Honoré de Balzac
Tante Lisbeth
Honoré de Balzac

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Cölestine und Hortense waren durch das Wohnen unter einem Dache einander beträchtlich nähergetreten; sie führten geradezu ein gemeinsames Leben. Während sich die Baronin gänzlich ihrem Barmherzigkeitsfanatismus hingab und beinahe täglich von elf bis fünf Uhr außer dem Hause war, blieben die beiden Schwägerinnen daheim, widmeten sich ihren Kindern oder arbeiteten. Es kam so weit, daß sie beide laut dachten. Es entspann sich die rührende Freundschaft zweier Schwestern, von denen die eine fröhlich und die andere schwermütig war. Aber bei der unglücklichen stand die äußere Erscheinung im Widerspruch mit ihrem inneren Zustand. Hortense war schön, lebhaft und witzig, sie lachte gern und machte einen lebenslustigen Eindruck. Cölestine hingegen war bei allem inneren Glück bedachtsam, still und schwermütig; man hätte meinen können, daß sie von Sorgen bedrückt sei. Vielleicht aber waren gerade die Gegensätze die Grundlagen ihrer innigen Freundschaft; die beiden Frauen ergänzten sich.

Sie saßen in einer Laube des kleinen Gärtchens und freuten sich am Dufte des ersten Flieders. Das ist das Frühlingsfest der unter Steinen lebenden Pariser.

»Cölestine«, sagte Hortense, auf eine Bemerkung ihrer Schwägerin antwortend, die es beklagt hatte, ihren Mann bei dem Prachtwetter im Abgeordnetenhause zu wissen, »ich finde, du würdigst dein Glück nicht genügend. Viktor ist ein herzensguter Mensch, und doch quälst du ihn zuweilen.«

»Die Männer haben es gern, wenn man sie ein bißchen schindet. Gewisse Quälereien sind ein Beweis der Liebe. Wenn deine arme Mutter, ich will nicht sagen: tyrannisch, aber immerhin nahe daran gewesen wäre, dann hättet ihr zweifellos nicht soviel Unglück erlitten!«

»Lisbeth kommt gar nicht wieder«, bemerkte Hortense. »Ich hörte so gern etwas von Stanislaus. Wovon mag er nur leben? Seit zwei Jahren hat er nichts geschaffen.«

»Viktor hat mir erzählt, daß er ihn kürzlich in Begleitung jenes gräßlichen Frauenzimmers gesehen hat. Er vermutet, daß sie ihn unterhält und somit in seiner Tatenlosigkeit bestärkt. Weißt du, wenn du wolltest, könntest du deinen Mann wiederhaben . . .«

Hortense schüttelte mit dem Kopfe, aber Cölestine fuhr fort:

»Glaube mir, so hältst du es nicht mehr lange aus! In der ersten Zeit hat dir dein Zorn, deine Entrüstung, deine Verzweiflung Kräfte verliehen. Das namenlose Unglück unserer Familie, die beiden Todesfälle, der finanzielle Ruin, die Flucht deines Vaters, alles das erhöhte die Spannung. Seitdem du aber in Frieden und Stille lebst, muß sich die Leere deines Daseins immer fühlbarer machen. Wenn du eine anständige Frau bleiben willst, mußt du dich mit Stanislaus wieder versöhnen. Mein Mann, der dich sehr lieb hat, ist ganz derselben Meinung. Es gibt etwas Mächtigeres als die Moral: die Natur!«

»Stanislaus ist gar kein Mann!« sagte Hortense stolz. »Weil sie ihn unterhält, schenkt er ihr seine Liebe. Wahrscheinlich hat sie ihm auch seine Schulden bezahlt. Du mein Gott, ich verstehe das nicht! Er ist der Vater meines Kindes und hält so gar nicht auf seine Ehre!«

»Du mußt nachsichtiger sein!«

Cölestine war eine durch und durch vernünftige Frau, ohne Reize, aber auch ohne rührselige Schwächen. Sie gab nicht so leicht nach.

»Nimm dir ein Beispiel an deiner Mutter!« fuhr sie fort. »Sie wäre überglücklich, wenn ihr Mann, trotz seiner verlorenen Ehre, heimkehrte. Sie hat seine Zimmer instand setzen lassen, als müßte er heute oder morgen wiederkommen.«

»Ach ja, meine Mutter! Sie hat eine Engelsnatur. Sie ist sich seit sechsundzwanzig Jahren immer gleichgeblieben. Aber ich bin nicht von ihrer Art! Siehst du, manchmal grolle ich mir deshalb selber; aber es ist mir einfach unmöglich, die Ehre nicht über alles zu setzen!«

»Was hältst du dann aber von meinem Vater?« fragte Cölestine gelassen. »Er ist jetzt offenbar auf demselben Wege, auf dem sich dein Vater verloren hat. Er ist zehn Jahre jünger als der Baron. Und dann ist er Kaufmann. Gewiß! Aber wohin steuert er? Die Marneffe behandelt ihn wie einen dressierten Pudel. Sie verfügt über sein Geld wie über seine Person. Nichts vermag ihm die Augen zu öffnen. Wenn sie die Heirat noch durchsetzt, dann wird es erst recht schlimm werden. Ich habe eine wahre Angst davor . . .«

»Da kommt Tante Lisbeth!« rief Hortense aus. »Nun, Tantchen, was geht in der Hölle der Rue Barbet vor?«

»Schlimme Nachrichten für euch, meine lieben Kinder! Stanislaus ist mehr denn je im Garne dieses Weibes. Sie muß vernarrt in ihn sein. Und dein Vater, Cölestine, ist total verblendet. Na, überhaupt die Mannsbilder! Richtige Tiere sind das! Ich sage dir! Cölestine, heute in fünf Tagen ist das Vermögen deines Vaters in des Teufels Händen!«

»So sind sie also aufgeboten?« fragte Cölestine.

»Jawohl!« gab Lisbeth zur Antwort. »Ich habe die letzte Lanze für Viktor und dich gebrochen. Erfolglos! Ich habe Vater Crevel zu verstehen gegeben: wenn er euch aus der Klemme helfen würde und die Hypothekenlast eures Hauses verringerte, dann wäret ihr bereit, eure Schwieger- und Stiefmutter zu empfangen . . .«

Hortense machte die Gebärde des Entsetzens.

»Viktor wird schon Rat schaffen!« meinte Cölestine kühl.

»Soll ich euch sagen, was mir der Herr Bürgermeister erwidert hat?« fuhr Tante Lisbeth fort. »Ihr würdet schon von selber gekrochen kommen! Ein schöner Rabenvater! Der ist noch weniger wert als der Baron Hulot. Also, meine lieben Kinder, schreibt eure Erbschaft in die Esse! Schade um die fetten Milliönchen und das herrliche Landgütchen! Das ist nun alles futsch! Wie ich gehört habe, ist er dabei, seiner geliebten Valerie das Palais Navarreins als Morgengabe zu kaufen . . . Horch, Hortense, da kommt deine Mutter gefahren!«

In der Tat war es die Baronin, die im nächsten Augenblick in das Zimmer trat. Sie sah kümmervoll und bleich aus, aber immer noch schön, schlank und geradezu hoheitsvoll. Sie war heute voller Hoffnung, eine Spur Hektors zu finden, ausgefahren. Ein Generalintendant, ein Herr von Verniers, der seine ganze Laufbahn der Gunst des verschollenen Barons verdankte, hatte ihr brieflich mitgeteilt, er habe Hulot in einer Loge des Théâtre de l'Ambigu-Comique in Begleitung eines wunderhübschen Frauenzimmers gesehen. Adeline hatte Verniers sofort aufgesucht, aber nichts weiter erfahren, als daß ihr Mann und seine Begleiterin, offenbar seine Geliebte, vor Schluß der Vorstellung das Theater verlassen hatten und daß er nicht ganz tadellos gekleidet war.

»Nun?« fragten die drei Frauen die Ankommende.

»Hektor ist hier in Paris!« erwiderte sie. »Es ist immer ein wenig Glück, daß ich das weiß!«

»Gebessert scheint er sich also nicht zu haben!« bemerkte Tante Lisbeth, nachdem die Baronin alles erzählt hatte, was sie in Erfahrung gebracht. »Geld muß er doch auch noch haben. Wer weiß, wer es ihm gibt! Vielleicht gar eine seiner früheren Mätressen, die Jenny Cadine oder so eine!«

Adeline bekam ihre nervösen Zuckungen. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Ich glaube nicht«, sagte sie schlicht, »daß sich ein Großoffizier der Ehrenlegion so weit vergessen kann!«

»Wenn es sich um galante Abenteuer handelt?« warf Lisbeth hin. »Er hat den Staat bestohlen; warum soll da nicht auch einmal eine Privatkasse drankommen?«

»Lisbeth, sprich solche Gedanken wenigstens nicht aus!« wehrte die Baronin ab.

In diesem Augenblick kam Luise ins Zimmer.

»Was gibt es, Luise?«

»Ein Mann ist draußen, der Fräulein Fischer zu sprechen wünscht.«

»Was für ein Mann?« fragte Lisbeth.

»Er sieht verwahrlost aus, gnädiges Fräulein!« meldete das Mädchen. »Er hat eine rote Nase und riecht nach Schnaps. Wahrscheinlich ist es ein stellenloser Arbeiter oder ein arbeitsloser Handwerker.«

Trotz der wenig einladenden Beschreibung eilte Lisbeth hinaus. Der Mann erwartete sie, seine Pfeife rauchend, im Hofe.

»Was fällt Ihnen ein, hierherzukommen, Vater Chardin?« herrschte ihn Tante Lisbeth an. »War nicht ausgemacht, daß Sie jeden ersten Sonnabend im Monat am Tore des Hauses Marneffe in der Rue Barbet-de-Jouy sein sollen? Ich habe heute stundenlang umsonst auf Sie gewartet. Warum Sind Sie denn nicht gekommen?«

»Ich wär schon dagewesen, mein liebes schönes Fräuleinchen«, meinte der Mann, der offenbar Tapezierer war, denn an seiner Bluse hing Roßhaar, »aber man hat auch so seine Passionen! Ich spiele für mein Leben gern eine Partie Billard. Sehen Sie, das ist mein Unglück! Man spielt, dazu trinkt man gern sein Schnäpschen, und rauchen muß man auch dabei. Das ist immer so. Die Nebenumstände, die machen einen kaputt! Nichts für ungut! Heute bringe ich Ihnen ein Schreiben von Ihrem Herrn Vetter. Der Alte hat keinen Zaster mehr. Hier haben Sie die Epistel!«

Vater Chardin überreichte ihr einen Zettel. Lisbeth las:

»Liebe Tante Lisbeth! Sei mein rettender Engel und schicke mir umgehend dreihundert Francs! Hektor.«

»Wozu braucht er soviel Geld?« fragte sie den Handwerker in energischem Tone.

»Liebes Fräuleinchen«, antwortete der Alte, »die Miete! Und dann ist mein Junge aus Algier zurückgekommen ohne einen roten Heller. Ganz gegen seine Art. Er ist nämlich ein Fuchs. Aber er hat tolles Pech gehabt. Nichts verdient. Und nun leihen wir ihm was. Er hat ein piekfeines Geschäftchen auf dem Rohr. Ich sage Ihnen, er hat Ideen . . .«

»Die Polizei wird ihn schon einmal fassen!« meinte Tante Lisbeth trocken. »Den Tod meines Onkels Fischer hat er auch auf seinem Konto!«

»Gott bewahre! Er kann kein Huhn schlachten sehen! Sie können mir's glauben, schönes Fräuleinchen!«

»Da haben Sie die dreihundert Francs!« sagte Lisbeth, indem sie ihm fünfzehn Goldstücke in die Hand zählte. »Nun machen Sie, daß Sie fortkommen, und lassen Sie sich hier nicht wieder blicken!«

Sie geleitete den Vater des Proviantamtsinspektors von Oran bis an das Tor. Als er auf der Straße war, zeigte sie ihn dem Hausmeister.

»Wenn der versoffene Kerl da wieder nach mir fragen sollte, lassen Sie ihn auf keinen Fall ein. Sagen Sie, ich sei nicht da! Ebenso, wenn er etwa einmal zu der Baronin Hulot oder zu ihrem Sohn will, geben Sie ihm einfach den Bescheid, die wohnten nicht hier!«

»Das wird geschehen, gnädiges Fräulein!«

»Ich warne Sie! Wenn Sie eine Dummheit machen – auch bloß aus Versehen –, kommen Sie ohne Gnade um Ihren Posten hier im Hause!«

Bereits seit einem halben Jahr wußte Tante Lisbeth, ohne daß sie es irgendwem verriet, Hulots Aufenthaltsort und zahlte ihm heimlich einen monatlichen Zuschuß.

 

Lisbeths bösartige Stichelei: »Vielleicht nimmt er gar von seinen früheren Mätressen Geld!« beschäftigte die Baronin die ganze Nacht. Es kam ihr vor, als biete sich ihr hier eine Spur, die sich verfolgen ließ. Ertrinkende klammern sich an einen Strohhalm. So faßte sie den Entschluß, sich an jene ihr schrecklichen Frauen zu wenden. Ohne ihren Kindern von ihrem Vorhaben Mitteilung zu machen, begab sie sich am andern Vormittag zunächst zu Mademoiselle Josepha Mira, der Primadonna der Großen Oper.

Als die Sängerin die Besuchskarte der Frau ihres ehemaligen Geliebten in den Händen hielt, fragte sie sich erstaunt:

Was mag sie von mir wollen? Das arme Weib! Ihrer Kammerjungfer befahl sie: »Melden Sie der Dame, ich sei noch im Bett, ich hätte gestern abend gesungen, stände aber sofort auf! In welches Zimmer hat Johann die Dame geführt?«

»In den großen Salon!«

Obgleich die Baronin eine halbe Stunde warten mußte – die Sängerin machte auf das sorgfältigste Toilette –, wurde ihr die Zeit nicht lang. Die kostbare Pracht des Salons machte selbst auf die unglückliche Frau Eindruck. Er repräsentierte den höchsten künstlerischen Luxus der Zeit. Vor allem fesselte sie das Bildnis der Künstlerin, gemalt von Joseph Bridau, das ihr aus dem benachbarten kleineren Salon entgegenleuchtete. Sie vermochte eine gewisse Bewunderung der zauberischen Macht dieses Weibes nicht zu unterdrücken, der es spielend gelungen war, dem Egoismus ihrer Mitmenschen die größten Kostbarkeiten der Welt und Unsummen Goldes zu entlocken.

Da trat die Sängerin selbst in den Salon. Sie erinnerte Adeline an die Judith von Alessandro Allori im Palazzo Pitti: dieselbe stolze Haltung, dasselbe göttliche Gesicht, dasselbe schwarze kunstlos geknotete Haar. Josepha trug ein gelbes Morgengewand, über und über mit Blumen bestickt. Der Stoff wirkte brokatähnlich, ganz wie der auf dem Bilde des Neffen von Bronzino.

»Gnädige Frau sehen mich ganz unter dem mich erregenden Eindruck der Ehre Ihres Besuches«, sagte die Künstlerin, die sich vorgenommen hatte, die vornehme Dame zu spielen. Sie schob der Baronin einen Lehnstuhl hin und setzte sich selbst auf einen Sessel. Mit einem einzigen Blick gewahrte sie, daß diese Frau eine Schönheit gewesen war, daß sie gemütskrank und nervös war, daß sie in Frömmigkeit und guten Werken aufging. Nichts lag ihr ferner, als eine Feindin dieser Frau zu bleiben.

»Mein Fräulein, die Verzweiflung führt mich hierher, die den Menschen zwingt, nichts unversucht zu lassen . . .« Adeline hielt inne. Eine leichte Bewegung der Sängerin ließ sie erraten, daß sie der Frau eine Kränkung angetan hatte, von der sie Hilfe erheischte. Unwillkürlich ward ihr Blick flehentlich und löschte ein leidenschaftliches Licht in den Augen Josephas. Es war etwas Seltsames, diese stumme Zwiesprache der beiden Frauen.

Die Baronin begann mit bewegter Stimme von neuem: »Es ist zwei und ein halbes Jahr her, daß mein Mann seine Familie verlassen hat. Wir wissen noch immer nicht, wo er sich aufhält. Nur daß er in Paris lebt, steht fest. Ein Traum hat mir eingegeben, so seltsam es sein mag, daß Sie Interesse für Hektor von Hulot hegen müßten. Wenn Gott wollte, daß Sie mir helfen könnten, ihn wiederzufinden, würde ich für Sie beten, solange ich lebe!«

Zwei dicke Tränen entrollten den Augen der Sängerin und verkündeten ihre Antwort im voraus.

»Gnädige Frau«, erwiderte sie mit dem Ausdruck echter Demut, »ich habe Ihnen Leid zugefügt, ohne Sie zu kennen. Aber nun, da ich die Ehre habe, Sie und Ihre verehrungswürdige Gesinnung vor mir zu sehen – glauben Sie mir! –, fühle ich die Größe meines Vergehens. Ich bereue es von ganzem Herzen. Rechnen Sie damit, daß ich, um es ein wenig wiedergutzumachen, zu allem bereit bin!«

Sie erfaßte die Hand der Baronin, und ohne daß diese es verhindern konnte, küßte sie sie in tiefster Ergebenheit. Dann raffte sie sich auf und klingelte. Der Kammerdiener erschien.

»Reiten Sie, was der Gaul laufen kann, nach der Rue Saint-Maur-du-Temple zu Fräulein Bijou. Setzen Sie sie in eine Droschke und geben Sie dem Kutscher ein Trinkgeld, damit er im Galopp herfährt! Beeilen Sie sich!«

Sie wandte sich wieder der Baronin zu.

