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Die Conciergerie

Auch eine andere Frau ist in dieser Nacht geweckt worden, Madame Richard, die Frau des Beschließers in der Conciergerie. Spät abends hat man ihr plötzlich Auftrag gebracht, für Marie Antoinette eine Zelle vorzubereiten; nach Herzogen, Fürsten, Grafen, Bischöfen, Bürgern, nach Opfern aller Stände soll nun auch die Königin von Frankreich in das Totenhaus. Madame Richard erschrickt. Denn noch immer schwingt für eine Frau aus dem Volk, wie von einer mächtigen Glocke angeschlagen, das Wort »Königin« Ehrfurcht ins Herz. Eine Königin, die Königin unter ihrem Dach! Sofort sucht Madame Richard aus ihrer Bettwäsche das feinste und weißeste Linnen; der General Custine, der Eroberer von Mainz, über dem gleichfalls das Beil schwebt, muß die vergitterte Zelle verlassen, die vor unzähligen Jahren als Ratszimmer gedient hat; in Eile wird der düstere Raum für die Königin hergerichtet. Ein aufklappbares Eisenbett, zwei Matratzen, zwei Strohsessel, ein Kopfkissen, eine leichte Decke, dann noch einen Waschkrug und vor die feuchte Wand einen alten Teppich: mehr darf sie der Königin nicht zu geben wagen. Und dann warten sie alle in dem uralten, steinernen und halb unterirdischen Haus.

Um drei Uhr morgens rattern einige Wagen heran. Zuerst treten Gendarmen mit Fackeln in den dunklen Korridor, dann erscheint – der Geschmeidige hat sich glücklich aus der Affäre Batz gerettet und sein Amt als Generalinspektor der Gefängnisse behalten – der Limonadehändler Michonis, hinter ihm im flackernden Licht die Königin, gefolgt von ihrem kleinen Hunde, der sie als einziges Lebewesen in den Kerker begleiten darf. Wegen der vorgerückten Stunde und dann, es wäre Komödie, so zu tun, als wüßte man nicht in der Conciergerie, wer Marie Antoinette, die Königin von Frankreich, ist, – erspart man ihr die übliche Formalität der Kanzleiaufnahme und erlaubt ihr, sich gleich zur Ruhe in ihre Zelle zu begeben. Das Hausmädchen der Beschließerin, ein junges, armes Ding vom Lande, Rosalie Lamorlière, die nicht schreiben kann und der wir doch über die siebenundsiebzig letzten Tage der Königin die wahrhaftigsten und ergreifendsten Berichte verdanken, schleicht der blassen schwarzgekleideten Frau ganz erschüttert nach und bietet sich an, ihr beim Auskleiden behilflich zu sein. »Ich danke dir, mein Kind,« antwortet die Königin; »seit ich niemanden mehr habe, bediene ich mich selbst.« Erst hängt sie noch ihre Uhr an einen Nagel in der Wand, um die Zeit messen zu können, die kurze ihr zugeteilte und doch unendliche Zeit. Dann entkleidet sie sich und legt sich zu Bett. Ein Gendarm mit geladenem Gewehr tritt ein, dann schließt sich die Tür. Der letzte Akt der großen Tragödie hat begonnen.

 

