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Die letzten Schreie

Seit sie den Atem des Hasses bis ins Gesicht gespürt, seit sie die Piken der Revolution in ihrem eigenen Zimmer, in den Tuilerien gesehen und die Ohnmacht der Nationalversammlung, die Böswilligkeit des Bürgermeisters erlebt hat, weiß Marie Antoinette, daß sie und ihre Familie rettungslos verloren sind, wenn nicht rasch von außen Hilfe kommt. Nur ein stürmischer Sieg der Preußen, der Österreicher könnte sie noch retten. Zwar mühen sich jetzt in letzter, in allerletzter Stunde alte und plötzlich neuerworbene Freunde um eine Flucht. Der General Lafayette will persönlich an der Spitze einer Abteilung Kavallerie den König mit seiner Familie am 14. Juli von den Feierlichkeiten am Marsfeld herausholen und mit gezogenem Säbel aus der Stadt bringen. Aber Marie Antoinette, die noch immer in Lafayette den Urheber allen Unheils sieht, will lieber zugrunde gehen, als ihre Kinder, ihren Mann und sich selbst diesem Leichtgläubigen anvertrauen.

Aus einem edleren Grunde weist sie auch einen andern Vorschlag, den der Landgräfin von Hessen-Darmstadt, zurück, sie, als die Gefährdetste aus dem Palast zu retten, denn diese Fluchtmöglichkeit ist nur für sie allein ersonnen. »Nein, Prinzessin,« antwortet Marie Antoinette, »obwohl ich den ganzen Wert Ihres Angebots empfinde, kann ich es doch nicht annehmen. Ich habe mein Leben meiner Pflicht geweiht für die mir teuren Personen, deren Unglück ich teile und die, was immer auch man von ihnen sagen möge, allen Anteil durch den Mut verdienen, mit dem sie ihr Schicksal tragen ... Möge eines Tages alles, was wir tun und erleiden, wenigstens unsere Kinder glücklicher machen, dies ist der einzige Wunsch, den ich mir erlaube. Leben Sie wohl, Prinzessin! Man hat mir alles genommen außer meinem Herzen, das mir immer bleiben wird, um Sie zu lieben, zweifeln Sie nie daran, es wäre das einzige Unglück, das ich nicht ertragen könnte.«

Dies ist einer der ersten Briefe, die Marie Antoinette nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern für die Nachwelt schreibt. Im Tiefsten weiß sie schon: ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten, so will sie nur noch die letzte Pflicht erfüllen, mit Haltung und erhobenem Haupt unterzugehen. Vielleicht ersehnt sie schon im Unbewußten einen raschen und möglichst heldischen Tod statt dieses langsamen Versinkens im Schlamm, statt dieses stündlich und stündlich tieferen Hinabsteigens. Am 14. Juli, der Volksfeier des Bastillensturms, da sie – zum letztenmal – der großen Zeremonie auf dem Marsfelde beiwohnen muß, weigert sie sich, ein Panzerhemd unter dem Kleid anzuziehen, wie es ihr vorsichtiger Gatte trägt; nachts schläft sie allein, obwohl einmal eine verdächtige Gestalt in ihrem Zimmer auftaucht. Sie verläßt das Haus nicht mehr, denn längst kann sie ihren eigenen Garten nicht mehr betreten, ohne zu hören, wie das Volk singt: »Madame Veto avait promis De faire égorger tout Paris.« Mit dem Schlaf in den Nächten ist es vorbei; immer wenn eine Glocke auf dem Turm anschlägt, so schauern sie schon im Schloß, es könnte die Alarmglocke für den längst geplanten endgültigen Sturm auf die Tuilerien sein. Durch Boten und Spione über die geheimen Klubs und Vorstadtsektionen täglich, ja fast stündlich unterrichtet, weiß der Hof, daß es nur noch um Tage geht, um drei, acht, zehn, vielleicht vierzehn Tage, bis die Jakobiner ein gewaltsames Ende machen werden, und diese Spione verraten gar kein Geheimnis. Denn mit immer gellenderer Stimme fordern die Zeitungen Marats und Héberts bereits die Absetzung. Nur ein Wunder – Marie Antoinette weiß es – könnte sie retten oder ein vernichtender und rascher Vormarsch der preußischen, der österreichischen Armeen.

