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Letztes Kapitel.

Schluß dieser Geschichte.

Von diesem Tag an gewann Gertruds Stimmung wieder die gewohnte Heiterkeit, und die ganze folgende Woche hindurch kam sie nie wieder auf ihr bevorstehendes Schicksal zurück; noch einmal schien sie der nahen Begrenzung desselben unkundig geworden zu sein. Vielleicht daß sie, bis zum letzten Hauch für Trevylyan besorgt, keine Trübung weiter auf ihre irdische Trennung werfen wollte; vielleicht auch daß, die Gewißheit ihres Verhängnisses einmal fest ins Auge gefaßt, seine Schrecken verschwanden. Die Saiten der Gedanken, bei der leisesten Bewegung zitternd, können durch einen einzigen Vorfall oder in einer einzigen Stunde umgestimmt werden: ein Klang heiliger Musik, ein grüner stiller Begräbnißplatz vermag die Gestalt des Todes zu einem Engel umzuwandeln. Weise und mit schöner Lehre für uns entkleideten daher die Griechen das Grab seiner unwirklichen Düsterkeit; weise verkörperten sie den großen Gedanken der Ruhe durch festliche, liebliche 138 Bilder – unbewußt des nordischen Wahnsinns, der ein Gespenst aus dem stillen Schlummer machte!

Aber während Gertrudens Stimmung den Ton der Gesundheit wieder gewann, nahm ihr Körper rasch ab, und wenige Tage reichten jetzt zu einer Verwüstung hin, wozu kurz vorher Monate nöthig gewesen.

Eines Abends stieß Trevylyan, der allein ausgegangen war, um den Vorstellungen nachzuhängen, die er in Gertruds Gegenwart zu ersticken suchte, unter den verödeten Ruinen des Schlosses plötzlich auf Vane. Einsam stand der ruhige, fast verhärtete Zögling des Ungemachs der Welt da und betrachtete die zertrümmerten Fenster und den gespaltenen Thurm, durch welche die Sonne eben ihren schiefen Scheidestrahl warf.

Trevylyan, der diesen kalten, unerregbaren Menschen von jeher nur um Gertrudens willen geliebt hatte, fühlte jetzt bei dem Gedanken, daß der Alte in solchem Moment, wo der Tod an der Blüthe seines Hauses schwelgte, noch ruhig seyn und lächeln und grübeln und moralisiren und das gemeine Spiel der Welt spielen konnte, beinah einen Haß über sich hinrieseln. Langsam schritt er auf ihn zu, stellte sich hart vor ihn und sagte mit hohler Stimme und verzerrtem Lächeln: »Sie unterhalten sich angenehm, Herr: das ist ein schöner Prospekt, und über einen seit Jahrhunderten zum Schlummer gebrachten Schmerz zu sinnen ist besser, als ein krankes Mädchen zu hüten und die Angst in ihrem Herzen nagen zu lassen.«

Vane sah ihn ruhig aber aufmerksam an und gab keine Antwort.

»Vane!« fuhr Trevylyan mit derselben gewaltsam erzwungenen Kaltblütigkeit fort, »Vane, in wenigen Tagen wird Alles vorüber seyn, und Sie und ich, die Dinge, die Mächler, die unrechten Menschen der Welt, werden allein bleiben – verlassen von dem einzigen Wesen, das unser dumpfes Leben schmückte, das nur durch seine Liebe Jeden von uns eines Gedankens werth machte.«

139 Vane fuhr zusammen und wandte das Gesicht ab. »Sie sind grausam,« sprach er mit bebender Stimme.

»Was, Mensch,« schrie Trevylyan laut auf und packte ihn jählings beim Arm, »kannst Du fühlen? ist Dein kaltes Herz gerührt? So komm,« setzte er mit wildem Lachen hinzu, »so komm, da müssen wir Freunde seyn!«

