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X.

Verrathene Minne

So war am Babenberger Hofe
Tannhäuser aller Ehren reich
Und feierte mit mancher Strophe
Jukundens Macht in Lied und Leich.
Ins zweite Jahr trug er die Sporen
Und hatt' im ersten Müh' und Zeit
Mit dienstlich Werben fast verloren
Durch seiner Dame Sprödigkeit.
Ihn hielt an ihren Schritt gebunden
Nicht erster Liebe Leidenschaft,
Er sah und liebte in Jukunden
Mit seines innern Anschau'ns Kraft
Das ganze Huldgeschlecht der Frauen,
Das weiblich Schöne, wo er's fand,
Wie duftend auf den grünen Auen
So Blume neben Blume stand.
Das war's, was lieblich bald, bald mächtig
Ihn wie ein Wunder lockt' und zog,
Draus halb berauscht und halb bedächtig
Er wie aus Kelchen Süßes sog.
Er suchte in den andern Wesen
Auch Andres, als er selbst verschloß,
Und wollte in den Augen lesen,
Was durch des Weibes Seele floß.
Doch diese Stolze, die ihn reizend
Mit voller Blüthe rasch gewann
Und bald verschwenderisch, bald geizend
Mit Liebeszeichen ihn umspann,
Wollt' er besitzen, denn er meinte,
Daß Herzensgluth mit Minnelust
Sich tief geheimnißvoll vereinte
In den Gefühlen ihrer Brust.
Schön war Jukunde, ach! es führten
Die Rosen und die Lilien Streit,
Wie sich die Farben sanft berührten,
Um ihrer Wangen Lieblichkeit.
Wie Sternenglanz die Nacht erhellend
War ihrer Augen Strahl und Spiel,
Ihr Mund so freudenroth und schwellend
Als wär' er aller Küsse Ziel.
Doch zwischen ihren dichten Brauen,
Gradlinig fast und nah gedrängt,
War oft ein Fältlein zu erschauen,
Jetzt leicht nur, jetzt tief eingezwängt.
Erschien es, so war scharf und stechend,
Ja drohend ihres Blickes Pfeil,
Verstecktes, Feindliches versprechend
Und Keinem, den er traf, zum Heil.
Sie konnte viel in sich vereinen,
Den Eindruck wechseln hundertfach,
Heißblütig, hingerissen scheinen
Und eisig kalt wie Gletscherbach.
Sie konnte kränken und entzücken,
Muthvoll, unwiderstehlich sein,
Auch den Erfahrensten berücken
Mit ihrem Wesen aus und ein.
Und wie sie Alle überblühte,
Da blieb's nicht aus, es wuchs und stieg
Tannhäusers Sehnen, und er glühte
In Wünschen, die er nicht verschwieg.
Sie ließ auch ihren Ritter hoffen,
Und unzweideut'ge Worte schon,
Die sein geschmeichelt Ohr getroffen,
Verwiesen ihn auf süßen Lohn.
Doch stellten sich zu manchen Stunden
Auch starke Zweifel bei ihm ein,
Wer wohl willkommner sei Jukunden,
Er oder Turs von Rauchenstein.
Denn ihrer Blicke Fluth und Fächeln
Hielt kreuzend nicht den gleichen Kurs,
Sie hatte ganz dasselbe Lächeln
Wie für Tannhäuser so für Turs.
So lange Keiner es versäumte,
Um ihre Huld tagaus tagein
Sich zu bemühn, so lange räumte
Sie Keinem größre Rechte ein.
Doch schien ihr Einer zu erkalten,
Gleich fesselte ihn ihre Kunst
Mit einem blendenden Entfalten
Von allem Liebreiz ihrer Gunst.
Statt sich für Einen zu entscheiden,
Hielt sie mit Absicht Beide hin,
Um an dem Wettkampf sich zu weiden
Seit Beider Eifersucht Beginn.
Sie hatte es ja selbst erfahren,
Wie dieses Leid im Busen wühlt,
Jetzt lehrte sie's durch ihr Gebaren
Auch Den, um den sie es gefühlt.
Und von der Ritter Augendrohen
Und stillem Haß im Minnestreit
War's bis zum lauten rachefrohen,
Todernsten Schwertgang nicht mehr weit.
Die Schöne hätte Tursens Bitten
Auch wohl Erfüllung gern gewährt,
Weil er bei ihr schon wohlgelitten,
Eh' er sich selber ihr erklärt;
Doch sah sie ein, daß dann nicht länger
Tannhäuser ihr Bewerber sei,
Und ihn, den Helden und den Sänger,
Liebling der Frau'n, gab sie nicht frei.
Am wenigsten von Allen gönnte
Sie ihn der Gräfin Montparis,
Daß sich Ricchezza rühmen könnte
Solch eines Glücks, – das trüg' sie nie.