»Sie müssen mir verzeihen! Seit der Herzog von Hérouville mein Gönner geworden, habe ich keine Beziehungen mehr zu Ihrem Gatten. Ich erfuhr, er hätte meinetwegen seine Familie ruiniert. Was sollte ich tun? Eine Bühnenkünstlerin ist auf Unterstützungen angewiesen, zumal im Anfang ihrer Laufbahn. Unsere Gage langt zu nichts. Wir müssen uns hin und wieder reiche Liebhaber zulegen. An der Person des Herrn von Hulot lag mir nichts. Er hat mich bewogen, einen anderen aufzugeben, den reichen Crevel, einen eitlen Trottel, der mich vielleicht geheiratet hätte . . .«

»Ich weiß es«, unterbrach die Baronin die Sängerin, »er hat es mir erzählt. Ich will Ihnen ja auch gar keine Vorwürfe machen. Im Gegenteil, ich bin hierhergekommen, wer weiß; um Ihnen vielleicht zu danken . . .«

»Wohl weil ich seit zwei bis drei Jahren für den Unterhalt des Barons sorge? Ach, gnädige Frau . . .«

»Sie!« rief die Baronin aus, und Tränen kamen ihr in die Augen, »Sie! Wie kann ich Ihnen das vergelten? Ich kann nichts für Sie tun als Sie in mein Gebet einschließen!«

»Der Dank gehört dem Herzog . . .«

Josepha erzählte nun Vater Thouls Schicksale.

»Dank Ihrer Güte, Fräulein, hat es meinem Manne also an nichts gefehlt?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Und wo ist er augenblicklich?«

»Ich kann es nicht sagen. Vor ungefähr einem halben Jahre hat mir der Herzog erzählt, daß der Baron, der seinem Notar nur unter dem Namen »Thoul« bekannt ist, achttausend Francs in den vorgeschriebenen Vierteljahrsraten ausgezahlt bekommen habe. Seitdem haben weder ich noch der Herzog etwas über ihn erfahren. Wir vom Theater sind dermaßen in Anspruch genommen, wir haben so wenig Zeit, daß ich wirklich nicht hinter ihm habe her sein können. Zufällig ist seit einem halben Jahre auch die kleine Bijou, meine Stickerin, seine – wie soll ich sagen . . .«

»Seine Geliebte!« ergänzte die Baronin.

»Seine Geliebte, ja! Sie ist so lange nicht zu mir gekommen. Möglicherweise haben sie sich inzwischen getrennt. Derlei geht manchmal schnell.«

Der Spießbürger sieht in jedem genialen Menschen eine Art Ungeheuer, das ganz anders als andere Leute ißt, trinkt, spricht und dahinwandelt. Ähnlich hatte Frau von Hulot erwartet, wunder was für eine Josepha kennenzulernen: die Sängerin, die amüsante, sinnliche, intrigante Kurtisane – und nun fand sie eine ruhige, vernünftige Frau, eine jener schlichten Künstlerinnen, die sich um so einfacher geben, als sie wissen, daß sie am Abend Königinnen sind. Sie fand eine Frau, die ihr in Demut huldigte.

Der Diener kam nach einer halben Stunde zurück und meldete:

»Fräulein Bijou kommt nicht, aber ihre Mutter: sie ist schon unterwegs. Fräulein Bijou hat sich verheiratet . . .«

»Das heißt wohl bloß so?«

»Nein, gnädiges Fräulein, richtig verheiratet! Sie hat den Eigentümer eines Riesen-Modebasars auf dem Boulevard des Italiens geheiratet, einen Millionär, und ihr Stickereigeschäft hat sie ihrer Mutter und Schwester überlassen. Sie heißt jetzt Frau Grenouville.«

»Ich fürchte, gnädige Frau«, bemerkte Josepha, »wir werden erfahren, daß der Baron nicht mehr dort ist, wo ich ihn untergebracht habe.«

Zehn Minuten später wurde Frau Bijou gemeldet. Der Vorsicht halber führte Josepha die Baronin in einen kleinen Nebensalon. Die trennende Portiere zog sie zu.

»Ihre Anwesenheit würde die Frau nur befangen machen«, sagte sie zu Adeline. »Sobald sie merkt, daß ihre Mitteilungen für Sie von Wichtigkeit sind, sagt sie kein Wort mehr. Lassen Sie mich die Beichte abnehmen! Bleiben Sie verborgen! Sie werden hier alles hören . . . Da sind Sie ja, Mutter Bijou!«

Eine alte Frau war eingetreten, die wie eine Hausmannsfrau im Sonntagsstaat aussah.

»Habt Ihr aber ein Glück!«

»Glück? Na, meine Olympia gibt uns alle Monate hundert Francs. Dabei hat sie Kutsche und Pferde und wühlt nur so im Gelde. Sie ist Millionärin. Sie könnte schon ein bißchen mehr für mich tun. Ich alte Frau muß mich noch im Geschäft abrackern.«

»Hm! Sie sollte Ihnen dankbarer sein. Sie verdankt Ihnen ihre Schönheit . . . Warum läßt sie sich übrigens gar nicht bei mir sehen? Ich habe ihr aus ihrem Elend herausgeholfen, als ich sie mit meinem Onkel zusammenbrachte . . .«

»Freilich!« sagte die Alte. »Mit dem Vater Thoul! Der war zuletzt recht pumpelig geworden!«

»Zuletzt? Wo habt Ihr ihn denn gelassen? Wohnt er denn nicht mehr bei Euch? Es wäre eine schöne Dummheit, wenn Ihr den hättet schwimmen lassen! Er ist wieder steinreich.«

»Nee so was! Du lieber Herrgott, ich hab es ihr immer gesagt, wenn sie den armen alten Kerl schlecht behandelte. Und er war so seelensgut. Sie hielt ihn immer im Trabe! Ja, meine Olympia ist ein Racker!«

»Wieso?«

»Ja, wissen Sie, gnädiges Fräulein, sie hatte nämlich einen Claqueur kennengelernt, den Neffen eines alten Tapezierers in der Faubourg Saint-Marceau, einen Schlingel sondergleichen, aber einen hübschen Burschen. Chardin heißt er. Er macht den lieben langen Tag nichts, ißt und trinkt gut und klatscht abends, was das Zeug hält. Das ist seine Arbeit. Die Weibsbilder sind alle wie toll auf ihn. Überall ist er Hahn im Korbe. Olympia hatte an ihm einfach einen Narren gefressen. Sie gab ihm all das Geld, das ihr Vater Thoul schenkte. Er verspielte es natürlich. Nun hat der Nichtsnutz auch eine hübsche Schwester, ein liederliches Frauenzimmer im Studentenviertel, Clodia Chardin. Den Theatervornamen hat ihr der Bruder gegeben. Weil sich der Kerl einbildet, Vater Thoul wäre reicher als er tue, hat er seine Schwester auf ihn gehetzt, und die hat nicht eher geruht, als bis sie den Alten glücklich gekapert hat. Dann hat sie ihn mit sich fortgenommen. Wohin, das wissen wir nicht recht. Inzwischen hat meine Tochter geheiratet . . .«

»Wissen Sie, wo der Tapezierer wohnt?« unterbrach Josepha die geschwätzige Alte.

»Der alte Chardin? Ja! Wenn man bei so einem überhaupt von wohnen reden kann. Er ist schon am frühen Morgen betrunken, arbeitet so gut wie nichts und treibt sich den lieben langen Tag in gemeinen Spelunken herum und spielt . . .«

»Er spielt?«

»Ja, Billard. Wenn ich mir Mühe gebe, finde ich ihn schon . . .«

»Das müssen Sie!« sagte die Sängerin. »Ich hatte Ihre Tochter gebeten, sich um Vater Thoul zu kümmern, ihn glücklich zu machen, und sie hat ihn verderben lassen. Das war nicht recht! Wenn Sie mir aber binnen vierzehn Tagen berichten können, wo er jetzt wohnt, bekommen Sie tausend Francs!«

»Sapperlot! Aber das ist nicht so leicht, gnädiges Fräulein. Ich will sehen, was sich tun läßt.«

»Gut! Leben Sie wohl, Frau Bijou!«

Als die Sängerin in den Nebensalon trat, fand sie die Baronin in Ohnmacht. Unter Anwendung von Riechsalz kam sie nach einer Weile wieder zu sich.

»Liebes Fräulein«, stöhnte sie, als sie Josepha erkannte und sich mit ihr allein sah, »wie tief ist er gesunken!«

»Seien Sie stark, gnädige Frau!« gab Josepha zur Antwort.

Die Sängerin setzte sich der Baronin zu Füßen und küßte ihr die Hände.

»Mut! wir werden ihn finden. Und steckt er im Schmutz, so wird er sich waschen. Glauben Sie mir, gnädige Frau, für einen höheren Menschen ist dergleichen nichts als eine Art Toilettenfrage. Lassen Sie mich bei der Gelegenheit mein an Ihnen begangenes Unrecht wiedergutmachen! Ich sehe, wie sehr Sie an Ihrem Manne hängen, trotz seines Betragens. Sonst wären Sie nicht zu mir gekommen . . . Ihr armer Mann ist ein Frauennarr! Sie hätten ein Ausbund unseres Geschlechts sein müssen, wenn Sie ihn vor seinem liederlichen Leben hätten bewahren können. Sie hätten die Reize aller Frauen der Welt vereint besitzen müssen! Aber jetzt handelt es sich nicht um Betrachtungen, sondern darum, Ihnen tatkräftig zu helfen. Seien Sie beruhigt, gnädige Frau! Gehen Sie getrost nach Hause und quälen Sie sich nicht selber! Ich werde Ihnen Ihren Hektor wiederbringen! Ihren ehemaligen Hektor!«

»Ach, Fräulein, lassen Sie uns diese Frau Grenouville aufsuchen! Ich muß mehr erfahren. Vielleicht finde ich meinen Mann heute noch und entreiße ihn dem Elend und der Schande.«

»Gnädige Frau, ich bin Ihnen tief dankbar, daß Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich, die ehemalige Geliebte Ihres Mannes, zu besuchen. Aber ich achte Sie zu hoch, als daß ich mich an Ihrer Seite sehen ließe. Es ist das keine Geringschätzung meines Bühnenberufes, sondern eine Huldigung, die ich Ihnen bringe. Ich bedaure, daß ich nicht Ihre Pfade wandle, ungeachtet der Dornen, die Ihnen Haupt und Hände blutig reißen. Ich kann mein Leben nicht mehr ändern. Sie gehören der Tugend, ich meiner Kunst!«

»Mein liebes Fräulein«, sagte die Baronin, bei all ihrem Schmerze über die Worte tiefbewegt, »Gott ist gerecht! Ich werde für Sie beten.« Sie küßte die Sängerin auf die Stirn.

»Sie werden ihn wiedersehen, gnädige Frau! Verlassen Sie sich auf mich!«

 

Zur selben Stunde empfing Viktor von Hulot in seinem Arbeitszimmer eine alte, etwa fünfundsiebzigjährige Frau. Sie hatte sich als Frau von Saint-Esteve anmelden lassen.

»Ich habe mich unter einem Pseudonym eingeführt«, erklärte sie, als sie dem Anwalt gegenüber Platz genommen hatte. »Mein eigentlicher Name ist Nourrisson.«

Viktor sah sie an. Eine Art Schauder ergriff ihn. Die Alte kam ihm unheimlich vor. Sie war elegant gekleidet, aber ihr Gesicht hatte etwas Gewöhnliches, Verbrecherisches, Böses, Lauerndes und Gieriges. Ihre Nase zumal kam ihm raubvogelartig vor.

»Verehrter Herr«, sagte sie in gönnerhaftem Tone, »ich mische mich seit langem nicht mehr in anderer Leute Angelegenheiten, und wenn ich etwas für Sie tue, so geschieht das nur meines lieben Neffen wegen, der mir mehr ans Herz gewachsen ist, als wenn er mein eigenes Kind wäre. Für ihn arbeite ich. Er ist Beamter der Sittenpolizei. Sie haben nun in diesen Tagen in einer Familienangelegenheit um die Unterstützung der Polizei gebeten . . .«

In der Tat hatte Viktor von Hulot mit einer Empfehlung des Fürsten von Weißenburg einen Versuch in der Richtung gemacht, und der Polizeipräsident hatte ihm versprochen, Crevel in geeigneter Weise über das Vorleben von Frau Marneffe aufklären zu lassen, um ihn aus den Krallen dieser Buhlerin zu retten.

»Ganz recht!« bestätigte Hulot.

Die Alte fuhr fort: »Wir haben Ihre Angelegenheit erwogen und einen Weg gefunden, Ihre Wünsche zu erfüllen. Geben Sie dreißigtausend Francs, und Sie sind das Übel los! Wir machen die Sache. Zu zahlen brauchen Sie erst hinterher.«

»Sie wissen, um wen es sich handelt?« fragte Viktor.

»Ich erwarte Näheres von Ihnen! Wir wissen nur so viel: ein schwachsinniger alter Herr ist in den Händen einer jungen Witwe. Sie hat ihr Gaunerhandwerk so fein verstanden, daß sie schon zwei Familienväter um eine Rente von vierzigtausend Francs ärmer gemacht hat. Sie ist nun im Begriffe, das Doppelte zu ergaunern, wenn sie den alten Herrn heiratet und ihn dann baldigst unter die Erde befördert. Es besteht somit die Gefahr, daß Ihre Familie um ein großes Vermögen kommt . . .«

»Das stimmt so ungefähr«, meinte der Anwalt. »Es handelt sich um meinen Schwiegervater, Cölestin Crevel . . .«

»Ehemaligen Parfümerienhändler, jetzigen Bürgermeister!« ergänzte Frau Nourrisson.

»Die andere Person ist Frau Valerie Marneffe!«

»Die kenne ich nicht, aber in drei Tagen werde ich genauestens Bescheid über sie wissen«, erklärte die Alte.

»Sind Sie imstande, die Heirat zu verhindern?«

»Wie weit sind die beiden?«

»Sie sind zum zweiten Male aufgeboten«, erwiderte Hulot.

»Man müßte die Frau entführen. Heute ist Sonntag. Wir hätten nur drei Tage Zeit. Am Mittwoch ist die Trauung. Das ist unmöglich. Aber man könnte sie umbringen . . .«

Als Viktor diese Worte hörte, prallte er betroffen zurück.

»Umbringen!« wiederholte er. »Und wie wollten Sie das machen?«

»Herr von Hulot, seit vierzig Jahren sind wir nun schon Werkzeuge des Schicksals«, antwortete sie mit gräßlichem Dünkel. »Wir machen in Paris, was wir wollen. So manche Familie hat mir ihr Geheimstes anvertraut. Sehen Sie: wir haben Heiraten zustande gebracht, Ehen zerstört, Testamente verschwinden lassen, auch manchem seine Ehre gerettet. Das alles bedeutet für mich ein Jahreseinkommen von sechsunddreißigtausend Francs. Sie können mir getrost vertrauen! Mein Schicksal wäre besiegelt, wenn ich nicht verschwiegen wäre wie das Grab. Ich handle. Aber alles, was geschieht, wird als Werk des Zufalls gelten. Sie brauchen nicht die geringsten Gewissensbisse zu haben. Vier Wochen hinterher werden Sie glauben, es sei alles von selber so gekommen.«

Viktor trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Der Anblick einer Hinrichtung hätte ihn weniger erregt als diese Person. Es kam ihm vor, als sei sie blutrot gekleidet.

»Frau Nourrisson«, sagte er, »ich kann Ihre Hilfe, Ihre Erfahrung, Ihre Tätigkeit nicht annehmen, wenn es jemanden das Leben kostet, wenn dabei ein Verbrechen begangen wird . . .«

»Sie sind ein großes Kind!« unterbrach ihn die Alte. »Sie wollen vor sich selber unschuldig dastehen, und doch ist es Ihr Wunsch, daß Ihr Feind vernichtet wird.«

Viktor machte die Geste des Ableugnens.

»Gewiß«, fuhr sie fort, »Sie wollen, daß jene Frau ihre Beute losläßt, die sie bereits zwischen den Zähnen hat. Was würden Sie tun, wenn Sie einem Tiger ein geraubtes Stück Vieh wieder entreißen wollten? Würden Sie ihm den Rücken streicheln und ›liebe Miezekatze!‹ sagen? Sie haben keine Logik! Sie wollen den Krieg, aber keine Verwundeten! Gut! Ich will Ihnen das Gefühl der Schuldlosigkeit verschaffen, an dem Ihnen so sehr viel liegt! Ehrliebe und Heuchelei sind Geschwister. In einem Vierteljahr wird Sie eines Tages ein Bettelmönch besuchen und Sie um vierzigtausend Francs für irgendein gutes Werk bitten, sagen wir: für ein im Morgenlande zerstörtes Kloster. Sind Sie bis dahin mit Ihrem Schicksal zufrieden, dann geben Sie dem Manne die vierzigtausend Francs! Die Summe ist nicht zu hoch im Vergleich zu der, die Ihnen zufällt.«

Damit stand sie auf, grüßte verbindlich lächelnd und empfahl sich.

»Das war die Schwester des Teufels!« murmelte der Anwalt. Er erhob sich. Es fiel ihm ein, daß er sie hinausgeleiten müsse, aber sie war bereits verschwunden – spurlos wie die böse Fee im Märchen.

Gelegentlich einer amtlichen Verrichtung im Polizeigebäude erkundigte er sich am andern Tage beim Polizeipräsidenten nach der geheimnisvollen Frau. Er konnte nichts über sie erfahren.

Die Baronin hatte bei Tisch von ihren Nachforschungen erzählt, von ihrem Besuche bei Josepha, auch von Vater Chardin und seinem Neffen. Daraus schloß Tante Lisbeth, daß Adeline auf der richtigen Fährte war. Bereits am nächsten Morgen früh sieben Uhr fuhr sie in einer Droschke nach dem Quai de la Tournelle und ließ an der Ecke der Rue de Poissy halten.

