Honoré de Balzac
Tante Lisbeth
Honoré de Balzac

 << zurück weiter >> 

Wenn der Baron ein Protektorat übernommen hatte, vergaß er auch seinen Schützling nicht. Der Handelsminister Graf Popinot war ein Kunstfreund. Er gab zweitausend Francs für ein Exemplar der Simsongruppe unter der Bedingung, daß die Form zerbrochen werde, damit nur sein Exemplar und das von Fräulein von Hulot vorhanden bliebe. Das Werk erweckte die Bewunderung eines Fürsten; man zeigte ihm das Modell zu der Uhrgruppe. Er gab den Auftrag, sie auszuführen, indessen dürfe sie nicht wiederholt werden. Dafür bot er dreißigtausend Francs. Die Künstlerkommission, darunter Stidmann, erklärte in ihrem Gutachten, der Schöpfer der beiden Werke sei fähig, das geplante Standbild zu schaffen. Infolgedessen beschloß der Marschall Fürst von Weißenburg, Kriegsminister und Vorstand des Ausschusses für ein Denkmal des Marschalls Montcornet, die Ausführung Steinbock zu übertragen. Graf Rastignac, damals Unterstaatssekretär, wünschte von ihm ein ganz besonderes Werk. Er erhielt jene köstliche Gruppe der beiden Knaben, die ein kleines Mädchen bekränzen, worauf er ihm ein Atelier im Marmordepot der Regierung in Aussicht stellte.

Das war ein Erfolg, ein echt Pariser Erfolg, das heißt ein Erfolg, der jeden zermalmt, dessen Schultern ihn nicht zu tragen fähig sind, was nebenbei bemerkt häufig vorkommt. Man sprach in den Tageszeitungen und in den Monatsschriften vom Grafen Stanislaus Steinbock, ohne daß er und Lisbeth eine Ahnung davon hatten. Tag für Tag besuchte er die Baronin, während Fräulein Fischer essen ging. Er blieb ein bis zwei Stunden dort, mit Ausnahme des Wochentages, an dem Lisbeth Hulots zu besuchen pflegte. Das ging eine Weile so fort.

Der Baron glaubte an die künstlerischen Fähigkeiten so fest wie an den Grafentitel Steinbocks; die Baronin freute sich über die persönlichen Eigenschaften und die guten Manieren ihres künftigen Schwiegersohnes; Hortense war stolz auf ihre glückliche Liebschaft und den Ruhm des Geliebten; die ganze Familie dachte an die Heirat. Kurz, der Künstler wiegte sich im sonnigsten Glück, als es mit einem Male durch eine Indiskretion von Frau Marneffe arg in Gefahr geriet.

Lisbeth, deren Umgang mit Valerie der Baron Hulot ja besonders gewünscht hatte, um eine Art Brücke in diese Familie zu haben, verkehrte in der Tat alsbald bei den Marneffes. Valerie, der ihrerseits aus Neugier daran lag, eine gewisse Verbindung zur Familie Hulot zu haben, machte der alten Jungfer ordentlich den Hof, in der Absicht, sie sich gänzlich zu ihrem Werkzeug zu machen. Lisbeth, froh, ein Haus mehr als bisher gefunden zu haben, wo sie Mittagsgast sein durfte, fühlte sich stark zu Frau Marneffe hingezogen. Von allen ihren sonstigen Bekannten machte niemand ihretwegen besondere Umstände.

Diese junge Frau, die Freundschaft für sie zu empfinden schien, sie als Beraterin in allem anrief, sie mit Aufmerksamkeiten überschüttete und sich willig von ihr leiten ließ, stand der etwas überspannten Tante Lisbeth binnen kurzem näher als ihre gesamte Verwandtschaft.