Die Conciergerie ist, man weiß es in Paris und in der Welt, das erlesene Gefängnis für die gefährlichsten unter den politischen Verbrechern; Einzeichnung eines Namens in sein Aufnahmeregister kann getrost als Totenschein gelten. Aus Saint-Lazare, aus den Carmes, aus der Abbaye, aus allen anderen Gefangenhäusern kehrt man noch einmal zurück in die Welt, aus der Conciergerie niemals, oder nur in ganz ungewöhnlich seltenen Fällen. Marie Antoinette und die Öffentlichkeit müssen (und sollen) also glauben, die Überführung in das Totenhaus sei schon der erste Fiedelstrich für den Totentanz. In Wirklichkeit denkt der Konvent noch gar nicht daran, der Königin, dieser kostbaren Geisel, so voreilig den Prozeß zu machen. Nur ein Peitschenhieb für die sich lässig fortschleppenden Austauschverhandlungen mit Österreich soll diese herausfordernde Überführung in die Conciergerie sein, eine drohende Geste »Beeilt euch«, ein politisches Druckmittel; de facto aber läßt man die im Konvent laut herausposaunte Anklage still ruhen. Noch drei Wochen nach jener pathetischen Überführung ins »Vorzimmer des Todes«, die selbstverständlich in allen ausländischen Journalen (und das wollte der Wohlfahrtsausschuß) mit einem Entsetzensschrei beantwortet wird, ist dem öffentlichen Ankläger des Revolutionstribunals Fouquier-Tinville noch kein einziges Aktenstück eingehändigt, und nach dem großen Posaunenstoß ist in keiner öffentlichen Debatte, weder des Konvents noch der Kommune, von Marie Antoinette mehr die Rede. In seinem »Père Duchesne« zwar kläfft ab und zu Hébert, der schmutzige Köter der Revolution, die »Hure« (grue) solle endlich »die Krawatte Samsons anprobieren« und der Henker »mit dem Kopf der Wölfin Kegel spielen«. Aber der Wohlfahrtsausschuß, der weiter denkt, läßt ihn ruhig fragen, warum man »so viele Flausen mache, um die österreichische Tigerin zu verurteilen, und nach Beweisstücken für ihre Verurteilung suche, während doch, wenn man gerecht gegen sie sein wollte, sie zu Hackfleisch gemacht werden müsse für alles Blut, das sie auf dem Gewissen habe« –, all dies wüste Gerede und Geschrei beeinflußt nicht um einen Zoll die geheimen Pläne des Wohlfahrtsausschusses, der einzig auf die Kriegskarte blickt. Wer weiß, wie gut man diese Habsburger Tochter noch brauchen kann, vielleicht sogar schon sehr bald, denn die Julitage sind für die französische Armee verhängnisvoll geworden. Jeden Augenblick können die verbündeten Truppen auf Paris marschieren; wozu ein so kostbares Blut unnütz vergeuden! Man läßt also Hébert ruhig schreien und toben, denn das verstärkt den Anschein, als plane man ihre baldige Hinrichtung: in Wirklichkeit hält der Konvent ihr Schicksal in Schwebe. Marie Antoinette wird nicht freigelassen, sie wird nicht verurteilt. Man hält nur sehr sichtbar das Schwert über ihr Haupt, und ab und zu zeigt man seine blitzende Schneide, weil man hofft, das Haus Habsburg zu erschrecken und endlich, endlich für Verhandlungen gefügig zu machen.

 

Verhängnisvollerweise erschreckt aber die Nachricht von der Überführung Marie Antoinettes in die Conciergerie ihre Blutsverwandten nicht im mindesten: Marie Antoinette zählte für Kaunitz als Aktivposten der habsburgischen Politik nur, solange sie Herrscherin von Frankreich war; eine abgesetzte Königin, eine private unglückliche Frau wird Ministern, Generalen, Kaisern völlig gleichgültig, Diplomatie kennt keine Sentimentalität. Einem Einzigen nur, einem völlig Machtlosen fährt die Botschaft wie Feuer ins Herz: Fersen. Verzweifelt schreibt er seiner Schwester: »Meine teure Sophie, meine eine und einzige Freundin, Du weißt wohl schon in diesem Augenblick von dem furchtbaren Unglück der Überführung der Königin ins Gefängnis der Conciergerie und vom Dekret dieses niederträchtigen Konvents, das sie dem Revolutionstribunal überliefert. Seit diesem Augenblicke lebe ich nicht mehr, denn das heißt nicht leben, so zu existieren wie ich, und all die Schmerzen zu leiden, die ich empfinde. Wenn ich wenigstens etwas für ihre Befreiung tun könnte, glaube ich, daß ich weniger leiden würde. Aber nichts zu tun nur als herumzubitten, ist furchtbar für mich. Nur Du kannst nachfühlen, was ich leide, alles ist für mich verloren, mein Bedauern wird ewig sein, und nur der Tod wird es mich vergessen lassen. Ich kann mich mit nichts befassen, ich kann an nichts denken als an das Unglück dieser schwer geprüften, würdigen Fürstin. Ich habe nicht einmal die Kraft, das auszudrücken, was ich fühle. Ich würde mein Leben hingeben, um sie zu retten, und kann es doch nicht; mein größtes Glück wäre, für sie zu sterben, um sie zu retten.« Und wenige Tage später: »Ich werfe mir oft die Luft vor, die ich atme, wenn ich mir vergegenwärtige, daß sie in einem fürchterlichen Gefängnis eingeschlossen ist. Dieser Gedanke zerreißt mein Herz, vergiftet mein Leben, und ich bin ohne Unterlaß hin und her gerissen zwischen Schmerz und Wut.« Aber was bedeutet dieser kleine gleichgültige Herr von Fersen für einen allmächtigen Generalstab, was für die weise und erhabene große Politik? Was vermag er anders zu tun als seinen Zorn, seine Erbitterung, seine Verzweiflung, das ganze höllische Feuer, das in ihm wütet und seine Seele verbrennt, immer wieder in nutzlosen Bitten zu entladen, die Vorzimmer abzulaufen und die Militärs, die Staatsmänner, die Prinzen, die Emigranten einen nach dem andern zu beschwören, man möge doch nicht so schmachvoll kühl zusehen, wie eine Königin von Frankreich, eine Prinzessin aus dem Hause Habsburg, erniedrigt und ermordet werde. Aber überall begegnet ihm ausweichend höfliche Gleichgültigkeit, selbst den getreuen Eckart Marie Antoinettes, den Grafen Mercy, findet er »eisig« (»de glace«). Mercy lehnt jede Intervention Fersens respektvoll, aber entschieden ab und läßt unglückseligerweise gerade bei diesem Anlaß seinen persönlichen Groll sich auswirken: Mercy hat Fersen nie verziehen, daß er der Königin näher stand, als die Sitte erlaubte, und gerade von dem Liebhaber der Königin – dem einzigen, der sie und ihr Leben liebt – will er sich keine Vorschriften machen lassen.

