Ernst von Wildenbruch
Der Astronom
Ernst von Wildenbruch

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Viertes Kapitel

Unter der kleinen Veranda, die sich an der Rückseite des Allbachschen Hauses auf den Garten öffnete, saßen, des stillen, schönen Nachmittags genießend, die beiden Damen mit Handarbeiten beschäftigt. Frau Allbach zeichnete mit rotem Garn Nummern in neu gekaufte Staubtücher; Lucie stichelte an einer buntfarbigen Stickerei, deren Hauptzweck anscheinend darin bestand, niemals fertig zu werden. Zwischen beiden stand ein weißgedeckter Tisch; Frau Anna hatte dem feineren Naturgenuß durch derbere Mittel eine feste Grundlage verliehen; aus einer dickbauchigen Kanne goß sie sich die zweite Tasse Kaffee ein, während Lucie, die keinen Kaffee trank, seit einer Stunde an einer Tasse Tee nippte.

Ihre Beschaulichkeit wurde durch das energische Klappen der Tür und durch den Schall hastiger Schritte unterbrochen, welche durch den Salon kamen; es war der Herr des Hauses, der, vom Nachmittags-Rundgang bei seinen Patienten heimkehrend, zu ihnen trat.

Doktor Allbach war aufgeregt; er trug die eben angekommene Abendzeitung in der Hand; eine Stelle in dieser schien es zu sein, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. 51

»Es ist doch ein merkwürdiger Mensch,« begann er, nachdem er Fräulein Immenhof die Hand geküßt und Annas Stirn mit den Lippen berührt hatte. »Ein großartiger Mensch!« Er rückte sich einen Stuhl an die Treppe, die zum Garten hinunterführte, und begann einen Absatz aus der Zeitung vorzulesen, wo mit Posaunenklängen rühmender Bewunderung die Entdeckung eines Kometen am südlichen Sternhimmel angezeigt und der Name dessen verkündet wurde, dessen genialer Berechnung man sie verdankte, des großen Astronomen Professor Doppnau.

Frau Anna hatte das eben angefangene Staubtuch in den Schoß sinken lassen und hörte mit weit geöffneten runden Augen zu; Lucie stichelte, tief niedergebeugt, an ihrer Stickerei weiter; ein leises Erröten überhauchte ihr Gesicht.

»Da komme ich auf seine Sternwarte,« fuhr der Doktor fort, indem er die Zeitung zusammenkniffte, »und ob der Mann mir auch nur ein Wort von dem allen sagt? auch nur eine Silbe davon, daß er eben einen großartigen Triumph errungen hat und ein berühmter Mann für alle Zeiten geworden ist? Kein Gedanke! Spricht mit mir, als wenn nicht das geringste vorgefallen wäre, läßt mich gehen, ohne mir das mindeste zu verraten – nein, diese Anspruchslosigkeit! Es ist famos! Wirklich famos!«

Eine Pause trat ein.

»Es ist wahr,« sagte Lucie, »man wird stolz auf die deutsche Natur, wenn man so etwas hört.«

»Nicht wahr?« rief der Doktor, und er sah zu ihr hinüber, als wenn sie ihm ein Geschenk gemacht hätte. »Übrigens«, fuhr er fort, »bin ich mit einem Auftrag versehen, dessen ich mich bei keiner besseren Gelegenheit entledigen 52 könnte; Professor Doppnau hat uns zu morgen nachmittag eingeladen, die Sternwarte zu besuchen, er selbst will den Führer und Erklärer machen.«

Lucie hatte die Augen wieder tief auf ihre Stickerei gesenkt; sie fühlte, wie die Blicke der beiden sich stumm auf sie richteten; ein heißes Erröten ging über ihre Wangen. War das ein Plan, der gegen sie geschmiedet wurde? Beinah schien es so; ein unwillkürlicher tiefer Atemzug schwellte ihre Brust.

»Von unserer Seite steht gewiß nichts im Wege,« sagte Frau Anna rasch und kurz abbrechend.

Lucie erhob lächelnd das Haupt. »Warum unterstreichst Du das ›unsere‹ so?« fragte sie; »wenn Herr Professor Doppnau mich in seine Einladung eingeschlossen hat, so hoffe ich, daß Du mich nicht ausschließen wirst?«

Allbachs wechselten einen raschen Blick, dann stand der Doktor auf, um Doppnau in einigen kurzen Zeilen mitzuteilen, daß seine Einladung angenommen sei.

Der Brief kam am Morgen des nächsten Tages auf die Sternwarte und wirkte dort ungefähr mit der Gewalt einer elektrischen Feuerglocke, berauschend auf den Professor, vernichtend auf Agathe. Beide gingen den Vormittag hindurch wie im Traum, der Professor in einem selig entzückenden, die Alte in einem dumpf grollenden. Sie fühlte sich gekränkt, betrogen, in ihren Rechten und Gewohnheiten bedroht. Als sie Klemens das Frühstück auf sein Zimmer brachte, machte sie ihrem belasteten Herzen Luft.

»Na, junger Herr,« sagte sie, »wir können nu bald Abschied voneinander nehmen, die alte Agathe wird man nu nicht mehr lange hier gebrauchen.« 53

Klemens blickte von seiner Arbeit auf. »Was meinen Sie?« fragte er.

»Na – wenn doch nu bald eine Frau ins Haus kommt,« erwiderte sie mit einem rauschenden Seufzer.

Klemens blickte sie wortlos an.

»Wir haben ja heute Gesellschaft,« fuhr sie fort, »Doktor Allbachs und noch eine Dame.«

»Fräulein Immenhof?« fuhr Klemens heraus; er sprang vom Stuhle auf.

Agathe horchte auf; das also war der Name.

»Wenn sie so heißt,« sagte sie, »dann wird sie's wohl sein,« sie wischte mit ihrer Schürze über einen Stuhl, auf dem kein Staub lag, »ja, ja, ja« – stöhnte sie – »wer so etwas gedacht hätte.«

»Was reden Sie denn?« sagte Klemens, heftig auf- und abgehend, »das ist ja alles Unsinn!«

»Ach ne, Herr Klemens,« erwiderte Agathe, indem sie wieder einen rasselnden Seufzer aus der Brust steigen ließ, »ich kenne das; wenn sich ein Mann in den Jahren von unserm Herrn Professor das Heiraten erst einmal in den Kopp gesetzt hat, dann ist partout kein Halten mehr, denn geht's los, bis die Geschichte fertig is.«

Sie ging kopfschüttelnd hinaus und ließ Klemens in einem merkwürdigen Zustand allein.