»Gehen Sie in die Rue des Bernardins«, bat sie den Kutscher, »Nummer 7. Das ist ein Haus ohne Hausmeister. Vier Treppen hoch, linker Hand, ist an der Tür ein Schild: »Fräulein Chardin, Spitzen- und Kaschmirschal-Stopferin.« Wenn jemand öffnet, fragen Sie nach dem Herrn Rat. Man wird sagen, er sei ausgegangen. Dann geben Sie zur Antwort: »Weiß schon. Sehen Sie doch noch einmal nach und sagen Sie ihm, seine Dienerin warte am Kai in einer Droschke auf ihn und möchte ihn sprechen.««

Eine Viertelstunde später kam ein etwa achtzigjähriger alter Herr zaghaft an die Droschke heran. Er hatte ganz weißes Haar und eine vor Kälte rote Nase; sein blasses Gesicht war runzelig, sein Gang schleppend. Er trug Tuchschuhe und unter dem grobstoffigen Überzieher eine gestrickte Jacke über einem bunten Hemd. Es war der Baron Hulot. Als er Tante Lisbeth erkannte, trat er an den Wagenschlag.

»Guten Tag, lieber Vetter!« begrüßte sie ihn. »Wie geht's? Wie steht's?«

»Clodia nimmt mir alles«, gab der Alte zur Antwort. »Diese Chardins sind alle miteinander Lumpenbagage!«

»Willst du mit nach Hause kommen?«

»Gott behüte! Am liebsten möchte ich nach Amerika.«

»Deine Frau ist dir auf den Fersen!«

»So! Wenn nur die Schulden, die ich von neuem habe machen müssen, bezahlt würden! Man ist auch deshalb hinter mir her.«

»Wir haben deine alten Schulden noch nicht einmal alle erledigt. Dein Sohn bürgt immer noch für hunderttausend Francs.«

»Der arme Junge!«

»Deine Pension wird ungefähr in acht Monaten wieder frei. Ich habe dir bis dahin zweitausend mitgebracht.«

Erstaunt und gierig streckte ihr Hulot die Hand entgegen.

»Gib sie mir, Lisbeth!« bat er. »Gott wird es dir vergelten. Ich weiß nun, wohin ich gehe . . .«

»Das mußt du mir aber sagen, alter Schwerenöter!«

»Siehst du, mit dem Gelde komme ich acht Monate aus. Ich habe ein himmlisches Geschöpf entdeckt, ein unschuldiges Ding, noch viel zu jung, um verdorben zu werden . . .«

»Denk an die Sittenpolizei! Daß die dich nicht eines schönen Tages am Kragen kriegt!«

»Ach wo! Ich werde gleich jetzt, so wie ich hier stehe, in die Rue de Charonne ziehen, in einen Winkel, um den sich kein Mensch kümmert. Ich bin dort der alte Thorec und werde mich als einen Kunsttischler ausgeben, der sich zur Ruhe gesetzt hat, oder als so was Ähnliches. Meine paar Sachen liegen größtenteils noch bei der Frau Bijou. Die Kleine liebt mich, und ich lasse mir nicht wieder das Fell über die Ohren ziehen.«

»Daß dir das wieder einmal passiert ist, sehe ich«, meinte Lisbeth, indem sie den Anzug des Barons musterte. »Darf ich dich nach der Rue de Charonne fahren, Vetter? Deine Sachen laß dir von Frau Bijou holen. Die kleine Olympia hat sich inzwischen gut verheiratet.«

Hulot setzte sich mit in die Droschke. Damit verließ er seine Clodia, ohne sich von ihr zu verabschieden.

Unterwegs erzählte er von seiner neuen Geliebten, die Itala Judici hieß. Lisbeth setzte ihn in der Rue de Charonne – in der Vorstadt Saint-Antoine – an der Tür eines von Hulot bezeichneten, verdächtig und gefährlich aussehenden Hauses ab, nachdem sie ihm das Geld eingehändigt hatte.

»Leb wohl, Vetter!« sagte sie zu ihm. »Du bist also nun der Vater Thorec! Schön! Schicke mir deine Boten immer von verschiedenen Orten! Verstanden?«

»Gewiß! Ach, wie bin ich froh!« beteuerte der alte Mann, über dessen Züge das Morgenrot eines neuen Glückes heraufzog.

 

Am andern Tage stellte sich Crevel bei seinen Kindern ein, gerade als die ganze Familie nach dem Frühstück im Salon versammelt war. Cölestine begrüßte ihn, als sei er erst gestern dagewesen, obwohl es nach zwei Jahren sein erster Besuch war.

»Guten Tag, lieber Schwiegervater!« Viktor reichte ihm die Hand.

»Guten Tag, meine lieben Kinder!« sagte Crevel behäbig. »Frau Baronin, ich küß Ihnen untertänigst die Hand! Ah, die Kinder! Wie die wachsen! Frau Gräfin, bewunderungswürdig wie immer! Schau, schau! Da ist ja auch unser Tantchen Lisbeth, die kluge Jungfrau! Es geht euch also allen vorzüglich!«

Nachdem er so jedem lachend ein paar Worte gespendet hatte, sah er sich im Salon um. Offenbar gefiel er ihm nicht.

»Liebe Cölestine«, meinte er, »ich gebe dir meine Möbel aus der Rue des Saussayes. Die werden sich hier famos machen. Dein Salon ist ein bißchen erneuerungsbedürftig. Ah, da ist ja auch unser Stanislaus, der kleine Stöpsel! Bist du denn auch immer hübsch artig und brav gewesen, mein Junge?«

»Das kommt ganz auf deine eigene Moral an!« bemerkte Tante Lisbeth bissig.

»Meine liebe Lisbeth, liebe Kinder«, entgegnete Crevel, »solche Sticheleien sind bei mir nun nicht mehr angebracht! Ich bringe die etwas schiefen Verhältnisse, in denen ich notgedrungen so lange leben mußte, ins reine. Ich bin gekommen, euch hiermit pflichtschuldigst meine Wiederverheiratung anzuzeigen!«

»Du kannst selbstverständlich tun und lassen, was du willst«, erklärte Viktor, »und ich für meine Person gebe dir sogar hiermit dein Wort zurück, das du mir dereinst gegeben hast, als ich um meine liebe Cölestine anhielt . . .«

»Was für ein Wort?«

»Dein Wort, nicht wieder zu heiraten! Du wirst dich gerechterweise auch erinnern, daß du mir es aus freien Stücken gegeben hast. Ich hatte es nicht verlangt und habe dich sogar darauf aufmerksam gemacht, daß du dich nicht derartig binden solltest!«

»Hm, lieber Freund, ich erinnere mich«, gab Crevel verlegen zu, »aber ich sage euch, meine lieben Kinder, wenn ihr euch mit Frau Crevel vertragt, sollt ihr das nicht zu bereuen haben! Viktor, dein Entgegenkommen ist rührend. Ich werde mich zu revanchieren wissen! Der Teufel soll mich holen, ich sage euch, stellt euch mit eurer Stiefmutter gut und kommt alle miteinander zu meiner Hochzeit!«

»Lieber Vater, wer ist denn eigentlich deine Braut? Das hast du uns noch gar nicht gesagt!«

»Aber Kinder, das pfeifen ja die Spatzen von den Dächern!« versetzte Crevel. »Wir wollen uns doch einander nichts vormachen! Tante Lisbeth hat euch das längst hinterbracht . . .«

»Verehrter Crevel«, entgegnete die Lothringerin, »es gibt Namen, die in diesem Hause nicht ausgesprochen werden!«

»Na, dann spreche ich ihn aus: Frau Marneffe!«

»Lieber Schwiegervater«, sagte der Anwalt würdevoll, »weder meine Frau noch ich werden deiner Hochzeit beiwohnen, und zwar keineswegs aus egoistischen Gründen. Ich war eben durchaus aufrichtig zu dir, und ich würde mich wirklich freuen, wenn du in dieser Verbindung dein Glück fändest. Mich bestimmen hier vielmehr Rücksichten, die ich meinem Ehrgefühl und gewissen Ereignissen schulde . . . Du wirst mich verstehen. Ich kann mich nicht näher darüber auslassen, um nicht Wunden wieder aufzureißen, die noch nicht geheilt sind . . .«

Hortense verließ mit ihrem Kleinen das Zimmer, und Adeline empfahl sich stumm. Als sich Viktor mit seinem Schwiegervater, seiner Frau und Tante Lisbeth allein sah, fuhr er fort:

»Du heiratest eine Frau, die sich durch den Ruin meines Vaters unrechtmäßig bereichert hat; eine Frau, die ihn ohne Bedenken dahin gebracht hat, wo er sich jetzt befindet; eine Frau, die ein Verhältnis mit dem Schwiegersohn des Mannes unterhält, den sie zugrunde gerichtet hat; eine Frau, die meiner Schwester das schlimmste Leid angetan hat! Und du bildest dir ein, die Gesellschaft sollte es erleben, daß wir eine solche Torheit billigen, indem wir zu deiner Hochzeit erscheinen! Du tust mir aufrichtig leid, lieber Crevel. Dir mangelt jeglicher Familiensinn! Für die gegenseitigen Verpflichtungen der einzelnen Mitglieder einer Familie hast du kein Verständnis! Und was richten Vernunftgründe gegen eine Leidenschaft aus? Leidenschaftliche Naturen sind ebenso blind wie taub. Cölestine ist dir eine zu pflichttreue Tochter, als daß sie auch nur ein Wort des Tadels gegen dich fände . . .«

»Das wäre auch noch schöner!« brummte Crevel, der keine Lust verspürte, der Predigt länger zuzuhören. Der Anwalt fuhr indessen fort:

»Aber ich darf versuchen, dich vom Rande eines tiefen Abgrundes abzuhalten, zumal ich dir den Beweis meiner Uneigennützigkeit erbracht habe. Es ist wahrlich nicht dein Vermögen, das mir Gedanken macht, sondern einzig und allein deine Person. Ich kann gottlob sagen, meine pekuniäre Lage läßt nichts zu wünschen übrig . . .«

»Dank deinem Schwiegervater!« unterbrach Crevel ihn. Er hatte einen blauroten Kopf vor Ärger bekommen.

»Wenn es dir leid tut, deiner Tochter die ihr gebührende Mitgift gegeben zu haben, die – nebenbei gesagt – nicht die Hälfte dessen darstellt, was ihr ihre Mutter hinterlassen hat, so sind wir gern bereit, sie dir zurückzuerstatten!«

»Weißt du übrigens«, entgegnete Crevel, indem er sich in seine Attitüde reckte, »daß Frau Marneffe, sobald sie meinen Namen annimmt, der Gesellschaft nur noch für ihr Verhalten als Frau Crevel verantwortlich ist?«

»Das ist zweifellos sehr weltmännisch und sehr großherzig gedacht«, meinte der Anwalt, »soweit es sich auf ihre Herzensangelegenheiten, auf ihre Irrungen aus Leidenschaft bezieht. Ich kann diese Anschauungen indessen nicht auf den gemeinen Raub ausdehnen, den diese Frau an meinem Vater begangen hat! Kurz und gut, ich erkläre dir, mein lieber Schwiegervater, deine künftige Frau ist eine ehrlose Person. Sie betrügt dich, und sie hat ein Verhältnis mit meinem Schwager Steinbock. Sie ist ganz vernarrt in ihn und hat ihm seine Schulden bezahlt . . .«

»Pardon! Die habe ich bezahlt!«

»Das ist mir lieb zu hören«, bemerkte Viktor, »aber das Liebesverhältnis besteht in der Tat. Die beiden treffen sich sehr oft . . .«

Crevel war außer sich.

»Ich finde es feig«, entgegnete er, »niederträchtig, gemein, schmutzig, eine Dame zu verleumden. Wenn man derartige Anschuldigungen erhebt, dann bringt man Beweise!«

»Ich werde dir Beweise bringen!«

»Das erwarte ich!«

»Ich werde dir übermorgen Tag und Stunde angeben, wann ich dir die unglaubliche Verworfenheit deiner künftigen Frau vor Augen führen werde!«

»Das soll mich sehr freuen«, sagte Crevel, der seine Kaltblütigkeit wiedererlangt hatte. »Lebt wohl, Kinder! Auf Wiedersehen! Leb wohl, Lisbeth!«

»Geh ihm doch nach!« flüsterte Cölestine der Tante Lisbeth ins Ohr.

»Also so willst du von uns gehen?« sagte diese zu Crevel, indem sie ihm durch die Tür nachfolgte.

»Hast du gesehen!« entgegnete er ihr. »Er ist ein Hauptkerl geworden, mein Herr Schwiegersohn! Er hat sich sozusagen entwickelt! Allerdings, Juristerei, Abgeordnetenhaus, Politik! Da muß man ja so werden! Großartig! Dieser Schlaumeier weiß, daß ich nächsten Mittwoch heirate, und heute, am Sonntag vorher, macht er mir den liebenswürdigen Vorschlag, mir in drei Tagen einen Termin bestimmen zu wollen, an dem er mir den Beweis erbringen will, meine Frau sei meiner unwürdig! So eine Gescheitheit habe ich noch nicht erlebt! Der Teufel soll mich frikassieren! Na, ich lasse mir noch heute den Notar holen und unterzeichne den Ehevertrag! Ich wollte meiner Cölestine vierzigtausend Francs Rente vermachen; aber ihr Hulot hat sich eben derartig benommen, daß es damit nunmehro Essig ist! Er kann mir gestohlen werden! Lisbeth, kommst du mit?«

»Ich muß dich noch schnell mal sprechen! Zehn Minuten hast du doch für mich? Erwarte mich unten in deinem Wagen. Ich werde mich hier unter einem Vorwande empfehlen.«

»Gut! Ich warte unten!«

»Meine Lieben«, sagte Lisbeth, wieder im Salon, wo die ganze Familie von neuem versammelt war, »ich begleite Crevel. Sein Ehevertrag wird heute unterschrieben. Ich werde euch die einzelnen Punkte mitteilen. Wahrscheinlich wird das heute mein letzter Besuch bei dem Frauenzimmer sein. Euer Vater ist übrigens wütend. Er will euch enterben!«

»Dazu ist er viel zu eitel!« meinte der Anwalt. »Sein geliebtes Landgut behält er auf jeden Fall. Ich kenne ihn. Selbst wenn er in zweiter Ehe Kinder bekäme, erbte Cölestine immerhin die Hälfte seiner Hinterlassenschaft. Das Gesetz läßt es gar nicht zu, daß er sein Gesamtvermögen . . . Doch was geht mich das augenblicklich alles an! Für uns kommen jetzt ganz andere Rücksichten in Frage . . . Geh nur, Tante, höre dir den Vertrag recht aufmerksam an!«

 

Zehn Minuten später betraten Crevel und Tante Lisbeth das Palais in der Rue Barbet, wo Valerie nicht ohne Ungeduld auf das Ergebnis des Besuches, den sie angeregt hatte, wartete. Allmählich war sie Stanislaus Steinbock gegenüber von jener gewaltigen Liebe erfaßt worden, der kein Frauenherz wieder entrinnt. Der entgleiste Künstler wurde ihr das, was sie dem Baron Hulot gewesen war, der Inbegriff aller Liebe.

Valerie war mit einer Stickerei beschäftigt. Ihr Kopf ruhte an der Schulter des Geliebten. Die von Zärtlichkeiten unterbrochene Plauderei, die sie während Crevels Abwesenheit führten, war derart, daß ihr wie den modernen Literaturwerken die Devise galt: »Nachdruck verboten!«

Eine leise Regung von Eifersucht erinnerte Stanislaus an den Marquis Montes.

»Was macht eigentlich dein Brasilianer?«

»Den wäre ich gern los! Du könntest ihn ins Jenseits befördern!«

»Wäre das die einzige Art, daß du ihn nicht mehr zu sehen bekämst?«

»Höre mich an, Liebster!« versetzte Valerie. »Ich will keine Geheimnisse vor dir haben. Ich habe ihm einmal die Ehe versprochen . . .« Stanislaus machte eine entsetzte Bewegung. »Beruhige dich, das war lange, ehe ich dich kennenlernte! Dieses Versprechen benutzt er jetzt, mich zu quälen und zu beunruhigen. Und das zwingt mich, ihm meine Verheiratung zu verheimlichen. Wenn er wüßte, daß ich Crevel heirate, wäre er imstande, mich zu – morden!«

»Unsinn!« meinte Steinbock mit einer verächtlichen Handbewegung, die ausdrücken sollte, daß einer von einem Polen geliebten Frau keinerlei Gefahr drohen könne. Man muß allerdings zugeben, daß Slawen in puncto Tapferkeit keine Prahler sind; mutig sind sie wirklich.

Valerie fuhr fort:

»Dieser einfältige Crevel will am Hochzeitstage ein pompöses Fest geben. Damit setzt er mich derartig in Verlegenheit, daß ich mir gar nicht zu helfen weiß!«

Unmöglich konnte sie dem Geliebten gestehen, daß Montes nach der Verabschiedung Hektors das Vorrecht geerbt hatte, sie zu jeder Tages- und Nachtstunde besuchen zu dürfen. Bei aller Geschicklichkeit hatte es ihr nicht gelingen wollen, Anlaß zu einem Bruche zu finden mit der Möglichkeit, ihm die alleinige Schuld aufzuhalsen. Sie kannte den barbarischen Charakter des Brasilianers nur allzu gut, um nicht vor ihm zu zittern.

Als sie das Rollen eines ankommenden Wagens vernahm, rückte sie von Steinbock, der sie umfaßt hielt, weit ab. Er nahm eine Zeitung zur Hand und vertiefte sich in sie. Valerie begann eifrig an den Hausschuhen ihres Zukünftigen zu sticken.

