Johann Carl Wezel
Belphegor
Johann Carl Wezel

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Johann Carl Wezel

Belphegor

oder

Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

(1776)

Buchtitel

So lange ein Mann, dem die Natur gleich viel Feuer in die Einbildungskraft und in die Empfindung gelegt hat, die Erfahrungen zu seinen Begriffen blos aus seinem guten Herzen und dem kleinen Zirkel simpathisirender Freunde hernimmt, so lange wird er sich mit schönen Illusionen hintergehen, der Mensch wird ihm ein Geschöpf höherer Ordnung, geschmückt mit den auserlesensten moralischen Vollkommenheiten, und die Welt der reizende Aufenthalt der Harmonie, der Zufriedenheit, der Glückseligkeit seyn. Man stoße ihn aus seiner idealen Welt in die wirkliche; man lasse ihn die vergangnen Zeiten, die Geschichte der Menschheit und der Völker durchwandern; man werfe ihn in den Wirbel des Eigennutzes, des Neides und der Unterdrückung, in welchem seine Zeitgenossen herumgetrieben werden: wie wird sich die ganze Scene in seinem Kopfe verwandeln! – die blumichten Thäler und lachenden Auen, voll friedsamer, freundlicher Geschöpfe, die ihr Leben in gutherziger Eintracht dahintanzen, werden zurückfahren und statt ihrer Wälder und Gebirge mit zusammengerotteten, auflauernden Haufen hervorspringen, worunter jeder des andern Feind ist und nur durch Besorgniß für sein Interesse abgehalten wird, es öffentlich zu seyn, wo jeder Auftritt das Theater mit Blute besudelt, in jedem eine Grausamkeit begangen wird: – das wird ihm izt die Welt und der Mensch ein listiger oder gewaltthätiger Räuber seyn, der, auf sein Ich eingeschränkt, mit verschiedenen Waffen wider die übrigen ficht, keinen irgend worinne über sich dulden und gern über alle seyn will – eine Maschine des Neides und der Vorzugssucht.

Ist die körperliche Zusammensetzung eines solchen Mannes – er sey Zuschauer oder Mitspieler – brausend und thätig, so wird sich seine Seele einem so außerordentlichen Widerspruche wider ihre bisherigen Begriffe widersetzen, unwillig werden, wie ein Mensch, den man aus einem Feenschlosse in eine Wildniß führt, alles bessern, alles umschaffen wollen und, wenn er zu seinem Herzeleide seine Umschaffung nie zu Stande kommen sieht, auf Welt und Menschen zürnen, sie hassen, daß sie seine gutgemeinte Bildung nicht annehmen wollen, aus den verwirrten Scenen der Welt kein harmonisches, zweckmäßiges Ganze zusammensetzen können, alles daher für ein Chaos erklären, das Verwirrung und Unordnung in ewigem Streite erhalten, und, wenn ihm sein gutes Herz doch hin und wieder anscheinende Spuren einer abgezweckten Anordnung entdecken läßt, sich mit Unruhen und Zweifeln martern: – dieser Mann ist Belphegor.

Hat ihm aber die Natur einen Zusatz von Kälte in die Masse seines Körpers geworfen, mehr Lebhaftigkeit als Feuer verliehen, so wird er durch die Menschen vorsichtig hinwegschlüpfen, alles nehmen, wie es ist, und sich bey dem Schauspiele der Welt nicht anders interessiren als der Zuschauer einer theatralischen Vorstellung, ohne sich drein zu mischen. Er wird vielleicht zuweilen bitter lachen, aber stets Besonnenheit genug behalten, über die Welt mit so vieler Kaltblütigkeit zu räsonniren, als jener mit Wärme deklamirt; der Kontrast zwischen den Begriffen, die ihm die gegenwärtige Erfahrung aufdringt, und den Vorstellungen, die er ehmals hatte, muß ihn nöthigen, einen Ausweg zu suchen. Sein gutes Herz läßt ihn die vielfältigen Unordnungen, Grausamkeiten und Verwirrungen keiner wollenden Vorsicht zuschreiben, er geht einer Ursache nach, und sein Räsonnement führt ihn auf die Nothwendigkeit des Schicksals, welcher er alle Unordnungen aufbürdet, und er kann nach seinem Temperamente Beruhigung darinne finden: – Dieses ist Fromal in der folgenden Geschichte.

Endlich setze man ein leichtes Blut, munter dahingleitende Lebensgeister, ein fröliches, lebhaftes Gemüth, einen Kopf ohne weiten, überschauenden Blick, einen Verstand, der wenig räsonnirt, ein Herz, das gern glücklich seyn will und darum den Verstand desto leichter überredet, alles geradezu oder auf leichte Gründe zu glauben, was zur Ruhe und Zufriedenheit führt, und deswegen leicht über die Unvollkommenheiten der Menschheit hinzuschlüpfen, mit einer guten Dosis ehrlicher Treuherzigkeit zusammen; und so hat man den guten Medardus , der einen herzhaften Puff von der Widerwärtigkeit geduldig erträgt und fest glaubt, daß es ihm irgend wozu nüzlich seyn könne, nur damit der Unmuth darüber seine Heiterkeit nicht doppelt unterbreche.

