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4. Kapitel

Frau Lucy Carter hielt eine gutbesuchte Familienpension für bessere Stände in einer der Vorstädte Londons, Bloombury.

Sie war eine kleine, blonde Frau mit gutmütigem Gesicht und einem immer freundlichen Lächeln, das alle Sorgen und Drangsale ihres Lebens nicht hatten verscheuchen können. Nur ihre Jugendzeit war eine glückliche gewesen. Als einziges Kind eines Vikars hatte sie sorglos dahingelebt, bis ihr Herz dem faszinierenden Wesen eines Leutnants der Miliz erlag. Niemand hatte es damals begriffen, wie das sanfte, schüchterne Mädchen an den oft derben Soldatenmanieren ihres Bewerbers Gefallen finden konnte, noch weniger, daß sie sich, weil ihr Vater seine Einwilligung versagte, zu einer heimlichen Heirat bereden ließ. Damit besiegelte sie ihr Unglück, denn ihr Gatte verbrachte seine Zeit größtenteils auf Rennplätzen, in Weinstuben und in Billardsälen. Bald kehrte die Not bei dem jungen Paare ein und es begann für Lucy eine schwere Zeit der Sorgen und Entbehrungen, die erst endete, als sie von einer Verwandten ein kleines Vermögen erbte. Auf Anraten ihres Rechtsanwaltes richtete sie mit dem Gelde eine Fremdenpension ein. Diese erfreute sich eines guten Zuspruchs und so konnte Frau Carter auch noch für ihren Gatten, den sie trotz seiner Fehler liebte, mitsorgen. Natürlich war ihr dies sehr angenehm und da der Hauptmann, der den Dienst hatte quittieren müssen, sich selten im gemeinsamen Wohnzimmer sehen ließ, ja meist erst spät nachts heimkehrte, hatten die Pensionäre kaum eine Ahnung von seiner Existenz.

Die größte Schwierigkeit für die kleine Frau bestand darin, die verschiedenen Elemente, die sich unter ihrem Dach zusammenfanden, in Harmonie zu bringen. Es verging fast kein Tag, an dem es nicht galt, Streitigkeiten zu schlichten, auch war es keine leichte Aufgabe, allen an sie gestellten Anforderungen zu entsprechen.

Namentlich der weibliche Teil der Gesellschaft war schwer zufriedenzustellen, denn bald fand man den Toast Geröstetes Brot. zu mager mit Butter bestrichen, bald war der Tee nicht stark genug oder der Schinken zu wenig gebraten.

Am gefürchtetsten unter den Damen war ein ältliches Fräulein, namens Isabella Holt, das stets eine dunkle Brille trug, nicht etwa zum Schutz kranker Augen, sondern um hinter denselben die lieben Mitgenossen besser beobachten zu können. Das Fräulein hatte einen kleinen, schlechterzogenen Hund, der die üble Gewohnheit besaß, während der Mahlzeiten die Wichse von den Stiefeln der Herren abzulecken, ein Gebahren, das stets einen heftigen Konflikt zwischen Fräulein Holt und einem alten griesgrämigen Major a. D., namens Chickley, heraufbeschwor.

Harmloser als die vorgenannten war ein etwas mysteriöses Ehepaar, Herr und Frau Mount Chesterton, die sich in London aufhielten, um eine bedeutende Erbschaft zu erheben. Die Geschichte mußte aber einen Haken haben oder auf besondere Hindernisse stoßen, denn die guten Leutchen waren nun schon über drei Monate in der Pension, ohne das Geld flüssig machen zu können.

Ein halbes Dutzend junger Kaufleute, sowie einige unbedeutende Persönlichkeiten, die von ihren Renten lebten, vervollständigten die Gesellschaft der Pension.

Hamilton Ferrars kannte Frau Carter seit seinen Knabenjahren. Er besuchte sie manchmal aus alter Freundschaft und empfahl auch jetzt ihr Haus als Zufluchtsort für Evelyn Burton.