»Ja, die bösen Zungen!« flüsterte Tante Lisbeth dem Bürgermeister an der Türschwelle zu, indem sie auf dieses Bild keuscher Freundschaft deutete. »Sieh dir bloß die Frisur Valeries an! Kein Härchen ist in Unordnung! Wenn Viktor die Wahrheit wüßte, hätten wir zwei Turteltauben im Neste überraschen müssen!«

»Habe es auch gar nicht im geringsten ernst genommen«, meinte Crevel selbstbewußt. »Man braucht eine Frau nur wirklich verliebt zu machen, und aus Aspasia wird Lukrezia! Nun sieh dir einmal unser neues Haus ordentlich an!« fuhr er fort. »Das ist Sache!«

Das Haus, auf das Crevel stolz war, bildete – im Gegensatze zu dem von Hérouville für Josepha eingerichteten und von echter Kunst durchwehten Heim – das beste Beispiel, welche Art Luxus ein protziger Emporkömmling bevorzugt: gleisnerischen Pomp!

»Krieg!« sagte Crevel, indem er auf Valerie zuging.

Valerie klingelte nach dem Diener.

»Karl! Holen Sie sofort den Notar Berthier! Bringen Sie ihn womöglich gleich mit! – Liebster, wenn du Erfolg gehabt hättest, dann hätte ich mein Glück gern noch ein wenig hinausgeschoben. Dann hätten wir ein glänzendes Fest gegeben! Nunmehr jedoch, wo sich deine ganze Familie unserer Heirat widersetzt, verlangt es die gute Sitte, daß wir in aller Stille heiraten, zumal da ich Witwe bin!«

»Im Gegenteil! Ich will ein Fest geben, um das man mich in den schönsten Tagen zu Zeiten des hochseligen Louis Quatorze beneidet hätte!« Seit einiger Zeit fand Crevel das ehedem so verehrte achtzehnte Jahrhundert kleinlich.

»Was? ›Ich will!‹ sagt mein geliebtes Schäfchen? Bester, laß mir doch meinen Willen! Heute unterzeichnen wir unseren Ehevertrag, und am Mittwoch heiraten wir. Wir gehen in einfachster Kleidung auf das Standesamt und hinterher zu Fuß in die Kirche, wo wir uns eine Messe lesen lassen. Zu Trauzeugen nehmen wir ein paar geistreiche Leute, Stidmann, Steinbock, Vignon oder so, die sich unauffällig auf dem Standesamte einfinden und uns zuliebe auch die Messe mit anhören. Um neun Uhr setzen wir die Trauung an und um zehn Uhr die Messe. Halb zwölf findet hier im Hause ein Frühstück statt, das wir vor Abend nicht aufheben. Dazu laden wir eine kleine Schar Künstler und witzige Leute ein. Tante Lisbeth natürlich auch! Die muß dabei sein!«

Valerie war so lustig und guter Laune, daß sich Crevel befriedigt sagte:

Eine so kindlich-heitere Frau sollte grundverderbt sein! Das ist ja offenbar Blödsinn!

»Was haben denn deine Kinder eigentlich über mich gesagt?« fragte Valerie nach einer Weile, indem sie sich neben Crevel auf das Sofa setzte. »Gewiß lauter Schändlichkeiten!«

»Sie behaupten«, gab er zur Antwort, »du hättest ein Verhältnis mit Stanislaus. Du, die Tugend selber!«

»Natürlich hab ich ihn lieb, unsern braven Stanislaus!« rief sie aus, stürmte auf den Künstler zu und umarmte ihn. »Der arme Junge! Er hat kein Weib und keinen Mammon! Weißt du, Cölestin! Er ist mein Dichter und mein geliebtes Kind! Muß man denn immer und überall gleich Böses sehen? Kann man denn die Gesellschaft eines Mannes nicht harmlos genießen? Wir armen Frauen haben es recht schwer! Wer hat mich denn übrigens angeschwärzt?«

»Viktor!«

»Der! Du hättest ihm den Juristenschnabel mit den zweihunderttausend Francs seiner unnahbaren Frau Mama verstopfen sollen! Sie sollen sich nur in acht nehmen!« drohte Valerie, indem sie ein böses Gesicht zog. »Entweder empfangen sie mich, und zwar auf das beste, und machen mir allesamt ihren Gegenbesuch – oder sie sollen was erleben! Die Baronin soll noch ehrloser dastehen als ihr Mann! Ich werde endlich auch einmal schlecht!«

Um drei Uhr las der Notar Berthier den Ehevertrag vor, nachdem er vorher eine kurze Konferenz mit Crevel gehabt hatte. Crevel erkannte seiner künftigen Ehefrau folgendes Vermögen zu:

  1. Ein Jahreseinkommen von vierzigtausend Francs aus einzeln bezeichneten Wertpapieren;
  2. das Haus mit der Einrichtung;
  3. drei Millionen in bar.

Dazu machte er ihr alle gesetzlich statthaften Schenkungen und entband sie von jeglicher Buchführung. Für den Fall des Ablebens eines der beiden Gatten, ohne daß Kinder da wären, vermachten sie sich gegenseitig ihr gesamtes Vermögen, Mobilien und Immobilien. Dieser Vertrag setzte Crevels Vermögen auf einen Rest von zwei Millionen Kapital. Für den Fall, daß der zweiten Ehe Kinder entsprossen, wurde Cölestines Erbteil auf fünfhunderttausend Francs festgesetzt. Das war ungefähr der neunte Teil von Crevels Vermögen vor der Wiederverheiratung.

 

Tante Lisbeth trug die Maske der Verzweiflung, als sie zum Mittagstisch in die Rue Louis-le-Grand zurückkam. Sie berichtete eingehend über den Ehevertrag. Viktor wie Cölestine zeigten aber keinerlei Erregung über diese schlimme Nachricht.

»Kinder, warum habt ihr euren Vater gereizt!« jammerte Lisbeth. »Die Valerie brennt darauf, euch einen Besuch zu machen und euren Gegenbesuch zu empfangen!«

»Niemals!« erklärte der junge Hulot.

»Niemals!« wiederholte seine Frau.

»Niemals!« beteuerte Hortense.

Lisbeth spürte das Verlangen, diese stolzen Hulots zu demütigen.

»Mir kommt es so vor«, sagte sie, »als besäße dieses Weib Waffen gegen euch! Genau weiß ich noch nicht, um was es sich handelt, aber ich werde das schon herauskriegen! Sie munkelte etwas von zweihunderttausend Francs, von einer Geschichte zwischen Crevel und Adeline . . .«

Die Baronin sank auf das Sofa, auf dem sie saß, und bekam ihre Nervenzuckungen.

»Tut ihr nur endlich den Gefallen, liebe Kinder!« stammelte sie. »Empfangt sie! Crevel ist ein Mann ohne Ehrgefühl! Gott wird ihn strafen! Sie ist ein Scheusal und weiß alles!«

Nach diesen von Tränen und Schluchzen unterbrochenen Worten fand sie die Kraft, von Cölestine und Hortense gestützt, in ihr Zimmer hinaufzugehen.

»Was soll das bedeuten?« fragte Lisbeth den allein mit ihr zurückgebliebenen Viktor!

Der Anwalt, in hohem Grade erregt, überhörte ihre Frage.

»Lieber Viktor, was ist dir?« erkundigte sie sich.

»Ich bin entsetzt!« gab er zur Antwort. Sein Gesicht hatte einen drohenden Ausdruck angenommen. »Wehe dem, der meine Mutter antastet! Dann kenne ich keine Bedenken mehr! Wenn ich es könnte, vernichtete ich diese Giftschlange. Sie wagt sich an das Leben und die Ehre meiner Mutter!«

»Im Vertrauen unter uns gesagt, lieber Viktor«, begann Lisbeth von neuem, »sie hat gedroht, euch noch tiefer stürzen zu wollen als deinen Vater. Crevel hat tüchtige Vorwürfe bekommen, weil er dich nicht dadurch auf ihre Seite gebracht hätte, daß er dir das Geheimnis offenbart, das Adeline so aufzuregen scheint.«

Der Arzt kam, nach dem man geschickt hatte, da sich der Zustand der Baronin verschlimmerte. Nachdem sie Arznei eingenommen, verfiel sie in tiefen Schlaf. Der Arzt befürchtete geistige Störungen.

 

Durch den Neffen der Frau Nourrisson, den Polizeibeamten, dem Viktor einen Boten sandte, ließ er diese Frau nochmals zu sich bitten. Als er die unheimliche Person in seinem Arbeitszimmer wiederum vor sich hatte, fragte er sie:

»Nun, liebe Frau, wie weit sind wir?«

»Sie haben sich die Sache also überlegt?« meinte sie mit einem spöttischen Blick auf den Anwalt.

»Haben Sie in der Angelegenheit bereits etwas getan?«

»Die Geschichte dürfte fünfzigtausend Francs kosten. Werden Sie das zahlen?«

»Gewiß! Es muß vorgegangen werden! Das Weib wird meiner Familie immer feindseliger!«

»Es ist bereits vorgegangen worden!«

»Und?«

»Also die Kosten schrecken Sie nicht ab?« fragte die Alte nochmals.

»Keineswegs!«

»Die Unkosten, die wir haben, betragen nämlich allein dreiundzwanzigtausend Francs.«

Viktor machte ein einfältiges Gesicht.

»Es gilt zunächst die Kammerjungfer zu bestechen. Sie steht auf sehr vertrautem Fuße mit ihrer Herrin, die vor ihr kaum ein Geheimnis hat . . .«

»Ich verstehe. Bürgen Sie für den Erfolg?«

»Lassen Sie mich nur machen!«

 

Der Marquis Montes von Montejanos war ein Löwe der Gesellschaft; aber er galt als Sonderling. Das fashionable Paris, das Paris des Turfs und der Demimonde bewunderte die extravaganten Moden dieses exotischen Kavaliers, seine Vollblüter, seine Wagen mit Negern als Kutscher und Diener und so weiter. Sein Reichtum war stadtbekannt; er hatte bei dem berühmten Bankhause du Tillet siebenhunderttausend Francs Kredit. Doch sah man ihn stets allein. Zu den Erstaufführungen ging er ins Parkett. In keinem Hause verkehrte er regelmäßig. Mit Damen der Halbwelt zeigte er sich niemals. Sein Name ward auch nie mit dem irgendwelcher hübschen Damen der Gesellschaft zusammen genannt. Im Jockeiklub spielte er hin und wieder aus Langerweile Whist.

Kurz und gut, die böse Welt mußte sich damit begnügen, ihn ohne rechten Anlaß zu verklatschen. Oder man fand seine äußere Erscheinung komisch. Man gab ihm den Spitznamen »Kombabus«.

Eines Abends fand im »Rocher de Cancale«, dem Restaurant, wo ganz Europa dinierte, ein zu Ehren von Mademoiselle Carabine gegebenes Abendessen statt, einer berühmten Halbweltschönheit, der damaligen Geliebten des Bankiers du Tillet. Die Tafel war im prächtigsten Zimmer und auf das verschwenderischste hergerichtet. Eine Flut von Licht tanzte um das kostbare Silbergeschirr.

Fünf Gäste stellten sich gegen sieben Uhr ein, unter ihnen Bixiou und der witzige Leon von Lora, der berühmte Marinemaler, neun andere kamen nach und nach, alles Lebemänner, Künstler, Sterne der Theater- und Halbwelt. Die schöne Carabine – eigentlich hieß sie Seraphine Sinet – machte in ihrer Eigenschaft als maîtresse en titre des Gastgebers die Honneurs. Sie trug eine kostbare Toilette aus irischen Spitzen mit einem Unterkleide aus blauem golddurchwirktem Atlas. Die Spitzen waren allein so viel wert, daß man mit deren Erlös ein ganzes Dorf vier Wochen hätte ernähren können.

Nicht minder kostbar ging Jenny Cadine gekleidet, eine Perlenkette im Werte von hundertzwanzigtausend Francs um den Hals und rote Kamelien in ihrem schwarzen Haar. Jede dieser Demimondänen will wie ein Pferd auf der Rennbahn für ihren Besitzer als erste durchs Ziel gehen. Nur eine einzige zeichnete sich durch eine gewisse Schlichtheit des Auftretens aus; offenbar befand sie sich erst im Anfangsstadium ihrer galanten Laufbahn. Sie trug ein weißes Kaschmirkleid mit blauen Stickereien, dazu Blumen in ihrem wundervoll goldblonden Haar. Inmitten des schreienden Luxus der anderen erschien sie wie die verschämte Bescheidenheit. Sie war aus der Normandie und noch nicht lange nach Paris verpflanzt. Eine ungemein zarte, keusch wirkende Schönheit. Sie hieß Cydalise.

Tillet brachte den Marquis Montes mit, dessen Anwesenheit Carabine besonders gewünscht hatte. Bei Tisch saß sie zwischen ihm und dem Herzog von Hérouville. Cydalise war dem Brasilianer zur Linken gesetzt.

Punkt sieben wurde der erste Gang – Austern – aufgetragen, um neun Uhr der Nachtisch. Alles plauderte laut, wie eben eine kleine Gesellschaft schwatzt, nachdem man insgesamt ein halbes Hundert Flaschen verschiedener Weine getrunken hat. Es war die Auslese der soupierenden Weltstadt. Die Gemüter waren heiter, die Gesichter aber verstandeskühl, wenngleich die Augen schimmerten; nur die Lippen gingen durch, hier zum Witz, dort zur Anekdote oder zum Klatsch. Das allgemeine Tischgespräch, das wie immer in lebemännischem Milieu von den Tagesereignissen, den Börsenumtrieben, den Rennerfolgen und ähnlichem ausgegangen war, begann zu Intimitäten überzugehen. Die Unterhaltung teilte sich in Einzelplaudereien.

Auf der einen Seite der Tafel fing man an, über die Liebe zu reden.

»Berühmte Ärzte sprechen nie von der Medizin«, bemerkte Josepha, »guter Adel nie vom Stammbaum, echte Künstler nie von ihren Werken! Warum sollen wir da von unserem Metier reden? Ich habe mir den Abend, an dem ich eigentlich in der Oper zu singen hatte, nicht freigeben lassen, um zu fachsimpeln! Also, meine Herrschaften, ein anderes Thema!«

»Wir plaudern doch nicht von der Liebe, sondern von der Leidenschaft«, warf ihr gegenüber eine träumerische Beauté ein, »von der Leidenschaft, an der man willenlos zugrunde geht!«

»Das ist was anderes!« meinte die Sängerin spöttisch. »Also von böhmischen Dörfern!«

»Meine Liebe zu dir ist also keine Leidenschaft?« fragte sie der Herzog leise.

»Warum nicht?« meinte die Sängerin lächelnd. »Aber ich liebe dich nicht mit der Liebe, von der da die Rede ist, mit jener Liebe, bei der einem ohne den Geliebten die ganze Welt grau erscheint. Ich habe dich gern. Ich bin dir dankbar, aber du bist mir nicht unersetzlich. Wenn du mich morgen verließest, könnte ich drei für einen Herzog haben!«

»Gibt es in Paris überhaupt die große Liebe?« fragte Leon von Lora. »Um sein Leben der Liebe widmen zu dürfen, muß man reich sein, denn die Liebe vernichtet die Arbeitsfähigkeit. Für einen Liebenden gibt es nichts in der Welt, als die geliebte Frau . . .«

Montes hörte still zu.

»Schön gesagt!« meinte er und sah den Maler liebenswürdig an. »Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr von Lora!« Er nickte ihm zu und schlürfte langsam und pedantisch den Portwein.

»Sie scheinen mir verliebt zu sein?« neckte ihn seine schöne Nachbarin Carabine. Der Maler lachte laut. Der Brasilianer verzog keine Miene. Sein Phlegma reizte die Halbweltdame. Sie wußte, wer die Geliebte ihres wortkargen Nachbars war. Aber seine stumpfsinnige Treue ärgerte sie. Ihre Spottlust regte sich. Diese Marneffe mag ihn ordentlich in ihren Klauen haben! meinte sie bei sich.

Währenddem setzte sich die Plauderei über die Liebe fort. Man stellte allerlei Theorien auf. Nur Josepha langweilte sich.

»Ihr sprecht da von Dingen, von denen ihr gar nichts versteht!« rief sie aus. »Keiner von euch hat je ein Weib wirklich geliebt! Sein ganzes Vermögen einer Frau zuliebe verschwenden, seine eigenen Kinder ruinieren, sich seine eigene Karriere verderben, seine ehrenvolle Vergangenheit schänden, das Zuchthaus streifen, Bruder und Verwandte morden und blind immer weiter an die Abgründe des Lebens rennen . . . wer von euch wäre dazu imstande? Keiner! Ihr habt alle kein Herz! Auch keine hier von uns hat je geliebt: Carabine nicht, Jenny nicht, ich nicht! Aber ich habe das Weltwunder, das ich eben beschrieben habe, einmal im Leben, ein einziges Mal selber gesehen. Ich meine den Baron von Hulot. Und ich sage es laut, weil er verschollen ist und ich ihn suche.«

»Ja«, sagte Bixiou, »und das alles für diese kleine Marneffe, eine gemeine Intrigantin!«

»Sie heiratet demnächst einen Freund von mir«, warf du Tillet ein, »den dicken Crevel . . .«

»Was sie nicht hindert, ein Verhältnis mit einem Freunde von mir, dem Grafen Steinbock, zu haben . . .«, fügte Leon von Lora hinzu.

Das waren drei Pistolenschüsse in des Brasilianers Herz. Er ward leichenblaß; er wollte auffahren, aber es gelang ihm nur, sich mühsam aufzurichten.

»Ihr seid Schufte!« rief er laut über die Tafel. »Wie darf man es wagen, den Namen einer anständigen Dame vor diesen Dirnen hier überhaupt zu nennen! Ihn zur Zielscheibe schlechter Witze zu machen . . .«

Montes wurde durch Bravorufen und Beifallklatschen unterbrochen. Die Künstler hatten damit begonnen.

»Hoch Valerie!«

»Parlamentarisch hat er sich ja nicht gerade ausgedrückt, aber kostbar ist dieser Indianer!« meinte irgend jemand laut.

»Unsern allerseitigen Dank!« scherzte Bixiou.

