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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Ein Ort, der zu einem Grab paßt.

Auf dem Heimweg nahm Du–e den dritten Sitz im Wagen ein und suchte mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit seine Gefährten aufzuheitern; und so groß war die Biegsamkeit in Gertrudens Natur, daß bei ihr sein freundlicher Versuch bis zu einem gewissen Grad gelang. Schnell empfänglich für die Reize einer Landschaft verlor sie sich allmälig in die schöne, bei jeder Straßenbeugung dem Blick anders geöffnete Außenwelt. Und die Silberglätte des Flusses, welcher den fortwährenden Augenpunkt der Gegend bildete; die Heiterkeit des Wetters, die Klarheit des Himmels, unterstützt von jenem Zauber, den die Natur über ihre Verehrer stets ausübt, beruhigten ein Gemüth, das sich, wie die Sonnenblume, so instinktartig vom Schatten dem Licht zuwandte.

Einmal ließ Du–e das Gefährt an einem zwischen Bäumen eingebetteten Grasplätzchen anhalten, und sagte zu Gertrud: »Wir sind hier an einem der vielen Orte am Neckar, die von Ihren Lieblingssagen geheiligt werden. In jenem Gehölz wohnte in den früheren Zeiten des Christenthums ein Einsiedler, der, obwohl jung an Jahren, wegen der Heiligkeit seines Lebens berühmt war. Niemand wußte, woher er gekommen oder aus welcher Ursache er den Kreis des Daseins auf die Einsamkeit seiner Klause eingeschränkt hatte. Selten redete er, außer wenn sein geistlicher Rath oder sein theilnehmendes Gebet in Anspruch genommen wurden. Er lebte von Kräutern und den Früchten, welche die Landleute in seine Höhle brachten, und jeden Morgen und jeden Abend kam er hieher, seinen Krug mit dem Wasser des 136 Flusses zu füllen. Jedoch sah man ihn an dieser Stelle lang, nachdem er seine Arbeit bereits verrichtet, verweilen und nach einem Kloster hinüber blicken, das sich damals am jenseitigen Ufer erhob, von welchen aber jetzt selbst die Ruinen verschwunden sind. Allmählig wich seine Gesundheit unter dem strengen Leben, das er führte, und eines Abends ward er von einigen Fischern bewußtlos auf dem Rasen gefunden. Sie schafften ihn, um ärztliche Hilfe zu bekommen, in das Kloster drüben, und Eine aus der Schwesterschaft, die Tochter eines Fürsten, wurde beauftragt des Klausners zu warten. Als er jedoch seine Augen gegen die ihrigen öffnete, schienen Beide von einer plötzlichen Erinnerung ergriffen zu werden. Er sprach – aber Worte in einer fremden Mundart, und die Schwester warf sich über das Lager des Sterbenden und rief einen Namen, den gefeiertsten in der ganzen Umgegend, den Namen eines einst weit berufenen Minnesängers, der in jenen rohen Zeiten den Dichter mit dem ungebändigten Ritter verbunden hatte. Vor vielen Jahren, hieß es, sey derselbe in einem der damals gewöhnlichen Kämpfe zwischen Fürsten und trotzigen Vasallen umgekommen, als er eben das Schloß stürmte, das die jetzt fromme Nonne, damals die umworbene Schönheit und Vorsitzerin bei Turnier und Lanzenspiel, bewohnte. In ihren Armen hauchte der Siedler jetzt seinen Geist aus. Sie überlebte ihn nur wenige Stunden und ließ die Neugier geschäftig über eine Geschichte zurück, für welche sie nie eine weitere Spur erlangte. Mancher Sänger gab in spätern Zeiten in der Dichtung die nähern Umstände, welche die Wahrheit nicht ergänzen wollte, und der Ort, wo sich der Einsiedler bei Aufgang und Untergang der Sonne stets eingefunden, um nach dem Kloster zu blicken, ward durch das Lied geweiht.«

Die Stelle, welcher die Sage dieses Interesse gab, hatte das Ansehen wehmüthiger Ruhe in auffallendem Grad. Wilde Blumen weilten noch auf dem Rasen, dessen Schilfgras den Neckar sanft überhing, und mit klagender Musik murmelte der Fluß darunter durch. Kein Lüftchen regte die Bäume, aber in einiger Entfernung hob sich 137 der Thurm einer Kirche aus dem Gehölz, und während einer eingetretenen Pause im Gespräch ertönte plötzlich von dem heiligen Haus die Glocke, welche zum Begräbniß ruft. So im Einklang mit dem Ort, mit der Stunde, mit der athmenden Stille traf sie ins Ohr, daß sie Jeden mit unbeschreibbarer Macht bis ins Herz durchbebte. Sie war wie eine Stimme aus einer andern Welt, die von den Sorgen der gegenwärtigen den eingelullten Geist unter dem Schweigen der Natur abruft: – sie lud ein, schreckte nicht ab, und hatte in ihrem Ton eher etwas Mildes als Furchtbares.

Mit aufschießenden Thränen wandte sich Gertrud, faßte Trevylyan bei der Hand und flüsterte: »an einer solchen Stätte, so ruhig, so abgeschieden, und doch in der Nachbarschaft des Gotteshauses möchte ich, daß diese zerbrochene Hülle der Ruhe übergeben würde.«

 


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