Der Baron bewunderte an Frau Marneffe Anstand, Erziehung, Benehmen, dergleichen er weder bei seiner Jenny Cadine noch bei Josepha noch bei ihren Freundinnen gefunden hatte. Nach vier Wochen war er, wie das alten Männern geht, wahnsinnig in sie vernarrt. In der Tat gab es bei ihr keine Witzeleien, keine Orgien, keine unsinnigen Ausgaben, kein Sichhinwegsetzen über soziale Einrichtungen, auch nicht die grenzenlose Ungebundenheit wie bei jenen Künstlerinnen. Alles das hatte ihn ins Unglück gestürzt. Nun war er der Dirnenraublust entronnen, die unersättlich ist wie der Wüstendurst. Ganz anders Valerie. Sobald sie seine Freundin und Vertraute geworden war, sträubte sie sich mit Händen und Füßen, auch nur das Geringste von ihm anzunehmen.

»Es ist nett von dir«, wehrte sie ab, »wenn du uns Avancement und Gratifikation verschaffst, alles, was du von der Regierung erlangen kannst. Aber unterlaß es, die Frau zu entehren, die du liebst, wie du sagst. Andernfalls kann ich nicht mehr an dich glauben . . .« Und mit dem Augenaufschlag der heiligen Therese, die sich den Himmel erwerben will, fügte sie hinzu: »Und ich möchte ewig an dich glauben!«

Bei jedem Geschenke hatte der Baron eine Festung zu erstürmen, ein Gewissen zu vergewaltigen. Der arme Kerl mußte Strategenkünste anwenden, um Valerie zur Annahme von Kleinigkeiten zu bewegen, die übrigens meistens kostspielig waren. Er pries sich glücklich, endlich eine tugendhafte Geliebte gefunden zu haben, die Verwirklichung seiner Träume. In ihrem bescheidenen Haushalt kam er sich genauso als Herrgott vor wie in seinem eigenen Hause. Herr Marneffe aber tat, als könnte es ihm gar niemals in den Sinn kommen, daß der Jupiter des Ministeriums in Gestalt des Goldregens zu seiner Ehegattin herniedersteige. Er spielte den getreuen Diener seines erlauchten Chefs.

Valerie Marneffe war dreiundzwanzig Jahre alt, spießbürgerlich, unverdorben und ängstlich: das verborgene Veilchen der Rue du Doyenné. Sie kannte die Verderbtheit und Sittenlosigkeit jener Kurtisanen nicht, die dem Baron jetzt den tiefsten Ekel einflößten. Er hatte den Reiz der Liebschaft mit einer sogenannten anständigen Frau, der sich wehrenden Tugend noch nicht erfahren, und die furchtsame Valerie ließ ihm den Genuß bis auf die Neige kosten.

Bei der Art Verhältnis war es kein Wunder, daß ihr der Baron eines Tages das Geheimnis von der bevorstehenden Heirat des berühmten Künstlers Steinbock mit Hortense verriet. Zwischen einem Liebhaber ohne Rechte und einer Frau, die sich nur schwer entschließt, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu werden, kommt es zu moralischen Erörterungen und Aussprachen, bei denen das Wort oft den Gedanken enthüllt, gleichsam wie die Spitze des Rapiers die Absicht des Gegners. Der Baron machte gelegentlich die Bemerkung, daß er nach der Verheiratung seiner Tochter seine ganze Unabhängigkeit wieder haben werde. Er wollte damit die verliebte Valerie beschwichtigen.

»Ich begreife nicht«, hatte sie gesagt, »wie man sich eines Mannes wegen, der einem nicht ganz angehört, vergessen kann.«

Schon tausendmal hatte Hulot geschworen, daß er seit fünfundzwanzig Jahren nichts mehr mit seiner Frau hätte.

»Sie soll doch eine Schönheit sein«, meinte Valerie ungläubig. »Ich verlange Beweise!«

»Du sollst welche haben«, sagte der Baron, glücklich über den Wunsch, durch den sich ihm seine geliebte Valerie verriet.

»Was für welche? Und du darfst mich auch niemals wieder verlassen!« erwiderte sie.

