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VII.

Mit größter Vorsicht stieg Albert Doutrelaise die Treppe hinunter, zog den zur Wohnung des Grafen von Calprenède passenden Schlüssel aus der Tasche, öffnete vorsichtig, trat ein und schloß leise die Thür.

Der Vollmond, der am Himmel stand, gestattete ihm, die Gegenstände genau zu erkennen, und er bemerkte, daß die Verbindungsthür zu dem Arbeitskabinett offen stand. Langsam schlich er näher und erreichte das Zimmer, in welchem er sich postieren wollte.

Er hatte noch nicht zwanzig Minuten gewartet, als der helle klang einer Uhr ertönte und es in dem Nebenzimmer ein Uhr schlug.

In diesem Augenblick drang ein kaum wahrnehmbares Geräusch an sein Ohr. Die Thür öffnete sich und wurde wieder leise geschlossen.

Der Unbekannte beeilte sich durchaus nicht. Er blieb in der Thüröffnung stehen, den Kopf nach hinten übergeworfen und die Arme vorgestreckt, wie die Blinden, die ihren Weg suchen. Nach kurzer Pause begann der Mann weiter zu gehen; mit langsamen, schleppenden Schritten rückte er vor – und seine steifen Arme schienen einen unsichtbaren Gegenstand zu suchen.

Plötzlich hielt er inne – er war an der Fensternische angekommen, bückte sich zur Erde und wendete Doutrelaise den Rücken, der bei sich dachte:

»Ja, hier an dieser Stelle habe ich neulich den Schatten gesehen. Aber was macht er … er bückt sich … man möchte glauben, er wolle sich auf die Knie werfen … Ah, mein Gott, ist denn der Mensch wahnsinnig!«

Dennoch zweifelte Doutrelaise noch immer und er hatte nicht unrecht, denn das Kniebeugen hatte einen ganz anderen Zweck, als er geglaubt. Die Hände des Unbekannten arbeiteten im Dunkel und bald verkündete ein knarrendes Geräusch, daß die Arbeit vollendet sei. Eine Feder spielte und mitten in der Wand kam ein geheimes Fach zum Vorschein.

Der Mann hatte den Kopf und die Arme in das Fach gesteckt und wühlte geschäftig darin umher. Dann spielte wieder eine andere Feder, das Fach schloß sich, der Mann erhob sich und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

Doutrelaise hatte dem Unbekannten einige Schritte Vorsprung gelassen und stand noch in Juliens Zimmer, als der Nachtwandler die Thür öffnete, welche auf die Treppe führte. Albert eilte hinaus, um noch rechtzeitig den Verbrecher ergreifen zu können, aber im Augenblick, als er den Korridor überschritt, faßte ihn eine starke Faust beim Kragen. Ueberrascht machte er eine heftige Anstrengung, sich loszureißen, aber die Hand, die ihn erfaßt hatte, hielt ihn mit eiserner Gewalt fest.

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»Du also schleichst dich bei Nacht in meine Wohnung,« rief der Angreifer, »versuche nicht zu fliehen, oder ich zerschmettere dir das Hirn.«

Doutrelaise erkannte die Stimme des Grafen von Calprenède und begriff, was vorgefallen war.

»Wer bist du, Schurke?« fragte der Graf von Calprenède wütend.

»Mein Herr, Sie täuschen sich, ich bin kein Dieb,« sagte Albert, »ich bin Ihr Nachbar Doutrelaise.«

»Sie!« rief der Graf. »Was thun Sie hier und wie sind Sie hereingekommen?«

»Ich werde es Ihnen sagen, mein Herr, und Sie werden erkennen, daß ich nur ehrliche Absichten habe; aber ich bitte Sie, sprechen Sie leiser. Es handelt sich um die Ehre Ihres Sohnes! …«

»Mein Sohn! – Sie wagen es von meinem Sohne zu sprechen! Sie, der Sie die Ursache seines Unglücks sind!«

»Hören Sie mich, mein Herr, mein Freund Jacques von Courtaumer steht draußen, oder er stand wenigstens vor wenigen Minuten noch draußen. Aber wenn Sie mir die Thür nicht öffnen, so wird er vielleicht mit seinem Leben den Dienst bezahlen, den wir Ihnen erwiesen haben.«

»Herr von Courtaumer!« wiederholte der Graf.