 

Aber Fersen gibt nicht nach. Diese Eiseskälte aller Menschen, die sich so fürchterlich von seiner Glut unterscheidet, bringt ihn zur Raserei. Da Mercy versagt, wendet er sich an den andern treuen Freund der königlichen Familie, den Grafen de La Marck, der seinerzeit die Verhandlungen mit Mirabeau geführt hat. Hier findet er menschlicheres Verständnis. Graf de La Marck begibt sich zu Mercy und erinnert den alten Mann an das Versprechen, das er vor einem Vierteljahrhundert Maria Theresia gegeben hat, ihre Tochter bis zum letzten Augenblick zu schützen. An seinem Tisch verfassen sie einen energischen Brief an den Prinzen von Coburg, den Oberkommandanten der österreichischen Truppen: »Solange die Königin noch nicht unmittelbar bedroht war, konnte man Schweigen bewahren aus Furcht, die Wut der Wilden, die sie umringen, zu erwecken. Heute, da sie einem Blutstribunal ausgeliefert ist, wird jede Maßregel, sie zu retten, Ihnen als Pflicht erscheinen.« Mercy verlangt, von de La Marck angefeuert, unverzüglichen raschen Vormarsch auf Paris, um dort Schrecken zu verbreiten; jede andere militärische Operation müsse hinter dieser allernötigsten zurückbleiben. »Lassen Sie mich«, mahnt Mercy, »von dem Bedauern sprechen, das wir alle eines Tages empfinden müßten, in einem solchen Augenblick untätig gewesen zu sein. Die Nachwelt wird es nicht glauben, daß ein so großes Verbrechen wenige Stunden von den siegreichen Armeen entfernt vollführt werden konnte, ohne daß diese Armeen einen Versuch gemacht hätten, es zu verhindern.«

Diese Aufforderung zur rechtzeitigen Rettung Marie Antoinettes ist leider an einen schwächlichen und vor allem fürchterlich dummen Menschen gerichtet, an ein ödes Kommißgehirn. Die Antwort des Oberbefehlshabers, Prinzen Coburg, fällt dementsprechend aus. Als ob man 1793 noch in den Zeiten des Hexenhammers und der Inquisition lebte, schlägt dieser durch seine »nullité« bekannte Prinz vor, man solle »in dem Falle, daß die mindeste Gewalttätigkeit gegen die Person Ihrer Majestät der Königin geübt werde, sofort die vier jüngst festgenommenen Mitglieder des Konvents bei lebendigem Leib aufs Rad flechten lassen«. Mercy und de La Marck, beide vornehme, kultivierte Edelleute, sind über diese Dummheit aufrichtig erschrocken und sehen, daß mit einem solchen Schwachkopf Verhandlungen keinen Sinn haben, darum beschwört de La Marck Mercy, unverzüglich an den Wiener Hof zu schreiben: »Senden Sie sofort einen andern Kurier, sorgen Sie, daß man dort die ganze Gefahr erkenne, drücken Sie die äußersten Besorgnisse aus, die ja leider nur zu begründet sind. Es tut not, daß man endlich in Wien begreife, wie peinlich, ja, ich wage zu sagen, wie verhängnisvoll für die kaiserliche Regierung es wäre, wenn die Geschichte eines Tages sagen könnte: vierzig Meilen weit vom gewaltigen und siegreichen Österreich hat die erhabene Tochter Maria Theresias auf dem Schafott geendet, ohne daß man einen Versuch gemacht hätte, sie zu retten. Es wäre ein untilgbarer Flecken auf dem Kronschilde unseres Kaisers.« Und um den etwas schwer beweglichen alten Herrn noch mehr in Feuer zu bringen, fügt er überdies eine persönliche Mahnung an Mercy bei: »Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß das stets ungerechte menschliche Urteil Ihr wahres Gefühl, das alle Freunde achten, nicht richtig einschätzen würde, wenn Sie unter den gegenwärtigen bedauerlichen Umständen nicht von allem Anfang an und mit immer wieder erneuter Anstrengung sich bemühen würden, unseren Hof aus der verhängnisvollen Stumpfheit zu rütteln, in der er sich befindet.«

