte sie vom ersten Augenblick an die Schreckensbotschaft für wahr gehalten. Ihr ganzes Leben lang hatte sie nie an ihr Glück geglaubt, in der Schwarzseherei der Leidenschaftlichen, die sich im Grunde als außerhalb der festen Schranken der Gesellschaft stehend empfinden. Und doch wurde ihr nicht leichter, als sie beim ersten Blick in die Morgenzeitung alles bestätigt fand. O ja, da stand alles. Die ORB hatte ihre Zahlungen eingestellt – das erste, noch ferne Grollen des Sturms, für den Eingeweihten aber das sichere Anzeichen der nahen Springflut. Die Nachricht selbst stand unter den Tagesneuigkeiten, ohne unziemliches Beiwerk. Es fehlte eigentlich jede Erörterung darüber. Das ernsthafte Blatt, das einzige unter den großen Tagesblättern, das immer betonte Zurückhaltung gegenüber den de Barralschen Unternehmungen beobachtet hatte, zeigte hierin seinen Stil. Jawohl! Eine kurze Notiz unter Tagesneuigkeiten. Doch fand sich auf einer anderen Seite eine gesonderte, volkswirtschaftliche Abhandlung, die, in feindseligem Ton gehalten, mit den Worten begann: ›Wir haben immer gefürchtet . . .‹ und weiter noch ein maßvoller, halbspaltiger Leitartikel, der mit dem Satz anhob: ›Es ist ein bedauerliches Zeichen der Zeit . . .‹, was alles in Wahrheit darauf berechnet war, als überlegener Tadel für die dumme Leichtgläubigkeit des einzahlenden Publikums zu wirken. Die Erzieherin überflog diese Artikel, eine Zeile da, eine Zeile dort, und brauchte nicht mehr, um sich über das Herannahen der Flut klar zu werden. Einige leise namentliche Hinweise auf de Barral belebten plötzlich ihre Feindseligkeit gegen den Mann, wohl weil sie mit einmal den öffentlichen Rückhalt spürte. Die Ärmste! . . .«

 

Marlow unterbrach den Fluß seiner Erzählung mit der Bemerkung: »Du mußt wissen, daß ich, um die Darstellung des ganzen Falles übersichtlich zu gestalten, dir nebeneinander die Einzelheiten erzähle, die ich späterhin von Frau Fyne erfuhr, und die anderen, die mir der kleine Fyne bei jenem Morgenbesuch mit gewohnter Feierlichkeit mitteilte. Es wird dich natürlich nicht überraschen, zu hören, daß auch die Fynes in ihrer Wohnung die Neuigkeit zur selben Zeit und, nebenbei, in derselben ernsten und hochmoralischen Zeitung gelesen hatten wie die Erzieherin in dem Prunkpalast jenseits der Straße. Doch waren bei den Fynes grundverschiedene Gefühle ausgelöst worden. Sie waren sprachlos überrascht. Fyne mußte die ganze Tragweite des Vorfalls seiner Frau klarmachen, deren erste Regung ein Aufschrei der Erlösung gewesen war. So war ja nun das arme Kind sicher vor der Hinterlist der beiden gräßlichen Leute. Frau Fyne machte sich kein Bild davon, was es wohl heißen mochte, plötzlich von Reichtum in bettelhafte Armut zu geraten. Fyne mit seiner männlichen Vorstellungskraft neigte weniger zu einem Übermaß von Freude darüber, daß das Mädchen so den Gefahren entgangen war, die sie in ihrer Schuldlosigkeit bedroht hatten. Denn der Preis, den sie dafür zu zahlen hatte, schien ihm verteufelt hoch. Was war sie doch für ein unglückliches kleines Geschöpf! ›Wir könnten vielleicht versuchen, das arme Ding ein wenig zu trösten, wenigstens solange sie noch hier ist‹, sagte Frau Fyne. Sie empfand die sittliche Verpflichtung, keinesfalls gleichgültig zu bleiben. Doch konnte wohl für niemand irgendein Trost davon zu erwarten sein, wenn sie jetzt zu dieser frühen Morgenstunde auf die Straße hinausstürzte. Und so setzten sie sich, nach Fynes Rat, jede Übereilung zu vermeiden, beide an das Fenster im Wohnzimmer und sahen gefühlvoll nach dem großen Hause hinüber, dessen wuchtiger, verschwenderischer Prunk ihnen nun, da der Ruin an der Türe stand, geradezu unheimlich erschien.

Zu der Zeit, oder doch gleich darauf, hatte ganz Brighton die Nachricht erfahren und in ihrer Wichtigkeit mehr oder weniger voll erfaßt. Dem Haushofmeister des Fräulein de Barral war die Neuigkeit wahrscheinlich früher zu Augen gekommen als irgend jemand in einer Meile in der Runde. Denn es gehörte zu seinen frühesten Tagespflichten, die frisch gelieferte Zeitung vor dem Kaminfeuer zu trocknen, eine Gelegenheit zum Lesen, die kein vernünftiger Mann verabsäumt haben würde. Er faßte selbst der Dienerschaft gegenüber seinen ersten peinlichen Eindruck in die Worte zusammen, daß es mit den Geschäften ›ihres Vaters in London‹ verdammt schlecht gegangen zu sein scheine.

Das schuf im Hause eine eigenartige Stimmung, der sich Flora de Barral, als sie etwas später als sonst herunterkam, nicht verschließen konnte. Alle Leute schienen sie so dummneugierig anzustarren; sie fürchtete einen langweiligen Tag.

Im Eßzimmer saß die Erzieherin auf ihrem Platz, hielt unter der Serviette auf ihrem Schoß eine Zeitung halb verborgen und verharrte nach ein paar Begrüßungsworten, die mit kaum bewegten Lippen gesprochen schienen, in reglosem Schweigen, den Blick starr geradeaus gerichtet; und als gleich darauf Charley hereinkam, sah sie ihn nicht einmal an. Er grüßte kaum, machte nur den Versuch eines halben Lächelns zu dem Mädchen hin, setzte sich dann ihr gegenüber, hielt die Augen auf den Teller gerichtet und fand nichts zu sagen. Es war langweilig, unglaublich langweilig, den Tag so beginnen zu müssen; aber das Mädchen wußte wohl, woran es lag. Diese ewigen Familiengeschichten! Es war ja nicht zum erstenmal, daß sie unter ihrer Nachwirkung auf die beiden zu leiden hatte. Nur schade, daß der entzückende Charley durch die dummen Redereien gelangweilt werden sollte; und eine unbegreifliche Dummheit von ihm, daß er sich von seiner Tante so abkanzeln ließ.

Als nach einem lastenden, förmlich lauernden Schweigen die Erzieherin unvermittelt aufstand und mit der Zeitung in der Hand hinausging, fast augenblicklich von Charley gefolgt, der sein Frühstück im Stich ließ, da kam sich das Mädchen wie erlöst vor. Nun würden sie es also untereinander ins reine bringen, was immer es auch war, und am Nachmittag wieder sie selbst sein; Charley wenigstens ganz gewiß. Auf die Stimmungen ihrer Erzieherin legte sie nicht allzu großes Gewicht.

Zum ersten Male an diesem Morgen sahen die Fynes das Haupttor des Unglückshauses aufgehen und den nicht ganz einwandfreien jungen Menschen herauskommen, wobei ihre voreingenommenen Blicke schon der Form seines steifen Hutes und dem Schnitt seines lichten Überziehers den Beweis für seine Schurkerei entnahmen. Er ging sehr schnell, wie jemand, der einen Zug erreichen möchte, und spähte dabei nach allen Seiten, als trüge er etwas mit sich fort. Konnte das eine endgültige Abreise sein? Zweifellos, zweifellos! Doch es stellte sich heraus, daß Frau Fynes tiefempfundenes ›Gott sei Dank‹ etwas vorschnell gewesen war. Nach ganz kurzer Zeit tauchte der verhaßte Bursche wieder auf, diesmal aber im langsamsten Schlenderschritt – den Hut ein wenig auf das Ohr gerückt – und mit allen Anzeichen von zufriedener Gemütsruhe. Sein Anblick löste in Frau Fyne einen hörbaren Seufzer aus. Sie fragte ihren Gatten, was das wohl zu bedeuten hätte? Er konnte es natürlich nicht sagen. Frau Fyne war der Ansicht, daß irgend etwas Schreckliches im Werke sein müsse; und inzwischen war der Gegenstand ihres Abscheus die Stufen hinaufgegangen und hatte an die Türe gepocht, die sich ihm sofort aufgetan hatte.

