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IV.

Der Klub, welchem Jacques von Courtaumer und Doutrelaise angehörten, zählte auch Matapan zu seinen Mitgliedern.

Am heutigen Abend wurde lebhaft die Kandidatur eines Herrn besprochen, welcher sich zur Aufnahme in den Klub gemeldet hatte.

»Schulden wird unser neuer Kandidat wohl nicht hinterlassen,« sagte ein Herr, »denn er besitzt mehrere Millionen.«

»Auch hat er einen sehr soliden Bürgen,« fuhr ein anderer fort, »Herrn Matapan.«

»Wer ist denn eigentlich dieser Matapan?« fragte Jacques von Courtaumer, sich in die Unterhaltung mischend.

»Ja, mein Gott, da fragen Sie mich zu viel. Er ist ein Original und führt ein ziemlich seltsames Leben. Er geht weder in die Gesellschaft, noch ins Theater und kommt selbst hier sehr selten her.«

»Womit bringt er denn seine Zeit hin?«

»Mit Sparen; das ist eine angenehme Beschäftigung, die ihm vollständig genügt.«

»Er hat noch eine zweite Liebhaberei,« fuhr der erste Herr, ein Vicomte von Fondée, lächelnd fort. »Er schwärmt für Diamanten und kostbare Steine. Er besitzt eine merkwürdige Sammlung, die er seinen Bekannten mit Vergnügen zeigt. Ich glaube, er ist in seiner Jugend Seemann gewesen, und er verleugnet auch seine früheren Kameraden nicht, denn ich traf ihn eben auf dem Boulevard, wo er Arm in Arm mit einem Mann spazieren ging, der ganz wie ein ehemaliger Matrose aussah.«

»Trug dieser Mann nicht einen Paletot mit Kapuze?« fragte Courtaumer.

»Ja, Sie können recht haben, elegant sah er nicht aus.«

»Aber dieser Herr,« fuhr der andere fort, »ist ja gerade der Nabob, der sich heute vorstellen will, wir werden noch in dieser Woche über ihn abstimmen.«

»Ich werde ihm meine Stimme nicht geben,« sagte Courtaumer lebhaft, »und wenn man ihn aufnimmt, so werde ich aus dem Klub austreten.«

Auf diese Erklärung trat eine kurze Pause ein, dann wandte sich der Vicomte von Fondée zu Jacques und fragte:

»Sie sind ja wohl mit Herrn Doutrelaise sehr befreundet, nicht wahr?«

»Gewiß,« erwiderte Jacques, ein wenig überrascht.

»Und Herr Doutrelaise ist mit Herrn von Calprenède befreundet, nicht wahr?«

»Befreundet, nein, er kennt ihn. Aber weshalb fragen Sie mich?«

»Weil Herr Doutrelaise sehr überrascht sein würde, wenn man ihm mitteilt, daß über diesen jungen Mann sehr peinliche Gerüchte im Umlauf sind,« fuhr der Vicomte fort.

»Was denn für Gerüchte?« fragte Jacques nach längerem Zögern. Handelt es sich um die Schulden des Herrn von Calprenède?«

»Jawohl, Spielschulden, die er nicht bezahlt. Er schuldet der Klubkasse 5000 Frs. und die Sache soll dem Komite unterbreitet werden.«

»Die Summe wird bezahlt werden, ehe das Komite Zusammentritt, denn es ist jemand bereit, Herrn von Calprenède den Betrag zu leihen.«

»Wirklich?« Nun, Sie werden mich für indiskret halten, aber ich erlaube mir die Frage, ob diese Person Herr Doutrelaise ist?«

»Und wenn er es wäre?«

»So hätte er unrecht, diesem jungen Manne einen Dienst zu erweisen, denn er ist noch anderen schuldig.«

»Ich weiß. Herrn Bourleroy, und auch diese Schuld wird heute bezahlt werden.«

»Trotzdem, ich behaupte nach wie vor, daß Herr Doutrelaise seine Großmut bereuen wird, denn ich verhehle Ihnen nicht, daß man sich über Herrn von Calprenède sehr ungünstig ausspricht.«

»Man ist vermutlich Herr Anatole Bourleroy!«

»Sie mögen recht haben,« erwiderte Fondée, »aber da kommt er eben in Begleitung seiner Freunde. Sie werden wohl keine Lust haben, sich mit ihm abzugeben? nicht wahr?«

»Nein, ich räume ihnen das Feld,« sagte Courtaumer, seine Tasse Kaffee austrinkend. »Es ist 8½ Uhr und um 9 Uhr werde ich erwartet.«

Courtaumer wollte eben das Zimmer verlassen, als Anatole mit lauter Stimme rief:

»Ich wette, ich zwinge die Musikanten aus dem Chantant, die ganze erste Pause hindurch die Marseillaise zu spielen.«

»Um wie viel wettest du?« fragte einer seiner Kameraden.

»Ich wette gegen 100 Frs. die 6000 Frs., die ich noch von Julien von Calprenède zu bekommen habe.«

Bei diesen Worten wandte sich Courtaumer um und rief mit drohender Stimme:

»Ich verbiete Ihnen, in dieser Weise von Herrn von Calprenède zu sprechen. Wenn Sie seinen Namen noch einmal in meiner Gegenwart erwähnen, so werde ich Sie züchtigen, wie Sie es verdienen.«

Anatole stammelte bestürzt einige unzusammenhängende Worte und Courtaumer wollte ihm eben verächtlich den Rücken wenden, als die Thür sich öffnete und Julien von Calprenède erschien. Ohne auf jemand acht zu geben, traf er auf Bourleroy zu, zog ein kleines Paket Banknoten aus der Tasche und reichte es ihm mit den Worten:

»Hier ist das Geld, welches Sie mir vorgestern im Ecarté abgewonnen, sehen Sie nach, ob es stimmt.«

»Oh, ich verlasse mich ganz auf Sie,« rief Bourleroy.

