Anton Tschechow
Von Frauen und Kindern
Anton Tschechow

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IV

In einer stillen mondhellen Julinacht stand Olga Iwanowna auf dem Deck eines Wolgadampfers und blickte bald auf das Wasser und bald auf die schönen Ufer. An ihrer Seite stand Rjabowskij und sagte ihr, daß die schwarzen Schatten im Wasser keine Schatten, sondern Träume seien, daß es gut wäre, angesichts dieses verzauberten Wassers mit dem phantastischen Abglanze, angesichts dieses abgrundtiefen Himmels und der traurigen und verträumten Ufer, die von der Nichtigkeit unseres Lebens und von der Existenz einer höheren, ewigen Seligkeit sprechen, in Vergessenheit zu versinken, zu sterben, zu einer Erinnerung zu werden. Die Vergangenheit sei banal und uninteressant, die Zukunft nichtig, diese herrliche, einzige Nacht werde aber bald verrinnen und mit der Ewigkeit zusammenfließen, – wozu solle man dann noch leben?

Olga Iwanowna lauschte bald der Stimme Rjabowskijs und bald der Stille der Nacht und dachte daran, daß sie unsterblich sei und niemals sterben werde. Das türkisblaue Wasser, wie sie es noch nie gesehen hatte, der Himmel, die Ufer, die schwarzen Schatten und die ihr selbst unbegreifliche Freude, die ihre Seele erfüllte, sagten ihr, daß aus ihr eine große Künstlerin werden würde und daß ihrer dort, hinter dem Horizonte, jenseits der Mondnacht, im unendlichen Raume Erfolge, Ruhm und die Liebe des Volkes harrten . . . Wenn sie, ohne zu zwinkern, lange in die Ferne blickte, glaubte sie große Menschenmassen und Feuer zu sehen und Musik und Rufe der Begeisterung zu hören; und sie sah sich selbst in einem weißen Kleide, von Blumen überschüttet. Sie dachte auch daran, daß an ihrer Seite, an den Bord gelehnt, ein echter großer Mann, ein Genie, ein Auserwählter Gottes stehe . . . Alles, was er bisher geschaffen hat, ist schön, neu und ungewöhnlich; und alles, was er mit der Zeit, wenn sein außergewöhnliches Talent gereift und erstarkt ist, schaffen wird, wird erstaunlich und unsagbar erhaben sein; dies kann man schon an seinen Gesichtszügen, seiner Haltung und seinem Verhältnis zur Natur erkennen. Von den Schatten, den abendlichen Tönen, vom Mondglanze spricht er in einer besonderen, nur ihm eigenen Sprache, so daß man unwillkürlich in den Bann seiner Gewalt über die Natur gerät. Er selbst ist sehr hübsch, originell, und sein unabhängiges, freies, aller irdischen Sorgen bares Leben gleicht dem eines Vogels.

»Es wird frisch,« sagte Olga Iwanowna und fuhr zusammen.

Rjabowskij hüllte sie in seinen Mantel und versetzte traurig:

»Ich fühle mich ganz in Ihrer Gewalt. Ich bin ein Sklave. Warum sind Sie heute so bezaubernd?«

Er blickte sie die ganze Zeit unverwandt an, seine Augen waren so schrecklich, und sie fürchtete, ihn anzusehen.

»Ich liebe Sie wahnsinnig . . .« flüsterte er, während sein Atem ihre Wange berührte. »Sagen Sie mir nur ein einziges Wort, und ich werde nicht mehr leben, werde meine Kunst aufgeben . . .« murmelte er in höchster Erregung. »Lieben Sie mich, lieben Sie mich . . .«

»Sprechen Sie nicht so,« sagte Olga Iwanowna, die Augen schließend. »Es ist so schrecklich. Und Dymow?«

»Was, Dymow? Warum Dymow? Was geht mich Dymow an? Die Wolga, der Mond, die Schönheit, meine Liebe, mein Entzücken, – es gibt gar keinen Dymow . . . Ach, ich weiß nichts . . . Ich brauche keine Vergangenheit, schenken Sie mir einen einzigen Augenblick . . . nur einen Augenblick!«

Olga Iwanowna hatte Herzklopfen. Sie wollte an ihren Mann denken, aber alles Vergangene mit der Hochzeit, mit Dymow, mit ihren Abendgesellschaften erschien ihr so klein, nichtig, trübe, überflüssig und ferne . . . Und in der Tat: was ist Dymow? warum Dymow? was geht sie Dymow an? Existiert er überhaupt in der Natur und ist er nicht ein Traum?

Ihm, dem einfachen und gewöhnlichen Menschen genügt auch das Glück, das er schon genossen hat, – dachte sie sich, das Gesicht mit den Händen bedeckend. – Soll man uns nur dort verurteilen und verdammen, ich will aber allen zum Trotz zugrunde gehen . . . Man muß im Leben alles auskosten. Mein Gott, wie unheimlich und wie schön! –

»Nun? Was?« stammelte der Maler, sie umschlingend und ihr gierig die Hände küssend, mit denen sie ihn noch schwach zurückzustoßen versuchte. »Liebst du mich? Ja? Ja? Oh, diese Nacht! Diese herrliche Nacht!«

»Ja, diese Nacht!« flüsterte sie, ihm in die Augen blickend, in denen Tränen schimmerten. Dann sah sie sich rasch um, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund.

»Das Schiff hält gleich bei Kineschma,« sagte jemand am anderen Ende des Decks. Sie hörten schwere Schritte. Es war ein Kellner aus dem Büfett.

»Hören Sie,« sagte ihm Olga Iwanowna, vor Glück lachend und weinend: »Bringen Sie uns Wein.«

Der Maler, ganz bleich vor Erregung, setzte sich auf die Bank, blickte Olga Iwanowna vergötternd und dankbar an, schloß dann die Augen und sagte mit einem matten Lächeln:

»Ich bin müde.«

Und er lehnte seinen Kopf an den Bord.


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