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Der Temple

Es ist schon dunkel, als die königliche Familie vor dem ehemaligen Schlosse der Tempelherren, dem »Temple«, anlangt. Die Fenster des Hauptgebäudes man feiert doch ein Volksfest – sind mit unzähligen Lampions erleuchtet. Marie Antoinette kennt dieses kleine Palais. Hier hat in den seligen leichten Jahren des Rokoko der Bruder des Königs, der Graf von Artois, ihr Tanzfreund und Amüsierkumpan, gewohnt. Mit klirrenden Schellen, in kostbare Pelze gehüllt, war sie vor vierzehn Jahren einmal im Winter mit ihrem reich bemalten Schlitten vorgefahren, um rasch bei ihrem Schwager zu speisen. Heute laden sie weniger liebenswürdige Hausherren, die Mitglieder der Kommune, zu dauerndem Aufenthalt ein, und statt der Lakaien stehen vor den Türen als vorsorgliche Wächter Nationalgarden und Gendarmen. Den großen Saal, in dem man den Gefangenen das Diner serviert, kennen wir von einem berühmten Bild »Ein Tee bei dem Prinzen von Conti«. Der Knabe und das junge Mädchen, die hier eine illustre Gesellschaft mit einem Konzert unterhalten, sind niemand anderes als der junge achtjährige Wolfgang Amadeus Mozart und seine Schwester: Musik und Heiterkeit haben diese Räume durchklungen, glückliche, genießerische Adelsherren zuletzt in diesem Haus gewohnt.

Aber nicht dieses elegante Palais, in dessen vergoldeten Holzverkleidungen vielleicht noch ganz leise eine Schwingung jener silbernen Mozartleichtigkeit nachklingt, wird Marie Antoinette und Ludwig XVI. von der Kommune zum Aufenthalt bestimmt, sondern nebenan die beiden uralten runden und spitz bedachten Festungstürme. Von den Tempelherren im Mittelalter als uneinnehmbare Burg aus schweren Quadern gebaut, erwecken sie, grau und finster, ähnlich der Bastille zuerst ein gespenstisches Schaudern. Mit ihren wuchtigen, eisenbeschlagenen Türen, ihren niedern Fenstern, ihren düster ummauerten Höfen gemahnen sie an verschollene Balladen vergangener Zeit, an Feme, Inquisition, Hexenkeller und Folterräume. Ungern, mit scheuen Blicken sehen die Pariser zu diesen Überresten einer gewalttätigen Zeit empor, die unbenutzt und darum doppelt geheimnisvoll inmitten eines belebten Kleinbürgerviertels stehen geblieben sind: Es war ein grausam sprechendes Symbol, dieses alte, unnütz gewordene Gemäuer als Gefängnis für das alte und gleichfalls unnütz gewordene Königtum zu bestimmen.

Die nächsten Wochen gelten der Sicherung dieses weiträumigen Kerkers. Eine Reihe kleiner Häuser rings um die Türme wird abgerissen, alle Bäume im Hof werden niedergelegt, um die Überwachung nach keiner Seite zu behindern, außerdem die beiden glattrasierten, nackten Höfe um die Türme durch eine Steinmauer von den andern Gebäuden abgeschlossen, so daß man erst drei Festungswälle durchschreiten muß, ehe man an die eigentliche Zitadelle heran kann. Wächterhäuschen werden bei allen Ausgängen errichtet und vor jede Innentür auf den Gängen jedes Stockwerks sorglich eine Schranke eingebaut, die jeden, der aus- und eingeht, zwingt, sich bei sieben oder acht verschiedenen Wachen auszuweisen. Als Aufsichtspersonen ernennt der Stadtrat, der für die Gefangenen haftet, jeden Tag durch das Los vier andere Kommissare, die abwechselnd Tag und Nacht alle Räume zu überwachen haben und verpflichtet sind, abends sämtliche Schlüssel aller Türen in Verwahrung zu nehmen. Außer ihnen und den Stadträten darf den ganzen Festungsraum des Temple niemand ohne besondere Erlaubniskarte des Magistrats betreten: kein Fersen und kein gefälliger Freund vermag mehr der königlichen Familie zu nahen, die Möglichkeit der Briefe und Verständigungen, sie ist – oder sie scheint – unwiderruflich zu Ende.

