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V.

Doutrelaise beendete eben seine Morgentoilette, als Jacques von Courtaumer wie ein Wirbelwind in sein Zimmer stürzte.

»Hast du gestern abend Julien von Calprenède gesehen?« rief Doutrelaise ihm zu.

»Gewiß habe ich ihn gestern abend gesehen; weißt du, wo er sich augenblicklich befindet?«

»Ich weiß nur, daß er nicht zu Hause ist.«

»Das glaube ich, denn er ist im Gefängnis.«

»Im Gefängnis? Das ist nicht möglich.«

»O doch, man hat ihn im Klub verhaftet und ich habe ihn bis zum Depot begleitet.«

»Und wessen klagt man ihn an?« fragte Doutrelaise aufgeregt.

»Er soll Matapan ein Opalhalsband gestohlen haben.«

»Und auf seine Klage hin hat man Julien verhaftet?«

»Ja.«

»Aber welche Beweise hat man gegen ihn?«

»Das fragst du mich? Du hast sie ihm ja geliefert.«

»Ich?«

»Ja, du selbst, mein Lieber.«

»Es ist ja wahr,« murmelte Doutrelaise erschreckt.

»Nun offen heraus, ich wundere mich, daß du nicht diskreter gewesen bist, und will dir nicht verhehlen, daß du dir in diesem Julien einen erbitterten Feind gemacht hast.«

»Ich werde meine Aussage verweigern.«

»Das wäre noch schlimmer, man würde den Angeklagten daraus hin verurteilen. Beruhige dich übrigens, mein Bruder Adrian wird die Untersuchung leiten.«

»Dein Bruder? Das ist ja sehr glücklich, du kannst ihm sagen, man täusche sich, wenn auch der Schein gegen ihn spricht.«

»Ich werde mich wohl hüten, diese Dummheit zu begehen. Außerdem hat Herr von Calprenède einen weit besseren Advokaten, der einen bedeutenden Einfluß auf meinen Bruder ausübt.«

»Wer ist denn das?«

»Meine Tante!«

»Frau von Vervins? Aber wie hat sie so schnell erfahren, daß man Julien gestern abend verhaftet hat?«

»Ich selbst habe es ihr ½ Stunde nach der Verhaftung mitgeteilt; und sie zeigte sonderbarerweise nicht die geringste Verwunderung, sondern sie sagte mir nur, sie würde heute meinen Bruder Adrian aufsuchen.«

»Ist dem Grafen die Verhaftung Juliens bekannt?«

»Meine Tante wird es ihm wohl geschrieben haben.«

»Und was ist deine Ansicht über Julien?«

»Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß er gestohlen hat,« erwiderte Jacques.

»Nun, und ich bin überzeugt, er ist unschuldig.«

»Man sieht, du bist in seine Schwester verliebt. Ich möchte wissen, wie du diese deine Ansicht begründen willst.«

»Auf Thatsachen. Julien war zur Stunde nicht im Hause, als ich dem Manne begegnete, der das Opalenhalsband in der Hand hielt, er ist erst später zurückgekehrt.«

»Das sagt er.«

»Und er wird es auch beweisen. Außerdem aber habe ich noch einen anderen Beweis, der noch besser zu seinen Gunsten spricht. Man hat sich nicht zum erstenmal in die Wohnung seines Vaters eingeschlichen.«

»Und das glaubst du?«

»Gewiß.«

»Nun, ich möchte wetten, kein Wort von dem, was dieser Mensch erzählt hat, ist wahr.«

»Soll ich dir meine offene Meinung über diesen Fall sagen?« fragte Doutrelaise nach kurzem Schweigen.

»Die Frage ist einzig, seit einer Viertelstunde verlange ich ja nichts weiter von dir.«

»Nun denn, ich glaube, daß der Dieb und der Bestohlene ein und dieselbe Person ist, mit anderen Worten, ich glaube, daß Matapan selbst sein Collier in die Wohnung des Herrn von Calprenède gebracht hat.«

»Und warum sollte er sie gerade zu Julien bringen?«

»Um ihn ins Unglück zu stürzen.«

»Aber was hat ihm Julien denn gethan?«

»O, diesem zürnt er auch nicht, wohl aber seinem Vater. Du mußt wissen, daß er die Kühnheit gehabt hat, seine Augen zu Fräulein von Calprenède zu erheben.«