Damit war der Baron gezwungen, seine Absichten mit der Wohnung in der Rue Vanneau offen zu bekennen: daß er ihr beweisen wollte, ihr die Hälfte des Lebens, die einer rechtmäßigen Gattin zukommt, zu widmen. (Bei dieser Teilung des Lebens sei angenommen, daß Tag und Nacht die Existenz des Kulturmenschen wirklich in zwei gleiche Hälften teilen.) Hulot sprach davon, er wolle seine Frau auf anständige Art und Weise verlassen, sobald seine Tochter verheiratet sei. Die Baronin werde dann abwechselnd bei Hortense und bei den jungen Hulots leben; sie werde sich zweifellos fügen.

»Von da an, mein Engelchen, wird mein eigentliches Leben, mein wirkliches Heim bei dir in der Rue Vanneau sein!«

»Mein Gott, wie du über mich verfügst!« sagte Frau Marneffe. »Und mein Mann?«

»Der Lump!«

»Zunftbruder von dir, bitte!« lachte sie.

 

Frau Marneffe hatte rasende Lust, den jungen Grafen Steinbock kennenzulernen, nachdem sie soviel von ihm gehört hatte. Vielleicht wollte sie auch bloß irgendeine kleine Arbeit von ihm ergattern, derweilen sie beide noch unter ein und demselben Dache hausten. Ihr Verlangen mißfiel jedoch dem Baron dermaßen, daß Valerie ihm schwören mußte, Stanislaus keines Blickes mehr zu würdigen. Aber nachdem ihr der Verzicht auf ihren Wunsch durch ein komplettes Teeservice vergolten worden war – Alt-Sèvres, pâte tendre –, blieb ihr Begehren trotzdem im Grunde ihres Herzens aufgeschrieben wie in einem Notizbuch.

So geschah es eines Tages, daß sie die »liebe Tante Lisbeth« zu sich zum Kaffee lud und das Gespräch auf ihren heimlichen Geliebten brachte. Sie wollte herausbekommen, ob sie ohne Gefahr ihr Ziel erreichen könne.

»Kleinchen!« fing sie an. (So betitelten sich die beiden übrigens wechselseitig.) »Kleinchen, sag einmal, warum hast du mir eigentlich deinen Schatz noch nicht vorgestellt? Er ist so schnell berühmt geworden.«

»Er, berühmt?«

»Freilich! Man spricht von nichts als von ihm.«

»Unsinn!« lachte Lisbeth.

»Er hat das Denkmal für meinen Vater übernommen, und ich könnte ihm hierbei nützlich sein, denn selbst Frau Montcornet ist nicht wie ich imstande, ihm eine Miniatur von Sain zur Verfügung zu stellen, ein kleines Meisterwerk, 1809 entstanden, vor Wagram. Meine arme Mutter hat es damals von ihm geschenkt bekommen. Mit einem Wort: ein Bild Montcornets in seiner Jugend und Schönheit!«

Sain und Augustin waren die beiden Sterne unter den Miniaturmalern der Kaiserzeit.

»Er hat ein Denkmal übernommen, sagst du, Kleinchen?« fragte Lisbeth.

»Ein Standbild, neun Fuß hoch; einen Auftrag des Kriegsministeriums. Aber höre mal, wie kommst du mir vor? Mußt du solche Neuigkeiten erst von mir erfahren? Ja, die Regierung wird dem Grafen Steinbock ein Atelier und eine Wohnung in Gros-Caillou, dem Marmordepot, überlassen. Vielleicht wird dein Pole dort noch Direktor mit Wunder was für einem Gehalt . . .«

»Woher weißt du denn das alles, wo ich das nicht einmal weiß?« fragte Lisbeth nach einer Weile, wie aus den Wolken gefallen.

»Liebes Tantchen Lisbeth«, antwortete Valerie schelmisch, »sage mir, bist du wirklicher, jede Probe erduldender Freundschaft fähig? Wollen wir wie zwei Schwestern zueinander sein? Willst du mir schwören, niemals mehr Geheimnisse vor mir zu haben, wie ich keine vor dir haben will? Willst du mein Spion sein wie ich der deine? Willst du mir vor allem schwören, daß du mich nie verraten wirst, weder an meinen Mann noch an Hulot, und daß du nie eingestehen wirst, daß ich dir das gesagt habe . . .«

Frau Marneffe hielt inne. Tante Lisbeths Aussehen erschreckte sie. Es war zum Fürchten. Ihre schwarzen stechenden Augen waren starr wie Tigeraugen geworden, ihr Gesicht hexenhaft; der ganze Leib zitterte in gräßlichem Krämpfe, und ihr Kopf glühte vulkanartig.