Schwerer noch trifft eine andere Vorsichtsmaßregel die königliche Familie. In der Nacht des 19. August erscheinen zwei Magistratsbeamte mit dem Befehl, alle Personen, die nicht zur königlichen Familie gehören, abzuführen. Besonders schmerzlich wird der Königin der Abschied von Madame de Lamballe, die, schon in Sicherheit, noch einmal freiwillig aus London zurückgekommen war, um gerade in der Stunde der Gefahr ihre Freundschaft zu bewähren. Beide ahnen sie, daß sie einander nicht wiedersehen werden; bei diesem Abschied, dem kein Zeuge beiwohnte, muß es wohl gewesen sein, daß Marie Antoinette als letztes Liebeszeichen ihrer Freundin jene in einen Ring eingeschlossene helle Haarsträhne mit der tragischen Inschrift »Sie sind weiß geworden durch das Unglück« schenkte, die man später bei der zerstückten Leiche der ermordeten Prinzessin gefunden hat. Auch die Erzieherin, Madame de Tourzel, und ihre Tochter müssen aus diesem gemeinsamen Gefängnis in ein anderes, in die Force, übersiedeln, ebenso die Begleiter des Königs: nur ein Kammerdiener wird ihm zu seiner persönlichen Bedienung gelassen. Damit ist der letzte Schein und Schimmer eines Hofstaates zerstört, und die königliche Familie: Ludwig XVI., Marie Antoinette, ihre beiden Kinder und Prinzessin Elisabeth, ist mit sich ganz allein.

 

Die Furcht vor einem Geschehnis ist meist unerträglicher als das Geschehnis selbst. Sosehr die Gefangenschaft für den König und die Königin Erniedrigung bedeutet, ihren Personen bietet sie vorerst eine gewisse Sicherheit. Die dicken Mauern, die sie umschließen, die verbarrikadierten Höfe, die Wachposten mit den ständig geladenen Flinten, sie verhindern jeden Fluchtversuch, aber sie schützen gleichzeitig auch vor jedem Überfall. Nicht mehr, wie in den Tuilerien, muß die königliche Familie täglich und stündlich auf die Sturmglocken und die Alarmtrommeln lauschen, ob heute oder morgen ein Angriff zu gewärtigen sei; in diesem einsamen Turm bleibt heute wie morgen dieselbe Einteilung, dieselbe gesicherte windstille Abgeschlossenheit und die gleiche Entferntheit von allen Erregungen der Welt. Die Stadtverwaltung tut zunächst alles, um für das rein körperliche Wohlbehagen der gefangenen königlichen Familie zu sorgen: im Kampf rücksichtslos, ist die Revolution dem inneren Willen nach nicht unmenschlich. Nach jedem harten Schlag setzt sie immer wieder einen Augenblick aus, ohne zu ahnen, daß gerade diese Pausen, diese scheinbaren Entspannungen den Besiegten die Niederlage noch fühlbarer machen. Die ersten Tage nach der Überführung in den Temple bemüht sich die Stadtverwaltung, den Gefangenen ihr Gefängnis möglichst annehmlich zu gestalten. Der große Turm wird neu tapeziert, mit Möbeln ausgestattet, ein ganzes Stockwerk mit vier Zimmern dem König, vier Zimmer der Königin, der Schwägerin der Königin, Madame Elisabeth, und den Kindern eingeräumt. Sie dürfen jederzeit den düstern, muffigen Turm verlassen, im Garten spazieren gehen, und vor allem sorgt die Kommune für das, was dem Könige für sein Wohlbehagen leider am wichtigsten ist, für gutes reichliches Essen. Nicht weniger als dreizehn Angestellte sind für seinen Tisch tätig, jeden Mittag gibt es mindestens drei Suppen, vier Vorspeisen, zwei Braten, vier leichte Speisen, Kompotte, Früchte, Malvasierwein, Bordeaux, Champagner, so daß innerhalb von dreieinhalb Monaten die Küchenausgaben nicht weniger als fünfunddreißigtausend Livres betragen. Auch für Wäsche, für Kleidung, für Wohnungsausstattung wird, solange man Ludwig XVI. noch nicht als Verbrecher behandelt, reichlich gesorgt. Er erhält auf seinen Wunsch eine ganze Bibliothek von 257 Büchern – meist lateinischen Klassikern –, um sich die Zeit zu vertreiben: in dieser ersten, sehr kurzen Epoche hat die Festsetzung der königlichen Familie durchaus nicht den Charakter einer Bestrafung, und so könnten, abgesehen von der seelischen Bedrückung, der König und die Königin ein stillgemächliches und beinahe friedsames Leben führen. Morgens läßt Marie Antoinette ihre Kinder kommen und unterrichtet sie oder spielt mit ihnen, mittags wird gemeinsam gegessen, nach Tisch eine Partie Tricktrack oder Schach gespielt. Während dann der König den Dauphin im Garten spazieren führt und mit ihm Drachen steigen läßt, befaßt sich die Königin, die zu stolz ist, um unter Bewachung öffentlich zu promenieren, meist in ihrem Zimmer mit Handarbeiten. Abends bringt sie selbst die Kinder zu Bett, man plaudert noch ein wenig oder spielt Karten, manchmal versucht sie auf dem Clavecin zu spielen, wie in früheren Tagen, oder ein wenig zu singen, aber, abgeschnitten von der großen Welt, von ihren Freundinnen, fehlt ihr jene für immer verlorene Leichtigkeit des Herzens. Sie spricht wenig und ist am liebsten bei den Kindern oder allein. Ihr fehlt jener Trost großer Frömmigkeit, der Ludwig XVI. und seiner Schwester, die viel beten und alle Fasttage streng einhalten, eine Gelassenheit des Erduldens gibt. Ihr Lebenswille läßt sich so leicht nicht brechen wie jener dieser Temperamentlosen: noch immer ist ihr Sinn, selbst in diesen verschlossenen Mauern, der Welt zugewandt; noch weigert sich ihre sieggewohnte Seele zu verzichten, noch will sie nicht die Hoffnung aufgeben – nach innen sammelt sich jetzt diese zurückgestaute Kraft. Einzig sie gibt sich nicht gefangen in der Gefangenschaft; die andern spüren sie kaum, und wäre nicht die Bewachung, nicht die ewige Angst vor dem Morgen, so wäre dem Kleinbürger Ludwig XVI. und der Klosterschwester Madame Elisabeth eigentlich die Lebensform erfüllt, nach der sie sich unbewußt seit Jahren und Jahren gesehnt: der gedankenlosen und verantwortungslosen Passivität.