»Mein heißgeliebter Geschäftsfreund«, meinte du Tillet jovial, »du bist mir auf das beste empfohlen, aber deine Naivität wird mir alle meine andern Kunden vertreiben!«

»Du bist ein ernster Mann«, entgegnete ihm Montes. »Teile mir Genaueres mit!«

»Verehrtester«, lachte der Bankier, »ich habe die Ehre, dir mitzuteilen, daß ich zu Crevels Hochzeit eingeladen bin . . .«

»Es ist nett von unserm lieben Kombabus, daß er die Verteidigung einer abwesenden Frau übernimmt«, sagte Josepha, indem sie feierlich aufstand und theatralisch auf den Brasilianer zuging. Mit dem Ausdrucke spöttischer Bewunderung streichelte sie leise sein Haar und schüttelte dazu den Kopf. »Ich habe gesagt, Hulot sei das einzige Beispiel einer grande passion. Hier haben wir das zweite! Aber eigentlich zählt der Herr Marquis nicht mit. Er kommt aus den Tropen.«

Bei der Berührung durch Josephas Hand sank Montes auf seinen Stuhl zurück. Hilflos sah er dem Bankier ins Gesicht. Dann sagte er:

»Ich bin der Spielball eurer Pariser Witze!« Ein Flammenblick traf die ganze Tafelrunde. Brasiliens Sonne glühte darin. Fast kindlich fuhr er fort: »Ich bitte, erzählt mir alles, verleumdet nur nicht eine Frau, die – ich liebe!«

Carabine flüsterte ihm zu:

»Soll ich Ihnen in einer Stunde in meiner Wohnung den Beweis liefern, daß Sie von Ihrer Geliebten in gemeiner Weise verraten, getäuscht und betrogen werden? Was werden Sie aber dann tun?«

»Das kann ich Ihnen vor all diesen Schwätzern nicht sagen.«

»Dann seien Sie wenigstens still! Machen Sie sich vor den geistreichsten Leuten von Paris nicht lächerlich! Wir werden darüber noch sprechen . . .«

Montes war außer sich.

»Beweise!« stammelte er, »Beweise!«

»Die sollen Sie zur Genüge haben«, erwiderte Carabine.

Er hörte ihr ohne rechten Sinn und Verstand zu. Er lächelte und sah dabei unheimlich aus.

In dem Augenblick trat der Oberkellner zu Carabine. Es wünsche sie jemand von ihren Leuten im Salon nebenan zu sprechen. Sie stand auf und ging hinaus. Frau Nourrisson, verschleiert, wartete ihrer.

»Soll ich in deine Wohnung gehen? Hat er angebissen?«

»Ich glaube, der Blitz hat eingeschlagen.«

 

Eine Stunde später betraten Montes, Cydalise und Carabine die Wohnung der letzteren. Frau Nourrisson saß in einem Lehnstuhl am Kamin eines kleinen Salons.

»Sieh da, da ist ja meine liebe Tante!« rief Carabine aus.

»Ja, mein Kind, ich komme, um mir meine kleine Rente selber zu holen. Mein Herzchen könnte es vergessen, und morgen habe ich ein paar Rechnungen zu bezahlen. Eine Kleiderhändlerin braucht immer Geld. Wen hast du denn da mitgebracht? Der Herr scheint schlechter Laune zu sein.«

Die schreckliche Frau Nourrisson war nicht wiederzuerkennen. Sie sah wirklich wie eine gutmütige Alte aus. Sie stand auf und begrüßte Carabine zärtlich. Carabine war eine der mehr denn hundert Kokotten, die sie im Laufe der Jahre in die große Welt der Sünde eingeführt hatte. –

»Ein Othello, der sich nicht irrt: der Herr Marquis Montes von Montejanos!«

»Oh, ich kenne den Herrn! Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Man nennt Sie Kombabus, weil Sie nur eine einzige lieben. Das bedeutet für Paris: keine! – Herr Marquis, sollte es sich zufällig um Ihr Liebchen handeln, um Frau Marneffe, die künftige Frau Crevel? Glauben Sie mir, preisen Sie Ihr Schicksal und beklagen Sie es nicht! Die Schmeichelkatze hat es faustdick hinter den Ohren. Ich kenne ihre Schliche.«

»Unsinn!« meinte Carabine, der Frau Nourrisson bei der Begrüßung ein Briefchen in die Hand gespielt hatte. »Du kennst die Brasilianer nicht. Das sind Hitzköpfe, die sich am liebsten selber umbringen. Und wenn sie gar eifersüchtig sind, dann schlagen sie alles kurz und klein . . . Ich habe den Herrn hierhergebracht, um ihm die Beweise seiner unglücklichen Liebe zu geben. Die Geschichte mit dem kleinen Steinbock . . .«

Montes war von Sinnen. Er hörte zu, als handle es sich nicht um ihn selbst. Carabine legte ihre Samtmantille ab und las folgenden Brief vor:

»Kerlchen!

Der Dicke ist heute abend bei Popinot zum Diner und will mich gegen elf Uhr in der Oper abholen. Gegen halb sechs gehe ich aus und rechne darauf, Dich in unserm Paradies zu finden. Laß etwas zu essen hinbringen aus der Maison d'or. Ziehe Dich so an, daß Du mich hinterher in die Oper begleiten kannst. Wir werden vier süße Stunden für uns haben. Bringe mir dieses Kärtchen wieder mit! Nicht, daß ich Dir mißtraute, nein, Leben, Gut und Ehre lasse ich gern für Dich. Aber der Zufall spielt einem manchmal merkwürdige Streiche.

Deine Valerie.«

»Marquis, das Liebesbriefchen hat Graf Steinbock heute vormittag bekommen. Das hier ist allerdings nicht das Original, nur ein genaues Faksimile.«

Montes nahm den Brief und drehte ihn hin und her. Er erkannte Valeries Schrift. Ein gesunder Gedanke kam ihm in den Sinn.

»Sagen Sie mir, Verehrteste, was haben Sie für ein Interesse, mir weh zu tun? Die Möglichkeit, die Urschrift des Briefes so lange in den Händen zu haben, um es getreu faksimilieren zu lassen, haben Sie zweifellos teuer erkaufen müssen . . .« Der Brasilianer sah Carabine scharf an.

»Dummchen du«, lachte sie laut auf, »merkst du denn nicht, daß unsere arme Cydalise hier, das sechzehnjährige Kindchen, seit vier Wochen bis über die Ohren in dich verliebt ist? Sie ist ganz trostlos; sie hat auf eurem Feste heute nichts gegessen und getrunken, weil du dich dabei gar nicht ein bißchen um sie gekümmert hast!«

Cydalise hielt ihr Taschentuch vor das Gesicht und schien zu weinen. Carabine fuhr fort: »Sie ist wütend auf Valerie. Am liebsten drehte sie ihr den Hals um . . .«

»Das werde ich schon selber besorgen!« knirschte der Brasilianer.

»Na, na!« meinte Frau Nourrisson. »Das gibt's hierzulande nicht!«

»Ich bin nicht aus diesem Lande. Ich kümmere mich den Teufel um eure Gesetze. Wenn ihr mir die Beweise geben könnt, daß sie . . .«

»Genügt der Brief noch nicht?«

»Nein!« erklärte Montes. »An Geschriebenes glaube ich nicht, Ich muß Tatsachen sehen!«

»Du sollst alles zu sehen bekommen, was du dir nur wünschen kannst«, sagte Carabine, »aber unter einer Bedingung . . .«

»Die wäre?«

»Sieh dir Cydalise an!«

Auf einen Wink von Frau Nourrisson schmachtete Cydalise den Brasilianer verliebt an.

»Willst du sie zur Geliebten haben?« fragte Carabine. »Ein Weib wie sie muß ein hübsches Haus und einen Wagen haben!« fügte die Alte hinzu.

Montes betrachtete das wunderhübsche Geschöpf zum ersten Male näher.

»Können Sie es bewerkstelligen, daß ich Valerie auf frischer Tat ertappe?« fragte er.

»Ja, mit dem Grafen Steinbock! Cydalise wird Ihnen dabei helfen«, entgegnete Frau Nourrisson.

Die verbrecherische Alte hatte längst in ihm das auf Mord gestimmte Instrument erkannt, das sie brauchte. Sie wußte, er war derartig toll, daß er gar nicht merkte, wenn man ihn leitete.

»Cydalise ist eine Nichte von mir«, log sie. »Somit habe ich ein wenig Anteil an ihrem Schicksal . . . Die Sache machen wir in wenigen Minuten. Das Paradies ist nämlich ein möbliertes Zimmer, das Steinbock bei einer meiner Freundinnen gemietet hat. Valerie trinkt daselbst jetzt ihren Kaffee . . . Sagen Sie, was wird das Schicksal meiner lieben Nichte sein? Nehmen Sie sie? Und bezahlen Sie ihr auch ihre Schulden?«

»Lassen Sie mich bitte erst ausreden! Wenn Sie es bewerkstelligen können, daß ich Valerie mit dem Künstler zusammen . . .«

»So wie du mit ihr zusammen sein möchtest!« ergänzte Carabine.

»Ja! Dann nehme ich Cydalise mit . . .«

»Wohin?«

»Nach Brasilien«, antwortete der Marquis. »Sie soll meine Frau sein; aber ich muß sie allein haben . . .«

Cydalise erfaßte seine Hand, die er artig zurückzog.

»Wenn mich Valerie betrügt, wenn sie den Crevel heiratet, wenn ich sie in Steinbocks Armen finde, dann hat sie den Tod verdient Ich werde sie vernichten, wie man einen Wurm zertritt . . .«

»Und die Polizei, Verehrtester?« fragte Frau Nourrisson mit einem Hexenblick, der einen schaudern machte.

»Und das Schwurgericht und alles, was drum und dran hängt?« fügte Carabine hinzu.

»Sie sind ein Narr!« spottete Frau Nourrisson, um hinter die Rachepläne des Brasilianers zu kommen.

»Einerlei! Ich bringe sie um!« wiederholte er kaltblütig. »Glauben Sie, ich wäre so dumm und kaufte Gift hier bei einem Apotheker? Ich habe mir unterwegs vom Restaurant bis hierher überlegt, auf welche Weise ich mich rächen könnte, im Falle, daß Sie gegen Valerie recht behalten. Einer meiner schwarzen Bedienten besitzt ein wirksames impfbares Gift, das eine furchtbare Erkrankung hervorruft, und das Gegengift dazu, das allerdings nur in den Tropen wirkt. Ich werde mich infizieren und Valerie anstecken. Wenn sie dann mit dem Tode kämpft, werde ich mit Ihrer Nichte bereits jenseits der Azoren sein und damit so gut wie geheilt. Ja, wir Wilden haben seltsame Mittel! Liefern Sie mir den Beweis, und ich heirate Ihre Nichte! Wieviel Schulden hat sie?«

»Hunderttausend Francs!« flüsterte Cydalise.

»Wird bezahlt!«

Der Brasilianer schnaubte förmlich vor Wut. Was ihm in die Hand geriet, zerschlug er.

»Verehrter Brasilianer«, sagte Carabine, »der rasende Roland macht sich in einem Epos ganz vorzüglich, im Salon einer Dame wirkt er aber höchst prosaisch und – ein bißchen teuer.«

»Seien Sie nun endlich vernünftig«, redete Frau Nourrisson zu, »und passen Sie auf! Ein Mann, der sich auf Leben und Tod rächen will, benimmt sich anders. Wenn Sie Ihre Vielgeliebte in ihrem Paradiese überrumpeln wollen, müssen Sie mit Cydalise so tun, als kämen Sie infolge eines Versehens des Dienstmädchens in das unrechte Zimmer. Machen Sie aber keinen Skandal! Wenn Sie sich rächen wollen, müssen Sie geschickt Komödie spielen, Verzweiflung markieren, den Betrogenen zur Schau tragen! Verstehen Sie?«

»Ich verstehe!« entgegnete Montes.

»Lebt wohl, Kinder!« sagte Frau Nourrisson, indem sie sich erhob. Sie gab Cydalise ein Zeichen, Montes hinunterzugeleiten. Sie selbst nahm Carabine noch einen Augenblick beiseite.

»Wir haben nur eins zu befürchten: daß dieser Indianer Valerie erwürgt! Dann säßen wir schön in der Patsche! Die Sache muß sich in aller Gemütlichkeit abspielen. Indessen, es wird schon gehen! Und dir werde ich einen Geliebten verschaffen . . .«

»Mir liegt einzig und allein daran«, erwiderte Carabine, »die Josepha auszustechen. Trug diese Erzgaunerin heute Perlen! Meine Seligkeit gäbe ich darum!«

Montes, Frau Nourrisson und Cydalise nahmen eine Droschke und fuhren nach einem dem Kutscher bezeichneten Hause am Boulevard des Italiens. In sieben bis acht Minuten waren sie dort. Der Brasilianer hatte unterwegs seine Selbstbeherrschung leidlich wiedererlangt. Er war gefaßt wie einer, der seinen Bankrott erklärt hat.

Das Paradies von Valerie und Stanislaus hatte wenig Ähnlichkeit mit Crevels Nestchen, das er übrigens an den Grafen Maxime de Trailles verkauft hatte, da er es nunmehr für überflüssig hielt. Dieses Paradies war das Paradies vieler Leute. Es lag im vierten Stock. Das ganze Haus war eine heimliche Liebesherberge. Frau Nourrisson hatte es gemietet und schlug einen erklecklichen Gewinn aus der Wiedervermietung. Kleiderhändlerin war sie nur als Frau Nourrisson Nummer II.

Das an den Grafen Steinbock vermietete Liebesnest war mit dicken Teppichen ausgelegt. Das Bett stand in einem Alkoven. Auf dem Tische sah man die Reste eines kleinen Soupers und zwei Flaschen Sekt in einem Eiskühler. Eine hübsche Kommode, zwei bequeme Lehnstühle und ein Spiegel im Pompadourstil vervollständigten die alles in allem nüchterne Einrichtung. Eine Ampel spendete mattes Licht, das durch die brennenden Kerzen auf dem Tische und auf dem Kaminsimse zwielichtartig verstärkt wurde. In solch einem Raume, der im Monat dreihundert Francs kostete, feierte die illegitime Liebe in Paris um 1840 ihre heimlichen Feste!

In dem Augenblick, wo Cydalise und der Marquis die Treppe hinaufgingen, stand Valerie vor dem Kamin, in dem ein Haufen Knüppelholz glühte, und ließ sich von Stanislaus das Korsett zuschnüren. In diesem Zustande der Toilette sind Frauen, die wie die feingebaute elegante Valerie weder zu stark noch zu mager sind, ganz besonders verführerisch. Das mattschimmernde Fleisch der Büste und der Arme reizt das schläfrigste Auge zum genauen Hinsehen. Das Halbnackte, die sich durch den dünnen Stoff des enganliegenden Unterrockes und des feinen Korsetts deutlich verratenden Linien des Körpers machen eine Frau unwiderstehlich.

Bei Steinbock kam die eigentümliche Anziehungskraft hinzu, die von allem ausgeht, was man verlassen soll. Valeries glückselig lächelndes Gesicht, ihre vor Ungeduld zappelnden Füße, die Hand, die ordnend über das Widerspenstige der flüchtig wiederhergestellten Frisur strich, ihre Augen, aus denen Dankbarkeit und jene verglimmende Glut der befriedigten Sinnlichkeit leuchteten, die ein Gesicht wie das Abendrot überfließt, alles das wirkte stark auf den Künstler. Erfahrene Frauen kennen die Macht eines solchen Augenblicks. Sie ernten dann sozusagen das Grummet der Schäferstunde.

»Schau, Stanislaus«, scherzte Valerie, »du kannst noch immer kein Korsett schnüren! Barbar! Wahrhaftig, da schlägt es zehn Uhr!«

In dem Moment hob ein böswilliger Dienstbote geschickt von außen mit der Klinge eines Messers den Haken aus, auf dem die Sicherheit des Liebespaares beruhte. Die Tür ließ sich nunmehr ohne Hindernis öffnen und führte das pikante Genrebild a la Gavarni vor.

»Bitte, hier, gnädige Frau!« sagte das Dienstmädchen.

Cydalise trat in das Zimmer, Montes nach ihr.

»Aber da ist ja jemand! Verzeihen die Herrschaften!« sagte Cydalise erschrocken.

»Was sehe ich? Das ist ja Valerie!« rief der Marquis und warf die Tür heftig hinter sich zu.

Frau Marneffe war allzu bestürzt, als daß sie sich verstellen konnte. Sie sank in einen Lehnstuhl am Kamin. Tränen traten ihr in die Augen und verschwanden sofort wieder. Sie blickte den Brasilianer an, dann Cydalise, und brach in ein krampfhaftes Lachen aus. Die hochmütige Gebärde der beleidigten Frau ließ ihre Halbnacktheit vergessen. In dem Blick, den sie dem Marquis zuwarf, funkelten Dolche.

»Das also ist Ihre Treue!« rief sie ihm ins Gesicht, indem sie nahe an ihn herantrat und auf Cydalise hindeutete. »Und Sie haben mir einen Schwur geleistet, an den selbst eine Leugnerin der Liebe geglaubt hätte! Sie, für den ich so viel getan, sogar Verbrechen begangen habe! Und doch sind Sie in Ihrem Rechte! Die da ist jünger und schöner als ich! Gegen sie bin ich nichts! Ich weiß wohl, was Sie mir entgegnen werden . . .« Dabei zeigte sie auf Stanislaus, der in Unterhosen dastand. Ihre eigene Untreue war ja nicht zu leugnen. »Das ist mein Trost! Wenn ich Sie noch lieben könnte trotz Ihres gemeinen Verrats – Sie haben mir aufgelauert, haben jede Stufe der Treppe hier hinauf mit Geld erkauft, haben die Wirtin bestochen, das Dienstmädchen, vielleicht auch meine Kammerjungfer! – wenn ich für einen gemeinen Verräter wie Sie noch ein bißchen Zuneigung verspürte, dann könnte ich ihm mein Verhalten auf eine Weise begründen, die seine Liebe zu mir verdoppeln müßte . . . aber ich überlasse Sie, Marquis, Ihrer Eifersucht und Ihrer Reue! – Stanislaus, bitte, mein Kleid!«

Sie nahm es, zog es an, musterte sich im Spiegel und machte sich langsam und sorglich fertig, ohne sich um Montes von Montejanos weiter zu kümmern, durchaus als wäre sie für sich allein.