Vane trat mit einer gewissen Würde zurück, die selbst in solchem Augenblick auf Trevylyan einwirkte. »In einigen Jahren,« sprach er, »wird man Sie kalt nennen, wie mich; Kummer wird Sie die Weisheit der Affektlosigkeit lehren; es ist eine bittere Schule, Herr, eine bittere Schule! Aber meinen Sie, ich sähe wirklich ungerührt meine letzte Hoffnung zertrümmern? – das letzte Band, das mich an mein Geschlecht bindet? Nein, nein! ich fühl' es, so sehr ein Mensch fühlen kann; – und ich verberg mein Gefühl, wie es einem unter Unglück ergrauten Manne geziemt; Mein Kind ist mir mehr, als Ihnen Ihre Braut; denn Sie sind jung und reich, und das Leben lächelt vor Ihnen; aber ich . . . . . nichts weiter, mein Herr, nichts weiter.«

»Verzeihen Sie mir,« entgegnete Trevylyan demuthvoll. »Ich hab Ihnen Unrecht gethan, aber Gertrud ist eine Entschuldigung für jeden Frevel aus Liebe; und hören Sie jetzt meine letzte Bitte – geben Sie Ihre Tochter mir – selbst am Rand des Grabes. Der Tod kann sie in den Armen – unter der Obhut einer Liebe, wie die meinige nicht fassen.«

Vane schauderte. »Es hieße einer Todten angetraut werden!« sprach er. – »Nein!«

Trevylyan wich von ihm und stürzte ohne ein weiteres Wort hinweg. Er kehrte nach der Stadt zurück; mit überlegter Ruhe suchte er den Eigenthümer des Grundstücks auf, in welchem beerdigt zu werden Gertrud gewünscht hatte. Er kaufte es und begab sich noch in der Nacht zu dem Geistlichen einer nah gelegenen Kirche, dem er auftrug, den Ort nach dem gehörigen Ritual zu weihen.

140 Der Geistliche, ein bejahrter, frommer Mann, ward über das Verlangen, wie über das Aussehen Dessen, der es vorbrachte, betroffen.

»Soll es sogleich geschehen, mein Herr?« fragte er zögernd.

»Sogleich,« erwiederte Trevylyan mit ruhigem Lächeln; »ein Bräutigam, wissen Sie wohl, ist stets ungeduldig.«

Die drei nächsten Tage befand sich Gertrud so übel, daß sie das Bett hüten mußte. Diese ganze Zeit über saß Trevylyan vor ihrer Thür, ohne ein Wort zu sprechen, kaum daß er den Blick vom Boden aufschlug. Das Gesinde ging ab und zu; – er bemerkte es nicht, vielleicht war er, als selbst die fremden Diener sich abwandten und die Augen wischten und Gott baten, ihn zu trösten, des Mitleids minder bedürftig, als zu jeder andern Zeit. Es gibt eine Betäubung im Leiden, und quallos schlummert das Herz, wenn es von Gram erschöpft ist.

Am vierten Tag aber stand Gertrud auf und ward (wie verändert und doch immer noch wie lieblich!) ins gemeinsame Zimmer hinabgetragen. Während jener drei Tage hatte der Geistliche sie mehrmals besucht, und ihr von Kindheit an von Religion durchdrungenes Gemüth war durch seinen Zuspruch unausdrückbar getröstet worden. Sie nahm Nahrung aus Trevylyans Hand; sie lächelte ihn so hold an, wie sonst. Sie sprach mit ihm, obwohl mit schwacher Stimme und nur auf kurze Augenblicke. Aber sie empfand keinen Schmerz; ihr Leben ebbte mählig und wehlos hinweg. »Mein Vater,« sagte sie zu Vane, dessen Züge noch die gewöhnliche Ruhe trugen, was im Innern auch vorgegangen seyn mochte; »ich weiß, Sie werden sich, wenn ich dahin bin, mehr grämen, als die Welt glaubt, denn ich allein weiß, was Sie vor Jahren gewesen, ehe die Freunde Sie verlassen und das Schicksal finster auf Sie geblickt hatte – und ehe meine arme Mutter starb. Aber nimmer, nimmer glauben Sie, daß Hoffnung und Trost mit mir von Ihnen scheiden. So lang der Himmel über der Erde weilt, wird es auch Trost und Hoffnung für Alle geben.«

141 Sie wohnten nicht in der Stadt, sondern hatten ihr Quartier, mit der Aussicht auf den Neckar, in der nächsten Umgebung genommen. Vom Fenster aus sahen sie jetzt ein leichtes Schifflein munter dahingleiten, bis es vorüber war und wieder Einsamkeit auf den Wellen lag.