 

Aber die Wachen sind da. Ohne Unterlaß werden die Eingeschlossenen daran erinnert, daß eine andere Macht über ihr Schicksal gebietet. Im Speisezimmer hat die Kommune in Großfolioformat den Text der »Erklärung der Menschenrechte« mit dem für einen König schmerzlichen Druckdatum »Im ersten Jahre der Republik« an die Wand gehängt. Auf den Messingplatten seines Ofens muß er die Inschrift lesen »Freiheit, Gleichheit«, beim Mittagessen erscheint ein Kommissar oder der Kommandant der Besatzung als ungebetener Gast. Jedes Stück Brot wird von fremder Hand vorgeschnitten und untersucht, ob es nicht geheime Verständigung enthalte, keine Zeitung darf in das Geviert des Temple dringen, ebenso wird jeder, der den Turm betritt oder verläßt, von den Wachmannschaften auf das genaueste abgetastet nach mitgenommenen Papieren, und überdies werden die Zimmertüren von außen verschlossen. Keinen Schritt kann der König oder die Königin tun, ohne daß hinter ihnen, das geladene Gewehr im Arm, ein Wächter schattet, kein Gespräch führen ohne Zeugen, nichts Gedrucktes lesen ohne Zensur. Nur in ihren abgesonderten Schlafzimmern kennen sie das Glück und die Gnade des Mitsichalleinseins.

Diese Überwachung aber, war sie wirklich vorbedacht quälerisch? Waren die Wächter und Inspektoren der königlichen Gefangenschaft tatsächlich derart sadistische Folterknechte, wie sie die royalistische Märtyrergeschichte schildert? Hat man wirklich Marie Antoinette und die Ihren unablässig mit unnötigen Trakasserieen erniedrigt und besonders rohe Sansculotten für diesen Zweck ausgewählt? Die Berichte der Kommune widersprechen dem, doch auch sie sind Partei. Um in dieser entscheidenden Frage, ob die Revolution den besiegten König wirklich noch bewußt gekränkt und mißhandelt habe, gerecht zu entscheiden, ist äußerste Vorsicht geboten. Denn der Begriff Revolution ist an sich schon ein weites Wort: er reicht in einer Skala unablässiger Übergänge von der höchsten Idealität bis zur tatsächlichen Brutalität, von der Größe zur Grausamkeit, vom Geist bis in sein Gegenspiel, die Gewalt; er schillert und wandelt sich, weil er seine Farbe immer von den Menschen und den Umständen erhält. In der Französischen Revolution – wie in jeder – zeichnen sich deutlich zwei Typen von Revolutionären ab: die Revolutionäre aus Idealität und die aus Ressentiment; die einen, die es besser hatten als die Masse, wollen diese zu sich emporheben, ihre Bildung, ihre Kultur, ihre Freiheit, die Lebensformen steigern. Die andern, die es selber lange schlecht gehabt, wollen Rache nehmen an denen, die es besser hatten, sie suchen ihre neue Macht auszutoben an den vormals Mächtigen. Diese Einstellung, weil in der Zwiefalt der menschlichen Natur begründet, gilt für alle Zeiten. In der Französischen Revolution hatte vorerst die Idealität die Oberhand: die Nationalversammlung, die aus Adeligen und Bürgern, aus den Angesehenen des Landes bestand, wollte dem Volke helfen, die Massen befreien, aber die befreite Masse, die entfesselte Gewalt wendet sich bald gegen die Befreier: in der zweiten Phase bekommen die radikalen Elemente, die Revolutionäre des Ressentiments, die Oberhand, und denen ist Macht zu neu, als daß sie der Lust widerstehen könnten, sie ausgiebig zu genießen. Jene Gestalten kleiner Geistigkeit und endlich erlöster Gedrücktheit kommen ans Ruder, deren Ehrgeiz es ist, die Revolution auf ihr eigenes Maß, auf ihre eigene seelische Mittelmäßigkeit hinabzuziehen.

