Autorenseite

 << zurück weiter >> 

9. Kapitel

In Frau Carters Pension herrschte einige Aufregung, hervorgerufen durch einen neuen Pensionär, der sich Garda Torena nannte und vorgab, er sei aus Südamerika gekommen, um im Auftrag des Kriegsministers Experimente mit einem von ihm erfundenen Schießmaterial zu machen. Der Oberst – dies war sein Rang – hatte dunkle, stechende Augen und einen pechschwarzen Schnurrbart, der ihm fast etwas Unheimliches gab. Er verstand es aber, sich den übrigen Gästen angenehm zu machen und sogar Fräulein Holts Sympathie zu erringen, indem er ihr erzählte, ihr reizendes Hündchen ähnele auf ein Haar einer nur in Chile existierenden, außerordentlich wertvollen Hunderasse, die von den Eingeborenen sogar als Gottheit verehrt werde. Den Major unterhielt er mit den unglaublichsten Abenteurergeschichten aus seiner Militärzeit und die übrigen Tischgäste gewann er durch einige Flaschen Champagner, ein seltener Genuß in Frau Carters Pension. Nur gegen Evelyn Burton verhielt er sich äußerst zurückhaltend; er vermied es geradezu, ein Wort mit ihr zu wechseln.

Der einzige in der Gesellschaft, der ihn mit mißtrauischen Blicken betrachtete, war Hauptmann Carter, und da ihm dies nicht entging, so wartete er einen günstigen Augenblick ab, ihn anzureden. »Kann ich Sie ein paar Minuten allein sprechen?«

Carter verspürte zwar keine Lust, sich mit dem Fremden einzulassen, wagte es aber doch nicht, ihn abzuweisen. Er öffnete daher die Türe seines Privatzimmers, doch der Oberst wehrte ihm mit zynischem Lächeln. »Nicht hier,« sagte er halblaut. »Wände haben Ohren! Das ist ein altes Sprichwort. Gehen wir auf die Straße hinaus und erlauben Sie mir, Ihnen eine Zigarette anzubieten, die Ihnen sicher behagen wird.«

»Sie besitzen ein sehr gutes Gedächtnis für Menschen?« fragte Garda Torena, sobald sie im Freien waren.

»Jawohl,« lautete die in grobem Ton gegebene Antwort, »aber ein sehr schlechtes für Örtlichkeiten, sonst hätte ich mich erinnert, wo ich Sie schon gesehen habe. Jedenfalls nicht in anständiger Gegend. Als angesehener Mann kann ich keine zweideutigen Personen in meinem Hause dulden; je eher Sie dasselbe daher verlassen, desto angenehmer wird es mir sein.«

»Ah, Sie sind jetzt –« Garda betonte dies Wort – »ein angesehener Mann? Dann müssen Sie sich aber in den letzten zehn Jahren sehr verändert haben.«

Der Hauptmann nahm eine entrüstete Miene an. »Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er auf. »Wie dürfen Sie sich unterstehen – –«

»Nur nicht so aufgeregt, mein Lieber,« unterbrach ihn Garda mit kalter Ruhe. »Gestatten Sie mir vorerst, Ihr Gedächtnis ein wenig aufzufrischen. Erinnern Sie sich nicht mehr an Sarmeuse-sur-Marne?«

Eine jähe Blässe überzog das Gesicht des Hauptmannes; dennoch erwiderte er in festem Ton: »Kenne ich nicht. War nie dort.«

»So?« lautete die ironische Entgegnung. »Ich besinne mich aber sehr genau, daß dort ein Engländer wegen Beraubung eines jungen Franzosen zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt wurde, und dieser Engländer hieß Carter.«

»O, das war ein ganz ungerechtes Urteil,« äußerte der Hauptmann unbedacht. »Wie kann man von Franzosen einem Engländer gegenüber auch etwas anderes erwarten. Wenn Sie mich aber so genau kennen, so waren Sie wohl mit mir hinter Schloß und Riegel?«

»Keineswegs. Ich gehörte einer Akrobatentruppe an, wohnte der Gerichtsverhandlung bei und befand mich in der ersten Reihe des Zuhörerraums, sodaß Sie mich wahrscheinlich bemerkt und im Gedächtnis behalten haben. Ich denke, wir verstehen uns nun, und Sie werden nicht mehr darauf dringen, daß ich Ihr Haus verlassen soll.«

