Honoré de Balzac
Tante Lisbeth
Honoré de Balzac

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Stanislaus kam gegen ein Uhr nachts nach Hause. Seit etwa halb zehn erwartete ihn Hortense. Von halb zehn bis zehn lauschte sie auf das Rollen der Wagen. Wenn er bei Chanor & Florent zu Tisch war, kam er nie so spät heim. Sie nähte neben der Wiege ihres Söhnchens. Seit kurzem sparte sie die Näherin, indem sie gewisse Ausbessereien selber machte. Von zehn bis halb elf Uhr hing sie argwöhnischen Vermutungen nach. Sie fragte sich:

Ist er denn wirklich, wie er mir gesagt hat, bei Chanor & Florent zum Diner? Er hat beim Ankleiden nach seiner feinsten Krawatte und nach seiner schönsten Krawattennadel verlangt. Er hat zu seiner Toilette genauso viel Zeit verwendet wie eine Frau, die schöner erscheinen will, als sie ist . . . Ich bin wahnsinnig! Er liebt mich doch! Da kommt er übrigens!

Aber der Wagen, den die junge Frau gehört hatte, rollte vorüber, statt zu halten. Von elf Uhr bis Mitternacht hatte sie unerhörte Angstanfälle, verursacht durch die Einsamkeit ihrer Wohnung.

Wenn er zu Fuß gegangen ist, sagte sie sich, kann ihm irgendein Unfall zugestoßen sein! Künstler sind so unaufmerksam. Oder Gauner haben ihn festgehalten . . . Das ist das erstemal, daß er mich sechseinhalb Stunden lang hier allein läßt! Warum quäle ich mich? Er liebt doch nur mich!

Die Männer sollten Frauen, von denen sie geliebt werden, treu bleiben, und wäre es auch nur ob der unaufhörlichen Wunder, die in der erhabenen Welt der Seelen durch die Liebe vollbracht werden. Die Liebe bringt das Nervensystem einer Frau in einen visionären Zustand. Eine Frau, die sich verraten glaubt, hört nicht mehr auf sich selbst. Sie zweifelt und liebt. Sie leugnet ihre eigene Zauberkraft. Dieses Überirdische an der Liebe verdient Verehrung, und dem höheren Menschen wird die Bewunderung der göttlichen Erscheinung immer zu einer Art Schranke, die ihn von der Untreue abhält. Man muß ein schönes kluges Wesen anbeten, wenn es eine solche wunderbare Seele zeigt.

Ein Uhr nachts erkannte Hortense, auf dem Höhepunkt ihrer Ängste, an der Art des Klingelns, daß es Stanislaus war. Sie sank ihm in die Arme.

»Endlich bist du da!« rief sie aus, als sie wieder sprechen konnte. »Fortan werde ich überallhin mitgehen, wo du hingehst. Ein zweites Mal will ich die Folter des Wartens nicht erdulden. Ich habe dich im Geiste verunglückt, gemordet gesehen! Ein zweites Mal würde ich wahnsinnig werden. Ich fühle es . . . Hast du dich denn gut amüsiert? Ohne mich? Du böser Mann!«

»Was willst du, mein Engelchen? Bixiou war mit da. Es gibt neue Aufträge. Leon von Lora, geistsprudelnd wie immer. Claude Vignon. Ihm schulde ich den einzigen trostreichen Aufsatz, der über mein Montcornet-Denkmal veröffentlicht worden ist. Dann waren . . .«

»Waren Damen da?« fragte Hortense lebhaft.

»Die biedere Frau Florent . . .«

»Du hast mir gesagt, das Diner fände im ›Rocher de Cancale‹ statt. So war es also im Hause?«

»So? Habe ich das gesagt? Es war im Hause . . .«

»Du hast keine Droschke genommen?«

»Nein.«

»Bist zu Fuß von der Rue des Tournelles gekommen?«

»Stidmann und Bixiou haben mich über die Boulevards bis zur Madeleine begleitet. Wir haben geplaudert.«

»So waren die Boulevards doch trocken, die Place de la Concorde und die Rue de Bourgogne, denn du bist nicht schmutzig geworden«, meinte Hortense, indem sie die Schuhe ihres Mannes musterte.

Es hatte geregnet, aber von der Rue Vanneau bis zur Rue Saint-Dominique konnte sich Steinbock die Stiefel nicht beschmutzen.

»Sieh, hier sind fünftausend Francs, die mir Chanor großmütig geliehen hat«, sagte er, um diesem richtigen Verhör zu entgehen. Er hatte aus den zehntausend Francs zwei Päckchen gemacht, eins für Hortense und eins für sich, denn er hatte fünftausend Francs Schulden, von denen Hortense nichts wußte. Er schuldete seinem Werkmeister und seinen Arbeitern Lohn.

»Du kannst also ganz ruhig sein, Beste«, sagte er und küßte seine Frau. »Morgen gehe ich ans Werk. Jawohl! Morgen stehe ich halb neun auf und gehe sofort ins Atelier. So, ich gehe jetzt sogleich schlafen, damit ich zeitig aufstehen kann. Du erlaubst es mir, Kätzchen?«

Der Argwohn in Hortenses Herzen war verflogen; sie war himmelweit von der Wahrheit entfernt. Frau Marneffe! An die dachte sie nicht. Hinsichtlich ihres Stanislaus hatte sie nur Angst vor Kokotten. Die Erwähnung von Bixiou und Leon von Lora, zwei Künstlern, die wegen ihres zügellosen Lebens berüchtigt waren, hatte sie aufgeregt.

 

Als Stanislaus am andern Morgen um neun Uhr ausging, war Hortense völlig beruhigt.

Jetzt ist er an der Arbeit, sagte sie sich, indem sie ihr Kind fertig anzog. Ach, ich sehe ihn vor mir. Er ist Feuer und Flamme. Wenn er auch kein Michelangelo ist, ein Benvenuto Cellini ist er!

Voller selbstgeschaffener Hoffnungen glaubte sie an eine glückliche Zukunft. Sie plauderte mit ihrem zwanzig Monate alten Söhnchen in jener lautmalerischen Sprache, bei der kleine Kinder fröhlich werden, als gegen elf Uhr die Köchin, die des Hausherrn Weggang nicht bemerkt hatte, Stidmann einließ.

»Verzeihung, gnädige Frau!« sagte der Künstler. »Was? Stanislaus ist bereits ausgegangen?«

»Er ist in seinem Atelier.«

»Ich wollte mit ihm wegen unserer Arbeiten sprechen.«

»Ich werde ihn holen lassen«, schlug Hortense vor, indem sie Stidmann zum Sichsetzen einlud. Der Künstler verbeugte sich, dankbar ob dieser Gunst. Die junge Frau, über den Zufall hocherfreut, wollte Stidmann über die Einzelheiten des vergangenen Abends ausforschen. Sie läutete. Die Köchin erschien und erhielt den Auftrag, den Herrn im Atelier aufzusuchen.

»Sie haben sich gestern gut unterhalten?« fragte Hortense. »Mein Mann ist erst heute früh um ein Uhr heimgekommen.«

»Gut unterhalten?« wiederholte Stidmann. »Nicht besonders.« Er hatte sich am Abend vorher Frau Marneffe erobern wollen. »Man amüsiert sich in der Gesellschaft nur, wenn man was Besonderes von ihr will! Diese kleine Frau Marneffe ist ja sehr witzig, aber sie ist kokett . . .«

»Und wie denkt mein Mann über sie?« Die arme Hortense suchte ihre Haltung zu bewahren. »Er hat mir gar nichts von ihr berichtet.«

»Ich kann Ihnen nur eins sagen, gnädige Frau. Ich halte sie für überaus gefährlich.«

Hortense wurde totenbleich.

»So, so! Bei Frau Marneffe . . . nicht bei Chanor . . . waren Sie zum Diner . . . gestern . . . und mein Mann . . .«

Stidmann begann zu merken, daß er ahnungslos Unheil angerichtet hatte. Die Gräfin kam mit ihrem Satze nicht zu Ende. Sie fiel in Ohnmacht. Stidmann klingelte. Das Stubenmädchen erschien. Als man versuchte, die Ohnmächtige in ihr Zimmer zu tragen, bekam sie einen starken Nervenkrampf, der sich in schrecklichen Zuckungen äußerte. Stidmann maß seiner unbeabsichtigten Indiskretion keine besondere Tragweite zu; er glaubte, die Gräfin befände sich in jenem gewissen krankhaften Zustand, wo die leichteste Aufregung gefährliche Folgen haben kann.

Unglücklicherweise vermeldete die Köchin mit lauter Stimme, der gnädige Herr sei nicht im Atelier. Die Gräfin vernahm die Worte und verfiel einem neuen Anfall.

»Holen Sie die Frau Mutter der gnädigen Frau!« bat das Stubenmädchen die Köchin. »Eilen Sie!«

»Wenn ich wüßte, wo Stanislaus ist, würde ich ihn benachrichtigen«, sagte Stidmann voll Verzweiflung.

»Er ist bei diesem Weibe!« rief die arme Hortense aus. »Er hat sich ganz anders angezogen, als wenn er in sein Atelier geht.«

Stidmann stürzte zu Frau Marneffe. Er hatte sofort erkannt, daß Hortense – dank dem zweiten Gesicht der Leidenschaft – das Richtige ahnte. In der Tat stand Valerie dem Künstler eben Modell zu seiner Delila.

In der Rue Vanneau rannte er an der Portierstube vorbei. Wenn ich nach Frau Marneffe frage, sagte er sich, meldet man mir, sie sei nicht da. Frage ich nach Steinbock, wird man mich auslachen. Machen wir kurzen Prozeß!

Valeries Kammermädchen öffnete ihm.

»Sagen Sie dem Grafen Steinbock, er solle nach Haus kommen. Seine Frau läge im Sterben!«

Regina, genauso schlau wie Stidmann, machte ein dummes Gesicht.

»Ich weiß nicht, Herr . . .«

Stidmann brüllte sie an:

»Ich sage Ihnen, mein Freund Steinbock ist hier. Seine Frau stirbt. Die Angelegenheit ist wohl wichtig genug, daß Sie Ihre Herrin stören!«

Stidmann ging.

Natürlich steckt er bei ihr! sagte er sich.

Er blieb in der Rue Vanneau stehen. In der Tat sah er den Freund einige Augenblicke später aus dem Hause kommen. Der Pole winkte ihn heran. Stidmann berichtete ihm den traurigen Vorfall und machte ihm Vorwürfe, daß er ihn nicht davon verständigt habe, über das Diner am Abend vorher Stillschweigen zu bewahren.

»Ich bin verloren!« rief Steinbock aus. »Du kannst nichts dafür. Ich hatte ganz vergessen, daß wir uns für diesen Vormittag verabredet haben. Es war ein Fehler von mir, dir nicht zu sagen, daß wir bei Florent zum Diner gewesen sein wollen. Du mein Gott! Diese Valerie hat mich verrückt gemacht! Und dann . . . ich bin in schrecklicher Verlegenheit. Gib mir einen Rat! Was soll ich nur sagen? Wie mich entschuldigen?«

»Ich dir einen Rat geben? Ich weiß wirklich keinen!« entgegnete Stidmann. »Du wirst doch von deiner Frau geliebt, nicht? Dann wird sie dir alles glauben. Sag ihr zunächst, du seist jetzt bei mir gewesen, während ich bei dir war. Lebe wohl!«

An der Ecke der Rue Hillerin-Bertin kam Lisbeth, die von Regina verständigt worden war und ihn suchte, auf ihn los. Sie fürchtete seine Naivität. Ihr kam es darauf an, nicht bloßgestellt zu werden. Sie sagte Steinbock ein paar Worte. In seiner Freude umarmte er sie auf offener Straße. Offenbar hatte sie ihm ein Brett über die Kluft in seiner Ehe gelegt.

Beim Anblick ihrer hastig herbeigeeilten Mutter brach Hortense in Tränen aus. Sie wurde gleichzeitig ruhiger.

»Beste Mutter, ich bin verraten!« klagte sie ihr. »Stanislaus hatte mir sein Ehrenwort gegeben, nicht zu Frau Marneffe zu gehen. Und doch ist er gestern zum Diner bei ihr gewesen und ist erst früh gegen eins zurückgekehrt. Tags zuvor hatten wir nicht etwa einen Streit, aber eine Auseinandersetzung. Mit innigen Worten hielt ich ihm vor, daß ich eifersüchtig sei, Untreue würde mich töten, ich sei argwöhnisch, er müsse diese Schwächen an mir achten, da sie der Liebe zu ihm entsprängen; ich hätte in meinen Adern ebensoviel Temperament von meinem Vater wie von dir, in der ersten Erkenntnis eines Verrats wäre ich der tollsten Tat fähig, um mich zu rächen, und wenn ich uns alle zugrunde richtete, ihn, sein Söhnchen und mich, ich würde ihn töten und dann mich selber . . . Und doch ist er hingegangen, und wieder ist er dort! Dieses Weib will uns allen Leid bereiten. Gestern haben sich Viktor und Cölestine verpflichtet, einen Wechsel von zweiundsiebzigtausend Francs zu übernehmen, der zum Vorteil Valeries ausgestellt worden ist. Ja, Mutter, sonst wäre man gerichtlich gegen Vater vorgegangen und hätte ihn ins Schuldgefängnis gesteckt. Hat dieses schreckliche Weib nicht genug an ihm und an deinen Tränen? Wozu nimmt sie mir Stanislaus? Aber ich werde zu ihr gehen und sie erdolchen!«

Frau von Hulot ward durch die Indiskretion, die Hortense in ihrem Zorn unwillkürlich beging, bis ins Herz getroffen; aber sie bezwang ihren Schmerz mit der Kraft einer Heroine. Sie drückte den Kopf ihrer Tochter an sich und küßte sie.

»Warte nur auf Stanislaus, mein Kind! Es wird sich alles aufklären. Das Unglück kann nicht so groß sein, wie du denkst. Ich bin auch eine Verratene, liebe Hortense. Du hältst mich für schön; ich bin nie vom Wege der Tugend gewichen, und man hat mich seit dreiundzwanzig Jahren einer Jenny Cadine, einer Josepha, einer Marneffe wegen hintergangen! Wußtest du das?«

»Du, Mutter, du? Du duldest das seit . . .«

Sie stockte. Ihre Gedanken übermannten die Baronin.