Er ging noch immer, wie betäubt, im Zimmer auf und ab: seine Fäuste ballten sich; »die Diebin!« murmelte er, »die elende Kokette!« Ein wütender Haß gegen Lucie Immenhof erfüllte sein ganzes Wesen. Tränen traten in seine Augen; sein Leben schien ihm zerstört. Wie schön, wie reich, wie voller Poesie war dieses Leben in der Einsamkeit mit 54 dem Bruder gewesen! Und nun drängte sich diese Fremde herein, dieses Weib, das ihm vom ersten Augenblicke an unheimlich gewesen war, und wollte ihm seine geliebte Einsamkeit stören, seine Träume verscheuchen! Mit der ganzen Eigensucht fanatischer Liebe hing er an dem Bruder; alle Welt sollte ihn ehren und verehren, aber lieben sollte ihn keiner dürfen, als nur er allein! Und jetzt kam dieses Weib und wollte ihm den Bruder entwenden? Wollte wohl gar von ihm wieder geliebt sein? Wer gab ihr dazu das Recht? Sie hatte seinen Bruder umgarnt, seinen herrlichen, großen Bruder, der nichts von Hinterlist wußte und ahnte!

Er hatte sie ja neben ihm sitzen sehen bei Tische an jenem Abend; und diese kühle, vornehm elegante Dame mit dem spöttisch lächelnden Munde, mit den scharfen beobachtenden Augen, die sollte sich wohl fühlen können hier oben in der heiligen Einsamkeit? Das sollte die Frau sein für seinen Bruder?

Beim Mittagessen, bei welchem die Brüder zum ersten Male während des heutigen Tages zusammentrafen, kam es zwischen ihnen zu einem heftigen Auftritt – es war vielleicht das erste Mal im Leben. Klemens hatte die Absicht geäußert, gleich nach der Tafel einen weiten Spaziergang zu unternehmen und erst zum Abend heimzukehren – der Professor hatte erklärt, daß das heute unmöglich sei.

Mit erheucheltem Staunen hatte Klemens nach dem Grunde gefragt und der Professor erwidert, daß heut nachmittag Gäste kommen würden.

»Was geht denn mich das an?« murrte Klemens unwirsch.

»Aber mir kommt es darauf an,« entgegnete scharf und gereizt der Professor, »daß Du nichts Unpassendes tust.« 55

Schweigend aßen sie zu Ende, und schweigend gingen sie nach der Mahlzeit auseinander.

Um fünf Uhr nachmittags rollte eine Droschke an der Gitterpforte des Gartens vor; im nämlichen Augenblick kam hastigen Schrittes, beinah laufend, der Professor aus einem Laubgange heran. Er hatte das Knirschen der Räder im Sande des Weges gehört, und der gedämpfte Schall war ihm durch Mark und Bein gegangen; das Herz schlug ihm bis zum Halse, und sein Gesicht war dunkelrot, als er die Ankömmlinge begrüßte.

Doktor Allbach war bereits aus dem Wagen gesprungen und half seinen Damen beim Aussteigen; das Haupt mit einem breitrandigen Strohhute bedeckt, landpartiemäßig ausgerüstet, kletterte Frau Anna hinunter, hinter ihr kam Lucie Immenhof; sie trug einen kleinen Hut und schützte sich mit einem Sonnenschirmchen von dunkelblauer Seide gegen die Sonnenstrahlen; ihr Kleid von buntgeblümtem hellgelbem Seidenstoff hob sich leuchtend von Annas grauer, auf Staub berechneter Gewandung ab.

Verlegen wie ein großer Junge, stand der Professor an der Pforte und überließ zunächst dem Doktor alle Handreichungen. Dann riß er den runden Filzhut vom Kopfe und verbeugte sich mit steifem Rücken erst gegen Frau Allbach, die ihm freundschaftlich derb die Hand schüttelte, dann gegen Fräulein Immenhof, die sich anmutig lächelnd verneigte. Erröten steckt bekanntlich an, und daher mochte es kommen, daß, als sie dem Mann sich gegenübersah, der sie glühenden Gesichtes mit großen Augen anstarrte, auch ihre Wangen sich röteten. Unwillkürlich senkte sich ihr Blick, und dieser Ausdruck schamhafter Verlegenheit verlieh ihrem Antlitz, das für 56 gewöhnlich so keck und überlegen in die Welt hinausschaute, einen neuen eigenartigen Liebreiz.

»Nun denk' ich, zeigen Sie den Damen zunächst den Garten,« sagte der Doktor, der sich berufen fühlte, dem schüchternen Freunde zu helfen; die Gesellschaft setzte sich in Bewegung, den Laubgang hinunter. Das Gespräch aber blieb höchst einsilbig; der Professor fand durchaus keinen Anknüpfungspunkt; was sollte man denn an einem Garten erklären?

»Darf ich die Damen bitten, hier entlang zu kommen?« sagte er endlich, indem er aus der Allee in einen Seitenpfad zur Rechten abbog. Man ging zwischen zwei Reihen von Glaskästen, unter denen seltene Gewächse gezogen wurden und auf denen der grelle Sonnenschein lag. Lucie, die unter dem Schatten der Bäume ihren Schirm eingezogen hatte, spannte ihn, beinah seufzend, wieder auf.

»Darf ich die Aufmerksamkeit der Damen hierher lenken?« sagte Doppnau, indem er an einem großen viereckigen Kasten stehen blieb und den Deckel zurückschlug.

Man erblickte in demselben eine Sammlung von Kakteen aller Art und Gestalt.

»Ich habe mir hier eine Sammlung von seltenen Exemplaren dieser Ordnung angelegt,« sagte der Professor, »und sie sind sehr schön fortgekommen.«

Um jede der Pflanzen war ein Bändchen geschlungen, an welchem ein Blatt steifen Pergaments in peinlich saubrer Schrift den Namen verkündete.