An dem mit Harding verabredeten Tage fand er sich in Begleitung Lucy Carters am Briefkasten in der Saharastreet ein. Die kleine Frau war entzückt, in einem so romantischen Abenteuer mitzuwirken und immer wieder bestürmte sie Ferrars mit Fragen, die dieser zum Teil gar nicht zu beantworten vermochte.

»Ist es wirklich wahr, Hamilton,« sagte sie, »daß Sie für einen Freund handeln und mir nicht einmal berichten können, wie das junge Mädchen aussieht? Klingt doch ganz unfaßbar!«

»Ich glaube, Fräulein Burton ist sehr hübsch,« entgegnete Ferrars zerstreut. »Harding behauptet es wenigstens.«

Mit dieser Erklärung gab sich Lucy Carter jedoch nicht zufrieden. »Verzeihen Sie, lieber Hamilton,« begann sie von neuem, »mir scheint aber, dieser Harding existiert gar nicht. Seien Sie offen gegen eine alte Freundin,« fügte sie neckend hinzu, »und gestehen Sie mir, ob es sich doch nicht am Ende um eine kleine Liebesgeschichte in Ihrem eigenen Interesse handelt.«

»Wie oft soll ich wiederholen,« entgegnete Ferrars ungeduldig, »daß ich Fräulein Burton gar nicht kenne? Ich habe sie noch nie gesehen und handle wirklich nur für meinen Freund.«

»Merkwürdig! Merkwürdig!« Die kleine Frau schüttelte noch immer zweifelnd den Kopf. »Solche Freundschaft zwischen modernen jungen Leuten ist mir noch gar nicht vorgekommen. Na, einerlei, die Geschichte bleibt auch so höchst romantisch. Dergleichen liebe ich! Doch eine kleine Abwechslung in dem nüchternen Alltagsleben. Was meinen Sie, Hamilton,« fuhr sie aufgeregt fort, »wird die schreckliche Tante nicht am Ende hier überall Detektivs aufgestellt haben, die gerade, wenn wir mit Fräulein Burton einen Wagen besteigen wollen, über uns herfallen und uns das arme Mädchen entreißen werden? Sehen Sie mal drüben an der Ecke den Burschen! Der sieht doch gar nicht aus wie ein richtiger Fleischerbursche – es ist vielleicht ein verkleideter Polizist.«

Ferrars schaute nach der angegebenen Richtung. »Meine liebe Frau Carter,« sagte er, trotz seiner Ungeduld lachend, »ich glaube kaum, daß man solch unreife Bürschchen für den Polizeidienst verwendet. Der Junge ist ja höchstens dreizehn Jahre alt.«

Die kleine Frau atmete erleichtert auf. »Sie mögen recht haben, Hamilton,« gab sie zu, »aber da – da kommt ein Briefträger. Der kennt sicher alle Leute in der Nachbarschaft, und wenn Fräulein Burton gerade jetzt käme und er sie erkennen würde – –«

»Regen Sie sich doch nicht unnötig auf!« suchte Ferrars sie zu beschwichtigen. »Der Mann leert nur den Briefkasten und schaut sich noch nicht einmal um. Sehen Sie – jetzt entfernt er sich schon wieder. Es ist also keine Gefahr vorhanden.«

Etwas beruhigter, jedoch noch voll Mißtrauen, fixierte Frau Carter jeden Vorübergehenden, konnte aber nichts Verdächtiges an ihnen entdecken. Plötzlich berührte Ferrars ihren Arm. »Mir scheint, dort kommt sie!« flüsterte er ihr zu, auf eine weibliche Gestalt deutend, die sich ihnen näherte.

»Ist sie das?« fragte Frau Carter ebenso leise.

»Ich weiß es nicht,« entgegnete Ferrars, »aber ich glaube es, denn sie ist dicht verschleiert und trägt eine kleine Reisetasche in der Hand. Gehen Sie zu ihr hin und reden Sie sie an.«

»Nein, das wage ich nicht!« weigerte sich die kleine Frau. »Wenn das nun ein verkleideter Detektiv wäre – da würde ich ja alles verderben. Nein, ich habe wirklich Angst.«

»Seien Sie doch nicht kindisch!« brummte Ferrars. »Jetzt bleibt sie stehen und sieht sich um. So gehen Sie doch zu ihr!« drängte er nochmals.