»Tu und denke wie ich, meine Tochter!« erwiderte sie. »Sei sanft und gut, und du wirst mit deinem Gewissen in Frieden leben. Auf seinem Sterbelager sagt sich ein Mann: ›Meine Frau hat mir nie das Geringste zuleide getan!‹ Und Gott, der die letzten Seufzer erhört, rechnet sie uns zugute! Wenn ich mich der Wut überlassen hätte wie du – wohin hätte das geführt? Dein Vater wäre erbittert geworden, vielleicht hätte er mich ganz verlassen. So hat ihn die Angst, mich zu betrüben, gehalten. Unser Ruin, der heute vollendet ist, wäre schon zehn Jahre früher eingetreten. Weder dein Bruder noch du hätten sich ihr Heim gründen können . . . Ohne dieses letzte Verhältnis deines Vaters würde mich die Welt heute noch für glücklich halten. Meine mutige Lüge hat Hektor beschützt und ihm sein Ansehen bewahrt. Erst seine greisenhaften Torheiten durchbrechen die Schutzwand, die ich zwischen uns und der Gesellschaft errichtet habe. Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich hinter dieser Mauer geweint, ohne eine Mutter noch eine Vertraute noch sonst welchen Trost gehabt zu haben als die Religion. Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich der Ehre der Familie gedient.«

Hortense hörte ihrer Mutter mit starren Augen zu. Der ruhige Ausdruck, die Resignation dieses erhabenen Schmerzes stillten den Zorn der zum ersten Male verwundeten jungen Frau. Sie begann von neuem haltlos zu weinen. Im Überschwang ihrer kindlichen Liebe, hingerissen von der Herzensgröße ihrer Mutter, sank sie vor ihr auf die Knie, ergriff und küßte den Saum ihres Kleides, wie verzückte Katholiken den heiligen Rock irgendeines Märtyrers küssen.

»Steh auf, mein Kind!« rief die Baronin. »Diese Anerkennung meiner Tochter tilgt mir manche häßliche Erinnerung. Komm an mein Herz, das von nichts als von deinem Kummer bedrängt wird! Die Verzweiflung meiner armen geliebten Tochter, deren Freude meine einzige Freude im Leben war, hat das Grabessiegel erbrochen, das sonst nichts von meinen Lippen hätte wegbringen können. Ach, ich wollte mein Herzeleid mit in mein Grab nehmen . . . Um deinen Zorn zu beschwichtigen, habe ich gesprochen. Gott wird mir verzeihen! . . . Der Mann, der Zufall, die Schöpfung, die Natur schenken uns die Liebe um den Preis der grausamsten Qualen. Wie teuer habe ich die zehn Jahre meines Glücks bezahlen müssen!«

»Zehn Jahre! Liebe Mutter, bei mir waren es nur drei!« klagte die verliebte Egoistin.

»Noch ist nichts verloren, Hortense. Warte auf Stanislaus!«

»Mutter, er hat mich belogen! Er hat mich getäuscht! Er hat zu mir gesagt: ›Ich werde nicht hingehen!‹ Und er ist doch gegangen. Und er hat es an der Wiege seines Kindes gesagt.«

»Für ihre Vergnügen begehen die Männer die größten Feigheiten, Schändlichkeiten und Verbrechen, Das liegt offenbar in der Mannesnatur. Wir Frauen dagegen sind geboren zum Opfer. Ich glaubte am Ende meines Unglücks zu sein. Da beginnt es erst recht, denn dein Leid ist für mich doppeltes Leid. Schweigen und Mut! Liebste Hortense, schwöre mir, daß du mit niemandem außer mit mir über deinen Kummer sprichst! Daß du dir Dritten gegenüber nichts anmerken lassen willst! Sei stolz wie deine Mutter!«

In dem Augenblick vernahm Hortense die Tritte ihres Mannes. Sie erzitterte.

Stanislaus trat ein.

»Ich glaube, Stidmann ist gerade hiergewesen, als ich bei ihm war.«

»Ach, wirklich?« rief Hortense mit der wilden Ironie der beleidigten Frau, die sich der Rede wie eines Dolches bedient.

»Aber ja! Wir sind uns eben begegnet.«

Stanislaus tat ganz verwundert.

»Und gestern?« fragte Hortense.

»Allerdings . . . Ich habe es dir nicht sagen wollen . . .«

Dieses Geständnis erleichterte ihr das Herz. Manche edle Frauen setzen die Gewißheit über die Lüge. Sie wollen ihr Idol nicht herabgezerrt sehen. Lieber sind sie noch stolz darauf, gedemütigte Sklavinnen zu sein.

»Hören Sie mich an, verehrte Schwiegermutter!« sagte Stanislaus. »Ich liebe meine gute süße Hortense so sehr, daß ich ihr die Größe unserer Not verheimlicht habe. Kein Mensch in der Welt leiht einem Künstler Geld. Man traut unserer Gelderwerbsfähigkeit genauso wenig wie unserer Phantasie. Ich habe vergeblich an alle Türen gepocht. Lisbeth war die einzige, die uns etwas anbot, ihre Ersparnisse . . .«

»Das arme Mädchen!« riefen Hortense und die Baronin gleichzeitig aus.

»Aber zweitausend Francs, was hätte das genützt? Hortense glaubt, wir hätten fünftausend Francs Schulden, es sind aber zehntausend. Hortense wollte ihre Brillanten versetzen. Wir hätten ein paar tausend Francs dafür bekommen, aber wir brauchen zehntausend. Da sagte nun Tante Lisbeth, Frau Marneffe wolle uns aus Eigenliebe, weil sie dem Baron viel verdankt, diese Summe ohne Zinsen auf ein Jahr geben. Ich sagte mir: Hortense soll nichts davon erfahren, nehmen wir das Geld! . . . Gestern hat mich jene Frau nun durch meinen Schwiegervater zum Diner eingeladen. Sie ist bereit, mir auszuhelfen. Ich habe vor der Wahl zwischen Hortenses Verzweiflung und dieser Dinereinladung nicht geschwankt. Das ist alles! Wie kann sich Hortense, die jung, frisch, rein und mir treu, die mein ganzes Glück und meine Sonne ist, die ich seit unserer Verheiratung nicht verlassen habe, auf einmal einbilden, daß ich ihr Frau Marneffe vorzöge? Eine verlebte Dirne!«

Steinbock wußte, daß derlei verächtliche Übertreibungen einer eifersüchtigen Frau immer gefallen.

Hortense fiel dem geliebten Manne um den Hals.

»Ja, ich hätte auch nicht anders gehandelt!« bestätigte die Baronin. »Stanislaus, lieber Freund, Hortense wäre beinahe gestorben«, fügte sie ernst hinzu. »So groß ist ihre Liebe!«

Sie seufzte tief.

»Ich leide wohl genug, um meine Kinder glücklich sehen zu dürfen!«

»Seien Sie unbekümmert«, bat der überglückliche Künstler. »Die Krisis ist überwunden. In zwei Monaten soll jene gefährliche Frau ihr Geld wiederhaben. Wissen Sie«, fuhr er mit Grandezza fort, »es gibt Augenblicke, wo man selbst den Teufel anpumpen würde! Das Geld ist ja im Grunde das Geld der Familie.«

»Mutter, in welche Mißlichkeit hat uns der Vater gestürzt!« rief Hortense.

Die Baronin machte ihr ein Zeichen zu schweigen, und Hortense schämte sich ihres Vorwurfes.

»Lebt wohl, Kinder!« sagte Frau von Hulot. »Das gute Wetter ist ja wieder da. Aber nun betrübt euch auch nicht wieder!«

Nachdem sie die Baronin hinausgeleitet hatten, sagte Hortense zu ihrem Manne:

»Erzähle mir von gestern abend!«

Während er erzählte, beobachtete sie lauernd sein Gesicht und unterbrach ihn mit jenen Fragen, die eben in diesem Falle über die Lippen einer Frau kommen. Sie wurde nachdenklieh gestimmt. Sie ahnte das sündhafte Vergnügen, das Künstlernaturen in diesem lasterhaften Milieu empfinden müssen.

»Sei aufrichtig, Stanislaus! Stidmann war mit da, Vignon Bixiou, Lora . . . aber wer noch? Am Ende hast du dich gar amüsiert?«

»Ich? Ich habe an nichts gedacht als an unsere zehntausend Francs. Immer wieder habe ich mir gesagt: Hortense wird ihrer Sorgen ledig!«

Dieses Verhör verstimmte den Polen außerordentlich. Er benutzte einen fröhlichen Moment und sagte: »Sag einmal, mein Engel, was hättest du getan, wenn dein Meister schuldig befunden worden wäre?«

»Was ich getan hätte?« entgegnete sie festen Tones. »Ich hätte mich Stidmann hingegeben, wenn auch ohne Liebe. Merke dir das!«

»Hortense!« rief Steinbock laut aus und fuhr in theatralischer Brüskerie auf. »Dazu würdest du keine Zeit gehabt haben! Ich hätte dich gemordet!«

Sie warf sich auf ihren Mann und küßte ihn, daß er kaum mehr Luft bekam.

»So liebst du mich doch, Stanislaus? Nun habe ich vor nichts Angst. Aber weg mit der Marneffe! In dergleichen Schmutz gehst du mir nicht wieder!«

»Ich schwöre dir, geliebte Hortense, daß ich nur hingehen will, wenn ich meinen Schuldschein einlöse!«

Sie begann zu schmollen, wie das verliebte Frauen tun, um die Zärtlichkeiten der Wiederversöhnung zu ernten. Aber Stanislaus lagen die Erlebnisse dieses Morgens in den Gliedern. Er ließ seine Frau schmollen und ging nach seinem Atelier, um den ersten Entwurf der Gruppe »Simson und Delila« zu machen. Die nach seinem Modell gezeichnete Skizze dazu hatte er in der Tasche.

Hortense, die sich in ihrer Verliebtheit einbildete, Stanislaus grolle ihr, lief ihm in sein Atelier nach. Sie trat in dem Augenblick ein, wo ihr Mann in jener Schöpferhast, die den Künstler im Banne der Phantasie treibt, gerade den rohen Tonentwurf fertig hatte. Als er seine Frau erblickte, warf er rasch ein feuchtes Tuch über die Gruppe, umfaßte Hortense mit beiden Armen und sagte zu ihr:

»Nicht wahr, mein liebes Kätzchen, wir sind einander nicht mehr böse?«

Hortense hatte gesehen, daß Steinbock schnell etwas zudeckte, aber sie sagte nichts. Als sie jedoch das Atelier wieder verlassen wollte, wandte sie sich noch einmal um, zog das Tuch weg und betrachtete die Gruppe.

»Was ist das?« fragte sie.

»Eine Gruppe, die mir eben in den Sinn gekommen ist.«

»Warum hast du sie vor mir versteckt?«

»Weil du sie nur vollendet sehen solltest.«

»Eine hübsche Frau!« meinte Hortense.

Tausend argwöhnische Gedanken umwucherten ihre Seele wie jene riesigen dicken indischen Schlingpflanzen, die von heute zu morgen aufschießen.

 

Nach etwa drei Wochen war Frau Marneffe voll tiefen Grolls gegen Hortense. Frauen ihres Schlages verlangen in ihrer Eigenliebe, man solle dem Teufel den Schwanz küssen. Niemals verzeihen sie der Tugend, wenn sie keine Angst vor ihnen hat und nicht mit ihnen kämpft. Nun hatte Steinbock keinen einzigen Besuch in der Rue Vanneau gemacht, nicht einmal aus Höflichkeit für das Modellstehen zur Delila. Sooft Tante Lisbeth zu Steinbocks gegangen war, hatte sie niemanden angetroffen. Das junge Paar lebte im Atelier. Lisbeth, die die beiden Turteltauben bis in ihr Nest in Gros-Caillou verfolgte, stellte fest, daß Stanislaus eifrig bei der Arbeit war, und erfuhr durch die Köchin, daß die Gräfin nicht von ihrem Manne wich.

Die Frauen klammern sich an ihre Liebhaber, sobald man sie ihnen streitig macht. Valeries Kaprice wandelte sich in Raserei. Auch wollte sie die Gruppe haben. Schon war sie entschlossen, den Künstler in seinem Atelier aufzusuchen, als ein wichtiges Ereignis eintrat.

Eines Morgens frühstückten Valerie, ihr Mann und Tante Lisbeth.

»Marneffe«, sagte Valerie, »weißt du schon, daß du Vater werden wirst?«

»Weiß der Teufel! Du kriegst einen dicken Bauch! Laß dich küssen!«

Er stand auf und ging um den Tisch herum. Valerie hielt ihm ihr Gesicht so hin, daß der Kuß das Haar traf.

»Dann ist der Direktor und der Ritter der Ehrenlegion ja gesichert!« meinte er vergnügt. »Übrigens, unser Ältester darf durch diesen Prinzen Kuckuck nicht geschädigt werden, der arme Kerl!«

»Armer Kerl?« warf Lisbeth ein. »Ihr habt ihn seit sieben Monaten kein einziges Mal besucht. In der Familie, der ihr ihn in Pension gegeben habt, gelte ich für seine Mutter, weil sich außer mir kein Mensch um das arme Wurm kümmert.«

»Erlaube!« sagte Valerie. »Wir bezahlen alle Vierteljahre hundert Taler! Übrigens, lieber Mann, es ist dein Kind; also müßtest du seinen Unterhalt eigentlich von deinem Gehalt bestreiten. Das neue soll uns keine Unkosten bereiten, im Gegenteil, es soll uns aus allem Elend ziehen . . .«

»Valerie«, sagte Marneffe, indem er Crevels Attitüde nachäffte, »ich hoffe, der Herr Baron von Hulot wird für seinen Sohn sorgen und ihn nicht einem armen Beamten aufhalsen. Ich werde ihm das schon ordentlich beibringen. Du mußt dir gewisse Sicherheiten verschaffen. Sieh zu, daß du Briefe von ihm bekommst, in denen er von seinem Vaterglück spricht. Er ist nämlich in der Beförderungsangelegenheit verflucht zach!«

Damit spazierte Marneffe nach dem Ministerium. Die wertvolle Freundschaft mit seinem Vorgesetzten erlaubte ihm, erst um elf in seiner Kanzlei zu erscheinen. Übrigens gab man ihm überhaupt nicht viel zu tun, notorisch unfähig und arbeitsscheu, wie er war.

Als sie allein waren, sahen sich Valerie und Lisbeth einen Augenblick wie Auguren an und brachen dann in ein Riesengelächter aus.

»Ist es auch wirklich wahr, Valerie?« fragte Lisbeth. »Oder ist es nur ein fauler Witz?«

»Leibhafte Wahrheit!« entgegnete Valerie. »Hortense ärgert mich. Ich bin heute nacht auf den Einfall geraten, ihr das Baby wie eine Bombe ins Haus zu schmeißen . . .«

Sie ging in ihr Zimmer hinüber. Lisbeth folgte ihr und bekam dort einen fertigen Brief gezeigt:

»Mein lieber Stanislaus!