»Hier zunächst einige Rhipsalideen,« erklärte der Professor voll Eifer, »die bekanntlich in den meisten Fällen nur parasitisch auf Bäumen wurzelnd erscheinen; hier daneben 57 einige recht schöne Melokakteen und hier ein besonders schönes »Anholium.« Er wies auf einen Kaktus von rübenförmiger Gestalt. »Dort endlich sehen Sie eine ficus indica, einen Feigen-Kaktus.«

»Kann man die Feigen essen?« forschte Frau Anna.

»Sie werden in unserem Klima nicht reif,« erklärte der Professor.

Lucie lächelte leicht. »Wer wird bei einer wissenschaftlichen Sammlung gleich mit so opportunistischen Gedanken bei der Hand sein?« sagte sie. In Wahrheit schien ihr aber die Frage ihrer Freundin gar nicht dumm, denn die »wissenschaftliche Sammlung« erweckte ihr nicht das mindeste Interesse. Die fleischigen, stachligen Pflanzen von kugeliger und strunkiger Gestalt, die breiten Blätter des Feigen-Kaktus, die wie grün angestrichenes Leder aussahen, erschienen ihr abscheulich, die Reihen von Pergamentstreifen mit halb unverständlichen, gelehrten Bezeichnungen langweilten sie; zudem brannte die Sonne, und ihre zartbeschuhten Füße glühten in dem heißen Sande.

Der Professor aber hatte ihre Äußerung augenscheinlich ernst genommen. »Das ist ein seltener Fall,« sagte er leuchtenden Blickes, indem er den Deckel wieder niederlegte, »daß man bei einer Dame solchen Ernst für wissenschaftliche Zwecke findet.«

Lucie war ganz überrascht von diesem übertriebenen Lob. Ein Gedanke huschte durch ihre Seele: wie leicht ist es, solchen ernsten Mann glauben zu machen, was man will – und tun zu lassen, wie man will, setzte ein Echo in ihrem Innern hinzu.

»Ich glaubte, zu einem Astronomen zu kommen,« sagte 58 sie lächelnd, »und finde, Herr Professor, daß man Sie auch als Botaniker bewundern muß.«

Die Gesellschaft war wieder in den Laubgang zurückgekehrt und setzte ihren Weg in demselben fort. Plötzlich blieb Lucie stehen. »Wie herrlich ist das!« rief sie. Durch die Bäume hindurch bot sich ein prachtvoller Ausblick auf die Landschaft; man sah den breiten Strom, der am Fuße des Berges dahinzog, und jenseits desselben erhoben sich die Türme und Häuser der Stadt.

Die anderen waren stehen geblieben, weil Lucie stehen blieb; sie mochten die Aussicht von früher her kennen, denn auf keinen machte der Blick solchen Eindruck wie auf sie.

»Wie schön,« sagte Lucie leise, »wie schön.« Sie schien im Begriff, in tief beschauliche Träumerei zu versinken.

»Wenn Sie mir erlauben wollen, gnädiges Fräulein, Sie weiter zu führen,« sagte der Professor, »so glaube ich, Ihnen von der Plattform der Sternwarte denselben Blick in noch verstärkter Schönheit versprechen zu können.«

Lucie wandte sich rasch um und ließ ein kurzes, beinah ungeduldiges Lachen hören. »O diese unersättliche Zeit, in der wir leben,« rief sie; »sie verwandelt uns den Genuß in eine Pflicht; man darf bei Schönem nicht verweilen, wenn man nicht das Schönste gesehen hat!«

Doktor Allbach stieß seine Frau in stummer Bewunderung an; Doppnau schritt hastig an ihre Seite.

»Was Sie eben sprachen, gnädiges Fräulein,« sagte er, »trifft mein tiefstes Empfinden; niemand kann Ihnen mehr beipflichten als gerade ein Mann der Naturwissenschaft. Denn wir, die wir das Große und das Kleine in der Welt mit gleicher Liebe beobachten, wissen, daß das Kleine in seiner 59 Art ebenso groß und wunderbar ist wie das Große, und daß nur der oberflächliche Sinn es ist, der die Bezeichnungen ›größer‹ und ›schöner‹ wie falsche Etiketten in die Welt gesetzt hat.«

Er hatte ohne Verlegenheit, mit tiefer, leiser Eindringlichkeit gesprochen, als sollte nur sie ihn hören, und in seiner Stimme war eine verhaltene, zitternde Glut.

Lucie fühlte plötzlich einen großen Respekt. Sie empfand, daß sie einem Manne gegenüberstand.

»Und wenn ich heute von meinem Grundsatze scheinbar abweiche,« fuhr Doppnau fort, »so müssen Sie es mir verzeihen; ich bin heute in der Lage des Fremdenführers und möchte, daß die Herrlichkeiten, die zu meinem Reiche gehören, einigen Eindruck auf Sie machten.«

Der Ton der Stimme vereinigte sich mit dem Inhalte des Gesprochenen, um die Huldigung, die in diesen Worten lag, zu einer vollständigen zu machen.

Lucie blickte ihn an, und ein anmutiges Lächeln überglänzte ihr schönes Gesicht; seine Entschuldigung war angenommen, seine Absicht mit Dank verstanden.

Unterdessen war man auf den freien Platz hinausgelangt, auf dem sich das Hauptgebäude der Sternwarte mit den umgebenden Nebengebäuden wie ein turmgeschmückter Palast erhob.

»Aber, Herr Professor,« sagte Lucie, indem sie überrascht emporschaute, »Sie wohnen ja wie ein König?«

»Dann gestatten Sie, daß ich an der Schwelle meines Königreichs Zoll erhebe,« erwiderte Doppnau. Er war die Stufen der Eingangstür voraufgesprungen wie ein Turner und stand, den Hut in der Hand, an der Pforte; indem Lucie hineintrat, ergriff er ihre Hand und führte sie an die Lippen. 60 Die innere Beglücktheit verklärte sein Gesicht, ohne dasselbe freilich zu verschönen; aber sie verlieh seinem ganzen Wesen eine ungewohnte Geschmeidigkeit und strahlte auf alle Anwesenden über.

In fröhlichster Laune ward Beratung gehalten, ob man jetzt gleich zum Imbiß schreiten wollte, oder erst später.