»Das Schifflein entschwindet unsern Augen,« sprach Gertrud auf dasselbe zeigend, »aber stets gleitet es glücklich dahin, wenn wir es auch nicht mehr sehen, und ich fühle – ja, Vater, ich fühle, daß es so auch mit uns ist. Wir entgleiten den Menschenaugen auf dem Strom der Zeit, aber wir hören deßhalb nicht auf zu seyn!«

Und als jetzt die Dämmerung herabkam, drückte sie den Wunsch aus, man möge sie, ehe sie sich zur Ruhe lege, mit Trevylyan allein lassen. Er saß jetzt nicht mehr neben ihr, denn ihm fehlte der Muth dazu, sondern in einiger Entfernung mit abgewandtem Gesicht. Sie rief ihn beim Namen, aber er antwortete weder, noch wandte er den Kopf. So schwach sie war, erhob sie sich vom Sopha, schwankte leis über den Boden hin, bis sie bei ihm ankam und in seine Arme sank.

»Unfreundlicher!« sprach sie, »zum erstenmal Unfreundlicher, wendest Du Dich von mir ab? Komm, laß uns noch einmal auf den Fluß blicken! sieh, die Nacht dunkelt darüber. Unsre liebliche Reise, das Bild unsrer Liebe ist zu Ende; nicht mehr aufgerollt wird unser Segel. Nimmer vermag Deine Stimme die Müdigkeit der Kranken zu verscheuchen mit Mährchen und Gesang; die Bahn ist aus, das Schiff zerbrochen, die Nacht sinkt auf seine Trümmer herab; aber jetzt in dieser Stunde, liebe mich, sey freundlich gegen mich wie immer. Immer noch laß mich Deine Gertrud seyn – immer noch laß mich heute Nacht die Augen mit dem süßen Bewußtseyn schließen, geliebt zu seyn.«

»Geliebt! O Gertrud, sprich nicht also zu mir!«

»Horch! jetzt bist Du wieder Du selbst!« und mit schwachen Armen klammerte sie sich liebkosend an seine Brust. »Und nun,« sprach sie feierlicher, »laß uns vergessen, daß wir sterblich sind, laß uns gedenken, daß das Leben nur ein Theil, nicht das Ganze unsrer Bahn 142 ist: laß uns in dieser milden Stunde, so lang wir noch ungetrennt sind, die Gegenwart des Ewigen in uns fühlen; so daß die Trennung nicht wie Tod, sondern nur wie eine kurze Abwesenheit erscheine, und wenn einmal der Schmerz des Scheidens vorüber ist, mußt Du nur denken, daß wir uns in Kurzem wieder sehen! Was, Du wendest Dich noch immer von mir? Sieh, ich weine und zergräme mich nicht, ich habe die Qual der Trennung überwunden, willst Du von mir übertroffen werden? Erinnerst Du Dich, Albert, wie Du mir einmal erzählt, die erhabensten unter den alten Weisen hätten im Gefängniß und vor dem Tod ihre Freunde durch Beweise für die Unsterblichkeit der Seele getröstet? Ist sie kein Trost? – reicht sie nicht hin? oder hältst Du, was erhaben auf den Lippen der Weisheit ist, für nichtig auf den Lippen der Liebe?«

»Still, still!« rief Trevylyan wild, »oder mir wird, als wärest Du schon jetzt ein Engel!«

Doch schließen wir diese Unterredung und lassen die letzten heiligen Worte unenthüllt, welche die Beiden auf Erden wechselten.

Als Vane und der Arzt wieder leis ins Zimmer schlichen, winkte ihnen Trevylyan zu, still zu seyn. »Sie schläft,« flüsterte er, »Bst!« Und wirklich war sie abgemattet von den eignen Empfindungen und eingelullt von dem Glauben, sie habe Dem, bei welchem ihr Herz, wie immer, wohnte, Ruhe gegeben, an seiner Brust in Schlaf oder vielleicht in Ohnmacht gesunken.

Während sie hier so schön, so geknickt, so zart lag, verdüsterte sich das Zwielicht zur Dunkelheit, und der erste Stern brach, wie die Hoffnung der Zukunft, über die Finsterniß der Erde herein.