Von diesen Revolutionären aus Ressentiment ist gerade Hébert, dem die Obsorge über die königliche Familie anvertraut wird, die typischste und widerlichste Erscheinung. Die Edelsten, die Geistigsten der Revolution, Robespierre, Camille Desmoulins, Saint-Just, haben sofort diesen schmutzigsten Schmierer, diesen wüstesten Schreier als das erkannt, was er war: eine Schwäre auf der Ehre der Revolution, und Robespierre hat sie – freilich zu spät – mit dem glühenden Eisen ausgebrannt. Verdächtigen Vorlebens, offen der Unterschlagung bei der Theaterkasse beschuldigt, stellenlos und skrupellos, springt er in die Revolution, wie ein gehetztes Wild in den Fluß, und die Strömung trägt ihn, weil er, wie Saint-Just sagt, »der Zeitstimmung und der Gefahr gemäß, geschickt wie ein Reptil die Farbe ändert«; je mehr sich die Republik mit Blut befleckt, um so röter wird seine Feder in dem von ihm geschriebenen oder vielmehr hingedreckten »Père Duchesne«, dem niedrigsten Boulevardblatt der Revolution. Im ordinärsten Tone – »als ob die Seine ein Kanalausguß von Paris wäre«, sagt Camille Desmoulins – schmeichelt er dort den widerlichsten Instinkten der untersten, der alleruntersten Klassen und bringt damit die Revolution im Ausland um alles Ansehen; aber er persönlich verdankt dieser Pöbelpopularität neben reichlichen Einnahmen seinen Sitz im Stadtrat und eine immer größere Macht: ihm wird verhängnisvollerweise das Schicksal Marie Antoinettes in die Hand gegeben.

Ein solcher Mensch, als Herr und Wächter über die königliche Familie gesetzt, genießt selbstverständlich mit der ganzen Zufriedenheit einer kleinen Seele die Möglichkeit, eine Erzherzogin von Österreich, eine Königin von Frankreich ducken und überlegen behandeln zu dürfen. Im persönlichen Verkehr mit Absicht kühl-höflich und immer bedacht, zu zeigen, er sei der wahre und bestellte Vertreter der neuen Gerechtigkeit, entlädt Hébert mit gemeinen Beschimpfungen im »Père Duchesne« seinen Zorn, daß die Königin jedes Gespräch mit ihm ablehnt; die Stimme des »Père Duchesne« war es, die ununterbrochen den »Hechtsprung« und das »rasoir national« für den »Trunkenbold und seine Hure« forderte, gegen dieselben, die der Herr Stadtprokurator Hébert allwöchentlich auf das höflichste besucht. Sein Mundwerk war zweifellos heftiger als sein Herz, aber schon darin lag unnötige Erniedrigung der Besiegten, daß man gerade diesen Erbärmlichsten und Unwahrhaftigsten unter den Patrioten als Gefängnisoberhaupt bestellte. Denn die Furcht vor Hébert wirkt selbstverständlich auf die Wachsoldaten und Beamten. Sie müssen aus Angst, für unzuverlässig gehalten zu werden, ungeschlachter tun, als sie eigentlich wollen; anderseits aber hat sein Haßgeschrei den Eingeschlossenen in überraschender Art geholfen, denn die biedern und ahnungslosen Handwerker und Kleinbürger, die Hébert zur Bewachung bestellt, sie hatten in seinem »Père Duchesne« immer von dem »blutigen Tyrannen« gelesen und von der hurenhaften, verschwenderischen Österreicherin. Nun zum Wachdienst kommandiert, was sehen sie? Einen arglosen dicken Kleinbürger, der, sein Söhnchen an der Hand, im Garten spazieren geht und mit ihm ausmißt, wieviel Quadratzoll und -fuß der Hof umfaßt; sie sehen ihn viel und gern essen und schlafen und über seinen Büchern sitzen. Bald erkennen sie, daß dieser stumpfe, brave Hausvater keiner Fliege etwas zuleide tun kann; es ist wirklich schwer, einen solchen Tyrannen zu hassen, und wenn Hébert nicht so streng aufpaßte, würden die Wachsoldaten wahrscheinlich mit diesem gemütlichen Herrn wie mit einem Kameraden aus dem Volk geplaudert, gespaßt oder Karten gespielt haben. Mehr Abstand erzwingt natürlich die Königin. Marie Antoinette richtet nicht ein einzigesmal bei Tisch das Wort an einen der Aufseher, und wenn eine Kommission kommt, sie nach ihren etwaigen Wünschen und Beschwerden zu fragen, antwortet sie unentwegt, sie wünsche und begehre nichts. Lieber will sie alles auf sich nehmen, als einen ihrer Kerkerwächter um eine Gefälligkeit bitten. Aber gerade diese Hoheit im Unglück ergreift diese einfachen Menschen, und wie immer erregt eine Frau, die sichtlich leidet, besonderes Mitgefühl. Allmählich geraten die Wächter, die ja eigentlich Mitgefangene ihrer Gefangenen sind, in eine gewisse Neigung zur Königin und zur königlichen Familie, und nur dies allein erklärt die Möglichkeit der verschiedenen Entweichungsversuche; wenn sich also die Wachsoldaten, wie es in den royalistischen Memoiren geschildert ist, äußerlich rauh und betont republikanisch gebärdet haben, wenn sie sich ab und zu auch einen groben Fluch leisteten und lauter sangen oder pfiffen als nötig, so geschah dies eigentlich nur, um ihr innerliches Mitleid vor der Überwachung zu verstecken. Besser als die Ideologen im Konvent hat das einfache Volk verstanden, daß dem Gestürzten Ehrfurcht in seinem Unglück gebühre, und von den angeblich so groben Soldaten des Temple hat die Königin viel weniger Haß und Häßlichkeit erfahren als seinerzeit in den Salons von Versailles.