Er war nur auf der Bank gewesen.

Daß er sein Frühstück im Stich gelassen hatte und der Erzieherin nachgelaufen war, hatte nur den Grund gehabt, um wegen eben dieses, in seinen Augen äußerst wichtigen Ganges mit ihr reden zu können. Angesichts der Erregtheit in ihren Blicken und Händen und des erstickt geflüsterten ›Ich mußte hinaus, ich konnte mich kaum mehr zurückhalten‹, zuckte er nur die Schultern. Das war ihre Sache. Er empfand vor ihrer Heftigkeit den ganzen Widerwillen eines jungen Menschen gegen unnützen Gefühlsaufwand. Er verstand sie nicht. Männer häufen nicht gegeneinander den Haß in kleinen Brocken an, peinlich sammelnd, bis das Maß zum Bersten voll ist. Er war ihr nachgelaufen, um sie an das Bankkonto zu erinnern. Wie, wenn man, ohne eine Minute länger zu verlieren, den ganzen Betrag abhöbe? Sie hatte ihm versprochen, nichts zurückzulassen.

De Barral hatte auf ihren Namen zur Bestreitung des Haushalts in Brighton ein Bankkonto eröffnet und es mit der Großzügigkeit unterhalten, die seiner Hochachtung entsprach. Die Erzieherin durchquerte die Halle und trat in ein kleines Nebenzimmer, wo sie sich hinsetzte und den Scheck ausschrieb. Er stürzte davon, um ihn einzulösen, hastig, als wäre die Anweisung gestohlen oder gefälscht gewesen. Die von den Fynes beim Verlassen des Hauses an ihm bemerkte Unrast kam wohl daher, daß ein Pech mit einem Scheck von zweifelhafter Echtheit den ersten Anlaß zu seinem Niedergang gegeben hatte und daß ihm nun der Besitz eines solchen Papiers keine Ruhe ließ, bevor es richtig eingelöst war. Und schließlich war es ja auch ein Diebstahl, wenn auch kein unmittelbarer. Denn das Geld war de Barrals Geld, wennschon das Konto auf den Namen der vollendeten Dame lautete. So oder so, der Scheck wurde bezahlt. Sobald er die Banknoten und das Gold in den Händen fühlte, gewann er auch seine lebemännische Sicherheit zurück, denn, wie jedermann weiß, wirkt ja der Besitz selbst gestohlenen Geldes bei vielen Leuten als ein Kräftigungs- oder Reizmittel. Er setzte sich den Hut ein wenig schief, als hätte er ein Glas oder zwei getrunken, was er vielleicht zur Feier des Anlasses wirklich getan haben mochte.

Die Erzieherin hatte seine Rückkehr in der Halle abgewartet und dabei den Seitenblicken des Haushofmeisters, der beim Abräumen des Frühstückstisches hin und her ging, keine Beachtung geschenkt. Sie selbst war es, die das Haustor so rasch geöffnet hatte. ›Alles in Ordnung‹, sagte er und deutete auf seine Brusttasche; das arme Weib, das sich nichts mehr vormachte, wagte nicht, die Herausgabe des Geldes zu verlangen. Sie sahen einander schweigend an. Er hatte eine deutende Kopfbewegung: ›Wo ist sie jetzt?‹ und sie flüsterte zurück: ›Im Wohnzimmer. Willst du sie nochmals sehen?‹ Ihren lauernden, düsteren Blick beantwortete er wegwerfend: ›Ich will verdammt sein, wenn ich das tue! Und da du doch einfach so davon willst, warum tun wir's denn nicht gleich?‹

Sie preßte in grausamer Entschlossenheit die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Sie hatte ihren eigenen, genau überlegten Plan. In jenem Augenblick sahen die Fynes, die immer noch wie zwei Privatdetektive an ihrem Wohnzimmerfenster auf der Lauer lagen, wie ein Mann mit einem langen, weißen Bart und einem gutmütigen Gesicht, auf einen dicken Stock gestützt, die Stiegen hinaufging und an der Haustür klopfte. Wer konnte das sein?

Es war einer von Fräulein de Barrals Lehrern. Sie hatte neuerdings zu aquarellieren begonnen, da sie in einer vornehmen Damenzeitschrift gelesen hatte, daß viele Prinzessinnen aus europäischen Fürstenhäusern diese Kunst übten. Dies nun war der Wasserfarbentag; und der Lehrer, ein Veteran aus manchen Ausstellungen, ehrwürdig und umgänglich, war mit gewohnter Pünktlichkeit erschienen. Er las kaum jemals die Morgenzeitung, und wäre ihm die Nachricht selbst zu Gesicht gekommen, so hätte er wahrscheinlich ihren wahren Sinn doch nicht verstanden. Jedenfalls kam er zur Stunde, wie die Erzieherin es erwartet hatte, und die Fynes sahen ihn die Schicksalsschwelle überschreiten.

Er begrüßte herzlich die Dame, in deren Händen Fräulein de Barrals Erziehung lag und die er in der Halle im Gespräch mit einem sehr hübschen, aber etwas fragwürdigen jungen Mann antraf. Sie kam ihm liebenswürdig entgegen: ›Flora erwartet Sie schon im Wohnzimmer.‹

Die Ausübung der Kunst, der sich angeblich so viele Prinzessinnen ergeben hatten, fand aus Gründen der richtigen Beleuchtung im Wohnzimmer statt. Die Erzieherin ging dem Lehrer voran die Stiegen empor und geleitete ihn bis in das Zimmer, wo Flora de Barral in einer holländischen Kleidschürze (gleichfalls unerläßlich zur Ausübung der Kunst) in lächelnder Erwartung saß. Die Unterrichtsstunde im Aquarellieren, durch die lustige Unterhaltung des netten alten Herrn verkürzt, machte ihr immer großen Spaß. Und an jenem Tag besonders empfand sie sie als Entgelt für die üble Morgenstimmung.

Ihre Erzieherin war gewöhnlich während der Stunde anwesend; diesmal aber blieb sie nur so lange sitzen, bis Lehrer und Schülerin die Arbeit richtig begonnen hatten, erhob sich dann, als hätte sie eine vergessene Anordnung nachzuholen, und verließ das Zimmer.

Kaum war sie vor der Türe, da gab sie der eben vorübergehenden Zofe, ohne geschellt zu haben, den Auftrag, schnell, schnell das ganze Gepäck in die Halle hinunterschaffen und einen Wagen holen zu lassen. Sie selbst blieb vor der Wohnzimmertüre auf dem Flur stehen, sah nach jedem Stück, Koffer, Ledertaschen, Plaidrollen, wie sie an ihr vorbeigetragen wurden; sie sah mit gerunzelten Brauen so finster und verschlossen aus, daß der Haushofmeister eine ganze Weile Mut sammeln mußte, um sie anzusprechen. Schließlich aber überlegte er, daß er ein freigeborener Brite war und wohl auch seine Rechte hatte. Er ging gleich auf den Kernpunkt der Sache los, ohne aber seine sonstige ehrfurchtsvolle Haltung beiseite zu lassen.