»Ja, er wartete hinter dieser Thür auf einen Menschen, der sich bei Ihnen eingeschlichen … Jetzt in diesem Augenblicke steht er diesem Elenden ganz allein gegenüber … Ich höre seine Stimme nicht, Gott weiß, was ihm zugestoßen ist.«

Doutrelaise hatte mit so fester Stimme gesprochen, daß der Graf von Calprenède sich beruhigte und sagte:

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Jacques von Courtaumer sich hier in diesem Hause befindet?«

»Ich schwöre Ihnen, daß, wenn er nicht da ist, dieser Mensch ihn getötet hat. Vielleicht hat er ihn auch schon getötet, er ist entflohen, wir hätten keine Beweise und Ihr Sohn wäre verloren.«

»Der Graf antwortete nicht, sondern öffnete die Thür und erblickte ein ebenso seltsames wie beruhigendes Bild. Auf der Treppe stand der Unbekannte, unbeweglich wie ein Schatten; etwas tiefer Jacques auf der ersten Stufe, in der ausgestreckten Hand ein Lichtstümpfchen haltend.

»Gott sei Dank, sie sind noch da,« murmelte Doutrelaise. Der Mann rührte sich nicht, aber Jacques, der beide bemerkt hatte, winkte ihnen zu.

Dann begann er sein Lichtstümpfchen hin und her zu bewegen. Der Mann blickte ihm voll ins Gesicht und trat vor, um die Stufen hinunterzusteigen, doch Jacques kam näher und berührte ihn sanft, ohne ihn aber zu stoßen.

Der Fremde wich zurück, Jacques stellte sich neben ihn und rieb seine linke Schulter an der rechten Schulter des Unbekannten, der sich nach der Thür umwandte, die er vor zehn Minuten passiert hatte.

Nun forderte Jacques den Grafen und Doutrelaise auf, beiseite zu treten, und ging hinter dem Manne her. Ohne Zögern und ohne sich umzuwenden, trat der Fremde ein. Entsetzt starrten Albert und der Graf der Gestalt nach, aber sie wagten weder zu sprechen, noch sich zu rühren.

Der Unbekannte hatte den Weg wieder aufgenommen, den er schon einmal durchschritten. Er ging langsam durch das Zimmer Juliens und trat dann in das Kabinett. Courtaumer zog schnell die Thür hinter ihm zu, drehte geräuschlos den Schlüssel um, dann wandte er sich an Herrn von Calprenède und sagte:

»Machen Sie es ebenso mit der Flurthür und mit der Ihres Zimmers!«

Mit diesen Worten eilte er in den Korridor und verschloß die zweite Thür, während Herr von Calprenède ebenso mit der dritten verfuhr. Dann sagte er, sich zu dem Grafen wendend:

»Morgen, Herr Graf, wird Ihr Sohn frei sein. Wir haben den Menschen, der das Opalhalsband in Ihre Wohnung gebracht hat.«

»Wir haben ihn, aber ich begreife immer noch nicht, wie er sich so ruhig hat hierherführen lassen,« murmelte Doutrelaise.

»Du hast also nicht gesehen, daß er schläft?«

»Was, du meinst, er wäre …«

»Mondsüchtig, natürlich mondsüchtig und er wird vielleicht noch stundenlang in diesem Zustand bleiben.«

»Hast du sein Gesicht gesehen?«

»Das will ich meinen, es ist Matapan.«

»Matapan!« riefen der Graf und Albert wie aus einem Munde.

»Und du weißt auch ganz genau, daß er schläft?«

»Ganz genau. Wir hatten auf der ›Juno‹ auch einen Matrosen, der mondsüchtig war.«

»Matapan!« wiederholte Herr von Calprenède. »Und er ist in meine Wohnung eingedrungen, ohne zu wissen, was er that; das ist ja unmöglich.«

»Sie vergessen, daß er lange diese Räume bewohnt hat, ohne Zweifel hat er auch einen Schlüssel davon behalten.«

