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10.
Amerika

I

Bert verbrachte noch zwei weitere Tage auf der Ziegeninsel und brauchte alle seine Vorräte, mit Ausnahme der Zigaretten und des Mineralwassers, auf, ehe er es über sich gewann, die asiatische Flugmaschine zu versuchen.

Auch als es endlich so weit war, ging er weniger mit ihr los, als sie mit ihm. Es hatte höchstens ungefähr eine Stunde in Anspruch genommen, die Flügelstützen durch die der zweiten Flugmaschine zu ersetzen und die Schraubenmuttern wieder einzufügen, die er selber herausgenommen hatte. Der Motor war in Ordnung und unterschied sich nur in ganz einfachen und ins Auge fallenden Kleinigkeiten von dem der damaligen Motorräder. Der ganze übrige Teil seiner Zeit war durch tiefstes Nachsinnen und Aufschieben und Zögern ausgefüllt. Vor allem sah Bert sich immer wieder die Stromschnellen hinunterstürzen und mit ihnen unter krampfhaftem Anklammern und endlichem Ertrinken bis zum Fall hinabwirbeln; aber auch Visionen einer hoffnungslosen Luftreise, eines immerwährenden Vorwärtseilens und der Unmöglichkeit zu landen kamen ihm. Sein Geist war zu ausschließlich mit dem Fliegen selbst beschäftigt, als daß er sehr viel darüber nachgedacht hätte, was einem fahrenden Ritter unbestimmten Charakters und ohne Ausweis geschehen könnte, der auf einer asiatischen Flugmaschine inmitten der kriegentflammten Bevölkerung drunten landen würde.

Noch immer empfand er eine Art unentschlossener Sorge um den vogelgesichtigen Offizier. Ihn peinigte die Vorstellung, er könnte hilflos oder fürchterlich verstümmelt irgendwo in einem Winkel oder Versteck der Insel liegen; und erst nach langem, ermüdendem Suchen gab er diesen beunruhigenden Gedanken auf. »Wenn ich ihn fände«, überlegte er dabei, »was könnt' ich mit ihm anfangen? Einem Menschen eine Kugel vor den Kopf schießen, wenn er am Boden liegt … das geht nicht! Und ich weiß wirklich nicht, wie ich ihm sonst helfen könnte.«

Dann bekümmerte das Kätzchen sein hochentwickeltes Gefühl sozialer Verantwortlichkeit. »Wenn ich sie zurücklasse, verhungert sie … Sie müßte sich selber ihre Mäuse fangen können … Ob es Mäuse gibt? … Oder Vögel? … Sie ist zu jung … Sie ist wie ich: ein bißchen zu zivilisiert.«

Schließlich steckte er sie in seine Seitentasche, wo sie sich sofort für allerhand Spuren von Corned beef, die sie da entdeckte, zu interessieren begann.

Mit dem Kätzchen in der Tasche setzte er sich in den Sattel der Flugmaschine. Ein großes, klotziges Ding nicht ein bißchen wie ein Fahrrad! Immerhin – es war ziemlich klar, wie die Geschichte zu handhaben war. Man brachte den Motor in Gang … so! Schnellte sich in die Höhe, bis das Rad vertikal stand … so! Setzte das Gyroskop in Bewegung … so! Und dann … nun, dann drehte man an diesem Hebel …

Ziemlich schwer ging er ja; aber plötzlich gab er nach …

Die großen, gebogenen Flügel zu beiden Seiten begannen beunruhigend zu flattern … hoben sich … klick-klack … klick-klack … klitter-klack …

Stopp! Das Ding hielt aufs Wasser zu! Das Rad war schon im Wasser. Bert stöhnte aus Herzensgrund und kämpfte mit dem Hebel, um ihn in seine frühere Lage zurückzubringen. Klick-klack … klick-klack … er stieg! Die Maschine hob ihr nasses Rad aus dem schäumenden Wasser und flog in die Höhe … Jetzt war kein Halten mehr … Bremsen hätte auch nichts mehr geholfen. Im nächsten Moment flatterte Bert, zu Stein erstarrt, sich krampfhaft anklammernd, mit hervorquellenden Augen und einem Gesicht so blaß wie der Tod über den Stromschnellen in die Höhe, indem er bei jedem Stoß der Flügel aufwärts geworfen wurde. Und dabei stieg er immer weiter empor, immer weiter …

Es war gar kein Vergleich, was Würde und Bequemlichkeit anbetraf, zwischen einer Flugmaschine und einem Ballon. Mit Ausnahme der Momente des Abstiegs war der Ballon ein Fahrzeug von allerbesten Umgangsformen. Dies war ein bockiger Maulesel, ein Maulesel, der immerzu bockte und überhaupt nicht mehr nachließ … Klick-klack … klick-klack … bei jedem Schlag der seltsam geformten Flügel wurde Bert in die Höhe geworfen und eine halbe Sekunde später scharf in den Sattel zurückgeschleudert. Und während in einem Ballon gar kein Wind zu verspüren ist, weil der Ballon selbst sozusagen einen Teil des Windes bildet, ist Fliegen eine ununterbrochene, wilde Erzeugung von Wind, ein immerwährendes Gegen-den-Wind-Ankämpfen. Es war ein Wind, der ihn fortwährend zu blenden, ihn zu zwingen versuchte, die Augen zuzumachen … Bald verfiel er auf den Gedanken, seine Beine und Knie einwärts zu drehen und fest gegen die Maschine zu pressen; er wäre sonst sicherlich in zwei hilflose Hälften gespalten worden. Und immer aufwärts ging es, hundert Meter, zweihundert, dreihundert … über der strömenden, schäumenden Wasserwüste da drunten … aufwärts, immer aufwärts. Das war ja ganz schön. Aber wie man sich dann wohl horizontal weiterbewegte? Er versuchte, nachzudenken: Gingen diese Dinger überhaupt horizontal? Nein! Sie flatterten in die Höhe und schwebten dann abwärts. Eine ganze Weile flatterte er so aufwärts. Die Tränen liefen ihm aus den Augen. Er wischte sie mit einer waghalsig freigemachten Hand ab …

Was war besser … über dem Land einen Fall zu riskieren … oder über dem Wasser? Solchem Wasser!

Er flog über die oberen Stromschnellen, Buffalo zu. Jedenfalls war es ein Trost, daß die Fälle und der wilde Wasserstrudel drunten jetzt hinter ihm lagen. Er flog geradewegs in die Höhe. Das sah er. Wie man wohl umdrehte?