›Verzeihung, Madame – aber wollen Sie wirklich ganz fort?‹

Er erschrak über ihre Entgegnung. Ihre unerwartete, ganz und gar nicht damenhafte Schärfe klang für sein geschultes Ohr peinlich wie eine falsche Note. ›Jawohl. Ich gehe weg. Und das beste für euch alle wäre es, auch wegzugehen, so schnell wie möglich. Ihr könnt sofort gehen, heute, im Augenblick. Die Löhne sind euch ja erst letzte Woche gezahlt worden. Je länger ihr bleibt, desto größer wird euer Schaden. Aber das geht mich ja nichts mehr an. Ihr seid ja in Diensten des Herrn de Barral – verstanden?‹

Der Haushofmeister war verblüfft von der Art, in der dieser Rat gegeben wurde; als er aber seine Augen nach der Wohnzimmertüre wandern ließ, streckte die Erzieherin den Arm aus, als wollte sie den Weg versperren: ›Hier kommt niemand hinein.‹ Und das war noch in einem anderen Ton gesagt, in einem Ton, der jede Spur der anerzogenen Ehrfurcht aus den Blicken des Haushofmeisters schwinden ließ. Er sah ihr mit unverhohlenem Staunen ins Gesicht. ›Nicht bevor ich weg bin‹, fügte sie hinzu, mit einem Ausdruck im Gesicht, so rätselhaft, daß der Mann sich davor beugte. Er zuckte leicht die Schultern, ging ohne ein weiteres Wort ins Erdgeschoß hinunter und traf in der Halle auf Herrn Charley, der, Hut auf dem Kopf und beide Hände tief in den Taschen des Überrocks, dort wie eine Schildwache auf und ab ging.

Die Kammerzofe der beiden Damen war die einzige der Dienerschaft, die sich noch auf dem Flur im ersten Stock herumdrückte. Neugierig, und von der Frau, die da vor der Türe Wache stand, fast magnetisch angezogen. Als sie von der Erzieherin herrisch herangewinkt und angewiesen wurde, aus den nun leeren Zimmern Hut und Schleier zu holen, die einzigen Gegenstände, die außer der Einrichtung noch darin zu finden waren, da tat sie das ohne ein Wort der Entgegnung, aber innerlich bestürzt. Und während sie noch unruhig mit dem Schleier in der Hand wartete, bis die Frau, ohne sich einen Schritt von der Türe weg zu rühren, mit achtlosen Griffen den Hut auf dem Kopfe festgesteckt hatte, da hörte sie im Zimmer drinnen ein plötzliches Auflachen des Fräulein de Barral; sie hatte wohl ihren Spaß an der Malstunde, die ihr zum letztenmal von dem lustigen alten Herrn erteilt wurde.

Herr und Frau Fyne lagen in ihrem Fenster auf der Lauer – für Leute ihres Schlages eine geradezu unglaubliche Beschäftigung – und sahen mit neuer Angst zu, wie ein Wagen vorfuhr, auf dessen Dach nun einiges Gepäck verstaut wurde. Der Haushofmeister erschien einen Augenblick und ging wieder ins Haus. Was sollte das alles? Sollte Flora zu ihrem Vater gebracht werden? Oder waren die beiden, das Weib und ihr fürchterlicher Neffe, dabei, sie irgendwohin fortzubringen? Fyne wußte keine Antwort. Er bezweifelte das letztere, da ja Flora jetzt, wie er sich sagte, keinen Wert mehr hatte, weder an sich, noch für irgendeinen der früheren Pläne. Obwohl kein großer Menschenkenner, traute er doch der Erzieherin keine menschlichen Beweggründe zu. Er gestand mir mehrmals, daß er aufgeregt gewesen sei wie vor einem Bühnenstück. Dann packte ihn plötzlich der Gedanke, daß das Mädchen vielleicht eigenes Geld haben, irgendwelche Vermögenswerte besitzen konnte, und deshalb . . .

Er teilte diese Vermutung seiner Frau mit, die sich nicht minder bestürzt zeigte. ›Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Kind abreisen sollte, ohne uns wenigstens Grüß Gott gesagt zu haben‹, murmelte sie. ›Wir müssen es herausbringen – ich will sie fragen.‹ Doch im gleichen Augenblick fuhr die Droschke ohne Fahrgäste ab und die Haustüre, die bis dahin halb offen gestanden hatte, wurde geschlossen.

Sie fuhren fort, stillschweigend hinauszustarren, bis Frau Fyne gequält flüsterte: ›Ich denke doch, daß ich hinübergehen muß.‹ Fyne antwortete nicht gleich (er ist eine sehr bedächtige Natur, wie du weißt). Und dann ging die Türe, als hätte Frau Fynes Flüstern Zaubergewalt besessen, weit wieder auf, und der weißbärtige Mann kam heraus, erstaunlich rasch in seinen Bewegungen; er benutzte seinen Spazierstock fast wie einen Alpenstock, um die Stiegen daran hinunterzuspringen, und eilte dann über den Pflasterweg davon. Die Fynes waren zu weit weg, um den Ausdruck seines Gesichts feststellen zu können, und es hätte ihnen auch wenig dazu helfen können, Klarheit über die Lage innerhalb des Hauses zu gewinnen. Denn der alte Mann sah spaßhaft angeregt aus, nichts weiter.

Als er nämlich am Ende der Stunde nach seinem festen Stock gegriffen hatte und in der gewohnten Lebhaftigkeit hinausgegangen war, da hatte er vor der Türe des Wohnzimmers um ein Haar die Erzieherin seiner Schülerin umgerannt. Er konnte gerade noch haltmachen, und sie fuhr hastig herum. Es war recht peinlich. Er entschuldigte sich; aber ihr Gesicht zeigte keinen Schreck; sie schien ihn nicht zu sehen, zeigte einen Ausdruck eigenartiger Entschlossenheit, einen so eigenartigen Ausdruck, daß er einen Augenblick stehenblieb. Um seine Verlegenheit zu verbergen, machte er irgendeine gleichgültige Bemerkung über das Wetter, die aber nicht nach den Regeln des guten Tons mit einer anderen, gleich nichtssagenden Bemerkung, sondern nur mit einem rätselhaften Lächeln beantwortet wurde. Nichts konnte merkwürdiger sein. In der Halle unten nahm der hübsche, aber fragwürdige junge Mensch nicht die geringste Notiz von ihm. Kein Diener war zu sehen. So ging der alte Herr allein hinaus und mußte, um die Tür hinter sich überhaupt schließen zu können, sie mit einem Krach zuschlagen.

Als der Widerhall erstorben war, legte sich die Frau oben über das Stiegengeländer und rief dem Mann in der Halle bitter zu: ›Willst du nicht heraufkommen und Abschied nehmen?‹ Er zuckte ungeduldig die Schultern und ging weiter auf und ab, als hätte er nichts gehört. Plötzlich aber hielt er an und rannte nach einem Augenblick der Überlegung mit finsterem Gesicht und ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen, die Stiegen hinauf. Knapp vor der Türe wandte sie nochmals den Kopf und stichelte leise: ›Komm! Gesteh nur, daß du dich gesehnt hast, ihr dummes, kleines Gesicht nochmals zu sehen.‹ Er fand es nicht der Mühe wert, darauf zu antworten.

Flora de Barral saß noch vor dem Tisch, an dem sie an ihrer Skizze gearbeitet hatte, und hob beim Geräusch der aufgehenden Türe den Kopf. Die Art, wie die beiden ins Zimmer stürzten, erweckte ihr den Eindruck, als habe sie nie Ähnliches gesehen. Sie kannte sie gut, kannte die Frau besser als ihren Vater. Zwischen ihnen beiden hatte eine Beziehung bestanden, so vertraut, wie sie ohne ein grundlegendes warmes Gefühl überhaupt denkbar ist. Hinter der Erzieherin, deren aufgeschlagener Schleier wie ein braunes Band über den schwarzen Augenbrauen die Stirne verbarg, trat Charley ein, der entzückende Charley, die Augen starr auf den Rücken der Gouvernante gerichtet. Das Mädchen fühlte Staunen und Schreck vor dem völlig fremden Ausdruck in dem Gesicht der Frau. In einem Augenblick der Leidenschaft drängt sich oft ein Bild der Persönlichkeit auf, wie es bis dahin auch von den Nächststehenden nie vermutet worden war. Aus ihren Augen und aus dem Gesicht des andern, der knapp hinter ihr stand, sie um einen halben Kopf überragte und die Lider finster gesenkt hielt, schien etwas Böses auszugehen, das in der Seele des Mädchens die Furcht, die auf dem Herzensgrunde von Menschen wie von Tieren ruht, zu sinnlosem Schreck aufrührte und auslöste. Mit plötzlich erweiterten Pupillen und einer Bewegung, unwillkürlich wie das Aufspringen eines erschreckten Rehkitzes, fuhr sie auf und fand sich plötzlich in der Mitte des großen Raumes, mit dem Ausruf, der den unheimlichen und bisher doch so vertrauten Fremden galt:

›Was wollen Sie?‹

Bemerke, daß sie rief: ›Was wollen Sie‹, nicht etwa: ›Was ist geschehen?‹ Sie erzählte später Frau Fyne, daß sie plötzlich das Gefühl gehabt habe, sie solle persönlich angegriffen werden. Und das mußte sie ja wohl entsetzt haben. In der Frau da vor ihr hatten sich für sie die Weisheit, die elterliche Gewalt, Schutz und Sicherheit verkörpert, über jeden Zweifel erhaben.