»Dann vermutest du also, daß er um die Hand des Fräulein Arlette angehalten hat und man ihm dieselbe verweigert hat?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Und du meinst, um sich zu rächen, hätte er diese Infamie erfunden? Und wie wäre er denn nach deiner Meinung zu Werke gegangen, um bei Nachtzeit in die Wohnung des Herrn von Calprenède einzudringen?«

»Das ist sehr leicht. Er hat die Wohnung des Grafen bis zum 15. Oktober bewohnt und wird wohl einen Schlüssel behalten haben.«

»Das ist in der That möglich. Aber warum sollte er dich denn angegriffen haben; das erscheint mir unerklärlich.«

»Mir auch, aber meine Ueberzeugung steht fest.«

Jacques wollte eben neue Einwände anführen, als Alberts Diener ins Zimmer trat und ihm mitteilte, eine Dame wünsche ihn zu sprechen.

»Was für eine Dame? Ich empfange niemand,« rief Doutrelaise schnell.

»Gnädiger Herr, die Dame ist verschleiert, aber ich glaube doch, sie erkannt zu haben.«

»Nun, warum nennen Sie denn den Namen nicht, wenn Sie ihn wissen?« sagte Doutrelaise ungeduldig.

»Der gnädige Herr werden entschuldigen, wenn ich mich täusche, aber ich glaube, die Dame ist Fräulein von Calprenède.«

»Hat die Dame verlangt, den Herrn allein zu sprechen?« fragte Courtaumer, sich an den Diener wendend.

»Nein, mein Herr, im Gegenteil.«

»Wie im Gegenteil? Als sie erfuhr, ich sei da, hat sie da nicht Miene gemacht, fortzugehen?«

»Durchaus nicht, mein Herr, sie wartet.«

»Dann kann ich also bleiben,« rief Jacques und sah Doutrelaise an, der dem Diener zurief:

»Bitten Sie die Dame, einzutreten.«

Der Diener öffnete die Thür und eine verschleierte und schwarz gekleidete Dame trat ins Zimmer, die Albert auf den ersten Blick als Arlette von Calprenède erkannte.

»Oh! mein gnädiges Fräulein, wie soll ich Ihnen für die Ehre danken, die Sie mir erweisen; hätte ich gewußt, daß Sie mich zu sprechen wünschten, ich hätte einen Schritt vermieden …«

»Den Sie ein wenig unpassend finden, nicht wahr,« sagte Arlette, sich entschleiernd. »Ich weiß, es ist unrecht, allein hierherzukommen, aber ich konnte die Ungewißheit nicht länger ertragen. Julien ist gestern abend verhaftet worden, und mein Vater, der mir diese entsetzliche Nachricht mitteilte, sagte mir Dinge, die ich nicht glauben wollte.«

»Hoffentlich hat er Ihnen nicht gesagt, daß ich die Ursache seines Unglückes war!« rief Doutrelaise bestürzt.

»Die unfreiwillige Ursache gewiß, so behauptet wenigstens mein Vater. Nun sah ich vorhin vom Fenster aus Herrn von Courtaumer die Treppe hinausgehen und glaubte, ich würde ihn hier treffen. Ich bitte Sie, mir die volle Wahrheit zu sagen.«

»Aber ich weiß auch nichts, außer, was mir Jacques soeben erzählt hat, er war bei Julien, als sich das Unglück ereignete.«

»Dann wende ich mich an Sie, mein Herr, Sie sind für mich kein Fremder, denn Sie sind der Neffe der besten Freundin meines Vaters. Sagen Sie, ist es möglich, daß der Richter meinen Bruder wie einen Verbrecher behandelt?«

»Ich kann Ihnen nicht verbergen, mein Fräulein,« sagte Jacques traurig, »daß der Schein gegen ihn spricht, aber ich hoffe, er wird sich rechtfertigen.«

»Ich würde mein Leben hingeben, um ihn befreien zu können,« fuhr Albert feurig fort.