Ich glaube immer noch an Deine Liebe, obgleich ich Dich bald drei Wochen lang nicht gesehen habe. Hast Du mich satt? Delila kann das nicht annehmen. Gewiß ist das die Folge der Tyrannei einer Frau, von der Du mir gesagt hast, Du könntest sie nicht mehr lieben. Geliebter Freund, Du bist ein viel zu großer Künstler, als daß Du so unfrei sein darfst! Die Ehe ist das Grab des Ruhmes. Sieh, daß Du wieder der Stanislaus wirst, der Du einst in der Rue du Doyenné warst. Das Denkmal meines Vaters ist Dir mißlungen. Die Liebe der Tochter soll Dich wieder zum Künstler machen. Mit ihr wirst Du mehr Glück haben.

Schatz, Du bist Vater! Wenn Du mich in meinem jetzigen Zustande nicht besuchst, werden Dich Deine Freunde für einen ganz schlechten Menschen halten. Aber ich fühle es: ich habe Dich so wahnsinnig lieb, daß ich niemals imstande wäre, schlecht von Dir zu reden. Darf ich mich ewig nennen.

Deine Valerie?«

»Was meinst du dazu?« fragte Valerie. »Ich habe die Absicht, ihm diesen Brief zu einer Zeit ins Atelier zu schicken, wo nur unsere teure Hortense anwesend sein wird. Ich habe gestern abend durch Stidmann erfahren, daß er mit Stanislaus heute um elf Uhr eine Besprechung bei Chanor hat. Da ist also dieses alberne Frauenzimmer allein.«

Lisbeth hatte Bedenken.

»Nach solch einem Streiche kann ich aber nicht mehr vor aller Augen deine Freundin bleiben. Ich werde dir den Laufpaß geben. Es muß so aussehen, als sähen und sprächen wir uns nicht mehr.«

»Wenn es sein muß . . .«, meinte Valerie, »aber . . .«

»Sei unbesorgt!« unterbrach Lisbeth sie. »Sobald ich die Frau Marschall bin, sind wir wieder die alten. Sie betreiben jetzt die Sache alle miteinander. Nur der Baron weiß nichts von dem Plan. Du wirst ihn indessen schon dazu bereden.«

»Ja«, entgegnete Valerie, »aber unter Umständen stehe ich sehr bald auf gespanntem Fuße mit dem Baron.«

»Frau Olivier wäre die einzige«, bemerkte Lisbeth, »die sich von Hortense mit dem Brief überraschen lassen könnte. Man müßte sie erst nach der Rue Saint-Dominique schicken, dann ins Atelier.«

Zehn Minuten nach der Absendung des verhängnisvollen Briefes kam Hulot. Frau Marneffe flog ihm mit Katzengeschwindigkeit um den Hals.

»Hektor, du bist Vater! Das kommt von Zwist und Wiederversöhnung!«

Sie merkte dem Greise ein gewisses Erstaunen an, das er nicht rasch genug unterdrückt hatte. Sofort zog sie eine kalte Miene, die den Staatsrat zur Verzweiflung brachte. Das Weitere ließ sie sich eines nach dem andern ausfragen. Nachdem der Glaube, Hand in Hand mit der Eitelkeit, in dem alten Lebemann die Oberhand gewonnen hatte, begann Valerie, von der angeblichen Wut ihres Mannes zu sprechen.

»Mein alter Brummbär, du wirst schwerlich darumkommen, deinen verantwortlichen Redakteur, unsern Geschäftsführer, wenn du willst, zum Kanzleidirektor und Ritter der Ehrenlegion befördern zu lassen. Du hast ihm die Hörner aufgesetzt. In meinen ersten Jungen, der wirklich von ihm stammt, ist er total vernarrt; ich kann das kleine Scheusal nicht ersehen. Zum mindesten müßt du dem eine kleine Rente von zwölfhundert Francs aussetzen, zur Nutznießung natürlich bloß, eingetragen wird sie auf meinen Namen.«

»Na, wenn schon eine Rente, dann auf den Namen meines Jungen und nicht auf den des kleinen Scheusals!« protestierte der Baron.

Diese unvorsichtige Äußerung, die in dem Worte »mein Junge« gipfelte, war nach einstündiger Hin- und Herrede in ein förmliches Versprechen gewandelt, dem künftigen Kinde die genannte Rente auszusetzen.

 

In dem Augenblick, wo der Baron, glücklich wie ein junger Ehemann, der auf einen Erbprinzen harrt, aus der Rue Vanneau kam, wurde Frau Olivier von Hortense der Brief entrissen, der »eigenhändig an den Herrn Grafen Steinbock abzugeben« war. Die junge Frau bezahlte diese Auslieferung mit einem Zwanzigfrancsstück. Selbstmörder bezahlen ja auch ihren Revolver, ihren Strick.

Hortense las den Brief und las ihn zum zweiten Male. Sie sah nichts als das weiße Papier und soundso viel schwarze Querstriche darauf. In der ganzen Welt gab es nichts als dieses Stück Papier; alles andere um sie herum war schwarz. Die Flamme des Feuers, in dem ihr Lebensglück aufging, erleuchtete das Papier in der stockdunklen Nacht ringsum. Die Ausrufe ihres spielenden kleinen Söhnchens hallten an ihr Ohr, als kämen sie aus einem tiefen Tale, und sie stände oben auf einer Höhe. Bei ihren vierundzwanzig Jahren, im vollen Schmuck der Schönheit, im Heiligenschein einer demütigen und reinen Liebe, war diese Beschimpfung nicht bloß eine schwere, sondern eine tödliche Wunde. Jener erste Anfall war rein nervöser Art gewesen; ihr Leib hatte sich unter der Folter der Eifersucht gewunden. Aber die Gewißheit griff ihr die Seele an. Ihr Körper war ohne Leben.

Etwa zehn Minuten lang währte der Druck dieses Zustandes. Das Bild ihrer Mutter erschien ihr im Geiste und rief eine Umwandlung in ihr hervor. Sie wurde kalt und ruhig und gewann ihre Überlegung wieder. Sie läutete. Die Köchin erschien.

»Packen Sie mit Luise so rasch wie möglich alle meine Sachen ein und alles Nötige für den Kleinen! Ihr habt eine Stunde Zeit. Wenn alles fertig ist, holen Sie eine Droschke und benachrichtigen Sie mich. Keine Fragen! Ich verlasse das Haus und nehme Luise mit. Sie bleiben hier, bei dem gnädigen Herrn! Versorgen Sie ihn recht gut!«

Sie ging in ihr Zimmer, setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb folgenden Brief:

»Graf!

Der diesem beigelegte Brief wird Sie über den Anlaß des Entschlusses aufklären, den ich gefaßt habe. Wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich Ihr Haus verlassen und bin mit unserm Kinde zu meiner Mutter zurückgekehrt.

Rechnen Sie nicht darauf; daß ich diese Maßnahme je ändere! Vermuten Sie nicht etwa jugendliche Unüberlegtheit, Übereilung und das Ungestüm beleidigter Liebe! Sie dürften sich stark täuschen. Seit Wochen habe ich viel über das Leben, die Liebe, unsere Ehe und unsere gegenseitigen Pflichten nachgegrübelt. Ich verstehe die demütige Anhänglichkeit meiner Mutter vollkommen. Sie hat mir ihr Leid anvertraut. Sie ist seit dreiundzwanzig Jahren Tag für Tag eine Heldin. Aber ich fühle nicht die Kraft, es ihr gleichzutun, nicht daß ich Sie weniger geliebt hätte, als sie meinen Vater liebt, sondern aus individuellen Gründen. Unsere Häuslichkeit würde zu einer Hölle werden, und ich könnte mich verleiten lassen, Ihnen, mir und unserm Sohne Schande zu machen. Ich würde keine zweite Frau Marneffe werden, und wenn schon, würde ich bei meiner Natur nicht dabei bleiben. Ich bin eine Hulot!

Allein und fern dem Schauspiel Ihrer Entgleisungen bürge ich für mich, zumal meinem Kinde gewidmet und an der Seite meiner herrlichen Mutter, deren ernstes Leben die Regungen meines stürmischen Herzens besänftigen wird. Dort kann ich als gute Mutter und sorgliche Erzieherin unseres Sohnes leben. Bei Ihnen aber würde die Frau stärker sein als die Mutter, und unaufhörliche Streitereien würden meinen Charakter verbittern.

Ich will den tödlichen Schlag mit einem Male hinnehmen, nicht viele Jahre hinsiechen wie meine Mutter. Wenn Sie mich bereits nach dreijähriger Liebe zu verraten imstande waren und noch dazu an die Geliebte Ihres Schwiegervaters, mit was für Rivalinnen hätte ich es weiterhin noch zu tun? Sie betreten viel früher als mein Vater den Weg der Liederlichkeit und der Verschwendung. Es entehrt einen Familienvater, vermindert die Achtung der Kinder und führt schließlich zu Schande und Verzweiflung.

Ich bin durchaus nicht unversöhnlich. Unbeugsame Gefühle kommen schwachen Geschöpfen ja gar nicht zu. Wir stehen in Gottes Hand. Wenn Sie sich Ruhm und Vermögen erringen, wenn Sie die Dirnen lassen und unedle, schmutzige Wege meiden, dann sollen Sie eine Ihrer würdige Frau wiederfinden.

Ich rechne auf den Edelmann in Ihnen, daß Sie die Gerichte beiseite lassen! Achten Sie meinen Willen, lassen Sie mich bei meiner Mutter, und vor allem: lassen Sie sich nie bei uns sehen!

Das Geld jenes abscheulichen Weibes liegt unangerührt in Ihrer Wohnung.

Leben Sie, wohl!

Hortense Hulot.«

Nachdem dieser Brief mit großer Mühe geschrieben war, überließ sich Hortense ihren Tränen. Sie hatte die Feder mehrfach hingelegt und wieder aufgenommen. Ihr Herz weinte, aber ihr Verstand schrieb.

Als Luise ihr meldete, daß alles fertig sei, durchschritt sie noch einmal langsam den Salon, ihr Zimmer und das Gärtchen und sah sich alles zum letzten Male an. Dann legte sie der Köchin nochmals das leibliche Wohl des Hausherrn ans Herz. Endlich stieg sie weinend und ihr Kind küssend in die Droschke, um zu ihrer Mutter zu fahren.

Die Baronin wußte bereits durch Lisbeth, daß ihr Mann an dem Fehltritt ihres Schwiegersohnes beträchtlich schuld war. So war sie nicht überrascht, als sie ihre Tochter ankommen sah. Sie billigte ihren Entschluß und versprach ihr, sie bei sich zu behalten. Sie hatte eingesehen, daß Sanftmut und Anhänglichkeit ihren Mann von nichts zurückgehalten hatten, und ihre Achtung für ihn begann dahinzuschwinden. Sie fand, daß ihre Tochter recht handelte, wenn sie einen andern Weg einschlug. In kaum drei Wochen hatte die Baronin zwei neue Wunden empfangen, deren Schmerzen alles bisher überstandene Leid übertrafen. Hulot hatte Viktor und Cölestine in eine mißliche Lage gebracht; ferner war er nach Lisbeths Aussage der Anstifter von Steinbocks Untreue. Er hatte ihn in jene schlechte Gesellschaft geschleppt. Sein Ansehen als Familienoberhaupt, so lange durch unsinnige Opfer aufrechterhalten, war zusammengestürzt. Ohne das finanzielle Opfer zu bedauern, empfanden die jungen Hulots dennoch zugleich Mißtrauen und Besorgnis um den Baron. Diese sichtliche Verstimmung bekümmerte Adeline tief. Sie sah den Zerfall der Familie voraus.

Hortense wurde im Eßzimmer untergebracht, das dank der Hilfe des Marschalls schnell in ein Schlafzimmer umgewandelt wurde. Das Vorzimmer diente nun, wie in vielen Pariser Häusern, zugleich als Speiseraum.

 

Als Steinbock nach Hause zurückkam, las er die beiden Briefe. Er empfand halb Freude, halb Traurigkeit. Gegen die Gefangenschaft, in der er durch seine Frau gehalten worden war, wie einst durch Lisbeth, hatte er innerlich längst rebelliert. Seit drei Jahren vor Liebe halb erstickt, hatte auch er in den letzten Wochen über das Leben nachgedacht und hatte gefunden, daß das Familienleben eine Fessel sei. Stidmann hatte ihn soeben zu der Leidenschaft beglückwünscht, die er in Valerie erregte, wobei jener den begreiflichen Hintergedanken hegte, es sei am Platze, der Eitelkeit von Hortenses Gatten zu schmeicheln. Er hoffte, der Tröster der Hintergangenen werden zu dürfen. Stanislaus war also glücklich, zu Frau Marneffe zurückkehren zu können. Trotzdem gedachte er des vollen und reinen Glückes, das er genossen hatte, der Reize Hortenses, ihrer klugen Art und ihrer naiven unschuldigen Liebe. Sie tat ihm aufrichtig leid. Er war nahe daran, zu seiner Schwiegermutter zu eilen; aber es ging ihm wie Hulot und Crevel: er landete bei Frau Marneffe. Er brachte ihr den Brief seiner Frau, um ihr zu zeigen, welches Unheil sie damit angestiftet hatte, und ihr sozusagen dieses Unheil zu diskontieren, indem er als Gegenleistung von seiner Geliebten Sinnesfreuden begehrte. Er traf Crevel bei ihr an. Der Bürgermeister, der vor Hochmut beinahe platzte, lief im Salon auf und ab, sichtlich erregt von tumultuarischen Gefühlen. Mit einem Male blieb er stehen, nahm seine Attitüde an und schien sprechen zu wollen und doch keinen Mut dazu zu haben. Sein Gesicht strahlte. Seine Augen hingen gerührt an Valerie.

Eben kam Lisbeth.

»Tantchen«, flüsterte er ihr ins Ohr, »weißt du die Neuigkeit schon? Ich bin Vater! Es wird wohl auf Kosten meiner Liebe zu Cölestine sein. Kann ich aber dafür? Ein Kind zu bekommen von einer Frau, die man vergöttert! Vaterschaft des Blutes und des Herzens dazu! Ich sage dir, Lisbeth, ich werde für das Kind schuften! Er soll ein reicher Kerl werden. Natürlich wird es ein Junge! Valerie hat so ihre Anzeichen, hat sie mir gesagt. Na, wenn es ein Junge ist, dann soll er den Namen Crevel tragen. Ich will gleich einmal meinen Notar befragen.«

»Ich weiß, wie Valerie dich liebt«, entgegnete Lisbeth, »aber bei deiner und bei ihrer Zukunft: Mäßige dich!«

Während Lisbeth dieses Nebengespräch mit Crevel hatte, flüsterten auch Valerie und Stanislaus zusammen. Ihren Brief nahm sie wieder zu sich.