»Meinetwegen bleiben Sie,« gab Carter mürrisch zurück. »Nur benehmen Sie sich anständig wegen der anderen Gäste.«

Garda Torena lachte zynisch. »Seien Sie unbesorgt; ich werde Ihnen keine Störung verursachen. Eine Frage dürften Sie mir aber noch beantworten. Zu welcher Stunde des Tages ist Ihr Haus gewöhnlich leer?«

»Möchten Sie etwa die Zimmer ausplündern?« spöttelte Carter.

»Beantworten Sie erst meine Frage, dann gebe ich Ihnen auch Bescheid.«

»Nun, so gegen halb elf Uhr vormittags ist das Haus ziemlich ausgestorben. Fräulein Holt führt dann ihren Hund spazieren, der Major wandert in seinen Klub, die Geschäftsleute sind längst in der City und die Mount Chestertons gehen auf die Geldjagd. So bleibt nur meine Frau – und die Dienerschaft natürlich.«

»Könnte Frau Carter nicht auch unter irgendeinem Vorwand zu einem Ausgang veranlaßt werden? Ich möchte nämlich mit Fräulein Burton allein sein.«

Der Hauptmann sah seinen Begleiter verdutzt an. »Sie sind doch nicht etwa ein Detektiv?« fragte er mißtrauisch. »Wir merkten alle, daß bei ihr etwas dahinter steckte.«

»Nicht in dem Sinne, wie Sie es annehmen,« erklärte Garda Torena. »Die Sache liegt ganz einfach. Fräulein Burton verließ ihre Angehörigen, weil man sie zu einer ihr verhaßten Heirat zwingen wollte. Ich bin ihr begünstigter Freier, wollte sie aber nicht eher aufsuchen, bis alle Hindernisse aus dem Wege geräumt waren.«

Das Gesicht des Hauptmanns zeigte deutlich, daß er diesen Worten nicht den geringsten Glauben schenkte. »So?« sagte er scharf, »und wer ist denn der andere, der so oft zu ihr kommt?«

»Welcher andere?« fragte Garda, für einen Augenblick alle Vorsicht vergessend.

»Nun, Hamilton Ferrars, ein früherer Verehrer meiner Frau. Seit das Fräulein bei uns ist, treibt er sich hier herum. Dachte schon, der sei der Erwählte.«

»Nein, das ist ganz in Ordnung,« versicherte der Oberst, obgleich er Ferrars Namen nie gehört hatte. »Der junge Mann brachte Fräulein Burton Nachricht von mir. Also, Freundchen,« fügte er schlaublinzelnd hinzu, »wenn ich den Mund halte, wollen Sie dann die Augen zumachen?«

»Darauf kann ich nicht eingehen,« weigerte sich Carter. »Die junge Dame ist unter meinem Dach, folglich auch gewissermaßen unter meinem Schutz und – –«

»Würde Ihnen dies für kurze Zeit die Augen zuhalten?« unterbrach ihn Garda, indem er ihm eine Fünfpfundnote vorhielt.

Carter griff gierig danach. »Ich habe aber zwei Augen,« bemerkte er.

Die schlagfertige Äußerung gefiel dem Obersten; lachend händigte er dem so leicht Bestechlichen eine zweite Note ein.

»Ich kann also morgen auf volle Ungestörtheit rechnen?« fragte er in dringlichem Ton.

»Ganz bestimmt,« versicherte Carter. Und was meine Frau anbetrifft, so nehme ich sie morgen mit zur Stadt; sie wollte mir schon längst ein Kistchen Zigarren kaufen.«

»Gut,« nickte Garda, »ich verlasse mich auf Sie. – –«

Carter hielt wirklich Wort.

Gegen halb elf Uhr waren sämtliche Insassen der Pension ausgeflogen, nur Evelyn Burton saß im Wohnzimmer, ein Buch in der Hand. Sie las jedoch nicht; ihre Gedanken weilten bei Ambrose Harding, mit dem sie nun bald vereint sein würde, und bei ihrem Onkel, der das Inserat noch nicht beantwortet hatte.