Bald wurde er ganz kühl, und sein Auge gewöhnte sich mehr und mehr an den Luftzug. Aber er kam doch recht hoch hinauf … recht hoch! Er streckte den Kopf vor und überschaute blinzelnd das Land. Er überblickte ganz Buffalo … eine Stadt mit drei großen Ruinennarben; dahinter Hügel und Flachland. Ob er wohl eine halbe Meile hoch war? Oder noch mehr? Bei ein paar Häusern in der Nähe eines Bahnhofs zwischen Buffalo und Niagara sah er ein paar Menschen. Dann bald noch mehr. Emsig wie Ameisen liefen sie zwischen den Häusern ab und zu. Dann sah er zwei Motorwagen auf der Straße nach Niagara zufahren. Gleich darauf erblickte er, fern im Süden, ein großes asiatisches Luftschiff, das ostwärts segelte. »Großer Gott!« sagte er und machte höchst ernsthafte und gänzlich wirkungslose Versuche, seine Richtung zu ändern. Aber das Luftschiff nahm keinerlei Notiz von ihm; und weiter und weiter stieg er … Immer ausgedehnter und landkartenhafter wurde die Welt. Klick-klack … klitter-klack … Über ihm … schon ganz nah … war eine dunstige Wolkenschicht …

Er beschloß, den Flügelhaken freizumachen. Tat es auch … Eine Weile widerstand der Hebel; dann drehte er sich, und sofort ging der Schweif der Maschine in die Höhe und die Flügel wurden breit und steif … Im selben Augenblick war alles still, lautlos … Mit einer großen Geschwindigkeit glitt er durch die Luft abwärts, gegen den Wind, die Augen dreiviertels geschlossen … Ein kleiner Hebel, der sich bis dahin sehr eigensinnig verhalten hatte, wurde jetzt plötzlich beweglich. Sachte drehte Bert ihn nach rechts, und – wupp! – der rechte Flügel hatte sich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gedreht, und er machte einen Bogen und glitt in einer riesigen, rechtsseitigen Spirale abwärts. Ein paar Augenblicke lang hatte er ganz das hilflose Gefühl einer nahenden Katastrophe … Aber mit einiger Schwierigkeit brachte er den Hebel wieder in seine Mittellage zurück, und die Flügel standen wieder gleich …

Dann drehte er ihn nach links und fühlte plötzlich, wie er rückwärts im Kreis gedreht wurde.

»Das ist zuviel!« stieß er hervor …

Er entdeckte jetzt, daß er Hals über Kopf auf ein Eisenbahngeleise und ein paar Fabrikgebäude herabsauste. Es schien, als sausten sie aufwärts, um ihn zu verschlingen … So rasch war er von oben herabgesunken … Einen Augenblick lang kam er sich vor wie ein Radfahrer, der hilflos auf seinem Rad bergab saust. Fast überrumpelte ihn die feste Erde … »He!« schrie er. Und mit einem gewaltsamen Aufraffen seines ganzen Ichs brachte er die Maschine wieder zum Funktionieren und die Flügel zum Schlagen. Er schwebte auf und ab und stieg wieder in vibrierendem, pulsierendem Flug in die Höhe.

Es ging sehr hoch, bis er einen weiten Ausblick über das anmutige Hügelland des westlichen Staates New York hatte; dann schwenkte er wieder abwärts, dann wieder aufwärts, und dann noch einmal abwärts. Als er etwa eine Viertelmeile über einem Dorf schwebte, sah er Leute umherlaufen und davonrennen, augenscheinlich aufgeregt durch seinen habichtartigen Vorüberflug. Es kam ihm auch vor, als hätte man nach ihm geschossen.

»Aufwärts!« sagte er und wandte sich wieder zu dem Hebel. Dieser gab mit auffallender Fügsamkeit nach, und plötzlich schienen die Flügel in der Mitte auseinanderzugehen. Der Motor stand still! Hatte aufgehört zu arbeiten. Bert schnellte, mehr aus Instinkt als aus Überlegung, den Hebel wieder zurück. Was tun?

Vieles ereignete sich in wenigen Sekunden; aber auch sein Geist war rasch; er dachte sehr schnell. Aufwärts konnte er nicht mehr fliegen; er glitt durch die Luft abwärts; irgendwo mußte er aufstoßen …

Er fuhr in einer Geschwindigkeit von vielleicht dreißig Meilen die Stunde abwärts, abwärts …

Dort das Lärchenwäldchen sah am weichsten aus – fast wie Moos … Ob er es erreichte? Er wandte seine ganze Aufmerksamkeit aufs Steuern. Rechts herum – links …

Schwirr! Krach! Er glitt über die Wipfel der Bäume, bog und knickte sie zu beiden Seiten und taumelte in eine Wolke von grünen, scharfen Nadeln und schwarzen Ästen. Ein Knacken, und er fiel kopfüber vom Sattel; ein dumpfer Stoß, ein Krachen von Ästen. Ein paar Zweige trafen heftig sein Gesicht …

Er befand sich zwischen einem Baumstamm und dem Sattel, ein Bein über dem Steuerhebel, und, soviel er bemerkte, nicht verletzt. Er versuchte, seine Lage zu ändern und sein Bein zu befreien, und glitt und rutschte gleich darauf durch die Äste, die unter ihm brachen und auswichen. Er versuchte, sich festzuhalten und fand, daß er in den untersten Ästen eines Baumes, dicht unter der Flugmaschine, steckte. Die Luft war voll köstlichen Harzduftes. Einen Moment lang starrte er regungslos um sich; dann kletterte er äußerst vorsichtig von Ast zu Ast abwärts dem weichen, mit Nadeln bedeckten Boden unten entgegen.

»Gut ist's abgelaufen!« brummte er, nach den verbogenen und umgekippten Drachenflügeln droben blickend. »Ich bin weich gefallen.« Er rieb sich das Kinn und überlegte. »Hol's der Kuckuck … ich hab' doch noch ziemlich Glück gehabt!« sagte er, den anmutigen, mit Sonnenflecken überstreuten Waldboden unter den Bäumen betrachtend. Plötzlich verspürte er ein tumultuarisches Leben an seiner Seite. »Herrgott!« sagte er, »du mußt ja halb erstickt sein!« Dabei wickelte er das Kätzchen aus seinem Taschentuch und seiner Tasche. Es war ganz zusammengeballt und verrenkt und außerordentlich erfreut, das Licht wieder zu erblicken. Sein kleines Züngelchen guckte zwischen den Zähnen hervor. Er setzte das Tierchen auf die Erde, und es rannte ein Dutzend Schritte weit weg, schüttelte und streckte sich, setzte sich hin und begann sich zu putzen …

»Und jetzt? Was weiter?« sagte er um sich schauend. Dann – mit einer Gebärde des Ärgers: »Verflucht noch eins! Ich hätte das Gewehr mitnehmen sollen.«

Er hatte es gegen einen Baum gelehnt, als er sich in den Sattel der Flugmaschine gesetzt hatte.

 

II

Eine sehr klare Vorstellung davon, auf welche Sorte von Menschen er in diesem Land stoßen würde, hatte er nicht. Es war, wie er wußte, Amerika. Amerikaner, so hatte er immer geglaubt, waren die Bürger einer großen und mächtigen Nation, von trockenem, humorvollem Wesen, dem Gebrauch des Bowiemessers und Revolvers ergeben, und mit einer Gewohnheit, durch die Nase zu sprechen. Auch waren sie sehr reich, besaßen Schaukelstühle, legten die Füße auf den Tisch und kauten mit unermüdlichem Eifer Tabak, Gummi und andere Gegenstände. Mit ihnen vermengt waren Cowboys, Indianer und komische, respektvolle Neger. Dies wußte er von den Dichterwerken seiner Volksbibliothek her. Darüber hinaus wußte er sehr wenig. Er war darum keineswegs überrascht, als ihm bewaffnete Männer begegneten.