»Nun bist du frei, lieber Freund!« sagte Valerie. »Dürfen sich große Künstler überhaupt verheiraten? Ihr lebt nur in eurer Phantasie und in Freiheit. Sieh, ich werde dich so lieben, geliebter Meister, daß du dich niemals zu deiner Frau zurücksehnen sollst. Wenn du indessen den äußeren Schein wahren willst, so nehme ich es auf mich, dir Hortense binnen kurzem wieder zuzuführen.«

»Ja, wenn das möglich wäre!«

»Ich glaube bestimmt«, meinte Valerie pikiert. »Dein unglücklicher Schwiegervater ist ein Mensch, mit dem es in jeder Beziehung zu Ende geht. Aus Eitelkeit will er als Vielgeliebter dastehen. Man soll wissen, daß er eine Geliebte hat. Er ist hierin so eitel, daß ich ihn vollständig in meiner Hand habe. Seine Frau liebt ihn immer noch, und die beiden werden Hortenses Versöhnung mit dir zustande bringen. Wenn du aber nicht neue Stürme in deiner Ehe heraufbeschwören willst, bleibe nicht wieder drei Wochen lang von deiner Geliebten weg . . . Ich war todkrank. Mein Junge, man ist einer Frau gewisse Rücksichten schuldig, wenn man ein Gentleman ist, einer Frau, die man kompromittiert hat wie du mich, zumal wenn diese Frau auf ihren guten Ruf halten muß . . . Bleibe zu Tisch da, mein Engel! Vergiß aber nicht, daß ich um so kühler mit dir sein muß, als du der Urheber der allzu sichtbaren Geschichte bist!«

Man meldete den Marquis Montes. Valerie erhob sich, eilte ihm entgegen und tuschelte auch mit ihm eine Weile. Sie legte ihm genau die gleiche Zurückhaltung in seinem Benehmen auf wie eben Stanislaus. Infolgedessen trug der Brasilianer eine diplomatische Beherrschung zur Schau, obgleich ihn die große Neuigkeit überglücklich machte. Er war seiner Vaterschaft sicher. Er!

Dank dieser auf der Eitelkeit der Männer beruhenden Strategie hatte Valerie bei Tisch vier fröhliche, gutgelaunte, verliebte Männer um sich, von denen sich jeder einzelne für den Favoriten hielt. Marneffe machte den Witz, fünf Kirchenväter seien versammelt. Als fünften rechnete er sich selber.

Nur der Baron sah im Anfang bekümmert aus. Das hatte folgenden Grund. Als er sein Geschäftszimmer im Ministerium verlassen wollte, begegnete ihm der Referent der persönlichen Angelegenheiten, ein General, Hulots Kamerad seit dreißig Jahren. Hulot benutzte die Gelegenheit, um mit ihm von Marneffes Einrücken in Coquets Posten zu sprechen, der bereit sei, seinen Abschied einzureichen.

»Lieber Freund«, sagte Hulot unter anderem, »ich möchte die Angelegenheit dem Marschall nicht eher unterbreiten, bis wir beide eins darüber sind und ich Ihre Zustimmung habe.«

»Lieber Freund«, entgegnete der General, »erlauben Sie mir, daß ich Ihnen rate: aus persönlichen Gründen sollten Sie auf dieser Beförderung nicht bestehen. Ich habe Ihnen bereits einmal meine Ansicht gesagt. Es gäbe einen Skandal in den Büros, wo man schon allzuviel von Ihnen und Frau Marneffe spricht. Aber das ganz unter uns. Ich will Ihnen keineswegs zu nahe treten, Ihnen in keiner Weise entgegenstehen und Ihnen dies auch beweisen. Wenn Sie dabei verharren, wenn Sie den Posten des Herrn Coquet neu besetzen wollen – es wäre wirklich ein Verlust für das Kriegsministerium! Er arbeitet seit 1809 hier! – dann will ich vierzehn Tage auf Urlaub gehen und Ihnen beim Marschall freies Spiel lassen. Er liebt Sie ja wie seinen Sohn. Dann bin ich weder dafür noch dagegen, und ich werde nichts gegen mein Gewissen als Beamter der Verwaltung getan haben.«

»Ich danke Ihnen«, antwortete der Baron. »Ich werde mir überlegen, was Sie mir eben gesagt haben.«

»Wenn ich mir diese Bemerkung erlaubt habe, mein lieber Freund«, begann der General nochmals, »so geschieht das, weil Ihr persönliches Interesse weit mehr ins Spiel kommt als das meine oder mein Ehrgeiz. Der Marschall hat zunächst ja die Entscheidung. Und dann, Verehrter, schiebt man uns ja in einem fort tausend Dinge in die Schuhe, so daß eins mehr oder eins weniger das Kraut auch nicht fetter macht. Unter der Restauration hat man Leute zu wer weiß was ernannt, nur um ihnen das Gehalt zukommen zu lassen. Was sie dafür geleistet haben, war ganz egal . . . Na, und wir sind ja alte Kriegskameraden.«

»Ich würde mich freuen«, stotterte Hulot, »wenn es unsere liebe alte Freundschaft nicht beeinträchtigte, daß . . .«

»Ja«, meinte der General, da er Hulots Verlegenheit wahrnahm, »da werde ich wohl doch auf Urlaub gehen, alter Freund! Aber seien Sie vorsichtig! Sie haben Feinde, das heißt Leute, die es nach Ihrem schönen Gehalt gelüstet, und so ganz fest liegen Sie nicht vor Anker . . . Ja, wenn Sie Abgeordneter wären wie ich, dann brauchten Sie nichts zu befürchten . . . Seien Sie nur recht vorsichtig!«

Diese echt freundschaftlichen Worte hatten auf den Staatsrat einen tiefen Eindruck gemacht.

»Seien Sie offen, was ist denn los? Halten Sie nicht hinterm Berge damit!«

Der Gefragte drückte ihm die Hand.

»Wir sind zu alte Freunde, als daß ich Ihnen nicht einen Wink geben sollte. Wenn Sie in Ihrem Amte bleiben wollen, so müssen Sie sich ein bißchen um sich selber kümmern. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich den Marschall nicht darum bitten, Marneffe in Coquets Stelle zu befördern, sondern meinen guten Stand bei ihm dazu benutzen, mich selbst in meiner Stellung zu erhalten, um in Frieden zu sterben . . .«

»Meinen Sie, der Marschall könnte vergessen . . .«

»Aber nein, alter Freund. Der Marschall ist in der Gesamtsitzung der Minister derartig für Sie eingetreten, daß von Ihrer Verabschiedung keine Rede mehr sein kann. Aber es war doch an dem. Geben Sie Ihren Feinden nicht von neuem Handhaben. Mehr möchte ich Ihnen nicht sagen. Im Augenblick können Sie noch Pair von Frankreich werden. Nur verlangen Sie nicht zuviel! Soll ich noch Urlaub nehmen?«

»Warten Sie, ich will erst einmal mit meinem Bruder sprechen«, gab Hulot zur Antwort. »Er soll das Terrain rekognoszieren.«

Man kann sich denken, in welcher Laune der Baron zu Frau Marneffe kam. Er hatte fast vergessen, daß er Vater sein sollte. Nichtsdestoweniger brachte es seine Freundin fertig, daß er nach der ersten Hälfte des Diners in derselben Stimmung war wie die andern, ja noch vergnügter, da er seine Sorgen zu unterdrücken hatte. Der Unglückliche ahnte nicht, daß er an diesem Abend zwischen sein Glück und die ihm soeben angezeigte Gefahr geriet, das heißt, daß er nunmehr zwischen seiner Stellung und Valerie zu wählen hatte. Gegen elf Uhr, als die Festlaune ihren Höhepunkt erreichte, zog Frau Marneffe den Baron in die Ecke eines Sofas.

»Mein liebes Alterchen«, begann sie leise, »deine Tochter hat sich stark darüber aufgeregt, daß Stanislaus hier verkehrt, und ihn im Stiche gelassen. Ein Starrkopf, deine Hortense! Laß dir von Steinbock den Brief zeigen, den ihm das Dummchen geschrieben hat. Die Trennung der beiden Turteltauben, die man mir in die Schuhe schiebt, bringt mich in die schlimmste Lage. Und doch habe ich kein anderes Unrecht begangen, als daß ich ein nettes Haus führe. Wenn du mich liebst, wirst du den Schaden reparieren, indem du die beiden wieder zusammenbringst. Ich versteife mich übrigens durchaus nicht darauf, deinen Schwiegersohn bei mir zu sehen. Du hast ihn bei mir eingeführt, entferne ihn auch wieder! Wenn du in deiner Familie Autorität hast, dann könntest du von deiner Frau wohl verlangen, daß sie diese Wiederversöhnung herbeiführt. Richte der verehrten alten Dame aus: wenn man mir ungerechterweise das Verbrechen zuschiebt, ich hätte eine junge Ehe auseinandergebracht, die Eintracht einer Familie gestört und Vater und Schwiegersohn zugleich verführt, so werde ich mir diesen Ruf schließlich wirklich verdienen und euch nach meinem Belieben in Verlegenheiten bringen. Lisbeth spricht davon, sich von mir abwenden zu wollen. Sie zieht mir ihre Familie vor, und ich kann es ihr nicht verdenken. Sie will mir nur treu bleiben, hat sie mir gesagt, wenn sich die jungen Eheleute wieder versöhnen. Wenn wir ohne Lisbeth wirtschaften müßten, würden sich die Ausgaben hier verdreifachen.«

Der Baron, der die ärgerliche Angelegenheit seiner Tochter erst jetzt erfuhr, sagte nichts weiter als:

»Was das anbelangt, so werde ich es schon wieder in Ordnung bekommen!«

»Gut! Und wie steht es mit der anderen Sache? Marneffes Beförderung?«

»Ja das«, entgegnete Hulot, indem er den Blick senkte, »das ist schwieriger, um nicht zu sagen: unmöglich!«

»Unmöglich, lieber Hektor?« flüsterte Valerie. »Weißt du denn nicht, wozu sich mein Mann hinreißen lassen kann? Ich bin in seiner Macht. Wo sein Interesse in Frage kommt, kennt er – wie alle Männer – keine Moral, und er ist maßlos rachsüchtig. In dem Zustande, den ich dir verdanke, bin ich seiner Willkür überlassen. Ich bin gezwungen, mich ihm ein paar Tage lang hinzugeben. Er ist fähig, sich das zur Gewohnheit zu machen . . .«

Hulot sprang vor Wut in die Höhe.

Valerie fuhr fort:

»Er läßt mich in Ruhe unter der Bedingung, daß er Kanzleidirektor wird. Es ist gemein, aber logisch.«

»Valerie, liebst du mich?«

»Mein Lieber, diese Frage bei meinem Zustande ist lakaienhaft!«

»Aber wenn ich den Versuch mache, den bloßen Versuch, den Marschall um die Beförderung deines Mannes zu bitten, könnte es geschehen, daß ich wie Marneffe zum Teufel gehe . . .«

»Ich glaubte, der Marschall und du, ihr wäret vertraute Freunde?«

»Gewiß! Er hat mir das stets bewiesen, aber, mein liebes Kind, über dem Marschall gibt es noch eine höhere Macht, den ganzen Ministerrat. Wenn wir uns ein wenig Zeit nehmen, wenn wir lavieren, werden wir schon zum Ziele gelangen. Um es zu erreichen, müssen wir die rechte Gelegenheit abwarten, bis man einen Dienst von mir verlangt. Dann kann ich sagen: Eine Hand wäscht die andere!«

Valerie entgegnete:

»Armer Hektor, wenn ich das Marneffe sage, dann spielt er uns irgendeinen schlimmen Streich! Sag es ihm nur selber. Ich kann das nicht übernehmen. Ach du lieber Gott, ich weiß, was mir bevorsteht. Er wird seine Wut an mir auslassen. Ich kriege ihn nicht aus meinem Schlafzimmer heraus . . . Du, vergiß nicht die zwölfhundert Francs Rente für den Kleinen!«

Hulot nahm Marneffe beiseite. Er fühlte sich beengt. Zum ersten Male ließ er von der hochmütigen Art und Weise, die er bisher immer bewahrt hatte. So sehr war ihm die Aussicht, den verseuchten Kerl im Schlafzimmer der hübschen Frau zu wissen, auf die Nerven gegangen.

»Mein lieber Marneffe«, begann er, »heute war von Ihnen die Rede. Aber mit der Beförderung zum Kanzleidirektor geht es nicht so auf den ersten Anhieb. Dazu gehört doch ein wenig Zeit.«

»Ich werde es, Herr Baron!« erwiderte Marneffe schroff.

»Wieso, Verehrtester?«

»Ich werde es, Herr Baron!« wiederholte Marneffe kalt, indem er erst Valerie und dann den Baron anblickte. »Sie haben meine Frau in die Zwangslage versetzt, sich wieder an mich heranzumachen. Ich werde sie festhalten. Sie ist doch ein scharmantes Weib, nicht, Verehrtester?« Er lächelte in teuflischer Ironie. »Hier bin ich mehr der Herr als Sie im Ministerium.«

Der Baron empfand einen schmerzhaften Krampf. Er biß die Zähne zusammen; das Weinen war ihm nahe.

Während dieser kurzen Unterhaltung teilte Valerie dem Marquis leise die angebliche Annäherung an ihren Mann mit. Damit hielt sie auch diesen Liebhaber auf einige Zeit von sich ab.

Von den vier Getreuen wurde allein Crevel von dieser Maßregel verschont. Das war der Anlaß einer wahrhaft unverschämten Glückseligkeit in seinen Mienen, die selbst Valeries vorwurfsvollen Blicken und Winken trotzte. Seine Vaterschaftsfreude durchleuchtete ihn. Als ihm die Geliebte einen Vorwurf zuflüsterte, ergriff er sie bei der Hand und sagte zu ihr:

»Meine Prinzessin, morgen sollst du dein kleines Schloß bekommen! Morgen wird der Kauf perfekt.«

»Und die Einrichtung?« meinte sie lächelnd.