Die Gewalt des Schocks magst du daran ermessen, daß sich ihr mit einem Schlage nicht nur das Gefühl der Gefahr aufdrängte – denn sie wußte ja nicht, was sie bestürzte –, sondern das andere, daß es mit der Sicherheit vorbei war. Und nicht nur mit der Sicherheit. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll. Sieh doch: sogar ein kleines Kind lebt, spielt und leidet, im Maße, wie es sich seines eigenen Daseins bewußt ist. Stelle dir nun, wenn du es kannst, ein Ereignis vor, stark genug, um dieses Bewußtsein selbst mit einem Schlage zu zerstören. Das Mädchen verlor wohl nur deshalb nicht den Verstand, weil sie noch so sehr Kind war; nur deshalb kam sie darüber hinweg. Stellt man sie sich etwas gereifter vor, wenn auch ebenso unwissend, wie sie es war, so bleibt kein anderer Schluß, als daß sie hätte vom Fleck weg verrückt werden müssen – lange bevor das Zusammensein sein Ende erreicht hatte. Zum Glück sind die wenigsten Leute, ob reif oder unreif (und wer wird denn je wirklich reif?), fähig zu begreifen, was ihnen geschieht. Das ist wohl von der Vorsehung gnädig so eingerichtet, um noch eine geringe Menge gesunden Verstandes am Werke zu erhalten . . .«

»Wir aber, mein lieber Marlow, haben den unschätzbaren Vorteil, sehr wohl zu verstehen, was anderen geschieht,« warf ich ein, »wenigstens einige von uns, so scheint es. Ist auch das von der Vorsehung so eingerichtet, und warum? Sollen wir uns untereinander über die Ansichten des lieben Nächsten unterhalten? Du zum Beispiel scheinst . . .«

»Ich weiß nicht, was ich scheine,« winkte mir Marlow ab, »und sicherlich gehört auch ein wenig Unterhaltung zum Leben. Es wäre sehr anerkennenswert, wenn die Vorsehung es selbst aus keinem anderen Grunde so eingerichtet hätte; doch aus der gleichen Gabe des Verstehens entspringt in uns ja auch Mitleid, Barmherzigkeit, Unterstützung und Gemeinsamkeitsgefühl, und in etwas weitherzigen Menschen auch die Neigung zur Nachsicht, die die Vorstufe zur Liebe ist. Ich will von mir nicht behaupten, daß ich zur Nachsicht für das saubere Paar neige, das über das unschuldige Mädchen herfiel. Sie kamen hereinmarschiert (sie sagte wörtlich so, als sie es später Frau Fyne erzählte), blieben aber bei dem Ausruf stehen. Er muß ihnen überraschend genug gekommen sein. So etwa, wie wenn einem die Maske weggerissen wird, im Augenblick, wo man es am wenigsten vermutet. Der Mann blieb gleich ganz stehen, machte keine Miene mehr, einen Schritt weiter vor zu tun. Die Erzieherin aber schien den Schrei als eine neue Herausforderung zu empfinden, obwohl sie ja eigens heraufgekommen war, um zum erstenmal in ihrem Leben die Maske abzuwerfen. ›Was schreist du denn so, du närrisches Ding‹, sagte sie und trat allein bis dicht zu dem Mädchen vor, das entsetzt war, als sähe es ein Medusenhaupt mit Schlangenlocken auf den Schultern dieses vertrauten Wesens, in dem braunen Kleid und dem Hut, die es so gut kannte. Es nahm ihr jeden Sinn für Wirklichkeit. Sie sagte später zu Frau Fyne: ›Ich wußte nicht mehr, wo ich war. Ich wußte nicht einmal, daß ich Angst hatte. Hätte sie mir gesagt, alles sei ein Scherz, so hätte ich gelacht. Hätte sie mich den Hut aufsetzen und mit ihr ausgehen geheißen, so hätte ich den Hut aufgesetzt und wäre mit ihr ausgegangen, ohne ein Wort zu reden: ich wäre überzeugt gewesen, daß ich etwa eine Minute lang verrückt war, und wäre lieber gestorben, als ihr oder sonst jemandem jemals ein Wort darüber zu verraten. Aber die Hexe brachte ihr Gesicht dem meinen ganz nahe, und ich konnte mich nicht rühren. Sobald ich ihr in die Augen gesehen hatte, kam ich mir vor, als wäre ich auf dem Teppich festgewachsen.‹

Es war Jahre nachher, daß sie zu Frau Fyne so sprach – und auch nur zu Frau Fyne. Niemand sonst hat je die Geschichte ihrer Leiden gehört. Doch schwand ihre Erinnerung daran niemals, wirkte ständig nach, wie ein Brandmal in ihrer Seele, eine Art mystischer Wunde, über die sie in Betrachtung versinken konnte. Und ferner noch erzählte sie Frau Fyne, sobald sie erst einmal mit ihren Geständnissen begonnen hatte, es sei ihr durchaus nicht unangenehm, eher eine Beruhigung gewesen, solange ihr das Weib nur häßliche Namen gab. Ihre Einbildungskraft hatte zugleich mit ihrem Körper einen wilden Sprung dem Unbekannten entgegen getan. Und dann habe es den Aufruhr ihres ganzen Wesens irgendwie besänftigt, als sie schließlich nur etwas zu hören bekam, was, mehr dem Ton als dem Inhalt nach, auf böses Schelten hinauslief.

›Sie nannte mich ein närrisches Ding, öfter, als ich mich erinnern kann. Ich, ein närrisches Ding! Nun, Frau Fyne! Ich versichere Ihnen, daß ich bis dahin überhaupt noch nicht nachgedacht hatte. Über nichts in der Welt. Ich hatte einfach so hingelebt. Und man kann doch nicht närrisch sein, ohne wenigstens den Versuch zum Denken gemacht zu haben? Doch worüber hätte ich je nachzudenken gehabt?‹

Und zweifellos«, fuhr Marlow fort, »hatte sich ihr Leben nur an der Oberfläche abgespielt. Worauf es ja weder eine törichte noch eine weise Antwort gibt. Nur eine gefühlsmäßige. Und ich nehme an, daß sie im allgemeinen glücklich veranlagt war, ein gesundes Durchschnittskind. Sogar als sie so heftig gefragt wurde, ob sie sich denn einbilde, daß irgend etwas an ihr sei, außer ihrem Geld, das irgendeinen vernünftigen Menschen bewegen könnte, irgendwelchen Anteil an ihrem Leben zu nehmen – da atmete sie nur mit trockenem Schluchzen auf und sagte kein Wort, gab keinen Laut von sich, rührte sich nicht. Auch als ihr giftig versichert wurde, daß sie an Herz, Verstand, Benehmen und Erziehung ein ganz gewöhnliches, nichtssagendes Geschöpf sei, da hielt sie still, ohne Empörung oder Zorn. Sie hielt still wie ein schlankgebautes Boot, in das die andere all die Abneigung ablud, die sich in ihr gegen ihre Zöglinge angesammelt hatte, die Verachtung für alle ihre Brotgeber (den Herzog mit inbegriffen), die Bitterkeit, den endlosen Haß all dieser Jahre voll – ich will nicht sagen Heuchelei, denn vollendete Heuchelei bringt auch eine Art Erleichterung mit sich, einen geheimen Triumph, der niedrigsten Art, versteht sich, aber doch eine Möglichkeit, sich mit der Alltagsmoral auseinanderzusetzen, unter der einige von uns so hart zu leiden scheinen –. Nein. Ich meine die Jahre, die leidenschaftlich bitteren Jahre voll des ständigen Zwanges zur Beherrschung, der eisernen, wunderbar geübten Selbstzucht in jedem Augenblick, der untadeligen Formvollendung in Sprache, Blicken, Bewegung und Lächeln, wodurch sie sich in ihrem Fach einen ausgezeichneten Ruf geschaffen hatte. Es war, als hätte sie jahrelang mit einer drosselnden Faust an der Kehle gelebt.