Still vor sich hingrübelnd fuhr sie erschrocken auf, als plötzlich der chilenische Oberst eintrat. Er schloß behutsam die Tür hinter sich und dicht an Evelyn herantretend, sagte er halblaut: »Welch ein glücklicher Zufall, daß ich Sie allein treffe. Nur Ihretwegen bin ich in dieses Haus gekommen.«

Evelyn richtete sich hochfahrend auf; das Wesen des Obersten hatte ihr von Anfang an mißfallen. »Ich wüßte nicht,« entgegnete sie kühl, »was Sie mir zu sagen hätten. Ich kenne Sie auch nicht und entsinne mich auch nicht, je Ihren Namen gehört zu haben.«

»Ganz recht, mein Fräulein,« nickte Garda, »Sie tun sehr wohl daran, vorsichtig zu sein. Ich kann Sie jedoch völlig beruhigen, denn ich bin nur Überbringer einer Botschaft, die mir anvertraut worden ist.«

»Ich weiß niemand, der Sie zu mir geschickt haben könnte. Irren Sie sich nicht vielleicht in der Person?«

»Durchaus nicht,« gab der Oberst zurück. »Haben Sie wirklich nicht jemand, von dem Sie getrennt sind, jemand, dem Sie Botschaft sandten?« Damit reichte er ihr das Zeitungsblatt, in welchem ihr Inserat stand.

»Wie?« rief sie in freudiger Überraschung, »kommen Sie von meinem Onkel?« Im nächsten Augenblick jedoch erinnerte sie sich an Ferrars Warnung und so fügte sie zurückhaltender hinzu: »Es ist doch sonderbar, daß mein Onkel mir nicht geschrieben hat.«

»Wenn Sie erlauben, mein Fräulein,« entgegnete Garda, »werde ich Ihnen alles erklären.« Er ließ sich an Ihrer Seite nieder und fuhr fort: »Sie wissen ja selbst, daß die Ehe Ihres Onkels keine glückliche ist. Jahrelang ertrug er die Tyrannei seiner herrschsüchtigen Frau mit größter Geduld, doch endlich wurde es ihm zuviel und er faßte den Entschluß, sich aus diesem Sklavenjoch zu befreien. Sobald er alle nötigen Vorbereitungen getroffen, verließ er sein Haus, einen Brief hinterlassend, der den Zweck hatte, die Zurückgebliebenen irre zu führen. Ich war es, der ihm meldete, daß alles bereit sei.«

»Wie?« unterbrach ihn Evelyn, »Sie sind Herr – –«

»Lucifer,« ergänzte der Oberst mit einer Verbeugung. »Ja, mein Fräulein, es war verabredet, daß ich diesen Namen annehmen sollte. Ihr Onkel selbst wünschte es. Er will nun England verlassen und sich in Südamerika ein neues Heim gründen. Natürlich möchte er, daß Sie ihn dorthin begleiten.«

Evelyn hatte erstaunt zugehört. »Aber Ambrose – unsere Hochzeit – wie soll das werden?« stammelte sie.

Lucifer – denn er war es – wußte zwar nichts von Hardings Existenz, dennoch kam ihm seine Geistesgegenwart rasch zu Hilfe. »Eben wegen Ihrer Heirat möchte Herr Windham Sie sprechen,« erklärte er. »Die Hochzeit soll baldigst stattfinden, damit Ihr Gatte Sie begleiten kann. Wollen Sie mit mir zu Ihrem Onkel gehen? Er sehnt sich so sehr nach Ihnen.«

Evelyn überlegte. Alles, was der Mann vorbrachte, klang so wahr, so glaubhaft, daß jeder Argwohn aus ihrer Seele schwand. Dennoch zögerte sie, eingedenk der Warnung Ferrars. »Wo befindet sich mein Onkel?« forschte sie.

»In einem Hause, das mir gehört; es liegt ziemlich entfernt an den Themsewerften, paßt aber Herrn Windham, weil er viel mitnehmen will.«

»Weshalb hat er mir nicht ein paar Worte geschrieben?« fragte Evelyn nochmals.