»Ich habe tausend Aktien der Baugesellschaft ›Versailles, linkes Ufer‹ gekauft, zu 125. Durch die Vollendung zweier neuen Straßen werden sie auf 300 steigen. Ich bin insgeheim orientiert worden. Du sollst fürstlich eingerichtet werden. Aber nicht wahr, du wirst nur noch mir angehören?«

»Gewiß, Dickerchen«, lachte das bürgerliche Exemplar der Madame de Merteuil. »Aber beherrsche dich! Respektiere die künftige Frau Crevel!«

»Lieber Vetter«, sagte Lisbeth zu Hulot, »ich werde morgen vormittag zeitig zu deiner Frau kommen. Du begreifst wohl, daß ich hier anständigerweise nicht mehr verbleiben kann. Ich werde deinem Bruder, dem Marschall, den Haushalt führen.«

»Ich werde heute abend nach Hause gehen«, erklärte der Baron.

»Gut! Ich komme also zum Frühstück!«

Sie war überzeugt, daß ihre Anwesenheit bei dem Familienauftritt, der sich morgen abspielen mußte, notwendig wäre. Aus diesem Grunde suchte sie auch Viktor von Hulot noch am Vormittag auf und teilte ihm Hortenses Flucht mit.

 

Als der Baron gegen halb elf Uhr abends heimkam, schlossen Mariette und Luise, die am Tage viel zu tun gehabt hatten, die Tür der Wohnung gerade ab. Hulot brauchte nicht zu läuten.

Er ging sofort in das Zimmer seiner Frau und fand sie im Gebet vor dem Kruzifix knien. Eben sagte sie verzückten Angesichts und mit lauter Stimme:

»Lieber Gott, sei gnädig mit uns und erleuchte ihn!«

Sie betete für ihren Hektor.

Bei diesem Anblick, der so ganz anders war als die Szene, die er eben verlassen hatte, seufzte er unwillkürlich laut auf. Adeline wandte sich um, Tränen in den Augen. Der Glaube, ihr Gebet sei erhört worden, erfüllte sie so mächtig, daß sie aufsprang und den Zurückgekehrten ungestüm umschlang. Das Glück der Leidenschaft machte sie stumm und löschte ihr alle Erinnerung. Nichts lebte und webte in ihr als die mütterliche Liebe, das Ehrgefühl für die Familie und die Anhänglichkeit der treuen Gattin eines treulosen Mannes. Dieses heilige Gefühl ist stärker als alles andere im Herzen einer Frau.

»Hektor«, rief sie nach einer Weile, »du kehrst zu uns zurück? So hat sich der liebe Gott endlich doch unserer unglücklichen Familie erbarmt!«

»Geliebte Adeline!« begann der Baron, indem er ganz ins Zimmer trat und seine Frau zu einem Lehnstuhle führte, »du bist das edelste Wesen, das ich kenne. Wie lange ist es her, daß ich deiner nicht mehr würdig bin!«

»Lieber Freund, es bedarf deinerseits nur wenig, sehr wenig, und alles ist wieder, wie es einst war!«

Sie erfaßte Hulots Hand, wobei sie dermaßen zitterte, daß Hulot glaubte, sie bekäme einen Nervenanfall.

Adeline wagte nichts hinzuzufügen. Sie fühlte, daß jedes weitere Wort ein Vorwurf werden würde, und sie wollte das Glück nicht trüben, das ihre Seele durchströmte und erglühte.

»Hortense führt mich her«, sagte Hulot. »Die junge Frau kann uns durch ihren übereilten Schritt mehr Unheil bringen, als uns meine Verrücktheit für Valerie gebracht hat. Aber darüber wollen wir morgen reden. Hortense schläft, hat mir Mariette gesagt. Lassen wir sie in Ruhe!«

Frau von Hulot empfand mit einem Male die tiefste Traurigkeit. Sie ahnte, daß ihr Mann weniger mit dem Verlangen, seine Familie wiederzusehen, heimgekehrt war, als vielmehr in irgendeinem fremden Interesse.

»Lassen wir sie lieber auch morgen noch in Ruhe!« sagte sie. »Das arme Kind befindet sich in einem kläglichen Zustande. Sie hat den ganzen Tag geweint.«

Andern Tags schritt der Baron schon um neun Uhr im Salon auf und ab. Indem er auf seine Tochter wartete, die er zu sich hatte bitten lassen, grübelte er nach Mitteln, jene Hartnäckigkeit zu besiegen, die am schwersten zu brechen ist: die einer beleidigten, unversöhnlich gestimmten jungen Frau. Es ist schwer, jungen Menschen zu predigen, denen Duldsamkeit und Verzicht fernliegen, weil sie die Leidenschaften und den Eigennutz der Welt nicht kennen.

»Da bin ich, Vater!« sagte Hortense mit unsicherer Stimme. Sie sah sehr bleich aus.

Hulot, der in einem Lehnstuhle saß, zog seine Tochter an sich und nahm sie auf seine Knie.

»Es hat also einen Ehezwist gegeben, mein liebes Kind, und du hast eine Staatsaktion daraus gemacht! Das ist nicht recht von einer wohlerzogenen Tochter. Meine Hortense hätte einen so entscheidenden Schritt wie den, Mann und Haus zu verlassen, nicht tun dürfen, ohne ihre Eltern vorher zu befragen. Wenn du deine gute vortreffliche Mutter aufgesucht hättest, wäre mir der heftige Kummer erspart geblieben, den ich jetzt empfinde. Du kennst die Welt nicht! Sie ist grundschlecht. Man könnte zum Beispiel sagen, dein Mann hätte dich zu den Eltern zurückgeschickt. Kinder wie du, die lange in der Familie bleiben, verstehen nichts vom Leben. Eine unerfahrene junge Leidenschaft, wie die deine für Stanislaus, überlegt zu ihrem Unglück nichts; sie hört nur auf den ersten Impuls. Das kleine Herz geht durch und der Verstand mit! Um sich zu rächen, steckt man Paris in Brand! Wenn dein alter Vater dir sagt, daß du gegen die gute Sitte gehandelt hast, so glaube ihm das! Von meinem großen Schmerze will ich gar nicht reden. Er bedrückt mich schwer, denn du machst einer Frau Vorwürfe, deren Herz du nicht kennst und deren Haß furchtbar werden kann. Du bist unerfahren, ehrlich und unverdorben. Du ahnst ja gar nicht, wie sehr du verleumdet und in den Schmutz gezogen werden kannst. Übrigens, mein geliebter Engel, hast du einen dummen Spaß für Ernst angesehen, und ich stehe dir dafür, daß dein Mann unschuldig ist. Frau Marneffe . . .«

Bis hierher hatte Hulot in geschickter Diplomatie das, was er sagen wollte, in die geschickteste Form gebracht, auch den eben genannten Namen unauffällig eingefügt. Aber als ihn Hortense hörte, war sie auf das tiefste verletzt. Hulot bemerkte es und fuhr fort, ehe sie Worte fand.

»Höre mich an! Ich habe Lebenserfahrung und ich habe alles beobachtet. Jene Dame behandelt deinen Mann durchaus kühl. Du bist das Opfer einer Mystifikation geworden. Ich werde dir das beweisen. Siehst du, gestern hat Stanislaus beim Diner . . .«

»Was? Er war zu Tisch bei ihr?« unterbrach ihn die junge Frau erschrocken. »Gestern! Nachdem er meinen Brief bekommen hatte! O mein Gott! Warum bin ich nicht lieber in ein Kloster gegangen, anstatt zu heiraten! Und mein Leben gehört mir nicht mehr allein; ich habe ein Kind . . .«

Hortenses Aufschrei zerriß der Baronin das Herz. Sie kam aus ihrem Zimmer herbei, stürzte auf ihre Tochter zu und schloß sie in ihre Arme.

Also Tränen! meinte der Baron bei sich; zuerst ging alles so gut! Aber was kann man mit heulenden Frauen anfangen?

»Liebes Kind!« tröstete die Baronin, »hör auf den Vater! Er liebt uns . . .«

»Hortense«, ermahnte der Baron, »mein liebes Kindchen, weine nicht! Weinen macht häßlich. Sei vernünftig! Kehre brav in dein Heim zurück, und ich verspreche dir, daß Stanislaus jenes Haus nie wieder betritt. Ich bitte dich um das Opfer, wenn es überhaupt ein Opfer ist, dem Ehemanne, den man liebt, einen unbedeutenden Fehltritt zu verzeihen. Ich bitte dich bei meinem weißen Haar, bei deiner Liebe zu deiner Mutter! Du wirst mir doch auf meine alten Tage nicht Kummer und Leid zufügen wollen . . .«

Hortense warf sich wie eine Wahnsinnige ihrem Vater zu Füßen, mit einer so verzweifelten Heftigkeit, daß sich ihr lose gebundenes Haar löste.

»Vater«, rief sie aus, »du verlangst meinen Tod! Ich sterbe gern, wenn du es forderst, aber ich will wenigstens ohne Schande sterben. Aber verlange nicht von mir, daß ich geschändet dahingehe oder als Verbrecherin! Ich bin nicht wie meine Mutter. Ich vertrage keinen Schimpf! Wenn ich in meine Ehe zurückginge, wäre es möglich, daß ich Stanislaus in einem Anfalle von Eifersucht ermordete! Fordere nicht Dinge von mir, die über meine Kraft gehen! Ich fühle, daß ich dem Wahnsinn nahe bin . . . Ach, gestern, gestern war er bei jenem Frauenzimmer zu Tisch! Gestern, nachdem er eben meinen Brief gelesen hatte! Sind denn alle Männer so? Sein Fehltritt leicht? Wo sie ein Kind von ihm bekommt . . .«

»Ein Kind?« wiederholte Hulot, indem er zurückprallte. »Das ist ganz sicher ein schlechter Scherz!«

In dem Augenblick traten Viktor und Tante Lisbeth ins Zimmer. Sie blieben betroffen stehen, als sie die Tochter zu Füßen des Vaters knien und die Baronin verweint und verstört danebenstehen sahen.

»Lisbeth«, rief der Baron und faßte die alte Jungfer bei der Hand, »du mußt mir hier zu Hilfe kommen! Hortense ist ganz verdreht. Sie bildet sich ein, ihr Stanislaus habe ein Liebesverhältnis mit Frau Marneffe, wo sie von ihm doch weiter nichts will als die Gruppe . . .«

»Delila!« schrie Hortense auf. »Das einzige Werk, das er seit unserem Hochzeitstage geschaffen hat! Für mich, für seinen Sohn vermochte er nichts zu vollenden. Für diese Dirne aber ergreift ihn die Begeisterung! Vater, mach ein Ende! Jedes Wort ist ein Dolchstoß für mich.«

Mit einer Wendung an die Baronin und an Viktor machte Lisbeth eine bedauernde Geste, die dem Baron galt, die er aber nicht bemerken konnte.

»Vetter«, sagte sie dann zum Baron, »als du mich batest, in Frau Marneffes Haus zu wohnen und ihr die Wirtschaft zu führen, da wußte ich nicht, was für eine Frau sie ist. Aber in drei Jahren sieht man so mancherlei. Sie ist eine Dirne! Und zwar eine Dirne von einer Verworfenheit, die höchstens von ihrem häßlichen und ehrlosen Manne übertroffen wird. Du bist der Dumme, der Ausgebeutelte, der Spielball dieser Leute! Du wirst von ihnen noch zu wer weiß was für Dingen verleitet werden! Ich muß offen und ehrlich reden, denn du stehst an einem grausigen Abgrund.«

Die Baronin und ihre Tochter sahen bei dieser Rede auf Lisbeth wie fromme Beterinnen, die der Madonna für eine Lebensrettung danken.

Tante Lisbeth fuhr fort:

»Das schreckliche Weib wollte die Ehe deines Schwiegersohnes zerstören. Warum? Das weiß ich nicht. Mein Verstand ist zu gering, um solch düstere, gemeine und verruchte Intrigen zu durchschauen. Frau Marneffe liebt Stanislaus durchaus nicht, aber sie will ihn zu ihren Füßen sehen. Aus Rachgier! Ich habe die Elende behandelt, wie sie es verdient. Das schamlose Weib! Ich habe ihr erklärt, daß ich ihr Haus verlassen, daß ich meine Ehre aus diesem Dreck retten wolle. Ich halte treu zu meiner Familie! Sobald ich erfuhr, daß Hortense ihren Mann verlassen habe, bin ich gekommen, Valerie, deine Heilige, die ist schuld an dieser zerstörten Ehe! Und bei einer solchen Intrigantin sollte ich bleiben? Unsere liebe kleine Hortense ist das Opfer der Dirne, die imstande ist, eine ganze Familie zu vernichten, nur um ein paar Brillanten zu ergattern. Ich halte Stanislaus nicht für schuldig, mag er auch schwach sein und auf die Dauer den Koketterien des durchtriebenen Frauenzimmers nicht widerstehen können. Sie wird euch alle miteinander an den Bettelstab bringen. Und du, Vetter, bist der Betrogene! Du brauchst ihr bloß zu erklären, daß du dich um die Beförderung ihres Mannes, dieses elenden Schuftes, nicht mehr kümmern willst und du wirst dich wundern, was passiert! Du bist dann glatt erledigt!«

Die Baronin umarmte Tante Lisbeth mit der leidenschaftlichen Freude einer Frau, die sich gerächt sieht. Alle andern verharrten in tiefem Schweigen. Hulot wußte sofort, was diese Stille für ihn bedeutete. Ein furchtbarer Zorn stieg in ihm auf und verfinsterte seine Mienen. Die Gesichtsadern schwollen ihm, seine Augen wurden rot, seine Hautfarbe marmorbleich.

Adeline warf sich ihm zu Füßen, ergriff seine Hände und beschwor ihn:

»Gnade, lieber Freund, Gnade!«

»Du verachtest mich!« sagte Hulot. Sein Gewissen durchzitterte seine Stimme.

»Unsere Kinder«, fuhr er fort, »werden schließlich unsere Feinde.«

»Vater!« warf Viktor ein.

»Du unterbrichst deinen Vater!« versetzte der Baron mit donnernder Stimme und sah seinen Sohn an.

»Vater, höre mich an!« erwiderte Viktor fest und bestimmt mit der Stimme eines Puritaners. »Ich weiß viel zu gut, daß ich dir Ehrerbietung schulde, als daß ich es jemals daran fehlen lassen könnte. Du wirst gewiß immer in mir den unterwürfigsten und gehorsamsten Sohn finden! Wir sind weit davon entfernt, deine Feinde zu sein. Ich habe mich mit meinem Schwiegervater lediglich deshalb entzweit, weil ich den Sechzigtausendfrancswechsel von Vauvinet eingelöst habe, und ganz gewiß ist das Geld in Frau Marneffes Händen! Vater, ich tadle dich durchaus nicht!« fügte er auf eine Gebärde des Barons hinzu. »Ich will zu Tante Lisbeths Erklärung nur noch bemerken, daß unsere Geldquellen leider beschränkt sind, lieber Vater, wenn auch meine Hingebung für dich grenzenlos ist.«

»Geld!« rief der Greis leidenschaftlich aus, indem er durch diese Erklärung vernichtet in einen Stuhl sank. »Und das sagt mein Sohn! – Man wird Ihnen Ihr Geld zurückerstatten, Herr von Hulot!« sagte er, indem er aufstand.

