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In der Allerseelennacht.

Auf die Abenddämmerung eines nebligen und traurigen Herbsttages folgt die kalte und düstere Nacht. Einige Stunden hindurch scheint es, als wäre das unaufhörliche Gewimmel des Lebens ausgerottet worden.

Der metallene Ton der Glocken schwingt von nah und fern durch die Luft, bald schwer und ernst, bald hell und bebend, jetzt einzeln für sich und dann wieder zusammenklingend, sich verbreitend und sich verlierend, bis sie wieder einen neuen Strom von Klängen bilden, den unablässig die breiten Mündungen aus Erz ergießen, gleichwie eine Quelle voll unerschöpflicher Harmonieen.

Es heißt, daß die Freude ansteckend ist, aber ich glaube, die Traurigkeit ist es noch viel mehr. Es gibt schwermütige Seelen, denen es eigentümlich ist, sich dem Rausch der Freude zu entziehen, die bei den großen Lustbarkeiten des Volkes in der Luft zu liegen scheint. Aber schwerlich wird sich einer finden, der gleichgültig bliebe bei der eisigen Berührung des Schmerzes, wenn dieser mit den müden, langsamen Schwingungen der Glocken bis in unser Innerstes eindringt, gleich einer Stimme, die da weint und uns ihre Trübsal verkündet.

Ich kann die Glocken nicht hören, ohne daß sich meiner das Gefühl unsäglicher und unwillkürlicher Betrübnis bemächtigte, selbst wenn sie, ein Fest verkündend, im munteren Schwenken klingen. Zum Glück – oder leider? – erstickt in den großen Städten der verworrene Lärm der Volksmenge, die eine Beute des tosenden Taumels der Geschäftigkeit, in allen möglichen Richtungen sich bewegt, jene Stimmen, so, daß man glauben könnte, sie seien überhaupt nicht vorhanden. Mir wenigstens scheint es, daß die Kirchentürme von Madrid in der Allerseelennacht, der einzigen des ganzen Jahres, in welcher ich die Glocken höre, die Stimme zurückgewinnen, dank einem Wunder, indem sie bloß einige Stunden hindurch ihr tiefes Stillschweigen unterbrechen.

Sei es nun, daß die für schwermütige Gedanken empfängliche Einbildungskraft den Schein unterstützt, sei es, daß die ungewohnten Töne mich zutiefst berühren, immer vollzieht sich, sobald ich die nun befreiten Klänge dieser Harmonie im Wehen des Windes vernehme, in meinem Gefühl eine seltsame Erscheinung. Ich bilde mir ein, jede einzelne von den verschiedenartigen Glockenstimmen zu unterscheiden und glaube, daß jede von ihnen ihren eigenen Ton besitzt, der ein besonderes Gefühl ausdrückt. Ich bin schließlich davon überzeugt, daß ich, dem zwiespältigen Zusammenhang der schweren und dumpfen metallenen und hellen Töne einige Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschend, dahin gekommen bin, die geheimnisvollen Worte zu verstehen, die eingehüllt in langgedehnte Schwingungen durch die Luft wogen.

Diese unzusammenhängenden und zersplitterten Worte, die, begleitet von kaum vernehmbaren Seufzern und leichtem Weinen, im Weltraume dahinschweben, beginnen sich miteinander zu vereinigen, wie unstete Gedanken zu einem unermeßlichen Gedichte des Leides, in dem eine jede Glocke ihre Strophe singt, und alle zusammen verdolmetschen durch die sinnbildlichen Töne den Gedanken, der den Geist jener bedrückt, welche in tiefe Betrachtung versunken ihn vernehmen.