Er beschloß, die zertrümmerte Flugmaschine zu verlassen. Eine Zeitlang wanderte er durch die Bäume hin und schlug dann einen Weg ein, der seinen stadtgewohnten Augen zwar außergewöhnlich breit, aber nicht eigentlich »angelegt« zu sein schien. Weder Hecke noch Graben, noch deutlicher, erhöhter Fußpfad trennte ihn vom Wald, und er lief in langen, ungezwungenen Windungen dahin, wie sie die Wege des offenen Kontinents zeigen. Vor sich erblickte Bert einen Mann, der ein Gewehr unter dem Arm trug, einen Mann in einem weichen, schwarzen Hut, einer blauen Bluse und einem blauen Hemd und schwarzen Hosen und mit einem breiten, runden und äußerst harmlos aussehenden Gesicht. Diese Persönlichkeit guckte ihn von der Seite an und war augenscheinlich verdutzt, als Bert ihn anredete.

»Können Sie mir sagen, wo ich eigentlich bin?« fragte Bert.

Der Mann schaute ihn und vor allem seine Gummistiefel voll finsteren Argwohns an. Dann erwiderte er … in einer seltsamen, fremden Sprache. (Es war Tschechisch.) Als er Berts verständnisloses Gesicht bemerkte, brach er plötzlich ab mit einem: »Don't speak English.«

»Oh!« sagte Bert. Er betrachtete ihn eine Weile ernsthaft und ging dann seiner Wege.

»Danke!« sagte er noch hinterdrein. Der Mann beschaute sich einen Augenblick seinen Rücken, wobei ihm augenscheinlich eine Idee kam. Er raffte sich zu einer Gebärde auf, als wollte er Bert etwas nachrufen, seufzte, gab seine Absicht auf und ging mit bedrückter Miene ebenfalls weiter.

Bald darauf gelangte Bert zu einem großen Blockhaus, das da wie zufällig zwischen den Bäumen stand. Es erschien wie eine öde, kahle Kiste … kein Schlinggewächs wuchs daran, keine Hecke, kein Zaun, keine Mauer trennten es vom Wald ringsumher. Einige dreißig Schritte vor der Treppe, die zur Haustür führte, blieb er stehen. Das Haus schien ganz verlassen. Er wollte eben zur Tür emporsteigen und klopfen, als plötzlich auf einer Seite ein großer schwarzer Hund erschien und ihn anfunkelte. Es war ein riesiges Tier unbekannter Rasse, mit einem kolossalen Gebiß, das ein mit Stacheln besetztes Halsband trug. Er bellte nicht, kam auch nicht näher, sondern sträubte nur schweigend das Fell und gab einen einzigen Laut von sich, etwa wie ein kurzes, tiefes Husten.

Bert zögerte und ging dann weiter.

Dreißig Schritte weiter blieb er stehen und spähte zwischen den Bäumen durch. »Da hab' ich doch richtig das Kätzchen zurückgelassen!« sagte er.

Eine ganze Weile peinigte ihn die lebhafteste Sorge. Der schwarze Hund kam zwischen den Bäumen durch auf ihn zu, um ihn sich genauer zu betrachten und hustete wieder seinen höflichen Husten. Bert ging zur Straße zurück.

»Sie wird sich schon durchbringen!« sagte er … »Wird allerhand fangen …«

»Sie wird sich schon durchbringen!« sagte er gleich darauf noch ein zweitesmal … ohne Überzeugung. Wäre nicht der schwarze Hund gewesen … er wäre wieder umgekehrt.

Als er außer Sicht des Hauses und des schwarzen Hundes war, ging er in den Wald an der andern Seite des Weges und erschien bald darauf wieder mit einem ganz anständigen Stecken, den er mit seinem Taschenmesser zurechtstutzte. Gleich darauf erblickte er am Wegrain auch einen recht einladend aussehenden Stein und steckte ihn in die Tasche. Er wanderte weiter und gelangte zu drei oder vier Häusern, alle aus Holz, wie das vorherige, alle mit schlecht angestrichenen weißen Veranden, wie das erste, und alle ebenso scheinbar zufällig mitten im Wald stehend. Dahinter, zwischen den Bäumen durch, erblickte er Schweineställe und eine schnüffelnde schwarze Sau, die eine höchst lebendige und unternehmungslustige Familie spazierenführte. Ein wild aussehendes Weib mit schlohschwarzen Augen und wirrem schwarzem Haar hockte auf der Treppe des einen Hauses und säugte ein Kind; aber als sie Bert erblickte, stand sie auf und ging hinein; und Bert hörte sie die Tür verrammeln. Dann wurde zwischen den Schweineställen ein Junge sichtbar, der aber Berts Zurufe augenscheinlich nicht verstand.

»So wird es eben in Amerika sein!« dachte Bert.

Immer häufiger tauchten Häuser zu beiden Seiten des Weges auf; er kam an zwei außerordentlich wild und schmutzig aussehenden Männern vorbei, ohne sie anzureden. Der eine hatte ein Gewehr mit sich, der andere eine Axt, und beide betrachteten ihn und seinen Stecken sehr eingehend und verachtungsvoll. Hierauf schlug er einen Seitenweg ein, neben dem ein Einschienengleis herlief; an der Kreuzung war eine Tafel aufgerichtet, auf der stand: »Haltestelle«.

»Na ja, schon recht!« sagte Bert. »Möcht' wissen, wie lang man da warten könnt?« Er dachte sich immerhin, daß der Verkehr bei dem gegenwärtigen verheerten Zustand des Landes unterbrochen sein dürfte; und da es ihm schien, als wären rechts doch mehr Häuser als links, wandte er sich nach rechts.

Er kam an einem alten Neger vorüber.

»Hallo!« sagte Bert. »Guten Morgen!«

»Guten Tag, Herr!« sagte der Alte mit einer fast unglaublich gutturalen Stimme.

»Wie heißt der Ort hier?« fragte Bert.

»Tanooda, Herr!« sagte der Neger.

»Dank schön!« sagte Bert.

»Meinerseits, Herr!« sagte eifrig der Neger.

Jetzt gelangte Bert zu Häusern desselben zufälligen, unansehnlichen hölzernen Stils wie die vorigen, nur daß sie da und dort mit Reklameschildern … teils Englisch, teils Esperanto … verziert waren. Schließlich kam er zu einem Haus, das ein Laden zu sein schien. Es war überhaupt das erste Haus, an dem gastlich eine Tür offen stand. Von drinnen kam ein seltsam vertrautes Geräusch. »Wetter!« sagte er, seine Taschen durchwühlend. »Herrgott, ja! Wochenlang hab' ich kein Geld gebraucht! Ob sie wohl … Grubb hatte fast alles bei sich. Ah!« Er zog eine Handvoll Geldstücke heraus und betrachtete sie: drei Pence … sechs Pence … und ein Shilling. »Das tut's!« sagte er, eine naheliegende Erwägung gänzlich übersehend.

Er näherte sich der Tür. Ein derb gebauter, bleicher Mann in Hemdärmeln erschien auf der Schwelle und beguckte sich ihn und seinen Stecken sehr genau.

»Guten Morgen!« sagte Bert. »Kann ich hier in diesem Laden was zu essen und trinken haben?«

Der Mann unter der Tür erwiderte – Gott sei Dank in gutem, reinem Amerikanisch: »Das ist kein Laden. Es ist ein Magazin.«

»Oh!« sagte Bert. »Schön! Und kann ich was zu essen haben?«

»Das können Sie!« sagte der Amerikaner in einem Ton vertraulichen Einverständnisses und ging voran ins Haus.