»Was stockst du?« fragte sie tonlos. »Ich will dir alles sein, was ich ihm war. Ach, ich wäre für ihn gestorben!«

»So liebst du ihn also doch?«

»Als ob er mein Kind wäre!«

Frau Marneffe atmete erleichtert auf.

»Na, wenn du ihn so liebst, dann bist du auf dem besten Wege zum Glück. Du willst doch sein Glück?«

Tante Lisbeth antwortete mit einem hastigen Nicken des Kopfes – wie eine Verrückte.

»In vier Wochen heiratet er deine Nichte.«

»Hortense?« rief die alte Jungfer. Sich vor die Stirn schlagend, sprang sie auf.

»Schau, du liebst ihn doch, den jungen Mann!« bemerkte Frau Marneffe.

»Leben und Tod soll dich und mich einen! Was dir lieb und wert ist, soll auch mir heilig sein! Und selbst deine Sünden will ich für Tugenden ansehen; denn ich bedarf vielleicht einmal deiner Sünde!«

»Du hast also mit ihm zusammen gelebt?«

»Nein. Ich wollte seine Mutter sein . . .«

»Das geht über mein Verständnis hinaus!« erklärte Valerie. »Wenn das so ist, dann hat er ja weder sein Spiel mit dir getrieben noch dich hintergangen. Dann solltest du aber recht froh sein, ihn gut verheiratet zu sehen. Damit ist er ein gemachter Mann. Übrigens kannst du gar nichts mehr dagegen machen. Unser Künstler ist tagtäglich im Hause Hulot, während du zu Tische gehst.«

Lisbeth brach in eine Verwünschung gegen Frau von Hulot aus. Valerie unterbrach sie.

»Du siehst totenblaß aus! Da steckt etwas dahinter! Ach, bin ich dumm! Mutter und Tochter müssen eine Ahnung davon haben, daß du der Liebschaft ein Hindernis bist, da sie sie vor dir geheimhalten . . . Aber wenn du mit dem jungen Manne nicht zusammengelebt hast, Kleinchen, dann begreife ich das alles nicht. Alles das ist mir dunkler als meines Mannes Herz . . .«

»Ach du! Was verstehst denn du von dieser Intrige! Das ist der letzte Schlag, der tödliche! Aus wieviel Wunden blutete mein Herz nicht schon! Du weißt ja nicht, daß ich zeitlebens ein Opferschaf zugunsten von Adeline war! Mich schlug man, wenn man sie verhätschelte! Ich ging wie ein Aschenbrödel, sie wie eine Dame. Ich mußte im Garten graben und das Gemüse zuputzen, während sich ihre zehn Finger damit beschäftigten, Chiffon zu fälteln. Sie heiratete den Baron und ward ein Stern am Hofe des Kaisers, während ich bis 1809 in meinem Dorfe bleiben mußte, vier Jahre lang, und auf einen passenden Freier lauerte. Als sie mich dann zu sich nahmen, war es auch nur, um mich als Arbeitstier zu benutzen. Man präsentierte mir kleine Beamte, die nicht mehr waren als Türschließer! Sechsundzwanzig Jahre lang bekam ich immer, was die andern übrigließen! Und nun, da ich wie der arme Mann im Alten Testament nur ein einziges Schäflein besitze, das all mein Glück war, da kommt der Reiche, der ganze Herden besitzt, neidet dem Armen sein Schäflein und nimmt es ihm! Hinterrücks und ohne ein Wort zu sagen! So stiehlt mir Adeline mein Glück! . . . Adeline, Adeline! Ich will dich in der Gosse vor mir liegen sehen! Und Hortense, die ich geliebt, hat mich hintergangen! Und der Baron . . . Ach, das ist ja alles gar nicht möglich! Komm, erzähle mir noch einmal, was wahr daran ist!«

»Beruhige dich doch, Kleinchen!« besänftigte Valerie.