»Und jetzt, da Sie bezahlt sind,« fuhr Julien ruhig fort, »hindert mich nichts mehr. Ihnen zu sagen, daß ich Sie für einen albernen Gecken halte.«

»Mein Herr,« stammelte Bourleroy, »das ist zweifellos ein Scherz, denn ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, ich will mich deutlicher ausdrücken. Sollten Sie mir Genugthuung verweigern, so werde ich Sie ohrfeigen. Hoffentlich genügt Ihnen das; die Wahl der Waffen überlasse ich Ihnen.«

»Mein Herr, ich weiß nicht, auf welche Worte Sie anspielen, und bitte Sie, sich näher zu erklären.«

»Meine Zeugen werden Ihnen alles sagen; es beliebt mir nicht, hier Ihre Verleumdungen und Dummheiten zu wiederholen, die nicht mich allein berührten. Ich hätte Sie schon gestern zu Rede gestellt, wäre ich nicht Ihr Schuldner gewesen. »Die Sache ist abgemacht. Auf morgen!«

Mit diesen Worten verließ Julien den Salon, ohne jemand zu grüßen. Jacques eilte ihm nach und bemerkte ihn am Ende einer Galerie. Er rief ihn beim Namen, Julien wandte sich um und verbeugte sich höflich, als Jacques ihn mit den Worten anredete:

»Mein Freund Doutrelaise hatte mir aufgetragen. Ihnen mitzuteilen, daß er Sie suche, aber ich darf wohl jetzt annehmen, daß Sie ihn schon gesprochen haben.«

»Ich sah ihn heute morgen im Café,« erwiderte Julien von Calprenède, »seitdem habe ich ihn nicht gesehen.«

»Wie? das Geld, das Sie diesem Gecken eben übergaben …?«

Julien zitterte, faßte sich jedoch, während Courtaumer fortfuhr:

»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß es nicht in meiner Absicht lag, Sie zu verletzen. Doutrelaise hat mir erzählt, daß Sie sich in Verlegenheit befänden; unglücklicherweise waren meine Mittel erschöpft, doch glaubte ich, unser Freund hätte Ihnen geholfen.«

Während Jacques diese Worte sprach, hatte sich ihnen ein Diener genähert, der jetzt in ehrfurchtsvollem Tone sagte:

»Man erwartet den Herrn Vicomte im Vorzimmer.«

»Wer erwartet mich?« fragte Julien lebhaft.

»Der Herr hat seinen Namen nicht nennen wollen, Herr Vicomte.«

»Nun, so fragen Sie ihn darnach.«

Der Diener entfernte sich und er rief ihm noch nach:

»Beeilen Sie sich, ich muß fort.«

»Ich habe ebenfalls Eile,« sagte Courtaumer, »meine Tante, Frau von Vervins, erwartet mich, und ich erinnere mich, daß ich ihr versprochen habe. Sie zu ihr zu bringen, falls ich Ihnen begegne.«

»Ich bedaure, Sie nicht begleiten zu können, denn ich habe noch eine andere Rechnung zu erledigen.«

»Sie bezahlen also heute alle Ihre Gläubiger, das ist ja prächtig, ich mache Ihnen mein Kompliment.«

»Ja, ich habe mit meinen letzten 15 Louis in drei Stunden 18 000 Francs gewonnen.«

»Wo denn?« fragte Jacques neugierig.

»Bei einem Croupier, bei dem heute die letzte Partie gespielt wurde, denn der Mann reist nach Spanien ab.«

»Ah! Dann wundere ich mich auch nicht, daß Sie den ganzen Tag nicht aufzufinden waren, während alle Welt Sie suchte.«

»Alle Welt ist Herr Doutrelaise, nicht wahr?«

»Nein, auch Ihr Herr Vater; er ersuchte mich. Ihnen zu sagen, er hätte noch heute mit Ihnen zu sprechen und würde von 9-11 Uhr bei meiner Tante sein.«

»Ich kann ihn leider nicht aufsuchen, warum, wird mein Vater erfahren, wenn er nach Hause kommt, denn dort wird er mich finden.«

»Dort wohnt also Ihr Gläubiger?«

»Ja.«

»Dann ist es wohl Herr Matapan?«

»Sie kennen ihn?« rief Julien.

Er wollte eben Jacques weiter ausfragen, da bemerkte er den Diener, welcher aus dem Sprechzimmer zurückkam und sagte zu ihm:

»Nun, bringen Sie wir die Karte des Herrn?«

»Nein, Herr Vicomte,« erwiderte der Diener mit verlegener Miene, »der Herr hat mir gesagt, er wäre Polizeikommissar.«

»Sind Sie wahnsinnig?«

»Verzeihung, Herr Vicomte, ich habe seine Schärpe gesehen.«

»Ah! Das ist zu stark,« sagte Julien zornig, »sagen Sie ihm, ich würde kommen. Es verschwört sich alles,« wandte er sich an Jacques, »mich hier zurückzuhalten, jetzt muß ich auch noch die Fragen der Polizei über mich ergehen lassen.«

»Sollte man vielleicht die Spielhölle, in der Sie eben gespielt, ausgehoben haben?« fragte Jacques. »Aber nein, das ist kaum anzunehmen und ich frage mich fortwährend vergebens, was dieser Polizeikommissar Ihnen zu sagen haben kann.«

Das Sprechzimmer lag im Erdgeschoß und sie fanden dort einen Herrn mit intelligenten Zügen vor, der sie im höflichsten Tone mit den Worten ansprach:

»Welcher von Ihnen, meine Herren, ist Herr Julien von Calprenède?«

»Das bin ich,« erwiderte Julien.

»Und der Herr?«

»Der Herr ist einer meiner Freunde.«

»Ich möchte aber mit Ihnen allein sprechen.«

»Der Herr kann alles hören, was Sie mir zu sagen haben, ich wünsche sogar, daß er es hört.«

Der Kommissar zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Mein Herr, ich habe eine mißliche Pflicht zu erfüllen und es liegt mir daran, mich ihrer mit aller nur möglichen Rücksicht zu entledigen; ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften, denn Sie sind des Einbruchdiebstahls angeklagt, mein Herr.«

»Des Einbruchdiebstahls?« wiederholte Julien entsetzt.

