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10. Kapitel

Die Nachricht von Evelyns Verschwinden hatte Ferrars in höchstem Grade erregt. So nahe dem Ziel – ein solcher Schiffbruch! Allerdings, die Gegner hätten keinen besseren Zeitpunkt zu einem ernsten Schlag wählen können als den gegenwärtigen, befand sich doch Harding noch in Fellingley und er, Ferrars war durch die unglückselige Fußverstauchung ans Zimmer gefesselt.

Obgleich noch nicht völlig hergestellt – er konnte nur mühsam auftreten – begab er sich doch nach dem Grile Platz, um persönlich Erkundigungen über die näheren Umstände einzuziehen. Daß Evelyn sich freiwillig mit einem ganz fremden Manne entfernt haben sollte, konnte und wollte er nicht glauben; er hielt es einfach für böswillige Erfindung des klatschsüchtigen alten Fräuleins.

Was er jedoch durch die Dienerschaft erfuhr, schien seine Annahme einer gewaltsamen Entführung des jungen Mädchens zu widerlegen, sagten doch die betreffenden Zeugen einstimmig aus, Fräulein Burton sei, heiter und vergnügt mit dem Oberst plaudernd, fortgegangen.

Tief verstimmt, dem Schicksal grollend, weil er durch den erlittenen Unfall noch immer an freierer Bewegung verhindert war, kehrte er in seine Wohnung zurück. Er telegraphierte an Harding, ungesäumt zu ihm zu kommen und erbat sich bei der Polizei einen tüchtigen Detektiv von Scotland-Yard, dem er den ganzen Sachverhalt mitteilte. Dieser versprach sein Möglichstes zur Auffindung des vermißten jungen Mädchens zu tun, obgleich ihm jeder Anhaltspunkt bezüglich des Entführers fehlte.

Zwei Stunden später traf auch Harding bei Ferrars ein. Er war so außer sich über das neue Mißgeschick – für ihn das schlimmere, handelte es sich doch um seine Braut – daß er dem Freunde bittere Vorwürfe machte, nicht besser aufgepaßt zu haben. Er sah jedoch die Ungerechtigkeit seines Tadels ein und nachdem er den gekränkten Kameraden wieder versöhnt hatte, beriet er eifrig mit ihm, auf welche Weise sie versuchen konnten, dem schlauen Gegner beizukommen. Auch er glaubte so wenig wie Ferrars an ein freiwilliges Fortgehen Evelyns, trotzdem anscheinend keine gewaltsame Entführung vorlag.

So war es Abend geworden und die Freunde saßen noch beisammen, hin und her überlegend, ohne jedoch zu einem befriedigenden Entschluß zu kommen.

Da es bereits stark dunkelte, so zündete Harding auf Ferrars Geheiß das Gas an. Dabei fiel sein Blick zufällig auf die braune Plüschportiere an der Türe. Mit einem Ausruf der Überraschung fuhr er zurück, denn zwischen den Falten lugte ein bleiches Frauenantlitz hervor. »Evelyn!« rief Harding bestürzt aus. »Ist das Evelyn oder ihr Geist? Doch nein!« fügte er nach einem zweiten Blick hinzu, »das ist nicht Evelyn Burton.«

Sich entdeckt sehend, trat die Frau zögernd näher. Zwischen ihr und Evelyn bestand eine unverkennbare Ähnlichkeit – derselbe schlanke Wuchs, dieselben feingeschnittenen Gesichtszüge, dieselben wundervollen Augen, das gleiche dunkle Haar, allein sie war, was sich erst jetzt unter dem hellen Gaslicht zeigte, bedeutend älter.

»Wer von Ihnen ist Herr Hamilton Ferrars?« fragte sie, die beiden Freunde musternd. »Ich habe eine Botschaft von Fräulein Evelyn Burton für ihn.«

»Ich heiße Ferrars,« erklärte der Maler. »Was bringen Sie mir?« Statt aller Antwort zog die Frau ein schmales Blatt Papier hervor, das sie dem jungen Mann reichte. Dieser entfaltete es und hielt es so, daß Harding, der sich eifrig vorbeugte, mitlesen konnte.

 

»Onkel Percy und ich,« so lautete das Billett, »schweben in höchster Gefahr, sind jedoch bis morgen früh noch so weit sicher. Wenn wir aber dann nicht befreit werden, könnte Schlimmes geschehen. Die Überbringerin dieser Zeilen, der Sie vertrauen dürfen, wird Ihnen den Weg zu mir zeigen. Verlieren Sie bitte keine Zeit.