 

Das Entsetzen, das Grauen, die Angst jener Tage des letzten Wartens und ungeduldigsten Harrens spiegeln die Briefe der Königin an ihren getreuesten Freund. Eigentlich sind es keine Briefe mehr, sondern Schreie, wilde, zuckende Angstrufe, gleichzeitig undeutlich und schrill wie die eines Gehetzten und Gewürgten. Nur mit äußerster Vorsicht und verwegenen Mitteln können Nachrichten jetzt überhaupt noch aus den Tuilerien geschmuggelt werden, denn die Dienerschaft ist nicht mehr verläßlich, Spione stehen vor den Fenstern und hinter den Türen. In Schokoladepäckchen versteckt, unter Hutkrempen gerollt, mit sympathetischer Tinte und in Chiffren geschrieben (meist nicht mehr mit eigener Hand), sind die Briefe Marie Antoinettes so abgefaßt, daß sie für den Fall des Aufgefangenwerdens völlig harmlos wirken. Sie sprechen scheinbar nur von allerlei allgemeinen Dingen, von erfundenen Geschäften und Affären; was die Königin wirklich sagen will, ist meist in dritter Person abgefaßt und überdies chiffriert. Schneller, immer schneller folgen einander jetzt diese Rufe in höchster Not; vor dem 20. Juni schreibt die Königin noch: »Ihre Freunde halten die Wiederherstellung für unmöglich oder zumindest für sehr entfernt. Darum beruhigen Sie sie, wenn möglich, sie haben es nötig, ihre Lage wird jeden Tag furchtbarer.« Am 23. Juni wird die Mahnung schon dringender. »Ihr Freund ist in der größten Gefahr, seine Krankheit macht schreckliche Fortschritte, die Ärzte kennen kein Mittel mehr ... Wenn Sie ihn noch einmal sehen wollen, eilen Sie, teilen Sie seinen verzweifelten Zustand den Eltern mit.« Immer hitziger steigt das Fieberthermometer (26. Juni): »Rasche Krise ist nötig, um ihm Rettung zu bringen, wir sind verzweifelt, daß sie sich noch nicht zeigt. Teilen Sie seine Lage allen mit, die in Verbindung mit ihm stehen, damit sie ihre Maßnahmen treffen. Die Zeit drängt ...« Mitten in ihren Alarmschreien erschrickt manchmal, feinfühlig wie jede wahrhaft Liebende, die verstörte Frau, daß sie den Menschen, der ihr über alles teuer ist, dermaßen beunruhigt; selbst in ihrer höchsten Angst und Not denkt Marie Antoinette statt an ihr eigenes Schicksal zuerst an die seelische Erschütterung, die ihre Angstrufe dem Geliebten verursachen müssen: »Unsere Lage ist furchtbar, aber beunruhigen Sie sich nicht zu sehr, ich fühle Mut und spüre in mir etwas, das mir sagt, wir werden bald glücklich und gerettet sein! Dieser Gedanke allein hält mich aufrecht ... Leben Sie wohl! Wann werden wir uns wieder in Ruhe sehen!« (3. Juli.) Und nochmals: »Beunruhigen Sie sich nicht zu sehr um meinetwillen. Glauben Sie mir, daß der Mut sich immer durchsetzt ... Leben Sie wohl und trachten Sie nur, wenn möglich, die versprochene Hilfe für unsere Rettung zu beschleunigen ... Schonen Sie sich für uns und beunruhigen sich nicht unseretwegen.« Dann aber jagt ein Brief den andern. »Morgen kommen achthundert Mann aus Marseille, und man sagt, daß sie in acht Tagen genug Kräfte haben werden, um ihren Plan durchzuführen.« (21. Juli.) Und drei Tage später: »Sagen Sie Herrn von Mercy, daß das Leben des Königs und der Königin in allergrößter Gefahr ist, daß der Verlust eines einzigen Tages unberechenbares Unheil nach sich ziehen kann ... Die Bande der Mörder wächst unablässig, von Tag zu Tag.« Und der letzte Brief vom 1. August, zugleich der allerletzte, den Fersen von der Königin erhält, schildert mit der Hellsichtigkeit äußerster Verzweiflung die ganze Gefahr. »Das Leben des Königs ist, ebenso wie das der Königin, tatsächlich seit langem bedroht. Die Ankunft von etwa sechshundert Marseillern und einer Reihe anderer aus allen Klubs der Jakobiner vermehrt unsere leider allzusehr begründete Unruhe. Man trifft zwar alle Vorkehrungen für die Sicherheit der königlichen Familie, aber die Mörder streifen die ganze Zeit um das Schloß: man wiegelt das Volk auf, in einem Teil der Nationalversammlung herrscht üble Gesinnung, in dem andern Teile Schwäche und Feigheit ... Jetzt muß man daran denken, den Dolchen zu entgehen und die Verschwörer um ihr Spiel zu bringen, die schon den Thron umschwärmen, um ihn zu stürzen. Seit langem bemühen sich die ›factieux‹ gar nicht mehr, ihre Absicht, die königliche Familie beiseite zu schaffen, zu verbergen. In den beiden letzten nächtlichen Versammlungen war man nur über die Mittel der Ausführung noch nicht einig. Sie wissen aus meinem früheren Brief, wie wichtig es ist, auch nur vierundzwanzig Stunden zu gewinnen; ich kann es heute nur wiederholen und beifügen, daß, wenn man uns jetzt nicht zu Hilfe kommt, einzig die Vorsehung den König und die Königin retten kann.«

