Anton Tschechow
Von Frauen und Kindern
Anton Tschechow

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VI

Dymow ahnte wohl schon seit der Mitte des Winters, daß sie ihn hinterging. Ganz als ob er ein schlechtes Gewissen hätte, konnte er seiner Frau nicht mehr gerade in die Augen sehen, lächelte ihr nicht mehr freudig zu und brachte, um mit ihr möglichst wenig allein zu sein, recht oft seinen Kollegen Korosteljow zum Mittagessen mit. Dieser Korosteljow war ein kleines Männchen mit kurzgeschorenem Schädel und etwas abgelebtem Gesicht; wenn er mit Olga Iwanowna sprach, knöpfte er vor lauter Verlegenheit seinen Rock immer auf und zu und zupfte sich mit der rechten Hand den linken Schnurrbart. Während des Mittagessens unterhielten sich die beiden Aerzte darüber, daß der hohe Stand des Zwerchfelles zuweilen unreine Herztöne bewirke, daß die Polynervosen in der letzten Zeit sehr häufig seien, oder daß Dymow gestern bei der Sektion einer Leiche mit der Diagnose »bösartige Anämie« einen Krebs der Bauchspeicheldrüse vorgefunden habe. Und es sah so aus, als führten sie diese medizinische Unterhaltung nur, um Olga Iwanowna die Möglichkeit zu geben, zu schweigen, d. h. zu lügen. Nach dem Essen setzte sich Korosteljow ans Klavier, und Dymow seufzte und sagte ihm:

»Ach, Bruder, was soll man noch reden! Spiel' mir etwas Trauriges.«

Korosteljow hob die Achseln, spreizte die Finger, schlug einige Akkorde an und sang mit seiner Tenorstimme das Lied: »O zeig' mir nur eine Behausung, wo der russische Bauer nicht stöhnt.« Dymow aber seufzte wieder, stützte das Kinn in die Hand und wurde nachdenklich.

In der letzten Zeit benahm sich Olga Iwanowna äußerst unvorsichtig. Jeden Morgen erwachte sie in übelster Laune und mit dem Gedanken, daß sie den Rjabowskij nicht mehr liebe und daß alles, Gott sei Dank, zu Ende sei. Nachdem sie aber ihren Morgenkaffe getrunken, sagte sie sich, daß Rjabowskij ihr den Mann genommen habe und daß sie nun ohne Mann und auch ohne Rjabowskij geblieben sei; dann erinnerte sie sich der Erzählungen ihrer Bekannten, daß Rjabowskij für die nächste Ausstellung etwas Erstaunliches, eine Mischung von Landschaft und Genre, im Stile Poljenows vorbereite, worüber alle, die sein Atelier besuchten, ganz entzückt seien; sie sagte sich, daß er es nur unter ihrem Einflusse geschaffen und sich Dank diesem Einflusse überhaupt zum Besten verändert habe. Ihr Einfluß sei so wohltuend und wesentlich, daß er, wenn sie ihn im Stich ließe, zugrunde gehen könnte. Sie erinnerte sich auch, wie er sie das letztemal in einem grauschillernden Röckchen und neuer Krawatte besucht und schmachtend gefragt hatte: »Bin ich nicht hübsch?« Und er war mit seinen langen Locken und blauen Augen in der Tat sehr hübsch (oder kam es ihr nur so vor) und auch freundlich zu ihr.

Nachdem sie sich aller dieser Dinge erinnert und alles überblickt hatte, zog sich Olga Iwanowna an und fuhr in großer Erregung zu Rjabowskij ins Atelier. Sie traf ihn lustig und über sein in der Tat wunderbares Bild entzückt an; er sprang herum, machte Dummheiten und beantwortete auch die ernsten Fragen mit Scherzen. Olga Iwanowna war auf das Bild eifersüchtig und haßte es, stand aber aus Höflichkeit an die fünf Minuten stumm vor der Leinwand, seufzte, wie man vor einem Heiligtume seufzt, und sagte leise:

»Du hast noch nie etwae Aehnliches gemalt. Weißt du, es ist sogar unheimlich.«

Dann begann sie ihn anzuflehen, daß er sie liebe, sie nicht verlasse und sich ihrer, der Armen und Unglücklichen erbarme. Sie weinte, küßte ihm die Hände, verlangte von ihm, daß er ihr seine Liebe schwöre, und erklärte ihm, daß er ohne ihren wohltuenden Einfluß vom richtigen Wege abirren und zugrunde gehen würde. Nachdem sie ihm auf diese Weise seine gute Laune verdorben, fühlte sie sich erniedrigt und begab sich zur Schneiderin oder zu einer befreundeten Schauspielerin, um sich wegen eines Theaterbilletts zu bemühen.