 

Aber die Zeit steht nicht still, und wenn man es auch nicht wahrnimmt in diesem ummauerten Geviert, außen schwingt sie mit riesigen Flügeln. Von den Grenzen kommen schlimme Nachrichten, endlich haben die Preußen, die Österreicher sich in Bewegung gesetzt und auf den ersten Stoß die revolutionären Truppen zersprengt. In der Vendée steht die Bauernschaft im Aufstand, der Bürgerkrieg beginnt, die englische Regierung hat ihren Gesandten zurückgezogen, Lafayette verläßt, erbittert über den Radikalismus der von ihm selber herbeibeschworenen Revolution, die Armee; die Lebensmittel werden knapp, das Volk wird unruhig. Das gefährlichste aller Worte, Verrat, springt wie nach jeder Niederlage tausendzüngig auf und verstört die ganze Stadt. In dieser Stunde ergreift Danton, der kräftigste und skrupelloseste Mann der Revolution, die blutige Fahne des Terrors und faßt den furchtbaren Entschluß, in drei Tagen und Nächten des September alle nur irgendwie Verdächtigen in den Gefängnissen hinschlachten zu lassen. Unter diesen Zweitausend fällt auch die Freundin der Königin, die Prinzessin von Lamballe.

Von diesen grauenhaften Geschehnissen weiß die königliche Familie im Temple nichts, abgesperrt lebt sie ja von den lebendigen Stimmen, von dem gedruckten Wort. Sie hören nur plötzlich die Sturmglocken läuten, und Marie Antoinette kennt diese bronzenen Vögel des Unglücks. Sie weiß schon, wenn sie mit ihren flatternden Klängen über die Stadt brausen, dann bricht ein Unwetter los, irgendein Unheil flügelt heran. Erregt flüstern die Eingeschlossenen im Turme. Steht am Ende schon der Herzog von Braunschweig mit seinen Truppen vor den Toren? Ist eine Revolution ausgebrochen gegen die Revolution?

Unten aber am verschlossenen Eingang zum Temple beratschlagen die Wächter und Stadtbeamten in höchster Erregung: sie wissen mehr. Vorausgestürmte Boten haben gemeldet, daß eine ungeheure Menge aus den Vorstädten anrückt, die auf einer Pike den fahlen Kopf der geschlachteten Prinzessin von Lamballe mit flatternden Haaren voranträgt und ihren nackten, zerfetzten, verstümmelten Rumpf nachschleift; es ist kein Zweifel, daß diese entmenschte Mordbande, berauscht von Blut und Wein, sich jetzt den letzten kannibalischen Triumph gönnen will, Marie Antoinette das bleiche Haupt ihrer toten Freundin und den nackten geschändeten Körper zu zeigen, mit dem die Königin nach der allgemeinen Überzeugung so lange Unzucht getrieben. Verzweifelt sendet die Wache zur Kommune um militärische Hilfe, denn sie selbst könnte solchen rasenden Massen nicht standhalten, aber der hinterlistige Pétion bleibt wie immer, wenn es gefährlich wird, unsichtbar; keine Verstärkung kommt, und schon tobt der Trupp mit seiner fürchterlichen Beute vor dem Haupttor. Um die Menge nicht noch rasender zu machen und einen Einbruch zu vermeiden, der zweifellos mörderisch für die königliche Familie ausginge, sucht der Kommandant die Rotte hinzuhalten; er läßt den bacchantischen Zug zunächst in den äußeren Hof des Templegevierts, und, ein schmutziger Sturzbach, schäumt die Menge durch das Tor.