Der »Laden« kam Bert … nach seinem Bun Hiller Maßstab … außerordentlich geräumig, hellerleuchtet und leer vor. Links von ihm war ein langer Schanktisch mit allerhand Schubladen und Fächern dahinter; zur Rechten eine Anzahl von Stühlen, einige Tische und zwei Spucknäpfe. Er erblickte allerhand Fässer, Käse und Schinken, und dahinter einen breiten Gang, der zu weiteren Räumlichkeiten führte. Um einen der Tische war eine Gruppe von Männern versammelt, zwischen ihnen eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren, die die Ellbogen auf den Schanktisch gestemmt hatte. Die Männer waren sämtlich mit Gewehren bewaffnet, und über den Schanktisch weg guckte der Lauf einer Kanone. Alle lauschten sie müßig und gleichgültig den Tönen eines wohlfeilen Grammophons, das auf einem Tisch daneben stand. Aus seiner Metallkehle kamen Töne, die über Bert einen Schauer von Heimweh jagten … die in seiner Erinnerung einen sonnbeglänzten Strand, eine Gruppe von Kindern, rotangestrichene Räder, Grubb, einen sich nähernden Ballon wachriefen:

»Tingelingeling, tingelingelang …

Was kost't die Haarnidel-nudel-nidel-nadel? …«

Ein Mann mit einem Stiernacken und einem Strohhut, der irgend etwas kaufte, brachte den Apparat durch eine Bewegung zum Schweigen. Und aller Augen richteten sich auf Bert.

Und aller Augen waren müde Augen, übernächtige Augen …

»Können wir dem Herrn hier was zu essen anbieten, Mutter?« fragte der Besitzer.

»Alles kann er haben, was er will«, erwiderte die Frau am Schanktisch, ohne sich zu rühren. »Von einem Zwieback an bis zu einem richtigen Mittagessen!« Und sie kämpfte mit einem Gähnen, wie ein Mensch, der die ganze Nacht aufgewesen ist.

»Ich möchte ein Mittagessen«, sagte Bert. »Aber ich hab' nicht viel Geld. Mehr als einen Shilling kann ich nicht geben.«

»Mehr als was?« fragte scharf der Wirt.

»Mehr als einen Shilling«, sagte Bert, dem plötzlich die unangenehme Wirklichkeit klar wurde.

»Er meint einen Vierteldollar«, sagte ein weise aussehender, schmächtiger junger Mensch in Reitgamaschen.

Bert, der seine Bestürzung zu verheimlichen versuchte, zog ein Geldstück aus der Tasche.

»Das ist ein Shilling!« sagte er.

»Er nennt ein Magazin einen ›Laden‹«, sagte der Wirt, »und wünscht ein Essen für einen Shilling! Darf ich fragen, Herr, aus welchem Teil von Amerika Sie stammen?«

Bert steckte seinen Shilling wieder in die Tasche, während er erwiderte:

»Aus Niagara!«

»Und wann haben Sie Niagara verlassen?«

»Ungefähr vor einer Stunde.«

»Na!« sagte der Wirt, und wandte sich mit einem rätselhaften Lächeln zu den übrigen. »Na!«

Sie fragten alle miteinander die verschiedensten Fragen.

Bert wählte sich zwei oder drei aus, an die er seine Antwort richtete.

»Sehen Sie«, sagte er, »ich war mit der deutschen Luftflotte. Sie haben mich durch einen Zufall erwischt und mit hierhergebracht.«

»Aus England?«

»Ja … aus England. Über Deutschland. Ich war in einer großen Schlacht mit ihnen, und sie haben mich auf einer kleinen Insel zwischen den Wasserfällen zurückgelassen.«

»Der Ziegeninsel?«

»Ich weiß nicht, wie sie heißt. Aber jedenfalls hab' ich dort eine Flugmaschine gefunden und bin irgendwie daraufgeflogen und hierhergekommen.«

Zwei Männer erhoben sich; ihre Augen waren ungläubig auf ihn gerichtet.

»Wo ist die Flugmaschine?« fragten sie. »Draußen?«

»Da hinten im Wald ist sie … ungefähr eine halbe Meile von hier.«

»Taugt sie was?« fragte ein Mann mit breiten Lippen und einer Narbe.

»Ich bin ziemlich Hals über Kopf heruntergesaust …«

Alle waren jetzt aufgestanden und standen um ihn herum und schwatzten durcheinander. Sie wollten, er solle sie sofort zu der Flugmaschine führen …

»Wissen Sie was«, sagte Bert, »ich will's Ihnen gern zeigen … bloß – ich hab' seit gestern nichts genossen … außer Mineralwasser …«

Ein ungeschlachter, militärisch aussehender Mann mit langen, dünnen Beinen in Reitgamaschen und einer Feldbinde, der bisher gar nicht mitgesprochen hatte, legte sich nun in einem Ton voll herrischer Autorität ins Mittel. »Schon recht!« sagte er. »Gebt ihm zu futtern, Mr. Logan … auf meine Rechnung. Ich möcht' ein bißchen mehr von der Geschichte hören. Seine Maschine wollen wir uns nachher besehen. Meine Meinung ist, daß ein ganz außergewöhnlicher Zufall diesen Herrn hierhergebracht hat. Und überhaupt, glaube ich, werden wir diese Flugmaschine – wenn wir sie finden – gut gebrauchen können zur Lokalverteidigung.

 

III

Also fiel Bert wiederum auf die Füße, saß und aß kaltes Fleisch und gutes Brot und Senf, trank vorzügliches Bier und erzählte, mit den Auslassungen und Ungenauigkeiten, die für seinen Geistescharakter typisch waren, die einfache Geschichte seiner Abenteuer. Er erzählte, wie er und ein »befreundeter Herr« zur Erholung an die See gegangen wären, wie »einer« in einem Ballon daherkam, und daraus herausfiel, während er hineinfiel, wie er nach Franken hinübergetrieben ward, wie die Deutschen ihn augenscheinlich für jemand anderes gehalten, ihn gefangengenommen und nach New York mitgeführt hatten, wie er in Labrador gewesen und wieder von dort zurückgekommen war, wie er nach der Ziegeninsel gelangt war und sich dort ganz allein befunden hatte. Die Geschichte mit dem Prinzen und Butteridge überging er, nicht aus besonders raffinierter Hinterhältigkeit, sondern weil er sich der Mangelhaftigkeit seiner erzählerischen Talente bewußt war. Er wollte, alles sollte möglichst verständlich, natürlich und korrekt erscheinen, er wünschte sich selbst als einen vertrauenerweckenden, leicht zu verstehenden Engländer des nüchternen Mittelstandes darzustellen, dem man ohne Rückhalt und vertrauensvoll jederlei Hilfe und Unterstützung angedeihen lassen konnte.