Ricchezza lag in heißem Ringen,
Doch keinem Menschen sagt's ihr Mund,
Wie sehr ihr Herz voll zum Zerspringen,
War minnegehrend, minnewund.
Wie unterm Flügel schwer getroffen,
Brennend im Busen tief den Schaft,
Schwieg zwischen Bangen sie und Hoffen
In sehnender Gedanken Haft.
Tannhäuser nur war ihre Sonne,
Ihr Thau, wenn sie nun welk und blaß,
Und ihrer Träume Weh und Wonne
Und ihrer Augen Spiegelglas.
Nach seiner Liebe dürstend mochte
Sie einzig ruhn an seiner Brust,
Daß sein Herz an das ihre pochte
In Lebens- oder Sterbenslust.
Zu ihm nur trugen sie die Füße,
Bei ihm nur suchte sie ihr Glück,
Ihm sandte Gruß sie über Grüße,
Doch keiner, keiner kam zurück.
Die Wangen aus den Augen badend
Rief sie: »Ist in der weiten Welt
Denn Alles da zur Freude ladend
Und mir nur Noth und Schmerz bestellt.
Es heißt, daß Liebe Liebe bindet
Und jede Sehnsucht hier im Licht
Auch eine andre Sehnsucht findet,
Und meine, meine sieht er nicht?«
Er sah sie wohl, und Mitleid legte
Sich um sein Herz, eh' er's gedacht;
Wo aber Mitleid schon sich regte,
Da ist auch Neigung bald erwacht.
Doch lag zu fest er in den Banden,
Mit denen unzerreißbar schier
Jukundens Reize ihn umwanden
Seit jenem glänzenden Turnier.
Und da sie immer ihn nur hoffen
Und niemals triumphiren ließ,
Ging er zu ihr, um frei und offen
Zu fragen, was sie ihm verhieß.

Jukunde, just dem Bad entstiegen,
Trug nur ein leicht Gewand, das lang,
Feinwollig sich in weichem Schmiegen
Um ihren schönen Körper schlang.
»Erlaubt mir, Fraue, eine Frage,«
Grüßt' er, die lächelnd vor ihm stand,
»So lang' ich Eure Farben trage,
Gehör' ich Euch mit Herz und Hand
Und thu' auf Eures Wortes Launen
Der Minne Dienst und Lehenspflicht,
Nun wollt der Rede nicht erstaunen:
Bin ich Eu'r Ritter oder nicht?
Wenn ich es, Liebe! bin, so rücket
Nicht mehr hinaus, was lange schon
Ich heiß ersehnte, und beglücket
Mich auch mit Eurer Minne Lohn.
Doch wenn ich's nicht bin, Frau Jukunde,
So laßt mich wissen Euren Sinn
Und gebt den Urlaub mir zur Stunde,
Weil ich des Wartens müde bin.«
»Ihr seid mein Ritter,« sprach entgegen
Ihr Wort und Blick, der Felsen schmolz,
»Und daß Ihr's seid, ruhmreicher Degen,
Verwöhnter Sänger, ist mein Stolz.
Den Urlaub, den Ihr wünscht, gewähr' ich,
Denn eine Probe möcht' ich sehn,
Ob Eure Treue wohl willfährig,
Ein Abenteuer zu bestehn.
Nicht weit vom Rhein, im Odenwalde
Entspringt ein kühler, frischer Quell,
Dahin begebt Euch alsobalde
Und bringt vom Wasser mir zur Stell
Soviel, daß ich das Antlitz wasche
Mit seiner wunderkräft'gen Fluth,
Und laßt an Eurer Heimkehr Rasche
Mich messen Eurer Liebe Gluth.
Den Born könnt Ihr daran erkennen,
Daß über ihm, seltsam zu sehn,
Zwei Linden, um sich nie zu trennen,
Zu einem Baum verwachsen stehn.
Doch wahrt Euch! einen Drachen sonnen
Seht dort Ihr seinen Schuppenbauch,
Der wehrt den Zugang zu dem Bronnen
Mit Giftzahn und mit Flammenhauch.
Niemand dürft Ihr, auf keine Weise
Von diesem Auftrag Kunde thun,
Als Eurem Mann, nie auf der Reise
In Burg noch Haus noch Hütte ruhn.«
»Eu'r Will' ist meine Freude, Fraue!«
Sprach er, »aus Euren Augen trinkt
Mein Herz sich Hoffnung, ich vertraue,
Daß dann mir Sold und Sälde winkt.
Bis dahin nehmt zum Angedenken
Und guter Bürgschaft Unterpfand
Den Gürtel hier mit Steingelenken,
Als wär' er unsrer Seelen Band.«
Da reichte er, aus Gold gesponnen,
Besetzt mit Steinen wunderbar,
Achtsam gefügt, kunstvoll ersonnen,
Ihr einen prächt'gen Gürtel dar.
»Ich nehme,« sprach sie, »Eure Spende
Und wenn ich Euch, der viel gewagt,
Als Zeichen diesen Gürtel sende,
So merkt: dann ist Euch nichts versagt!
Nur Der soll einst ihn wieder zeigen,
Dem meiner Liebe Ueberfluß
Und meine letzte Gunst zu eigen, –
Geschworen sei's mit diesem Kuß!«
Ach! da umfing mit weichen Armen
Ihn das verführerische Weib,
Heiß an sich drückte er den warmen,
Den stolzen, wonniglichen Leib.
Doch sie entwand sich ihm und schlüpfte
Schnell aus dem dämmernden Gemach,
Daß kaum der Vorhang sich nur lüpfte;
Tannhäuser blickt' ihr bebend nach.