»Aber Sie wissen nicht, wie Sie es anfangen sollen. Ich weiß, was geschehen muß, aber ich kann nichts ohne Sie thun.«

»Sprechen Sie, ich beschwöre Sie.«

»Wenn ich Ihnen sagte, daß man das Halsband in dem Arbeitszimmer, das an das meines Bruders stößt, gefunden hat, wurden Sie ihn dann für schuldig halten?«

»Man müßte es wohl glauben,« sagte Jacques, »aber glücklicherweise ist das nur eine Vermutung.«

»Es ist die Wahrheit, mein Vater hat dieses entsetzliche Halsband gefunden.«

»Dann ist alles verloren,« murmelte Doutrelaise.

»Nein, denn Sie werden beweisen, daß es Julien nicht dorthin gelegt hat.«

»Aber wie?« fragte Jacques.

»Indem Sie dem Manne aufpassen, der mehreremale während der Nacht in unsere Wohnung eingedrungen ist.«

»Also diese Geschichte von den nächtlichen Besuchen, die er uns erzählt hat.«

»Ist wahr, ich habe den Mann nicht gesehen, aber ich habe ihn gehört.«

»Dann können wir ihn ja auf der That ertappen, aber um ihn zu finden …«

»Und wenn heut nichts passiert?«

»Dann fangen wir morgen von vorne an.«

»Aber sage doch mal,« fuhr Jacques fort, »was hast du eigentlich mit dem Opal gemacht?«

»Er ist hier, ich habe ihn sorgfältig eingeschlossen.«

»Ich glaube, du hättest besser gethan, ihn in die Seine zu werfen.«

»Ich hatte große Lust dazu, aber ich glaubte nicht das Recht dazu zu haben.«

»Das ist eine andere Frage,« fuhr Jacques, den Kopf schüttelnd, fort, »die ich nicht zu beantworten wage. Nun verständigen wir uns jetzt,« fuhr Jacques fort. »Ich werde dich zwischen 6-7 Uhr hier abholen und wir gehen dann ins Restaurant speisen. Dann kehren wir nach Hause zurück und bringen den Abend hier zu, um gegen 12 Uhr unsern Dienst anzutreten. Ich werde mich hier häuslich niederlassen. Aber jetzt verlasse ich dich,« sagte Jacques, schüttelte seinem Freunde die Hand und verließ das Zimmer.

Im Vestibüle angekommen, bemerkte er den Portier, der sich angelegentlich mit einem Herrn unterhielt, der niemand anders war als der frühere Lotse der chinesischen Piraten, doch setzte er, ohne sich um denselben zu kümmern, seinen Weg fort.

Die Wohnung Matapans bot dem Beschauer ein recht eigentümliches Bild. In den sogenannten Empfangsräumen hatte der Millionär alles aufgehäuft, was man sich für Geld verschaffen kann. In jedem der vier Wohnzimmer konnte er schlafen, denn sie waren alle in derselben Art möbliert. Aber nirgends ein Bett, nirgends ein Schreibtisch, nur Diwans. Von allen Decken hingen Kronleuchter herab, die er oft am hellen Tage anzünden ließ, denn die Fenster hatten bunte Scheiben, durch die selten ein Lichtstrahl drang. In sämtlichen Kaminen brannte selbst im Sommer ein helles Feuer.

Dieses Sanktuarium hütete ein Diener von seltsamem Aussehen. Es war weder ein Neger noch ein Weißer, augenscheinlich gehörte er der gelben Rasse an, obgleich er die Augen und die Züge eines Europäers besaß.

Dieser akklimatisierte Sklave hieß Ali. Er war gleichzeitig Intendant, Kammerdiener, Koch, Sekretär und, wenn es nötig war, auch Kutscher.

Es war neun Uhr. Matapan saß nach türkischer Art mit untergeschlagenen Beinen und rauchte aus einer langen Pfeife; ihm gegenüber saß der frühere Lotse und dampfte aus einem Nargileh.

»Nun,« sagte Matapan nach einer Weile, »du hast also ganz auf die Seereisen verzichtet, mein alter Junge?«

»Ja,« erwiderte der andere, »ich habe mein Leben oft genug gewagt und möchte es nun endlich ein bißchen genießen.«

»Und du glaubst, du wirst dich in Paris amüsieren?«

»Bis jetzt ist es mir noch kaum gelungen.«

»Es wird dir auch nicht gelingen, alter Junge. Ich wohne hier nun schon seit zwölf Jahren, aber ich habe mich noch immer nicht an das Leben gewöhnen können.«