Evelyn Burton.

 

»Das ist Evelyns Handschrift,« rief Ambrose erregt. »Laß uns sofort zu ihr gehen.«

»Nur nichts überstürzen!« wehrte Ferrars dem Ungestüm des Liebenden. »Ich begreife, daß es Dich drängt, Deiner bedrohten Braut zu Hilfe zu eilen; vom Standpunkt des Detektivs aus – und diese Rolle habe ich ja in Deinem Interesse übernommen – ist jede kopflose Hast ein Fehler. Wir wollen vorerst einmal die Frau näher ausfragen. Kann man Ihnen unbedingt vertrauen?« wandte er sich zu der seltsamen Botin.

»Gewiß,« lautete die selbstbewußte Antwort, »wenn Sie Menschenkenntnis besitzen, müssen Sie aus meinem Gesicht herauslesen können, was für einen Charakter ich habe.«

»Nun, Sie scheinen Energie und Entschlossenheit zu haben,« bemerkte Ferrars, die Fremde mit prüfendem Blick betrachtend. »Auch glaube ich, daß Sie rachsüchtig sind, erkenne aber keine der sanfteren Eigenschaften des Weibes und wundere mich daher, was Sie bewogen hat, einer bedrängten Mitschwester beizustehen.«

»Lassen Sie sich daran genügen, daß ich es tue,« entgegnete die Frau zurückhaltend. »Wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen meine Geschichte erzählen, doch zuvor muß ich um etwas Nahrung bitten. Ich bin hungrig und müde, denn in der Eile vergaß ich Geld mitzunehmen; ich mußte deshalb den ganzen Weg zu Fuß machen.«

Auf einen Wink Ferrars holte Harding eine kalte Pastete und eine Flasche Ale aus einem Schränkchen und bot es der Frau an, die gierig zulangte.

Nachdem sie sich gesättigt, wandte sie sich zu Ferrars. »Vorläufig kann man nichts für das Fräulein tun; es wäre sogar gefährlich, um diese Stunde einen Versuch zu ihrer Befreiung zu unternehmen, denn die ganze Nachbarschaft würde über uns herfallen.«

»Könnten wir gemeinsam Evelyn nicht befreien?« fragte Harding, der seine Ungeduld nicht zu bezwingen vermochte.

Die Frau schüttelte energisch den Kopf. »Jetzt ist's unmöglich. Es bedarf eines starken Aufgebotes, um das Nest auszuheben und vor Tagesanbruch wird die Polizei nicht einschreiten.«

»Nun, so warten wir!« entschied Ferrars. »Inzwischen erzählen Sie uns Ihre Geschichte und was Sie über das Schicksal der jungen Dame wissen.«

»Gut,« nickte die Frau, »ich will Ihnen das ganze Geheimnis aufdecken. Wie und wo ich aufgewachsen bin, kommt nicht weiter in Betracht; es genügt, daß ich zur Akrobatin ausgebildet wurde. Ich lernte dann tanzen und, da ich hübsch war und eine gute Stimme besaß, so ging es mir nicht schlecht. Nach einer längeren Kunstreise kehrte ich kürzlich hierher zurück, ein neues Engagement suchend. Wie ich so eines Tages vor einer der Musikhallen stand, schlug mir jemand auf die Schulter, und mich umdrehend erkannte ich einen aus unserem Stande, den sie Jimmy nannten, manchmal auch Lucifer, nach einer Rolle, die er oft gespielt hatte. Ich kannte ihn nicht persönlich, wußte aber, daß sein Ruf nicht eben der beste war. Er stutzte, als er mir ins Gesicht sah und sagte: »Heißen Sie etwa Burton?« »Nein,« entgegnete ich, »mein Name ist – doch wozu ihn nennen? Das hat ja keinen Zweck.« Er bewirtete mich nun in einer Restauration und bat mich, ihn am nächsten Tage wieder zu treffen. Als wir uns wieder sahen, zeigte er mir das Bild eines Mädchens in Ballettkostüm, das mir staunend ähnlich sah. »Sie sind's nicht,« sagte er mit einem teuflischen Lächeln, »man kann Sie aber leicht mit einander verwechseln. Wie steht's, haben wohl nicht übermäßig viel zu beißen?« »Nein,« gestand ich zu, »augenblicklich bin ich arm wie eine Kirchenmaus.« Er rückte mir näher und mich listig ansehend raunte er mir zu: »Ich wüßt', wie man so zehn- bis zwanzigtausend Pfund verdienen könnte. Möchten Sie's mit mir teilen?« Ich sagte nicht nein, wollt' aber nicht blindlings auf seine Pläne eingehen.