Als er in seinem fragmentarischen Bericht bei New York und der Schlacht von Niagara angelangt war, brachten die andern plötzlich Zeitungen daher, die bisher auf dem Tisch gelegen hatten, und fragten ihn und unterbrachen ihn aufs lebhafteste. Er merkte, seine Landung hatte ein Thema neu belebt und angeschürt, das längst unter der Asche weitergeglüht hatte und nur durch eine Erschöpfung des Stoffs und die zeitweilige Ablenkung durch das Grammophon zurückgedämmt worden war … eine Diskussion, eine Streitfrage, die diese Männer, mit dem Gewehr in der Hand, hier versammelt hatte, ein Gegenstand von weltgeschichtlichem Interesse: der Krieg und die verschiedenen Arten, wie der Krieg geführt wurde. Er fühlte, seine Persönlichkeit und seine persönlichen Erlebnisse traten vollständig in den Hintergrund, man nahm ihn, wie er eben war … einfach als eine Nachrichtenquelle. Die Alltagsangelegenheiten des Lebens, das Kaufen und Verkaufen der täglichen Gebrauchsgegenstände, die Bebauung des Bodens, die Viehzucht gingen ganz gewohnheitsmäßig weiter, so wie die alltäglichen Lebensäußerungen weitergehen in einem Haus, dessen Herr auf Tod und Leben unter dem Messer einer Operation zittert. Das alles beherrschende Interesse aber bildeten die großen asiatischen Luftschiffe, die in unberechenbaren Manövern über den ganzen Himmel hinflogen, die rotröckigen Schwertträger, die jederzeit daherkommen konnten, um Lebensmittel oder Petroleum zu requirieren oder Nachrichten einzuziehen. Und all diese Männer hier fragten – wie der ganze Erdteil fragte: Was tun? Was anfangen? Wie können wir ihnen auf den Leib rücken? Und Bert stellte sich ganz von selbst an seinen Platz … ein Atom, das sogar in seinen eigenen Gedanken aufhörte, etwas Hauptsächliches und Unabhängiges zu sein …

Nachdem er sich satt gegessen und getrunken, geseufzt und sich gestreckt und ihnen mitgeteilt hatte, wie famos ihm das Essen geschmeckt, steckte er sich eine Zigarette an, die sie ihm gaben, und führte sie, etwas zweifelnd und unsicher, zu der Flugmaschine in den Lärchen. Dabei zeigte es sich, daß der hagere, junge Mann, dessen Name Laurier war, sowohl durch seine Stellung als auch dank seiner natürlichen Befähigung den Anführer spielte. Er kannte die Namen und Charaktere und Talente sämtlicher Männer, die ihn begleiteten, und schickte sie sofort mit großer Energie und Entschlossenheit an die Arbeit, dies kostbare Kriegsinstrument zu sichern. Sie holten die Maschine vorsichtig und bedächtig herunter, zu welchem Zweck sie ein paar Bäume fällten, und bauten aus Rinde und Baumzweigen ein breites, flaches Dach, um ihren kostbaren Fund vor zufälliger Entdeckung seitens irgendwelcher vorüberstreifender Asiaten zu schützen. Noch ehe der Abend einbrach, hatten sie einen Mechaniker aus der nächsten Stadt herbeigeschafft, und würfelten, wer von den siebzehn auserwählten Männern, die einen Flugversuch machen wollten, der erste sein sollte. Und Bert fand sein Kätzchen und trug es zurück zu Logans Magazin und übergab es mit eindringlicher Empfehlung Mrs. Logan. Er merkte auch bald mit freudiger Zuversicht, daß sowohl er als das Kätzchen in Mrs. Logan eine mitfühlende Seele gefunden hatten.

Laurier war nicht nur eine mächtige und gewichtige Persönlichkeit und ein reicher Grund- und Fabrikbesitzer, er war auch, wie Bert mit ehrfürchtigem Staunen vernahm, Vorsitzender des Boxerklubs von Tanooda. Er war populär und äußerst erfahren in den Künsten der Popularität. Am Abend versammelte sich ein ganzer Haufen Männer in Logans Magazin, die von der Flugmaschine sprachen und von dem Krieg, der die ganze Welt in Fetzen riß … Bald kam auch ein Mann auf einem Rad mit einer schlampig gedruckten, nur aus einem Blatt bestehenden Zeitung, die wie Öl auf das flammende Redefeuer wirkte. Es waren fast nur amerikanische Neuigkeiten. Die einstigen Kabel waren schon seit ein paar Jahren fast ganz außer Gebrauch; und die Marconi-Stationen über den Ozean und längs der atlantischen Küste schienen ganz besonders verlockende Punkte für feindliche Angriffe geboten zu haben.

Aber was für Neuigkeiten!

Bert saß im Hintergrund – man hatte inzwischen seinen persönlichen Wert ziemlich richtig abgeschätzt … und hörte zu. Und während die andern redeten, zogen an seinem schwankenden Geist seltsame, ungeheuerliche Vorstellungen vorüber … Vorstellungen von einer hereingebrochenen Krise ganzer Nationen, die sich in wildem Tumult vorwärts wälzten, von vernichteten Weltteilen, von Hungersnot und unermeßlicher Verwüstung! … Dann und wann huschten, trotz seiner Anstrengungen, sie zu unterdrücken, bestimmte persönliche Eindrücke durch das wogende Chaos seiner Gedanken … die grauenhaften Überreste des zerschmetterten Prinzen, der chinesische Aeronaut, der mit dem Kopf nach unten dahing, der hinkende, verbundene Vogelgesichtige, der auf seiner jammervollen, hoffnungslosen Flucht davonstolperte … Sie sprachen von Brand und Mord, von Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, von Dingen, die rassetolle Menschen an Asiaten verübt hatten, vom völligen Einäschern und Vernichten von Städten, Eisenbahnstationen, Brücken … von ganzen Bevölkerungen, die ausgewandert waren und sich versteckt hielten … »Und alle ihre Schiffe sind im Pazifik!« hörte Bert einen Mann ausrufen. »Seit die ganze Geschichte angefangen hat, haben sie doch sicher nicht weniger als eine Million Menschen an der Pazifikküste gelandet. Sie wollen sich einnisten hier … in den Staaten … und sie bringen's zuwege … lebendig oder tot!«

Langsam, ungeheuerlich und unbesiegbar enthüllte sich vor Berts Geist die Wirklichkeit der unermeßlichen Tragödie der Menschheit, in der sein eigenes Leben dahinflutete; der erschreckende, eine Welt umfassende Charakter der Epoche, die angebrochen, das Bewußtsein, daß es nun mit Sicherheit, Ordnung und Gewohnheit zu Ende war … Die ganze Welt lag im Krieg gegeneinander und konnte nicht mehr zum Frieden zurückfinden, würde vielleicht überhaupt nie wieder zum Frieden kommen …

Er hatte gedacht, die Dinge, die er gesehen hatte, seien etwas Ausnahmsweises, Abschließendes, die Belagerung von New York und die Schlacht auf dem Atlantik seien vereinzelte, epochemachende Ereignisse zwischen langen Jahren der Sicherheit gewesen. Und dabei waren sie nur die ersten Anzeichen einer Weltensintflut. Mit jedem Tag wuchsen Vernichtung, Haß und Verderben, die Kluft zwischen Mensch und Mensch erweiterte sich immer mehr, immer neue Regionen des Zivilisationsgebäudes zerbröckelten und stürzten ein. Unten mehrten sich die Armeen, und die Menschen gingen zugrunde; oben kämpften und flohen die Luftschiffe und Aeroplane und säten Vernichtung aus.