»Das ist dein Fehler, Matapan, du solltest dich verheiraten!«

»Haha! Du hast gut reden. Ich habe um ein Mädchen angehalten, das nicht einen Sous besitzt, und man hat mir die Thür gewiesen, trotzdem ich acht Millionen besitze.«

»Also ist der Vater wahnsinnig!«

»Nein, aber hochmütig ist er; er ist Graf, doch ich habe mich gerächt und habe sie bei ihrer empfindlichen Seite gepackt. Der Sohn ist auf meine Anzeige hin verhaftet worden und wird wegen Diebstahls verurteilt werden.«

»Ah! sehr gut. Aber wie hast du es denn angefangen, um ihnen diesen Streich zu spielen?«

»O, ich hatte Glück! Ich bemerkte gestern, daß mir ein von Diamanten umfaßtes Opalencollier fehlt, und … du erinnerst dich vielleicht an dieses Collier?«

»War es dasselbe, welches du bei unserem ersten Streifzug auf dem ›Gavial‹ bekamst?«

»Dasselbe!«

»Man hat das Halsband wiedergefunden?«

»Ja, und den Dieb dazu, der zufällig der Bruder des betreffenden jungen Mädchens ist.«

»Aber wie hat er es nur stehlen können?«

»Er besaß den Schlüssel der Wohnung; die Leute wohnten früher hier, ich bewohnte den zweiten Stock, den sie jetzt inne haben.«

»Ich begreife, aber er hatte doch nicht den Schlüssel zu deiner Kassette …«

»Ich hatte den Schlüssel stecken lassen und nicht abgezogen, der Spitzbube ist bei Nacht eingedrungen …«

»Dann ist es nur gut, daß er nichts weiter gestohlen hat, du mußt hier hübsche Summen liegen haben; aber nein, du hast ja dein Geld auf der Bank.«

»Nein, ich habe kein Vertrauen zur Bank!«

»Du hast nicht unrecht. Hätte ich ein solches Gebäude wie du, ich würde auch mein ganzes Vermögen hierherbringen.«

»Als ich mein Haus bauen ließ, ließ ich mir Geheimfächer herstellen. Ich hatte eins oben und eins hier, und selbst der Teufel würde sie nicht entdecken.«

»Aber wenn der Mieter vom zweiten Stock nun die Mauern untersuchte?«

»So würde er gewiß nichts finden. Aber sage mir mal,« fuhr Matapan nach einer Pause fort, »bin ich der einzige, der deine Vergangenheit kennt?«

»Die sie gekannt haben, schlafen auf dem Grund der großen Tasse oder sind gehenkt worden. Niemand würde ahnen, daß Jean Giromont, Rentier und Kapitalist, früher einmal … Ah! Donnerwetter, es giebt doch jemand in Paris, der mich vor fünf Jahren in Saigon gesehen hat, ein ehemaliger Marinelieutenant auf der ›Juno‹, ein Herr von Courtaumer.«

»Courtaumer!« rief Matapan. »Du kennst einen Herrn dieses Namens?«

»Er hat mir einmal einen großen Dienst erwiesen.«

»Und er weiß, daß du hier bist?«

»Er hat mich gestern gesehen, er frühstückte in demselben Restaurant wie ich; nachher habe ich in den Champs-Elysées sogar mit ihm gesprochen.«

»Wie kamst du denn dazu, dich derartig preiszugeben?«

»Ich gestehe, daß ich eine Dummheit beging, denn er hat mich sehr schlecht aufgenommen.«

»Weißt du, wer dieser Mensch ist? Er ist ein Verwandter des Untersuchungsrichters, der mich heute verhört hat. Nun hoffentlich hast du deinem Marinelieutenant doch nicht gesagt, daß du mich kennst?«

»Allerdings! Ich konnte doch nicht ahnen, daß dir das unangenehm sein würde.«

»Ich hielt dich nicht für so geschwätzig; ein Wort kann einem manchmal teuer zu stehen kommen. Nun, was sagte er denn, als du ihm von mir sprachst?«

»Gar nichts, weil in demselben Augenblick einer seiner Freunde hinzutrat und ihn mitnahm. Aber ich glaube, wenn ich selbst nicht von dir gesprochen hätte, er wurde es doch wissen, daß ich dich kenne.«