Von solcher Warnung aufgestört, setzt sich der alte Mercy endlich energisch in Bewegung und schreibt nach Wien: »Ich frage mich, ob es mit der Würde des Kaisers und seinen Interessen zu verbinden ist, daß er bloßer Zuschauer des Schicksals bleibt, von dem seine erlauchte Tante bedroht wird, ohne zu versuchen, sie diesem Schicksal zu entziehen oder sogar zu entreißen ... Hat der Kaiser nicht unter solchen Umständen besondere Pflichten zu erfüllen? ... Man darf nicht vergessen, daß die Haltung unserer Regierung eines Tages von der Nachwelt beurteilt werden wird; und muß man nicht die Strenge dieses Urteils fürchten, wenn Seine Majestät der Kaiser weder Versuche gemacht noch Opfer gebracht hat, um sie zu retten?«

Dieser für einen Gesandten ziemlich mutige Brief wird kühl in irgendeinen Aktenfaszikel der Hofkanzlei eingeordnet, dort läßt man ihn unbeantwortet verstauben. Kaiser Franz denkt nicht daran, einen Finger zu rühren; ruhig promeniert er in Schönbrunn umher, ruhig wartet Coburg in seinem Winterquartier und läßt seine Soldaten so lange Exerzierübungen machen, bis mehr von ihnen ausreißen, als er in der blutigsten Schlacht verloren hätte. Alle Monarchen bleiben ruhig und gleichgültig und unbesorgt. Denn was zählt im uralten Hause Habsburg noch ein bißchen Ehre mehr oder weniger! Keiner rührt einen Finger für Marie Antoinettes Rettung, und bitter sagt Mercy in plötzlich ausbrechendem Zorn: »Sie hätten sie auch dann nicht gerettet, wenn sie mit eigenen Augen sie die Guillotine hätten hinaufschreiten sehen.«

Auf Coburg, auf Österreich ist nicht zu rechnen, nicht auf die Prinzen, nicht auf die Emigranten und die Verwandten, – so versuchen Mercy und Fersen auf eigene Faust das letzte Mittel: Bestechung. Durch den Tanzmeister Noverre, durch einen dunklen Finanzmann wird Geld nach Paris geschickt: niemand weiß, in welchen Händen es versickert. Zuerst versucht man, an Danton heranzukommen, der – Robespierre hat richtig gewittert – allgemein für zugänglich gilt; merkwürdigerweise gehen auch Wege zu Hébert, und obwohl, wie meist bei Bestechungen, der Beweis fehlt, wirkt es erstaunlich, daß mit einmal dieser Hauptschreier, der seit Monaten wie ein Epileptiker tobt, die »grue« müsse endlich »den Hechtsprung machen«, jetzt plötzlich fordert, man solle sie in den Temple zurückführen. Wie weit diese lichtscheuen Verhandlungen Erfolg hatten oder Erfolg gehabt hätten, wer kann es sagen? Jedenfalls sind die goldenen Kugeln zu spät abgeschossen worden. Denn während diese geschickten Freunde sie zu retten suchen, hat ein allzu ungeschickter Marie Antoinette bereits in den Abgrund gestoßen: wie immer in ihrem Leben sind ihre Freunde ihr verhängnisvoller geworden als ihre Feinde.


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