»Ja, ja, ich will mich beruhigen. Du bist mein guter Engel, Valerie!« erwiderte das wunderliche alte Mädchen, indem es sich hinsetzte. »Etwas könnte mich sofort vernünftig machen. Schaffe mir einen Beweis!«

»Du weißt doch, deine Nichte Hortense besitzt die Simsongruppe, von der diese Lithographie da in einer Zeitschrift veröffentlicht worden ist. Sie hat sie mit ihren Ersparnissen erworben. Und der Baron ist es, der Steinbock als seinen künftigen Schwiegersohn lanciert und ihm alle Wege ebnet . . .«

Lisbeth verlangte nach Wasser. Sie hatte unter der Lithographie die Worte gelesen: »Original im Besitze von Fräulein Hulot von Ervy.«

»Wasser! Der Kopf brennt mir. Ich werde verrückt!«

Valerie brachte Wasser. Die alte Jungfer riß ihren Hut ab, löste ihr schwarzes Haar und steckte den Kopf in die Waschschüssel, die ihr die neue Freundin hinhielt. Mehrere Male tauchte sie die Stirn hinein, um sie zu kühlen. Dadurch fand sie die Selbstbeherrschung wieder.

»Es ist vorbei!« sagte sie hierauf zu Frau Marneffe, indem sie sich wieder hinsetzte. »Kein Wort mehr darüber! Sieh, ich bin wieder ganz ruhig! Alles ist vergessen. Ich denke an ganz was anderes.«

Sicherlich kommt sie morgen ins Irrenhaus! dachte Valerie bei sich, indem sie die Tante Lisbeth betrachtete.

»Was soll ich auch tun?« fuhr sie fort. »Siehst du, Kleinchen, ich muß stillehalten, keine Miene verziehen, bis ich ins Grab sinke wie das Wasser in den Strom! Was könnte ich auch ausrichten? Ach, ich möchte die ganze Gesellschaft: Adeline, ihre Tochter und den Baron zu Staub zermalmen! Aber was vermag eine arme Verwandte wie ich gegen eine große reiche Familie? Die Mücke gegen den Elefanten?«

»Du hast schon recht«, gab Valerie zur Antwort. »Jeder muß sehen, wo er bleibt. Das ist das Pariser Leben!«

Lisbeth fuhr fort:

»Ich werde ganz bestimmt sterben, wenn ich mein Kind verliere. Ich habe fest geglaubt, immerdar bei ihm bleiben zu können, als sei ich seine Mutter . . .«

Tränen traten ihr in die Augen. Sie hielt inne. Diese Rührseligkeit an der sonst so handfesten alten Jungfer ließ Frau Marneffe zusammenschauern.

»Aber ich habe ja dich gefunden!« begann Lisbeth von neuem, indem sie Valeries Hand ergriff. »Das ist ein Trost in meinem schweren Leid! Wir wollen uns recht liebhaben! Was sollte uns auch je trennen? Ich werde dir nie ins Gehege kommen. Mich wird nie einer lieben! Wenn mich je einer heiraten wollte, war es immer der Protektion meines Vetters zuliebe . . . Die Kraft in sich zu spüren, sich den Himmel erkämpfen zu können, und sie zu nichts zu verwenden, als sich das tägliche Brot, ein paar lumpige Kleider und ein Dachstübchen zu erringen: das ist ein Martyrium! Ich bin dabei vertrocknet.«

Sie hielt plötzlich inne und durchbohrte Frau Marneffes blaue Augen mit einem düstern Blick, der dieser wie ein scharfer Dolch durchs Herz ging.