»Weshalb?«

»Weil er heute morgen gesehen hat, wie ich mich mit deinem Portier unterhielt.«

»Und er hat dich erkannt?«

»Auf den ersten Blick. Aber sage einmal, hast du denn mit dem Marinelieutenant etwas vorgehabt?«

»Das nicht; aber er ist ein Freund des Grafen von Calprenèdes, dessen Sohn der Dieb ist.«

»Ah! jetzt begreife ich!«

»Noch mehr, er ist der Freund eines gewissen Doutrelaise, der im vierten Stock wohnt und in der Halsbandgeschichte ebenfalls seine Aussage abgeben muß. Er hat den Dieb auf der Treppe angetroffen und ihm einen der Opale aus der Hand gerissen. Wahrscheinlich kam Courtaumer, als du ihn im Vestibüle trafst, von diesem Menschen, wenn er nicht von dem Grafen kam, was noch schlimmer wäre, denn der Untersuchungsrichter ist mit ihm verwandt. Ja, so ist's! Der Vater Calprenède's hat heute morgen den hübschen Marinelieutenant rufen lassen und ihn gebeten, den Schmuck, den er jedenfalls im Zimmer seines Sohnes gefunden hat, seinem Verwandten, dem Richter, zu übergeben. Giromont, ich verzeihe dir, ohne es zu wissen, hast du mir einen Dienst erwiesen.«

»Nun, um so besser!« rief Giromont, »du zürnst mir also nicht mehr?«

»Unter der Bedingung, daß du fortan verschwiegen bist.«

»O, ich habe keine Lust, mich mit dir zu entzweien … um so mehr, da ich dir ein Geschäft vorschlagen möchte.«

»Ein Geschäft! Laß hören! Aber vorher merke dir! Du kannst mich täglich sprechen, aber nur abends von 8-10 Uhr und du wirst dich nicht mehr meiner Bekanntschaft rühmen. Wie lebst du?«

»Ich gehe spazieren, esse, trinke … Das kostet ziemlich viel und macht mir keinen Spaß. Ueberhaupt, weißt du, ich kehre nach Indien zurück und werde dort wie du leben!«

»Du hast also einen Streich vor? Gedenkest du zu unserm alten Handwerk zurückzukehren? Du thätest unrecht, mein Lieber!«

»Nein, das Geschäft, das ich im Auge habe, ist ehrlicher Natur. Es handelt sich ganz einfach darum, sich in Besitz eines Schatzes zu setzen, der sonst für die Welt verloren ist!«

»Ein Schatz?« wiederholte Matapan verächtlich. »Ich glaube nicht an Schätze … Ist die Sache ernsthaft?«

»Ich bin weder ein Kind, noch ein Prahlhans … Ich wiederhole dir, es liegt nur an dir, dein Vermögen zu verdoppeln!«

»Na, zum Teufel, dann erkläre dich doch!«

»So höre mir aufmerksam zu. Ich habe dir nie erzählt, was ich nach meinen Streifzügen mit meinen Freunden, den Chinesen, anfing?«

»Nein, ich erfuhr, du hättest dich vom Schauplatze der Begebenheiten zurückgezogen.«

»Ganz recht, es fehlte wenig, so wäre ich gehenkt worden und das hatte mir die Sache verleidet. Ich ging also nach Japan und von da nach Amerika, wo ich drei Jahre blieb. Zum Schluß des dritten Jahres, im Januar 1886, beschloß ich, einen Abstecher nach Paris zu machen, um zu sehen, ob es mir dort gefiele. Unterwegs hatte ich mancherlei Abenteuer. Zuerst schiffte ich mich nach Veracruz ein, um mir Mexiko ein bißchen anzusehen. Dann ging ich auf einen hübschen, kleinen Dreimaster, der nach Liverpool bestimmt war. Ein Kalifornier, dessen Bekanntschaft ich in Mexiko gemacht, hatte ihn ausgerüstet. Dieser Kerl besaß ungefähr zwölf Millionen in Goldsand, das heißt in Barren. Diese zwölf Millionen lagen in eisernen Kassetten, die er hatte auf das Schiff bringen lassen, das uns nach England führen sollte.«

»Ach, ich verstehe, ihr habt Schiffbruch gelitten, der Kalifornier ertrank und seine Kassetten liegen auf dem Grunde des Meeres«

.