Traf sie ihn aber nicht an, so ließ sie ihm einen Brief zurück, in dem sie beteuerte, daß sie, wenn er heute nicht zu ihr käme, Gift nehmen würde. Er bekam Angst, ging zu ihr hin und blieb zum Essen. Ohne sich vor ihrem Gatten zu genieren, sagte er ihr Frechheiten, die sie mit gleicher Münze bezahlte. Beide fühlten, daß sie einander zur Last fielen, daß sie Despoten und Feinde waren, sie schäumten vor Wut und merkten in ihrem Hasse nicht, wie unanständig sie sich benahmen, und daß selbst der kurzgeschorene Korosteljow alles sah. Nach dem Essen fing Rjabowskij an, sich hastig zu verabschieden.

»Wo wollen Sie hin?« fragte ihn Olga Iwanowna im Vorzimmer, ihn mit Haß anblickend.

Er verzog das Gesicht, kniff die Augen zusammen und nannte irgendeine Dame, eine gemeinsame Bekannte, und es war ihm anzusehen, daß er ihrer Eifersucht spottete und sie bloß ärgern wollte. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett; vor Eifersucht, Aerger, Erniedrigung und Scham zerbiß sie das Kissen und schluchzte laut. Dymow ließ Korosteljow im Gastzimmer zurück, kam verlegen und ratlos zu ihr ins Schlafzimmer und sagte leise:

»Weine nicht so laut, Mama . . . Wozu? Man muß darüber schweigen . . . Man darf es sich nicht anmerken lassen . . . Weißt du, was einmal geschehen ist, läßt sich nicht wieder gutmachen.«

Ganz ratlos, wie diese schwere Eifersucht, vor der ihr sogar die Schläfen schmerzten, niederzukämpfen, und im Glauben, daß alles sich noch gutmachen ließe, wusch sie sich, puderte das verweinte Gesicht und eilte zu der bekannten Dame. Da sie Rjabowskij bei ihr nicht antraf, rannte sie zu einer anderen, dann zu einer dritten . . . Anfangs schämte sie sich dessen, mit der Zeit gewöhnte sie sich aber daran, und es kam vor, daß sie an einem Abend auf der Suche nach Rjabowskij ihre sämtlichen weiblichen Bekannten aufsuchte, und alle wußten es.

Einmal sagte sie zu Rjabowskij über ihren Mann:

»Dieser Mensch erdrückt mich mit seiner Großmut!«

Diese Phrase gefiel ihr so gut, daß sie, wenn sie mit den Malern, die von ihrem Roman mit Rjabowskij wußten, zusammenkam, jedesmal mit einer energischen Handbewegung die Worte sprach:

»Dieser Mensch erdrückt mich mit seiner Großmut!«

Sonst blieb die ganze Lebensordnung die gleiche wie im vorigen Jahr. Jeden Mittwoch gab es eine Abendgesellschaft. Der Schauspieler rezitierte, die Maler zeichneten, der Cellist spielte, der Sänger sang, und regelmäßig um halb zwölf ging die Eßzimmertür auf, und Dymow sagte lächelnd:

»Meine Herren, ich bitte zum Essen.«

Olga Iwanowna war ganz wie früher immer auf der Suche nach Berühmtheiten; und wenn sie solche fand, gab sie sich nicht zufrieden und suchte nach neuen. Ganz wie früher kam sie jeden Abend sehr spät heim; wenn sie aber nach Hause kam, schlief Dymow nicht, wie im vorigen Jahre, sondern saß in seinem Zimmer und arbeitete. Er ging erst um drei zu Bett und stand schon um acht auf.

Eines Abends, als sie wieder ins Theater wollte, und gerade vor dem Spiegel stand, trat Dymow in Frack und weißer Binde zu ihr ins Schlafzimmer. Er lächelte so mild wie einst und blickte ihr freudig in die Augen. Sein Gesicht strahlte.

»Ich habe soeben meine Dissertation verteidigt,« sagte er, Platz nehmend und sich die Knie streichelnd.

»Nun, mit Erfolg?« fragte Olga Iwanowna.

»Und ob!« sagte er lachend und reckte den Hals, um im Spiegel das Gesicht seiner Frau zu sehen, die mit dem Rücken zu ihm stand und ihre Frisur in Ordnung brachte. »Und ob!« wiederholte er. »Weißt du, es ist sehr möglich, daß man mir die Privatdozentur für allgemeine Pathologie anbietet. Es sieht sehr danach aus.«

Seinem seligen strahlenden Gesicht war es anzusehen, daß, wenn Olga Iwanowna mit ihm seine Freude und seinen Triumph teilte, er ihr alles, die Gegenwart wie auch die Zukunft vergeben und alles vergessen würde; sie aber begriff gar nicht, was die Privatdozentur und die allgemeine Pathologie bedeuteten; außerdem fürchtete sie, zu spät ins Theater zu kommen, und sagte nichts.

Er blieb noch an die zwei Minuten sitzen, lächelte schuldbewußt und ging.


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