»Stanislaus, bist du fertig? Geh, bitte, voran!«

Durch einen verstohlenen Seitenblick hatte sie des Brasilianers Miene ausgekundschaftet. Er sah totenbleich aus, und diese Blässe wähnte sie als Anzeichen jener Nachgiebigkeit deuten zu dürfen, die gerade übergesunde Männer angesichts weiblicher Reize so leicht zurückerobern hilft. Sie trat dicht an ihn heran. Er sollte den leisen geliebten Geruch atmen, der schmeichelnd von ihr ausströmte. Sie erfaßte seine Hand und fühlte sein heißes Blut schlagen. Und vorwurfsvoll sagte sie:

»Ich gestatte Ihnen, Ihre Intrige gegen mich Herrn Crevel zu verraten. Er wird Ihnen kein Wort glauben, und übermorgen bin ich seine Frau! Ich werde ihn sehr glücklich machen! Leben Sie wohl! Geben Sie sich Mühe, mich zu vergessen!«

»Valerie!« rief der Brasilianer und zog sie in seine Arme. »Das ist unmöglich! Komm mit mir nach Brasilien!«

Sie schaute ihn leidenschaftlich an, im Glauben, ihren Sklaven wiedergewonnen zu haben.

»Wenn du mich wirklich noch liebst und immerdar lieben wirst, dann werde ich in zwei Jahren deine Frau sein. Aber im Augenblick kommst du mir zu heimtückisch vor . . .«

»Valerie, ich schwöre dir: man hat mich betrunken gemacht. Falsche Freunde haben mir dieses Weib da aufgehalst. Die ganze Überraschung hat der Zufall herbeigeführt. Glaube mir!«

»Vielleicht könnte ich dir verzeihen . . .«

»Und dennoch einen andern heiraten!« rief er in wirklicher Herzensnot laut aus.

»Achtzigtausend Francs Rente sind kein Pappenstiel!« sagte sie brutal aufrichtig. »Und Crevel wird sich an mir bald zu Tode geliebt haben!«

»Ach, ich verstehe!« stöhnte der Verliebte.

»Wir werden uns verständigen!« entgegnete Valerie. Ihres neuen Sieges sicher, schritt sie die Treppe hinab.

Ich werde mir keine Vorwürfe machen! sagte sich der Zurückgebliebene, der wie versteinert dastand. Was bildet sich das Weib ein? Ich werde das Werkzeug des göttlichen Zornes sein!

 

Zwei Tage darauf war Valerie Crevels Frau. Sie hatte das Vergnügen, während der kirchlichen Zeremonie den Marquis Montes zu erblicken. Crevel hatte ihn aus Prahlsucht zur Hochzeitsfeier eingeladen. Seine Anwesenheit beim Dejeuner wunderte niemanden. Man ist an die Feigheit der Leidenschaft und die Transaktionen des Genusses gewöhnt.

Steinbock sah traurig aus. Er begann die zu verachten, die er zu einem himmlischen Wesen erhoben hatte. Man glaubte, zwischen ihm und Valerie sei Schluß.

Vier Wochen nach ihrer Wiederverheiratung war es das zehnte oder zwölfte Mal, daß sie sich mit Stanislaus überwarf. Er hatte von ihr eine Erklärung gefordert, wie sie mit dem Brasilianer stehe. Er hatte ihr gewisse Worte wiederholt, die während der Szene im »Paradies« gefallen waren. Er hatte sie dauernd überwacht, so daß sie keinen Augenblick tun konnte, was sie wollte, und sozusagen zwischen der Eifersucht des Polen und den ehelichen Zärtlichkeiten ihres Mannes eingezäunt war. Das regte sie dermaßen auf, daß sie dem Geliebten einmal das ihm geliehene Geld vorwarf. Steinbock war viel zu stolz, als daß er weiterhin Crevels Haus betrat. Damit hatte Valerie ihren Zweck erreicht; sie wollte den Künstler eine Zeitlang von sich fernhalten und ihre Freiheit wiederhaben. Sie wartete auf eine Reise ihres Mannes nach dem Landgut des Grafen Popinot. Er sollte dort die Einführung seiner Frau in die Gesellschaft vorbereiten. Während seiner Abwesenheit wollte Valerie dem Marquis ein Stelldichein gewähren. Sie wollte den Brasilianer einen vollen Tag für sich haben und ihm das Geständnis machen, das »seine Liebe verdoppeln« sollte.

Am Morgen dieses ersehnten Tages warnte Regina ihre Herrin.

»Die gnädige Frau sind jetzt so glücklich«, sagte sie. »Wozu Aufregungen des Brasilianers wegen? Ich traue ihm nicht.«

»Du hast recht. Ich will ihm den Laufpaß geben.«

»Ach, wie mich das freut, gnädige Frau! Ich habe vor dem Schwarzkopf eine Todesangst. Ich halte ihn zu allem fähig.«

»Dummheit! Er ist in Gefahr, nicht ich!«

In dem Augenblick kam Tante Lisbeth.

»Meine liebe Wildkatze, wir haben uns so furchtbar lange nicht gesehen!« begrüßte Valerie die Freundin. »Weißt du, ich bin recht unglücklich. Crevel ödet mich an. Mit Stanislaus habe ich mich verkracht. Er kommt nicht mehr.«

»Ich weiß es«, unterbrach Lisbeth sie. »Seinetwegen komme ich ja. Viktor ist ihm gestern nachmittag auf der Straße begegnet, gerade als er in ein Groschen-Restaurant eintreten wollte. Er hat ihn bei seinen Gefühlen in Magen und Herz gefaßt und ihn mit in die Rue Louis-le-Grand geschleppt. Beim Anblick des ausgehungerten und verlumpt angezogenen Stanislaus hat Hortense nicht umhin gekonnt, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen . . . Das habe ich dir zu verdanken! Das ist Verrat an mir!«

»Herr Marquis Montes von Montejanos!« meldete der Diener;

»Meine liebe Lisbeth, ich erkläre dir das alles morgen. Jetzt mußt du mich allein lassen!«

Valerie sollte niemals zu dieser Erklärung kommen.

 

Gegen Ende Mai war die Pension des Barons von Hulot durch die von Viktor nach und nach geleisteten Zahlungen an Nucingen wieder völlig frei geworden. Bekanntlich werden Pensionen nur gezahlt, wenn jedes halbe Jahr eine behördlich beglaubigte Bescheinigung beigebracht wird, daß der Pensionsempfänger noch am Leben ist. Da man Hulots Aufenthaltsort nicht kannte, war eine solche Bescheinigung nicht vorhanden, und so verweigerte das Kriegszahlamt die Auszahlung der Pension. Vauvinet hatte seinen Pfändungsantrag zurückgenommen, und so lag es nunmehr auch im materiellen Interesse der Familie, den Aufenthalt des Pensionsempfängers zu ermitteln.

Die Baronin war dank der Sorgfalt des Doktors Bianchon wiederhergestellt. Zu ihrer Genesung hatte folgender Brief Josephas beigetragen.

»Sehr verehrte Frau Baronin!

Herr von Hulot hat vor zwei Monaten in der Rue des Bernardins bei einer gewissen Clodia Chardin, einer Spitzenstopferin, gewohnt. Das war die Nachfolgerin von Olympia Bijou. Aber er hat auch sie wieder verlassen, ohne ihr vorher ein Wort zu sagen, und kein Mensch weiß, wohin er gegangen ist. Einige Sachen hat er bei ihr zurückgelassen. Trotzdem habe ich den Mut nicht sinken lassen und einen Menschen in Dienst genommen, der nach ihm forscht. Dieser Mann behauptet bereits, ihn einmal auf dem Boulevard Bourdon wiedergesehen zu haben. Ich werde mein Ihnen gegebenes Wort halten.

In größter Hochachtung bin ich immerdar

Ihre ganz gehorsamste Dienerin    
Josepha Mira.«

Maître Hulot hatte seit der Hochzeit seines Schwiegervaters nichts von Frau Nourrisson gehört, und da sein Schwager inzwischen wieder in der Familie aufgenommen war, schwand seine Verstimmung über Crevels Wiederverheiratung mehr und mehr. Im glücklichen Gefühl, seine Mutter von Tag zu Tag kräftiger und gesunder zu sehen, überließ er sich gänzlich seiner juristischen und politischen Tätigkeit. In der raschen Strömung des Pariser Lebens wirken Stunden wie Tage.

Eines Abends arbeitete er an einem Bericht für das Abgeordnetenhaus. Er hatte sich vorgenommen, die ganze Nacht zu arbeiten. Es war gegen neun Uhr. Er saß in seinem Arbeitszimmer und wartete, daß der Diener die Lampe hereinbrächte. Eben dachte er an seinen Vater. Er machte sich Vorwürfe, die Forschungen nach ihm in Josephas Händen gelassen zu haben, und nahm sich vor, andern Tags einmal persönlich etwas in der Angelegenheit zu tun. Da bemerkte er vor seinem Fenster im Halbdunkel das gelbe Gesicht eines weißköpfigen alten Mannes. Viktor öffnete das Fenster.

»Geben Sie Befehl, Herr von Hulot, daß man mich zu Ihnen vorläßt! Ich bin ein Einsiedler und komme aus der Wüste mit der Sendung, für den Wiederaufbau eines heiligen Asyls Spenden zu sammeln.«

Diese Erscheinung und ihre Reden riefen Viktor die dunklen Worte der Frau Nourrisson in sein Gedächtnis zurück. Er erschrak heftig.

»Führen Sie den alten Mann da draußen zu mir herein!« befahl er dem Diener, der die Lampe brachte.

»Zu Befehl, Herr Baron! Ich habe es mir nicht getraut. Er kommt, wie er sagt, aus Syrien und hat seitdem sein Gewand nicht abgelegt. Er trägt nicht einmal ein Hemd . . .«

»Bringen Sie ihn herein!« wiederholte Viktor.

Der Greis erschien im Zimmer. Der junge Hulot maß ihn, den angeblichen Einsiedler auf der Pilgerreise, mit einem mißtrauischen Blicke. Der Mann sah verlumpt und zerfetzt aus wie ein neapolitanischer Bettelmönch.

»Was wünschen Sie von mir?«

»Was Sie für Ihre Pflicht halten, mir zu geben!«

Viktor nahm ein Fünffrancsstück aus der Tasche und gab es dem Fremden.

»Als Abschlagssumme auf fünfzigtausend Francs ein bißchen wenig!« bemerkte der Bettler aus der Wüste.

Bei diesen Worten verflog Viktors Ungewißheit.

»Hat der Himmel denn sein Versprechen gehalten?« fragte er ungehalten.

»Zweifel ist Sünde, mein Sohn!« ließ sich der Einsiedler vernehmen. »Aber Sie sind in Ihrem Recht. Sie brauchen erst nach dem Begräbnis zu zahlen! Ich komme in acht Tagen wieder.«

»Begräbnis?« wiederholte Viktor.

»Der Tod hat in Paris schnelle Beine!«

Ehe der nachdenklich gewordene Hulot weitere Worte fand, war der alte Mann aus dem Zimmer geschlüpft.

Wie soll ich das Rätsel verstehen? fragte er sich selbst. In acht Tagen! Woher nimmt die Frau Nourrisson – oder wie sie heißt – solche Komödianten?

 

Am Tage darauf erlaubte Doktor Bianchon der Baronin zum ersten Male, in den Garten zu gehen. Er begleitete sie zusammen mit Hortense, um die Wirkung der freien Luft auf die Rekonvaleszentin nach achtmonatiger Abgeschlossenheit hauptsächlich in Hinsicht auf ihre nervösen Zuckungen zu beobachten. Adelines Nervenleiden interessierte ihn in hohem Grade.

Eben hatte der berühmte Arzt auch Tante Lisbeth genau untersucht, die seit vier Wochen eines Luftröhrenkatarrhs wegen das Zimmer hüten mußte. Er war sich aber über die Tragweite dieser Erkrankung selbst noch nicht klar genug, um darüber sprechen zu können.

»Sie haben ein Leben mit recht viel und recht trauriger Arbeit«, bemerkte die Baronin. »Ich weiß, was es heißt, den ganzen Tag über Elend und körperliche Schmerzen vor sich zu sehen.«

»Gnädige Frau«, entgegnete der Arzt, »ich kenne die Bilder, die zu sehen Sie durch Ihre schöne barmherzige Tätigkeit gezwungen sind. Mit der Zeit werden Sie sich daran gewöhnen, wie wir uns alle daran gewöhnen. Das ist soziale Notwendigkeit. Der Geist, der die menschliche Gemeinschaft zusammenhält, bringt es zuwege. Sehen Sie! Die gründliche Kenntnis der menschlichen Schattenseiten schafft die wahrhaft überlegenen Menschen, die, die alles verstehen und alles verzeihen. Der Soldat, der im Feuer der Schlacht gestanden hat, wird zum guten Menschen. Indem ich diese Folgen an mir beobachte, empfinde ich in meinem Beruf eine Befriedigung, wie sie mancher andern Tätigkeit nicht beschert sein mag.«

»Sie gehen selten Zerstreuungen und Vergnügungen nach?« fragte Hortense.

»Der rechte Arzt ist ein Enthusiast seiner Wissenschaft«, gab Bianchon zur Antwort. »Die Erfahrungen meiner Praxis sind zugleich meine Freuden. Gerade jetzt sehen Sie mich im Genusse einer solchen Gelehrtenfreude, wegen der mich mancher oberflächliche Beobachter für herzlos halten könnte. Morgen will ich der Ärzte-Akademie einen interessanten Fall vortragen. Ich beobachte nämlich zur Zeit eine Krankheit, die man für nicht mehr vorkommend gehalten hat, übrigens eine tödliche Krankheit, zumal in unserm gemäßigten Klima. In den Tropen soll es Mittel dagegen geben. Es ist eine der Seuchen des Mittelalters. Der Kampf des Arztes gegen solch eine Krankheit ist etwas Wundervolles. Seit zehn Tagen denke ich an nichts anderes mehr als an meine beiden Kranken. Es ist ein Ehepaar. Ich glaube, es sind entfernte Verwandte von Ihnen: Herr und Frau Crevel . . .«

»Mein Vater!« rief Cölestine erschrocken aus. »Rue Barbet-de-Jouy?«

»Ganz recht«, erwiderte der Arzt.

»Die Krankheit ist tödlich, sagen Sie? Ich muß sofort zu ihm!«

»Das muß ich Ihnen auf das entschiedenste untersagen, gnädige Frau!« erklärte Bianchon im ruhigsten Ton. »Die Krankheit ist ansteckend!«

»Sie gehen ja auch hin, Herr Doktor!« warf die junge Frau ein. »Sollten die Pflichten der Tochter geringer sein als die des Arztes?«

»Gnädige Frau, ein Arzt weiß sich vor Ansteckung zu schützen. Ihr übereilter Entschluß, sich aufzuopfern, beweist mir, daß Sie meine Vorsichtsmaßregeln nicht einhalten würden.«

Cölestine ging ins Haus, sich zum Ausgehen umzukleiden. Viktor kam in den Garten, um Näheres zu erfragen.

»Herr Doktor«, erkundigte er sich, »haben Sie Hoffnung, Herrn und Frau Crevel zu retten?«

»Hoffnung wohl, aber keinen Glauben«, gab der Arzt zur Antwort. »Die ganze Sache ist mir überhaupt unerklärlich. Diese Krankheit ist bisher nur unter den Negern und gewissen amerikanischen Mischvölkern nachgewiesen, niemals aber an Weißen. Ich wüßte auch gar keine Verbindung zwischen Negern und Mestizen und Herrn und Frau Crevel. So interessant der Fall medizinisch ist, im allgemeinen ist die Krankheit entsetzlich. Die arme Frau, die so hübsch gewesen sein soll, ist für einen Fehltritt furchtbar bestraft worden. Sie ist völlig entstellt. Die Haare sind ihr ausgefallen. Sie sieht wie eine Aussätzige aus und ekelt sich vor sich selber. Eiterungen zerfressen ihr Leib und Glieder.«

»Wie erklärt sich die gräßliche Zerstörung?«

»Eine Art Blutzersetzung«, meinte Bianchon, »die sich rapid entwickelt. Ich lasse eine Blutanalyse machen. Wenn ich nach Hause komme, wird mir mein Freund, der bekannte Chemiker Duval, das Ergebnis mitteilen. Vielleicht finden wir dann ein Gegenmittel. Ich hoffe es noch.«

»Das ist Gottes Hand!« sagte die Baronin tief ergriffen. »Diese Frau hat mir zwar viel Leid angetan, und ich habe in einem halb wahnsinnigen Zustand Gottes Strafe auf ihr Haupt herabgefleht, aber doch möchte ich, daß Sie Erfolg hätten, Herr Doktor!«

Viktor von Hulot taumelte. Abwechselnd sah er auf Mutter, Schwester und Arzt voller Angst, er könne sich verraten. Er kam sich wie ein Mörder vor.

Hortense sprach, von der Gerechtigkeit des Schicksals.

Cölestine erschien und bat ihren Mann, sie zu begleiten.

»Wenn Sie wirklich hingehen wollen, gnädige Frau«, warnte Bianchon, »dann halten Sie sich einen Schritt von den Kranken entfernt. Das ist unbedingt nötig. Vermeiden Sie auf jeden Fall die körperliche Berührung! Und Sie, Herr von Hulot, sehen Sie streng darauf, daß Ihre Frau diese Vorsichtsmaßregeln nicht verletzt.«

Adeline und ihre Tochter blieben zurück und begaben sich in Tante Lisbeths Zimmer. Hortenses Haß gegen Valerie war so heftig, daß sie sich nicht beherrschen konnte.