»Aber das ist ja unsinnig,« rief Jacques aus.

»Und auf wessen Anklage werde ich verhaftet?« fragte Julien mit zitternder Stimme.

»Auf die Anklage des Herrn Matapan, Ihres Hauswirtes.«

»Ah! der Elende! und was soll ich ihm gestohlen haben?«

»Ein Halsband von großem Werte, und ich muß Sie bitten, mir zu folgen.«

»Wohin?« fragte Julien hastig.

»Nun auf die Präfektur.«

»Ich werde Ihnen nicht folgen, führen Sie mich vor einen Richter, er soll mich verhören, ihm werde ich antworten.«

»Heut abend ist das unmöglich, es ist bereits 10 Uhr vorüber, morgen früh werden Sie vor den Untersuchungsrichter geführt, der sofort ein Verhör mit Ihnen anstellen wird. In Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen, mir jetzt gutwillig zu folgen. Zwei Beamte erwarten mich auf der Straße, vor der Thür des Klubs, ich brauche sie nur zu rufen und ihnen zu befehlen, sich Ihrer Person zu bemächtigen.«

»Lieber Julien,« sagte Jacques jetzt, »Sie sind zweifellos das Opfer eines Irrtums, der morgen aufgeklärt werden wird. Ich übernehme es, Ihren Herrn Vater zu benachrichtigen, und werde auch Herrn Matapan aufsuchen, der einen Ehrenmann so leichtsinnig anklagt. Doch wenn ich Ihnen raten darf, gehen wir jetzt. Bedenken Sie, daß der Diener jedenfalls seinen Kameraden erzählt hat, daß der Polizeikommissar nach Ihnen gefragt hat.«

»Ich bedauere lebhaft, daß ich genötigt war, meine Maske zu lüften,« sagte der Beamte, »unglücklicherweise hätte mein Name Herrn von Calprenède nicht veranlaßt, mich zu empfangen, da er mich ja nicht kannte.«

»Es ist gut, mein Herr,« unterbrach Julien, »Sie haben wohl einen Wagen da?«

.

»Ja, mein Herr, er wartet zehn Schritte von hier. Wenn Sie mich begleiten wollen, so steigen wir ein ohne daß jemand etwas merkt.«

»Verlieren wir keine Zeit,« rief Courtaumer, »gehen wir.«

»Verzeihung, mein Herr,« sagte der Kommissar, »aber Sie können Ihren Freund nicht begleiten.«

»Nun, Sie können doch einmal eine Ausnahme machen, gestatten Sie, mich Ihnen vorzustellen, mein Name ist Jacques von Courtaumer.«

»Sind Sie vielleicht mit dem Untersuchungsrichter Courtaumer verwandt?«

»Ich bin sein Bruder und bürge Ihnen dafür, daß er alles gutheißen wird, was Sie für mich und meinen Freund thun.«

»Nun, so will ich Ihnen gestatten mit in den Fiaker zu steigen, der uns auf die Präfektur fährt.«

»Das ist alles, was ich verlange,« sagte Courtaumer und verneigte sich dankend.

»Noch immer frage ich mich, wie man Sie eigentlich hat verhaften lassen. Man hätte Sie doch morgen in Ihrer Wohnung verhören können.«

»Das war gewiß nicht nach dem Geschmack des Herrn Matapan,« sagte Julien bitter. »Ich sah ihn heute morgen. in dem Café de la Paix, wo ich frühstückte. Er näherte sich dem Tische, an dem ich saß, ich stand auf und ging davon.«

»Doutrelaise hat mir in der That erzählt, daß Sie mit ihm frühstückten, als Matapan in das Restaurant trat.«

»Doutrelaise,« rief Julien zornig, »aber er allein hat ja Matapan die Angaben geliefert, auf die dieser Mensch seine Anklage stützt.«

»Aber mein Gott, Sie vergessen, daß Doutrelaise Sie zum Frühstück eingeladen hat, um Ihnen die 6000 Frcs. zu leihen, die Sie so nötig brauchten. Es ist doch nicht seine Schuld, wenn Sie sie heute abend nicht mehr nötig haben. Er konnte doch nicht ahnen, daß Sie das Geld in einer Spielhölle gewinnen würden.«

»Meine Herren,« sagte der Kommissar, Julien das Wort abschneidend, »ich halte es für gut, wenn Sie dies Thema nicht weiter berühren, denn ich würde genötigt sein, dem Untersuchungsrichter davon Mitteilung zu machen.«

»Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit, aber ich habe nichts zu verbergen.«

»Ich sage und werde stets nur die Wahrheit sagen,« erwiderte Julien, »und erkläre, daß das Geschwätz dieses Doutrelaise alles verschuldet hat. Heute morgen zeigte er mir beim Frühstück einen Opal, den er, wie er behauptete, heute nacht einem Menschen auf der unbeleuchteten Treppe aus der Hand gerissen hatte. Er behauptete, dieser Mensch wäre in die Wohnung eingetreten, welche ich mit meinem Vater inne habe.«

»Das begreife ich nicht, ich bin eine Stunde lang mit Doutrelaise in den Champs-Elysées spazieren gegangen, und er hat sein nächtliches Abenteuer mit keinem Worte berührt. Noch merkwürdiger aber erscheint es mir, daß Matapan aus einen solchen Verdacht hin sich erlaubt hat, eine Klage gegen Sie einzureichen.«

»Und was noch sonderbarer erscheint, ist, daß Ihr Freund Doutrelaise seine Ansicht teilt.«

»Ach, das ist ja nicht möglich, der Dieb hatte jedenfalls falsche Schlüssel, um alle Thüren des Hauses zu öffnen. Er wird Ihre Wohnung betreten haben, wie er vorher die Matapans betreten hatte.«

»Und zwar nicht zum erstenmale; ich habe den Beweis, daß er mehreremale mein Zimmer betreten hat und zwar immer in der Nacht; allerdings ist mir nie etwas gestohlen worden.«