Vielleicht kann der großdenkende und weitblickende Leser nur schwer begreifen, wie unglaublich der Zusammenbruch der wissenschaftlichen Zivilisation jenen Menschen erscheinen mußte, die wirklich in der damaligen Zeit lebten, die in eigener Person in jener großen Vernichtung untergingen. Der Fortschritt war scheinbar ganz unbesiegbar über die Erde gezogen, als könne er sie nie mehr stillstehen. Dreihundert Jahre und noch länger hatte sich in immer stärkerem Maß eine unter dem Zeichen Europas stehende Zivilisation ausgedehnt: Die Städte hatten sich gemehrt, die Bevölkerungen hatten zugenommen, die Werte waren gestiegen, neue Länder hatten sich entwickelt; Gedanke, Literatur, Wissenschaft hatten sich uferlos verbreitet. Es schien nur eben ein Teil dieses Fortschritts, daß auch jedes Jahr die Kriegsinstrumente sich mehrten und mächtiger wurden und daß Armeen und Geschosse alles andere an Wachstum überflügelten …

Dreihundert Jahre der Ausdehnung. Und dann ein rasches und unerwartetes Zusammenziehen, als ob eine Faust sich schlösse. Sie konnten gar nicht begreifen, daß es ein Zusammenziehen war. Sie hielten es für nichts als einen kleinen Stoß, einen Ruck, ein kleines Hindernis, das die Schnelligkeit der Schwingungen nur um so deutlicher hervorhob. Ein Zusammenbruch, obgleich er rings um sie her stattfand, schien ihnen einfach unglaublich. Dann riß irgendeine stürzende Masse sie zu Boden und die Erde tat sich unter ihnen auf. Und voller Unglauben starben sie …

Die Männer in dem Magazin bildeten eine winzige, vereinzelte Gruppe unter diesem ganzen riesigen Himmelsraum voll Vernichtung. Von einer zur andern Einzelheit wandte sich ihre Aufmerksamkeit. Hauptsächlich beschäftigte sie die Verteidigung gegen etwaige asiatische Soldaten, die umherstreiften, um Petroleum zu fassen oder Waffen und Verkehrsmittel zu zerstören. Überall wurden damals Verschanzungen aufgeworfen, um Tag und Nacht die Eisenbahnen zu verteidigen, in der Hoffnung, daß der Verkehr bald wieder hergestellt sein würde. Der Landkrieg war noch in weiter Ferne. Ein Mann mit einer heiseren Stimme spielte sich als Alleswisser und kluger Kenner auf. Er legte allen mit großer Sicherheit genau die einzelnen Mängel der deutschen Drachenflieger und der asiatischen Aeroplane dar, und welche einzelnen Vorzüge die japanischen Flieger besäßen. Er erging sich in einer romantischen Beschreibung der Butteridge-Maschine und fesselte dadurch Berts Aufmerksamkeit. »Die hab' ich gesehen!« sagte Bert, und ein plötzlicher Gedanke ließ ihn verstummen. Der Mann mit der heiseren Stimme redete weiter, ohne ihn zu beachten; er erzählte von der seltsamen Ironie von Butteridge's Tod. Bert hörte ihm fast mit einem Gefühl der Erleichterung zu. Also würde er Butteridge nicht mehr begegnen! Wie es schien, war dieser plötzlich, ganz plötzlich gestorben.

»Und sein Geheimnis, Herr, hat er mit sich ins Grab genommen! Als man kam und nach den einzelnen Teilen sehen wollte, waren sie nicht aufzufinden. Er hatte sie zu gut versteckt.«

»Aber hat er's nicht sagen können?« fragte der Mann im Strohhut. »Ist er so ganz plötzlich gestorben?«

»Schlaganfall, Herr. Wie vom Blitz getroffen, Herr. Wut und ein Schlaganfall. An einem Ort in England … Dymchurch heißt er.«

»Stimmt!« sagte Laurier. »Ich weiß, es war eine ganze Spalte darüber im Sonntagsblatt des ›Amerikaner‹. Sie sagten damals, ein deutscher Spion hätte ihm seinen Ballon gestohlen.«

»Jedenfalls, Herr«, sagte der Mann mit der heiseren Stimme, »war jener Schlaganfall in Dymchurch das Allerschlimmste … ab-so-lut das Allerschlimmste, das die Welt überhaupt treffen konnte! Denn wäre Mr. Butteridge nicht gestorben …«

»Und niemand kennt sein Geheimnis?«

»Keine Menschenseele. Futsch! Es scheint, daß sein Ballon mit sämtlichen Plänen auf dem Meer untergegangen ist. Versunken … und sie mit ihm.«

Pause.

»Mit Maschinen, wie er sie gemacht hat, könnten wir die asiatischen Flieger mit mehr als gleichen Kräften bekämpfen. Wir könnten diese roten Schmetterlinge überholen und in den Grund bohren, wo sie auch wären. Aber die Geschichte ist futsch … futsch … Und wir haben keine Zeit jetzt, sie wieder zu erfinden. Wir müssen kämpfen mit dem, was wir haben … und die Chancen sind gegen uns. Das wird uns ja nicht am Kämpfen hindern. Gewiß nicht! Aber wenn man daran denkt …«

Bert zitterte am ganzen Leib. Er räusperte sich heiser.

»Ich …«, sagte er, »hören Sie mal, ich …«

Niemand wandte den Blick nach ihm. Der Mann mit der heiseren Stimme schnitt eine neue Seite des Themas an.

»Ich gebe zu …«, begann er.

Jetzt wurde Bert außerordentlich aufgeregt. Er stand auf. Seine Hände machten seltsam krallende Bewegungen.

»Hören Sie doch!« rief er, »Mr. Laurier! Sehen Sie her … ich möchte … wegen der Butteridge-Maschine …«

Mr. Laurier, der auf einem Tisch daneben saß, unterbrach mit einer gebieterischen Handbewegung den Vortrag des Heiseren.

» Was sagt er?« fragte er.

Jetzt endlich bemerkte die ganze Gesellschaft, daß mit Bert irgend etwas vorging. Entweder war er am Ersticken oder am Verrücktwerden! Er sprudelte heraus: »Sehen Sie doch her! Hören Sie doch! Warten Sie einen Augenblick!« und knöpfte, zitternd vor Eifer, seinen Rock auf.

Er riß seinen Kragen ab und öffnete Weste und Hemd. Dann tauchte er in sein Inneres, und es schien einen Augenblick, als zerre er seine Leber heraus. Aber während er noch mit seinen Achselknöpfen kämpfte, sahen sie, daß dies flachgequetschte Greuel in Wirklichkeit ein entsetzlich schmutziger Flanellbrustwärmer war. Im nächsten Augenblick stand Bert, in einem Zustand ungewöhnlicher Dekolletiertheit, über den Tisch gebeugt und entfaltete einen Haufen Papiere.

»Da!« stieß er hervor … »Da! Das sind die Pläne! … Sie wissen … Mr. Butteridge … seine Maschine! … Der gestorben ist! Ich war der, der in dem Ballon davonflog!«

Ein paar Augenblicke lang war alles still. Sie starrten von den Papieren auf Berts weißes Gesicht und glühende Augen und wieder auf die Papiere auf dem Tisch. Niemand regte sich. Dann sprach der Mann mit der heiseren Stimme.