Schwerfällig, im hohen Turme sich schaukelnd, mit feierlicher Langsamkeit, die gleichsam in wohlabgemessenem Rhythmus, durch ein tadelloses Triebwerk in Bewegung gesetzt wird, spricht eine der Glocken mit hohler, schütternder Stimme, genau nach Vorschrift geregelt:

»Ich bin leerer Schall, der da verhallt, ohne auch nur eine von den unzähligen Saiten des Gefühls im menschlichen Herzen schwingen zu machen, ich hege in meinen Echos weder Klagen noch Seufzer, ich läute pflichtmäßig meinen Part in der traurigen Schmerzens-Symphonie der Glocken, ohne daß sich meine tönenden Schläge um eine Sekunde verzögern oder beschleunigen. Ich bin die Glocke der Pfarrkirche, die amtliche Glocke des Leichengepränges. Meine Stimme ruft die etikettemäßige Betrübnis aus, sie klagt vom Glockenturm herab, der Nachbarschaft vernehmlich den Unglücksfall berichtend. Sie lädt die guten Freunde, stöhnend vor Kummer, zum reichen Erben oder zur Wittwe, um den Förmlichkeiten der Testaments-Eröffnung beizuwohnen oder zur Bestellung prächtiger Trauerkleider.

Auf mein Läuten fahren die Geschäftsleute des Todes aus ihrem Gleichmut auf, der Tischler beeilt sich, den besten von seinen Särgen mit Gold zu verzieren, der Bildhauer greift zum Meißel, um eine neue Allegorie für das pomphafte Grabmal herzustellen, sogar die Pferde des wunderlichen Leichenwagens, des Schauplatzes eines letzten Triumphes der Eitelkeit zeigen dünkelhaft ihre alten Federbüsche von der Farbe eines Mückenflügels. Bald sieht man die Strebepfeiler der Kirche in schwarzem Krepp prangen, im Kreuzschiff ragt das althergebrachte Trauergerüst auf und der Kapellmeister beginnt auf seinem Instrument ein neues Dies irae in der Art seines letzten Requiems anzustimmen. Ich bin der Schmerz der Tränen vom Werte des Katzensilbers, der Papierblumen und der goldenen Widmungen auf den Kranzschleifen.

Heute werde ich in Bewegung gesetzt durch die Erinnerung an Mitbürger, an illustre Tote, für die ich als Amtsperson weine. Ich bedauere bloß, in meinem Hallen mit dem ganzen Pomp und Lärm, der ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht, nicht auch einen nach dem andern nennen zu können mit ihren Namen, Titeln, Orden und Ehrenzeichen. Vielleicht wäre dies Balsam für ihre Familien.«

Als der Schwengel der Glocke für einen Augenblick innehält und das entfernte Echo der Töne zusammenfließt und sich in den Schallwellen verliert, die der Wind von dannen führt, beginnt ein trauriges, ungleichmäßiges und durchdringendes Klingen einer kleinen Turmglocke vernehmbar zu werden.

»Ich bin,« sagt sie, »die Stimme, die da singt und weint in Lust und Leid des Umkreises, den ich von meinem spitzen Turm aus beherrsche. Ich bin eine Dorfglocke von niederer Abkunft, die mit heißem Flehen das Wasser des Himmels auf die ausgedörrten Felder herabruft, die mit ihrer frommen Beschwörung die Unwetter abwendet, die zitternd in Erregung hin- und wiederschwebt und mit Hilfegeschrei den Menschen beisteht, wenn das Feuer die Ernte zu verzehren droht.

Ich rufe mit Freundesstimme dem Armen das letzte Lebewohl zu; ich bin der Seufzer, den das Leid in der Kehle der Waise erstickt und der im beschwingten Schall hinaufschwebt bis zum Throne des Vaters der Barmherzigkeit.

Bei meinem Läuten dringt unwillkürlich ein Gebet über die Lippe und mein letzter Widerhall veratmet am Rande der verborgenen Gräber, indem er deren hohe Gräser bewegt.

Ich bin der Jammer, dessen Tränen auf der Wange brennen, ich bin das Gefühl, das den Born der Zähren versiegen macht, ich bin das Herzeleid, das auf der Seele lastet, wie eine eiserne Hand, ich bin der höchste Schmerz, der Schmerz der Hilflosigkeit und des Elends.