»Das müssen Sie dem Untersuchungsrichter sagen, mein Lieber. Teilen Sie ihm auch mit, daß Sie in einem Spielhause – wie viel war es doch – 18 000 Francs gewonnen haben.«

»Der Herr hat recht,« sagte der Kommissar. »Sie müssen aus jeden Fall erklären, wie Sie zu dein Gelds gekommen sind, und jedenfalls das Spielhaus angeben, in dem Sie 18 000 Francs gewonnen haben.«

»Der Bankhalter hatte keine Erlaubnis,« erwiderte Julien, »und ich sehe nicht ein, weshalb ich die Leute denunzieren soll.«

»Nun denn, mein Lieber,« sagte Jacques, »so sagen Sie mir, was ich für Sie thun kann; in erster Reihe Ihren Vater benachrichtigen, nicht wahr?«

»Wie Sie wollen,« versetzte Julien; »sollte Ihnen dieser Schritt peinlich sein, so werden andere Ihnen schon die Mühe ersparen.«

»Es ist besser, Herr von Calprenède erfährt durch mich den unglücklichen Zufall, auch weiß ich, wo er diesen Augenblick zu finden ist, er ist heute abend bei meiner Tante.«

»Mein Herr,« unterbrach der Kommissar, »wir sind beim Depot angelangt. Sie müssen jetzt aussteigen.«

Courtaumer sagte Julien ziemlich kalt Adieu, dankte dem Kommissar und verließ den Wagen, welcher seinem Bestimmungsorte zurollte …

Als der Untersuchungsrichter Courtaumer am nächsten Morgen sein Bureau betrat, fand er seinen Aktuar mit Ordnen von Aktenstücken beschäftigt.

»Bohamont«, sagte der Richter, »haben Sie bereits die neue Einbruchsaffaire durchgesehen, mit deren Untersuchung ich betraut bin?«

»Ja, Herr Richter,« erwiderte der Aktuar, »die Stücke liegen auf Ihrem Bureau.«

»Nun, ich will zuerst den Thatbestand aufnehmen,« murmelte Herr von Courtaumer und nahm auf seinem Fauteuil Platz.

Dann begann er mit leiser Stimme zu lesen:

»Aus den beigefügten Aktenstücken erhellt, daß der Vicomte …«

Hier hielt er inne und begann zu zittern, denn er hatte eben den Namen Julien Louis Calprenède gelesen. Der Sohn des besten Freundes seiner Tante war wegen Einbruchdiebstahls verhaftet und er sollte ihn dem Gericht überliefern.

Lange sah er sinnend vor sich hin, dann erhob er sich und begann im Zimmer lebhaft hin und her zu gehen.

»Lassen Sie mir den Kommissar rufen,« sagte er zu dem Aktuar, der hinausging, um dem diensthabenden Nuntius den Befehl weiter zu geben.

»Mein Herr,« sagte der Untersuchungsrichter, als der Kommissar erschienen war, »ich habe Sie rufen lassen, um Ihren Bericht über die von Ihnen gestern ausgeführte Verhaftung zu vernehmen.«

»Ich empfing gestern um sechs Uhr den Befehl, Julien von Calprenède zu verhaften,« erwiderte der Kommissar. »Ich begab mich sofort nach seiner Wohnung, wo ich ihn aber nicht antraf, und setzte dann meine Nachforschungen während eines Teils des Abends fort. Die Orte, die der junge Mann zu besuchen pflegte, waren von dem Kläger angegeben.«

»Ein Herr Matapan, nicht wahr?«

»Jawohl, Herr Richter; Matapan ist der Eigentümer des Hauses, welches die Familie des Herrn von Calprenède bewohnt.«

»Und was hat man ihm gestohlen?«

»Ein Halsband von sehr hohem Wert.«

»Und worauf gründet er seine Anklagen?«

»Auf folgende Thatsache: Ein Mieter des Hauses, ein Herr Doutrelaise stieß, als er nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe mit einem Menschen zusammen, der ein Collier in der Hand hielt. Einer der Steine dieses Colliers blieb in den Händen dieses Herrn, und er zeigte ihn am anderen Tage Herrn Matapan, der ihn als ihm gehörig erkannte.«

»So? Und hat der Zeuge auch den Inkulpaten erkannt?«

»Nein, Herr Richter, die Treppe war nicht erleuchtet, er hörte nur Herrn von Calprenède die Wohnung seines Vaters betreten.«

»Das ist kein Beweis? Was halten Sie von der Sache?«

»Ich glaubte zuerst, er wäre unschuldig, denn er wurde durchaus nicht verwirrt, ja, er sprach sogar ziemlich hochmütig zu mir. Allerdings habe ich meine Ansicht während der Fahrt vom Klub zur Präfektur geändert.«

»Weshalb?«

»Er erzählte, er hätte 18 000 Francs im Spiel gewonnen. Doch glaube ich, daß dieses Geld aus dem Verkauf des Herrn Matapan gestohlenen Halsbandes stammt. Am vorigen Abend hatte dieser junge Mann nicht einen Sous und heute wirft er mit Banknoten von 1000 Francs um sich. Uebrigens ist die Angabe des Inkulpaten leicht zu prüfen, daß er das Geld im Spiel gewonnen, denn trotz seiner hartnäckigen vorherigen Weigerung, die Spielhölle zu bezeichnen, hat er sich schließlich doch eines anderen besonnen und mir die Adresse gegeben Rue de Rochet 99.«

»Sie werden sich auf der Stelle dorthin begeben und mir den Bankhalter vorführen.«

»Gut, Herr Richter, ich gehe; aber bevor ich gehe, gestatten Sie mir noch. Ihnen einen wichtigen Umstand mitzuteilen.«

»Sprechen Sie«, sagte der Richter ungeduldig.