»So hat er also das Opalenhalsband hierhergebracht?«

»Zweifeln Sie nicht daran, Herr Graf!«

»Aber weshalb that er das?«

»O! das ist ganz einfach. Er hat in seiner Wohnung ein wahres Magazin von Gold, Edelsteinen, kurz Wertgegenständen jeder Art. Nun handeln die Mondsüchtigen während ihres Schlafes ebenso, wie sie handeln würden, wenn sie wach sind, mit dem einzigen Unterschiede, daß ihre Handlungen unlogisch sind.«

»Dann ist er sich also seiner Handlungen nicht bewußt?«

»Durchaus nicht.«

»Und wenn er erwacht?«

»So ist ihm die Erinnerung an das, was er gethan, vollständig entschwunden.«

»Er handelte also in gutem Glauben, als er meinen Sohn anklagte?«

»Das glaube ich, ich möchte sogar sagen, ich bin dessen gewiß. Jedenfalls hat er keine Ahnung, daß er sich selbst bestahl.«

»Beschäftigen wir uns zunächst,« fuhr der Graf fort, »mit der vorliegenden Situation. Sie haben ihn eingeschlossen, aber er wird erwachen, ja, er ist vielleicht schon wach.«

»O nein. Der Anfall dauert gewöhnlich mehrere Stunden. »Er wird wahrscheinlich ein Möbel öffnen und darin herumwühlen … Dann wird er den Versuch machen, fortzugehen. Hören Sie, er thut es schon!«

Herr von Calprenède zitterte. Man hörte auf der andern Seite die Thür kratzen.

»Er versucht zu öffnen, wird aber den Schlüssel nicht finden, da er von außen steckt.«

»Verzeihung, mein Herr,« sagte der Graf, »ich bin Ihnen unendlich dankbar; aber ich errate noch immer nicht, welchen Vorteil Sie aus dem Somnambulismus des Herrn Matapan ziehen können.«

»Seine Anwesenheit hier beweist, daß Julien unschuldig ist.«

»Ihnen und mir, gewiß; aber Matapan wird leugnen.«

»Sehr richtig, da er aber nur vor Zeugen erwachen wird, so kann er auch nicht leugnen. Ich habe den Fall vorausgesehen; nicht, daß ich glaube, Matapan wäre mondsüchtig … aber seit dem traurigen Ereignis von gestern haben Doutrelaise und ich alles aufgeboten, was wir für Ihren unglücklichen Sohn thun konnten.«

»Nun, so erklären Sie mir aber, wie Herr Doutrelaise die Thür meiner Wohnung öffnen konnte,« unterbrach Herr von Calprenède.

»Es soll Ihnen alles erklärt werden, Herr Graf,« sagte Jacques lebhaft, »aber die Augenblicke sind kostbar. Gestatten Sie mir den Zeugen, den wir brauchen, aufzusuchen.«

»Und wer ist das?«

»Der Polizeikommissar, der Ihren Herrn Sohn verhaftet hat.«

»Wie?« fragte Herr von Calprenède. »Sie vergessen, daß dieser Kommissar sein grimmigster Ankläger gewesen ist?«

»Sehr richtig,« erwiderte Jacques, »er hat allerdings zuerst geglaubt, Julien wäre schuldig, jetzt aber ist er anderer Meinung. Ich habe eine Stunde in seinem Kabinett zugebracht und ihn gebeten, mir mitzuteilen, wann und wo ich ihn finden kann.«

»Aber in dieser Stunde schläft er gewiß schon,« murmelte der Graf; »und bevor er hier ist …«

»In zwanzig Minuten wird er hier sein. Ich fahre gleich hin, Sie gestatten, daß ich Albert mitnehme.«


Zehn Minuten später war Jacques mit dem Kommissar und Doutrelaise auf der Rückfahrt begriffen und stellte den letzteren dem Beamten mit den Worten vor:

»Herr Doutrelaise, der Herr aus dem vierten Stock.«

»Ich weiß,« erwiderte der Beamte … »Sie sind also ganz sicher, daß Matapan mondsüchtig ist?«

»Ganz sicher. Uebrigens werden Sie ihn ja selbst sehen.«

»Ich habe dem Menschen nie besonders getraut. Man weiß nicht recht, woher sein Vermögen stammt.«

»Ich glaube, er ist früher Seeräuber gewesen. Wenigstens kenne ich einen Freund von ihm, der es gewesen ist.«

»Doch, meine Herren, wir sind am Ziele!« rief Jacques und alle drei traten ins Haus. Im zweiten Stock angekommen, zog Albert den Schlüssel aus der Tasche und öffnete schnell.