»Sie sollen nur jemand anderen vorstellen,« erklärte er mir, »und wenn wir unser Schäfchen im Trocknen haben, gehen wir zusammen in ein fernes Land und leben wie ehrsame Leute.«

Lucifer ist nun nicht gerade meine Passion, aber wenn man keinen Verdienst und nichts zu beißen hat, ist man nicht wählerisch. Ich sagte also zu. Hätt' ich im voraus gewußt, wieviel Ärger und Schererei ich damit haben würde, ich wär' sicher nicht darauf eingegangen. Er erzählte mir nun von einem jungen Mann aus der Provinz, der ein Mädchen vom Theater geheiratet habe. Er sei dann zu seiner Familie zurückgekehrt und das verlassene Mädchen sei nach der Geburt eines Kindes gestorben. Der Mann habe dieses erziehen lassen und für sein Mündel ausgegeben, seine erste Ehe aber geheim gehalten, als er zum zweiten Mal heiratete.

Der Trauschein sowie alle Briefe und Papiere der ersten Frau waren auf irgend eine Weise in Lucifers Hände gefallen und da der Mann – er war inzwischen ein reicher Bankier geworden – es unterlassen hatte, sich genauer über den Tod seiner Gattin zu informieren, so kam Lucifer auf den Gedanken, ihn glauben zu machen, sie lebe noch. Für sein Schweigen wolle Jim sich eine hohe Summe zahlen lassen und dann mit mir fortgehen. Sobald ich meine Rolle gut einstudiert hatte, wurde der Bankier nach einem einsamen Hause gelockt, aber obgleich er mich gesehen hat, wollte er kein Geld hergeben. Lucifer ist jedoch schlauer als der Teufel selbst. Was tat er? Er lockte die Tochter in sein Haus, die er zwingen wollte, ihn zu heiraten, wodurch er sich nicht nur vor jeder Verfolgung gesichert, sondern auch ein großes Vermögen erlangt hätte. Mich wollte er natürlich ganz bei Seite schieben. Das paßte mir aber nicht. Das Mädchen war auch viel zu gut für ihn und so beschloß ich, ihr zu helfen.«

»Dann hat er wohl auch den falschen Obersten gespielt?« fragte Ferrars, den die Enthüllungen der Frau nicht weniger interessierten wie Harding. »Auf welche Weise hat er Fräulein Burtons Adresse gefunden?«

»Durch das Inserat, das sie im »Semaphore« einrückte.«

Harding hatte sich erhoben. »Ich werde auf keinen Fall ruhig hier bleiben, während das arme Kind in der Gewalt dieses Schurken Todesangst aussteht,« sagte er entschlossen. »Wenn ich in Scotland Yard Anzeige mache, wird man mir sicher Leute mitgeben.«

»Ich glaube es nicht,« beharrte die Frau, »vor Tagesanbruch greift die Polizei nicht ein.«

Harding ließ sich aber nicht abhalten und auch Ferrars bestand darauf mitzugehen, obgleich er noch nicht ohne Schmerzen auftreten konnte. »Habe ich im ersten Teil des Dramas mitgewirkt,« erklärte er, »so will ich auch das Ende miterleben.«

Der Detektiv, dem die Auffindung Evelyns übertragen worden war, war zufällig in Scotland Yard anwesend. Nach kurzer Rücksprache mit dem Chef, der sofort drei tüchtige Detektivs zur Verfügung stellte, fuhr die Gesellschaft dem Eastend von London zu.

An der dort gelegenen Polizeiwache wurden zur Vorsicht noch vier Mann hinzugezogen und nun gelangten sie bald in die Straße, an deren Ende das Grundstück lag.

Als die Wagen in die enge Gasse einbogen, verspürten die Insassen einen brenzlichen Geruch und dann sahen sie dichten Rauch aus der Behausung Lucifers emporsteigen.