Vergnügter über dieses Reiten
Als Einer konnte Keiner sein,
Das war der Fiedelvogt, begleiten
Durft' er den Ritter an den Rhein.
Sie rüsteten sich still und zogen
Von dannen in verschwiegnem Ritt,
Die Fiedel aber und den Bogen
Die nahm Spervogel sorglich mit.
Und wie's durch Böhmen und durch Franken
In Sattelbausch und Stegreif ging,
Den Zwei'n bei Stapf und Trab mit Schwanken
Im Rücken Schild und Geige hing.
Sie brauchten nicht im Land zu fragen,
Der Alte wußte Weg und Furt,
Trug Lederwams und Polsterkragen,
Der Junge Stahl und Rittergurt.
Und ruhten unterm Sternendache
Sie nächtens bis zum frühen Tag,
Hielt brüderlich der Eine Wache,
Derweil der Andre schlummernd lag.
Wenn bei dem Ritter und den Rossen
Den Fiedelvogt die Reihe traf,
So spielt' er leise den Genossen
Mit seiner Fiedel in den Schlaf
Und war, daß nicht Gefahr ihn schrecke,
Allzeit bereit zu Hieb und Stoß,
Steif saß der da, der alte Recke,
Den Gassenräumer auf dem Schoß.
Er nannt' ihn seinen Fiedelbogen
Und meint', es wäre wunderswerth,
Wenn zweier Dinge Kür erwogen:
Gewisser Freund, versuchtes Schwert.
Und zog's den jüngern von den Reitern
Schwermüth'gen Sinnes mächtig heim,
Sucht' ihn der ältre aufzuheitern
Mit Lotterspruch und Kettenreim,
Sang ihm auch Eins und summt' und surrte,
Wie's grad ihm von der Lippe floß
Biderb und nothhaft, oder schnurrte
Ein Stück von Reinecke de Voß.
Das war sein Leibgericht, und kamen
Ihm Thier' und Vögel zu Gesicht,
So grüßt' er neckisch sie mit Namen,
Wie sie genannt sind im Gedicht.
Er wagte wohl auch im Vertrauen
Ein tadelnd und verwundert Wort,
Warum der Herr von seiner Frauen
Gesendet an so fernen Ort.
Tannhäuser mußt' ihm Antwort geben:
»Nächst Treue in des Glaubens Licht
Und mit den Waffen Ruhm erstreben
Ist Frauendienst die erste Pflicht,
Weil also hoch die Frauen stehen
In ihrer Tugend güldnem Schein,
Ungrüßlich nur vorübergehen
An ihnen würde Sünde sein.
Stets soll man ihre Macht verkünden
Und ihrer Schönheit Blumen streu'n,
Doch Höchstes ist, ihr Herz ergründen
Und ihrer Liebe sich erfreu'n.
Sie sind gar räthselhafte Wesen,
Ein Buch mit sieben Siegeln dran,
Und bis zum Schluß es auszulesen
Gelingt nicht dem gescheitsten Mann,
Doch ist der Frauen Huld und Minne
Ein so unschätzbar köstlich Gut,
Daß zu so preislichem Gewinne
Niemand kommt ohne hohen Muth.
Dafür will kampflich ich bestehen
Selbst in des Höllenmohrs Geheg,
Mag wohl mir oder weh geschehen,
Gesegnet, sag' ich, sei mein Weg!«
Spervogel schwieg und dacht': es fände
Wohl reiches Botenbrod sein Fuß
Auf kürzerm Weg; wie Wetterwende
Ist Herrengunst und Weibesgruß,
Mir war', so weit hinweg getrieben,
Eh' mir das Lieb im Arme lag.
Als wär' mir eine Schuld verschrieben,
Zahlbar auf Sanct Zilorpentag.
Ich denke, Niedermannes Erbe
In allen Landen liegen muß,
Gab' armuthselig keine Scherbe
Für alles Gold im Kaukasus.
Spielleute haben tiefe Taschen
Und in den Taschen noch ein Loch;
Kann sich mit Donauwasser waschen,
Die Fratz! gelogen hat sie doch!
»Herr Ritter, ich muß fürbaß fragen,«
Begann er wieder laut: »wie wenn
Die Frau in all' den langen Tagen
Sich eines Andern doch besann'?
Hat sie Euch nicht so weit verschicket,
Um läst'gen Frager los zu sein,
Weil sie in Heimlichkeit verstricket
Mit Ritter Turs von Rauchenstein?«