»Nein, ich kann wirklich nicht,« protestierte Frau Carter. »Ich bin viel zu nervös.«

In gelinder Verzweiflung trat Ferrars nun selbst auf die junge Dame zu. »Fräulein Burton?« fragte er, höflich den Hut lüftend.

»Ja,« nickte Evelyn. »Und Sie sind Herr Ferrars?«

»Der Abgesandte meines Freundes Harding,« ergänzte der Maler lächelnd. »Frau Carter ist auch hier. Sie können also ganz unbesorgt sein.«

»O, ich vertraue Ihnen ja,« entgegnete sie hastig, als er ihr zur Bestätigung seiner Worte eine Karte, mit Hardings Handschrift versehen, reichte. »Führen Sie mich, bitte, rasch fort.«

Bereitwillig bot er ihr den Arm und geleitete sie zu Frau Carter, die sie mit einem wahren Wortschwall begrüßte und ihr immer wieder versicherte, wie sie sich um sie geängstigt habe und wie angenehm sie ihr den Aufenthalt in ihrem Hause machen wolle.

Auf Ferrers Vorschlag begaben sie sich zur nahen Station, um mit der Untergrundbahn nach Kings Croß zu fahren, von wo aus der Grile Place leicht erreicht werden konnte.

Als Frau Carter mit ihren beiden Gefährten ihre Wohnung betrat, runzelte sie ärgerlich die Stirn, denn aus dem Speisezimmer drangen laute, heftige Stimmen zu ihr.

»Gütiger Himmel,« seufzte sie, »Fräulein Holt und der Major sind wieder aneinander geraten! Möchte schwören, daß das kleine Ungetüm, der Hund, irgend eine Missetat begangen hat. Ein schreckliches Tier! Bitte,« wandte sie sich zu Evelyn, indem sie eine Tür öffnete, »treten Sie vorerst hier ein, ich werde Sie bei einer besseren Gelegenheit mit den übrigen Gästen bekannt machen.«

Sie schloß die Türe hinter Evelyn und Ferrars und eilte dann in den Speisesaal, um den dort ausgebrochenen Wortwechsel zu schlichten.

»Gut, daß ich einige Augenblicke mit Ihnen allein bin,« sagte Evelyn zu ihrem Begleiter. »Ich möchte, daß Sie Ambrose benachrichtigen, ich müsse ihn sofort in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.«

»Verzeihen Sie,« entgegnete Ferrars. »Ich wäre ja gern bereit, Ihren Auftrag auszuführen, allein Ambrose meinte, wenn Sie Ihren jetzigen Aufenthalt geheim zu halten wünschten, dürfe er Sie vorläufig nicht besuchen. Man wird ihn ohne Zweifel überwachen, sobald Ihr Verschwinden bemerkt worden ist. Käme er hierher, würde man Sie natürlich gleich entdecken. Die Trennung fällt ihm selbstverständlich sehr schwer, doch hält er sie unter den obwaltenden Umständen für nötig. Haben Sie ihm etwas mitzuteilen, so kann es ja durch mich geschehen, überdies steht Ihnen auch der briefliche Verkehr frei. Ambrose hat mir zu diesem Zweck für Sie ein halbes Dutzend aus Vorsicht in fremder Handschrift an ihn adressierte Kuverts mitgegeben, ebenso ein Päckchen Banknoten für Ihre Bedürfnisse.«

Evelyns Augen hatten sich bei der Nachricht, ihren Verlobten vorläufig nicht sehen zu dürfen, mit Tränen gefüllt. Sie sah jedoch ein, daß Harding recht hatte und sich tapfer beherrschend erwiderte sie mit unterdrücktem Seufzer: »Es ist eine harte Geduldsprobe für mich, aber natürlich werde ich mich fügen. Bitte, sagen Sie Ambrose, mein Onkel sei in Paris.«

»In Paris?« wiederholte Ferrars überrascht. »Das ist ja unmöglich. Wie haben Sie es erfahren?«