Heute weine ich um jene zahllose Menge, die unbeachtet durchs Leben ging, ohne eine andere Spur zu hinterlassen, als den breiten Strom von Schweiß und Tränen, der ihren Weg bezeichnet; heute weine ich um jene, die da vergessen in der Erde schlafen, ohne ein anderes Denkmal als ein plumpes Holzkreuz, fast versteckt unter Nesseln und Walddisteln, zwischen deren Blättern aber jene bescheidenen Blumenkelche von gelber Farbe blühen, welche die Engel aus ihrem Schoße über die Gräber der Gerechten ausstreuen.«

Das Echo der Turmglocke verzittert allmählich, sich endlich im Wirbelsturm der Klänge verlierend, übertönt von der dumpfen und gebrochenen Stimme einer von jenen gewaltigen Glocken, die sich in den Türmen der alten gotischen Kathedralen schwingen, daß diese bei ihrem Läuten in den tiefsten Grundvesten schüttern.

»Ich bin,« sagt die Glocke mit ihrem mächtigen dröhnenden Klang, »ich bin die Stimme der gigantischen Steinmasse, die zum Staunen der Jahrhunderte deine Altvordern aufgetürmt haben; die geheimnisvolle Stimme, vertraut den Jungfrauen mit den langen Gewanden: den Engeln, den Königen und den Propheten aus Stein, die Tag und Nacht die Pforte des Gotteshauses bewachen, eingehüllt in die Düsterkeit der Bogengänge. Ich bin die Stimme der ungefügen Drachen, der Ungetüme und seltsamen Tiergestalten, die zwischen den emporrankenden Steinblättern langsam zu den Stundenweisern der Türme emporklettern, – ich bin die phantastische Glocke der Sage und Legende, die nur in der Allerseelennacht von einer unsichtbaren Hand geläutet wird.

Ich bin die Glocke der Märchen, der Geistergeschichten und der Seelen im Fegefeuer, meine unbeschreiblichen und wundersamen Schwingungen erwecken den Widerhall bloß in einer glühenden Phantasie.

Auf meine Stimme erheben sich die bewaffneten Ritter aus ihren gotischen Grüften, die Mönche treten aus ihren düsteren Totengewölben, in denen sie am Fuß der Altäre ihrer Abteien im letzten Schlummer ruhen, und die Friedhöfe öffnen angelweit ihre Pforten, um die Scharen der fahlen Gerippe hindurchzulassen, die eilfertig zum Tanze in schwindeligem Reigen um meine zugespitzten Türme herbeiströmen.

Wenn mein mächtiger Schall die abergläubische Greisin am Fuß des alten Heiligenbildes, dessen Lichter sie betreut, erschreckt, sieht sie im Augenblick beim spärlichen Schimmer des ersterbenden Ampel-Lichtes in dessen gelblichroten Flamme die Seelen der steinernen Bewohner sich bewegen.

Wenn meine dumpfen Schwingungen die einförmige Erzählung einer alten Sage begleiten, der nah zusammengedrängt am Feuerherde die Kleinen lauschen, erblicken sie in den roten und blauen Flammenzungen, die längs der brennenden Holzscheite auf- und niedergleiten und in den heraussprühenden Lichtfunken Geister, die in den Lüften schweben. Und das Tosen des Windes, der an den Pforten rüttelt, wird zum Werke der armen Seelen, die an die bleigefaßten Fenster mit den fleischlosen Gelenken ihrer Knochenfinger klopfen.

Ich bin die Glocke, die zu Gott fleht für die Seelen der Verdammten; ich bin die Stimme des abergläubischen Schreckens, – ich mache nicht weinen, aber ich sträube das Haar auf dem Haupte und treibe die Kälte des Grausens bis in das Mark der Knochen jenem, der mich hört.«

Also tönen die Glocken eine um die andere oder alle auf einmal. Bald wie das melodische Leitmotiv, das aus dem Zusammenklang einer großen Symphonie hervorklingt, bald wie phantastisches Brausen, das sich mächtig ausdehnt und bebend im Wind verklingt ...

*

Das Licht des Tages und der Lärm, der sich mit ihm aus dem Schoße der Stadt emporhebt, vermögen allein die wunderliche Brut der Einbildungskraft auseinanderzuscheuchen, und das düstere und hartnäckige Läuten der Glocken, das sich noch mitten in unsere Träume gedrängt hat, erscheint uns nunmehr wie ein quälender Alp während der ewig langen Allerseelennacht.


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