Anton Tschechow
Von Frauen und Kindern
Anton Tschechow

 << zurück weiter >> 

Die Leichtbeschwingte

Übersetzt von Alexander Eliasberg

I

Der Hochzeit Olga Iwanownas wohnten alle ihre Freundinnen und guten Bekannten bei.

»Seht ihn nur an: nicht wahr, es ist was an ihm?« sagte sie ihren Freunden, auf ihren Mann zeigend, als wollte sie erklären, warum sie diesen einfachen, sehr gewöhnlichen und durch nichts bemerkenswerten Menschen geheiratet hatte.

Ihr Mann, Ossip Stepanytsch Dymow war Arzt und stand im Rang eines Titularrates. Er war an zwei Krankenhäusern angestellt: an dem einen als ein außeretatmäßiger ordinierender Arzt und am anderen als Prosektor. Täglich von neun Uhr früh bis mittag empfing er Kranke und arbeitete in seinem Krankensaal; am Nachmittag fuhr er aber mit der Pferdebahn in das andere Krankenhaus, wo er die Leichen der verstorbenen Kranken sezierte. Seine Privatpraxis war äußerst gering und brachte ihm höchstens fünfhundert Rubel jährlich ein. Das war alles. Was wäre über ihn noch zu sagen? Dabei waren aber Olga Iwanowna, ihre Freunde und guten Bekannten keine ganz gewöhnlichen Menschen. Ein jeder von ihnen war in irgendeiner Beziehung bemerkenswert, hatte einen gewissen Namen und war berühmt; und wenn er noch nicht berühmt war, so berechtigte er wenigstens zu den glänzendsten Hoffnungen. Ein Schauspieler, ein großes, längst erkanntes Talent, ein hübscher, kluger und bescheidener Mann und vorzüglicher Deklamator, der Olga Iwanowna im Sprechen unterrichtete; ein Opernsänger, ein gutmütiger Dicker, der Olga Iwanowna seufzend beteuerte, daß sie sich zugrunde richte: wenn sie nicht so faul wäre und sich zusammennähme, könnte aus ihr eine hervorragende Sängerin werden; ferner einige Maler, und unter diesen der Genre-, Tier- und Landschaftsmaler Rjabowskij, ein sehr hübscher blonder junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, der in den Ausstellungen Erfolge hatte und dessen letztes Bild für fünfhundert Rubel verkauft worden war; er korrigierte Olga Iwanownas Studien und sagte ihr, daß aus ihr vielleicht was Rechtes werden könnte; ferner ein Cellist, dessen Instrument förmlich weinte und der ganz offen zu sagen pflegte, daß von allen seinen weiblichen Bekannten ihn nur Olga Iwanowna zu begleiten verstünde; ferner ein junger, doch schon bekannter Literat, der Novellen, Dramen und Erzählungen schrieb. Wer noch? Nun, ein gewisser Wassilij Wassiljewitsch, Gutsbesitzer und Grandseigneur, der aus Liebhaberei Illustrationen und Vignetten zeichnete und ein wunderbares Gefühl für den altrussischen Stil und Volksdichtung hatte; auf Papier, Porzellan und angerußten Tellern schuf er wahre Wunderwerke. In dieser künstlerischen, freien und vom Schicksal verzogenen Gesellschaft, die zwar bescheiden und feinfühlend war, aber an die Existenz von Aerzten nur in Krankheitsfällen dachte und für die der Name Dymow ebenso gleichgültig klang wie etwa Ssidorow oder Tarassow, – in dieser Gesellschaft erschien Dymow fremd, überflüssig und klein, obwohl er groß gewachsen und breitschultrig war. Man hatte den Eindruck, daß er einen fremden Frack anhabe, und sein Bärtchen ließ irgendwie an einen Kommis denken. Wenn er übrigens Dichter oder Maler wäre, so würde man sagen, daß er mit seinem Bärtchen an Zola erinnere.

Der Schauspieler sagte Olga Iwanowna, daß sie mit ihren flachsblonden Haaren, im Traukleide außerordentlich einem schlanken Kirschbäumchen gleiche, wenn es im Frühjähr über und über mit zarten weißen Blüten bedeckt sei.

»Nein, hören Sie einmal!« sagte ihm Olga Iwanowna, seine Hand ergreifend. »Wie das so plötzlich gekommen ist? Hören Sie nur . . . Sie müssen wissen, daß mein Vater am gleichen Krankenhaus wie er angestellt war. Als mein armer Vater erkrankte, saß Dymow Tag und Nacht an seinem Bett. Diese Aufopferung! Hören Sie nur, Rjabowskij . . . Auch Sie, Dichter, hören Sie zu, es ist sehr interessant. Kommen Sie nur näher her. Diese Aufopferung, diese aufrichtige Teilnahme! Auch ich schlief die ganzen Nächte nicht und saß immer beim Vater, und plötzlich war's geschehen: ich hatte das Herz des jungen Mannes erobert! Mein Dymow verliebte sich in mich bis über die Ohren. Das Schicksal hat manchmal seltsame Launen. Nun, als mein Vater schon tot war, besuchte er mich ab und zu, traf mich auch manchmal auf der Straße, und eines schönen Abends machte er mir ganz unerwartet den Antrag . . . es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel . . . Ich weinte die ganze Nacht durch und verliebte mich auch selbst höllisch. Und nun bin ich, wie Sie sehen, seine Gattin. Nicht wahr, es ist doch etwas Starkes, Mächtiges an ihm, etwas von einem Bären? Jetzt ist sein Gesicht schlecht beleuchtet und nur im Dreiviertelprofil zu sehen, aber schauen Sie nur seine Stirn an, wenn er sich umwendet. Rjabowskij, was sagen Sie zu dieser Stirn? Dymow, wir sprechen eben von dir!« rief sie dem Gatten zu. »Komm mal her. Reich deine brave Hand Rjabowskij! Ja, so. Seid Freunde.«

Dymow reichte, gutmütig und naiv lächelnd, Rjabowskij die Hand und sagte:

»Freut mich sehr. Unter den Kollegen, die mit mir das Staatsexamen machten, war auch ein gewisser Rjabowskij. Ist es nicht ein Verwandter von Ihnen?«


 << zurück weiter >>