»Weil er sich ein wenig die Hand verstauchte, als er eine Kiste rücken wollte,« entgegnete Lucifer. »Sie scheinen mir noch immer nicht recht zu trauen, mein Fräulein. Wenn ich Ihnen jedoch dies hier zeige –« er zog einen goldenen Siegelring mit den eingravierten Buchstaben P. W. aus der Westentasche – »so werden Sie mir wohl glauben.«

»Onkel Percys Ring!« rief das junge Mädchen aus. »Jetzt kann ich allerdings nicht länger zweifeln. Soll ich gleich mit Ihnen gehen?«

»Es wäre gut, keine Zeit zu verlieren,« nickte der Elende, innerlich über das Gelingen seines bübischen Planes frohlockend. »Ihr Onkel sehnt sich so sehr nach Ihnen.«

»In zehn Minuten werde ich fertig sein,« versprach Evelyn, rasch das Zimmer verlassend.

Der Diener sowie zwei der Stubenmädchen sahen sie bald darauf mit dem »Oberst Garda Torena« fortgehen, fröhlich plaudernd und strahlenden Blickes. Sie schüttelten wohl verwundert die Köpfe darüber, dachten aber an nichts Böses.

Ahnungslos folgte Evelyn ihrem Entführer, der an der nächsten Station zwei Billets löste. »Wir fahren bis zur Moorgate Street,« erklärte er ihr, »und nehmen dann einen Wagen.«

Hätte Evelyn seine Gedanken lesen, hätte sie hören können, wie er triumphierend murmelte: »Der Vogel sitzt im Netz!« sie wäre sicher keinen Schritt weiter gegangen, so aber lief sie blindlings in ihr Verderben.

Die Fahrt war eine lange, doch Evelyn merkte es kaum; sie dachte beständig an ihren Onkel und an die Freude des Wiedersehens. Was würden Ambrose und Ferrars sagen, wenn sie von ihr Nachricht über den Vermißten erhielten? Und wie herrlich würde es sein, mit denen, die sie liebte, in ein fernes Land zu ziehen – ohne Tante Leah!

Das Halten des Wagens schreckte sie aus ihren wonnigen Zukunftsträumen. Überrascht und zugleich erschrocken blickte sie auf. Wo hatte Ihr Begleiter sie hingeführt? Die Leute auf der Straße sahen ja so zerlumpt, so verkommen aus! Und was für schmutzige, baufällige Häuser hier standen! In einer solchen Gegend war sie noch nie gewesen.

Bevor sie jedoch eine Frage äußern konnte, hatte Lucifer ihr aus dem Wagen geholfen und an das Tor gepocht. Nach einer Weile hörte man das Zurückschieben der Riegel; die Torflügel drehten sich in ihren Angeln und die furchterregende Gestalt des Riesen wurde sichtbar.

Bei seinem Anblick stieß Evelyn einen leisen Schrei des Entsetzens aus. In der Tat konnte Anaks Erscheinung Schrecken verursachen, denn seine Augen rollten unheimlich, seine Gesichtsmuskeln zuckten krampfhaft und das brennendrote Haar klebte an der schweißbedeckten Stirn.

»Hast Du wieder getrunken, Dummkopf?« raunte Lucifer ihm zornig ins Ohr, nachdem er Evelyn durch die Erklärung, Anak sei ein ganz harmloser Idiot, beruhigt hatte.

»Ich war die ganze Zeit nüchtern,« entschuldigte sich der Riese. »Aber mir ist so sonderbar im Kopf. Ich halt's nicht mehr aus.«

»Schweig!« befahl ihm Lucifer flüsternd und laut fragte er dann: »Wo ist Herr Windham? Seine Nichte möchte ihn gern sehen.«

Der Riese starrte ihn einen Augenblick verständnislos an, wies dann mit der Hand nach der Scheune und wollte etwas erwidern. Ein zorniger Blick seines Herrn ließ ihn jedoch verstummen.

»Ich will wissen, wo Herr Windham ist?« wiederholte Lucifer mit scharfer Betonung.

Anak schien jetzt zu verstehen, was er gefragt wurde, denn er antwortete im Tone eines Kindes, das seine Lektion aufsagt: »Herr Windham ist im Hause; er hat den ganzen Tag nach dem Fräulein gefragt und sehnt sich sehr nach ihr.«

»So so!« nickte Lucifer zufrieden, »nun, er braucht nicht mehr lange zu warten. Kommen Sie, Fräulein Burton, wir wollen ihn suchen.«

Er führte Evelyn nach der Rückseite des Hauses und drückte auf einen Knopf neben der mit Eisen beschlagenen Eingangstüre. Geräuschlos öffnete sich dieselbe und nachdem Lucifer mit seiner Begleiterin eingetreten war, schloß sie sich von selbst wieder.