»Herr Richter«, fuhr der Kommissar verlegen fort, »der Inkulpat war, als ich ihn im Klub aufsuchte, von einem Freunde begleitet.«

»Und Sie haben im Beisein dieses Freundes die Verhaftung vorgenommen?«

»Ich mußte, wollte ich nicht einen Skandal herbeiführen.«

»Sie haben unrecht gethan, mein Herr.«

»Ich weiß es, aber dieser Freund nannte mir seinen Namen und sagte mir, daß er Jacques von Courtaumer hieße.«

»Mein Bruder?«

»Ja, Herr Richter, ich wußte gestern noch nicht, daß Sie mit der Leitung der Angelegenheit betraut waren. Ich erfuhr es erst heute morgen und kam ausdrücklich, um Ihnen diesen Umstand mitzuteilen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Richter und fuhr dann nach kurzer Pause fort:

»Sie gebrauchten vorhin den Ausdruck, ›Freund‹. Mein Bruder gehört allerdings demselben Klub wie Herr von Calprenède an, aber ist und war nie sein Freund.«

»Oh! ich habe recht gesehen,« sagte der Kommissar, »Ihr Herr Bruder hat für diesen jungen Mann alles gethan, was er thun mußte; aber ich erriet sofort, daß er nicht so vollständig von seiner Unschuld überzeugt war.«

»Ich werde sofort den Inkulpaten verhören. Sie werden sich zu ihm begeben und mir ihn vorführen, bevor Sie sich in die Rue de Rochet begeben und mir den Bankhalter der Spielhölle vorführen. Auch den Kläger und Herrn Doutrelaise werde ich verhören. Bohamont,« fügte er, sich zu dem Aktuar wendend, hinzu, »schreiben Sie die Aussagen auf.«

Der Kommissar verbeugte sich und verließ das Zimmer. Noch war keine Viertelstunde verflossen, als Julien von Calprenède in Begleitung eines Schließers eintrat. Er ging auf den Richter mit flammenden Augen zu und sagte mit heftiger Stimme:

»Ah! Sie sind's, mein Herr, Sie kennen mich und behandeln mich doch, als wäre ich ein Dieb.«

Der Richter zeigte mit größter Seelenruhe auf einen Stuhl und sprach: »Setzen Sie sich und antworten Sie auf die Fragen, die ich an Sie richten werde.«

Julien stieß den Stuhl heftig mit den Füßen zurück, kreuzte die Arme und sagte verächtlich:

»Ihnen antworten, wozu? Sie sind ja von vornherein von meiner Schuld überzeugt. Sie können mich verhören, aber ich werde Ihnen nicht antworten.«

»Sie sind auf ganz falscher Fährte, wenn Sie glauben, Ihr Los dadurch zu bessern, daß Sie andere beschimpfen,« fuhr der Richter fort. »Ich will Ihnen Zeit lassen, nachzudenken. In zwei Tagen werde ich die Zeugen verhört haben und Sie dann wieder vorführen lassen.«

»Schreiben Sie,« sagte er dann, sich zu seinem Aktuar wendend, »daß der Angeklagte auf keine meiner Fragen antworten wollte, und lassen Sie ihn fortführen.«

Julien setzte seinen Hut auf, wandte dem Richter den Rücken und verließ mit herrischer Gebärde das Zimmer.

Kurze Zeit darauf öffnete sich die Thür von neuem und der Polizeikommissar wurde gemeldet.

Herr von Courtaumer ließ ihn sofort eintreten und rief ihm mit gespannter Miene entgegen:

»Nun, was gibt es neues?«

»Herr Richter,« antwortete der Kommissar, »das Individuum, welches der Angeklagte als Bankhalter bezeichnete, ist seit heute morgen verschwunden.«

»Wie, verschwunden?«

»Er ist heute früh nach Spanien abgereist. Er ist ein gewisser Martin. Ich habe sofort in seiner Wohnung eine Haussuchung vornehmen lassen, aber auch nicht einen der zum Spiel geeigneten Gegenstände vorgefunden.«

»Es ist recht bedauerlich, daß die Haussuchung nicht schon gestern abend vorgenommen wurde, wir müssen sogleich telegraphieren, damit dieser Martin an der Grenze festgenommen wird.«

»Ich werde nicht ermangeln, Herr Richter, aber wenn Sie mir gestatten, meine Meinung auszusprechen, so halte ich es für richtiger, die Nachsuchungen im Leihhaus oder bei den Juwelieren anstellen zu lassen, denn ich zweifle nicht, daß das Halsband verpfändet oder verkauft worden ist. Die Geschichte der in einer Spielhölle gewonnenen 18 000 Francs ist eine Lüge.«

»Haben Sie sich nach Matapan auch erkundigt?« fragte der Richter.

»Ich habe seine Akten auf der Präfektur durchgesehen. Er wohnt seit zwölf Jahren in Paris und hat kurze Zeit nach seiner Ankunft das Haus auf dem Boulevard Haußmann bauen lassen. Er ist 53 Jahre alt, unverheiratet, und kam aus den holländischen Kolonien, aus Java glaube ich, wo er ein bedeutendes Vermögen erworben hatte. Zuletzt war er Kapitän in der Handelsmarine.«

»Ist er Franzose?«

»Er ist auf der Insel Mauritius geboren, also englischer Unterthan.«

»Ich werde ihn vielleicht noch heute verhören, ich habe ihn vorladen lassen. Nehmen Sie, bitte, gleich Ihre Recherchen bei den Juwelieren auf. Ist das Collier leicht wiederzuerkennen?«

»Ja, Herr Richter, wegen der Fassung und auch wegen der Wahl der Steine.«

»Diamanten, nicht wahr?«

»Nein, Herr Richter, das heißt, es sind welche vorhanden und bilden die Umfassung von 32 Opalen.«

»Opale?«

»Ja, Herr Richter.«

»Sonderbar, sonderbar,« sagte ganz leise der Untersuchungsrichter, denn er erinnerte sich plötzlich, daß er am vorigen Abend bei seiner Tante ein Opalcollier gesehen hatte.