Er wandte sich nach der Tür.

»Hektor!«

Bei diesem Ruf kehrte sich der Baron noch einmal um und zeigte seiner Frau, die ihn mit der Kraft der Verzweiflung umfaßte, plötzlich ein von Tränen überströmtes Gesicht.

»Geh nicht so weg! Verlaß uns nicht im Zorn! Ich habe dir nichts vorgeworfen!«

»Wir haben dich alle lieb!« fügte Hortense dem rührenden Weheruf ihrer Mutter hinzu.

Unbeweglich und mit hochmütig lächelndem Munde wie ein Standbild beobachtete Lisbeth die Gruppe. Gerade in dem Augenblick betrat der Marschall Hulot das Vorzimmer und machte sich laut vernehmlich. Alle Anwesenden begriffen die Wichtigkeit des Geheimnisses, und sofort änderte sich das Bild; jeder versuchte seine Gemütsbewegung zu verbergen.

Vor der Tür entstand ein Wortwechsel zwischen Mariette und einem Soldaten, der so dringlich angenommen zu werden wünschte, daß die Köchin in den Salon hereinkam.

»Herr Baron, ein Unteroffizier, der aus Algerien kommt, will den gnädigen Herrn durchaus sprechen.«

»Er soll warten!«

»Herr Baron«, flüsterte Mariette ihrem Brotherrn zu, »er hat mir gesagt, ich soll ganz leise melden, daß es sich um Ihren Herrn Onkel handle.«

Der Baron erbebte. Er dachte daran, es könne sich um das Geld handeln, um das er vor zwei Monaten heimlich gebeten hatte, damit er seine Wechsel bezahlen könne. Er verließ seine Familie und eilte in das Vorzimmer, wo er ein Elsässer Gesicht erblickte.

»Der Herr Baron von Hulot?«

»Ja . . .«

»Er selbst?«

»Er selbst!«

Der Unteroffizier, der während dieser Unterredung im Futter seines Käppis nachgesucht hatte, zog einen Brief heraus, den der Baron hastig erbrach.

Er las folgendes:

»Lieber Neffe!

Weit entfernt, Dir die erbetenen hunderttausend Francs zu schicken, muß ich Dir vielmehr melden, daß meine Position nicht mehr haltbar ist, wenn Du nicht tatkräftige Maßregeln zu meiner Rettung ergreifst. Wir haben hier einen Staatsanwalt auf dem Halse, der den Moralkoller hat und der Verwaltung alles mögliche vorwirft. Der Philister ist unmöglich zum Schweigen zu bringen. Wenn sich das Kriegsministerium von solchen Schwarzröcken ins Handwerk pfuschen läßt, dann bin ich verloren. Der Überbringer ist zuverlässig. Suche ihn zu protegieren, denn er hat uns Dienste geleistet. Laß mich nicht im Stich!

Dein getreuer Onkel    

Hans Fischer.«

Dieser Brief wirkte wie ein Blitzschlag. Der Baron sah sich jenen Reibungen gegenüber, die noch heute die algerische Verwaltung abwechselnd eine Beute der Zivil- und der Militärbeamten werden lassen. Es galt für ihn, unverzüglich eine Abwehr der Gefahr zu finden. Er befahl dem Soldaten, am nächsten Tage wiederzukommen, und nachdem er ihn nicht ohne Versprechungen auf Beförderung verabschiedet hatte, kehrte er in den Salon zurück.

»Guten Tag, lieber Bruder, und auf Wiedersehen!« sagte er zum Marschall. »Lebt wohl, Kinder! Laß es dir gut gehen, liebe Adeline! – Und was wird aus dir, Lisbeth?«

»Aus mir? Ich werde dem Marschall die Wirtschaft führen. Es ist nun einmal bis zu allerletzt mein Beruf, euch zu dienen, dem einen oder dem andern.«

»Verlaß Valerie nicht, ehe ich dich noch einmal gesehen habe!« flüsterte Hulot der alten Jungfer zu. »Lebe wohl, Hortense, kleine Widerspenstige! Versuche, recht vernünftig zu sein! Ich habe unvermutet ernste Angelegenheiten. Wir kommen auf die Frage deiner Aussöhnung zurück. Vergiß das nicht, mein liebes Kind!«

Bei diesen Worten küßte er sie.

Er verließ Frau und Kinder so sichtlich erregt, daß sie in die heftigste Angst gerieten.

»Lisbeth«, sagte die Baronin, »wir müssen wissen, was Hektor hat. Noch nie habe ich ihn in ähnlicher Verfassung gesehen. Bleibe noch zwei bis drei Tage bei Frau Marneffe. Ihr sagt er alles, und so können wir erfahren, was ihn so plötzlich umgewandelt hat. Sei ruhig, deine Heirat mit dem Marschall wird zustande gebracht, denn sie ist sehr notwendig!«

»Ich werde den Mut nie vergessen, den du am heutigen Vormittag gezeigt hast!« sagte Hortense und küßte Lisbeth.

»Du hast unsere arme Mutter gerächt!« fügte Viktor hinzu.

Der Marschall beobachtete mit neugieriger Miene die an Lisbeth verschwendeten Liebesbeweise, die nichts eiliger hatte, als alles das ihrer Valerie zu berichten.

 

In Paris ist jedes Ministerium eine kleine Stadt, nur ohne Frauen; aber Klatsch und Verleumdung sind doch zu Hause, ganz als ob auch dort weibliche Wesen wären. Nach drei Jahren war Marneffes Stellung sozusagen ein offenes Geheimnis, und man fragte sich in den Kanzleien: »Wird Marneffe Coquets Nachfolger oder nicht?« Man beobachtete die geringsten Veränderungen des Beamtenpersonals; man ließ kein Auge ab von dem, was in Baron Hulots Abteilung vor sich ging. Der kluge Staatsrat hatte den Beamten, der eigentlich in Coquets Stelle hätte rücken müssen, auf seine Seite gezogen, indem er diesem tüchtigen Arbeiter gesagt hatte, wenn er für Marneffe einträte, werde er unfehlbar dessen Nachfolger. Marneffe sei ein Todeskandidat. Seitdem intrigierte der Betreffende zu Marneffes Vorteil.

Als Hulot sein Wartezimmer durchschritt, das mit Besuchern gefüllt war, erkannte er in einer Ecke Marneffes blaues Gesicht. Marneffe ward als erster hereingerufen.

»Was für ein Anliegen haben Sie, Verehrter?« fragte der Baron, seine Unruhe verbergend.

»Herr Baron, man lacht mich in den Kanzleien aus, weil man soeben erfahren hat, daß der Herr Referent der persönlichen Abteilung heute morgen einen Erholungsurlaub angetreten hat und seine Reise ungefähr vier Wochen währen wird. Einen Monat warten! Man weiß, was das heißt. Sie überliefern mich dem Gespött meiner Feinde! Ich sitze wie auf einem Pulverfaß, und ich stehe für nichts, wenn die ganze Geschichte eines schönen Tages in die Luft fliegt.«

»Lieber Marneffe, man kann nur mit viel Geduld ein Ziel erreichen! Unter zwei Monaten können Sie nicht Kanzleidirektor werden, wenn Sie es überhaupt jemals werden. Da ich genötigt bin, meine eigene Stellung zu verteidigen, kann ich eine anstößige Beförderung nicht durchsetzen.«

»Wenn Sie abgesägt sind, werde ich niemals Kanzleidirektor!« sagte Marneffe kalt. »Lassen Sie mich rasch noch befördern! Es wird Ihnen nichts nützen und nichts schaden!«

»Ich soll mich also für Sie opfern?« fragte der Baron.

»Wenn Sie anders handelten, hätte ich mich sehr in Ihnen getäuscht«, erwiderte Marneffe.

»Sie sind gar zu sehr Marneffe, Herr Marneffe!« sagte der Baron, erhob sich und bedeutete dem Untergebenen die Tür.

»Herr Baron, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen!« antwortete Marneffe ergeben.

Ein niederträchtiger Schuft! murmelte der Baron vor sich hin. Das war eine veritable Drohung!

Zwei Stunden später, gerade als der Baron fertig war, Claude Vignon zu informieren, den er ins Justizministerium senden wollte, damit er Erkundigungen bei dem Gericht einzöge, in dessen Bereich sich Hans Fischer aufhielt, kam Valeries Kammermädchen, Regina, in das Geschäftszimmer Hulots und übergab ihm ein Briefchen, auf dessen Beantwortung sie zu warten hätte.

Das Dienstmädchen hierher zu schicken! sagte der Baron bei sich. Valerie ist toll! Sie kompromittiert uns alle zusammen und macht die Beförderung ihres abscheulichen Marneffe immer unmöglicher!

Er verabschiedete den Privatsekretär des Ministers und las den Brief:

»Mein lieber Freund!

Ach, was für einen Auftritt habe ich soeben erduldet! Wenn Du mich seit drei Jahren beglückt hast, so habe ich das heute ordentlich bezahlt. Mein Mann ist in einem schauderhaften Wutzustande vom Amt heimgekehrt. Daß er ein häßlicher Kerl ist, wußte ich ja immer, aber heute war er ein Scheusal. Seine vier echten Zähne wackelten nur so. Er hat mir seine ekelhafte Intimität angedroht, wenn ich Dich je wieder empfinge. Mein armer Liebling, unsere Tür wird Dir von jetzt an verschlossen sein. Du siehst, wie ich weine! Meine Tränen fallen auf das Papier und machen es feucht. Wirst Du lesen können, was ich schreibe, lieber Hektor? Dich nicht mehr sehen, auf Dich verzichten, wo ich ein Stück von Dir in mir trage, als trüge ich Dein Herz in mir! Ach, ich möchte am liebsten sterben! Denke an unsern kleinen Hektor! Verlaß mich nicht; aber entehre Dich nicht für Marneffe, gib seinen Drohungen nicht nach! Ach, ich liebe Dich, wie ich niemals geliebt habe. Ich gedenke aller Opfer, die Du Deiner Valerie gebracht; sie ist nicht undankbar und wird es nie sein. Du, nur Du bist mein Gatte! Laß die Sache mit den zwölfhundert Francs Rente, um die ich Dich für das Kleine gebeten habe, das in einigen Monaten kommen wird. Ich will Dich nichts mehr kosten; aber was mein ist, das ist immerdar auch Dein!

Mein lieber Hektor, wenn Du mich ebenso liebtest wie ich Dich, dann nähmst Du Deinen Abschied. Wir ließen beide unsere Familien, unsere Sorgen, alle Anhängsel des alten Lebens, wo es so viel Haß gab, und gingen mit Lisbeth in ein hübsches Winkelchen der Bretagne oder wohin Du möchtest. Dort würden wir einsam leben und glücklich sein, fern von der ganzen Gesellschaft. Deine Pension und das wenige, was ich persönlich besitze, wird uns genügen. Du bist eifersüchtig, gut: Du sollst Deine Valerie einzig und allein mit ihrem Hektor beschäftigt sehen. Du brauchtest nie zu jammern wie neulich. Ich werde nie mehr als ein Kind, unseres, haben; sei dessen sicher. Du lieber alter Brummbär.

Du kannst Dir meine Wut gar nicht vorstellen, denn da müßtest Du erst wissen, wie er mich behandelt und was für Gemeinheiten er von Deiner Valerie gesagt hat! Seine Worte würden das Papier beschmutzen. Eine Frau wie ich, eines Marschalls Tochter, soll derartiges in ihrem ganzen Leben nicht ein zweites Mal hören! Ach, hätte ich Dich dagehabt, um ihn mit dem Anblick der sinnlosen Leidenschaft zu strafen, die ich für Dich habe. Mein Vater hätte den Elenden niedergestochen. Ich kann nur tun, was eine Frau kann: Dich rasend lieben! Deshalb, mein Liebling, ist es mir in meiner erbitterten Stimmung auch unmöglich, auf Deine Besuche zu verzichten. Ich will Dich heimlich sehen, alle Tage! So sind wir Frauen nun einmal. Dein Haß ist mein Haß! Wenn Du mich liebst, so mache ihn um Himmels willen nicht zum Kanzleidirektor! Er soll als das sterben, was er ist.

Zur Stunde schwindelt mir der Kopf noch; ich höre in einem fort seine Beleidigungen. Tante Lisbeth, die mich verlassen wollte, hat Mitleid mit mir und bleibt noch ein paar Tage.

Mein süßer Liebling, ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Ich denke vorläufig an die Flucht. Ich habe stets für das Land geschwärmt, für die Bretagne oder das Languedoc. Ich richte mich aber ganz nach Dir, vorausgesetzt, daß ich Dich ungehindert lieben kann. Du Ärmster, wie beklage ich Dich! Nun bist Du also gezwungen, zu Deiner alten Adeline zurückzukehren, dieser Tränenbüchse. Mein Mann, das Scheusal, will mich nämlich Tag und Nacht bewachen. Er hat sogar von der Polizei usw. gesprochen. Komme ja nicht! Ich weiß, daß er zu allem fähig ist; er hat von jeher die gemeinste Spekulation mit mir getrieben. Ich möchte Dir auch alles wiedergeben, was Deine Großmut mir geschenkt. Mein lieber Hektor, ich mag gefallsüchtig sein und bin Dir leichtsinnig erschienen, aber da verkennst Du Deine Valerie! Sie hat Dich manchmal gern gequält, aber sie zieht Dich allem in der Welt vor. Man wird Dich nicht verhindern können, Tante Lisbeth zu besuchen; ich werde mit ihr Mittel und Wege ersinnen, Dich sprechen zu können. Schreibe mir um Himmels willen ein paar Zeilen, Schatz, und beruhige mich! Deine liebe Nähe fehlt mir so! Ach, was würde ich nicht alles hingeben, wenn ich Dich dafür neben mir haben könnte! Ein Brief von Dir wird wie ein Zauber auf mich wirken. Schreibe mir Worte, die Deine ganze liebe Seele enthalten! Ich werde Dir den Brief zurückgeben; denn wir müssen vorsichtig sein; ich kann ihn nicht verstecken, denn er durchsucht alles. Kurz, beruhige Deine Valerie, Dein Weib, Deines Kindes Mutter! Ach, daß ich nun gezwungen bin, Dir zu schreiben, wo ich Dich täglich zu sehen gewohnt bin! Ich habe schon zu Lisbeth gesagt: Ich habe mein Glück gar nicht gekannt!