Der Kommissar trat zuerst ein. Die beiden Freunde folgten ihm. Die Vorstellung kürzte der Graf nach Möglichkeit ab, indem er sogleich zu dem Beamten sagte:

»Ich erwartete Sie bereits mit Ungeduld, mein Herr!«

»Ist Matapan schon erwacht?« fragte Jacques.

»Nein, nach Ihrem Weggange ist er noch immer hin und her gelaufen, aber seit einigen Augenblicken höre ich nichts mehr!«

.

»Wir müssen jetzt zur Sache schreiten, nahm der Kommissar das Wort. »Matapan ist in jenem Zimmer, nicht wahr?'

»Ja, Herr Kommissar!«

»Wollen Sie jetzt, bitte, die Thüre öffnen,« fuhr der Beamte fort.

Herr von Calprenède schritt auf die Thür zu, während der Kommissar sich mit den Worten zu Courtaumer wandte:

»Er schläft noch immer, nicht wahr?«

»Für mich steht das außer Zweifel,« antwortete Jacques. »Soweit ich Matapans Charakter kenne, glaube ich annehmen zu dürfen, daß er sonst einen Höllenlärm machen würde.«

»Das mag sein. Aber ich kann ihn doch im somnambulen Zustande nicht verhören.«

»Gewiß nicht, doch ich werde ihn schon aufwecken.«

»Wie werden Sie das anfangen?«

»Oh, das ist sehr leicht … Ein heftiger Stoß … Doch erscheint es mir besser, ihn nicht sogleich zu wecken. Es liegt mir viel daran, daß Sie den kataleptischen Zustand Matapans feststellen.«

Während der letzten Worte hatte Doutrelaise aufgeschlossen und die Herren traten ins Zimmer.

Die Scene von vorhin wiederholte sich genau in derselben Art. Matapan lag bei dem Fenster auf den Knien und tappte an der Wand umher; er ließ sich aber durch den Eintritt der drei Herren durchaus nicht stören, ja, er schien das Geräusch nicht einmal gehört zu haben.

»Nun, sind Sie auch der Ansicht, daß dieser Mann mondsüchtig ist, mein Herr?« fragte der Graf.

»Zweifellos, aber machen wir ein Ende, Sie müssen ihn aufwecken.«

»Das geht mich an,« rief Jacques lebhaft, »lassen Sie mich nur machen.«

Mit diesen Worten stellte er sich hinter Matapan, faßte ihn dann bei beiden Schultern und ließ ihn auf den Rücken fallen.

Der Kopf schlug heftig auf den Teppich auf und bald verkündete ein energischer Fluch, daß Matapan wieder zum Bewußtsein gelangt war.

»Wo bin ich, zum Donnerwetter?« brüllte er, sich wütend umblickend.

»In Ihrer früheren Wohnung,« erwiderte Jacques von Courtaumer, »Herr Matapan.«

Matapan erwiderte nichts, sondern sprang von der Erde auf und blickte die vier Männer, die ihn umstanden, wütend an.

»Fassen Sie sich nur,« fuhr Courtaumer fort, »wir haben keine Eile.«

Matapan faßte sich allerdings und sagte dann zu Jacques:

»Ich kenne Sie nicht, und ersuche den Grafen von Calprenède, mir zu erklären, wie ich hierher gekommen bin. Wenn es wieder geschehen ist, um mich zu bestehlen, wie der Herr Sohn, so erkläre ich, daß ich nichts bei mir habe, weder Geld noch Juwelen.«

»Niemand denkt daran, mein Herr, Ihnen Gewalt anzuthun,« sagte der Kommissar, der sich bis dahin zurückgehalten hatte.