Nach des Verfassers Theorie sind Neid und Vorzugssucht die zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Ständen der Menschheit und Gesellschaft, bey allen Charakteren allgemeinsten Triebfedern der menschlichen Natur und die Urheberinnen alles Guten und Bösen auf unserm Erdballe. Er stellte also in dem Leben jener drey Personen ein Gemählde der Welt auf, in welchem Neid und Unterdrückung die Hauptzüge sind, wie sie ihm die Geschichte der Menschen und Völker darbot.

Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als vortreflich geschildert. Aber entweder betrogen sie sich selbst oder wollten sie die Leser betriegen; entweder kannten sie den Menschen nicht genug, nur von einer Seite, oder wollten sie die Leser bestechen und sie überreden, daß sie die Züge ihres Gemähldes von ihrem eignen Herzen kopirt hätten. Der Verfasser glaubt wenigstens kein schlechter Herz empfangen zu haben als diese Herren, wenn es auch nicht besser ist, und ohne die Welt und den Menschen mehr oder weniger kennen zu wollen als sie, sagt er, was jeder Schriftsteller einzig sagen kann – was ihm scheint , nichts als das Resultat seiner Beobachtungen.

Nicht eigne Widerwärtigkeiten – denn der Pfad seines Lebens ist bisher mehr eben als holpricht gewesen –, nicht Hypochonder oder Milzsucht – denn er war jederzeit Freund der Freude und Feind des Trübsinns –, nicht Mangel an wahren Freunden – denn er besizt deren eine kleine Anzahl und hat auf seinen Wegen immerhin Menschen mit guten, liebreichen Herzen gefunden –, keine von diesen Widrigkeiten hat auf seine Vorstellungen, so viel er sich bewußt ist, einen schwarzen Schleier geworfen: er sah die Welt an, so weit sein Blick in gegenwärtige und vergangne Zeiten reichte, und sagt aufrichtig, was er gesehn hat.

Die übrigens lieber ideale Schilderungen von ganz guten Menschen und ganz glücklichen Welten lesen, denen kann dieses Büchelchen keine taugliche Speise scheinen; und wenn sie lieber solche von ihm verlangten, so könnte er sie damit bedienen; denn er hat Risse zu vollkommnen Republiken und vollkommnen Welten fertig, in denen sichs aber vielleicht, wenn sie durch eine schaffende Kraft zur Wirklichkeit gebracht würden, sehr schlecht wohnen ließe; wenn es seyn soll, kann er auch träumen . Bis hieher hat er aber mehr Beruf gefühlt, zu sagen, was ist , als was er wünschte oder seyn sollte.

Doch fehlt es ihm auch nicht an guten und liebenswürdigen Zügen der menschlichen Natur, und er hat, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schon längst eine Idee im Kopfe herumgewälzt, die Idee eines Gemähldes, das alles, was sich mit Wahrheit Gutes vom Menschen und der Welt sagen läßt, in sich schließen soll, und nichts wird ihn von der Ausführung abhalten, es wäre denn Gefühl der Unfähigkeit oder Mangel an Lust und Muße. Dieses wunderbare Kompositum, das wir Menschen nennen, ist im einzelnen und im Ganzen ein wahrer Janus , eine Kreatur mit zwey Gesichtern, eins abscheulich, das andre schön – eine Kreatur, bey deren Zusammensetzung ihr Urheber muß haben beweisen wollen, daß er die streitendsten Elemente vereinigen, Geselligkeit und Ungeselligkeit verknüpfen und auch ein Etwas formen kann, dessen Masse aus lauter Widersprüchen bereitet ist und durch diese Widersprüche besteht.

Denen sein Buch ganz misfällt – was sollte er diesen weiter sagen? ›Tis too much to write books and to find heads to understand them‹, sagte Sterne und sagte auch er , wenn man ihm nicht als unbescheidnen Stolz anrechnen würde, was man Sternen als Wahrheit gelten läßt.

Chronologische und geographische Fehler mögen Kenner der Geschichte und Erdkunde berichtigen.

Wezel



Erster Band

»Bellum omnium contra omnes«
Erstes Buch Zweytes Buch Drittes Buch Viertes Buch Fünftes Buch

Zweyter Band

»Of all Animals of Prey, Man is the only sociable one. Every one of us preys upon his Neighbour, and yet we herd together« (Gay)
Sechstes Buch Siebentes Buch Achtes Buch Neuntes Buch Zehntes Buch
Beschluß


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