»Du bringst den Muth mir nicht ins Wanken,
Gesell! ich Hab' ihr Wort in Treu'n
Und meine eigenen Gedanken,
Sie braucht den Frager nicht zu scheu'n.«

»Ach Herr! Gedanken sind Betrüger,
Zu Sinnes Dach ist Rede da,
Ein wahres Nein dünkt mich gefüger
Und mehr, als zwei gelogne Ja.«
»Gelogen Ja? Wahr' Deine Zunge!
Du machst das Blut mir heiß und wild,
Ich rächte wohl mit Schwertes Schwunge
An Dir das holde Frauenbild!
Reut Dich's, daß Du zu Roß gestiegen,
So reut mich, daß ich Dir vertraut,
Fahr hin, wohin die, Raben fliegen,
Wenn Dir vorm Odenwalde graut!«

»Oho! eh' soll der Rhein verbrennen,
Eh' Ihr mir Furcht vom Antlitz lest!
Ich mich von meinem Ritter trennen?
Niemals! eh' nicht die Hand verwest!
Habt von der Weide mich errettet
Damals an jenem Schelmentag,
Jetzt nehm' ich, wo Ihr wagt und wettet,
Für Euch Faustknuff und Schrienenschlag!«
Und schnell wie Sommerregenschauer
Des Ritters finstrer Zornmuth schwand,
Versöhnt und frei nach kurzer Dauer
Drückt' er die treue Spielmannshand.
Sie hatten beide sich verziehen,
Den Rossen gaben sie den Sporn,
Wie um den Ort des Streits zu fliehen,
Und trabten hin durch Busch und Dorn.

Nach eben soviel langen Tagen
Als kurzen Nächten hatten sie
Zum Odenwald sich durchgeschlagen
Und suchten nun den Bronnen hie.
Nachdem sie kreuz und quer gezogen,
Entdeckten sie das Lindenpaar,
Der Drache war just ausgeflogen,
Sie sahn von ihm nicht Schwanz noch Haar
Tannhäuser bückte sich und füllte
Ein Fläschchen ohne Eil' und Hast
Mit Wasser aus dem Quell und hüllte
Es sorglich ein in Bork' und Bast,
Da kam der Fiedelvogt mit Fragen
So lustig wie nach einem Schmaus:
»Herr, schaut mich an und wollt mir sagen,
Seh' ich noch so wie gestern aus?«
»Gewiß! was soll das?« frug mit Staunen
Der Ritter ob der närr'schen Art.