»Du errätst nicht alles, das Schiff segelte unter amerikanischer Flagge und die ganze Mannschaft, bis auf den Kapitän, war stets betrunken. Dennoch hätten wir unsern Bestimmungsort sicher erreicht, ohne einen Südwest, der uns hundert Meilen von der Küste beim Golf von Gascogne erfaßte. Mit dem Schlage zwölf Uhr, es war eine rabenschwarze Nacht, stießen wir auf eine Sandbank, das Schiff scheiterte, die ganze Mannschaft ging zu Grunde, und nur ich hatte das Glück, von einer Welle auf einen Felsen geschleudert zu werden.«

»Dann bist du also allein am Leben geblieben?«

»Ganz allein. Wir waren 22 an Bord, keiner ist außer mir gerettet worden.«

»Und man hat dich am nächsten Tage auf deinem Felsen aufgefischt.«

»Nein, ich blieb dort zwanzig Stunden und rettete mich dann ohne weitere Hilfe.«

»Aha! Und nachdem du nun an Land angekommen bist, wurdest du von den Einwohnern vermutlich freundlich ausgenommen. Wie?«

»Nein, das Land ist dort ganz öde, und dann sehnte ich mich auch nicht danach, den Einwohnern zu begegnen.«

»Du dachtest schon damals daran, die Millionen des Kaliforniers aufzufischen?«

»So ungefähr, aber dabei sagte ich mir, ein Schiff geht nicht so ohne weiteres unter. Trotzdem weiß kein anderer als ich die Stelle, wo es gescheitert ist. Aber schließlich wird man es doch erfahren, sagte ich mir; Trümmer werden zum Vorschein kommen, das Meer wird die Toten auswerfen, außerdem werden die Gesellschaften, bei denen das Schiff versichert ist, das ihre thun.«

»Du hast den Seebehörden also keinerlei Erklärung abgegeben?«

»Nein, ich verschwand, ohne irgend jemandem ein Wort zu sagen. Das Schiff war in London versichert und einem Kaufmann in Liverpool zur Befrachtung übergeben. Nun, ich war drei Jahre in England und habe mich unter der Hand erkundigt. Die Versicherungsgesellschaften und der Kaufmann in Liverpool hatten alle möglichen Nachforschungen angestellt. Man hatte nie die geringste Nachricht von dem Fahrzeug erhalten. Es war als verschwunden, mit der ganzen Bemannung untergegangen, in das Schiffsregister eingetragen, und jetzt denkt kein Mensch mehr daran.«

»Was du mir erzählst, mein alter Junge, ist unmöglich. Die Einwohner des Landes wissen jedenfalls von dem Fahrzeuge eben so viel wie du, und dein Geheimnis ist jedermann bekannt.«

»Nein, niemand hat erfahren, daß das mit Gold beladene Fahrzeug dreißig Faden unter dem Wasser lag, denn davon habe ich mich überzeugt.«

»Ich habe mich drei Sommer dort aufgehalten und wohnte in einem eine Meile von dem höchsten Felsen entfernten Weiler. Mit allen Leuten aus der Gegend habe ich mich unterhalten, und du kannst mir glauben, wenn nur zwei von dem Schatz gewußt hätten, so hätte ich es erfahren.«

»Und die dich am Tage nach dem Schiffbruch gesehen, haben dich nicht wiedererkannt?«

»Wer denn? Die 4-5 Bauern? Du glaubst doch nicht, daß sie sich jetzt noch an einen armen Teufel erinnern, der sie nach dem Wege fragte? Du vergißt, daß man mich in dieser Gegend jetzt für einen englischen Lord hält.«

»Die Sache erscheint glaublich,« murmelte Matapan nachdenklich. »Wieviel Faden lief das Schiff?«

»Wenigstens dreißig.«

»Und du bist fest entschlossen, die Millionen nicht auf dem Meere liegen zu lassen?«

»Den Plan hatte ich schon längst!«

»Und du gedenkst mich bei deinem Unternehmen zu beteiligen.«

»Das siehst du ja, da ich dir davon erzähle! Aber du scheinst gar nicht besonders dankbar für meinen Vorschlag zu sein,« murmelte Giromont.