»Aber wozu rede ich denn?« rief sie mit sich selbst hadernd aus. »Noch nie hab ich so viel darüber geschwatzt. Wartet nur! Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!« Und nach einer Weile fuhr sie wie ein Kind lallend fort: »Du hast vorhin sehr klug gesagt: Man muß in der Welt sehen, wo man bleibt.«

»Gewiß!« Valerie erinnerte sich nicht, daß sie die Worte ausgesprochen hatte. Die ganze Szene lastete schwer auf ihr. »Ich glaube, du hast recht, Kleinchen. Siehst du, das Leben flieht so schnell dahin, daß man es mit aller Kraft auskosten und die andern zum eigenen Genuß ausnutzen muß . . . Ich bin bereits auf diesem Standpunkt angelangt, so jung wie ich bin! Als Kind bin ich verwöhnt worden. Dann verheiratete sich mein Vater aus Ehrgeiz. Nachdem ich erst sein Abgott gewesen war und er mich wie ein Königskind aufgezogen hatte, kümmerte er sich nun gar nicht mehr um mich. Meine arme Mutter, die mich in tausend Träume gewiegt, starb aus Herzeleid, als ich einen kleinen Beamten mit zwölfhundert Francs Gehalt heiratete, einen neununddreißigjährigen liederlichen, durch und durch verdorbenen Kerl, der nichts in mir sah als ein Mittel, Geld zu ergattern! Und doch war mir der Lump der beste Ehemann, den ich schließlich finden konnte. Indem er mir die gemeinsten Gassendirnen vorzieht, läßt er mich wenigstens ungeschoren. Er nimmt sein Gehalt ganz allein für sich, fragt aber auch nicht, was ich mit meinen Einkünften anfange . . .«

Sie unterbrach sich, wie jemand, der das Gefühl hat, vom Drang sich mitzuteilen, fortgerissen zu werden. Betroffen von der Aufmerksamkeit, mit der ihr Lisbeth zuhörte, hielt sie es mit einem Male für angebracht, sich erst Lisbeths zu versichern, ehe sie ihr die letzten Geheimnisse anvertraute. Und so schloß sie ihre Rede:

»Du siehst, Kleinchen, welch Vertrauen ich zu dir habe!«

Tante Lisbeth antwortete mit einem durchaus beruhigenden Kopfnicken. Zuweilen ist ein Blick der Augen oder eine Bewegung des Kopfes ein feierlicherer Schwur als der vor einem Gerichtshofe.

Daraufhin fuhr Frau Marneffe fort, indem sie ihre Hand in die Lisbeths legte, gleichsam als ließe sie sich dadurch Treue geloben:

»Ich besitze alle äußern Zeichen der Ehrbarkeit. Ich bin eine verheiratete Frau und doch meine eigene Herrin. Wenn es Marneffe einmal einfallen sollte, sich morgens bei mir zu verabschieden, ehe er in das Ministerium geht, so wird er mein Schlafzimmer verschlossen finden. Sein Kind liebt er nicht besonders. Wenn ich einmal nicht zu Tisch komme, ißt er kreuzvergnügt zusammen mit dem Kindermädchen, dem ihm treu ergebenen. Alle Abende geht er nach Tisch aus und kehrt oft vor zwölf oder ein Uhr nicht zurück. Zu meinem Leidwesen habe ich seit einem Jahre keine Kammerjungfer. Solange bin ich nämlich Witwe. Meine einzige Leidenschaft, mein Glück war ein reicher Brasilianer; aber seit einem Jahre ist er fort. Leider! Er will seine Besitzungen drüben verkaufen, alles zu Geld machen und sich dann in Frankreich niederlassen. Was wird er von seiner Valerie wiederfinden? Ein Aschenhäufchen. Unsinn! Was kann ich dafür? Warum bleibt er so lange? Vielleicht ist sein Schiff gescheitert – wie meine Tugend . . .«

»Laß fahren dahin!« unterbach sie Lisbeth. »Aber wir wollen nie voneinander lassen! Ich liebe dich, ich verehre dich, ich bin die Deine! Mein Vetter quält mich, ich solle in euer künftiges Haus ziehen, in der Rue Vanneau. Aber ich wollte bisher nicht, denn ich erriet den geheimen Grund der neuen Wohltat . . .«