Ein Gefühl des Unbehagens, eine ungewisse Furcht vor einer drohenden Gefahr überkam Evelyn, als sie an Lucifers Seite die teppichbelegte Treppe emporstieg und ein kleines, geschmacklos möbliertes Zimmer betrat. Es enthielt nur ein rotes Plüschsofa, einen Tisch mit einer grellfarbigen Decke, auf der ein Wachsblumenbukett unter Glasglocke stand, ein paar steiflehnige Stühle und einige schlechte Kupferstiche in schwarzem Rahmen.

Die Luft roch nach Branntwein und Zigaretten und der Staub, der auf allen Möbeln lag, verriet, daß hier keine ordnende Hand waltete.

Eine Türe führte anscheinend in ein Nebenzimmer, während man vom Fenster aus einen Teil des Flusses übersehen konnte.

»Wo ist mein Onkel?« fragte Evelyn, unruhig um sich schauend.

»Er wird gleich kommen,« entgegnete Lucifer, indem er die Türe verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. »Vorher aber habe ich noch ein Wörtchen mit Ihnen zu reden, mein Fräulein.«

Evelyn erschrak bis ins innerste Herz, raffte aber ihren ganzen Mut zusammen und rief im Ton zorniger Entrüstung: »Was tun Sie da? Ich verlange, daß Sie sofort die Tür öffnen und mich zu meinem Onkel führen.«

»Auf Ehre!« bemerkte Lucifer mit zynischem Lächeln. »Solch ein kleiner Zorn steht Ihnen vorzüglich, mein Fräulein! Sie sehen reizend aus. Denken Sie aber ja nicht, daß ich Sie betrüge. Ich sagte Ihnen, wenn Sie hierherkämen, würde Ihre Heirat besprochen werden. Allerdings wird dies geschehen – jedoch nicht Ihre Verbindung mit jenem Ambrose, sondern mit – mir.«

Evelyn trat bestürzt einen Schritt zurück. »Sind Sie von Sinnen?« stammelte sie.

»So weit es sich um Ihre Reize handelt – ja!« lautete die kaltblütige Antwort. »Sehen Sie, mein Fräulein, als ich gewisse Erkundigungen über Ihren Onkel einzog, die zur Folge hatten, daß er hierherkam, erfuhr ich auch, daß Sie ein hübsches Vermögen besitzen. Da meine Geschäftsverbindung mit Ihrem Onkel ein wenig gefährdet ist und er sich aus ganz nebensächlichen Gründen beleidigt fühlt, so gibt es für mich kein besseres Deckungsmittel, als sein Schwiegersohn zu werden, das heißt: Sie zu heiraten, denn Sie sind Herrn Windhams legitime Tochter. Auf diese Weise halte ich den Trumpf in der Hand. Erstens erreiche ich damit Straflosigkeit für alles Geschehene; zweitens ein hübsches Weibchen; drittens ein großes Vermögen und viertens einen reichen Schwiegervater. Kommen Sie, liebe Evelyn – wenn ich Sie so nennen darf – sträuben Sie sich nicht, es würde Ihnen nichts nützen. Ihr Ruf ist vollständig ruiniert, erstens durch Ihre Anwesenheit hier und zweitens, weil Sie freiwillig mit mir gingen. Seien Sie überzeugt, daß die zungenfertige alte Dame bereits weit und breit erzählt hat, Fräulein Evelyn Burton sei mit einem Fremden, den sie nur einen Tag gesehen, davongelaufen.«

»Sie Schurke!« unterbrach ihn Evelyn empört. »Niemand, der mich kennt, wird das glauben.«