»Es brennt!« rief der Detektiv, der die Führung übernommen hatte. »Vorwärts, Leute! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Das Hoftor war erreicht, allein jeder Versuch, es zu öffnen, erwies sich als nutzlos.

»Kann man keine Leiter herbeischaffen?« fragte Harding erregt.

Der Detektiv schüttelte den Kopf. »Nicht möglich. Das Gesindel hier in der Gegend haßt uns naturgemäß. Niemand würde auch nur einen Finger rühren uns beizustehen. Wir müssen schon versuchen, uns auf andere Weise Eingang zu verschaffen.«

»Lassen Sie mich auf Ihre Schultern steigen!« rief Harding kurz entschlossen einem der Polizisten zu, indem er rasch seinen Rock abwarf. Der Mann stellte sich an die Mauer, Harding schwang sich auf seinen Rücken und von da unter Aufbietung all seiner Kraft und Gewandtheit über den Mauerrand in den Hof hinab. Schon nach wenigen Sekunden vernahmen die Außenstehenden das Zurückschieben der eisernen Riegel.

Sobald die Torflügel geöffnet waren, konnte man die Ursache des Rauches erkennen. Das ganze Fachwerk des alten Hauses stand bereits in Flammen, die in hohen Garben emporloderten, wobei ein greller Funkenregen wie Raketen nach allen Seiten sprühte.

»Das Fräulein! Das arme Fräulein!« rief die Frau händeringend. »Sie wird verbrennen. Um Gotteswillen eilen Sie! Wir müssen sie retten.«

Es bedurfte nicht ihres Ansporns, um die Männer vorwärts zu treiben. Allen voran stürmte Harding, in dessen Zügen sich verzweifelte Angst um die Geliebte malte.

Der Detektiv befahl den Polizisten, jeden Ausgang des Grundstücks zu bewachen, worauf er den übrigen nach der Rückseite des Hauses folgte. Zum Glück trieb der Wind die Flammen von diesem Teil des Gebäudes fort, sonst wäre Evelyns Geschick längst besiegelt gewesen. Das unglückliche junge Mädchen stand am Fenster, mit entsetzten Blicken nach Hilfe ausschauend.

»Mut, Mut, Geliebte!« rief Harding ihr zu. »Ich bin da und werde Dich um jeden Preis retten.«

»Wie sollen wir aber zu ihr gelangen?« wandte er sich ratlos an den Detektiv. »Ich sehe kein Mittel hinaufzukommen und doch ist die Gefahr groß, denn das Haus ist trocken wie Spreu; es kann jeden Augenblick einstürzen. Mein armes Lieb! Habe ich es nur wiedergefunden, um es in gräßlicher Weise zu verlieren? Was soll ich tun?« Er schaute sich verzweifelt nach einem Rettungsmittel um, als sein Blick auf eine Gerüststange fiel.

»Holla Leute!« rief er den Polizisten zu, »bringt die Stange ans Fenster.«

Bevor die Männer jedoch den schweren Rüstbaum herbeigeschleppt hatten, trat die Akrobatin vor. »Wenn das Fräulein nicht den Kopf verliert,« sagte sie beherzt, »so hol ich sie im Handumdrehen herunter. Fräulein Evelyn,« rief sie hinauf, »hören Sie zu, was ich Ihnen sage.«

Evelyn beugte sich weit vor.

»Ist das Seil noch fest am Haken?«

Das junge Mädchen bejahte.

»Gut, so werfen Sie mir das Ende herunter.« Sie warf rasch den Mantel und das Kleid ab, so daß sie im Trikotanzug, den sie zur Flucht benutzt hatte, dastand, ergriff das Seil mit beiden Händen und kletterte mit der Gewandtheit einer Katze an dem schwankenden Strick in die Höhe.

Mit angehaltenem Atem, starr vor Verwunderung schauten die Untenstehenden ihr zu, wie sie von einem Knoten zum andern kletterte, immer höher, immer höher. Jetzt hatte sie das Fenstersims erreicht und sich auf dasselbe geschwungen, tief Atem holend.