»Gehen Sie, Herr Kommissar«, sagte er dann, »und wenn Sie etwas Wichtiges hören, so teilen Sie es mir sofort mit.«

Kaum hatte der Kommissar das Zimmer verlassen, als der Nuntius eintrat und dem Richter eine Karte überreichte.

»Meine Tante,« murmelte Courtaumer, »sie hier! und sie will mich auf der Stelle sprechen. Wer weiß! sie kommt vielleicht wegen des Halsbandes.«

»Bohamont,« wandte er sich dann an seinen Aktuar, »ich muß eine nahe Verwandte empfangen, Ihre Gegenwart würde sie stören, gehen Sie.«

Der Aktuar verließ das Kabinett, während der Nuntius Frau von Vervins eintreten ließ.

Adrian von Courtaumer eilte seiner Tante entgegen, die ihm in aufgeregtem Tone zurief:

.

»Einen Sessel, mein Lieber, schnell einen Sessel! Diese vier Treppen haben mich außer Atem gebracht, ich halte mich kaum noch auf den Füßen.«

»Liebe Tante, hätte ich Ihren Besuch vorhergesehen, so wäre ich herunter gekommen; »warum haben Sie mich nicht rufen lassen?«

»Durch wen? Ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte. Aber sage, Adrian, wir sind doch hier ungestört?«

»Gewiß, liebe Tante.«

»Dann komme ich sofort zur Sache.«

»Es handelt sich wohl um Herrn Julien von Calprenède?«

»Ganz recht.«

»Liebe Tante«, sagte der Richter nach kurzem Schweigen, »ich empfinde die lebhafteste Teilnahme für Ihren Freund Herrn von Calprenède, aber wenn sein Sohn ein Verbrecher ist, so werde ich ihn als solchen behandeln.«

»Ja, glaubst du vielleicht, ich werde dich zu einer unehrenhaften Handlung verleiten?«

»Nein, liebe Tante, dazu kenne ich Sie zu gut.«

»Nun wohl, so höre mich ruhig an, aber vorher beantworte mir noch eine Frage. Wann wirst du den jungen Calprenède verhören?«

»Ich habe ihn bereits verhört, er hat mich eben verlassen.«

»Ah! Und was hat er dir gesagt?«

»Er weigerte sich, zu antworten und schlug mir gegenüber einen so unpassenden Ton an, daß ich ihn in das Gefängnis zurückführen ließ.«

»Ah! gut.«

»Wie, Sie billigen sein Betragen?«

»Ich tadle sein Betragen, aber ich sehe daraus, daß er unschuldig ist.«

»Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß ich an die Schuld des Angeklagten glaube.«

»Und worauf gründet sich dein Verdacht, hast du Beweise?«

»Das nicht, aber aller Anschein spricht gegen ihn.«

»Julien von Calprenède hat seit seiner Majorennität, also kaum seit zwei Jahren, das ihm von seiner Mutter hinterlassene Vermögen durchgebracht. Er führt ein lüderliches Leben, er spielt und steckt in Schulden, oder vielmehr er stak darin, denn im Laufe des gestrigen Tages hat er alles bezahlt. Natürlich frägt man sich, wo er das Geld her hat.«

»Und du glaubst natürlich, er hätte es von Matapan?«

»Er behauptet allerdings, er habe es in einer Spielhölle gewonnen. Ich habe einen Kommissar dorthin geschickt, dieser hat festgestellt, daß der angebliche Bankhalter seit heute morgen verschwunden ist. Sie müssen zugeben, das ist ein Zufall, der dem Angeklagten sehr zu statten kommt.«

»Ich gebe es zu und will einen anderen Gegenstand berühren: weißt du, was man diesem Matapan gestohlen hat?«

»Ja, liebe Tante,« erwiderte der Richter, »seit einer Stunde weiß ich es. Man hat ihm ein mit Brillanten eingefaßtes Opalhalsband gestohlen.«

»Und du vermutest, daß Julien dies Halsband verkauft hat, um sich Geld zu verschaffen?«

»Ich vermute gar nichts,« erwiderte Herr von Courtaumer. »Ich habe nur befohlen, daß man bei den Juwelieren Recherchen anstellte.«

»Das war unnütz, denn man wird nichts finden.«

»Weshalb?« fragte Adrian zaghaft.

»Weil das Halsband gar nicht verkauft worden ist.«

»Erklären Sie sich, bitte, deutlicher.« rief der Richter aufgeregt.

»Weil ich das Halsband selbst besitze,« fuhr die Marquise ruhig fort; »hier ist es.«

Bei diesen Worten holte Frau von Vervins aus einem kleinen Täschchen das Collier und warf es mit verächtlicher Miene auf den Schreibtisch des Untersuchungsrichters.

Courtaumer blickte bleich und verstört die Opale an, während die Marquise ruhig lächelnd fragte:

»Nun, glaubst du noch immer, daß Julien das Halsband verkauft hat?«

»Nein, verkauft hat er es nicht,« rief der Richter überrascht, »das ist klar, aber …«

»Aber er hat es gestohlen, da ich es dir bringe, wenn du mich nicht im Verdacht hast, es entwendet zu haben.«

»Er hat es Ihnen also übergeben?«

»Er nicht, aber sein Vater hat es gestern abend getan. Er hatte es gestern früh in seinem Arbeitszimmer gefunden, welches sein Zimmer von dem Juliens trennt.

