Anton Tschechow
Von Frauen und Kindern
Anton Tschechow

 << zurück weiter >> 

II

Olga Iwanowna war zweiundzwanzig und Dymow einunddreißig. Ihr Leben gestaltete sich nach der Hochzeit sehr schön. Olga Iwanowna behängte alle Wände im Salon mit ihren eigenen und fremden, gerahmten und ungerahmten Studien und errichtete neben dem Klavier eine niedliche Dekoration aus chinesischen Papierschirmen, Staffeleien, bunten Lappen, Dolchen, Büsten und Photographien . . . Im Eßzimmer beklebte sie die Wände mit Volksbilderbogen, hängte ein paar Bastschuhe und eine Sichel hin, stellte in eine Ecke eine Sense und einen Rechen, und so entstand ein »russisches« Eßzimmer. Im Schlafzimmer drapierte sie die Decke und die Wände mit dunklem Tuch, so daß eine Art Höhle entstand, hängte über den Betten eine venezianische Laterne auf und stellte neben die Türe eine Figur mit einer Hellebarde. Und alle fanden, daß das junge Ehepaar eine entzückende Behausung hatte.

Olga Iwanowna stand jeden Morgen gegen elf Uhr auf und spielte Klavier; wenn aber der Tag sonnig war, so malte sie etwas in Oel. Gegen ein Uhr fuhr sie zu ihrer Schneiderin. Da sie und Dymow nur wenig Geld hatten, das gerade zum Leben reichte, so mußte sie, um oft in neuen Toiletten zu erscheinen und Eindruck zu machen, mit Hilfe der Schneiderin allerlei Kunstgriffe anwenden. Sehr oft entstand aus irgendeinem alten, umgefärbten Kleid, aus ganz wertlosen Tüllfetzen, Resten von Spitzen, Plüsch und Seide ein wahres Wunder, etwas Bezauberndes, ein Gedicht. Von der Schneiderin begab sich Olga Iwanowna gewöhnlich zu irgendeiner Schauspielerin, die sie kannte, um die letzten Theaterneuigkeiten zu erfahren und sich bei dieser Gelegenheit auch wegen einer Karte zu einer Premiere oder zu einem Benefiz zu bemühen. Von der Schauspielerin eilte sie in das Atelier eines Malers oder in eine Kunstausstellung und dann zu irgendeiner Berühmtheit, um sie zu sich einzuladen, oder um einen Besuch zu erwidern, oder um einfach etwas zu schwatzen. Ueberall empfing man sie liebenswürdig und mit Freuden und versicherte ihr, daß sie eine nette, liebe, ungewöhnliche Person sei. Diejenigen, die sie für berühmt und bedeutend hielt, nahmen sie wie ihresgleichen auf und prophezeiten ihr einstimmig, daß aus ihr, bei ihrem Talent, Geschmack und Geist, wenn sie sich nur auf etwas Bestimmtes konzentrieren wollte, etwas Bedeutendes werden würde. Sie sang, spielte Klavier, malte, modellierte, beteiligte sich an Liebhabervorstellungen und machte das alles nicht irgendwie, sondern mit ausgesprochenem Talent; ob sie Lampions anfertigte, ob sie sich zu einem Maskenfeste kostümierte, ob sie jemand die Krawatte band, – alles geriet bei ihr ungewöhnlich künstlerisch, graziös und hübsch. Aber in keiner Beziehung äußerte sich ihre Begabung so stark wie in der Fähigkeit, berühmte Menschen auffallend schnell und intim kennen zu lernen. Kaum ließ jemand auch nur ein wenig von sich reden, als sie sofort seine Bekanntschaft machte und ihn zu sich einlud. Jede neue Bekanntschaft war für sie ein wahres Fest. Sie vergötterte die berühmten Menschen, war stolz auf sie und sah sie jede Nacht im Traum. Sie lechzte förmlich nach ihnen und konnte diesen Durst unmöglich stillen. Die alten traten zurück und wurden vergessen, an ihre Stelle kamen neue, sie gewöhnte sich aber sehr bald auch an diese, oder sah sich enttäuscht und lechzte wieder nach neuen berühmten Menschen; sie fand sie und suchte von neuem. Wozu?

Gegen fünf Uhr aß sie mit ihrem Manne zu Mittag. Sein einfacher, gesunder Menschenverstand und seine Gutmütigkeit rührten und entzückten sie. Sie sprang jeden Augenblick auf, umschlang seinen Kopf mit den Händen und bedeckte ihn mit Küssen.

»Dymow, du bist ein kluger und edler Mensch,« sagte sie ihm, »doch du hast einen großen Fehler. Du interessierst dich gar nicht für die Kunst. Du lehnst die Musik und die Malerei ab.«

»Ich verstehe sie nicht,« antwortete er mild. »Ich habe mich mein Lebenlang mit den Naturwissenschaften und mit der Medizin abgegeben und keine Zeit gehabt, mich für die Künste zu interessieren.«

»Das ist aber schrecklich, Dymow!«

»Warum denn? Deine Bekannten wissen nichts von Naturwissenschaften und Medizin, und du machst ihnen doch keinen Vorwurf daraus. Jeder hat das Seine. Ich habe für die Landschaftsbilder und Opern kein Verständnis, denke mir aber so: wenn die einen klugen Menschen diesen Dingen ihr ganzes Leben widmen, und die anderen klugen Menschen dafür Riesensummen ausgeben, so sind diese Dinge offenbar notwendig. Ich verstehe sie nicht, aber das heißt noch nicht, daß ich sie ablehne.«

»Gib mir dein brave Hand, daß ich sie drücke!«

Nach dem Essen begab sich Olga Iwanowna zu ihren Bekannten, dann ins Theater oder in ein Konzert und kam erst nach Mitternacht heim. Und so ging es Tag für Tag.