 

Der Liebende empfängt diese Briefe der Geliebten in Brüssel; man kann sich denken, in welcher Verzweiflung. Von früh bis nachts kämpft er gegen die Trägheit, die Unentschlossenheit der Könige, der Heerführer, der Gesandten; er schreibt Briefe auf Briefe, macht Besuche auf Besuche, er drängt mit aller Kraft aufgepeitschter Ungeduld zu raschem Vormarsch, zu militärischer Aktion. Aber der Armeekommandant, der Herzog von Braunschweig, ist ein Soldat jener alten Kriegsschule, die meinte, einen Vormarsch monatelang voraus auf den Tag auskalkulieren zu müssen. Langsam, sorgsam, systematisch, nach den längst überholten Gesetzen der bei Friedrich dem Großen erlernten Kriegskunst, stellt Braunschweig seine Truppen auf und läßt sich mit urewigem Generalshochmut weder von den Politikern und noch weniger von Außenstehenden bestimmen, auch nur einen Zoll von seinen geschriebenen Mobilmachungsplänen abzugehen. Er erklärt, vor Mitte August die Grenzen nicht überschreiten zu können, dann aber verspricht er plangemäß – der militärische Spaziergang ist der ewige Lieblingstraum aller Generale – in einem Zuge bis nach Paris vorzustoßen.