»Was wollen Sie von mir?« schrie Matapan, »und vor allen Dingen, wer sind Sie?«

»Wer ich bin? Ich bin Polizeikommissar.«

»Sie, Polizeikommissar? Warum nicht gar, wo haben Sie denn Ihre Schärpe? … Ueberhaupt,« fügte er dann wild hinzu, »was will man von mir, warum hat man mich hierher geschleppt?«

»Sie wissen also wirklich nicht, wie Sie hierher gekommen sind?«

»Ah, ich errate! man hat mir ein narkotisches Mittel eingegeben und mich aus meiner Wohnung entführt, nachdem ich eingeschlafen war.«

»Geschlafen haben Sie in der That, aber man hat Ihnen nichts eingegeben, denn Sie sind mondsüchtig, Herr Matapan,« sagte Jacques von Courtaumer.

»Mondsüchtig ich? Mein Herr!«

»Es ist ja bewiesen, und Sie werden dem Herrn Polizeikommissar nicht einreden wollen, daß Sie eine Fee während ihres Schlafes hierhergebracht hat. Bitte, fassen Sie doch einmal in Ihre Taschen. Sie werden dort den Schlüssel zu der Wohnung finden, die Sie bis zum ersten dieses Monats inne hatten.«

Unwillkürlich steckte Matapan die Hand in die Tasche.

»Sie bedienen sich dieses Schlüssels fast in jeder Nacht,« fuhr Jacques fort. »So erst vorgestern, als Sie ein gewisses Opalenhalsband hierher brachten.«

»Ah!« rief Matapan, »also zu diesem Zweck haben Sie diese Komödie ins Werk gesetzt!«

»Erlauben Sie, mein Herr,« sagte der Kommissar, »hier ist von keiner Komödie die Rede.«

Ja, und ich bitte auch in Ihr Protokoll aufzunehmen,« fuhr Doutrelaise fort, »daß Herr Matapan hier ein geheimes Versteck besitzt. Ich sah, wie er aus eine Feder drückte, rote ein geheimes Fach zum Vorschein kam.«

Matapan zuckte die Achseln, erbleichte aber augenscheinlich und rief mit höhnischer Stimme:

Zu welchem Zwecke sollte mir dies angebliche Versteck wohl dienen? Vielleicht, um hinter meinen Mietern zu spionieren?

»Dies Versteck ist eine Art Höhle, in der Sie Ihre Schätze verbargen, als Sie noch in diesen Räumen wohnten. Sie werden wohl ein ähnliches Versteck in der ersten Etage haben, und nachts tragen Sie Ihre Kostbarkeiten von einer Wohnung in die andere.«

»Der Schatz befindet sich hier in der Mauer,« fuhr Doutrelaise fort. »Das Loch, welches ihn verbirgt, wird durch ein Thürchen maskiert, welches sich senkt, wenn man auf eine Feder drückt«

»Also Sie wissen, Herr Doutrelaise,« fragte der Kommissar, »wo sich diese Feder befindet?«

»Wenigstens so ungefähr, sie muß sich unten herum hier an der Wand befinden. Wenn ich suche, hoffe ich, werde ich sie finden.«

Mit diesen Worten kniete Albert nieder, suchte und rief schon nach kurzer Zeit in triumphierender Stimme:

Ich habe die Feder, das Fach kommt zum Vorschein.«

Herr von Calprenède und Jacques von Courtaumer standen hinter ihm, auch Matapan näherte sich ihnen lebhaft und der Kommissar that dasselbe.

»Sehen Sie her,« fuhr Doutrelaise fort und beleuchtete das

Beim Scheine der Kerze glänzten die Gold- und Silbergegenstände, die wahllos durcheinander gewürfelt m dem Verstecke lagen.

»Wenn Sie von den Gegenständen in Ihrer Wohnung Aufstellung machen werden, so werden Sie finden, daß die Gegenstände, die Sie hier sehen, Ihnen dort fehlen,« sagte der Kommissar, Matapan anblickend.