Zwei der Kannibalen schleppen den nackten Rumpf an den Beinen, ein anderer hält die blutigen Eingeweide in der Hand hoch, ein dritter hebt auf einer Pike das grünlich-blasse, blutige Haupt der Prinzessin empor. Mit diesen Trophäen wollen sie hinauf in den Turm, um, wie sie ankündigen, die Königin zu zwingen, den Kopf ihrer Hure zu küssen. Gewalt vermag gegen diese Tobenden nichts auszurichten; so versucht es einer der Kommissare der Kommune mit List. Durch die amtliche Schärpe des Abgeordneten gekennzeichnet, fordert er Stille und hält eine Rede. Um sie zu ködern, belobt er zuerst die Menge für ihre großartige Tat und schlägt vor, doch lieber den Kopf durch ganz Paris zu tragen, damit das gesamte Volk diese »Trophäe« als »ewiges Monument des Sieges« bewundern könne. Glücklicherweise verfängt die Schmeichelei, und mit wildem Grölen ziehen die Betrunkenen ab, um den geschändeten nackten Leib weiter durch die Straßen bis zum Palais Royal zu schleifen.

Inzwischen sind die im Turm Eingeschlossenen ungeduldig geworden. Sie hören unten verworrene Schreie einer wütenden Menge, ohne zu verstehen, was sie will und begehrt. Aber sie kennen das finstere Brausen aus den Tagen des Sturms auf Versailles und die Tuilerien, und sie merken, wie die Wachsoldaten blaß und aufgeregt auf ihre Posten eilen, um irgendeine Gefahr abzuwehren. Beunruhigt erkundigt sich der König bei einem der Nationalgardisten. »Nun, mein Herr,« antwortet dieser heftig, »wenn Sie es schon wissen wollen: man will Ihnen den Kopf der Madame de Lamballe zeigen. Ich kann Ihnen nur raten, am Fenster zu erscheinen, wenn Sie nicht wollen, daß das Volk heraufkommt.«

Bei diesem Worte hört man einen dumpfen Schrei: Marie Antoinette ist ohnmächtig zusammengesunken. »Es war der einzige Augenblick,« sagt ihre Tochter in einem späteren Bericht, »da ihre Energie sie im Stiche ließ.«

 

Drei Wochen später, am 21. September, dröhnen wiederum die Straßen. Abermals horchen die Gefangenen beunruhigt hinaus. Aber diesmal murrt nicht der Zorn des Volks, diesmal braust seine Freude; sie hören, wie unten, mit absichtlich lauten Stimmen, die Zeitungsausträger ausrufen, der Konvent habe die Abschaffung des Königtums beschlossen. Am nächsten Tage erscheinen die Abgeordneten, um dem König, der nicht mehr König ist, von seiner Absetzung Mitteilung zu machen. Ludwig der Letzte – so wird er von nun ab genannt, ehe man ihn verächtlich mit Louis Capet bezeichnet, – nimmt diese Botschaft so gelassen hin wie Shakespeares König Richard II.

Was muß der König tun? Sich unterwerfen?
Der König wird es tun. Muß er entthront sein?
Der König fügt sich. Muß der Name König
Verloren sein? Fahr hin, in Gottes Namen!

Von einem Schatten kann man kein Licht mehr nehmen, von einem längst schon machtlos Gewordenen keine Macht. Kein Wort des Widerspruchs findet der längst gegen alle Erniedrigungen abgestumpfte Mann, keines auch Marie Antoinette; vielleicht fühlen sie sich sogar alle beide entlastet. Denn von jetzt an haben sie für ihr eigenes Schicksal und das des Staats keine Verantwortung mehr, sie können nichts mehr falsch tun oder versäumen und brauchen für nichts mehr zu sorgen als für das kleine Stück Leben, das man ihnen vielleicht läßt. Am besten jetzt, sich an kleinen menschlichen Dingen zu freuen, der Tochter bei Näharbeiten oder am Clavecin zu helfen, dem Knaben die Schulaufgaben zu verbessern, die er mit seiner großen, steifen, kindischen Schrift schreibt (freilich, sie müssen jetzt immer rasch das Blatt zerreißen, wenn das Kind auf das Papier – wie sollte der sechsjährige Knabe die Geschehnisse verstehen? – noch sein mühsam erlerntes »Louis Charles Dauphin« schreibt). Man löst Rätsel auf aus einem neuen Heft des »Mercure de France«, man geht hinab in den Garten und wieder hinauf, man verfolgt auf dem Kamin den Zeigergang der alten Uhr, der allzu langsamen, man sieht über den fernen Dächern den Rauch sich kräuseln, man sieht, wie die Herbstwolken den Winter bringen. Und vor allem: Man versucht zu vergessen, was man einst gewesen, und sucht an das zu denken, was kommt und unvermeidlich kommen muß.