»So,« sagte sie hastig zu Evelyn, »nun folgen Sie genau meinen Anweisungen, denn unser beider Leben hängt davon ab. Binden Sie Ihre Handgelenke mit dem Taschentuch zusammen, ich werde Sie auf den Rücken nehmen und Sie müssen dann Ihre Hände um meinen Hals legen. Lassen Sie aber um Gotteswillen nicht los, machen Sie auch keine Bewegung, sonst sind wir beide verloren. Wenn Sie schwindlig werden, so schließen Sie die Augen. Und nun rasch ans Werk! Vor allem fassen Sie Mut! Es wird alles gut gehen.«

Evelyn stand zaudernd da. Beim Schein der grellleuchtenden Flammen erblickte sie unten im Hof ihren Verlobten, der voll Verzweiflung zu ihr emporschaute, sie sah Ferrars und die Männer, die zu ihrer Befreiung herbeigeeilt waren und dennoch zögerte sie – Der Weg der Rettung flößte ihr Furcht ein.

»Schnell, schnell!« mahnte die Akrobatin, »jede Sekunde ist kostbar. Der erste Windhauch, der uns trifft, bringt uns den Erstickungstod.«

Doch noch rührte sich Evelyn nicht. Erst als ein brennender Balken unter mächtigem Getöse in den Hof fiel, raffte sie sich, die unmittelbare Gefahr erkennend, auf, umschlang den Hals ihrer kühnen Retterin und schloß die Augen.

Mit äußerster Vorsicht begann die mutige Frau mit ihrer Last den gefährlichen Abstieg. Sie besaß eine überraschende Gewandtheit, allein die ungewohnte Bürde hinderte ihre Bewegungen und erschöpfte ihre Kräfte. Dennoch kletterte sie unerschrocken von Knoten zu Knoten weiter, langsam prüfend, tastend, aber mit voller Ruhe, trotzdem ihre Brust keuchte und der feste Druck von Evelyns Händen an ihrem Halse sie zu ersticken drohte.

Endlich war sie dem Boden so nahe, daß die ausgestreckten Hände der Männer sie fassen und in Sicherheit bringen konnten. Ein lauter Jubelruf, ein Bravo! lohnte die Heldentat des kühnen Weibes, das jetzt kraftlos, schwer atmend an der Schulter des Detektivs lehnte.

Harding aber schloß die gerettete Braut unter stürmischen Liebkosungen in seine Arme, bedeckte ihr todbleiches Gesicht mit Küssen und flüsterte ihr die süßesten Liebesworte zu.

Sobald Evelyn sich ein wenig erholt hatte, war ihre erste Frage nach ihrem Onkel.

»Lucifer hat ihn in die Scheune eingesperrt,« gab die Akrobatin Auskunft. »Gefahr droht ihm dort nicht, aber er wird vielleicht entkräftet sein, denn ich weiß nicht, ob Anak ihm Nahrung gebracht hat.«

»Der Ärmste!« rief Harding aus. »Komm, Evelyn, wir wollen ihn gleich befreien und Du sollst die erste sein, die ihm die gute Nachricht bringt, daß er von seinem Peiniger erlöst ist.«

Während die Liebenden der Scheune zueilten, ging Ferrars, auf den Arm des Detektivs gestützt, nach der Vorderseite des Hauses, um den Schurken Lucifer zu suchen. »Entwischen konnte er nicht,« bemerkte Ferrars, »er muß also noch im Gebäude sein.«

Er hatte dies kaum ausgesprochen, als man einen schrillen Aufschrei wahrnahm, dann ein dumpfes Stöhnen und dazwischen seltsame Laute, Heulen und Brüllen, die nicht aus menschlicher Kehle zu kommen schienen.

»Was mag da drinnen vor sich gehen?« äußerte der Detektiv. »In dieser Glut kann sich doch niemand mehr aufhalten.«

Die Flammen hatten inzwischen rasch um sich gegriffen; sie schlugen zum Dach, sowie zu den Fenstern des ersten Stockwerks hinaus. Plötzlich wurde die riesige Gestalt eines Menschen inmitten des Flammenmeeres sichtbar, heftig einen Gegenstand hin- und herzerrend. Es war Anak, aber in welchem Zustand! Die Haare versengt, die Kleider in Fetzen am Leibe hängend, Gesicht und Hände mit Blut besudelt.

Von Zeit zu Zeit stieß er ein dämonisches Gelächter und heulende Töne aus, die den Zuhörern durch Mark und Bein gingen.

