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4t. Vorles.

Die Untersuchungen über die Beschaffenheit des festen Erdkörpers, über die geognostische Construction der Erde, haben von jeher die gebildeten Menschen beschäftigt. Doch ist erst in neueren Zeiten durch gesichertere Beobachtungen eine mehr mythische Behandlung verdrängt worden. Man kann sagen Keppler habe die Gesetze erkannt und Newton sie erwiesen. Im Allgemeinen ist angenommen, daß der Erdball, bevor seine Oberfläche ihre jetzige Gestalt gewann, sehr verbreitete Revolutionen erlitten habe, welche die Ordnung der Dinge veränderten.

Schon die Alten beschäftigten sich mit den mannigfaltigsten Hypothesen über die Veranlaßung der augenscheinlichen Veränderungen auf der Erdoberfläche. Bei der Frage über den ehemaligen flüssigen Zustand der Erde, theilten sich die Meinungen, wie bei uns, und schon bei den Griechen schieden sich Neptunisten von den Vulkanisten. Lange ist die mit den theologischen Theorien übereinstimmendere Ansicht die herschende gewesen, daß die Urgebirge vom Wasser durchdrungen, und in demselben aufgelöst gewesen seyen, und erst spät hat man Granit und Porphir, wie jetzt angenommen wird, für Producte des Feuers erkannt. – Ein Engländer, Profeßor Dudley in Oxford, hat kürzlich auf eine ergötzlich, geistreiche Weise einen geologischen Thermometer zusammengestellt, auf dem Gradweise angegeben ist, wie sich almälig die Meinung der Gelehrten für die vulkanische Hypothese erwärmt hat. – Seit Buffon und der Protogaea des großen Leibnitz haben genauere Untersuchungen ein helleres Licht über die Lagerungsverhältnisse der Gebirgsmassen verbreitet. – Die Krystallographie, eine neue Wissenschaft kommt uns zu Hülfe, um die sich der schätzbare Mineralog Hauy in Paris große Verdienste erworben hat, und die hiermitten unter uns, Herr Profeßor Weiss gewissermaßen begründet hat. – Wir müssen hierbei auf eine chemische und mechanische Heterogenität in den Bestandtheilen der Erde aufmerksam machen, und demnächst bemerken, wie die constanten Associationen der Gesteine eine Gebirgsart bilden, welche man mit derselben Mischung in allen Theilen der Erde wiederfindet. Die auf diese Weise verschiedenen und ähnlichen Gebirgsarten bilden Gruppen, welche man Formationen nennt. Es ist Werner's, des verdienten Stifters der Freiberger Schule, unsterbliches Verdienst zuerst auf die Bildung dieser Formationen aufmerksam gemacht zu haben.

Wie schon früher bemerkt, ist das, was wir von der äußern Rinde der Erde kennen, im Verhältniß gegen ihren Durchmesser sehr unbedeutend. Ein weiteres Feld der Beobachtung bieten uns die Abhänge der großen Gebirge, indem wir annehmen, daß alle Gebirgsketten aus Spalten emporgetrieben, und Bestandtheile der Erde aus größerer Tiefe sichtbar machen. – Die größte Höhe auf den Gebirgsrücken der Erde, ist vom Capt. Gérard auf dem Himalaya Gebirge (19,000 Fuß) erreicht worden, wogegen ich auf dem Chimborazo bis 18,600 Fuß gelangt bin.

Die Kenntniß von der Zunahme der Temperatur der Erde nach Innen zu, giebt uns mannigfaltige neue Ansichten, und es steht diese innere Wärme offenbar in Verbindung mit den drei großen Erscheinungen der heißen Quellen, der elastischen Dämpfe, und der Vulkane, welche letztere von zweierlei Art sind: bleibende, welche als ein Zusammenhang zwischen dem innern Kerne des Erdkörpers und der Atmosphäre zu betrachten sind, und temporaire, dahin gehören Eruptionen, Inselbildungen, wie Sabrina, (eine der azorischen Inseln, plötzlich erschienen d. 30t. Jan. 1811), Monte nuovo, bei Methone zwischen Epidaurus und Troezene, höher als der Monte nuovo der phlegräischen Felder bei Bajae, Ischia, oder der Ausbruch des Xovullo in Mexico.