»Die materiellen Genüsse nachher,« entschied Lucie, indem sie mit der Spitze ihres Sonnenschirmes auf die Flurdielen stampfte, »wir sind gekommen, um dem Geiste zu dienen.«

»Famos!« rief Doppnau. »Famos!« Hinter dem Rücken Luciens stürzte er sich auf den Doktor, packte dessen Arm und drückte ihn, so daß dieser beinah aufschrie.

»Sie sind uns die Sonne schuldig,« fuhr Lucie fort, indem sie den Schirm pathetisch emporstreckte, »geben Sie uns die Sonne, Herr Professor, geben Sie uns die Sonne!«

Doppnau beugte sich zum Ohr des noch immer verankerten Doktors, »es ist ein Weib!« rasaunte er hinein, »Doktor, es ist ein Weib!«

Allbach schaute auf. »Der Rest ist Schweigen,« fuhr der Professor fort, »der Rest ist Schweigen!« Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, sein ganzes Wesen schäumte vor Begeisterung.

»Geben Sie uns die Sonne,« fuhr Lucie, ihre eigenen Worte nachdenklich wiederholend, fort, »wo hab' ich denn das nur her? Richtig, das sonderbare Stück von Ibsen, die Gespenster, endigt ja so: Mutter, gib mir die Sonne!« Sie wandte sich an den Professor, »kennen Sie Ibsens Sachen?«

»Ibsen –« sagte der Professor, »– Ibsen? Ein schwedischer Dichter, wenn mir recht ist?« 61

»Oho!« rief Lucie mit komischem Entsetzen, »ein Schwede? Ein Norweger ist es.«

»Na, das liegt aber doch beides nicht so weit auseinander,« wandte Frau Anna etwas nüchtern ein.

»Ein Norweger,« fuhr Lucie fort, »ein Wikinger, wie er im Buch steht; so wie seine Vorfahren die Welt vor Zeiten mit Feuer und Schwert verwüsteten, so überfällt er heutigentags die Menschheit mit seinem Pessimismus! Ich sage Ihnen, ein schrecklicher Mensch; er nimmt uns armen Deutschen allen Zucker aus dem Nachmittagskaffee. Sie haben nichts von ihm gelesen?«

»Bei meinen Arbeiten komme ich wenig zur Literatur,« entgegnete Doppnau.

Lucie blickte vor sich hin; dann fuhr sie auf. »Eigentlich haben Sie recht,« sagte sie, »wenn ich ein Mann wäre, ich glaube wahrhaftig, ich läse heutzutage auch keine Literatur. Also zur Wissenschaft! Wo bleibt sie?«

»Wir sind darin,« erwiderte Doppnau lächelnd. Mit diesen Worten öffnete er die Tür, welche zum Kuppelsaale führte – mit einem unwillkürlichen Ausruf blieb Lucie auf der Schwelle stehen.

»Das ist aber großartig,« rief sie, indem ihr staunender Blick an den gewaltigen Teleskopen herauf- und herabstieg, »das ist ja ein vollständiges Arsenal.«

»Aber nur friedlichen Zwecken bestimmt,« sagte der Professor, indem er die Tür hinter den Eingetretenen schloß.

Er begann nun zunächst damit, seinen Hörern in fließendem Vortrage das Fernrohr im allgemeinen zu erklären, und zwar geschah dies in gründlichster Weise, indem er von der ersten Erfindung desselben anhebend durch die allmählichen 62 Vervollkommnungen des Instruments hindurch bis in die Entwickelung der Neuzeit fortschritt.

Der Vortrag war äußerst belehrend, aber etwas lang; die beiden Damen ließen sich daher auf Stühlen nieder, während Doktor Allbach, eine derartige Bequemlichkeit verschmähend, mit untergeschlagenen Armen dem gelehrten Freunde lauschte.

Lucie gab sich anfänglich die größte Mühe, sich den Unterschied zwischen Konvex- und Konkavgläsern zu verdeutlichen, über den Begriff des Brennpunktes, der Brennweite, des Okulars und Objektivs, und wie die wissenschaftlichen Ausdrücke lauten mochten, ins klare zu kommen, schließlich aber fing sie an, durch die Nase zu gähnen. Die Julisonne schickte versengende Strahlen durch die Glaskuppel hernieder, die Rede des Professor, der ganz bei seinen Teleskopen und gar nicht mehr bei den Menschen war, floß wie ein ewig gleichmäßiger plätschernder Bach dahin, und plötzlich fühlte sie eine verhängnisvolle Schwere in den Augenlidern.

Gewaltsam rückte sie sich zusammen; ihr Blick ging zu Anna, welche weit vorgebeugt mit runden Augen zuhörte und soeben mit zustimmendem Nicken des Kopfes den Unterschied in sich aufnahm, der zwischen dioptrischen und katoptrischen Fernrohren besteht. Lucie fühlte etwas wie Bewunderung vor ihrer Freundin, indem sie sich gestand, daß sie nahe daran gewesen war, einzuschlafen; aber langweilig war es wirklich, darüber kam sie nicht hinweg, herzhaft langweilig.

Wie eine Erlösung klang es ihr daher, als der Professor endlich die Damen aufforderte, heranzutreten, um nun selbst durch die Fernrohre hindurch zu schauen. Sie sprang 63 auf; endlich gab es doch etwas zu sehen, nicht bloß zu hören.

Ihre Geduld wurde aber nochmals auf die Probe gestellt, denn vorläufig begab sich der Professor daran, ihnen die Schrauben zu zeigen und zu erläutern, mit denen die Bewegung der Teleskope in senkrechter und wagerechter Ebene geschieht. Die Damen legten, seinen Anweisungen folgend, selbst Hand mit an, und anfänglich war es wirklich vergnüglich zu beobachten, wie die mächtigen Instrumente, einer leisen Fingerdrehung gehorchend, die Häupter senkten und hoben und sich auf ihren Achsen drehten. Endlich aber hatte man auch das zur Genüge durchgekostet, und in Lucien regte sich immer entschiedener der Wunsch, nun endlich wirklich den Himmel zu sehen, aus den Vorbereitungen herauszukommen. Sie war nahe daran, ihrer Ungeduld lauten Ausdruck zu geben, aber die Scheu vor dem ernsten Mann, der unfehlbar und unermüdlich wie eine Maschine von einem zum andern fortschritt, nichts überging und immerfort erklärte und erklärte, hielt sie zurück.