Und nun sollte zu guter Letzt all diese Qual umsonst gewesen sein; was als möglicher Preis erschienen war (oh, ohne Selbsttäuschung! – aber doch als ein Preis), war ihr in der Hand zerbrochen, war in den Staub gefallen, und nun tobte sie ihre Rachsucht aus, recht gefahrlos übrigens; sie bedauerte nur die Nichtigkeit der Mädchengestalt da, in der sich so vieles verkörperte, was sie so lange schon einmal ungestraft hätte anspeien mögen. Die Gegenwart des jungen Menschen hinter ihr steigerte sowohl ihre Genugtuung wie ihre Wut; doch gerade die Maßlosigkeit ihres Angriffs schien sie um den Erfolg bringen zu wollen, da sie das Sündenlamm vor ihr fast unempfindlich machte. Denn da sich das Mädchen von dem wahren Grund des Ausbruchs natürlich keinen Begriff machen konnte, so blieb die Wirkung auf an Lähmung grenzende Verblüffung beschränkt. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß die schwersten Schicksalsschläge weder Schreie hervorrufen, noch Gebärden, noch Tränenfluten, noch wildes Schluchzen. Die unersättliche Erzieherin vermißte diese äußeren Anzeichen sehr schmerzlich. Diese erbarmungswürdige Starrheit schien ihr eine neue Herausforderung. Und doch war das arme Mädchen leichenblaß.

›Ich war ganz kalt‹, pflegte sie Frau Fyne zu erklären. ›Ich hatte Zeit gehabt, in richtiges Entsetzen zu geraten. Sie war mit ihrem Gesicht ganz nahe an meines gekommen, und ihre Zähne sahen aus, als wollte sie mich beißen. Ihre Augen lagen plötzlich ganz hart, trocken und klein in dem Netz zahlloser Runzeln. Ich fürchtete mich zu sehr vor ihr, als daß ich hätte zittern oder die Finger in die Ohren stecken können. Ich wußte nicht, was sie mich als Nächstes noch nennen würde. Als sie mir aber sagte, daß ich nur noch eine Bettlerin sei, daß es keine Lehrer, keine Diener, keine Pferde mehr für mich geben würde, da dachte ich mir: Ist das alles? Ich hätte vielleicht gelacht, wenn ich mich nicht zu sehr gefürchtet hätte, auch nur den kleinsten Laut von mir zu geben.‹

Es scheint, daß der armen Flora keine Sprosse auf der trostlosen Stufenleiter erspart blieb, angefangen von dem triebhaften Schrecken, über die Furcht und die bleiche, eisige Angst weg bis an die äußersten Grenzen des Entsetzens, zu der Reglosigkeit der Maus. Als sie sich aber die Tochter eines Gauners und Schwindlers nennen hörte, da löste diese Ungeheuerlichkeit, die sie nie erwartet hätte, doch einen Ausbruch in ihr aus. Sie schrie plötzlich auf: ›Sie dürfen nicht so von Papa sprechen . . .

Die Anstrengung löste ihre kleinen Füße von dem Fleck, wo sie bisher tief in dem dicken Teppich gehaftet hatten, sie zog sich in den fernsten Winkel des Zimmers zurück und hörte sich dabei wiederholen: ›Sie dürfen nicht, Sie dürfen nicht . . .‹, als wäre es jemand ganz anderes gewesen, der da schrie. Sie fand einen Stuhl und ließ sich hineinfallen. Daraufhin hörte dieser Irgendjemand zu schreien auf, und sie dämmerte erschöpft und ohne etwas zu sehen hin, gleichgültig gegen alles und ohne einen Gedanken im Kopf.

Die nächsten Augenblicke schienen endlos lang. Ein schwarzer Abgrund von Zeit schien das, was gewesen war, von dem Wiedererscheinen der Erzieherin und dem Wiederaufleben der Furcht zu trennen. Und das Weib zwängte die Worte durch zusammengebissene Zähne: ›Du sagst, ich darf nicht, ich darf nicht? Morgen wird die ganze Welt so von ihm sprechen! Sie werden es sagen und sie werden es drucken! Du wirst es hören und du wirst es lesen. Und dann wirst du selbst sehen, wessen Tochter du bist!‹

Ihr Gesicht strahlte von grausamer Schadenfreude. ›Er ist nichts anderes als ein Dieb‹, schrie sie, ›dein Herr Papa! Über dich selbst war ich mir vom ersten Augenblick an im klaren. Du bist mir die Jahre her immer widerlicher geworden. Du bist ein pöbelhaftes, dummes Nichts und wirst dahin zurückgehen, wo du hingehörst, von wie tief unten du auch herkommen magst, und wirst dir dein Brot erbetteln – wenn nämlich irgend jemandes Mitleid wird mit dir zu tun haben wollen, was ich bezweifle . . .

Sie hätte gewiß weitergeredet, ohne Mitleid mit den weit offenen Augen und dem offenen Mund des Mädchens, das starr dasaß, als würde es von unsichtbaren Händen erwürgt, totenblaß. Die Wirkung auf ihren Körper war so eingreifend, sagte mir Frau Fyne, daß sie, die als Kind immer ziemlich lebhafte Farben gehabt hatte, für Jahre nachher eine Marmorblässe nachbehielt, zugleich mit der Anlage, bei der geringsten Aufregung geradezu leichenhaft zu erbleichen. Schließlich fand die Widerlichkeit ein Ende, in dem Hilfeschrei des gequälten Kindes: ›Charley, Charley!‹ der sich keuchend ihrer Kehle entrang. Ihre weit offenen Augen hatten ihn schließlich dort entdeckt, wo er in finsterer Reglosigkeit stehengeblieben war.

Er schrak auf, tat eine Hand aus der Tasche des Überrocks, ging zu der Frau hin, faßte sie von rückwärts beim Arm und sagte in rauhem Befehlston: ›Komm weg, Eliza.‹ Im nächsten Augenblick sah das Kind sie Seite an Seite zum Gehen gewandt, sah sie die Tür durchschreiten, ohne gesehen oder gehört zu haben, wie diese Tür geöffnet und geschlossen wurde. Doch nun war sie geschlossen. Das Mädchen ließ langsam die blicklosen Augen durch das Zimmer wandern. Sie blieb noch eine Weile vorgelehnt sitzen und sammelte ihre Kräfte, als zweifelte sie daran, aufrecht stehen zu können. Endlich stand sie auf. Alles um sie lag in drückendem Schweigen. Sie erinnerte sich genau – wie sie Frau Fyne erzählte –, daß sie sich an den Stuhl geklammert und zweimal laut ›Papa, Papa‹ gerufen habe. Bei dem Gedanken, daß er weit weg in London war, wurde sie ganz still. Dann entsetzte sie sich plötzlich vor der Einsamkeit des leeren Zimmers und stürzte blindlings hinaus.