Das Phänomen der heißen Quellen, aus gewissen nahe an der Erdoberfläche befindlichen Lagern entzündlicher und oxidirbarer Substanzen, wie Steinkohlen oder Schwefelkies, und aus oberflächlicher Einwirkung der Bäche, Flüße u. s. w. erklären zu wollen, scheint uns unzureichend. Die Erscheinung ist zu groß und zu dauernd, als daß wir jene Niederlagen von so geringem Umfange, und diese Einwirkung von so geringer Stärke, für genügend zu dessen Erklärung ansehen könnten. – Diese Quellen finden sich fast durchgehende in den krystallinischen, den sogenannten Urgebirgen, oder an deren Fuße, Gebirge die man für die Unterlage aller bekannten Gebirgsarten anzusehen genöthigt wird, und auch in der Nähe vieler vulkanischer Berge. – Die Gesteinsart aus der das Karlsbader Thermal Wasser hervorbricht ist Granit in mehrerlei Abänderungen, dessen grobkörnige Art die bekannten Zwillingskrystalle des Feldspaths auszeichnen. Einer Art des feinkörnigen sind mächtige Hornsteinmassen, auch Schichten spätigen und körnigen Kalksteins beigemengt – und aus diesem Gestein besteht der, an den Hirschensprung sich anlehnende Schloßberg, so wie der Bernhardsfelsen. Das Wasser kommt aus Oeffnungen eines Kalksteins hervor, der von dem Wasser selbst gebildet wird, indem es überall wohin es fließt, nach Maasgabe als das kohlensaure Gas daraus entweicht, Sinter von einer festen, krystallinischen Textur abgesetzt. Der Sprudel, die heißeste der Karlsbader Quellen, hat nur eine Temperatur von 59° Reaum. wogegen in Südamerika heiße Quellen von 80°R. vorkommen, die zum Theil ganz ohne mineralische Bestandtheile sind, bei denen wenigstens durch Reagenzien keine Veränderung hervorgebracht werden kann. –

Die sinnreichen Versuche des Herrn Dr. Struve, die auch von andern schon mit Erfolg wiederholt worden sind, versprechen interessante Aufklärungen über den Ursprung der Bestandtheile in den Thermalwässern. Reines, mit Kohlensäure verbundenes Wasser unter einem großen Druck durch das gepulverte Material des Gesteins aus dem ein Mineralwasser entspringt, getrieben, wird nämlich dem Thermalwasser sehr ähnlich, und enthält in ähnlichen Proportionen dieselben Bestandtheile.

Der Zusammenhang des Phänomens der heißen Quellen mit Erdbeben und Vulkanen ist eben so merkwürdig als constatirt. Als im Jahre 1755 Lissabon erschüttert und zerstört wurde, blieben die Quellen zu Carlsbad und Teplitz aus, und kamen rothgefärbt zurück. In demselben Zeitpunkte erfolgte ein Wasserbeben im Ocean, empfunden von dem Westindischen Archipelagus an bis nach Åbo in Finnland. Ueberhaupt fehlt es nicht an entscheidenden Beweisen, daß die vulkanischen Wirkungen nicht von kleinlichen der Oberfläche nahen Ursachen abhangen, sondern große, tiefbegründete Erscheinungen sind. Selbst die Erdbeben liefern merkwürdige Beweise von der Existenz unterirrdischer Verbindungen, nicht blos zwischen vulkanischen Bändern, sondern auch zwischen Feuerschlünden, die weit voneinander entfernt sind. So stieß der Vulkan bei der Stadt Pasto 3 Monat lang ununterbrochen eine hohe Rauchsäule aus. Diese Säule verschwand in demselben Augenblick, am 4t Febr. 1797 als 60 Meilen davon das große Erdbeben von Riobamba, und der Schlammausbruch des Moya 30–40,000 Indianer tödtete. Dieses Erdbeben, das zerstörendste von dem man vielleicht überhaupt Kenntniß hat, schien sich im Innern des Tuncuragua vorbereitet zu haben, in welchem man schon Jahre vorher von Zeit zu Zeit Getöse und Brüllen gehört hatte. Die Mitempfindung dieses Erdbebens reichte über einen Erdstrich von 170 lieues von Süden nach Norden, 40 lieues im Umfange wurde alles zerstört, und von herabstürzenden Bergtrümmern begraben. Dabei spaltete die Erde am Fuße des Tuncuragua, und Ströme von übelriechendem Schlamme entstürzten den Schlünden, und verwüsteten alles umher.