Jeden Mittwoch hatte sie eine Abendgesellschaft. Bei diesen Zusammenkünften vertrieben sich die Hausfrau und ihre Gäste die Zeit weder mit Kartenspiel, noch mit Tänzen, sondern mit allerlei Künsten. Der Schauspieler rezitierte, der Sänger sang, die Maler zeichneten in Olga Iwanownas Albums, von denen sie eine Menge besaß, der Cellist spielte, und die Hausfrau selbst zeichnete, modellierte, sang, oder begleitete. In den Pausen zwischen Rezitation, Musik und Gesang sprachen sie über Literatur, Theater und Malerei. Damen waren niemals dabei, weil Olga Iwanowna alle Damen außer den Schauspielerinnen und ihrer Schneiderin für langweilig und banal hielt. Bei jedem Gesellschaftsabend fuhr die Hausfrau bei jedem Läuten an der Tür zusammen und verkündete mit siegreicher Miene: »Das ist er!« wobei sie unter »er« eine neu eingeladene Berühmtheit verstand. Dymow war niemals anwesend, und niemand dachte an seine Existenz. Doch Punkt halb zwölf ging die Eßzimmertüre auf, an der Schwelle erschien Dymow und sagte mit seinem gutmütigen, sanften Lächeln, sich die Hände reibend:

»Meine Herren, ich bitte zum Essen.«

Alle begaben sich ins Eßzimmer und sahen jedesmal dasselbe Bild: eine Platte mit Austern, ein Stück Schinken oder Kalbfleisch, Sardinen, Käse, Kaviar, eingemachte Pilze, Schnaps und zwei Karaffen Wein.

»Mein lieber Maître d'Hôtel!« sagte Olga Iwanowna, vor Entzücken die Hände zusammenschlagend. »Du bist einfach reizend! Meine Herren, schaut euch nur seine Stirne an! Dymow, zeig' mal dein Profil. Meine Herren, schaut nur: das Gesicht eines bengalischen Tigers, und der Ausdruck ist dabei so gut und sanft wie bei einem Hirsch. Du, Liebster!«

Die Gäste aßen, betrachteten Dymows Gesicht und dachten sich dabei: »Er ist in der Tat ein netter Kerl.« Doch bald darauf vergaßen sie ihn und redeten wieder von Theater, Musik und Malerei.

Die jungen Gatten waren glücklich, und ihr Leben ging wie geschmiert. Die dritte der Flitterwochen verging übrigens weniger glücklich, sogar recht traurig. Dymow holte sich im Krankenhause die Gesichtsrose und mußte sechs Tage zu Bett liegen und sich seinen schönen schwarzen Haarwuchs vollständig abrasieren lassen. Olga Iwanowna saß an seiner Seite und weinte bitterlich; sobald es ihm aber etwas besser ging, band sie ihm ein weißes Tüchlein um seinen kahlen Kopf und malte nach ihm einen Beduinen. Und beiden war es dabei sehr lustig zumute. Als er wieder gesund war und in seine Krankenhäuser ging, passierte ihm nach drei Tagen ein neues Malheur.

»Ich habe Pech, Mama!« sagte er einmal beim Mittagessen. »Heute habe ich vier Leichen seziert und mir dabei zweimal in den Finger geschnitten. Das habe ich erst zu Hause bemerkt.«

Olga Iwanowna erschrak. Er lächelte und sagte, daß es nicht der Rede wert sei und daß er sich beim Sezieren oft in die Finger schneide.

»Ich lasse mich dabei oft gehen und bin zerstreut, Mama.«

Olga Iwanowna erwartete mit Unruhe eine Blutvergiftung und betete jede Nacht zu Gott, aber alles lief gut ab. Und wieder begann das friedliche glückliche Leben ohne Kummer und ohne Unruhe. Die Gegenwart war schön, und in Aussicht stand der Frühling, der schon aus der Ferne lächelte und tausend Freuden verhieß. Das Glück sollte unermeßlich werden. Im April, Mai und Juni die Sommerfrische weit außerhalb der Stadt, Spaziergänge, Studien, Fischfang und Nachtigallengesang; und später, vom Juli bis zum Herbst eine gemeinsame Reise aller Maler zur Wolga, an der sich unbedingt auch Olga Iwanowna beteiligen sollte. Sie hatte sich schon zwei neue Reisekostüme aus Bauernleinen machen lassen, und Farben, Pinsel, Leinwand und eine neue Palette gekauft. Fast jeden Tag kam zu ihr Rjabowskij, um ihre Erfolge in der Malerei zu sehen. Wenn sie ihm ihre Malereien zeigte, steckte er die Hände tief in die Hosentaschen, preßte die Lippen fest zusammen und sagte:

»So, so . . . Diese Wolke schreit zu sehr: sie ist gar nicht abendlich beleuchtet. Der Vordergrund ist etwas gedrängt und stimmt nicht ganz . . . Die Hütte sieht so aus, als ob sie am Ersticken wäre und jämmerlich winselte . . . die Ecke da müßten Sie etwas dunkler machen. Doch im ganzen gar nicht übel . . . Ich muß es loben.«

Je unverständlicher er sprach, um so besser konnte ihn Olga Iwanowna verstehen.


 << zurück weiter >>