»O doch! o doch! Aber ich frage mich, welches Interesse du daran haben kannst, mich daran zu beteiligen.«

»Denkst du, es macht mir kein Vergnügen, das Vermögen eines alten Freundes zu verdoppeln?«

»Nein, das macht dir gar kein Vergnügen! Du siehst, ich bin offen.«

»Nun, du täuschest dich, unsere alte Kameradschaft veranlaßt mich, dich zu wählen, denn ich hätte mich ebenso gut an einen andern wenden können.«

»Ah! Du gestehst also, daß du die Sache nicht allein ausführen kannst.«

»Das gebe ich zu, aber höre mich einmal an.«

»Ich bin ganz Ohr!«

»Zuerst mußt du wissen, daß ich in Whitstable die Taucherkunst erlernt habe! Die dortigen Taucher bedienen sich eines Apparates, der ihnen erlaubt, längere Zeit unter Wasser zu bleiben und dort nach Gefallen zu arbeiten.«

»Das habe ich gesehen, die Erfindung ist nicht neu.«

»Sie ist ausgezeichnet, wenn man sich ihrer zu bedienen versteht, und ich verstehe es jetzt. Ich sagte dir bereits, daß ein Mann, der das betreffende Kostüm trägt, in das Meer steigen und dort längere Zeit bleiben kann. Nun dann, infolge wiederholter Versuche bin ich imstande, die submarinen Arbeiten zu übernehmen, vorausgesetzt, daß man mir mit einer Röhre Luft zuführt, nicht wahr?«

»Und du hast an mich gedacht, um den Mechanismus zu leiten.«

»Ja! Es ist das ein Vertrauensposten; denke doch, das Leben des Tauchers hängt von dem Kameraden ab, der ihm Luft zuführt, wenn er nur inne hält …«

»Würde der andere dann ersticken. Außerdem sind zwölf Millionen verführerisch, es giebt Schurken, die es vorziehen würden, nicht mit einem Freunde zu teilen.«

»O! was das anbetrifft, so hätte ich keine Furcht, der Mann, der dem Taucher einen solchen Streich spielen würde, hätte keinen Vorteil von seiner Schurkerei, denn er könnte nicht allein arbeiten und das Gold würde bleiben, wo es ist.«

»Wenn der besagte Schurke seinen Streich nicht beim letzten Zug ausführt. Er ließe seinen Mitarbeiter alle Barren bis aus den letzten heraufbringen; wenn er auch aus diesen verzichtete, so bliebe ihm noch ein hübsches Teilchen. Aber lassen wir das, sage mir lieber, wie du zu Werke zu gehen gedenkst.«

»Das ist sehr einfach. Wir werden alle beide nach dem besagten kleinen Dorfe übersiedeln und du wirst für ein Original gelten wie ich.«

»Gut, und der Apparat?«

»Den lassen wir kommen. Nun merke; tagtäglich und besonders oft bei Nacht fahren wir unter dem Vorwand, zu angeln, spazieren. Ich werde dich an die Stelle führen, wo wir arbeiten müssen, und in einer schönen Nacht werden wir unsere Säcke und Netze in unsere Barke legen. Die Arbeit wird lange dauern, wir müssen zuerst die Kassetten suchen und sie mit Abschlägen zertrümmern. Dann werde ich den an meinem Gürtel befestigten Sack mit Gold füllen, werde klingeln und du wirst mich hinaufziehen. Na, ist mein Plan nicht praktisch?«

»Hm, er ist vielleicht ausführbar. Aber sage mir, wie viel Zeit wird nötig sein, um die Goldmine zu erschöpfen?«

»Es wäre eine Geschichte von 2 bis 3 Monaten; vielleicht sogar von 3 bis 4. Wir müssen erst freien Fuß in der Gegend fassen und die Leute an uns gewöhnen.«

»Das dauert mir zu lange!«

»Du hältst also 12 Millionen nicht für erheblich genug, um deswegen eine kleine Reise anzutreten?«

»Giromont,« sagte Matapan nach längerem Nachdenken, »ich verspreche dir nichts, und wenn ich mich entschließe, so kann ich mich doch nicht auf der Stelle ans Werk machen.«

»Meinetwegen! aber wann würdest du reisen können?«

»Wenn Calprenède verurteilt ist, eher nicht! Und jetzt,« fügte er sich erhebend hinzu, »verschwinde. Es ist zehn Uhr vorbei … Das ist die Stunde, da ich zur Ruhe gehe.«


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