Endlich war er soweit. »Wenn Sie jetzt an das Okular treten wollen, gnädiges Fräulein,« wandte er sich an Lucie, »so werden Sie die volle Sonne im Fernrohre erblicken.«

Aufgeregt, als stände sie vor einer Offenbarung, tauchte Lucie ihre Augen in die Röhre – eine blutrote, durch das geschwärzte Glas des Okulars aller Strahlen beraubte Scheibe schwamm vor ihren Augen. Das war alles?! Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht einen Ausruf der Enttäuschung hören zu lassen.

»Wenn Sie mit den Augen nach der östlichen 64 Peripherie der Sonne gehen,« fuhr der Professor belehrend fort, »das heißt nach rechts, so werden Sie eine dunkle Stelle finden, von einem etwas weniger dunklen Schatten umgeben.«

»Ganz recht,« bestätigte Lucie, »es sieht beinah aus wie ein schwarzes Loch.«

»Wie ein Loch mit gezackten Rändern,« setzte Doppnau in ihre Worte ein, »das ist ein seit drei Tagen sichtbar gewordener Sonnenfleck.«

»So so,« sagte Lucie, »aber es ist wohl nur ein kleiner?«

»Die Erde würde zweimal darin Platz finden,« antwortete der Professor mit unveränderlichem Tone.

Lucie fuhr von dem Teleskop zurück. »Die Erde – zweimal?« schrie sie auf; »und das sagen Sie so ruhig?«

Sie glaubte einen Schwindelanfall zu bekommen, das Bewußtsein überkam sie von der Riesenhaftigkeit der Verhältnisse, in die sie hineinblickte, und an denen sie mit tändelndem Unverstand genascht hatte; ihre Phantasie war überwältigt, erdrückt. Und da stand ein Mann vor ihr, der diese ungeheuren Maße kannte, der sie in seinem Bewußtsein mit sich trug und aussprach mit der kühlen Ruhe, mit der man eine Tatsache ausspricht, die man beherrscht – ja er beherrschte die unermeßliche Welt! Und plötzlich war es ihr, als ob sich der einfache, nüchterne Mann vor ihren Augen verwandelte, als ob sein Haupt emporwüchse, Ehrfurcht gebietend, majestätisch, ausgerüstet mit einer Macht, die ungeheuer sein mußte, da sie das Ungeheuer bewältigte, und ihre Seele beugte sich vor ihm und seiner Macht, wie ein staunendes, schauerndes Kind. 65

Sie machte sich Vorwürfe, daß sie den Vortrag des Professors langweilig gefunden hatte; sie erschien sich kindisch und töricht, und als er sich jetzt wieder zu ihr wandte und immer wieder an sie seine Worte, immer wieder an sie seine Erklärungen richtete, fühlte sie den süßen Kitzel der geschmeichelten Eitelkeit. Ihr ganzes bisheriges Dasein zuckte, wie in einem Brennspiegel zusammengefaßt, in diesem Augenblick an ihr vorüber; sie sah sich wie einen flatternden Schmetterling von Erscheinung zu Erscheinung taumeln, ohne jemals Halt, ohne jemals Genuß zu finden – und jetzt plötzlich war es ihr, als griff eine gewaltige Hand nach ihrer Hand, und obschon sie bei der eisernen Berührung zusammenzuckte, jauchzte sie innerlich über den Zwang auf, dem sie sich unterworfen fühlte.

Da war Kraft, da war Halt, vor ihren Füßen war ein Weg, da war Lebensführung und Lebensklarheit – wahrhaftig, er hatte ihr die Sonne gegeben.

»Werde ich die Damen nicht ermüden?« fragte der Professor jetzt, »wenn ich Ihnen vorschlage, nun die photographischen Sonnenbeobachtungen in Augenschein zu nehmen? Wir müßten dazu in die oberen Räume der Warte hinaufsteigen.«

Er hatte seine Frage wieder an Lucie gerichtet.

»Nein,« entgegnete sie hastig, »ich bin gar nicht müde und möchte immer mehr lernen.«

Sie blickte ihn an, ihre Worte zitterten auf ihren Lippen, und in ihren Augen, die in feuchter Wärme weich geworden waren, stand jenes Wort geschrieben, das den Mann berauscht, wenn es die Seele des Weibes ihm entgegenhaucht: »Du bist mein Herr.« 66

Die Sonnenphotographieen bildeten den interessantesten Teil von allem, was der Professor seinen Gästen vorzuführen hatte. Sie wurden hergestellt vermittels eines außerordentlich sinnreich erfundenen, mit einem Spiegelreflektor versehenen Fernrohrs, welches, wie Doktor Allbach Lucien heimlich zuflüsterte, wesentlich dem Professor selbst seine Entstehung verdankte. Vor den Augen der Damen veranstaltete Doppnau eine Aufnahme der Sonnenscheibe, und ein allgemeines Freudengeschrei entstand, als auf der Glasplatte die mattgrau gefärbte Sonnenscheibe und auf dieser in schärfster Abgrenzung der Sonnenfleck erschien, den man vorhin durch das Teleskop beobachtet hatte.

Der Professor zeigte auf einen bis an die Decke reichenden offenen Schrank, in dessen Fächern Glasplatten der erwähnten Art massenhaft, dicht aneinander gereiht standen.

»Sehen Sie,« sagte er, »jedes dieser Fächer enthält die Sonnenaufnahmen, die während eines Jahres gemacht werden; wenn irgend möglich, geschieht eine solche an jedem Tage. Auf diese Weise erhält man ein fortlaufendes Bild von der Sonne und von allem, was sich auf derselben begibt. Jeder Sonnenfleck zum Beispiel läßt sich hiernach in jedem Wechsel seiner Gestalt und in jedem Augenblick seiner Bewegung verfolgen.«

»O das ist herrlich!« fiel ihm Lucie, ganz durchdrungen von der Bedeutung der geistvollen Methode, ins Wort; »das ist wundervoll! Auf diese Art führen Sie geradezu Buch über die Sonne?«

»Famos!« rief der Professor, »und wahrhaft merkwürdig, daß Sie gerade die Bezeichnung gefunden haben, mein –« er wollte sagen ›gnädiges‹, sprang aber über in 67 »›verehrtes‹ Fräulein! Wissen Sie, wie ich den Schrank getauft habe? Die Sonnenbibliothek.«

Frau Anna klatschte in die Hände. »Bravo,« rief sie, »bravo! Ihr lebt noch ein Jahr zusammen!«

»Ach was,« rief der Doktor, »ein Jahr ist kein Jahr! Zehn, zwanzig –« er brach im Satze ab.