Tausend Küsse, Geliebter! Behalte recht lieb

Deine Valerie.«

»Tränen um mich!« flüsterte Hulot vor sich hin, als er den Brief zu Ende gelesen hatte. »Wie geht es der gnädigen Frau?« fragte er das Kammermädchen.

»Die gnädige Frau liegt zu Bett; sie hat Krämpfe«, antwortete das Mädchen. »Der Nervenanfall hat die gnädige Frau zu einem Häufchen Unglück gemacht. Kaum hatte sie den Brief geschrieben, da hat der Anfall sie gepackt. Weil sie so geweint hatte! Man konnte die Stimme des Herrn Marneffe draußen auf der Treppe hören!«

In seiner Bestürzung schrieb der Baron folgenden Brief auf amtlichem, mit Aufdruck versehenem Papier:

»Mein Engel!

Beruhige Dich: er soll als simpler Sekretär abfahren! Dein Gedanke ist ausgezeichnet. Wir werden fern von Paris leben und mit unserm kleinen Hektor glücklich sein. Ich werde meinen Abschied nehmen und schon eine gute Stelle bei irgendeiner Eisenbahngesellschaft finden. Ach, liebste Freundin, ich fühle mich durch Deinen Brief verjüngt! Ich fange mein Leben wieder von vorn an, und – Du sollst es sehen – ich erarbeite unserm lieben Kleinen ein Vermögen. Als ich Deinen Brief las, der tausendmal glühender ist als die Briefe der Neuen Heloise, habe ich Wunder erlebt. Ich hätte nicht geglaubt, daß meine Liebe zu Dir noch wachsen könnte. Heute abend wirst Du bei Tante Lisbeth sehen

Deinen Hektor, der auf ewig der Deine ist.«

Das Mädchen nahm die Antwort mit, den ersten Brief, den der Baron an seine »liebste Freundin« geschrieben hatte. Diese Gemütsbewegung bildete ein Gegengewicht zu der nahenden Katastrophe. Augenblicklich sorgte sich der Baron, im Glauben, das Unglück von seinem Onkel Hans Fischer abwenden zu können, nur um das ihm fehlende Geld.

Eine der Eigentümlichkeiten der Bonapartisten ist ihr Glaube an die Macht des Säbels. Das Militär steht ihnen über den Zivilbehörden. Hulot lachte über den Staatsanwalt aus Algier, wo doch das Kriegsministerium zu herrschen hatte. Der Mensch bleibt immer, was er war. Offiziere bleiben Offiziere. Der kaiserliche Gardist konnte nicht vergessen, daß die Bürgermeister der Städte und die kaiserlichen Präfekten, selber Fürsten in ihren Bereichen, einst den durchmarschierenden Gardegeneralen an der Grenze ihrer Bezirke entgegenkamen, sie feierlich begrüßten und ihnen die höchsten Ehren erwiesen.

Halb fünf Uhr ging der Baron geradenwegs zu Frau Marneffe. Das Herz schlug ihm wie einem Jüngling, als er die Treppe hinaufstieg; er dachte an nichts als an die Frage: Werde ich sie sehen oder nicht? Der Auftritt am Morgen, wo seine Familie in Tränen zu seinen Füßen gelegen hatte, war völlig vergessen. Bewies nicht Valeries Brief, den er in einem kleinen Brustbeutel lebenslang auf seinem Herzen zu tragen sich vorgenommen hatte, daß er mehr geliebt wurde als der liebenswürdigste junge Mann? Als der unglückliche Baron geläutet hatte, hörte er des gebrechlichen Marneffes Schlürfen mit den Hausschuhen und sein abscheuliches Gehuste. Marneffe öffnete, aber nur um sich hoch aufzurecken und Hulot die Treppe zu weisen mit genau derselben Gebärde, mit der Hulot ihm die Tür seines Geschäftszimmers gewiesen hatte.

»Sie sind gar zu sehr Hulot, Herr Hulot!« sagte er.

Der Baron wollte an ihm vorbeigehen, aber Marneffe zog eine Pistole aus der Tasche und spannte sie.

»Herr Staatsrat, wenn ein Mann ein Schuft ist wie ich – denn dafür halten Sie mich doch, nicht wahr? –, so wäre er ein kleinlicher Feigling, wenn er nicht jedweden Vorteil aus seiner verkauften Ehre herauspreßte! Sie wollen den Krieg! Gut, er soll heiß und schonungslos werden! Kommen Sie ja nicht wieder und versuchen Sie nicht, jetzt einzudringen. Ich habe den Polizeikommissar von meiner Lage Ihnen gegenüber benachrichtigt.«

Und Hulots Bestürzung benutzend, schob er ihn hinaus und schloß die Tür.

Ein vollendeter Verbrecher! meinte Hulot bei sich, als er zu Lisbeth hinaufstieg. Ja, jetzt verstehe ich den ersten Brief so recht. Wir müssen Paris verlassen, Valerie und ich! Valerie soll mir für den Rest meines Lebens gehören! Sie soll mir die Augen schließen!

Lisbeth war nicht zu Hause. Frau Olivier teilte dem Baron mit, daß sie zur Frau Baronin gegangen sei und den Herrn Baron dort anzutreffen geglaubt hätte.

Die arme alte Schachtel! Ich hätte sie nicht für so schlau gehalten, wie sie sich heute morgen gezeigt hat, dachte der Baron bei sich, indem er sich an Lisbeths Verhalten erinnerte.

An der Ecke der Rue Vanneau und der Rue de Babylone sah er zurück auf das Paradies, aus dem ihn Frau Ehe mit dem Schwert des Gesetzes in der Hand vertrieb. Valerie stand an ihrem Fenster und folgte Hulot mit den Blicken; als er zu ihr hinaufsah, schwenkte sie ihr Taschentuch; aber der gemeine Marneffe schlug sie in dem Augenblick auf den Kopf und zog sie roh vom Fenster fort. Dem Staatsrat trat eine Träne in das Auge.

Welche Marter, wenn man so geliebt wird und dabei die Geliebte mißhandelt sieht und selber bald siebzig alt ist!

 

Lisbeth war gekommen, um der Familie die glückliche Neuigkeit zu verkünden. Adeline und Hortense erfuhren also, daß der Baron, der sich in den Augen der ganzen Verwaltung nicht hatte entehren wollen, indem er Marneffe zum Kanzleidirektor beförderte, von dem wütend gewordenen Ehemanne vor die Tür gesetzt worden war. Da hatte denn die glückliche Adeline den Mittagstisch derart angeordnet, daß Hulot es besser als bei Valerie finden solle, und die aufopfernde Lisbeth half Mariette, diese schwierige Aufgabe zu erfüllen. Tante Lisbeth war nunmehr der wahre Abgott der Familie. Mutter und Tochter küßten ihr die Hände und erzählten ihr mit rührender Freude, der Marschall willige ein, sie zu seiner Hausdame zu machen.

»Wenn du einmal erst das bist, dann wirst du auch bald seine Frau werden!« sagte Adeline.

»Kurzum, er hat nicht nein gesagt, als Viktor mit ihm davon gesprochen hat«, fügte die Gräfin Steinbock hinzu.

Der Baron wurde von seiner Familie mit so zarten und rührenden Beweisen der Zuneigung und Liebe aufgenommen, daß er gezwungen war, seinen Kummer zu verbergen. Der Marschall kam zum Diner. Hulot ging hinterher nicht fort wie sonst. Auch Viktor und seine Frau erschienen. Es wurde Whist gespielt.

»Es ist lange her, Hektor«, sagte der Marschall ernst, »daß du uns solch einen Abend geschenkt hast!«

Die Worte des alten Soldaten, der seinen Bruder verzog und ihn so behutsam tadelte, machten tiefen Eindruck. Man erkannte daran, wie verletzt sein Herz sein mußte, in dem alles Leid der Seinen einen Widerhall gefunden hatte.

Um acht Uhr wollte der Baron Lisbeth nach Hause begleiten; er versprach wiederzukommen.

»Bedenke, Lisbeth, er hat sie mißhandelt!« sagte er auf der Straße zu ihr. »Ach, nie habe ich sie so geliebt!«

»Und ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß Valerie dich so sehr liebte!« entgegnete Lisbeth. »Sie ist leichtsinnig, gefallsüchtig; sie hat es gern, wenn man ihr den Hof macht, wenn man vor ihr die Komödie der Liebe spielt, wie sie es nennt, aber zu dir allein fühlt sie eine wirkliche Neigung.«

»Was läßt sie mir durch dich ausrichten?«

»Gib acht!« versetzte Lisbeth. »Du weißt, daß sie mit Crevel etwas gehabt hat. Du darfst ihr deshalb nicht böse sein, denn das hat sie für den Rest ihres Lebens außer Not gesetzt; aber sie verabscheut ihn, und die Sache ist so gut wie aus. Nur den Schlüssel zu einer Wohnung hat sie noch behalten . . .«

»Rue du Dauphin!« rief Hulot überglücklich. »Dafür allein verzeihe ich ihr Crevel . . . Ich war dort, ich weiß . . .«

»Hier ist der Schlüssel«, sagte Lisbeth, »laß dir im Laufe des morgigen Tages einen ebensolchen machen, noch besser zwei.«

»Weiter?« sagte Hulot begierig.

»Genug! Ich komme morgen noch einmal zu euch zu Tisch. Du gibst mir Valeries Schlüssel zurück. Vater Crevel könnte nämlich das Exemplar von ihr zurückverlangen, das er ihr gegeben hat. Übermorgen gehst du dann dorthin und triffst dich mit Valerie und besprichst die ganze Sache. Du wirst völlig sicher sein, denn es sind zwei Ausgänge da. Sollte Crevel – er hat so seine galanten Gewohnheiten! – zufällig durch den einen Eingang hereinkommen, so geht ihr durch den andern fort, oder umgekehrt. Siehst du, du alter Sünder, was du mir nicht alles zu verdanken hast! Wie wirst du dich denn einmal revanchieren?«

»Ich tue für dich alles, was du willst!«

»Gut! Widersetze dich nicht meiner Heirat mit deinem Bruder!«

»Du willst Frau Marschall Hulot werden! Die Gräfin von Pforzheim! Du!« rief Hulot überrascht aus.

»Adeline hat sich als Baronin recht gut gemacht«, versetzte Tante Lisbeth bissig. »Höre, du alter Wüstling, du weißt, wie die Sachen stehen! Deine Familie könnte eines schönen Tages brotlos auf der Straße sitzen.«

»Ich fürchte es«, sagte Hulot ergriffen.

»Wer wird deine Frau und deine Tochter unterstützen, wenn der Marschall stirbt? Die Witwe eines Marschalls von Frankreich hat mindestens sechstausend Francs Pension, nicht wahr? Na also, alter Leichtfuß! Ich heirate nur, um deiner Frau und deiner Tochter das tägliche Brot zu sichern.«

»Auf diesen Ausweg war ich nicht gefaßt«, gab der Baron zu. »Ich werde bei meinem Bruder vorstellig werden. Deiner sind wir ja sicher . . . Im übrigen sage meinem Engel, daß mein Leben ihm gehört!«

Nachdem der Baron Lisbeth in das Haus in der Rue Vanneau hatte gehen sehen, kam er zurück zum Whistspiel und blieb zu Hause.

 

Die Baronin war auf dem Gipfel des Glücks; ihr Mann schien wieder seiner Familie zu gehören, denn während der nächsten vierzehn Tage ging er morgens neun Uhr in sein Ministerium, war um sechs Uhr zu Tisch zurück und blieb den Abend über im Kreise der Seinen. Zweimal führte er Adeline und Hortense ins Theater. Mutter und Tochter ließen drei Dankmessen lesen und beteten zu Gott, er möge ihnen den Gatten und Vater erhalten, den er ihnen zurückgegeben.

Viktor Hulot sagte eines Abends, als sein Vater schlafen gegegangen war, zu seiner Mutter:

»Ach, wir sind glücklich! Vater ist heimgekehrt. Meine Frau und ich bedauern das geopferte Geld nicht, wenn das so bleibt.«

»Dein Vater ist bald siebzig Jahre alt«, antwortete die Baronin. »Er denkt noch immer an Frau Marneffe; ich habe es gemerkt. Aber bald wird er nicht mehr an sie denken. Die Leidenschaft für die Frauen ist nicht wie das Spiel, die Spekulationssucht oder wie der Geiz. Sie hat ein Ende.«

Die schöne Adeline – denn diese Frau war trotz ihrer fünfzig Jahre und bei allem Kummer immer noch schön – täuschte sich hierin. Galante Naturen, das heißt Männer, die von der Natur mit der köstlichen Fähigkeit beschenkt sind, über die Grenze hinaus zu lieben, die sonst der Liebe gesteckt ist, sind nie so alt, wie die Zahl ihrer Jahre angibt.

Während seiner soliden Periode war der Baron dreimal in der Rue du Dauphin, wobei er keinmal siebzig Jahre alt gewesen war. Die neubelebte Leidenschaft verjüngte ihn, und ohne Bedauern hätte er für Valerie seine Ehre, seine Familie, alles preisgegeben. Valerie war durchaus verändert und sprach nie von Geld, auch nicht von den zwölfhundert Francs Rente für ihren Sohn; im Gegenteil, sie bot dem Baron Geld an. Sie spielte die Frau von sechsunddreißig Jahren, die einen hübschen, armen, schwärmerischen und verliebten Studenten liebt. Und die arme Adeline wähnte, ihren lieben Hektor zurückgewonnen zu haben!

Das vierte Stelldichein war im letzten Augenblicke des dritten bestimmt worden. Die festgesetzte Stunde war neun Uhr morgens. Am Zahltage dieses Glückes, in dessen Erwartung dem leidenschaftlichen Greis das Familienleben erträglich wurde, ließ Valeries Kammermädchen früh um acht Uhr den Baron herausbitten. Hulot, der eine Katastrophe befürchtete, ging hinaus. Das Mädchen übergab dem Baron folgenden Brief:

»Lieber alter Brummbär!

Komme nicht in die Rue du Dauphin. Unser Drache ist krank, ich muß ihn pflegen; aber sei heute abend dort, um neun Uhr. Crevel ist in Corbeil bei Herrn Lebas; ich bin gewiß, daß er heute keine Prinzessin in sein Nestchen bringt. Ich habe hier alles so eingerichtet, daß ich die Nacht für mich habe. Ich muß nur zurück sein, ehe Marneffe aufwacht. Antworte mir ausführlich! Hoffentlich läßt Dir Dein Klageweib die Freiheit wie ehedem. Sie soll übrigens noch ganz hübsch sein. Wer weiß, ob du nicht auch mit ihr wieder etwas hast! Am Ende betrügst Du mich gar mit ihr, Du ewiger Genießer! Verbrenne meinen Brief! Ich bin sehr mißtrauisch geworden.«

Hulot schrieb die folgende kurze Antwort:

»Mein Herzchen!