»Mein liebes Fräulein,« erwiderte Lucifer ironisch, »ich fürchte, Sie werden finden, daß Ihre Freunde die ersten sind, Schlechtes von Ihnen zu glauben. Das ist so der Welt Lauf. Doch wir wollen uns nicht darüber streiten. Jedenfalls steht fest, daß Sie rettungslos kompromittiert und gleich Ihrem Onkel, wollte sagen Ihrem Vater, in meiner Gewalt sind. Was Sie nicht um Ihrer selbstwillen tun wollen, werden Sie vielleicht für ihn tun. Überdies besitze ich hinreichende Mittel, Widerspenstige zu zähmen.«

»Ich glaube Ihnen gar nicht, daß mein Onkel hier ist,« rief Evelyn, zwar bleich und zitternd, aber mit einer Furchtlosigkeit, die ihrem Entführer imponierte. »Bringen Sie mich zu ihm und was er mir sagt, werde ich tun. Verlangt er, daß ich ein Leben der Schande und Entehrung auf mich nehme, so will ich gehorchen, denn er war stets gut gegen mich und ich bin ihm Dank schuldig.«

»Sehen Sie sich vor, was Sie sagen,« erwiderte Lucifer ärgerlich. »Schande, Entehrung sind nicht die passenden Worte, wenn ich Ihnen meine Hand anbiete. Wie ich Ihnen bereits erklärte – Ihr Ruf ist total ruiniert und Sie müßten Gott danken, wenn noch jemand Sie zu einer ehrlichen Frau machen will.«

Während er diese brutale Bemerkung machte, vernahm Evelyn ein leises Geräusch hinter sich. Sie wandte sich hastig um und gewahrte in der halbgeöffneten Tür des Nebenzimmers eine Frau, deren Gesicht, wie sie trotz ihrer Erregung wahrnahm, dem ihrigen merkwürdig glich.

Auch Lucifer hatte die Frau eintreten sehen. Mit einem unterdrückten Fluch rief er ihr zu: »Wie kommst Du hierher? Ich dachte, Du seist nach Margate gefahren.«

Das Weib ließ seine Frage unbeachtet. »Wen willst Du zu einer ehrlichen Frau machen?« fuhr sie ihn an. »Hast Du nicht mir die Ehe versprochen?«

Evelyn, die rasch die Situation überschaute, faßte neuen Mut. »Ich bin die Nichte des Mannes, den man hierhergelockt hat,« wandte sie sich zu der Fremden, »und dieser Mensch hat die Frechheit, mich zwingen zu wollen, ihn zu heiraten. Außerdem hat er gedroht, meinen Onkel schlecht zu behandeln, um mich gefügig zu machen.«

»O Jim,« rief die Frau in vorwurfsvollem Ton, »hast Du das wirklich getan nach allem, was Du mir versprochen? Du wolltest doch, wenn wir das Geld erhielten, mit mir nach Amerika auswandern, um dort ein besseres Leben zu führen.«

Ihre bittende Stimme machte nicht den geringsten Eindruck auf den Schurken, den die Durchkreuzung seiner nichtswürdigen Pläne in Wut versetzte.

»Wie darfst Du es wagen, Dich einzumischen?« fuhr er sie barsch an. »Geh' und laß mich mit dem Mädchen allein.«

Die Frau ließ sich aber nicht einschüchtern. »Hassen Sie ihn wirklich?« wandte sie sich mit lauerndem Blick zu Evelyn.

»Wie können Sie mir solch eine Frage stellen?« rief Evelyn entrüstet. »Ich hasse, ich verabscheue ihn.«

»Wenn Du Dich nicht gleich entfernst, werfe ich Dich die Treppe hinunter,« schrie Lucifer mit zornfunkelnden Augen, die Hand zum Schlag erhoben. Doch die Frau entzog sich rasch seiner Wut. Bevor er noch ihre Absicht merkte, hatte sie Evelyn ins Nebenzimmer gedrängt, sich dann selbst dahin geflüchtet und die Türe hinter sich verschlossen.

Diese Überlistung versetzte Lucifer in sinnlosen Zorn. Er schlug mit den Fäusten gegen die Türe, daß Evelyn erschreckt zusammenfuhr.