Die Familie Allbach war wie berauscht; vor ihren Augen sahen sie ja die beiden Menschen, die sie nun einmal durchaus zueinander bringen wollten, sich mit jedem Worte, mit jedem Blick näher und näher kommen. Der Professor lachte etwas verlegen, aber übermäßig laut und vergnügt, und Lucie fühlte sich wie in einem Taumel weiter und weiter gerissen. Ein stummes Lächeln und ein heißes Erglühen ihrer Wangen war ihre einzige Antwort.

Sobald er in Begeisterung war, fing der Professor mit verdoppeltem Eifer an, zu erklären.

»Sehen Sie dies,« rief er, indem er aus einem der untersten Fächer eine Platte herausgriff, »das ist das interessanteste Blatt in meiner Bibliothek; Sie finden hier die Wiedergabe einer bedeutenden Sonnenprotuberanz, die im vorigen Jahre stattgefunden hat.«

»Was ist das?« fragte Lucie.

»Man versteht darunter Ausbrüche,« erklärte er, »die von der Sonne ausströmen. Wahrscheinlich sind es Gasmassen, die aus dem Sonnenkörper ausgestoßen werden, und zwar mit solcher Gewalt, daß sie Tausende von Meilen weit über die Peripherie hinausdringen.«

Lucie hielt die Tafel in Händen; über dem Rande der Sonnenscheibe sah man eine Spitze, senkrecht wie ein Horn emporragen, von welchem sich leichte, lange Fäden abzweigten. 68

»Wenn Sie den Montblanc vierzigtausendmal übereinandersetzen, dann haben Sie ungefähr die Höhe des Horns,« sagte er.

Lucie blickte ganz entsetzt auf die Platte. »Mein Gott,« sagte sie, »das sind ja alles wahrhaft grauenhaft ungeheuere Verhältnisse. Der Gedanke allein, daß man solch ein Ereignis aus der Nähe betrachten könnte, läßt einem ja das Blut gerinnen; man meint, man würde ein Getöse hören, daß man sofort tot niedersinken müßte – und das alles zeichnet sich dem Menschen auf einer kleinen Glasplatte auf, und man kann in Ruhe und Behaglichkeit in seinen vier Wänden sitzen und das furchtbare Schauspiel betrachten, wie man die Photographie eines Hauses betrachtet« – sie gab die Platte in seine Hand zurück, ihre staunenden Augen waren weit geöffnet; die Phantasie schwamm darin wie ein dunkles Gewölk. »Welch ein Leben muß das sein,« sprach sie träumerisch vor sich hin, »so immer unter der Last des unermeßlich Großen dahinzugehen.«

Doppnau stand dicht neben ihr.

»Könnten Sie sich – ein solches Leben – schön denken?« fragte er tief aus der Brust heraus.

Lucie schrak zusammen; ihr Blick irrte über ihn hin.

»Ich denke,« erwiderte sie stockend, »es gehört viele, viele Kraft dazu.«

Durch eine Glastür trat man nun auf eine offene Plattform hinaus, die in der Höhe des zweiten Stockwerks neben dem Wohngebäude lag.

»Hier«, sagte der Professor, »kann ich nun endlich mein Versprechen einlösen und Ihnen die verheißene, noch schönere Aussicht zeigen.« 69

In der Tat bot sich ein bezaubernder Blick auf die Landschaft ringsumher.

Man sah auf der einen Seite auf Strom und Stadt hinunter; nach der anderen Seite schweifte das Auge über ein unabsehbares, rauschendes Meer von dunkelgrünen Nadelholzwaldungen hin.

Lucie war bis in die Mitte der Plattform getreten, unwillkürlich breitete sie die Arme dem würzigen Lufthauche entgegen, der vom Walde herübergerauscht kam. Der leichte Wind spielte mit ihren langen Nackenhaaren und hob den Saum des luftigen Kleides von ihren kleinen Füßen empor. – Doppnau stand wie angewurzelt und verschlang die liebreizende Gestalt mit stummen, glühenden Blicken.

»Jetzt aber haben wir uns den Kaffee redlich verdient,« erklärte laut Frau Anna.

Doppnau kam zur Welt zurück. »Sehr wahr,« sagte er, »sehr wahr, die Agathe wird schon ganz ungeduldig geworden sein.« Eilend verschwand er nach dem Innern des Gebäudes.

»Komm, Lucie,« sagte Frau Anna, indem sie die Freundin, die noch immer traumverloren stand, kurzweg unter den Arm nahm, »man erkältet sich leicht hier oben, wenn man warm geworden ist.«

Als die Gäste den Flur erreicht hatten, kam soeben Agathe mit einer großen Kanne von der Küche heraufgestiegen; sie ging quer über die Diele bei den Damen vorbei, Lucie mit weit aufgerissenen Augen von der Seite musternd. Kaffeegeruch erfüllte den Raum.

Lucie rümpfte die Nase, sie liebte den Kaffee nicht; sein Geruch erinnerte sie an kleinbürgerliche Häuslichkeit; doppelt 70 zuwider war er ihr in diesem Augenblick, da er sie aus ihren Sonnenphantasieen in die häßliche Alltäglichkeit zurückversetzte.

»Sagen Sie meinem Bruder, daß wir beim Kaffee sind,« gebot der Professor, der mit Agathe aus dem Zimmer, in welchem angerichtet war, auf den Flur heraustrat.

Er ging den Damen entgegen, um sie zum Vespertische zu führen. Auf dem Wege dahin boten sich indessen noch zwei Hindernisse dar in Gestalt von zwei großen Glaskasten, von denen der eine eine Schmetterlings-, der andere eine Muschelsammlung erhielt.

»Interessieren Sie sich für Schmetterlinge und Konchylien?« fragte Doppnau, indem er erklärungslustig an den ersten Kasten herantrat.

»O ja, ja,« erwiderte Lucie zögernd, »aber –« sie wandte das Haupt ab; es schauderte ihr bei der Erinnerung an die Kakteensammlung und bei dem Gedanken an eine abermalige langatmige Erklärung. Anna kam ihr diesmal zu Hilfe.