»Sind denn nicht lieblich meine Braunen?
Ward denn nicht blond mein grauer Bart?
Ich konnt's nicht lassen, mal zu naschen
Und Hab' in einer Laune Sprung
Mich mit dem Wasser da gewaschen,
Ich dacht', ich würde wieder jung.«

»Du alter Tanzbär bist noch eitel
Aufs Aussehn Deines Schalksgesichts?
Bist von der Sohle bis zum Scheitel
Derselbe alte Taugenichts!
Nur wer dran glaubt, den kann es stählen,
Und war' dies Wasser höllenheiß,
Die Sünderhaut Dir abzuschälen,
Dich wäscht doch keine Taufe weiß!«

»Nun, werden ja das Wunder merken,
Wenn's an das rechte Lärvchen kommt,
Ob's zu besonders heil'gen Werken
Der glaubensstarken Herrin frommt,«
Sprach Fiedelvogt und saß im Bügel
Und wollte schnurstracks an den Rhein,
Des Ritters Wünsche wurden Flügel
Der Sehnsucht, bald in Wien zu sein.
Und war die Herfahrt schnell gegangen
Nach des Jungbrunnens Zaubertrank,
Die Rückkehr hetzte das Verlangen
Nach dem verheißnen Minnedank.

Drei Monde waren fast verstrichen,
Eh' es den Fahrenden in Wien,
Von wo sie still sich weggeschlichen,
Vergönnt war, wieder einzuziehn.
Tannhäuser konnte kaum erwarten
Des nächsten Morgens Sonnenschein,
Bis daß er nach der Hofburg Garten
Ausging mit seinem Wässerlein
Und bis er Einen dort gefunden,
Der ihm vertraulich Rede stand,
Eh' seiner Herrin, Frau Jukunden,
Zu nahen er sich unterwand.
O wie ersehnt' er froh und bange
In Ungeduld dies Wiedersehn!
Wie lahm däucht' ihm in seinem Drange
Der schleppenden Minuten Gehn!
Schon fühlte er mit süßem Beben,
Wie ihn Jukundens Arm umfing,
Wie liebeathmend, hingegeben
Sie zitternd ihm am Halse hing.
Da kamen Schritte ihm entgegen,
Und in den Laubgang bog herein,
Keck, wie ein Sieger überlegen,
Der Ritter Turs von Rauchenstein,
Und da – Tannhäusers Augen sprangen
Ihm aus dem Kopf, ihm starb das Wort,
Und alles Blut wich aus den Wangen –
Um seines Feindes Schulter dort
Schlang sich der Gürtel, den Jukunde
Nur Dem zu geben doch versprach,
Dem sie – – o bittre Todeswunde!
O schändlich Herz, das Treue brach!
Blitzschnell mit einem Panthersprunge,
Eh' sich der Andre deß bewußt,
Riß er mit seines Armes Schwunge
Den Gürtel von des Gegners Brust:
»Den Schmuck hast, Räuber, Du gestohlen!«
Knirscht' er, Turs lacht' ihm ins Gesicht:
»Wie? schon zurück vom Wasserholen?
Geraubt hab' ich den Gürtel nicht,
Ich hab' ihn selbst auf ihr Willkommen
Dem schönsten, minniglichsten Weib
Beglückend und beglückt genommen
Von ihrem wonnesüßen Leib.
In manchen lust'gen Stünden haben
Wir seines Gebers auch gedacht
Und Narren, die nach Quellen traben,
Wohl Arm in Armen ausgelacht.«