 

Der in uns Menschen der neuen Zeit so landläufige Zweifel, was nun wohl am besten zu tun sein könnte, hielt die Fynes auf ihrem Wachtposten am Fenster fest. ›Es ist immer so schwer, sich die richtige Handlungsweise klarzumachen‹, versicherte mir Fyne. Das ist es auch. Die guten Eigenschaften stehen einander selbst so sehr im Wege. Während man durchaus nicht zu zögern braucht, wenn man irgend jemandem etwas Böses antun will. Da braucht man nur draufloszumachen. Niemand wird einem Fehler nachrechnen oder unberufene Einmischung vorwerfen. Die Fynes sahen nach der Tür, nach der geschlossenen Tür, die ihren wohlwollenden Absichten irgendwie feindselig entgegenzustehen schien, sahen nach der grausam undurchdringlichen Hausfassade ihnen gegenüber. Alles sah aus wie an jedem anderen Tag. Die unveränderte Alltagsmiene seelenloser Dinge wirkt so eindrucksvoll, daß Fyne damals für einen Augenblick ins Zimmer zurücktrat, die Zeitung nochmals aufnahm und die kurze Notiz überlas. Kein Zweifel. Es sah recht böse aus. Er kam zum Fenster und zu Frau Fyne zurück. Diese saß trotz ihrer Müdigkeit entschlossen da, bereit zu jeder Verantwortung. Doch hatte auch sie keine Anregung zu geben. Die Leute haben doch eine ganz merkwürdig große Angst vor Zurückweisungen, und so blieb auch Frau Fynes Unternehmungsgeist rein innerlich. Sie fürchtete die unglaublich kalte Frechheit der Erzieherin. Fyne stand neben ihr, wie in einer der altmodischen Photographien von Ehepaaren, wo der Mann die Hand auf die Rückenlehne des Stuhles stützt, auf dem seine Frau sitzt. Sie sahen auch so bildhaft aus wie eine alte Photographie und so bewegungslos, bis Frau Fyne leicht zusammenfuhr. Die Haustür war aufgerissen worden, und nun tauchte in größter Eile der junge Mensch auf, den Hut (wie Frau Fyne bemerkte) tief in die Augen gedrückt. Hinter ihm schlüpfte die Erzieherin heraus, wandte sich sofort und zog vorsichtig die Tür hinter sich ins Schloß. Inzwischen war der Mann die weißen Stufen hinuntergegangen und schritt nun den Pflasterweg entlang, die Hände tief in die Taschen seines lichten Überrocks vergraben. Die Frau der beherrschten Bewegungen, des überlegenen, feinen Benehmens, rannte ein Stück Wegs, um ihn einzuholen, und suchte, sobald sie an seiner Seite war, ihre Hand in seinen Arm zu schieben. Frau Fyne beobachtete den scharfen Ruck, den der Bursche mit dem ganzen Körper machte, um ihren Versuch zu vereiteln, so wie man wohl eine unerwünschte Berührung abschüttelt. Sie versuchte es kein zweites Mal, hielt aber mit ihm Schritt, und Frau Fyne sah ihnen nach, wie sie miteinander um die Straßenecke bogen und für immer verschwanden.

Die Fynes sahen einander in stummer, doch beredter Frage an: Was hältst du davon? Dann wandten sie im Einverständnis ihre Blicke wieder der Haustüre zu, die immer noch geschlossen, wuchtig, dunkel herübersah. Der große, blanke Messingklopfer glänzte herüber, halb in greller Sonne, halb in dem schrägen Schattenfleck begraben, der sich weithin durch die Straße dehnte. Konnte das Mädchen schon fort sein? Zu ihrem Vater zurückgeschickt? Hatte sie Verwandte? Frau Fyne erinnerte sich, daß nie jemand anderes als de Barral selbst sie besuchen gekommen war; und ihr Muttergefühl erfaßte einen Augenblick die ganze, tiefe Einsamkeit des Kindes. Ein Mädchen überdies! Es war unwiderstehlich! Auch hatte der Abschied der Erzieherin seine ermutigende Wirkung nicht verfehlt. ›Ich gehe sofort hinüber, um zu sehen, wie es steht‹, erklärte sie entschlossen, fuhr aber fort, über die Straße hinüberzusehen. Ihre Aufmerksamkeit wurde durch die abscheuliche, düster glänzende Haustüre gefesselt, die plötzlich vor der Dunkelheit der Halle aufsprang; daraus hervor flog, flog geradezu, scheinbar ohne die Stufen zu berühren, bis auf den Pflasterweg hinunter, eine kleine Gestalt in hochschließender, holländischer Kleidschürze, mit wehendem, offenem Haar, flog an dem Laternenpfahl, an dem roten Briefkasten vorbei . . . ›Da,‹ schrie Frau Fyne, ›sie kommt hierher, lauf, John, laufe!‹

Fyne sprang aus dem Zimmer hinaus. Das ist sein eigener Ausdruck. Sprang! Er versicherte mir mit gesteigerter Würde, daß er sprang. Und der Anblick des stämmigen, kleinen Fyne, der tiefernst die engen Flure und das Stiegenhaus eines kleinen, sehr vornehmen Privathotels hinabsprang, muß wohl für einen Mann, der denkwürdige Eindrücke sammelt, jeden beliebigen Geldbetrag wert gewesen sein. Während mir aber das Gelächter schon auf den Lippen saß, sah ich nach ihm hin und fragte mich: Wie viele Leute würden sich wohl bereit finden lassen, ihren sonstigen Lebensernst einem recht unbedeutenden Mädchen, der Tochter eines ruinierten Finanzmanns zuliebe aufs Spiel zu setzen, über deren Kopf sich schon ein Ungewitter zusammenzog? Ich lachte den kleinen Fyne nicht aus, ich ermutigte ihn: ›Das taten Sie! – Sehr gut . . . Weiter?‹

Sein erster Gedanke war, das Kind vor irgendeiner unliebsamen Begegnung zu bewahren. Unten saß der Portier, Liftboys standen herum, abreisende Gäste waren um die Wege, der Bahnomnibus vor der Tür und ein paar Kellner in weißen Frackhemden vor dem Eingang.

Er kam noch zurecht, war schon unten an der Tür, bevor sie sie in ihrem wilden Lauf erreicht hatte. Sie erkannte ihn nicht, sah ihn vielleicht gar nicht. Er faßte ihren Arm, während sie an ihm vorbeirannte, und machte, sehr verständig, keinen Versuch, sie zurückzuhalten, sondern sauste einfach mit ihr ins Haus hinein und die Stiegen wieder hinauf, was natürlich unter den Anwesenden erhebliches Aufsehen erregte. Sie fingen zu schnattern an. Was mochten sie wohl von dem Gehaben dieses schamlosen älteren Mannes denken, der Hals über Kopf ein verstörtes und offenbar minderjähriges Mädchen in den Oberstock eines achtbaren Hotels hinaufschleppte? Ich weiß es nicht, und Fyne (so sagte er mir) kümmerte sich nicht darum, was die Leute denken mochten. Er hatte nur den einen Gedanken, bis zu seiner Frau zu kommen, bevor das Mädchen ohnmächtig wurde. Eine Zeitlang hielt sie mit ihm Schritt, auf dem letzten Stiegenabsatz aber mußte er sie unterfassen und bis zu seiner Frau hin halb führen, halb tragen. Frau Fyne erwartete sie an der Türe, mit ihrem unbewegten Gesicht und der Bereitwilligkeit, jede Verantwortung auf sich zu nehmen, die sie schon auszeichnete, lange bevor sie sich zur Verkünderin ihrer unbarmherzigen Lehre gemacht hatte. Sobald er seine Aufgabe beendet sah, schloß Fyne erlöst die Tür des Wohnzimmers.

Kurz darauf aber bekamen beide Eheleute einen richtigen Schreck. Nachdem sie kurze Zeit lang unbeweglich in Frau Fynes Armen gelegen hatte, löste sich das Mädchen, ohne ein Wort gesprochen zu haben, von dem etwas starren Halt, wehrte sich taumelnd gegen das Ehepaar, das keine Deutung dafür wußte, und sank endlich erschöpft auf ein Ruhebett nieder. Glücklicherweise waren die Kinder mit den beiden Kindermädchen gerade fort. Das Hotelstubenmädchen half Frau Fyne, Fräulein de Barral zu Bett zu bringen. Sie schien Sprache und Bewußtsein verloren zu haben. Sie lag auf dem Rücken, das Gesicht weiß wie ein Stück Papier, und starrte mit dunklen Augen nach der Decke. Ihre furchtbare Reglosigkeit wurde nur gelegentlich durch heftige Schauer und ein lautes Zähneklappern unterbrochen, das schauerlich genug durch den halbdunklen Raum mit den niedergelassenen Fenstervorhängen klang. Frau Fyne saß geduldig mit gekreuzten Armen neben ihr, grübelte aber dem geheimen Anlaß der ihr unverständlichen Erregung nach und sagte sich: ›Das Kind ist zu erregbar – viel zu erregbar, um wirklich gesund sein zu können.‹ Als ob irgend jemand auf dieser Welt, wenn er nicht geradeswegs von Stein ist, je wirklich gesund sein könnte! Und dann: wie gesund – in welchem Sinne – welchen Einflüssen gegenüber? Widerstandskräftig gegen Gewalt oder gegen schleichende Fäulnis? Und selbst in der besten Stahlrüstung gibt es noch Fugen, die ein verräterischer Streich durchdringen kann, wenn ihn der Zufall richtig lenkt.