Das ist leicht möglich,« rief Matapan wütend, »ich werde sie vergessen haben, als ich umgezogen bin.«

»Dann erkennen Sie also an,« fuhr der Kommissar fort, daß Ihnen diese Gegenstände gehören?«

»Ich sehe nicht ein, warum ich das leugnen sollte, ich gebe sogar zu, wenn Sie wollen, daß ich mondsüchtig bin. Aber ich wiederhole Ihnen, das alles ändert nichts an der häßlichen Geschichte des jungen Herrn von Calprenède, und ich sage Ihnen im voraus, daß ich meine Klage nicht zurückziehen werde.«

»Sie können ruhig darauf beharren, mein Herr,« sagte der Beamte mit unerschütterlicher Ruhe. »Was Sie jetzt thun, hat keine große Bedeutung mehr, und der Untersuchungsrichter bedarf Ihrer Zustimmung nicht, um einen Angeklagten in Freiheit zu setzen, dessen Unschuld sonnenklar erwiesen ist.«

»Das sehe ich nicht ein.«

»Darüber wird der Richter urteilen, die Angelegenheit wird ihm noch morgen unterbreitet werden. So, und jetzt, Herr Matapan, halte ich Sie nicht länger zurück.«

»Ich kann also gehen? Das ist ein wahres Glück, aber meine Gold- und Silbersachen …«

»Die werden Sie zurückerhalten, mein Herr, das wissen Sie recht wohl.«

»Nun gut, dann gehe ich.«

»Doutrelaise, leuchte Herrn Matapan,« rief Jacques lachend. »Er darf nicht ohne Licht in seine Wohnung zurückkehren, das wäre gefährlich, jetzt, da er wach ist, könnte er sich den Hals auf der Treppe brechen.«

»Sagen Sie 'mal,« wandte sich Matapan höhnisch an Albert, »Sie haben ja noch immer ein Stück meines Halsbandes, wann werden Sie mir denn dasselbe zurückgeben?«

»Sobald Sie dem Herrn Grafen von Calprenède den Schlüssel zu seiner Wohnung zurückgeben werden.«

»Da ist er,« rief Matapan, zog den Schlüssel aus der Tasche und warf ihn wütend auf den Tisch.

»Ich gehe auch,« sagte jetzt der Kommissar, »Sie gestatten mir wohl, Herr von Courtaumer, daß ich mich Ihres Wagens bediene, ich schicke Ihnen denselben dann sofort zurück.«

»Aber, ich bitte Sie,« erwiderte Jacques, »ich bringe Sie selbst bis zu Ihrer Behausung, verehrter Herr. Wir werden beide Herrn Matapan geleiten und im ersten Stock von ihm Abschied nehmen.«

Dann wandte er sich zu dem Grafen, schüttelte ihm die Hand und sagte:

»Das war heut ein glücklicher Abend, meine gute Tante wird sich freuen, und vielleicht wird Adrian jetzt seine Demission zurückziehen. Na, kommst du, Albert, du kannst dich ruhig schlafen legen, ich glaube, der Abend war kein verlorener für dich.«

Doutrelaise wollte eben der Aufforderung Folge leisten, als sich Herr von Calprenède plötzlich zu ihm wandte und sagte:

»Bleiben Sie, mein Herr, ich habe mit Ihnen zu sprechen. Mein Herr,« fuhr er dann fort, als er sich mit Albert allein sah, »ich zweifle nicht, daß Sie in guter Absicht gehandelt haben, als Sie Matapan zu überraschen suchten, und ich freue mich, daß es Ihnen gelungen ist. Dennoch wundere ich mich daß Sie Herrn von Courtaumer nicht allein die Sorge überlassen haben, diesen Mann zu entlarven. Aber es handelt sich nicht darum, ich möchte wissen, wie Sie heute nacht in meine Wohnung gekommen sind und wie Sie sich den Schlüssel verschafft haben.«

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»Ich … ich habe ihn gefunden,« murmelte Doutrelaise.

»Nun, ich sehe. Sie sind entschlossen, nicht die Wahrheit zu sagen. Es ist also unnütz, diese Unterredung noch weiter zu verlängern. Doch wollen Sie sich für die Zukunft erinnern, daß der Zufall einer Nachbarschaft Sie zu keinerlei Hoffnungen berechtigt.«

Aus allen seinen Himmeln geschleudert, verließ Doutrelaise das Kabinett. Der Graf begleitete ihn höflich bis zur Thür und fand, als er in das Zimmer zurücktrat, seine Tochter Arlette vor, die sich ihm weinend an den Hals warf und mit schluchzender Stimme rief:

»Ich habe alles gehört, ich habe ihm ja den Schlüssel gegeben.«

»Großer Gott! unglückliches Kind, bist du denn wahnsinnig?«

»Nein, aber ich liebe ihn,« murmelte Arlette.


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