»Nein, nein, Herr Professor,« rief sie, »jetzt kommen zunächst die materiellen Genüsse an die Reihe.«

Doppnau lachte, und man trat ein, um sich an dem weißgedeckten Tische niederzulassen.

In der Mitte desselben stand wie eine alte fette Henne in der Schar ihrer Küchlein die große Kaffeekanne zwischen den Tassen. Zur einen Seite derselben erblickte man einen mächtigen, frisch angeschnittenen Napfkuchen, zur anderen einen Teller, auf dem Schnitten von Streußelkuchen aufgetürmt lagen. Ein Blumenstrauß vervollständigte die Tafelausrüstung. 71

Agathe, welche jetzt wieder eintrat, ließ einen zufriedenen Blick über das Ganze dahingehen; dann schaute sie Lucie mit herausforderndem, den Professor mit vorwurfsvollem Ausdruck an, als ob sie sagen wollte: »Kann man es denn besser haben, wenn man verheiratet ist?«

Lucie erhielt ihren Platz an der Schmalseite des rechteckigen Tisches; zu ihrer Rechten saß Doktor Allbach, links von ihr der Professor und an dessen Seite Frau Anna; neben dem Doktor war ein Platz noch leer.

Frau Allbach wollte sich eben der Kaffeekanne bemächtigen, als Agathe ihr mit kurzem, aber entschiedenem Griffe zuvorkam. Das hätte noch gefehlt, daß ein anderer an ihrem Tische den Kaffee einschenkte!

Das braune Getränk dampfte in den Tassen, und während die anderen demselben eifrig zusprachen, nippte Lucie an dem ihrigen, um den Rest stehen zu lassen. Agathe, die kein Auge von ihr verwandte, sah das mit stummer Empörung an, ihr Kaffee war ihr wohl nicht einmal gut genug?

Alsdann setzte sich der Napfkuchen in Bewegung; mit feierlicher Langsamkeit schritt er von Hand zu Hand um den Tisch herum, um demnächst mit gewaltig klaffender Bresche an seinen Standort zurückzukehren.

Im Augenblick, als Lucie mit der Kuchenschüssel beschäftigt war, klappte die Tür.

»Na, da ist ja der Herr Klemens,« rief Doktor Allbach, »hier kommen Sie her.« Er wies auf den Stuhl an seiner Seite.

»Mein Bruder Klemens ist Ihnen vorgestellt?« hörte Lucie des Professors Stimme neben sich. 72

»Wir haben uns ja neulich kennen gelernt,« erwiderte sie.

Sie erhob den Blick und ließ ihn nicht wieder sinken. In Wahrheit sah sie ihn heut zum ersten Male, denn in der Abendgesellschaft bei Allbachs hatte er am unteren Ende des Tisches, unter anderen Gästen verloren, gesessen und war für sie kaum dagewesen.

Das lange Haar war in den Nacken zurückgestrichen; Stirn und Antlitz erschienen blaß wie Elfenbein, und in den dunklen Augen flackerte eine unstete Glut.

Mit einer linkisch stummen Verbeugung begrüßte er die Gesellschaft, dann machte er Miene, sich auf seinen Platz neben dem Doktor zu setzen. Frau Anna jedoch streckte ihm die Hand zu und nötigte ihn auf diese Weise, einen Augenblick zu verweilen. Im Glauben, daß sie seiner knabenhaften Schüchternheit entgegenkommen müsse, reckte auch Lucie hinter dem Doktor herum ihm die Hand entgegen.

»Kommen Sie, Herr Doppnau,« sagte sie mit liebenswürdigem Lächeln, »wir haben uns neulich so gut wie gar nicht kennen gelernt; wir müssen heute nachholen.«

Es entstand eine augenblickliche Verlegenheit, da Klemens, regungslos, mit tief gesenktem Blick hinter dem Tisch stehend, keine Miene machte, die dargebotene Hand zu ergreifen.

Der Professor schoß einen Blick zu ihm hinüber; eine Blutwelle stieg ihm in die Stirn, er räusperte sich. Jetzt trat Klemens hinter dem Sessel des Doktors einen Schritt auf Lucie zu, seine eiskalten Fingerspitzen berührten ihre Hand, und indem er sich steif und förmlich verneigte, richtete er für einen Moment die Augen auf sie. Lucie schrak innerlich zusammen – was war das gewesen? Aus den düsteren 73 Augen zuckte ein flammender Strahl von Groll und Haß zu ihr hinüber. Im nächsten Augenblick hatte er sich auf seinem Platz niedergelassen und führte schweigend, ohne jemanden anzusehen, die Tasse zum Munde.

Der Professor vermochte die peinliche Verlegenheit kaum zu verbergen, in die ihn der sonderbare Auftritt versetzt hatte; er schlug krampfhaft in seinem Geiste nach, um rasch irgendeinen Gesprächsstoff zu finden, und da ihm das nicht gelingen wollte, half ihm der Doktor, der seinen Zustand bemerkte, nach.

Mit erhobenem Zeigefinger drohte er zu ihm hinüber. »Sie hinterhältiger Mann,« sagte er, »jetzt sollen Sie uns einmal erzählen, wie Sie zu Ihrem Kometen gekommen sind, von dem natürlich Ihre Freunde wieder zuletzt etwas erfahren haben.«

Das war Hilfe in der Not; der Professor griff zu, und die Unruhe, die sein Gemüt eben erregt hatte, glättete und verlief sich im breiten Strom des ausgiebigen Vortrags, mit dem er seinen Gästen Anfang, Weg und Ende seiner Entdeckung erklärte.

Unterdessen beugte sich Doktor Allbach zu Lucien hinüber. »Sie müssen es ihm nicht übel nehmen,« flüsterte er, »der junge Mann arbeitet zu seinem Abiturientenexamen, und ich fürchte, er übernimmt sich dabei. Ich habe seinen Bruder schon öfters gebeten, darauf zu sehen, daß er sich nicht überarbeitet.«

»Der arme Junge,« sagte Lucie leise vor sich hin.

Sie blickte zu Klemens hinüber, der, auf das Tischtuch niederstarrend, ihr das Profil seines Gesichtes zukehrte. 74 Welch ein herrlich schönes Gesicht und welch ein leidvolles Weh darin!