 

Jetzt wäre, so scheint es, die Revolution am Ziel. Der König ist abgesetzt, er hat ohne Einspruch verzichtet und wohnt still mit Frau und Kindern in seinem Turme. Aber jede Revolution ist eine vorwärtsrollende Kugel. Wer sie führt und ihr Führer bleiben will, muß nach Art eines Kugelläufers ohne Pause mit ihr weiterrennen, um sich im Gleichgewicht zu erhalten: es gibt kein Stehenbleiben in einer fließenden Entwicklung. Das weiß jede Partei und fürchtet sich darum, hinter der andern zurückzubleiben. Die Rechte fürchtet sich vor den Gemäßigten, die Gemäßigten vor der Linken, die Linke vor ihrem äußersten Flügel, den Girondisten, die Girondisten wieder vor den Maratisten, die Führer vor dem Volk, die Generale vor den Soldaten, der Konvent vor der Kommune, die Kommune vor den Sektionen, und gerade diese ansteckende Angst aller Gruppen voreinander treibt ihre innere Kraft in einen so hitzigen Wettlauf; die Furcht aller, als gemäßigt zu gelten, sie allein hat die Französische Revolution so weit über ihr eigentliches Ziel hinausgetrieben und ihr gleichzeitig jenen sturzbachhaften, sich selber überrennenden Schwung gegeben. Ihr Schicksal ist, alle Ruhepunkte, die sie sich gesetzt hat, umzustoßen, ihre Ziele, sobald sie erreicht sind, noch zu übersteigern. Zuerst meinte die Revolution, mit der Kaltstellung, dann mit der Absetzung des Königs ihre Aufgabe erfüllt zu haben. Aber, abgesetzt und ohne Krone ist dieser unglückselige, ungefährliche Mann noch immer ein Symbol, und wenn die Republik selbst die Gebeine der seit Jahrhunderten toten Könige aus den Gräbern reißt, um, was schon längst Staub und Asche geworden, noch einmal zu verbrennen, wie darf sie da auch nur den Schatten eines lebendigen Königs dulden? So glauben die Führer, den politischen Tod Ludwigs XVI. noch körperlich vollziehen zu müssen, um vor jedem Rückfall sicher zu sein. Für einen radikalen Republikaner kann das Gebäude der Republik nur Bestand haben, wenn es mit königlichem Blute gemörtelt ist; bald schließen sich auch die andern, weniger radikalen, aus Angst, im Wettlauf um die Volksgunst zurückzubleiben, dieser Forderung an, und für den Dezember wird der Prozeß gegen Louis Capet anberaumt.

Im Temple erfährt man von diesem bedrohlichen Beschluß durch das plötzliche Erscheinen einer Kommission, die »alle schneidenden Gegenstände«, also Messer, Scheren und Gabeln, abverlangt: der »détenu«, der bloß unter Bewachung Gestellte, ist damit als Angeklagter gekennzeichnet. Ferner wird Ludwig XVI. von seiner Familie getrennt. Obwohl im selben Turm wohnend, nur ein Stockwerk unter den Seinen, was die Grausamkeit dieser Maßregel verschärft, darf er von diesem Tage an weder Frau noch Kinder sehen. In all diesen schicksalhaften Wochen kann die eigene Frau nicht ein einziges Mal mit ihrem Gatten sprechen, sie darf nicht erfahren, wie der Prozeß fortschreitet, wie er sich entscheidet. Keine Zeitung wird ihr zu lesen erlaubt, sie darf die Verteidiger ihres Mannes nicht fragen; in fürchterlicher Ungewißheit und Erregtheit muß die Unglückliche all die entsetzlich gespannten Stunden allein verbringen. Ein Stockwerk tiefer, nur durch die eine Wand getrennt, hört sie den schweren Schritt ihres Gatten und darf ihn nicht sehen, darf ihn nicht sprechen: unsägliche Qual durch eine völlig unsinnige Maßnahme. Und als am 20. Januar ein Munizipalbeamter bei Marie Antoinette erscheint und mit etwas bedrückter Stimme mitteilt, es sei ihr heute ausnahmsweise gestattet, sich mit ihrer Familie zu ihrem Gatten ins Unterstockwerk zu begeben, versteht sie sofort das Fürchterliche dieser Gnade: Ludwig XVI. ist zum Tode verurteilt, sie und ihre Kinder sehen den Gatten, den Vater zum letzten Mal. Aus Rücksicht auf den tragischen Augenblick wer morgen aufs Schafott kommt, ist nicht mehr gefährlich – lassen die vier Munizipalbeamten bei diesem letzten Beisammensein der Familie Gattin, Gatten, Schwester und Kinder in dem Zimmer zum ersten Mal allein; nur durch eine Glastür überwachen sie den Abschied.