Damit ging Turs hinweg zu Schenke,
Tannhäuser stand betäubt, verwirrt,
Vergessend, daß im Wehrgehenke
Ein Schwert ihm an der Seite klirrt.
Zur Herberg wankt' er wie am Tage
Nachtwandelnd, warf sich auf die Bank,
Gedankenlos, stumm, ohne Klage
Blieb er und nahm nicht Speis' und Trank.
So fand der Fiedelvogt den Kranken,
»Aha!« sprach er, »nun ist's schon gut!
Ihr kommt gewiß vom Minnedanken,
Ja so etwas macht kühles Blut.«
»Blut!!« rief der Ritter, sprang vom Sitze,
Schrieb einen kurzen Fehdebrief,
»Da! Rauchenstein! und Deinem Witze
Laß' ich den Rest!« Spervogel lief.
Tannhäuser brannt' ein bittres Wehe,
Und schnell wie Morgendämmrung schwand,
Was gaukelnd, sinnbethörend ehe
An die Verrätherin ihn band.
Er wollte ihren Anblick meiden,
Dem Nebenbuhler aber stehn,
Bis daß von Einem oder Beiden
Der letzte Lanzenstoß geschehn.
Und ehe noch der Tag verronnen,
Da war geklärt, was in ihm stritt,
Als er nun ruhig und besonnen
Zur Mustrung seiner Waffen schritt.
Er prüfte Riemenzeug und Borten
Und seufzte, als den Schildesrand
Er sich besah, darauf in Worten
»Der Minne Sang und Sehnen!« stand.
Der Zweikampf ward geheim betrieben,
Tannhäuser fordert' es genau
Vom Fiedelvogt, und nur geschrieben
Hatt' er an Hartmann von der Au.
Der kam zum Freund am frühen Morgen
Und half ihn wappnen zu dem Strauß
Mit aller Liebe Fleiß und Sorgen
Und ritt mit beiden dann hinaus.
Doch vor dem Stephansdome stiegen
Die Ritter ab und traten ein,
In kurzer Andacht noch zu liegen
Dort vor der heil'gen Jungfrau Schrein.
Es brauchte zu dem Waffentanze
Des Leibes und der Seele Kraft,
Denn Turs galt für die stärkste Lanze
Der Babenberger Ritterschaft.
Unweit der Stadt am Strome winkte
Der Kampfplatz, eine weite Au,
Im Morgensonnenstrahle blinkte
Auf Gras und Klee der frische Thau.
Da hielt schon Turs mit seiner Wehre
Nebst einem Herrn und einem Knecht,
Wie's festgesetzt bei Helmes Ehre
Nach Schildesamt und Kampfesrecht.
Der Streiter Helm und Rüstung kränzten
Zimier und köstliches Geschmeid,
Speerfähnlein wehten, Schilde glänzten,
Die Rosse schützte Eisenkleid.
Und wie sie nun die Speere senkten
Den Anlauf nehmend weit und wild,
Die Rosse auf einander lenkten,
Tief vorgebeugt, gedeckt vom Schild,
Da brach wie Sturm und Hagel wetternd,
Todzielend, sausend Held auf Held,
Da dröhnte dumpf, da hallte schmetternd
Hufschlag und Speerkrach übers Feld.
Sie trafen beide, doch nicht bogen
In ihrer Wucht die Speere sich,
Die Splitter wirbelten und flogen,
Und Keiner aus dem Sattel wich.
Flugs sich zum zweiten Anprall rüstend
Nahm Jeder einen neuen Schaft
Nur nach des Gegners Fall gelüstend
In seiner ungestümen Kraft.
Mit scharfen Sporenstreichen zwangen
Sie ihre Rosse, Stoß auf Stoß
War wieder mörderisch ergangen,
Tannhauser wurde bügellos,
Doch hielt er sich; die Hengste schnoben
Und zitterten, mit Schaum bedeckt,
Und jetzt im dritten Rennen stoben
Sie prasselnd, und dahin gestreckt
In fürchterlichem Sturze lagen
Die Kämpfer beide, Mann wie Roß,
Aus Wunden, die sie sich geschlagen,
Blut durch die Panzerhemden floß.
Als aber beide sich erhoben,
Fuhr aus der Scheide Schwert und Schwert,
Und in erneuten Kampfes Toben
Focht Jeder, seines Gegners werth.
Die Schläge schwirrten, sausten, klangen,
Die Klingen blitzten Streich auf Streich,
Daß Funken von den Helmen sprangen,
Schildscherben flogen Spänen gleich.
Die überhitzten Streiter dampften,
Denn Keiner gab sich müd und matt,
Und ihre Eisenschuhe stampften
Rings in den Boden Halm und Blatt.
Doch endlich schlug die Todeswunde
Tannhäusers Schwert, am Halsring drang
Es Turs hinein zum Lebensgrunde;
Da war vorbei der Waffengang.
Turs sank dahin in seiner Blüthe,
Starb ritterlich so wie er stand,
Tannhäuser war's schwer im Gemüthe,
Als er den Helm vom Haupte band.