»Ironie!« sagte er; eine gewisse Befriedigung klang durch seine Stimme. »Die reine Ironie! Jetzt, wo's zu spät ist, als daß man noch dran denken könnte, sie herzustellen!«

 

IV

Ohne Zweifel hätten alle mit großer Gier Berts Geschichte noch einmal angehört; aber jetzt zeigte sich Laurier als das, was er war. »Nein, meine Herren!« sagte er und glitt von seinem Tisch herunter.

Er raffte die zerstreuten Butteridgepläne mit einer geschickten Armbewegung an sich, indem er sie sogar von den erklärenden Fingerspuren des Heiseren rettete, und gab sie Bert zurück. »Stecken Sie sie wieder ein«, sagte er, »an ihren früheren Platz. Wir haben eine Reise vor uns.«

Bert nahm die Papiere.

»Was!« sagte der Mann in dem Strohhut.

»Nun ja … wir suchen den Präsidenten der Staaten auf und übergeben ihm diese Pläne. Ich will nicht glauben, daß wir zu spät kommen.«

»Wo ist der Präsident?« fragte Bert in der Pause, die hierauf folgte, ergebungsvoll.

»Logan!« sagte Laurier, diese matte Frage überhörend, »da müssen Sie uns helfen!«

Es schien, als wären nur wenige Minuten verflossen … und schon inspizierten Bert und Laurier und der Besitzer des Magazins eine Anzahl von Fahrrädern, die in dem hinteren Raum des Magazins untergebracht waren. Bert fand an keinem sonderlichen Gefallen. Sie hatten Holzfelgen, und seine Erfahrungen mit Holzfelgen in einem englischen Klima hatten ihm einen tiefen Haß dagegen eingeflößt. Doch schlug Laurier sowohl diesen als noch einen oder zwei sonstige Einwände gegen einen sofortigen Aufbruch siegreich nieder. »Aber wo ist der Präsident?« wiederholte Bert, während sie hinter Logan standen, der einen schlaffen Reifen aufpumpte.

Laurier sah ihn von oben herab an. »Sie sagen, er sei in der Nachbarschaft von Albany … in der Gegend der Berkshire Hügel. Er geht von einem Ort zum andern, um, soweit er das kann, eine Verteidigung per Telegraf und Telefon zu organisieren. Die asiatische Luftflotte hat versucht, ihn zu verfolgen. Wenn sie glauben, sie hätten den Sitz der Regierung ausfindig gemacht, werfen sie Bomben. Das ist natürlich unbequem für ihn; aber bisher sind sie ihm noch keine Meile näher gekommen. Die ganze asiatische Luftflotte ist in diesem Augenblick über die östlichen Staaten zerstreut, wo sie Gaswerke und alles, was etwa einem Bau von Luftschiffen oder Truppentransport dienlich und günstig sein könnte, zerstört hat. Unsere Gegenmaßregeln sind äußerst gering. Aber mit diesen Maschinen … Herr! Unsere Reise wird zu den historischen Reisen der Welt zählen!«

Er war nah daran, pathetisch zu werden.

»Heut nacht erreichen wir ihn nicht mehr?« fragte Bert.

»Nein!« sagte Laurier. »Ein paar Tage lang müssen wir jedenfalls schon fahren.«

»Und einen Zug oder sonst irgendwas gibt es wohl nicht?«

»Nein! Schon seit drei Tagen ist in Tanooda jeder Verkehr unterbrochen. Es hat keinen Sinn, zu warten. Wir müssen eben sehen, daß wir so gut als möglich weiterkommen.«

»Und gleich wegfahren?«

»Gleich wegfahren.«

»Aber wie … Heut nacht werden wir doch nicht mehr viel ausrichten.«

»Wir können doch ebensogut losfahren, bis wir müde sind, und dann schlafen. Das ist glatter Gewinn! Unser Weg führt nach Osten …«

»Natürlich …«, begann Bert, dem Erinnerungen an das Morgendämmern auf der Ziegeninsel aufstiegen. Aber er beendete seinen Satz nicht.

Er beschäftigte sich damit, seinen Brustwärmer besser zu verpacken. Denn mehrere der Pläne hingen ihm zur Weste heraus.

 

V

Eine ganze Woche lang war Berts Leben voll höchst gemischter Empfindungen, unter denen Müdigkeit der Beine entschieden vorherrschte. Fast immer radelte er, radelte … vor sich Lauriers unerbittlichen Rücken, radelte durch ein Land, das etwa aussah wie England, nur größer, mit ausgedehnteren Feldern und breiteren Tälern, mit weniger Hecken und lauter Holzhäusern. Er radelte. Laurier fragte sich durch, Laurier entschied über die Wege, die sie einschlugen, Laurier war unschlüssig … aber immer der Ausschlaggebende. Einmal schien es, als wären sie in telefonischer Verbindung mit dem Präsidenten. Dann wieder kam irgend etwas dazwischen, und sie verloren seine Spur wieder. Aber immer ging es weiter … und immerzu radelte Bert. Ein Reifen war schlaff, aber er radelte weiter. Er verspürte Reitweh. Laurier erklärte, das sei höchst gleichgültig. Asiatische Flugschiffe flogen über ihnen weg; die zwei Radler suchten Deckung, bis die Luft wieder rein war. Einmal kam eine rote asiatische Flugmaschine hinter ihnen drein, so dicht, daß sie schon den Kopf des Aeronauten sahen. Eine Meile weit verfolgte er sie. Sie gelangten zu Schauplätzen der Panik … sie gelangten zu Schauplätzen der Vernichtung … da kämpften die Menschen um ein bißchen Brot … dort war der Gang des täglichen Lebens kaum unterbrochen … Einen Tag verbrachten sie in dem verwüsteten und verödeten Albany. Die Asiaten waren dagewesen und hatten die große Eisenbahnkreuzung eingeäschert. Und sie radelten ostwärts weiter. An Hunderten von im Flug beobachteten Dingen sausten sie vorüber; und immerzu strebte Bert hinter dem unermüdlichen Rücken Lauriers drein …

Vieles erregte Berts Aufmerksamkeit und Bewunderung … aber er fuhr vorüber … und die unbeantworteten Fragen verblaßten … Auf einem Hügel zur Rechten sah er ein großes Gebäude, das in Flammen stand. Und niemand, der sich darum kümmerte …

Dann gelangten sie zu einer Eisenbahnbrücke, und gleich darauf auch zu einem Einschienenbahnzug, der auf seinem Gleis feststand. Es war ein Luxuszug … der amerikanische Kontinentalexpreßzug … Die Passagiere spielten entweder Karten oder waren mit den Vorbereitungen zu einem Picknick auf der benachbarten grünen Wiese beschäftigt. Seit sechs Tagen saßen sie da fest …

Dann weiter … irgendwo … hingen sechs Männer mit dunklen Gesichtern, in einer Reihe, an Bäumen, die den Weg begrenzten. Warum wohl? fragte sich Bert …

In einem friedlich aussehenden Dorf, in dem sie haltmachten, um Berts Reifen reparieren zu lassen und sich an Bier und Zwieback zu erlaben, redete ein ungemein schmieriger, kleiner, barfüßiger Junge sie an, der sich folgendermaßen äußerte:

»Einen Chin haben sie aufgehängt … da … im Wald …«

»Einen Chinesen gehängt?« fragte Laurier.