»Durch Frau Windham,« gab Evelyn zurück. »Sie sagte mir, Onkel Percy führe ein lustiges Leben in einer der sündigsten Städte Europas und als ich sie um nähere Erklärung bat, zeigte sie mir einen Brief seines Bankiers, der schrieb, seine Filiale in Paris habe einen von Herrn Windham ausgestellten Check von 2000 Pfund eingelöst.«

»Zu sonderbar!« bemerkte Ferrars nachdenklich. »Ich werde Ambrose diese Neuigkeit sofort mitteilen. Aber bitte sorgen Sie sich nicht um Ihren Onkel! Nun Sie in Sicherheit sind, werden wir die Nachforschungen nach ihm doppelt eifrig betreiben.«

Evelyn reichte ihm dankbar die Hand. »Sie erweisen sich wirklich als ein wahrer Freund,« sagte sie warm. »Darf ich hoffen, daß Sie mir täglich Nachricht von Ambrose bringen werden?«

Ferrars bejahte und nachdem er sich von ihr verabschiedet hatte, stand er eben im Begriff, das Haus zu verlassen, als er durch die hastig aufgestoßene Tür des Wohnzimmers heftigen Lärm vernahm.

»Ich sage Ihnen, Madame,« schrie eine männliche Stimme, »Ihr Hund hat mir in den letzten Monaten vier Paar Pantoffeln zerfetzt, einen Schirm zerrissen und eine ganze Stange Rasierseife aufgefressen.«

»Wie konnten Sie Ihre Seife so herumliegen lassen?« kreischte das alte Fräulein. »Eine ganze Stange! Armes Tierchen! Kein Wunder, daß es krank geworden ist! Herr Major, ich muß Sie dringend ersuchen, künftighin nicht so nachlässig zu sein.«

»Frau Carter,« wandte sich der Major zu der ratlos danebenstehenden Hausfrau, »entweder der Hund muß fort, oder ich räume das Feld. Ich kann mir derartige Dinge nicht länger gefallen lassen. Wenn es Fräulein Holt gefällt, sich ein solch kleines Ungetüm zu halten, so muß sie auch für den Schaden, den es anrichtet, aufkommen.«

Ferrars hörte nicht weiter zu, sondern entfernte sich unbemerkt, während Frau Carter sich bemühte, die streitenden Parteien zu versöhnen, was ihr ja zumeist, wenn auch nur für kurze Zeit gelang. Wie er es versprochen, begab sich der junge Maler geradewegs zu Harding, dem er über den Erfolg seiner Mission Bericht erstattete. Natürlich teilte er ihm auch die Neuigkeit betreffs des in Paris eingelösten Checks mit.

»Kann es gar nicht begreifen,« meinte Harding. »Vielleicht wurde ihm das Ehejoch schließlich zu unerträglich und da hat er über den Strang geschlagen. Wozu aber auf solche Weise verschwinden? »In der Gewalt eines Feindes« klingt etwas zu romanhaft für unsere Zeit, nimmt sich zu theatralisch aus. Wie dem auch sei, wir müssen ihn zu finden suchen, schon um Evelyns willen, die nicht ohne seinen Segen zum Altar gehen will. Es ist recht egoistisch von mir, Ferrars, Deine Hilfe so in Anspruch zu nehmen, das fühle ich wohl; dennoch hoffe ich, daß Du mir bei meinen Nachforschungen helfen wirst, denn allein bring' ich's nicht fertig.«

»Selbstverständlich helfe ich Dir, alter Junge!« versprach Ferrars. »Es ist mir ja, abgesehen vom guten Zweck, ein ganz kapitales Vergnügen, ein Weilchen Detektiv zu spielen. Du kennst doch meine Passion dafür. Je verwickelter die Geschichte aussieht, desto mehr interessiert sie mich. Was Herrn Windham anbetrifft, so läßt sich im Augenblick leider wenig machen. Wir müssen geduldig warten, bis der Vermißte ein Lebenszeichen von sich gibt. Das wird er sicher bei erster Gelegenheit tun und dann können wir energisch an seiner Befreiung arbeiten. An mir soll's nicht fehlen.«

Mit diesem Versprechen verabschiedete sich Ferrars, und Harding blieb mit seinen Gedanken allein; doch nicht lange. Ein Poltern auf der Treppe und dann ein kräftiges Pochen an der Türe meldete ihm Besuch an.