Als Herzog Leopold darauf zu Ohren
Die Kunde von dem bittern Zweikampf kam,
War er betrübt um den, den er verloren,
Erfreuter noch um den, der siech und lahm
Doch ungefährdet seiner Wunden pflegte,
Der mehr als Alle ihm am Hofe galt
Und den er, wie er ihn im Herzen hegte,
Für das bestandne Wagniß liebend schalt.
So thaten auch die Sänger all, die kamen,
Den Freund zu sehn, mit ihrer heitern Kunst
Auf Stunden seinen Trübsinn ihm benahmen,
Des Ausgangs froh, denn Turs war nicht in Gunst,
Die Frauen aber waren tief erschrocken
Von dem, was ihrem Liebling nah gedroht,
Und Manche fühlte schon ihr Herzblut stocken
Des Falls gedenkend, daß Tannhäuser todt!
Manch' Andre freilich mocht' ihm heimlich grollen,
Turs war ein Mann, der Frau'n gefährlich war,
Nun war er todt, man durfte Lob ihm zollen
Und that's, als wär' er jedes Fehlers baar.
Jukunde, die man immer schon bedachte
Mit vielem Tadel und nicht wenig Neid,
War's nun allein, der man den Vorwurf machte,
Daß sie verschuldet dieses große Leid.
Sie selber fühlte jene halbe Reue,
Die stets in Andern sucht des Unheils Grund,
Dem Lebenden hielt sie nicht Wort und Treue,
Der Todte aber brach des Schweigens Bund.
Doch warum konnte sie nun den nicht hassen,
Der ihrer Hinterlist sie überführt?
War's darum, konnte sie nicht von ihm lassen,
Weil sie doch einmal seinen Mund berührt?
Tannhäusers Augen mit dem heißen Blicke,
Tannhäusers Rede, seiner Stimme Klang,
Und wie erhöht, getragen vom Geschicke,
Sein Wuchs mit dem hinschwebend stolzen Gang,
Das Alles mußte Frauen wohl erfreuen,
Doch könnt' es nun und nimmermehr allein
So jedes Widerstandes Kraft zerstreuen,
Es mußten andre Mächte mit ihm sein.
Unsagbar war's, was luftig ihn umschwebte
Und Alles gleich in seine Kreise zog,
Als ob es nur um seinetwillen lebte,
Zu ihm die Frucht, zu ihm die Blüthe bog.
Wer einmal nur in seinem Bann gelegen,
Dem blieb ein Stern in dunkler Nächte Schoß,
Tannhäusers Schatten lag auf seinen Wegen,
Nie wieder ließ ihn die Erinnrung los.
Und so Jukunde; schamerfüllt und bangend
Schwur dem Verrathnen sie noch Rache zu
Und fand, in Gluth und Pein nach ihm verlangend,
Umschwebt von seinem Bilde, keine Ruh,
Ricchezza? – sie verließ nach wenig Tagen
Die Stadt, in der sie jede Hoffnung mied,
Er hatte für Jukunde sich geschlagen,
– Mehr war ihr nicht bekannt – und das entschied.
Niemand erfuhr, wohin es sie getrieben;
Sie sah Tannhäuser noch ein einzig Mal
Und wollte nichts mehr, als ihn lieben, lieben
In Sehnsuchtsqual,