»Brauchen sich nicht zu fürchten,« sagte ihre Gefährtin, zwei eiserne Riegel vorschiebend. »Eindringen kann er unmöglich und ich habe hier Nahrung genug, um drei Tage lang eine Belagerung auszuhalten.«

Inzwischen hatte Lucifer den Mund ans Schlüsselloch gelegt. »Du hast keinen Ausgang als durch dieses Zimmer,« rief er der Frau drohend zu, »und ich werde hier Wache halten, bis Du herauskommst oder verhungert bist. Und Ihnen, sprödes Fräulein, gebe ich bis morgen Bedenkzeit. Wenn Sie dann noch störrisch sind, soll Ihr Vater es zu büßen haben.«

»Kümmern Sie sich nicht um seine Reden,« flüsterte die Frau Evelyn zu, »bedrohte Leute leben immer lange. Erzählen Sie mir, wie Sie hierhergekommen sind, vielleicht kann ich Ihnen helfen.« Etwas im Klang Ihrer Stimme flößte dem jungen Mädchen Vertrauen ein; rückhaltlos erzählte es alles, was sich seit jenem verhängnisvollen Sonntag zugetragen hatte.

Teilnehmend hörte die Fremde zu, ohne jedoch eine Bemerkung zu machen. Erst als Evelyn geendet, sagte sie nach kurzer Überlegung: »Schreiben Sie an Ihren Verlobten; ich werde schon Mittel finden, den Brief in seine Hände zu befördern.«

Sie reichte ihrer Gefährtin Bleistift und Papier; als aber Evelyn das Billett an Hamilton Ferrars adressierte, weil sie wußte, daß Ambrose noch nicht nach London zurückgekehrt war, fragte sie mißtrauisch: »Sagten Sie mir nicht, Ihr Verlobter hieße Harding?«

Evelyn erklärte ihr die Ursache und die Frau gab sich damit zufrieden. »So,« sagte sie mit kurzem Auflachen, »Jim vergaß das Fenster und daß ich so gut zu klettern verstehe wie er. Sobald es dunkel wird, besorge ich den Brief. In der Zwischenzeit sollten Sie zu schlafen versuchen; etwas Ruhe tut Ihnen not.«

»Sie werden mich doch nicht allein lassen?« stammelte Evelyn erschrocken. »Ich würde ja vor Angst sterben.«

»So wenig Mut traue ich Ihnen nicht zu,« entgegnete die Frau. »Auf jeden Fall lasse ich Ihnen diese doppelläufige Pistole. Sollte Jim versuchen einzudringen – was aber unmöglich ist – so drücken Sie nur auf den Hahn und sein Leben ist in Ihrer Hand. Wir wollen jetzt etwas essen und dann mache ich mich auf den Weg. Wie gut, daß Anak den bissigen Hund beseitigt hat; vor dem habe ich mich immer gefürchtet.«

Evelyn zwang sich, eine Kleinigkeit zu genießen und sobald es dunkel geworden, rüstete sich ihre Gefährtin zu dem nächtlichen Botengang. Zuerst zog sie ein starkes, mit Knoten versehenes Seil unter dem Bett hervor, befestigte es an einem Eisenhaken vor dem Fenster und ließ es zur Erde herabhängen. Alsdann legte sie das Kostüm an, in welchem sie im Zirkus ihre akrobatischen Produktionen ausgeführt hatte, schnürte ein Kleid, einen langen Mantel und einen Hut zusammen und warf das Bündel in den Hof hinab. »Zum Glück weiß ich, wo die Akropolis Studios sind,« sagte sie, sich von Evelyn verabschiedend. »Bleiben Sie ganz ruhig und fürchten Sie sich nicht, Jim kann Ihnen nichts anhaben. Übrigens werde ich bald wieder hier sein.«

Sie öffnete geräuschlos das Fenster, ergriff das Seil und glitt mit der Geschicklichkeit einer Akrobatin von Beruf zur Erde hinab, gleich darauf im Dunkel der Nacht verschwindend. Mehr als einmal versuchte Lucifer in den nächsten Stunden mit Anaks Hilfe die Türe zu sprengen. Doch diese widerstand all seinen Anstrengungen. Und so aufmerksam er auch lauschte, drinnen blieb alles still. Evelyn gab keinen Laut von sich: im heißen Gebet erflehte sie den Schutz des Himmels für sich und ihren Onkel und erwartete sehnsüchtigen Herzens die Rückkehr der seltsamen Frau, die versprochen hatte, ihr Hilfe zu bringen.


 << zurück weiter >>