Nichts kam der äußern Stille gleich! – nichts als Das, was odemlos im Innern lag. Keiner von der Gruppe regte sich oder sprach, und der über die Schlummernde gebeugte Trevylyan wandte das Aug nie von ihrem Antlitz, betrachtete die geöffneten Lippen und glaubte, er trinke ihren Odem. Ach der Odem wehte nicht mehr! Vom Schlaf war sie ohne einen Seufzer zum Tod hiuübergegangen; selig, 143 unendlich selig in solchem Tod! geschmiegt in die Arme ungeänderter Liebe, erhellt im letzten Gedanken durch das Bewußtseyn der Unschuld und Gewißheit des Himmels.

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Nach langem Aufenthalt auf dem Kontinent kehrte Trevylyan nach England zurück. Er stürzte sich ins thätige Leben und ward, was man in diesem Zeitalter der kleinen Namen einen ausgezeichneten und berühmten Mann nennt. Was aber fortan in seinem Benehmen am meisten auffiel, war seine Unfähigkeit für Ruhe. Gierig griff er nach jeder Beschäftigung, selbst von der verschiedensten und buntesten Art – Oekonomie – Wissenschaften – politische Thätigkeit – Vergnügungen. Er ertrug keinen Stillstand auf seiner Bahn und Muße war für ihn, was Sorgen für Andere. In der Welt lebte er, wie die übrigen Menschen, seinen Obliegenheiten nachkommend, seine Neigungen befriedigend, seine Laufbahn erfüllend. Aber in seinem Innern hatte ein tiefer, winterlicher Wechsel stattgefunden; die Sonne seines Lebens war hinunter; der Duft der Phantasie hatte die Erde verlassen. Fest wie bisher stand der Stamm gegen den Sturm, aber das grüne Laub war auf immer von ihm gefallen, und der Vogel hatte seine Zweige verlassen. Einst hatte er die Schönheit angebetet, von welcher das Lied der Dichter singt; die Herrlichkeit und Glut, womit solche Gedanken umgeben sind, die unserer gemeinen Scholle nicht angehören; aber jetzt war der Born der Begeisterung versiegt und die goldne Schale war am Quell zerbrochen. Mit Gertrud hatte ihn die Poesie des Lebens verlassen. Eine Musik hatte, wie sie selbst ihren Hingang beschrieben, aufgehört, aus der Schöpfung zu athmen: mochte fortan die Barke auch noch eben so schnell segeln, der Strom mit eben so stolzer Woge sich heben, Etwas, das das Herz umsaitet, war still geworden, und der Zauber der Reise dahin!

144 Und Gertrud schläft an dem Ort, wo sie ihr letztes Bett gebettet wünschte, und theurer, – unendlich theurer ist dieser kleine Fleck am fernen Neckarstrand für Trevylyans Herz, als all die weiten Ländereien und fruchtbaren Gefilde seines Stammguts.. Auch bewahrt dort der Rasen sein smaragdenes Grün, und fast will mir bedünken, die Feldblumen sproßten noch in reicherer Fülle, als ehedem, um das einfache Grabmal auf. Eine Uferkrümmung bricht die Fluth des Neckars, daher seine Strömung still hält, als ob sie zögernd weilte an dem einsamen Grab und klagte unter dem flüsternden Schilf, ehe sie weiter zieht. Und als ich mir das letztemal die ruhige Stätte betrachtete, als ich den Rasen so frisch, die Blumen in solchem Farbenglanz sah, dachte ich wohl möchten wirklich Geisterhände den Ort pflegen; nicht nur für die Einbildung hätt' ich die Elfen in meine Geschichte entboten; in Wahrheit und mit fortdauernder, obwohl unsichtbarer Hut sicherten sie das Grab Derer, die ihr Geschlecht so geliebt und in ihrer zarten, fleckenlosen Reinheit ein Anrecht auf Verwandtschaft mit der Geisterwelt hatte, vor jedem verunreinenden Fußtritt und dem rauhen Einfluß der Jahreszeiten. Gibt es Einen unter uns, der nicht irgend ein Wesen gekannt, welchem gegenüber es keine zu wilde Phantasie erschien, sich solchem Traum hinzugeben?

 

 


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