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VI.

Der Tag war Albert Doutrelaise recht lang vorgekommen. Zu seiner größten Verwunderung erhielt er die Vorladung nicht. Und doch hatte sie der Aktuar des Herrn von Courtaumer gleichzeitig mit der Matapans abgeschickt. Unglücklicherweise hatte sie der Portier Marchefroid in Empfang genommen, und es für angemessen erachtet, sie beide seinem Herrn zu übergeben.

Im Laufe des Tages erlitt Albert aber eine weitere Enttäuschung. Jacques von Courtaumer schrieb ihm, er könne nicht mit ihm dinieren. Albert speiste also allein und wartete geduldig, bis ein Klingeln ihn aufschreckte.

Das konnte nur Jacques von Courtaumer sein. Albert öffnete und sah in der That den Genannten vor sich.

»Ich erwartete dich nicht mehr,« sagte er.

»Weshalb denn? Unser Feldzug beginnt erst gegen 12 Uhr. Wir haben also noch eine Stunde vor uns. Mehr brauche ich nicht, um dir alles zu erzählen, was ich erfahren habe.«

»Sprich!«

»Vielleicht gestattest du, daß ich mir erst meinen Paletot ausziehe. Und dann erkläre mir, bei wem noch Licht brennt. Zum Beispiel im ersten Stock?«

»Das ist bei Matapan!«

»Sieh! sieh! er hat eben ausgelöscht, der alte Halunke!«

»Ja, wahrhaftig,« murmelte Albert, das wäre vielleicht der Augenblick, auf unsern Posten zu gehen.«

»Warum nicht gar!« rief Courtaumer. »Herr von Calprenède schläft noch nicht, und würde dich zweifellos entdecken.«

»Aber wer weiß, ob Matapan nicht in den zweiten Stock steigt, während wir uns hier unterhalten.«

Aber ich bitte dich, es ist ja kaum 11 Uhr. Also setze dich, zünde dir eine Cigarre an und höre mir zu.«

»Albert folgte dem Rat seines Freundes, während dieser ihn fragte:

»Wie kommt es denn, daß du nicht im Justizgebäude zum Verhör erschienen bist?«

»Weil ich keine Vorladung erhalten habe,« erwiderte Albert erstaunt.

»Nun, tröste dich! Mein Bruder wird die Untersuchung nicht führen!«

»Wie! Er hat abgelehnt! Das ist ein schlimmes Zeichen! Er hat also jedenfalls die Ueberzeugung erlangt, daß Julien schuldig ist!«

»Es scheint so! Aber mein Bruder hat noch mehr gethan, er hat seinen Abschied eingereicht …«

»Dann ist alles verloren. Aber warum denn?«

»Du erinnerst dich, daß Fräulein von Calprenède uns heute morgen erzählte, ihr Vater hätte das Halsband gefunden …«

»Ja, in Juliens Zimmer! Wir haben sie aber gar nicht gefragt, was eigentlich aus diesem verdammten Halsband geworden ist.«

»Nun denke dir, Herr von Calprenède besuchte gestern abend meine Tante, zeigte ihr das Halsband und bat sie um ihren Rat. Sie begab sich heute morgen ins Gerichtsgebäude, warf meinem Bruder Adrian das Halsband auf seinen Schreibtisch und hielt ihm ungefähr folgende Rede:

»Mein Lieber, hier ist der gestohlene Schmuck; du wirst Herrn Matapan vorladen lassen, ihm das Collier übergeben und ihn veranlassen, seine Anzeige zurückzuziehen.«

»Und Herr von Courtaumer hat das gethan?«

»Er hat sich zuerst mit Händen und Füßen gesträubt, doch schließlich hat er nachgegeben. Als sie fortgegangen war, hat er den edlen Herrn Matapan empfangen, ihm das Halsband gezeigt und ihn gebeten, die Klage fallen zu lassen …«

»Nun, und …?«

»Matapan hat kurzweg ›Nein‹ gesagt! Er hat sich sogar niederträchtige Vermutungen auszusprechen erlaubt, die meinen Bruder so sehr verletzt haben, daß der brave Junge seine Entlassung eingereicht hat.«

»Aber lieber Freund, die Zeit verstreicht; wie steht es denn mit der Beleuchtung da unten?«

»Das Zimmer des Grafen ist dunkel!«

»Jetzt, lieber Freund, glaube ich, ist der Augenblick gekommen.«

»Gut! ich werde also leise hinuntersteigen, vorsichtig die Wohnungsthür des Herrn von Calprenède öffnen, und langsam den Korridor entlang gehen, der in das Arbeitskabinett führt …«

»Dort mußt du Aufstellung nehmen. Wie ist dieses Kabinett beschaffen?«

»Es hat nur ein Fenster …«

»Und drei Thüren. Eine im Hintergrunde, die auf den Korridor führt. Durch diese werde ich eintreten. Eine andere führt in das Zimmer des Herrn von Calprenède; die dritte steht mit Juliens Zimmer in Verbindung …«

»Du weißt also, wo alle Möbel stehen?«

»Gewiß; ich habe Julien oft genug besucht; an der Wand steht ein Bücherspind und ein kleiner niedriger Bouleschrank.«

»Derselbe, in dem das Halsband lag … Ich weiß Bescheid! … Doch sage mir noch eins! Wie lange wirst du warten?«

»Bis morgen früh, wenn es sein muß!«

»Zu viel Eifer, mein Bester! Sagen wir bis drei Uhr, das ist genügend. Noch ein anderer Punkt: Du wirst doch vermutlich ohne Licht zu Werke gehen?«

»Ja, gewiß! Hätte ich Licht, so würde der Mann nicht kommen, oder wenn er es doch thäte, mich sehen und sich sofort aus dem Staube machen.«

»Sehr richtig, aber um ihn auf frischer That zu ertappen, mußt du doch sehen können.«

»Das ist allerdings wahr,« murmelte Doutrelaise.

»Eine Blendlaterne würde hier gute Dienste thun. Aber du hast wohl keine?«

»Nein.«

»Dann sprechen wir nicht mehr davon und begnügen uns mit einer Schachtel Streichhölzer.«

»So, jetzt. Ich gehe auf meinen Posten. Es ist Zeit.«

»Ich bin gespannt!« sagte Courtaumer lachend. »Noch ein Wort, bevor wir uns trennen. Hinsichtlich des allgemeinen Planes handeln wir gemeinschaftlich, aber was die einzelnen Details anbelangt, so folgt jeder seiner Initiative, nicht wahr?«

»Abgemacht!«

Mit diesen Worten schieden die beiden Freunde.


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