»Aha! Du solltest mich natürlich überwachen.«

»Das wird wohl der Grund seines Edelmuts sein«, erwiderte Lisbeth. »In Paris haben die meisten Wohltaten ihren gutberechneten Hintergrund. Mit einer armen Verwandten verfährt man wie mit den Ratten, denen man ein Stück Speck hinhält. Aber nun werde ich das Angebot des Barons annehmen, denn dieses Haus hier ist mir verekelt. Wir beide aber sind klug genug: wir werden zu schweigen wissen, wo uns Gefahr droht, und sprechen, wo gesprochen werden muß. Also keine Verräterei, aber feste Freundschaft!«

»Unter allen Umständen!« setzte Frau Marneffe fröhlich hinzu, glücklich, nunmehr eine Respekts- und Vertrauensperson zu haben: eine Art Ehrentante. »Übrigens, der Baron läßt sich in der Rue Vanneau nicht lumpen!«

»Glaube es gern«, gab Lisbeth zur Antwort. »Es kostet auch an die dreißigtausend Francs. Woher er sie nimmt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ihn Josepha, die Sängerin, bereits völlig ruiniert hatte. Na, wenn du nur gut dabei wegkommst! Sobald der Baron sein Herz in so zarten Händen wie in den deinen weiß, verschafft er sich schon Geld, und wenn er es stehlen sollte!«

»Famos!« lachte Frau Marneffe mit der Sorglosigkeit, vielmehr dem Leichtsinn einer Dirne. »Kleinchen, höre mal, nimm dir aus meiner Einrichtung hier alles heraus, was du für deine neue Wohnung gebrauchen kannst . . . die Kommode da, den Spiegelschrank, den Teppich, die Vorhänge . . .«

Lisbeth riß die Augen vor unbändiger Freude auf. Solch ein Geschenk kam ihr ganz unglaublich vor.

»Du tust für mich in einem Augenblick mehr als meine reiche Verwandtschaft seit dreißig Jahren!« rief sie aus. »Die haben nie darnach gefragt, ob ich Möbel habe. Bei seinem ersten Besuche, den mir der Baron gemacht hat, vor etlichen Wochen, hat er beim Anblick meiner Armut das übliche Gesicht der reichen Leute geschnitten . . . Genug, Kleinchen, ich danke dir und werde es dir vergelten! Auf welche Weise . . . das werden wir später sehen.«

Valerie begleitete »ihr Tantchen« bis an den Treppenabsatz, wo sie sich küßten.

Wie sonderbar sie riecht! sagte sich die hübsche Frau, als sie wieder allein war. Ich werde sie nicht oft küssen, die liebe Tante! Gleichwohl aufgepaßt! Ich muß behutsam mit ihr umgehen. Sie kann mir sehr nützlich sein, ja ein Vermögen einbringen!

Als echte Pariserin verabscheute Frau Marneffe die Anstrengung. Sie war saumselig wie eine Katze, die nur in der Not läuft und klettert. Für sie mußte das Leben eine Kette von Vergnügungen sein, und nicht einmal das Vergnügen durfte Mühe erfordern. Sie liebte Blumen, aber sie mußten ihr ins Haus getragen werden. Ins Theater zu gehen, fiel ihr gar nicht ein; sie hätte denn eine Loge für sich und einen Wagen zum Hin- und Herfahren haben müssen. Diese Haremsnatur hatte Valerie von ihrer Mutter geerbt, die wärend ihres Pariser Aufenthalts vom General Montcornet verwöhnt worden war. Zwanzig Jahre lang hatte ihr alle Welt zu Füßen gelegen. Verschwenderisch, wie sie war, hatte sie alles durchgebracht und alles vergeudet, bis der Sturz Napoleons dem Luxusleben aller jener Existenzen ein Ende setzte. Die Granden des Kaiserreichs waren in ihren tollen Streichen um kein Haar anders als die Grandseigneurs des Ancien régime. Erst der Adel der Restaurationszeit, der sich immerfort daran erinnerte, daß er bestohlen und geschlagen worden war, wurde mit ganz geringen Ausnahmen sparsam, vernünftig und vorsichtig, kurzum, spießbürgerlich und kleinlich. Dann wurde 1830 das Werk von 1793 vollendet. Von da an gibt es in Frankreich bis auf weiteres wohl noch große Namen, aber keine großen Häuser mehr.