Allgemeine Erwägungen konnten Frau Fyne niemals sonderlich viel anhaben. Da der Zustand des Mädchens alle Fragen verbot, so wartete sie ruhig neben dem Bett. Fyne war zu dem Hause hinübergegangen, da seine ängstliche Neugier zu erfahren, was denn eigentlich geschehen war, über alle Bedenken gesiegt hatte. Er brauchte den Türklopfer nicht zu rühren; die Tür stand immer noch in die düstere Halle hinein offen. Er trat ein, fand aber niemanden vor, da sich die Dienstboten zu einer wichtigen Beratung im Kellergeschoß versammelt hatten. Fyne erhob seinen mächtigen Baß und jagte sie dort unten auf; der Haushofmeister kam herauf, in Hemdsärmeln, schien zuerst sehr gespannt und mißtrauisch, ging aber dann auf Fynes Erklärung, daß er der Gatte einer Dame sei, die öfters im Hause verkehrt habe – einer Freundin von Fräulein de Barrals Mutter – in offenbar menschlicher Anteilnahme aus sich heraus und sprach in einem Tone wie Mann zu Mann, wenn auch noch mit seiner gedämpften Dienerstimme: ›Oh, Gott mit Ihnen, Herr, nein! Sie denkt nicht daran, zurückzukommen – das hat sie mir selbst gesagt.‹ – Dabei klang etwas wie leise Verachtung mit.

Was nun ihre junge Herrin angehe, so wisse niemand von ihnen dort unten, daß sie das Haus verlassen habe. Er glaube wohl, sagen zu dürfen, daß sie alle gern bereit gewesen wären, ihr Bestes für sie zu tun, zunächst wenigstens, heißt das; aber da sie sich ja nun zu den Freunden ihrer Mutter begeben habe . . .

Dann wurde er unruhig, – murmelte, daß all dieses recht unerwartet gekommen sei, und wollte schließlich wissen, was er mit im Laufe des Tages ankommenden Briefen und Telegrammen tun sollte.

›Briefe für Fräulein de Barral bringen Sie vielleicht am besten in mein Hotel hier gegenüber‹, sagte Fyne, in dem wegen der Zukunft schwere Sorgen aufzusteigen begannen. Der Mann antwortete: ›Sehr wohl, Herr‹, und fügte hinzu: ›Und wenn ein Brief kommt an Frau . . .

Fyne gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen. ›Ich weiß nicht; machen Sie, was Sie wollen.‹

›Sehr wohl, Herr.‹

Der Haushofmeister schloß die Tür hinter Fyne nicht, sondern blieb noch eine Zeitlang auf der Schwelle stehen, mit dem Ausdruck unbekümmerter Muße eines Menschen, der ganz sein eigener Herr ist. Frau Fyne trat, als sie ihren Mann zurückkommen hörte, aus dem Zimmer heraus, in dem das Mädchen noch zu Bette lag. ›Unverändert‹, flüsterte sie. Und Fyne konnte nur mit einer gefühlvollen Gebärde seine völlige Ahnungslosigkeit andeuten, was dies alles heißen und wohin es führen sollte.

Natürlich fürchtete er bevorstehende Verwicklungen. – Ein Mann von beschränkten Mitteln, in einer öffentlichen Stellung, nicht Herr seiner Zeit. Jawohl. Er gestand mir damals in meinem Wohnzimmer in dem Bauernhaus, daß er sich wegen der möglichen Folgen ernste Sorgen gemacht habe. Während seines offenen Geständnisses aber sagte ich mir, daß er ungeachtet aller Folgen und Verwicklungen, die er sich vorgestellt, doch die eine niemals vorausgesehen haben konnte, unter der er nun zu leiden hatte. Langsam, aber sicher (denn ich stelle mir vor, daß das Buch des Schicksals von Anfang bis zu Ende fertig geschrieben ist), langsam, aber sicher hatte sich alles durch etwa sechs Jahre vorbereitet – und war nun geschehen. Die Verwicklung war da! Ich sah auf seine unerschütterte Feierlichkeit mit dem etwas vergnügten Mitleid, wie wir es Menschen entgegenzubringen pflegen, die das Opfer eines lustigen, wenn auch etwas derben Schabernacks geworden sind.

›Oh, zum Teufel damit!‹ rief er aus – ohne logischen Zusammenhang mit dem vorhergehenden Teil seiner Erzählung. Dennoch war mir der Ausruf verständlich genug.

Zunächst schienen sich übrigens, wie er sagte, keinerlei lästige Verwicklungen oder peinliche Folgen zu ergeben. Auf ein vorsichtig gehaltenes Telegramm an de Barral kam länger als vierundzwanzig Stunden keine Antwort. Das ängstigte die Fynes allerdings ein wenig. Als aber die Antwort am späten Abend des nächsten Tages eintraf, da geschah das in der Gestalt eines ältlichen Mannes, einer ganz unerwarteten Art von Mann. Fyne beschrieb ihn mir treffend dahin, daß er den besten Kreisen des niederen Mittelstandes anzugehören schien. Er sprach ruhig und langsam, trug einen Gehrock, hatte einen grauen Backenbart, der unter dem Kinn zusammenlief, und erklärte bei seinem Eintritt, Herr de Barral sei sein Vetter. Er fügte hastig hinzu, daß er seinen Vetter viele Jahre nicht gesehen habe, und sah dabei Fyne (der ihn allein empfangen hatte) so mißtrauisch an, daß dieser sich verletzt fühlte. – Da der Mensch sich zunächst weigerte, auf dem angebotenen Sessel Platz zu nehmen, bemerkte Fyne ziemlich scharf, daß er für seine Person Herrn de Barral überhaupt nie gesehen habe, und da der Besucher ja nicht Platz zu nehmen wünsche, so müsse er, Fyne, ihn bitten, sein Anliegen so kurz wie möglich vorzubringen. Darauf setzte sich der Mann in Schwarz mit einem leise überlegenen Lächeln hin.

Er sei das Mädchen holen gekommen. Sein Vetter habe ihm durch einen Expreßboten einen kurzen Brief mit der Aufforderung geschickt, sofort nach Brighton hinauszufahren, dort ›sein Mädel‹ bei einem Herrn namens Fyne abzuholen und das Kind zunächst in seinem eigenen Hause aufzunehmen. Und hier sei er also. Sein Geschäft habe ihm nicht erlaubt, früher zu kommen. Sein Geschäft bestünde in der Großerzeugung von Pappschachteln. Er habe selbst zwei erwachsene Töchter, habe sich mit seiner Frau beraten, und es sei alles in Ordnung. Das Mädchen solle in seinem Hause willkommen sein. Sein Haus natürlich sei wohl nicht so, wie sie es bisher gewohnt gewesen sei, aber . . .

Die ganze Zeit über fühlte Fyne halb verborgen in dem Benehmen des Mannes eine spöttische Mißbilligung für alles, was nicht dem niederen Mittelstand angehörte. Dazu eine tiefe Ehrfurcht vor dem Geld, gehässige Verachtung für unglückliche Spekulanten und eine eitle Genugtuung über die eigene ehrenwerte Gewöhnlichkeit.