Aber Fersen, dem die Angstschreie aus den Tuilerien die Seele verstören, weiß: so lange bleibt nicht mehr Zeit. Etwas muß geschehen, um die Königin zu retten. Und in der Verwirrung seiner Leidenschaft tut der Liebende gerade das, was die Geliebte vernichten sollte. Denn eben durch die Maßnahme, mit der er den Angriff des Pöbels auf die Tuilerien aufhalten will, beschleunigt er ihn. Seit langem hatte Marie Antoinette ein Manifest von den Verbündeten gefordert. Ihr – sehr richtiger – Gedankengang war, man solle in diesem Manifest versuchen, die Sache der Republikaner, der Jakobiner sichtbar von der der französischen Nation zu trennen und so den gutgesinnten (das heißt, den in ihrem Sinne gutgesinnten) Elementen Frankreichs damit Mut und den »gueux«, den »Bettelkerlen«, angst zu machen. Vor allem hatte sie gewünscht, man solle sich in diesem Manifest nicht in die innern Verhältnisse Frankreichs einmengen und »vermeiden, zuviel vom König zu reden, sowie allzusehr fühlen zu lassen, daß man ihn eigentlich stützen wolle«. Sie träumte von einer Freundschaftserklärung für das französische Volk und gleichzeitig von einer Drohung gegen die Terroristen. Aber der unglückselige Fersen, den Schrecken in der Seele, wissend, daß es bis zu der wirklichen militärischen Hilfe von seiten der Verbündeten noch eine Ewigkeit dauern wird, verlangt, daß jenes Manifest in allerhärtestem Ton abgefaßt werde; er schreibt selbst einen Entwurf, läßt ihn durch einen Freund übergeben, und verhängnisvollerweise gelangt gerade dieses Konzept zur Annahme! Das berüchtigte Manifest der verbündeten Truppen an die französischen ist in so gebieterischer Form gehalten, als stünden die Regimenter des Herzogs von Braunschweig schon siegreich vor Paris; es enthält alles, was die Königin, in besserer Kenntnis der Lage, vermeiden wollte. Ständig wird darin von der geheiligten Person des Allerchristlichsten Königs gesprochen, die Nationalversammlung beschuldigt, die Zügel der Verwaltung widerrechtlich an sich gerissen zu haben, die französischen Soldaten werden aufgefordert, sich auf der Stelle dem König, ihrem legitimen Monarchen, zu unterwerfen, und die Stadt Paris wird für den Fall, daß das Tuilerienschloß mit Gewalt erobert werden sollte, mit einer »exemplarischen und für alle Ewigkeit denkwürdigen Rache« bedroht, mit militärischen Exekutionen und vollkommener Zerstörung: die Gedanken eines Tamerlan werden vor dem ersten Flintenschuß ausgesprochen, von einem schwachmütigen General.

Der Erfolg dieser papiernen Drohung ist furchtbar. Selbst die bisher loyal zum König gehalten haben, werden mit einem Schlage Republikaner, sobald sie erfahren, wie teuer ihr König den Feinden Frankreichs ist, seit sie erkennen, daß ein Sieg der fremden Truppen alle Errungenschaften der Revolution vernichten würde, daß dann die Bastille vergebens gestürmt, der Eid im Ballhaus nutzlos geleistet und, was unzählige Franzosen auf dem Marsfeld geschworen, ungültig wäre. Die Hand Fersens, die Hand des Geliebten, hat mit dieser törichten Drohung eine Bombe ins schwelende Feuer geworfen. Und der Zorn von zwanzig Millionen explodiert bei dieser sinnlosen Herausforderung.

 

In den letzten Julitagen wird der Text des Braunschweiger Unglücksmanifestes in Paris bekannt. Die Drohung der Verbündeten, Paris dem Erdboden gleich zu machen, wenn das Volk die Tuilerien angreife, wird vom Volk geradezu als Herausforderung zum Angriff betrachtet. Sofort werden Vorbereitungen getroffen, und wenn man nicht sofort einsetzt, so dies nur, weil man noch warten will, bis die Kerntruppe eintrifft, die sechshundert auserlesenen Republikaner aus Marseille. Am sechsten August marschieren sie heran, von südlicher Sonne gebräunte, wilde und entschlossene Gestalten, und zum Takt ihrer Schritte singen sie ein neues Lied, dessen Rhythmus in wenigen Wochen das ganze Land aufreißen wird, die Marseillaise, den in begnadeter Stunde einem gänzlich unbegnadeten Offizier zugestürmten Hymnus der Revolution. Jetzt ist alles zum letzten Stoß gegen die morsche Monarchie bereit. Der Angriff kann beginnen: »Allons, enfants de la patrie ...«


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