Noch überlegte er, wer ihn wohl in dieser Stunde in seiner Klause überfallen könnte, als auf sein Hereinrufen der ehrenwerte Chipperfield, Windham's Diener eintrat. »Sie sind's Chipperfield?« rief Harding überrascht aus. »Was führt Sie hierher? Bringen Sie Neuigkeiten vom Deseret Square?«

»Kann ich Sie einen Augenblick ungestört sprechen?« fragte der Mann mit geheimnisvoller Miene, indem er die Tür hinter sich schloß.

»Sprechen Sie nur offen heraus,« entgegnete Harding. »Frau Windham hat Sie doch wohl sicher nicht geschickt?«

Der Diener setzte sich auf die äußerste Kante des Stuhles, den Harding ihm bot, räusperte sich ein paarmal verlegen, als müsse er erst Mut sammeln und begann dann: »Sehen Sie, ich rede eigentlich nicht darüber, weil es mir in meinem Beruf hinderlich ist, aber ich bin verheiratet. Meine Frau, eine gutherzige alte Seele, besitzt ein Häuschen in Bayswater und vermietet möblierte Zimmer.«

»Freut mich, Chipperfield,« unterbrach ihn Harding, »daß Sie in so glücklichen Verhältnissen sind, allein ich verstehe nicht recht, wozu Sie mir das heute sagen.«

»Augenblicklich ist ein hübscher Salon mit Schlafzimmer frei,« fuhr Chipperfield unbeirrt fort.

Harding starrte den Sprecher verständnislos an.

»Und –« das Gesicht des Dieners nahm einen diplomatischen Ausdruck an – »ich meine, das wäre sehr passend für eine junge Dame, die ein Weilchen zurückgezogen leben und doch gute Pflege haben möchte.«

»Sind Sie verrückt?« fuhr Harding ihn an, indem er von seinem Sitz aufsprang und sich hinter den Tisch verschanzte.

»Keineswegs,« lautete die gelassene Antwort. »Sie wissen, wir armen Dienstboten fühlen doch auch wie andere Menschen, und weil Fräulein Evelyn immer so gut und freundlich gegen uns ist, haben wir sie alle gern und möchten nicht, daß ihr ein Leid geschehe.«

Harding verlor die Geduld. »Wenn Sie jetzt genug in Rätseln gesprochen haben,« sagte er, »so erklären Sie mir, was Sie eigentlich wollen. Ich verstehe Sie absolut nicht.«

Wieder räusperte sich der Diener, strich sich mehrere Male verlegen mit der Hand über das Knie und platzte schließlich heraus: »Ich wollte Sie bitten, einen Augenblick mit Fräulein Evelyn sprechen zu dürfen. Sie wird sicher einsehen, daß es für sie, bis der gnädige Herr zurückkehrt, besser wäre, sie wäre bei meiner Frau als bei – – Ihnen. Da –« schloß er tief aufatmend, »jetzt ist's heraus.«

»Und Sie halten mich wirklich für solch einen Schurken, Fräulein Burton hierherzubringen?« rief Harding entrüstet aus. »Sie haben wirklich eine nette Meinung von mir, Chipperfield! Möchten Sie vielleicht eine Haussuchung vornehmen? Bitte, genieren Sie sich nicht! Da steht ein Schrank –« er riß in steigendem Ärger die Tür desselben auf – »hier ist mein Schlafzimmer und daneben eine kleine Kammer für das Eßgeschirr. Stecken Sie Ihre Nase in jeden Winkel und wenn Sie fertig sind, werden Sie wohl so viel Anstand besitzen, sich wegen Ihrer beleidigenden Worte zu entschuldigen.« Er warf sich in einen Sessel, zündete sich eine Zigarre an und begann in heftigen Zügen zu rauchen.