Frau Fyne gegenüber benahm sich der dunkle Ehrenmann kaum weniger beleidigend. Er sah sie recht heimtückisch an, aber ihre kalte, erzene Haltung machte ihm doch Eindruck. Frau Fyne allerdings war über den Menschen geradezu entsetzt, zeigte es aber nicht. Nicht einmal, als er mit gespielter Hochachtung bemerkte, daß Florrie – sie hieß doch Florrie, nicht? – zunächst wohl ihre großartigen Freunde vermissen würde. Und als ihm mitgeteilt wurde, daß das Mädchen zu Bette liege, da sie sich gar nicht wohlfühle, zeigte er sich unangenehm bestürzt. Sie war doch wohl nicht kränklich, oder? Nein? Nun, was war denn dann los?

In Fynes Gesicht zeigte sich unnennbarer Widerwille gegen den ehrenwerten Staatsbürger, noch damals, als er mir nach so vielen Jahren von ihm erzählte. Er war ein Vertreter eben der Klasse, von der Leute wie die Fynes am allerwenigsten wissen, und ich nehme an, daß er ihm richtig auf die Nerven fiel. Er besaß sämtliche Bürgertugenden in der denkbar niedrigsten Form, und die dummdreisten Andeutungen, wie sehr er sich dessen bewußt war, machten das Maß voll. Sein Geschäftsbetrieb war mustergültig. Er wünschte am nächsten Morgen so früh wie möglich zurückzufahren. Soviel zu entnehmen war, hatte er es durch siebenundzwanzig Jahre nie versäumt, pünktlich um zehn Uhr morgens vor seinem Schreibtisch in der Fabrik zu sitzen. Frau Fynes Einwände hörte er mit unverhohlener Ungeduld an. Warum konnte denn Florrie nicht aufstehen und um acht Uhr frühstücken, wie andere Leute? In seinem Hause wurde Punkt acht Uhr gefrühstückt. Schließlich ergab er sich vor Frau Fynes höflichem Gleichmut. Die ganze Reise sei ihm äußerst ungelegen gekommen, versicherte er ihr, aber er wolle den Frühzug aufgeben.

Die guten Fynes hatten es nicht gewagt, einander in Gegenwart dieses unwillkommenen, doch einwandfrei bevollmächtigten Vormunds anzusehen; doch lebte in ihren Köpfen der gemeinsame Gedanke: Armes Mädchen! Armes Mädchen! Aber was hätten sie tun können, selbst wenn sie darauf vorbereitet gewesen wären, Einspruch zu erheben? Der Mensch im Gehrock besaß einen Brief des Vaters. Er hatte ihn Fyne gezeigt. Einfach die Aufforderung, sich des Mädchens anzunehmen, ›als ihr nächster Verwandter‹. Ohne jede Erklärung oder auch nur Andeutung über den finanziellen Zusammenbruch, merkwürdig unbekümmert im Ton und in dem Schweigen gerade über den einen Punkt Anlaß genug zu der Vermutung bietend, daß der Schreiber über die Zukunft des Kindes keinerlei Sorgen habe. Diese Vermutung war es wohl auch, die den Vetter so schnell auf den Marsch gebracht hatte. Mehr als ein Mann war aus einem Geschäftskonkurs mit einem Landgut und einem schönen Einkommen hervorgegangen, wenn nicht für sich selbst, so doch für seine Frau. Und wenn man durch ein wenig Geschicklichkeit eine Frau sicherstellen konnte, warum dann nicht auch eine Tochter? Jawohl. Alle diese Möglichkeiten mußte der Mensch bei sich zu Hause erwogen und wahrzunehmen beschlossen haben.

Der Mensch gefiel sich sogar in einigen nicht mißzuverstehenden Andeutungen in dieser Richtung und bedeutete Fyne auf seinen vorsichtigen Einwand hin, daß er nicht der Mann sei, sich etwas vormachen zu lassen. Augenscheinlich war er der Meinung, die Fynes wären enttäuscht, weil ihnen das Mädchen genommen wurde. Sie hatten der armen Flora zuliebe das Opfer gebracht, den Menschen zum Abendessen einzuladen. Er nahm unliebenswürdig und mit dem Bemerken an, daß er späte Stunden nicht gewöhnt sei. Er esse gewöhnlich um halb neun oder neun Uhr einen Bissen zu Nacht, immerhin . . .

Er sah sich verächtlich in dem hübsch ausgestatteten Speisesaal um, rümpfte befremdet die Nase über jeden Gang, den ihm der Kellner reichte, ließ aber keinen einzigen vorbeigehen, schlang vielmehr das Essen gierig hinunter und trank (schüttete, sagte Fyne) maßweise Ingwerbier hinterher, das ihm auf seinen Wunsch (in Steinkrügen) aufgetragen wurde. Die Aufgabe, mit diesem Zeitgenossen ein Gespräch in Gang zu erhalten, erschöpfte sogar die Kräfte von Frau Fyne, die mit diamantharten Vorsätzen zu Tisch gekommen war. Von allem, was er sagte, war einzig eine Bemerkung erwähnenswert, als er in dem Hinunterschlingen der ›französischen Kocherei‹ eben eine Pause machte. Er ließ seine Blicke bedächtig über die kleinen Tische wandern, die von Abendgästen besetzt waren, und meinte, seine Frau hätte einen Augenblick daran gedacht, mitzukommen, er sei aber nun recht froh, daß sie es nicht getan habe. ›Es hätte sie durchaus nicht gefreut, den vielen Alkohol da überall zu sehen. Durchaus gar nicht gefreut‹, erklärte er gewichtig.

›Sie müssen einen entzückenden Abend verlebt haben,‹ sagte ich zu Fyne, ›nach der Frische zu urteilen, mit der er Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?‹

›Reizend‹, knurrte er und zeigte tatsächlich bei der bloßen Erinnerung ein ärgerliches Erröten. Doch verfiel er sofort wieder in die gewohnte Feierlichkeit. Nach einem kurzen Schweigen fragte ich, ob der Mensch das Mädchen am nächsten Tage mit sich fortgenommen habe.

Fyne bejahte das: am nächsten Nachmittag, in einem Einspänner, mit ein paar Kleidern, die die Zofe zusammengesucht und aus dem großen Hause herübergebracht hatte. Er sah Flora erst zehn Minuten vor der Abfahrt wieder, im Wohnzimmer der Fynes im Hotel. Das waren für die Fynes bitterböse zehn Minuten. Der achtenswerte Bürger redete Fräulein de Barral mit ›Florrie‹ und ›meine Liebe‹ an und meinte in unerträglich familiärem Ton, sie sei nicht sehr groß; ›es ist nicht recht viel dran an dir, meine Liebe‹.

Dann wandte er sich mit erhobener Stimme an Frau Fyne: ›Sie ist so sehr bleich im Gesicht! Wie kommt denn das?‹ Darauf gab Frau Fyne keine Antwort. Sie hatte an jenem Morgen das Mädchen eigenhändig frisiert. Flora sah ganz verändert aus, meinte Fyne. Er selbst spielte bei alledem natürlich nur eine ganz untergeordnete Rolle und hatte alles geschehen zu lassen. Er konnte persönlich nichts weiter für Fräulein de Barral tun, als hinuntergehen und ihr eigenhändig in den Wagen helfen, während Fräulein de Barrals nächster Verwandter, beiseite geschoben, mit einem Regenschirm und einer kleinen schwarzen Reisetasche in der Hand dabeistand und Fyne, wie es schien, schadenfroh zusah. Was das Mädchen dachte oder empfand, war schwer zu erraten. Sie sah nicht mehr wie ein Kind aus. Sie flüsterte Fyne aus dem Wagen heraus ein leises ›Danke‹ zu, und er hielt ihre Hand in der seinen und sagte ihr sehr deutlich: ›Bitte, vergessen Sie nicht, Fräulein de Barral, meiner Frau in den nächsten Tagen ausführlich zu schreiben!‹ Dann trat Fyne zurück, der Vetter kletterte in den Einspänner und murmelte dabei sehr hörbar: ›Ich denke, Sie sollen in Hinkunft wenig mehr mit ihr zu tun haben.‹ Er sah Fyne nicht an, nickte ihm nicht einmal zu. Der Einspänner fuhr ab.«

 


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