Ein tiefes Mitleid überkam sie, gleichzeitig aber empfand sie es wie eine Beruhigung, daß es nur allgemeine nervöse Erregung gewesen war, was diesen schönen Augen einen so furchtbaren Ausdruck verliehen hatte. War sie doch nahe daran gewesen, zu glauben, daß er sie persönlich haßte.

Ihre fröhliche Laune kehrte zurück, mit Aufmerksamkeit folgte sie den Entwickelungen des Professors, und als er geendet, war sie es, die lachend die Tasse erhob und den Vorschlag machte, auf den Entdecker und seine Entdeckung anzustoßen.

»Nein, nein,« entgegnete eifrig der Professor, »wenn Sie mir solche Ehre antun wollen, so soll es mit edlerem Stoffe geschehen! Klemens, alter Junge,« wandte er sich an diesen, »geh, spring in den Keller hinunter und hol uns eine Flasche alten Rheinwein herauf.«

Klemens erhob sich und ging hinaus.

»Na und Sie, Agathe,« fuhr er zu der Alten fort, »haben Sie uns keine Genüsse weiter vorzusetzen?«

»Ich wollte nur warten, bis das gnädige Fräulein mit dem Kaffee fertig sein würde,« entgegnete Agathe spitzig, indem sie mit den Augen auf Luciens noch immer gefüllte Tasse deutete.

»O darauf warten Sie nicht,« sagte diese, »ich bin keine Kaffeeschwester.«

»Nein, das weiß Gott,« rief Doppnau lachend und triumphierend. Er nahm die Tasse, die Lucie von sich geschoben hatte, auf und reichte sie Agathe hin. »Fort mit dem schnöden Saft,« sagte er, »wir wollen beim Glase 75 Wein auf den Tisch schlagen, – heißt es nicht so bei Goethe?«

»Bravo,« antwortete Lucie, »Sie machen Fortschritte in der Literatur.«

»Das habe ich noch aus meiner Studentenzeit,« sagte er, und plötzlich hob er an, »mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches Behagen,« – er brach ab und verschluckte den Rest des Gedichts in einem mächtigen Lachen. Er war wie trunken, bevor der Wein gekommen war, und die Stimmung der anderen gab der seinen nicht viel nach. Alles war in ausgelassener Fröhlichkeit bis auf Agathe, die sich durch das Benehmen des Herrn Professors auf das tiefste gekränkt fühlte. Sie setzte jetzt eine große Schüssel Himbeeren mit Schlagsahne auf den Tisch und begleitete die Spende mit einem Gesicht, daß es zu verwundern war, wenn die süße Sahne nicht sauer wurde und gerann.

Inzwischen war auch Klemens, eine Weinflasche in der Hand, wieder eingetreten.

Doppnau sprang vom Stuhle auf. »Gib her, Junge,« rief er, »mit Wein und Bier verstehst Du nicht umzugehen.« Er nahm ihm die Flasche aus den Händen, riß den Pfropfen heraus, daß es knallte, und schenkte fünf Gläser voll; dann blieb er am Tische stehen, indem er sich wie zu einer Tischrede räusperte.

»Halt, halt,« unterbrach ihn Lucie, »wir wollten ja zuerst auf Sie selbst anstoßen.«

»Das hat Zeit,« erwiderte der Professor, »zunächst gestatten Sie mir, daß ich mich bei den Damen für ihren Besuch bedanke und für das Interesse, das sie für meine Wissenschaft gezeigt haben.« Er unterbrach sich und lächelte pfiffig 76 vor sich hin: »Eine schöne Dame«, fuhr er dann fort, indem er sich mehr und mehr zu Lucien wandte, »ist eben etwas Schönes.« – »Sehr wahr!« unterbrach Doktor Allbach. – »Eine schöne und liebenswürdige Dame ist – wenn ich mir die mathematische Form erlauben darf, gewissermaßen eine Dame in der zweiten Potenz.« – »Hört, hört!« rief Doktor Allbach dazwischen. – »Aber eine schöne und liebenswürdige und geistvolle Dame –« – »Das ist eine Kubikdame!« schrie der Doktor, indem er jauchzend auf die Tischkante schlug. – »Die Kubikdame soll leben!« Er erhob das Glas und stieß an das Glas seiner Nachbarin; Lucie, über die sonderbare mathematische Huldigung lächelnd, hielt das ihrige in die Höhe und ließ die Gläser der anderen daran anklingen.

»Na, Klemens?« rief der Professor kurz und beinah scharf. Klemens, der teilnahmslos dagesessen hatte, erhob sich wortlos und stieß erst mit Frau Allbach, dann mit Lucie Immenhof an; seine Lider waren gesenkt, so daß sie diesmal nichts von seinen Augen sehen konnte.

Mittlerweile war die Zeit vergangen; die Sonne war gesunken und, als sollte dem Inhalt dieses reichen Tages noch ein glänzender Schlußpunkt angefügt werden, erhob sich über den Bäumen des Fichtenwaldes der sommerlich rote, langsam steigende Mond.

Der Vorschlag wurde laut, noch einmal auf die Plattform zu gehen und eine Stunde in der Abendkühle zu verbringen.

Stühle wurden hinausgebracht, der Doktor und der Professor zündeten sich Zigarren an, und während dieselben durch das Dunkel glühten, versank Lucie im Anblick der mächtig und friedlich umgebenden Natur. 77

Ob es die Nachwirkung der Huldigungen war, die heut so überströmend ihr zu Füßen gelegt worden waren? Indem sie von ihrem hohen Sitze in die Tiefen ringsumher blickte, erschien sie sich wie eine Königin, der dieses alles zu sagen schien: »Wolle – und dieses alles ist Dein.« Nur zu wollen brauchte sie, nur die Lippen zu öffnen und das Wort heraustreten zu lassen, das hinter ihren Lippen stand – das Zauberwort – ihr schauerte; sie empfand die Macht, die dem schönen, bedeutenden Weibe über die Welt verliehen ist, und fühlte die Entscheidung des Augenblicks, wenn die Frau das Zauberwort spricht, den Talisman dahingibt, der sie feiete, dahingibt an den einen, der nun der Gewaltige wird über sie. 78



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