»Tante, Mutter und ich, wir sind gerächt! Die Giftschlange hat sich selber gebissen!«

»Hortense«, mahnte die Baronin, »das ist nicht christlich! Du solltest vielmehr Gott bitten, daß die Unglückselige ihre Sünden bereue.«

»Was soll das heißen?« fragte Tante Lisbeth, von ihrem Lehnsessel auffahrend. »Sprecht ihr von Valerie?«

»Ja«, erwiderte Adeline, »die Ärzte geben sie auf. Sie stirbt an einer entsetzlichen Krankheit, bei deren bloßer Beschreibung man schon schaudert!«

Lisbeth bekam heftigen Schüttelfrost. Die Zähne schlugen ihr zusammen, und kalter Schweiß überströmte sie. Sie war erschüttert, denn ihre Freundschaft für Valerie war eine tiefe Leidenschaft.

»Ich muß zu ihr!« rief sie.

»Der Arzt hat dir das Ausgehen verboten!«

»Einerlei! Ich besuche sie . . . Der arme Crevel. Wie mag er leiden! Er liebt seine Frau grenzenlos!«

»Er stirbt auch!« erklärte die Gräfin Steinbock. »Alle unsere Feinde sind dem Teufel verfallen!«

»Sie sind in Gottes Hand!« verbesserte Adeline.

Tante Lisbeth machte sich zurecht. Sie nahm ihren berühmten gelben Kaschmirschal um, setzte ihren schwarzen Samthut auf und ging ungeachtet der Einwendungen Adelines und Hortenses wie von einer höheren Macht getrieben.

Sie kam einige Augenblicke später in der Rue Barbet an als Viktor und Cölestine. Sieben Ärzte, die Bianchon hergebeten hatte, waren versammelt, um diesen einzigartigen Krankheitsfall zu studieren. Bianchon selbst war auch bereits da. Alle diese Kapazitäten standen sich in ihren Meinungen einander in zwei Lagern gegenüber. Ein einziger hatte seine Ansicht für sich. Er erklärte die Krankheit für eine künstlich erregte Vergiftung und sprach von Privatrache. Es sei keine mittelalterliche Krankheit. Auch die gemachte Blutanalyse brachte keine Klarheit in die Meinungen.

Lisbeth blieb wie versteinert drei Schritte von Valeries Sterbelager entfernt stehen, an dem eine barmherzige Schwester und ein katholischer Priester saßen. Der üble Geruch war so stark, daß trotz der weitgeöffneten Fenster und der angewandten Räuchermittel niemand imstande war, lange in dem Zimmer zu bleiben – mit Ausnahme des Gottesmannes. Gestank vertreibt keinen Pfaffen.

»Liebe Freundin«, begann Tante Lisbeth, »wenn ich nicht selber krank gewesen wäre, hätte ich dich gepflegt. Seit beinahe drei Wochen muß ich das Zimmer hüten. Heute erst habe ich deinen Zustand erfahren, und sofort bin ich hergeeilt!«

»Arme Lisbeth«, flüsterte Valerie, »ich sehe, du hast mich immer noch lieb. Mit mir geht es zu Ende! Weißt du, ich habe einmal im Scherze zu Crevel gesagt, Gottes Rache käme in der Gestalt jeglichen Unglücks! Ich war eine Prophetin. Ich sage dir, Lisbeth, verharre nicht im Haß!«

»Ich!« entgegnete die Lothringerin trotzig. »Überall in der Natur lebt die Rache. Selbst die da« – sie deutete auf den Priester – »predigen, daß Gott sich räche bis in alle Ewigkeit!«

»Lassen Sie ihr die Gnade der Reue!« mahnte der Geistliche.

»Wie bist du so krank geworden?« forschte die alte Jungfer, die in ihrem bäurischen Heidentum den Geistlichen nicht beachtete.

»Ach, ich habe einen Brief von Heinrich bekommen, der mir keinen Zweifel läßt. Er hat mich gemordet! So muß ich denn sterben, in dem Augenblick, wo ich ein ehrliches Leben beginnen wollte! Geh, meine Liebe! Laß mich allein! Ich will in Gott sterben!«

»Sie redet irre!« murmelte Lisbeth, indem sie sich wegwandte. Die häßlichen Ausdünstungen benahmen ihr den Atem. An der Tür hörte sie, wie im andern Zimmer einer der Ärzte gerade sagte: »Das wird eine prächtige Sezierung: zwei Körper zum Vergleich!«

Bianchon trat an Valerie heran.

»Gnädige Frau«, sagte er, »wir könnten ein Radikalmittel versuchen. Vielleicht werden Sie gerettet . . .«

»Werde ich aber auch wieder hübsch wie ehedem, wenn Sie mich retten?« fragte die Kranke.

»Vielleicht!« entgegnete der Arzt.

»Ihr ›Vielleicht‹ kenne ich! Höchstwahrscheinlich würde ich dann aussehen wie eine, die ins kochende Wasser gefallen ist! Nein, lieber sterbe ich! Ich kann mein Heil nur noch bei Gott finden. Ihm will ich gefallen. Mit ihm will ich mich gut stellen. Das soll meine letzte Koketterie sein. Ich muß zu guter Letzt auch einmal den lieben Gott herumkriegen!«

»An diesem guten Witz erkenne ich meine liebe alte Valerie wieder!« sagte Lisbeth und fing an zu weinen.

Sie hielt es für ihre Pflicht, auch in Crevels Zimmer zu treten. Sie fand daselbst Viktor und Cölestine in einiger Entfernung an seinem Bette sitzen.

»Lisbeth«, sagte Crevel sofort, als er sie bemerkte, »man verheimlicht mir den Zustand meiner Frau. Du warst gewiß gerade bei ihr. Wie geht es ihr?«

»Es geht ihr besser. Sie hat ihr Heil gefunden!« erwiderte Lisbeth. Das Wortspiel sollte Crevel beruhigen.

»Ich möchte sie nicht verlieren!« seufzte der Kranke. »Was sollte aus mir werden, wenn sie mir stürbe! Kinder, ihr wißt gar nicht, wie sehr ich diese Frau liebe!« Er ruckte sich zusammen, als wollte er seine Attitüde annehmen.

»Väterchen«, schmeichelte Cölestine, »wenn ihr beide wieder gesund seid, machen wir dir und meiner Stiefmutter einen offiziellen Besuch. Das verspreche ich dir!«

»Liebstes Cölestinchen«, sagte er gerührt, »komm, gib mir einen Kuß!«

Viktor hielt seine Frau gerade noch im letzten Augenblick zurück.

»Es könnte anstecken!« bemerkte er schonungsvoll.

»Mein Gott, das ist ja wahr!« brummte Crevel. »Die Ärzte haben ja an mir eine vorsintflutliche Krankheit ausbaldowert . . . Drollige Käuze, die Mediziner!«

»Väterchen, nur Mut!« tröstete Cölestine. »Sie werden dich schon wieder gesund machen!«

»Freilich, freilich, Kindchen«, stimmte ihr Crevel kaltblütig zu, »der alte Knochenmann ist nicht so schnell zur Stelle. Er überlegt sich die Sache zweimal, ehe er einen Pariser Bürgermeister am Schlafittchen nimmt.«

»Hast du denn schon mit dem Priester um deine Genesung gebetet?«

»Gott bewahre!« wehrte er ab. »Was soll der Unsinn? Ich bin ein Freigeist! Ich bin ein Kind der Großen Revolution. Die Ideen des Barons Holbach sind mein Evangelium! Die machen einem die Seele stärker als alles Pfaffengeschwätz! Was soll mir das? Montesquieu, Richelieu, Voltaire, Rousseau, Béranger! Zum Teufel, das waren meine Leute im Leben! Und ich bleibe ihnen treu bis in den Tod!«

Der junge Hulot betrachtete seinen Schwiegervater nachdenklich. Dem Pietisten ging es wie eine leise Ahnung auf. Ist fester Glaube, fragte er sich, gleichviel welcher Art, nicht am Ende immer die Quelle wahrer Seelengröße?

Wenige Tage darauf war Frau Crevel unter unerhörten Schmerzen gestorben; achtundvierzig Stunden später folgte ihr Crevel, der später als sie von der Krankheit ergriffen worden war. Durch diese Reihenfolge war Crevel Erbe seiner Frau gewesen; dadurch verlor der Ehevertrag seinen Wert, demzufolge Valerie, im Falle Crevel früher als sie stürbe, als Universalerbin eingesetzt war.

Bereits am Tage nach Crevels Begräbnis stellte sich der geheimnisvolle Bettelmönch wieder ein. Viktor empfing ihn, ohne ein Wort zu sprechen. Ebenso stumm nahm der Fremde die fünfzig Tausendfrancsscheine entgegen, die der Anwalt der in Crevels Schreibtisch vorgefundenen Summe entnommen hatte. Cölestine Hulot war Erbin des Landgutes und einer Jahresrente von dreißigtausend Francs. Valerie hatte dem Baron Hektor von Hulot dreihunderttausend Francs vermacht. Der Enkel des Barons, der kleine Steinbock, erbte das Palais Crevel und achtzigtausend Francs Rente. Frau Crevel hatte eine Anzahl kirchlicher und gemeinnütziger Legate ausgesetzt.

 

Als die Baronin wieder ganz hergestellt war, nahm sie ihre barmherzige Tätigkeit von neuem auf. Einer ihrer ersten Ausgänge führte sie in das unheimliche, damals noch stehende Stadtviertel Petite-Pologne, das zwischen der Rue du Rocher, der Rue de la Pépinière und der Rue Miroménil lag. In der ärmlichen und gefährlichen Gegend wohnten damals – im Juni 1844 – die letzten öffentlichen Schreiber, die es in Paris gab. Es war das ein Beweis, daß das Viertel zahlreiche Analphabeten barg, mithin eine Heimstätte von Elend, Laster und Verbrechertum war.

Während der Krankheit der Baronin hatte sich hier in der düstern Passage du Soleil ein neuer Schreiber niedergelassen, angeblich ein Deutscher, Wieder mit Namen. Er lebte in wilder Ehe mit einem jungen Mädchen, auf das er dermaßen eifersüchtig war, daß er es nur mit einer einzigen Familie verkehren ließ, der eines Ofensetzers. In Paris waren seit Jahrzehnten alle Ofensetzer Italiener; so auch dieser, dessen Familie durch die Baronin vor dem unvermeidlichen Untergang – auf Rechnung des Wohltätigkeitsvereins – gerettet worden war. Wenige Monate nach der unerwartet gekommenen Hilfe aus der Not erfreute sich der Ofensetzer bereits eines gewissen Wohlstandes dank der den italienischen Arbeitern eigenen Beharrlichkeit.

Einen ihrer ersten Besuche widmete die Baronin dieser Familie, die in der Rue Saint-Lazare, nahe der Rue du Rocher, wohnte. Man empfing sie, als sei sie die Madonna, und zeigte ihr zu ihrer Freude die inzwischen eingetretenen glücklichen Veränderungen im Laden, in der Werkstatt und der jetzt recht nett aussehenden Wohnung. Nachdem sich Adeline nach dem Geschäftsgang und dem Familienleben erkundigt hatte, benutzte sie wie überall die Gelegenheit, nach Hilfsbedürftigen, Unglücklichen und Kranken zu forschen, die den Leuten zufällig bekannt wären.

»Ja, Madame«, sagte die Italienerin, »es gibt da immer irgendwo zu helfen. Ganz nahe von uns wohnt zum Beispiel ein junges Mädchen, das man wirklich aus dem Elend retten sollte . . .«

»Kennen Sie das Mädchen näher?« fragte die Baronin.

»Es ist die Enkelin von dem ehemaligen Meister meines Mannes. Der war nach der Revolution, so um 1798, nach Frankreich gekommen. Judici hieß er. Er war einer der ersten Ofensetzer hier in Paris. 1819 ist er gestorben und hat seinem Sohne ein hübsches Vermögen hinterlassen. Aber der junge Judici hat all sein Geld mit liederlichen Frauenzimmern durchgebracht, und die allerliederlichste, die hat er schließlich geheiratet. Von der stammt das Mädel. Fünfzehn Jahre ist es alt . . .«

»Und wieso geht es dem Mädchen schlecht?« fragte die Baronin. Die Charakterähnlichkeit jenes Italieners mit ihrem Manne ergriff sie in eigentümlicher Weise.

»Das ist so, gnädige Frau: Die Kleine – Itala heißt sie – ist ihren Eltern weggelaufen und lebt nun bei einem alten Manne, einem Deutschen, der mindestens seine achtzig Jahre alt ist. Er nennt sich Wieder. Er ist Schreiber und besorgt den Leuten, die nicht schreiben und lesen können, alles mögliche. Man munkelt, der verliebte Alte habe das Mädchen der Mutter für ein paar hundert Taler abgekauft. Der Alte soll Geld haben. Wenn er da wenigstens das arme junge Ding heiratete! Lange leben wird er kaum noch. Dann hätte aber die Kleine – und sie ist wirklich ein gutes Geschöpf! – wenigstens etwas. So, wie es jetzt ist, geht sie rettungslos zugrunde . . .«

»Ich danke Ihnen für Ihren Hinweis auf ein gutes Werk!« sagte die Baronin. »Ich glaube, hier muß vorsichtig gehandelt werden. Wissen Sie sonst noch etwas über den alten Mann?«

»Er ist ein ganz rechtschaffener Mensch«, erwiderte die Italienerin, »und die Kleine hat es soweit bei ihm ganz gut. Er ist ein gescheiter Mann. Ich glaube, wenn er sie nicht aus den Klauen ihrer Mutter genommen hätte, dann wäre sie von der zu so einer . . . gemacht worden. Sie verstehen? Die Kleine kommt öfters zu uns . . .«

»Könnten Sie sie mir nicht holen lassen? Ich möchte sie gern einmal sprechen und sehen, ob ihr zu helfen ist.«

Die Ofensetzersfrau gab ihrer ältesten Tochter ein Zeichen. Diese eilte sogleich fort. Eine Viertelstunde später kam sie zurück, an der Hand ein junges etwa fünfzehnjähriges Mädchen von echt italienischer Schönheit.

Durch die Ofensetzerstochter auf die große Dame vorbereitet, von der sie schon hatte reden hören, hatte Itala schnell ein hübsches seidenes Kleid und feine Halbstiefelchen angezogen und einen netten Hut mit kirschrotem Band aufgesetzt, der ihr sehr gut zu Gesicht stand.

Die Baronin blickte die Kleine prüfend an, die in kindlich-neugieriger Haltung vor ihr stand.

»Wie heißt du, liebes Kind?«

»Itala, gnädige Frau.«

»Kannst du lesen und schreiben?«

»Nein, gnädige Frau. Ich brauche es auch gar nicht. Der Meister kann es ja.«

»Gehst du in die Kirche?«

»Nein. Mutter wollte es nicht.«

»Deine Mutter?«

»Ja. Sie hat mich immer geschlagen. Ich weiß nicht warum. Vater und Mutter zankten sich alle Tage.«

»So hat man dir auch nie vom lieben Gott erzählt?«

Die Kleine machte große Augen. Dann sagte sie naiv:

»Doch! Vater und Mutter sagten manchmal: »Gotts Donnerwetter! Gott verflucht noch mal! Gottstrambach!« Meinen Sie das, gnädige Frau?«

»Hast du nie Verlangen empfunden, in eine Kirche einzutreten?«

»Die Notre-Dame, die kenne ich von weitem. Aber hier in unserem Viertel gibt es keine.«

»Sage mir: wußtest du nicht, daß es Sünde ist, wenn man Vater und Mutter verläßt, um mit einem alten Manne zusammen zu leben?« fragte die Baronin weiter.

Itala zog ein hochmütiges Gesicht und antwortete nichts.

»Das Mädchen ist ja ganz verwildert!« bemerkte Adeline zu der Italienerin.

»Ach, gnädige Frau«, meinte die, »solche gibt es hier in der Gegend viele.«

»Sie weiß und kennt ja gar nichts!« klagte die Baronin. »Warum gibst du mir denn keine Antwort, Itala?« Sie wollte sie an der Hand fassen, aber die Kleine wich unwillig einen Schritt zurück.

»Sie sind komisch!« sagte sie. »Meine Eltern hatten Schlechtes mit mir vor. Da hat Herr Wieder meinem Vater alle Schulden bezahlt und meiner Mutter einen Beutel Geld gegeben. Sehr viel Geld! Und dann hat er mich mitgenommen. Vater weinte. Aber es half nichts. Wir mußten scheiden . . . Warum ist das Sünde?«

»Hast du denn den alten Herrn lieb?«

»Ob ich ihn liebhabe? Ich denke doch, gnädige Frau! Er erzählt mir jeden Abend schöne Geschichten. Und hübsche Kleider hat er mir geschenkt, Wäsche und einen Schal. Ich gehe wie eine Prinzessin angezogen. Holzpantoffeln trage ich auch nicht mehr. Und die Hauptsache, seit acht Wochen habe ich nie mehr Hunger gehabt. Ich bekomme von Herrn Wieder Bonbons und Schokolade. Das schmeckt großartig. Für eine Tüte Pralinés tue ich alles, was er will. Darum ist mein liebes Väterchen auch riesig gut mit mir. Er verhätschelt mich. Ich weiß jetzt, wie Mutter mit mir hätte sein müssen! Zu meiner Unterstützung will er eine alte Aufwartung halten. Ich soll nicht mehr kochen und mir die Hände schmutzig machen. Seit vier Wochen beginnt er, viel Geld zu verdienen. Jeden Abend gibt er mir drei Francs für meine Sparbüchse. Nur ausgehen darf ich nicht, ausgenommen hierher. Er ist ein herzlieber Mensch, und so kann er mit mir machen, was er will. Er nennt mich nur noch seine kleine Maus. Meine Mutter nannte mich immer Rabenaas!«

»Da willst du den Alten wohl zum Manne haben?«

»Das ist er doch längst!« Sie blickte die Baronin hochmütig an, ohne im geringsten verlegen zu werden. »Er nennt mich auch sein Frauchen. Es ist ein bißchen langweilig, die Frau eines Mannes zu sein. Das heißt, die Bonbons . . .«

»Mein Gott«, sagte die Baronin, »es ist eine Gemeinheit, diese kleine Unschuld zu mißbrauchen! Wenn ich sie auf den rechten Pfad zurückbringe, mache ich damit viel Schlechtes wieder gut . . . Ich, ich wußte, was ich damals tat!« und sie gedachte ihres Erlebnisses mit Crevel. »Die hier weiß es nicht!«

»Sind Sie reich?« fragte Itala unvermittelt.