»Aber wie erklären Sie sich denn, daß sich das Halsband in der Wohnung des Herrn von Calprenède befand; es muß es doch jemand dorthin gebracht haben, und gerade dieser Punkt muß um jeden Preis klargelegt werden.«

»Glaubst du etwa, es sei sein Vater oder seine Schwester?«

»Nein, gewiß nicht, aber der Graf hat Dienstboten …«

»Zwei brave Mädchen, die unfähig find, einen Sous zu nehmen. Außerdem was thut das alles; die Opale des Herrn Matapan haben sich wieder gefunden, also ist die Sache zu Ende.«

»Sie irren sich, liebe Tante,« sagte der Richter lebhaft, »ein Diebstahl ist begangen worden, und die Rückgabe des gestohlenen Gegenstandes hebt die Verfolgung nicht auf.«

»Du brauchst Herrn Matapan aber doch nur das Collier zurückzugeben und ihn zu bitten, seine Klage fallen zu lassen.«

»Ich bedaure, das nicht thun zu können, und bitte Sie dringend, den Schmuck wieder mitzunehmen.«

»Um keinen Preis. Diese entsetzlichen Steine dürfen nicht mehr über meine Schwelle. Uebrigens glaube ich, dieselben schon einmal gesehen zu haben. Ich hatte einen alten Onkel, der vor der Revolution Malteser-Ritter war und seltene Steine sammelte. Wer weiß, ob ihm dieses Collier nicht gestohlen worden ist.«

»Jedenfalls nicht durch Matapan, denn dieser ist erst 50 Jahre alt und mein Großonkel starb, glaube ich, im Jahre 1824.«

»Oh! Ich klage Matapan ja auch gar nicht an. Aber er soll auch Julien nicht anklagen. Nun, ich verlasse mich ganz auf dich und gehe jetzt.«

Bei diesen Worten erhob sich Frau von Vervins und schritt der Thür zu.

»Ich halte Sie nicht zurück, liebe Tante, denn ich erwarte Zeugen; aber ich bitte Sie um Gotteswillen, nehmen Sie das Halsband mit.«

»Um keinen Preis; es liegt hier ganz gut, ich lasse es dir.«

Die Marquise sprach noch, als der Nuntius eintrat und Herrn von Courtaumer etwas mit leiser Stimme zuflüsterte, worauf dieser erwiderte:

»Lassen Sie den Herrn warten.«

»Was giebt es denn?« fragte Frau von Vervins.

»Herr Matapan ist da.«

»Müßten Sie sich verstecken,« sagte Arlette ruhig.

»Würde der Herr Graf von Calprenède seine Erlaubnis dazu geben? Ich zweifle daran!«

»Es ist besser, mein Vater erfährt überhaupt nichts davon, er kommt übrigens während der Nacht nie in Juliens Zimmer, Herr Doutrelaise kennt es ja.«

»Gewiß, und ich weiß, daß man es von einem Korridor betreten kann, ohne durch andere Stuben hindurch zu müssen. Aber um diesen Korridor zu betreten, brauchen wir …«

»Den Schlüssel der Wohnung,« sagte Arlette, »hier ist er, mein Herr.«

Damit zog sie einen Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn Doutrelaise mit den Worten:

»Darf ich auf Sie zählen?«

»Zweifeln Sie daran?« rief Doutrelaise.

»Nein, und ich lege freudig Juliens Schicksal in Ihre Hände. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen und verlasse mich ganz auf Sie.«

Nach diesen Worten warf sie den beiden Freunden einen liebevollen Blick zu und entfernte sich.

»Sie ist reizend,« rief Jacques, als sie verschwunden war, »und noch mehr, sie ist ein Charakter. Aber sprechen wir jetzt von dem Zunächstliegenden. Wie wollen wir zu Werke gehen?«

»Du willst dich also wirklich daran beteiligen?«

»Gewiß.«

»Aber sie hat sich doch an mich gewendet, da sie weiß, daß ich die Wohnung ganz genau kenne.«

»Und ich habe sie nie betreten, das ist allerdings wahr. Nun, es sei, ich werde dir die Ehre lassen und dir trotzdem helfen Ich werde mich nämlich in genügender Entfernung halten, um dir zu Hilfe zu kommen.«

»Aber nicht auf der Treppe, der Mensch würde uns entwischen«

»Suchen wir also ein anderes Versteck.«

»Ich wüßte nur eins.«

»Sage es mir, und wenn es sich auch darum handelt, die Nacht auf dem Dache zuzubringen …«

»So hoch ist es nicht. Auf einem Stuhl in diesem Zimmer beim Fenster. Wie du siehst, kann man von hier in das Zimmer Julien von Calprenèdes hineinblicken.«

»Ja, wahrhaftig,« rief Courtaumer, nachdem er sich überzeugt, »das ist ein ganz vorzügliches Observatorium.«

»Wir müssen auch ein Zeichen verabreden. Zum Beispiel, ich öffne das Fenster und rufe dich.«

»Sehr gut, und wann werden wir die Belagerung des Schlosses Matapan beginnen?«

»Heute nacht um zwölf Uhr.«

Die Marquise zögerte einen Augenblick und nach kurzem Nachdenken antwortete sie:

»Mein lieber Adrian, du wirst nach deinem Gewissen handeln und ich bin gewiß, daß du richtig verfahren wirst. Ich will nur noch bemerken, daß der Graf von Calprenède keine Ahnung hat, daß ich mich an dich gewendet habe. So, nun weißt du Bescheid, und nun öffne mir die Geheimthür.«

Adrian verbeugte sich, führte Frau von Vervins auf den Korridor und verließ sie. Dann öffnete er Matapan selbst die Thür und sagte:

»Nehmen Sie Platz, mein Herr! Sie haben soeben eine Vorladung erhalten?«

»Vor wenigen Minuten,« versetzte Matapan, »Sie sehen, ich habe keine Zeit verloren, um Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

»Mein Aktuar ist abwesend,« fuhr der Richter fort, »ich werde Ihre Aussage vernehmen, sobald er zurück ist. Inzwischen möchte ich mich mit Ihnen über die Klage unterhalten, die Sie gestern eingereicht haben. Vor allen Dingen wollte ich Sie fragen, ob Sie noch andere Indizien gegen Calprenède haben, als die angeführten?«

»Das nicht, aber ich glaube, sie genügen.«

»Mir scheinen sie sehr unbestimmt,« sagte der Richter trocken, »und ich glaube. Sie überschätzen den Wert derselben Indizien. Sie thun unrecht, die Sache auf die Spitze zu treiben, und haben gewiß keinen Grund, einer ehrenwerten Familie zu zürnen, die ein öffentlicher Skandal schmerzlich berühren würde.«

»Oh! nicht den geringsten,« sagte Matapan, die Achsel zuckend. »Doch ich habe einen bedeutenden Verlust erlitten, der Gegenstand, den man mir gestohlen, ist wenigstens 30 000 Frs. wert, von dem bedeutenden Kunstwerte ganz abgesehen.