»Der Mensch muß verrückt sein,« rief der Detektiv aus. »Trotzdem sollten wir versuchen, ihn zu retten.«

Schon eilte er mit zweien seiner Leute der noch unversehrten Haustüre zu, als der Riese, seine Absicht merkend, den dunklen Gegenstand, an dem er herumgezerrt hatte, in die Höhe hob und mit voller Wucht auf die Herannahenden schleuderte. Der Detektiv wurde zu Boden gerissen; er erhielt eine nicht unerhebliche Verletzung, und als ihm seine Leute zu Hilfe eilten, gewahrten sie mit Entsetzen, daß es der furchtbar zugerichtete Körper eines toten Mannes war, den der Wahnsinnige als Wurfgeschoß benutzt hatte.

»Ha, ha!« lachte derselbe grell auf. »Denkt nur nicht, mich fangen zu können. Lucifer dacht' auch, er sei mein Herr, und das war er wohl, bis Fangs tolles Blut in meine Adern kam. Wie mein Herr mich anglotzte, als ich ihn an der Kehle packte und ihm sagte, ich hätte Lust ihn zu beißen, zu erwürgen! Haha! Der arme Kerl schrie und bettelte um sein Leben, aber ich brach ihm doch alle Glieder entzwei, bis er sich nicht mehr rührte. Und welch hübsches Feuer die umgeworfene Lampe angezündet hat! Ha ha! Wer will mich holen? Ich schieße jeden nieder!«

Drohend schwang er einen Revolver über seinem Kopf, während ihn die Flammen von allen Seiten umzüngelten. »Er muß wirklich die Tollwut bekommen haben,« bemerkte die Akrobatin, die der Lärm herbeigelockt hatte, »sonst hätte er sich niemals an Lucifer vergriffen. Der arme Teufel hat's schwer büßen müssen.« Mitleidig starrte sie auf den verstümmelten Toten, während der Riese von neuem brüllte und heulte, den Revolver auf die vor dem Hause Stehenden richtend. Ehe er jedoch noch abdrücken konnte, erfolgte ein lautes Krachen und im nächsten Augenblick stürzte das Gebäude in sich zusammen, den Wahnsinnigen unter sich begrabend.

Jetzt endlich traf die Feuerwehr ein, die sich darauf beschränkte, die brennenden Trümmer zu löschen und die Neugierigen, die das Grundstück umdrängten, fernzuhalten.

Das Wiedersehen zwischen Evelyn und ihrem Vater – denn als solchen bekannte sich Windham ihr nun – war ein tiefbewegtes.

Auf Hardings Rat begab sich der Bankier, der sich nach den überstandenen Aufregungen einer Begegnung mit seiner Frau nicht gewachsen fühlte, direkt nach seinem Landhaus in Darlington.

Am nächsten Tage trafen auch Harding und Ferrars dort ein und das Resultat einer langen Beratung zwischen den dreien war, daß Windham beschloß, sich von seiner Gattin zu trennen, da ihm das Zusammenleben mit ihr unerträglich geworden war.

Die ehemalige Bischofswitwe tröstete sich bald über die Trennung von ihrem Eheherrn und gründete mit ihrem geistlichen Freund, dem Reverend Mauler, ein Asyl für »arme Sünder«, das aber nach dem, was darüber in die Öffentlichkeit drang, seinen Zweck wenig erfüllte.

Die Akrobatin erhielt von Windham für ihre mutige Rettung seiner Tochter ein ansehnliches Geldgeschenk, das ihr gestattete, eine eigene Truppe zu werben und mit dieser Kunstreisen zu unternehmen.

Nachdem Frau Windham das Feld geräumt hatte, kehrte der Bankier in die Stadt zurück und bald darauf fand die Hochzeit des so hart geprüften Paares statt.

Als die Neuvermählten am Abend der glänzend verlaufenen Feier, bei der der treue Ferrars eine Hauptrolle spielte, ihre Hochzeitsreise antraten, schaute der treue Chipperfield, der gleich seinem Herrn seit der Entthronung der gestrengen »Gnädigen« neu auflebte, dem davonrollenden Wagen noch eine Weile nach.

»Ist doch eine seltsame Familie!« murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin. »Immer im Verschwinden! Erst der gnädige Herr – ich weiß bis heut' noch nicht, wer ihn holte – Satan oder ein Schurke von Fleisch und Blut; dann Fräulein Evelyn, die aber zum Glück mitsamt dem Herrn wieder auftauchte, und schließlich – Gott sei Dank! darf ich wohl mit Respekt sagen – die »Gnädige«! Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen!«


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