»Ja und nein!« gab die Baronin zur Antwort. »Für kleine Mädchen wie du bin ich es, wenn sie wieder brav und artig werden . . .«

»Wieder brav und artig? Wie kann ich das?«

»Du müßtest deinen alten Mann heiraten.«

»Heiraten?«

Sie lachte spöttisch.

»Du mußt ihm treu bleiben bis in den Tod!«

»Das wird nicht lange dauern. Sie wissen gar nicht, wie Vater Wieder hustet und keucht . . .« Sie machte den alten Mann nach.

»Sitte und Anstand erheischen es, daß ihr euch kirchlich und standesamtlich trauen laßt. Willst du das?«

»Vielleicht ist es dann amüsanter!« meinte die Kleine.

»Du wirst glücklicher sein!« erklärte die Baronin. »Weißt du nicht, daß die in das Paradies kommen, die der Kirche Gebote befolgen?«

»Was gibt es im Paradies?«

»Alle Freuden, die du dir nur ausdenken kannst! Da gibt es Engel mit großen weißen Flügeln, und Gott ist da in aller seiner Herrlichkeit, und aller Herzen sind selig bis in alle Ewigkeit!«

Itala hörte ihr wie einer Musik zu. Sie verstand nichts von alledem und nahm sich insgeheim vor, den alten Wieder darüber zu befragen.

»So, jetzt geh nach Hause, Kindchen! Ich werde einmal mit Vater Wieder reden. Ist er Franzose?«

»Elsässer, gnädige Frau! Später, wenn Vater Wieder seine Schulden bezahlt hat und seine sechstausend Francs im Jahre wieder hat, will er mit mir auf das Land ziehen, weit weg, nach den Vogesen!«

Itala ging. Der Name »Vogesen« lockte Adeline Tränen in die Augen. Sie sah im Geist ihr trautes Heimatdorf. Aus dieser schmerzlichen Erinnerung riß sie der Ofensetzer, der nach Hause gekommen war.

»Gnädige Frau«, sagte er freudig zu ihr, »so Gott will, gebe ich Ihnen in einem Jahre Ihr Geld zurück! Wie bin ich Ihnen dankbar! Ich möchte Ihnen eines Tages auch einmal helfen!«

»Das können Sie heute bereits, wenn Sie mir bei einem guten Werke beistehen! Ich habe eben die kleine Itala Judici gesehen, die bei dem alten Manne lebt. Ich möchte etwas für sie tun.«

»Beim Vater Wieder! Hm! Ein guter alter Mann! Seit er hier im Viertel wohnt, hat er sich manchen Freund erworben. Mir schreibt er die Rechnungen aus. Mir will es so vorkommen, als sei er Offizier unter dem Kaiser gewesen. Er liebt den Kaiser so sehr! Einen Orden von ihm besitzt er auch, aber er trägt ihn nicht eher, als bis er sich wieder hinaufgearbeitet hat. Er hat nämlich Schulden, der arme Mann!«

»Wollen Sie mich zu ihm hinführen?«

»Gern, gnädige Frau. Er wohnt keine hundert Schritt von hier, in der Passage du Soleil!«

Sie machten sich beide auf den Weg dahin. Vor dem Tor eines alten Hauses blieb der Ofensetzer stehen.

»Hier wohnt er!«

Der Blick der Baronin fiel auf ein Schild an der Tür eines kleinen Ladens:

SCHREIBSTUBE
Hier werden Gesuche abgefaßt
und Reinschriften gemacht
Schnell und diskret!

Sie traten in das enge Lädchen ein, von dem eine Innentreppe offenbar in den Zwischenstock hinaufführte. Die Baronin musterte flüchtig die ärmliche Kanzleieinrichtung. Sie erblickte nichts als einen einfachen Schreibtisch, dessen gescheuertes Holz schwarz geworden war, einen alten Lehnstuhl und zwei Stühle. Vor dem Ladenfenster stand ein Vorsetzer aus grünem Taft.

»Er ist oben!« meinte der Ofensetzer. »Ich will ihn herunterholen, gnädige Frau!«

Die Baronin zog ihren Schleier übers Gesicht und setzte sich auf einen Stuhl. Schwere Schritte erschütterten die Holztreppe. Sie wandte den Blick hin und war nahe daran, einen lauten Schrei auszustoßen, als sie ihren Mann auf sich zukommen sah: den Baron Hulot in einem abgetragenen grauen Anzug und in Pantoffeln.

»Was wünscht die gnädige Frau?« fragte er in geschäftlicher Höflichkeit.

Adeline fuhr auf, erfaßte Hulots Hand und sagte mit vor Erregung gebrochener Stimme:

»Hektor, habe ich dich endlich wieder!«

»Adeline!« rief der Baron bestürzt aus und schloß sofort die Ladentür innen ab. – »Joseph«, sagte er dann zu dem Italiener, der hinter ihm die Treppe herabkam, »wenn Sie weggehen, gehen Sie hinten hinaus!«

»Mein geliebter Freund«, sagte Adeline, im Übermaß ihrer Freude alles vergessend, »komm zu den Deinen zurück! Wir sind wieder reich! Dein Sohn hat viel geerbt, und auch deine Pension ist frei! Valerie ist gestorben und hat dir dreihunderttausend Francs vermacht. Somit hast du keine Sorgen mehr. Und auch in der Gesellschaft wird man dich überall gern sehen. Komm! Nichts wird unserm Glücke fehlen! Seit drei Jahren suche ich dich, und ich wußte genau, daß ich dich eines Tages finden würde. Ich habe dir sogar deine Zimmer bereitgehalten. Komm mit!«

»Ich möchte schon«, entgegnete der Baron. »Was soll aber aus meiner kleinen Freundin werden?«

»Verzichte auf sie! Bringe mir das Opfer! Ich verspreche dir, für die Kleine genügend zu sorgen. Ich werde sie unterrichten lassen und ihr dann eine Mitgift geben, damit sie einen guten Menschen heiraten kann. Dann wird wenigstens eine von denen glücklich, die dich glücklich gemacht haben!«

»Warte einen Augenblick! Ich will mich oben umziehen. Ich habe anständige Sachen in meinem Koffer.«

Als Adeline allein war, brach sie angesichts der elenden Umgebung in Tränen aus.

Hier hat er sein Dasein fristen müssen, während wir längst im Überfluß leben! Der Ärmste! Er, der einst der Eleganteste war! Wie schwer ist er gestraft worden!

Der Italiener erschien, um sich der Baronin zu empfehlen.

»Besorgen Sie mir, bitte, eine Droschke!«

Als er mit dem Wagen zurückkam, sagte sie zu ihm:

»Wollen Sie die kleine Judici in Ihre Familie aufnehmen? Sie sollen monatlich hundertzwanzig Francs Kostgeld bekommen. Wenn sich ein anständiger Mann für sie findet, will ich ihr eine Aussteuer und ein paar tausend Taler Mitgift schenken.«

»Mein ältester Junge schwärmt für Itala.«

»Wir werden darüber noch sprechen.«

Der Baron kam die Treppe herunter. Er sah verweint aus.

»Die Kleine will nicht von mir lassen!«

»Sei unbesorgt, Hektor! Ich habe sie bereits bei guten Leuten untergebracht. Es wird sich alles machen.«

»Dann will ich mit dir gehen, Adeline!« sagte er und geleitete seine Frau an den Wagen.

Hektor, jetzt wieder der Baron von Ervy, trug einen Anzug aus blauem Tuch, eine weiße Weste, eine schwarze Krawatte und Handschuhe. Als sich die beiden in den Wagen gesetzt hatten, huschte mit einem Male Itala hinein.

»Ach, gnädige Frau, nehmen Sie mich mit! Ich will artig und folgsam sein und alles tun, was Sie befehlen. Nur trennen Sie mich nicht vom Vater Wieder, meinem Wohltäter, der mir so hübsche Sachen schenkt! Man wird mich schlagen . . .«

»Geh, Itala!« unterbrach sie Hulot. »Diese Dame ist meine Frau. Wir müssen uns trennen!«

»Die! Die Alte! Sie zittert ja wie Espenlaub! Und was sie für ein Gesicht schneidet!«

Übermütig machte sie das nervöse Zucken der Baronin nach. Der Italiener, der Itala nachgelaufen war, trat an den Wagenschlag.

»Nehmen Sie sie fort! Ich komme morgen zu Ihnen«, sagte die Baronin.

Der Ofensetzer nahm Itala am Arm und führte sie mit Gewalt ins Haus.

»Ich danke dir für dieses Opfer, Bester!« sagte Adeline, indem sie Hektors Hand zärtlich streichelte. »Wie du dich verändert hast! Was magst du gelitten haben! Viktor und Hortense werden sehr überrascht sein.«

So recht wie eine Liebende, die den Geliebten nach langer Trennung wiedersieht, sprach Adeline von tausend Dingen auf einmal . . .

In der Rue Louis-le-Grand angelangt, fand die Baronin folgenden Brief vor:

»Verehrte Frau Baronin!

Herr Baron von Ervy hat vier Wochen lang unter dem Namen Thorec – das ist eine Umstellung von Hektor! – in der Rue de Charonne gewohnt. Jetzt ist er in der Passage du Soleil unter dem Namen Wieder zu finden. Er gibt sich für einen Elsässer aus, macht Schreibarbeiten und lebt mit einem jungen Mädchen zusammen namens Itala Judici. Seien Sie vorsichtig, gnädige Frau! Der Baron wird nämlich heftig gesucht! Warum, weiß ich nicht.

Ich habe mein Wort gehalten und verbleibe

Ihre ganz gehorsamste Dienerin    
J. M.«

Die Rückkehr des Barons erregte die größte Freude in der ganzen Familie. Er selber fühlte sich bald wieder heimisch und vergaß die kleine Itala. Die Stürme der Leidenschaft hatten ihn schließlich untreu und unbeständig, wie es Kinder sind, gemacht. Auch sonst hatte er sich gewaltig verändert. Verhältnismäßig kräftig war er von den Seinen gegangen, und fast wie ein Hundertjähriger kam er wieder: gebrochen, abgemagert, gebeugt, vernachlässigt.

Cölestine hatte aus dem Stegreif ein Festmahl bereiten lassen.

»Ihr feiert die Rückkehr des verlorenen Vaters!« bemerkte Hulot leise zu seiner Frau.

»Still! Es ist alles vergessen!« mahnte Adeline.

»Wo ist Tante Lisbeth?«

»Sie liegt im Bett!« berichtete Hortense. »Sie wird nicht wieder aufstehen, und wir werden bald um sie trauern müssen. Sie hofft, dich nach Tisch bei sich zu sehen.«

 

Am nächsten Morgen frühzeitig wurde Viktor von Hulot von seinem Hausmeister in Kenntnis gesetzt, daß ein Gerichtsvollzieher und ein Stadtgendarm den Baron suchten. Man präsentierte dem jungen Hulot eine Vollstreckungsurkunde und fragte ihn, ob er für seinen Vater zahlen wolle. Es handelte sich um einen Wechsel von zehntausend Francs, die irgendein Wucherer ausgeklagt hatte. Wahrscheinlich hatte der Baron höchstens zwei- bis dreitausend Francs bar erhalten. Viktor ersuchte den Gerichtsvollzieher, den Gendarmen wegzuschicken, und bezahlte.

Ob das auch alles sei, fragte er sich besorgt.

Lisbeth, die sich über jedes der Familie widerfahrene Glück aufregte, vermochte das freudige Ereignis der Rückkehr nicht zu ertragen. Ihr Zustand verschlimmerte sich derartig, daß ihr der Doktor Bianchon nur noch acht Tage Frist gab. So unterlag sie schließlich nach einem langen Kampfe, der ihr vordem manchen Sieg gebracht hatte. Das Geheimnis ihres wilden Hasses aber bewahrte sie durch den furchtbaren Todeskampf der Lungenschwindsucht hindurch bis in den Tod. Dafür hatte sie die fragwürdige Genugtuung, Adeline, Hortense, Hektor, Viktor, Stanislaus, Cölestine und die Kinder weinend um ihr Sterbebett versammelt zu sehen. Man beklagte den Schutzengel der Familie.

Der Baron war infolge der ihm verordneten kräftigen Ernährung, die er in den letzten drei Jahren entbehrt hatte, zu neuen Kräften gekommen. Er sah fast wieder aus wie ehedem. Diese Wiederherstellung beglückte Adeline außerordentlich. Auch ihre nervösen Zuckungen ließen etwas nach.

»Sie wird am Ende wieder glücklich!« stöhnte Lisbeth bei sich am Tage vor ihrem Tode, als sie wahrnahm, wie verehrungsvoll Hulot seine Frau behandelte. Viktor und Hortense hatten ihm erzählt, wie sehr Adeline gelitten hatte. Die bittere Empfindung darüber beschleunigte Tante Lisbeths Ende.

 

Viktor setzte seiner Schwester aus dem Familiengut ein Jahrgeld von zwölftausend Francs aus. Stanislaus blieb ihr fortan treu, aber er führte das Dasein eines Nichtstuers und brachte nicht das kleinste Werk mehr zustande. Der unproduktive Künstler begnügte sich mit seinen Salonerfolgen. Er verstand es, wundervoller denn je über die Künste zu plaudern, und man hielt auf sein Urteil.

Allgemein gab man sich der Hoffnung hin, daß der Baron sein galantes Leben abgeschlossen habe. In der Tat schien er auf das schöne Geschlecht zu verzichten. Alt genug war er. Um so mehr genoß man seine liebenswürdigen, bestrickenden Eigenschaften. Er war voll Aufmerksamkeiten gegen seine Frau und seine Kinder, begleitete sie ins Theater und in die Gesellschaften und empfing im Hause seines Sohnes die Gäste mit erlesener Urbanität. Mit einem Worte, das verlorene und wiedergewonnene Familienoberhaupt bereitete den Seinen die größte Befriedigung. Er erschien als feiner alter Herr, körperlich nicht mehr auf der Höhe, geistig jedoch frisch. Von seinem Vorleben hatte er nur die geselligen Elemente beibehalten. Man hob ihn in der ganzen Familie in den Himmel und vergaß den Tod zweier Onkel. Das Leben ist eine Kette von Vergessenheiten.

 

Zu Beginn des Dezembers 1845 nahm Cölestine zur Unterstützung des Kochs ein neues Küchenmädchen in ihre Dienste, eine derbe Person aus der Normandie, aus Isigny, ein kleines stämmiges Ding mit dicken roten Armen und einem gewöhnlichen Gesicht. Sie war erzdumm und hatte die Körperfülle einer Amme. Es sah aus, als ob ihr strammer Busen die Kattunbluse zersprengen wollte.

Man achtete im Hause natürlicherweise gar nicht weiter auf den Einzug des ländlichen Geschöpfes. Agathe hieß sie. Selbst der Koch fand keinen Gefallen an ihr; sie war ihm in ihrer bäuerlichen Ausdrucksweise zu roh. Er verachtete sie. Übrigens hatte er eine Liebelei mit Luise, der Kammerjungfer der Gräfin Steinbock.

Einmal nachts wachte Adeline durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Da bemerkte sie, daß Hektor nicht in seinem Bette war, das neben dem ihren stand. Nachdem sie eine ganze Stunde auf sein Wiederkommen gewartet hatte, begann sie sich zu ängstigen. Es konnte ihm ja ein Schlaganfall oder ein Unglück widerfahren sein. Sie stand auf und stieg nach den Bodenkammern hinauf, wo die Dienstboten schliefen. Aus der nur angelehnten Kammer Agathes drang ihr Licht entgegen. Als sie näher kam, vernahm sie das Gemurmel zweier Stimmen. Entsetzt erkannte sie die Stimme ihres Mannes. Um den wohlbedachten Widerstand des garstigen Weibsbildes zu brechen, vergaß sich der von den Reizen Agathes entflammte Greis so weit, daß er gerade sagte:

»Agathe, meine Frau wird nicht mehr lange leben. Wenn du willst, kannst du dann Baronin werden!«

Adeline schrie laut auf, ließ den Leuchter fallen und entfloh.

Drei Tage darauf kam ihr letztes Stündlein. Unmittelbar vor ihrem Verscheiden faßte sie die Hand ihres Mannes, drückte sie noch einmal und flüsterte ihm leise zu:

»Mein Lieber, ich gebe dir das Letzte, mein Leben. Einen Augenblick noch, und du bist frei. Dann kannst du eine andere zur Baronin Hulot machen!«

Man sah, was bei Sterbenden selten ist, Tränen in ihren Augen. Die Grausamkeit der Sinnenlust hatte die Geduld eines Engels vernichtet. Am Rande des ewigen Nichts entschlüpfte der demütigen Frau das erste und einzige vorwurfsvolle Wort ihres ganzen Ehelebens.

Drei Tage nach ihrer Beerdigung verließ der Baron Hulot Paris, und etwa ein Jahr später erfuhr Viktor zufällig, daß sein Vater am 1. Februar 1846 in Isigny Fräulein Agathe Piquetard geheiratet hatte.

 


 


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