Der Sänger, seiner Wunden bald genesen,
Fand noch nicht wieder rechte Freudigkeit,
Aus seinen Zügen ließ sich deutlich lesen
Mühsam verhehlte Unzufriedenheit,
Zur Harfe griff er, daß sie Trost ihm bringe,
Doch wie er suchend ihre Saiten schlug,
Da fehlte seinem Lied die freie Schwinge,
Die sonst so leicht ihn zu den Sternen trug.
Sein Herz war krank, mehr noch sein Stolz beleidigt,
Ihn hatte man verrathen und verhöhnt!
Zwar seine Ehre hatt' er gut vertheidigt,
Sein Feind war todt, sein Rachedurst versöhnt.
Auf einmal schien, was ihm so hoch gestanden,
Des Frauendienstes Zier und Ueberschwang,
Das Girrn und Seufzen in den Gängelbanden
Verliebter Launen Plag' im Müßiggang.
Er liebte Ritterbrauch und Ritterspiele
Und höfisch edle Zucht der Ritterschaft,
Doch all das Tändeln ohne hohe Ziele
Däucht' ihm nicht würdig seiner vollen Kraft.
Ich will nicht buhlen um ein Augenzwinkern,
Die Lippe mag ich nicht, die mir den Kuß
Aus Gnade giebt und meinen durst'gen Trinkern
Ein dürftig Nippen gönnt vom Ueberfluß.
Die nicht an meinen Mund kann stürmend fliegen,
In meinem Kusse selbst nicht glüht und bebt,
Nicht bangt und sehnt, an meiner Brust zu liegen,
Die laß' ich gern, daß sie in Frieden lebt.
O Liebe! wie, wie faß' ich dich? wo finde
Ich deinen Wohnsitz, deines Wirkens Zug?
Woran erkenn' ich dich? wie zwing' und binde
Ich deine Kraft an meiner Seele Flug?
Bist du ein Trieb nur wie die andern Triebe,
Der uns, wie Durst sich meldet, Hunger nagt,
In der Gedanken wogendem Geschiebe
Mit brennender Begierde reizt und plagt?
Bist du gleich andern uns verliehnen Gaben
Wie das Gedächtniß uns ins Hirn gelegt?
Bist ein Gefühl du, wie wir manches haben,
Das heute schlummert, morgen stark sich regt?
Bist du ein Sinn? vielleicht ein Sinn des Herzens,
Der Schönheit fühlt, sie fordert, ja sie ahnt,
Eh' sie im Kleid des Trauerns oder ScherzenZ
Durch Aug' und Ohr sich selbst die Wege bahnt,
Der sie oft steht, wo sie sich gar nicht findet,
Der leicht getäuscht stets Anmuth auch entdeckt,
Wo er zu holdem Einklang sich verbindet
Mit einem Glück, das nichts als Hoffnung weckt?
Was, Liebe, du auch sei'st, du bist auf Erden
Mir die Erscheinung einer Himmelskraft
Ich will auf keinem Wege müde werden,
Der Einblick in dein Wesen mir verschafft.
O könnt' ich mir von dir ein Bildniß machen,
Es anzuschau'n und betend vor zu knien,
Mit meiner Gluth ihm Leben anzufachen
Und in ein Paradies mit ihm zu fliehn!
Doch du verbirgst dich meinem blöden Sinne,
Bist bräutlich nur des Glücklichen Genoß,
Und irrend such' ich immer noch die Minne
Wie damals in dem Avellenzer Schloß.
Nur nicht verzagt! hat Eine mich betrogen,
Fluch' ich noch nicht dem ganzen Frau'ngeschlecht,
Wer sagt, daß meiner Mutter Traum gelogen?
Der Minne Sang und Sehnen bleibt mein Recht!«

Da schlug – Tannhäuser war's ein Wink von oben –
Das Schwert des Glaubens dröhnend an den Schild,
Der Zukunft Schleier schien empor gehoben,
Und sieh, da lag ein sonniges Gefild.
Zu einem großen Kreuzzug rief zusammen
Der heil'ge Vater seine Christenheit,
Fulko von Neuilly schürte Gluth und Flammen,
Und Frankreichs Adel war zuerst bereit.
Das mächtig blühende Venedig stellte
Die Schiffe für das Heer und sein Geräth,
Doch eh' der Wind der Flotte Segel schwellte,
Wuchs eine Ernte, die noch nicht gesät.
Tannhäuser jubelte: »Gott will's! zu Pferde!
Spervogel sattle und die Fiedel streich!
Speer! Speere her! des Ritters ist die Erde,
Die Erde hier und dort das Himmelreich!«
Ein Gottesdegen und gebenedeiter
Kreuzfahrer sein erfaßt' er mit Begier
Und fand nicht Ruh, bis er als ein Geweihter
Trug auf der Brust des rothen Kreuzes Zier.
Ins Morgenland, ins heil'ge, hochgelobte,
Ins Land der Wunder und der Märchenpracht,
Wo Abenteuerlust den Muth erprobte,
Wo Ruhm und Ehre winkten in der Schlacht,
Ja, dahin zog ihn langen Wunsches Streben,
Nun endlich war's vergönnt ihm vom Geschick,
Sein Wort zu lösen, das er einst gegeben
Dem Abt von Adamunt, Herrn Isenrik.
Und als er seinen Abschied nun genommen
Vom Herzog und wer sonst ihm lieb und werth,
Stieg er zu Roß auf spätes Wiederkommen,
Und ihm zur Linken hing des Abtes Schwert,
Die Sanggenossen gaben ihm Geleite
In frohem Zug und prächtig reicher Wat,
Herr Hartmann von der Au ritt ihm zur Seite
Und gab ihm aus Erfahrung Wink und Rath.
Spervogels Rauflust war nun nicht zu dämmen,
Weit übers Meer nach Syrien mußt' er mit,
Der Heiden Köpfe mit dem Schwert zu kämmen,
Und nach der Markusstadt ging nun ihr Ritt.


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