Niemals seit fünfundzwanzig Jahren hat meine Frau, wie ich Dir bereits gesagt habe, mein Vergnügen gestört. Ich würde Dir hundert Adelinen opfern. Heute abend neun Uhr bin ich also im Tempel Crevel und erwarte meine Göttin. Möchte der Herr Sekretär nur bald abfahren! Dann wären wir nicht mehr getrennt. Das ist der sehnsüchtigste Wunsch Deines

Hektor.«

Am Abend sagte der Baron zu seiner Frau, er hätte mit dem Minister in Saint-Cloud zu arbeiten und käme erst um vier oder fünf Uhr morgens zurück. In Wahrheit ging er nach der Rue du Dauphin.

 

Die Juninacht ging zu Ende. Es war fünf Uhr. Der Baron erwachte in Crevels elegantem Bette. Neben ihm lag Valerie. Sie schlief, entzückend hingestreckt, schön, wie just Frauen, die auch im Schlafe schön sind.

Wie Hulot so dalag, glitten seine Blicke zufällig nach der mit Blumen bemalten Tür. Es kam ihm mit einem Male vor, als murmelten dahinter Stimmen. Er blieb liegen, aber kalter Schweiß überströmte ihn. Er wollte zweifeln, aber die Stimmen flüsterten wieder.

Wenn es wenigstens nur Crevel wäre, der sich einen faulen Witz mit mir macht! dachte er bei sich, als er nicht mehr an der Anwesenheit fremder Personen im »Tempel« zweifeln konnte.

Die Tür tat sich auf, und das Gesetz zeigte sich in der Gestalt eines liebenswürdigen kleinen Polizeikommissars und eines baumlangen Friedensrichters. Die beiden waren in Begleitung des ehrenwerten Marneffe. Der Polizeikommissar, ein Mann mit gelbem Gesicht und spärlichem Haar, sah wie ein listiger lustiger Fuchs aus, für den Paris keine Geheimnisse mehr besitzt. Seine bebrillten Augen blitzten mit schlauen spöttischen Blicken durch die Gläser. Der Friedensrichter, ein ehemaliger Rechtsanwalt, ein alter Anbeter des schönen Geschlechts, sah neidisch auf den Übertreter der Gesetze.

»Herr Baron, entschuldigen Sie, bitte, die Härte unseres Standes!« sagte der Kommissar. »Wir sind von diesem Herrn Kläger hier gerufen worden. Der Herr Friedensrichter da hat der Angelegenheit beizuwohnen. Ich weiß, wer Sie sind und wer die schuldige Dame.«

Valerie schlug erstaunt die Augen auf und stieß jenen durchdringenden Schrei aus, den die Schauspielerinnen erfunden haben, um auf der Bühne den Wahnsinn darstellen zu können. Sie wand sich in Zuckungen auf dem Bett wie im Mittelalter eine Hexe in ihrem Schwefelhemd auf dem Scheiterhaufen.

»Eher tot, lieber Hektor! Nur nicht die Sittenpolizei! Niemals!«

Sie sprang auf, flog wie eine weiße Wolke zwischen den drei Zuschauern hindurch und duckte sich in einen Lehnsessel, den Kopf in den Händen verbergend.

»Verloren! Tot!« jammerte sie.

»Mein Herr!« herrschte Marneffe den Baron an, »wenn meine Frau verrückt wird, dann sind Sie nicht bloß ein Wüstling, sondern ein Mörder!«

Was soll ein Mann tun oder sagen, der in einem Bett überrascht wird, das ihm nicht einmal gehört, nicht einmal mietweise, und das mit einer Frau, die ihm erst recht nicht gehört?

»Herr Friedensrichter, Herr Polizeikommissar«, sagte der Baron mit Würde, »haben Sie die Güte, sich etwas um diese unglückliche Dame zu kümmern, die mir den Verstand zu verlieren scheint! Das Protokoll nehmen Sie nachher auf. Zweifellos sind die Türen geschlossen, und in Anbetracht des Zustandes, in dem wir uns befinden, haben Sie weder von ihrer noch von meiner Seite einen Fluchtversuch zu befürchten.«

Beide Beamte kamen dem im Befehlston ausgesprochenen Wunsche des Staatsrates nach.

»Komm, ich will mit dir sprechen, elende Lakaienseele!« sagte Hulot leise zu Marneffe, faßte ihn am Arm und zog ihn zu sich heran. »Ich wäre der Mörder nicht, sondern du! Sag an, willst du Kanzleidirektor werden und Ritter der Ehrenlegion?«

»Vor allen Dingen das erstere!« antwortete Marneffe.

»Du sollst alles werden, beruhige deine Frau, und schicke die Herren weg!«

»Nein!« versetzte Marneffe scharf. »Die Herren müssen das Protokoll auf frischer Tat aufnehmen, denn was könnte ich ohne dieses Aktenstück, der Basis meiner Klage, ausrichten? Die hohe Verwaltung hat ihr Wort nicht gehalten. Sie haben mir meine Frau gestohlen, Herr Baron, und mich nicht zum Kanzleidirektor gemacht. Ich gebe Ihnen nur zwei Tage, um die Sache in Ordnung zu bringen. Ich habe hier Briefe . . .«

»Was für Briefe?« rief der Baron, indem er Marneffe unterbrach.

»Nun, Briefe, die beweisen, daß das Kind, das meine Frau kriegen wird, von Ihnen ist. Sie verstehen! Sie müssen meinem andern Sohn eine Rente aussetzen, die dem Anteil gleichkommt, den ihm das illegitime Kind nehmen wird. Ich will bescheiden sein, denn die Sache ist mir ziemlich Wurst. Ich habe keinen Vaterschaftskoller, beim Teufel nicht! Zweitausend Francs Rente sollen genügen. Morgen früh will ich aber Coquets Nachfolger sein und in die Liste derer eingetragen, die anläßlich des Julifestes zu Rittern der Ehrenlegion vorgeschlagen werden oder . . . das Protokoll wird mit meiner Klage bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Ich bin ein guter Kerl, nicht?«

»Gott, die hübsche Frau!« sagte der Friedensrichter zum Polizeikommissar. »Es wäre wirklich schade, wenn sie wahnsinnig würde.«

»Sie ist nicht wahnsinnig«, antwortete der Polizeikommissar bestimmt. Ein Polizeimensch ist immer der verkörperte Zweifel.

»Der Herr Baron von Hulot ist in eine Falle gegangen«, fügte der Polizeikommissar laut genug hinzu, um von Valerie verstanden zu werden.

Valerie schleuderte dem Kommissar einen Blick zu, der ihn getötet hätte, wenn Blicke das Gift hätten, das sie ausdrücken. Der Kommissar lächelte; auch er hatte seine Falle gestellt. Valerie war hineingegangen.

Marneffe forderte seine Frau auf, in das Schlafzimmer zurückzugehen und sich daselbst anständig anzukleiden. Er hatte sich mit dem Baron über alle Punkte geeinigt. Hulot zog einen Schlafrock an und kam in das erste Zimmer zurück.

»Meine Herren«, sagte er zu den beiden Beamten, »ich brauche Sie nicht erst um Verschwiegenheit zu bitten.«

Die beiden Beamten verneigten sich. Der Polizeikommissar klopfte zweimal leicht an die Tür. Sein Schreiber trat ein, setzte sich an den Tisch und fing an, nach seinem leisen Diktat zu schreiben. Valerie fuhr indessen fort, heiße Tränen zu vergießen. Als sie mit Ankleiden fertig war, ging Hulot ins Schlafzimmer und zog sich auch an. Währenddem wurde das Protokoll aufgenommen. Marneffe wollte darauf mit seiner Frau weggehen; aber Hulot, der glaubte, er sähe sie zum letzten Male, erbat durch eine Gebärde die Gunst, mit ihr sprechen zu dürfen.

»Herr Marneffe, die gnädige Frau kommt mir teuer genug zu stehen, so daß Sie mir wohl erlauben können, ihr Lebewohl zu sagen . . . in Ihrer Gegenwart natürlich.«

Valerie erschien, und Hulot sagte leise zu ihr:

»Es bleibt uns nur noch die Flucht übrig; aber wie sollen wir bis dahin unsern Briefwechsel bewerkstelligen? Wir sind verraten worden.«

»Ja, durch Regina!« antwortete Valerie. »Mein geliebter Freund, nach diesem Skandal dürfen wir uns nicht wiedersehen. Ich bin entehrt. Zudem wird man dir Schändlichkeiten über mich hinterbringen, und du wirst sie glauben.«

Der Baron machte eine abwehrende Bewegung.

»Du wirst sie glauben, und es ist vielleicht gut so, denn dann wirst du dich nicht nach mir sehnen.«

»Er soll doch nicht als simpler Sekretär abfahren!« sagte Marneffe höhnisch zum Staatsrat, als er zurückkam, seine Frau zu holen, zu der er roh sagte: »Genug, Frau, wenn ich dir gegenüber auch schwach bin, so will ich doch für andere nicht das dumme Luder sein!«

Valerie verließ das Crevelsche Nest, wobei sie dem Baron noch einen letzten, so sinnlichen Blick zuwarf, daß er sie für rasend verliebt hielt. Der Friedensrichter reichte Frau Marneffe galant die Hand, als er sie an den Wagen führte. Der Baron, der das Protokoll unterschreiben mußte, blieb ganz verdutzt zurück, allein mit dem Polizeikommissar. Als der Staatsrat unterzeichnet hatte, sah ihn der verschmitzt über seine Brillengläser hinweg an.

»Herr Baron, Sie lieben die kleine Dame sehr?«

»Zu meinem Unglück, wie Sie sehen.«

»Wenn Sie nun aber nicht geliebt«, versetzte der Kommissar, »sondern betrogen würden?«

»Davon habe ich eigentlich schon den Beweis, Herr Kommissar, und zwar ist diese Wohnung wiederum Zeugin. Wir haben uns darüber auch bereits ausgesprochen, Herr Crevel und ich . . .«

»Ah, Sie wissen also, daß Sie sich hier in der Wohnung des Herrn Bürgermeisters befinden?«

»Gewiß!«

Der Kommissar lüftete leicht den Hut und empfahl sich dem alten Herrn.

»Sie sind sehr verliebt. Ich will lieber schweigen«, meinte er. »Ich sehe veraltete Leidenschaften ebenso ernst an wie die Ärzte veraltete Krankheiten. Ja, ja, so eine Leidenschaft ist genauso!«

»Was wollten Sie mir eigentlich noch sagen?« fragte der Staatsrat, den die unklare Anspielung verdroß.

»Warum sollte ich Ihnen Ihre Illusionen rauben? Es ist so selten, daß man in Ihrem Alter noch welche hat.«

»Befreien Sie mich davon!« rief der Staatsrat.

»Hinterher verwünscht man den Arzt«, meinte der Kommissar lächelnd.

»Ich bitte Sie darum, Herr Kommissar!«

»Also gut! Die Frau steckt mit ihrem Mann unter einer Decke!«

»Ach wo!«

»Herr Baron, das kommt unter zehn Fällen etwa zweimal vor. Ich sage Ihnen, unsereiner versteht sich darauf!«

»Welchen Beweis haben Sie dafür?«

»Zunächst einmal den Mann!« sagte der pfiffige Polizeikommissar mit der Ruhe eines Wundarztes, der es gewöhnt ist, zu amputieren. »Die Spekulation steht klar und deutlich auf seiner ausgemergelten ekelhaften Visage geschrieben. Sagen Sie, ist Ihnen nicht viel an einem gewissen von dieser Dame an Sie gerichteten Briefe gelegen, in dem von dem Kinde die Rede ist?«

»Gewiß! Der Brief ist mir so wert, daß ich ihn immer bei mir trage«, antwortete Baron Hulot dem Polizeikommissar und suchte nach dem kleinen Brustbeutel, um den Brief herauszuholen.

»Bemühen Sie sich nicht erst!« versetzte der Kommissar im kalten Ton eines Staatsanwalts. »Der Brief ist hier! Jetzt weiß ich alles, was ich wissen wollte. Frau Marneffe muß also gewußt haben, wo Sie den Brief hatten!«

»Sie allein in der Welt.«

»Das dachte ich mir. Sehen Sie, da haben wir ja den Beweis, den Sie von mir über das Komplott der beiden in dieser Affäre verlangen!«

»Wieso?« fragte der Baron noch ungläubig.

»Als wir ankamen, Herr Baron«, erzählte der Kommissar, »da ist der elende Marneffe zuerst eingetreten und hat den Brief rasch an sich genommen, den seine Frau ohne jeden Zweifel hier hingelegt hatte . . .« Dabei zeigte er auf den Vertiko. »Offenbar ist diese Stelle zwischen Mann und Frau vorher vereinbart worden, für den Fall, daß es ihr überhaupt gelingen werde, Ihnen während des Schlafes den Brief zu stehlen. Dieser Brief, den die Dame an Sie gerichtet hat, ist zusammen mit denen, die Sie ihr geschrieben haben, bei dem bevorstehenden Strafprozeß von entscheidender Bedeutung.«

Der Kommissar zeigte Hulot den Brief, den der Baron in seinem Geschäftszimmer im Ministerium durch Valeries Kammermädchen erhalten hatte.

»Er gehört zu den Akten, Herr Baron. Geben Sie ihn mir wieder«, sagte der Kommissar.

»Sie haben recht, Herr Kommissar!« sagte Hulot mit verzerrtem Gesicht. »Diese Frau ist eine regelrechte Dirne. Ich bin jetzt gewiß, daß sie drei Liebhaber hat!«

»Ich glaube auch«, sagte der Polizeikommissar. »Ja, es gibt nicht bloß Straßendirnen! Der ganze Unterschied ist der, daß es sich bei denen, die ihr Handwerk zu Wagen, in den Salons oder in ihrem eigenen Hause betreiben, nicht bloß um ein paar Francs handelt. Manche kosten Millionen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Herr Baron, machen Sie sich von ihr frei! Das ist natürlich kein leichtes Stück Arbeit! Der Schuft von einem Mann hat das Gesetz auf seiner Seite . . .«

»Ich danke Ihnen, Herr Kommissar«, sagte der Staatsrat, indem er versuchte, eine würdevolle Haltung zu bewahren.

»Herr Baron, wir werden die Wohnung schließen. Der Spaß ist zu Ende. Den Schlüssel händigen Sie wohl dem Herrn Bürgermeister selbst ein?«

 


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