Die plötzliche Erscheinung der Insel Sabrina am 30ten Jan. 1811 war der Vorbote der fürchterlichen Erdstöße welche bis 1813 fast unaufhörlich, erst die Antillen, dann die Ebene des Ohio und Missisippi, und zuletzt die Küsten von Venezuela erschütterten. Dreißig Tage nach der Zerstörung der Stadt Caracas erfolgte der Ausbruch des Vulkans von St. Vincent in den nahen Antillen.

Ein ebenfalls evidenter Beweis für den Zusammenhang der Vulkane und Erdbeben ist, daß diejenigen Erdstriche in der Nähe der Vulkane, so lange dieselben in Thätigkeit, gegen Erdbeben gesichert sind. Man mögte sie also als eine Art Sicherheitsventile betrachten, und wenn der Chimborazo, diese vulkanisch gehobne Kuppel, wenn gleich kein thätiger Vulkan, geöffnet werden könnte, um den eingesperrten elastischen Stoffen einen Ausweg zu geben, so würden jene Erschütterungen aufhören, die seiner Umgebung oft das schrecklichste Verderben bringen.

Die Vulkane der Andeskette zeichnen sich durch die Eigenthümlichkeit aus, daß sie auch bei den heftigsten Ausbrüchen keine eigentlich geschmolzene Materie, keine wahre Lava von sich gegeben haben. Die Substanzen welche sie ausstoßen sind verschluckte Stücke Grünstein, Basalt, Bimstein, Wasser und ungeheure Massen teigartiger Betten. Als nördlich vom Chimborazo am 10en Jul. 1698 der Krater und Gipfel des 18,000 Fuß hohen Carguairazo bei einem heftigen Erdbeben in sich zusammenstürzte, drangen Ströme von Schlamm aus den aufgebrochenen Seiten des Berges und verwüstete einen Strich von 10–12 □Meilen, die mit unfruchtbaren Koth bedeckt wurden. – Jedoch dürfen diese Inundazionen nicht als eigentlich vulkanischen Erscheinungen betrachtet werden. Es sind Phänomene die mit den Eruptionen der Vulkane meteorologisch zusammen hangen, und durch die Höhe der Berge, den Umfang ihrer stets beschneiten Gipfel und die Erwärmung der Wände der Aschenkegel vielfach modificirt werden. In weiten Höhlen, bald am Abhange, bald am Fuß der Vulkane entstehen unterirrdische Seen, die mit den Alpenbächen vielfach communiciren. Wenn Erdstöße, die allen Ausbrüchen der Andeskette vorhergehen, die ganze Masse des Vulkans mächtig erschüttern, so öffnen sich die unterirrdischen Gewölbe, und es entstürzen ihnen zugleich Wasser, Fische und jener tuffartige Schlamm. Dies ist die sonderbare Erscheinung der von den Vulkanen ausgeworfenen lebenden Fische, eine Gattung Wels, (Pimelodes Cyclopum) Preñadilla von den Bewohnern des Hochlandes von Quito genannt. – Bei einem Ausbruche des Vulkans Imbaburu wurden die Faulfieber in der nahe gelegenen Stadt Ibarra, der zahllosen, alle Felder bedeckenden Menge dieser Fische zugeschrieben.

Diese Ueberschwemmungen sind nicht zu verwechseln mit den Strömen von Regenwasser, welche wie beim Vesuv, die (durch den aus dem Krater aufsteigenden Wasserdampf) während der Eruption gebildeten Wolken herabgießen. Das Erkalten der Wasserdämpfe, und die dadurch bewirkte plötzliche Condensation derselben vermehrt die elektrische Spannung, und erregt das Spiel elektrischer Kräfte, die ein locales, vulkanisches Gewitter hervorbringen, das mit einem wolkenbruchartigen Regen begleitet ist. Solch eine Erscheinung charakterisirt unter allen Zonen das Ende einer Eruption, ohne jeweils als eigentlich vulkanisches Erzeugniß angesehen werden zu können, was diejenigen Gelehrten annehmen mögten, die an einen unmittelbaren Zusammenhang der Vulkane mit dem Meere glauben. – Vor 5 Jahren als ich Gelegenheit hatte einen Ausbruch des Vesuv zu beobachten, fanden sich unter den Wasserströmen, die dem Berge entstürzten, auch zahlreiche Muscheln. Es waren jedoch Versteinerungen, einer merkwürdig neuesten Formation angehörend, und keine von denen die noch jetzt im Golf von Neapel vorkommen.


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