Im höchsten Grad verlegen rutschte Chipperfield auf seinem Stuhle hin und her. Und so erschrocken war er über den unerwarteten Zornausbruch des jungen Mannes, daß es eine geraume Weile dauerte, bevor er die Worte hervorzustottern vermochte: »Waren Sie es wirklich nicht, Herr Harding, der Fräulein Evelyn heute morgen wegholte?«

»Ich gewiß nicht,« versicherte Harding ein wenig diplomatisch. »Ich habe sie seit zwei Tagen nicht gesehen.«

»Wirklich nicht?« stammelte Chipperfield mit allen Zeichen des Schreckens. »So wahr ich lebe, dann ist – ›Er‹ wieder im Haus gewesen.«

»Er? Wen meinen Sie?« fragte Harding, dessen Zorn sich inzwischen gelegt hatte.

»Der Teu– ich meine, der Mann, der unseren Herrn wegholte. Hätt' er doch lieber die Madame mitgenommen! Die würde niemand vermißt haben.«

»Was schwatzen Sie für ungereimtes Zeug!« unterbrach ihn Harding. »Können Sie denn absolut nicht vernünftig sprechen?«

»Ich weiß ganz genau, was ich sage,« entgegnete Chipperfield gekränkt, »'s ist wieder so 'ne mysteriöse Entführung bei uns gewesen. O, ich dacht's mir gleich, daß was passieren würde, als ich ihn auf dem Platz herumlungern sah.«

»Wen sahen Sie?« fragte Harding, aufmerksam werdend. »Doch nicht den Fremden, der Herrn Windham am Tage seines Verschwindens besuchte?«

»Jawohl,« nickte Chipperfield, »wenn er auch nicht gerade so aussah. Aber der kann ja jede Gestalt annehmen. Damals war er schwarz und mager, diesmal ein rothaariger Riese – über sechs Fuß hoch.«

»Sind Sie dessen ganz sicher?« fragte Harding interessiert. »Warum sind Sie ihm denn nicht nachgegangen?«

Der Diener bekreuzigte sich. »Gott bewahre mich vor so was! Meinen Sie, ich möcht' mich vor der Zeit wegholen lassen? Ich gewiß nicht. Wer hätt's aber gedacht, daß der Böse über so'n junges, unschuldiges Wesen Macht haben würde!«

»Wenn das alles ist, was Sie mir zu sagen haben,« bemerkte Harding gleichmütig, »so bedaure ich, Ihnen nicht helfen zu können. Wie hat denn Frau Windham diesen Vorfall aufgenommen?«

»O, sie war wie ein wildes Tier,« berichtete Chipperfield. »Hat sich natürlich gleich mit ihrem Freund, dem Reverend Mauler, beraten und da hab' ich was gehört, weshalb ich mir erlaubte hierherzukommen, um Sie rechtzeitig zu warnen.«

»Na, dann nur heraus damit!« drängte Harding.

»Der Reverend,« berichtete Chipperfield mit wichtiger Miene, »sagte nämlich der Madame, er kenne einen Privatdetektiv, der die junge Dame sicher finden würde, wenn man ihn auf ihre Spur brächte.«

»Das ist aber gar nicht so leicht zu machen,« wandte die Madame ein.

Der Reverend zwinkerte jedoch mit seinen Schellfischaugen und sagte: »Gar nicht so schwer; wenn Sie meinen Agenten beauftragen würden, diesen Herrn Harding zu überwachen, könnten Sie bald erfahren, wo das irregeleitete junge Mädchen hingeraten ist.«

»Das ist eine gute Idee,« lobte die Madame. »Besorgen Sie mir gleich den Detektiv, schärfen Sie ihm ein, Harding Tag und Nacht zu überwachen und – –«

»Meine liebe Schwester im Herrn,« hat der Reverend sie unterbrochen, »es widerstrebt zwar meinen Gefühlen, darüber zu sprechen, aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß der Detektiv die Sache nur gegen eine bestimmte Summe Geldes übernehmen würde.«