Die Not, deren Druck auf Valerie an dem Tage, wo sie den Baron Hulot »gekapert« hatte (wie sich Marneffe ausdrückte!), besonders schwer war, hatte sie dazu gebracht, aus ihrer Schönheit Geld zu schlagen. Seit einiger Zeit sehnte sie sich – ganz wie ehedem ihre Mutter – auch nach einer zuverlässigen Freundin, der sie anvertrauen konnte, was sie dem Hausmädchen verschweigen mußte, nach einer Freundin, die für sie denken, laufen und handeln sollte, kurz und gut, nach einer untertänigen Seele, die mit der ungleichen Verteilung der Güter dieses Lebens einverstanden war. Genau wie Lisbeth hatte sie die geheime Absicht des Barons durchschaut, als er die beiden weiblichen Wesen einander zuführte. Geleitet von der berüchtigten Klugheit der Pariserin, die stundenlang auf dem Diwan ausgestreckt vor sich hingrübelt und mit der Laterne ihrer Beobachtungsgabe die dunkelsten Winkel der Seelen mit all ihren Gefühlen und Verworrenheiten durchstöbert, war sie auf den Einfall gekommen, eine Genossin der Spionin zu werden. Die fürchterliche Indiskretion, die sie beging, war wohlüberlegt und wohlvorbereitet. Valerie hatte die innerste Natur der alten Jungfer klar erkannt, ihre verschüttete Leidenschaftlichkeit, die sich nie ausgelebt hatte. Daran knüpfte sie an.

In dieser Stunde hatte Tante Lisbeth ihr altes wahres Ich wiedergewonnen. Eine atavistische Wildheit, lange unterdrückt, brach in ihr mit einem Male hervor. Jeder Beobachter der menschlichen Gesellschaft ist voll von Bewunderung, wenn er die Fülle, die Schönheit und die Wucht der Konzeption jungfräulicher Naturen sieht. Wie alle Ungeheuerlichkeiten hat die Jungfräulichkeit ganz besondere Schätze und erstaunliche Herrlichkeiten. Das Leben, dessen Kräfte aufgespeichert werden, verleiht keuschen Menschen eine Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit ohnegleichen. Das Gehirn wird um die Summe der unverbrauchten Zeugungskräfte bereichert. Wenn keusche Menschen ihren Körper oder ihre Seele brauchen, wenn sie an Gedanken oder Taten gehen, dann finden sie Stahl in ihren Muskeln, und sie entdecken den Stein der Weisen in ihrem Hirn, eine dämonische Kraft.

Unter diesem Gesichtspunkte übertrifft die Jungfrau Maria, rein als eine symbolische Erscheinung betrachtet, alle indischen, ägyptischen und griechischen Vorbilder. Die Jungfräulichkeit, die Magna parens rerum, hält in ihren schönen weißen Händen den Schlüssel der höheren Welten. Diese schrecklich-großartige Wundergestalt verdient in der Tat alle die Ehren, die ihr der katholische Kult erweist.

In dieser Stunde wurde Lisbeth zum Wilden, dessen Schlinge keiner entgeht, dessen Heuchelei undurchdringlich ist und dessen rascher Entschluß auf einer unerhörten Verfeinerung der Sinne beruht. Haß und Rachsucht ohne Übergänge trieben ihr Wesen in Lisbeth wie in einem Geschöpfe des Südens oder des Morgenlandes. Diese beiden Gefühle, die in der Liebe wie in der Freundschaft das Äußerste vollbringen, gedeihen sonst nur unter heißer Sonne. Aber sie war eine Lothringerin, das heißt, voll des Willens zu täuschen.

 


 << zurück weiter >>