»Das begreife ich vollkommen, aber wenn man Ihnen nun den Schmuck zurückerstatten würde, würden Sie dann Ihre Klage fallen lassen?«

Matapan dachte eine Weile nach und sagte endlich:

»Vielleicht. Das hängt von Umständen ab; wenn die Calprenèdes eingestehen würden, sie hätten mich bestohlen.«

»Es handelt sich hier nicht um Geständnisse; der Angeklagte hat keins gemacht, und ich glaube auch nicht, daß er es thun wird. Der Fall liegt so, daß Sie den Schmuck vielleicht anonym zurückerhielten. Würden Sie die Klage fallen lassen?«

»Ich sage nicht nein, aber wer weiß, ob ich meine Opale dann wieder bekäme.«

»Die Uebergabe des Schmuckes würde natürlich vor Ihrer Erklärung erfolgen.«

»Nun, das läßt sich hören,« murmelte Matapan, »ich bin ja kein böser Mensch und verlange nur mein Eigentum zurück.«

Adrian von Courtaumer ging nun gerade auf sein Ziel los und sagte: »Diese Erklärung genügt mir. Mein Herr, hier ist Ihr Halsband!«

Mit diesen Worten öffnete er die Schublade seines Schreibtisches, entnahm derselben das Collier und übergab es Matapan.

»Ich habe es wieder, ich habe es wieder!« rief dieser hocherfreut, seine Augen glänzten, seine Hände zitterten sichtlich, und Courtaumer sagte nunmehr:

»Jetzt, mein Herr, denke ich, ist die Angelegenheit erledigt, schreiben Sie bitte Ihren Brief an den Herrn Prokurator, das übrige übernehme ich.«

»Das übrige ist die Freilassung des Angeklagten Calprenède, nicht wahr?« fragte Matapan.

»Allerdings.«

»Und dieser interessante junge Mann wird seiner ehrenwerten Familie wieder zurückgegeben,« drang es fast drohend aus Matapans Munde. »Es schadet ihm garnichts, daß er mich bestohlen hat?«

»Es liegt kein Beweis vor, daß er es gethan hat,« versetzte Courtaumer lebhaft.

»Im Gegenteil, alles beweist es. Sie haben das Halsband wohl nicht näher angesehen? Es fehlt ein Opal, derselbe, den Herr Doutrelaise im Kampfe mit dem Angeklagten Calprenède losgerissen hat.«

»Oder im Kampf mit einem anderen.«

»Hat Ihnen dieser andere vielleicht das Halsband übergeben? Nennen Sie ihn mir doch, damit ich ihm danken kann, wie er es verdient.«

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Mir nicht; aber Ihren Vorgesetzten müssen Sie antworten.«

»Ich verlasse mich auf mein Gewissen.«

»Und ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, durch eine feige Nachsicht einem Schuldigen Straflosigkeit zu sichern.«

»Das heißt also, Sie bestehen auf Ihrer Klage?« fragte Herr von Courtaumer erbleichend.

»Ganz recht.«

»Sie haben sich aber doch verpflichtet, sie zurückzuziehen.«

»Das leugne ich entschieden. Sie haben mir verfängliche Fragen vorgelegt, auf die ich geantwortet habe. Aber ich habe Ihnen nichts versprochen, darin haben Sie sich gewaltig getäuscht!«

Adrian von Courtaumer erblaßte vor Zorn, aber er beherrschte sich und sagte kalt:

»Mein Herr, ich hätte Ihnen das Halsband auf jeden Fall zurückgegeben, aber es steht Ihnen frei, auf Ihrer Klage zu beharren.«

»Gewiß werde ich das,« gab Matapan zur Antwort, »wahrscheinlich hat Ihnen der Vater oder irgend einer der Seinigen den gestohlenen Gegenstand übergeben.«

»Das würde Sie nichts kümmern,« versetzte der Richter: »ich zweifle nicht daran, daß Ihnen das Collier gehört, aber Sie begreifen wohl, daß ich es Ihnen nicht so ohne weiteres überlassen darf; Sie müssen schriftlich um dasselbe einkommen; wollen Sie es mir bitte jetzt zurückgeben!«

Matapan dachte einen Augenblick nach; dann sagte er lächelnd:

»Hier ist der Schmuck, Herr Richter. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Mit diesen Worten legte er den Schmuck auf den Schreibtisch und verließ das Kabinett, ohne ein Wort zu sprechen. Adrian von Courtaumer fühlte sich recht unbehaglich. Er war in diesem Kampfe vollständig geschlagen worden und verhehlte sich seine Niederlage nicht.

»Bohamont,« sagte er plötzlich zu dem Aktuar, »Sie können die Zeugen wieder fortschicken und werden die Befehle meines Nachfolgers abwarten!«

»Wie, Herr Richter, Sie verzichten auf die Untersuchung?«

»Ich verzichte auf alles, nehmen Sie das Halsband und begleiten Sie mich. Der Nuntius kann die Zeugen fortschicken.«

Bohamont begriff nichts, aber er gehorchte, während Courtaumer sich an seinen Schreibtisch setzte und folgenden Brief schrieb:

 

Liebe Tante!

»Der Mann, der den Sohn Ihres Freundes anklagt, wird morgen in Besitz seines Eigentumes gelangen, er hat sich aber geweigert, seine Klage zurückzuziehen. Ich habe gethan, was Sie verlangten, und es bleibt mir nur noch übrig, meinen Abschied einzureichen. Ich wünsche, daß dieses Opfer dem Unglücklichen zu nutze kommen möge, und brauche Sie wohl nicht zu versichern, daß ich stets Ihr ergebener Neffe verbleibe.«

.

Er unterzeichnete den Brief, versiegelte ihn und verließ dann festen Schrittes das Kabinett.


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