Die Madame schien das zu begreifen, denn sie ging gleich an eine Schublade und nahm eine Zehnpfundnote heraus. Damit war der Reverend aber nicht zufrieden. Er behauptete, Detektivs seien habgierige Leute, die sich teuer bezahlen ließen. Unter fünfzig Pfund würde sich niemand mit der Sache befassen. Die Madame machte ein Gesicht, als zög' man ihr 'nen Zahn, aber sie gab dem Reverend wirklich einen Check und – –«

»Halt, mein Bester!« fiel Harding ein. »Ich glaube kaum, daß man Sie eingeladen hatte, dieser Unterredung beizuwohnen – wie geht es also zu, daß Sie so genau unterrichtet sind?«

»O sehr einfach,« erklärte Chipperfield würdevoll. »Die Türe stand halb offen und so konnte ich alles hören, was gesprochen wurde.«

»Gut. Sie behaupten aber auch, verschiedenes gesehen zu haben.«

»Ganz recht. Der Spiegel in der Bibliothek reflektiert alles, was dort geschieht, im Spiegel des Speisezimmers, wo ich beschäftigt war. Folglich hörte und sah ich, was vorging, ohne im geringsten zu spionieren.«

Die letzten Worte entlockten Harding unwillkürlich ein Lächeln. »So, so!« sagte er. »Spiegel und Akustik waren Ihre Bundesgenossen. Sie haben aber einen großen Fehler gemacht, Chipperfield, daß Sie hierhergekommen sind. Das wird sicher bemerkt werden.«

Der Diener blinzelte schlau mit den Augen. »Eh, so dumm bin ich doch nicht. Herr Mauler konnte den Check noch nicht flüssig machen, weil die Banken um diese Zeit geschlossen sind. Vor morgen hat's keine Gefahr, daß Sie überwacht werden.«

»Sie mögen recht haben,« gab Harding zu, »allein es ist besser, Sie halten sich jetzt nicht länger auf. Noch eine Frage: Hörten Sie auch den Namen des Detektivs, der engagiert werden soll?«

»Jawohl. Jasper Pinkerton.«

»Danke schön! Nun gehen Sie aber. Sie haben Fräulein Burton einen guten Dienst geleistet. Da nehmen Sie das für ihre Bemühung –« er drückte ihm einen Sovereign in die Hand – »wenn Sie die Augen offen halten, soll's nicht Ihr Schaden sein.«

Schmunzelnd steckte Chipperfield das Geld ein und entfernte sich dann, nachdem er versprochen hatte, auf alle Vorgänge am Deseret Square zu achten.

»Wie fatal!« murmelte Harding, als er sich allein sah, »nun läßt der Drache mich auch noch überwachen. Da heißt's doppelt vorsichtig sein. Ferrars darf mich jetzt nicht mehr besuchen, denn sonst spüren sie seinen Verkehr mit Evelyn aus. Alles muß schriftlich abgemacht werden. Die Geschichte wird wahrhaftig immer dunkler. Der Herr Lucifer und die Frau, die Evelyn so merkwürdig gleicht, sind verschwunden. An ihrer Stelle taucht nun ein rothaariger Riese auf. Windham ist der einzige, der den Schlüssel zu dem Rätsel in Händen hält und doch weiß ich nicht, wie ich ihn finden soll. Vor allem werde ich gleich an Ferrars schreiben, um ihn zu warnen.«

Er warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt Papier, das er hastig in ein Kuvert schob. Dabei stieß er in der Eile ein Bündel Zeitungen vom Tisch. Ordnungsliebend, wie er war, hob er die zerstreuten Blätter auf. »Holla!« rief er plötzlich aus, »daß ich nicht längst daran gedacht habe! Ich werde ein Inserat in die Zeitung setzen. Vielleicht fügt's der Zufall, daß Windham es zu Gesicht bekommt.«

Nach kaum fünf Minuten war die Annonce fertig. »Noth Square möchte dringend mit P. W. korrespondieren. Größte Verschwiegenheit zugesichert. Adresse: Lucifer, Expedition der Daily News.«

»So –« dachte Harding, wenn ich damit nicht ans Ziel komme, dann glaube ich wirklich, daß die Geschichte nicht ganz geheuer ist.«


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