Dieser pathetischen Stunde gleichzeitig des Wiedersehens mit dem verurteilten Könige und schon des Abschiednehmens für immer hat niemand beigewohnt; alle gedruckten Berichte sind freie, romantische Erfindungen und ebenso jene sentimentalisch gestellten Kupferstiche, die im süßlichen Stil der Zeit das Tragische einer solchen Stunde durch weinerliche Rührseligkeit erniedrigen. Daß dieser Abschied von dem Vater ihrer Kinder einer der schmerzlichsten Augenblicke im Leben Marie Antoinettes gewesen, wie dies bezweifeln und wozu dies Erschütternde noch zu übersteigern suchen? Schon dies allein, einen Todgeweihten, einen zum Tod Verurteilten, und sei es auch den Fremdesten, vor seinem letzten Gang zu sehen, ist aufwühlende Qual für einen menschlich empfindenden Menschen; diesen Mann aber, Marie Antoinette hat ihn zwar nie mit Leidenschaft geliebt und ihr Herz längst einem andern gegeben, aber doch, zwanzig Jahre hat sie mit ihm täglich gelebt, vier Kinder ihm geboren; nie hat sie ihn in dieser bewegten Zeit anders gekannt als gütig und hingebungsvoll für sie. Inniger verbunden als jemals in den hellen Jahren, waren die beiden ursprünglich nur aus politischer Staatsräson für ein Leben Vereinten sich durch das Übermaß gemeinsam erlittenen Unglücks in diesen düsteren Stunden des Turms menschlich näher gekommen. Und außerdem: die Königin weiß, sie wird ihm bald nachfolgen müssen über diese letzte Stufe. Er ist ihr nur um eine kurze Frist voraus.

In dieser äußersten, in dieser letzten Stunde wird, was dem König zeitlebens zum Verhängnis geworden war: seine völlige Nervenlosigkeit, dem geprüften Menschen zum Gewinn; seine sonst so unerträgliche Unerschütterlichkeit gibt Ludwig XVI. in diesem entscheidenden Augenblick eine gewisse moralische Größe. Er zeigt weder Furcht noch Erregung, die vier Kommissare im Nachbarzimmer hören ihn nicht ein einziges Mal laut und schluchzend die Stimme erheben: bei diesem Abschied von den Seinen erweist dieser beklagenswert schwache Mann, dieser unwürdige König, mehr Kraft und mehr Würde als jemals in seinem ganzen Leben. Ruhig wie an jedem andern Abend erhebt sich der Verurteilte um zehn Uhr und gibt damit der Familie das Zeichen, ihn zu verlassen. Vor seinem deutlich kundgegebenen Willen wagt Marie Antoinette keinen Widerspruch, um so mehr, als er ihr in frommer Täuschungsabsicht sagt, er werde morgen um sieben Uhr noch einmal zu ihr hinaufkommen.

Dann wird es still. Die Königin bleibt allein im oberen Gemach, es kommt eine Nacht, lange und ohne Schlaf. Endlich dämmert der Morgen, und mit ihm erwachen die fürchterlichen Geräusche der Vorbereitungen. Sie hört eine Karosse mit schweren Rädern vorfahren, sie hört – die Stufen auf, die Stufen ab – immer wieder Schritte und Schritte: ist es der Beichtiger erst, sind es die Stadtverordneten, oder schon der Henker? Ferne rattert das Trommeln der aufmarschierenden Regimenter her, es wird immer lichter, es wird Tag, immer näher kommt die Stunde, die ihren Kindern den Vater und ihr selbst den ehrenwerten, rücksichtsvoll gütigen Gefährten vieler Jahre nimmt. In ihrem Zimmer gefangen, die unerbittlichen Wächter vor der Tür, darf die geprüfte Frau nicht die wenigen Stufen hinab, sie darf nichts hören, nichts sehen von allem, was vorgeht, und erlebt es innen darum vielleicht tausendfach grauenvoller, als es in Wirklichkeit geschieht. Dann wird es einmal im Stockwerk unter ihr entsetzlich still. Der König hat das Haus verlassen, die schwere Karosse rollt ihn der Richtstatt entgegen. Und eine Stunde später hat die Guillotine Marie Antoinette, einstmals Erzherzogin von Österreich, dann Dauphine und schließlich Königin von Frankreich, einen neuen Namen gegeben: Witwe Capet.


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