»Jawohl! Sie haben ihn erwischt, wie er die Gleise kaputtmachen wollte …«

»Oh!«

»Ja – mit Patronen und Pulver! Und dann haben sie ihn gehängt und ihm die Beine gestreckt. Mit allen Chins, die sie finden, machen sie's so. Besinnen sich gar nicht lang! Mit allen Chins, die sie erwischen …«

Weder Bert noch Laurier erwiderten hierauf etwas. Und gleich darnach wurde auch seine Aufmerksamkeit abgelenkt durch das Erscheinen zweier seiner Freunde, die am Ende der Straße auftauchten und unter unheimlichem Geheul watschelte er sofort die Straße hinunter …

Am selben Nachmittag noch überfuhren sie fast einen Mann, der erschossen und schon halb verwest war und gerade vor Albany mitten auf der Straße lag. Jedenfalls hatte er schon ein paar Tage dagelegen …

Hinter Albany stießen sie auf ein Automobil, an dem ein Reifen geplatzt war. Neben dem Sitz des Chauffeurs saß ein junges Weib … völlig teilnahmslos. Ein alter Mann lag unter der Maschine und versuchte, sie wieder in Gang zu bringen. Ganz hinten, ein Gewehr über den Knien, dem Automobil den Rücken zuwendend und in den Wald hinausstarrend, hockte ein junger Mensch … Als Bert und Laurier sich näherten, kroch der alte Mann auf allen vieren unter der Maschine hervor und redete die beiden an. Das Automobil hatte plötzlich … in der Nacht … versagt. Der alte Mann behauptete, er wisse zwar nicht, was ihm eigentlich fehle; jedenfalls würde er schon dahinterkommen. Aber weder er noch sein Schwiegersohn besäßen irgendwelche technischen Kenntnisse. Man hatte ihm versichert, daß es ein garantiert unfallsicheres Automobil sei. Hier aufgehalten zu werden, war gefährlich. Schon hatten ihn und seine Gesellschaft Landstreicher angefallen … Man wußte, er führte eine große Summe Geldes mit sich … Und er nannte einen Namen, der groß war in der Welt der Finanz. Ob Laurier und Bert anhalten und ihm helfen würden? Er bat darum … erst voller Hoffnung … dann fast heftig … zuletzt voller Angst, beinah unter Tränen …

»Nein!« sagte der unerschütterliche Laurier. »Wir müssen weiter. Wir haben mehr zu retten als ein Weib! Wir haben Amerika zu retten!«

Das junge Mädchen regte sich nicht …

Einmal kamen sie an einem Verrückten vorüber, der sang …

Und schließlich fanden sie wirklich den Präsidenten … in einem kleinen Restaurant … in der Umgegend eines Orts, der Pinkerville am Hudson hieß … und übergaben ihm die Pläne der Butteridge-Maschine.

 

VI

Und das ganze Zivilisationsgebäude neigte sich vornüber und stürzte zusammen, zerfiel in Trümmer und schmolz dahin in dem feurigen Ofen des Kriegs.

Die Stadien plötzlichen und allgemeinen Zusammenbruchs der finanziellen und wissenschaftlichen Zivilisation, mit denen das zwanzigste Jahrhundert begann, folgten einander unendlich rasch … so rasch, daß sie auf den abgekürzten Blättern der Weltgeschichte wie ein einziger großer Sturz erscheinen … Im Anfang erblickt man die Welt fast auf dem höchsten Gipfel des Wohlstands und Gedeihens. Für die Menschen erschien es zugleich auch als höchster Gipfel der Sicherheit. Wer jetzt, als nachdenklicher Beobachter zurückblickend, die geistige Geschichte jener Zeit betrachtet, wer ihre noch vorhandenen Literaturfragmente, ihre Bruchstücke politischer Beredsamkeit, die paar schwachen Stimmen zu Rate zieht, die der Zufall aus Millionen auserlesen hat, zu den kommenden Geschlechtern zu sprechen … für den muß ganz gewiß das Auffallendste an diesem ganzen Spinngewebe von Weisheit und Irrtum jenes falsche Gefühl der Sicherheit sein … Allen, die in unserem gegenwärtigen geordneten, wissenschaftlichen, absolut sicheren Weitenzustand leben, wird nichts, aber auch nichts so schwankend, so schwindelhaft gefährlich vorkommen wie das Gebäude sozialer Ordnung, mit dem die Menschen zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sich zufriedengaben. Uns scheint es, als ob jegliche Einrichtung und Beziehung überhaupt lediglich die Frucht der Gelegenheit und der Tradition, ein bloßer Ausfluß des Zufalls gewesen, als ob jedes ihrer Gesetze bloß für irgendeine vereinzelte Gelegenheit, einen vereinzelten Fall gemacht worden wäre, ohne irgendwelche Rücksicht auf spätere Bedürfnisse, als ob all ihre Sitten unlogisch, ihre Erziehung ziellos und planlos und verderblich gewesen wären. Ihre ganze Methode finanzieller Unternehmung wirkt auf eine geschulte und gutentwickelte Intelligenz wie das denkbar unsinnigste und gefahrvollste Blindekuhspiel. Ihr ganzes, auf einer gänzlich wesenlosen Tradition vom Wert des Goldes beruhendes Geld- und Kreditsystem erscheint wie etwas fast phantastisch Ungewisses. Dazu lebten sie in ungeschickt aufgebauten Städten, fast immer in geradezu gefährlicher Überfülle; ihre Eisenbahnen, ihre Verkehrsstraßen, ihre ganze Bevölkerung verbreitete sich in einer gedankenlosen Wirrnis über die Erde, wie eben Tausende von zusammenhanglosen Interessen sie hervorbringen mußten. Und dennoch dachten sie ganz harmlos, daß es ein völlig sicheres und andauerndes Fortschrittssystem sei, und antworteten jedem Zweifler – auf die drei Jahrhunderte zufälligen und ganz unregelmäßigen Gedeihens pochend: »Es ist ja doch immer noch gutgegangen! Wir werden's schon schaffen!«

Wenn wir den Zustand der Menschheit zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem in seinen früheren Geschichtsperioden vergleichen, werden wir vielleicht auch nach und nach dies blinde Vertrauen einigermaßen verstehen lernen. Es war weniger ein verstandesgemäßes Vertrauen, als einfach die unvermeidliche Folge immerwährenden Wohlergehens. Nach dem Maßstab, den sie anlegten, war auch immer alles erstaunlich gut gegangen. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, daß – zum erstenmal in der Weltgeschichte – ganze Nationen andauernd mehr als genug zu essen hatten; die Statistik jener Zeit deutet auf eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse, die in allen früheren Jahrhunderten ihresgleichen nicht hat, und gleichzeitig auch auf einen ungeheuren Fortschritt in der Entwicklung der Intelligenz und einen Fortschritt in allen Künsten, die das Leben lebenswert machen. Das Niveau und der Charakter der durchschnittlichen Erziehung hatten sich unendlich gesteigert; es gab beim Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts in Westeuropa oder Amerika nur noch wenige Menschen, die nicht lesen oder schreiben konnten. Noch nie hatte es solche Massen von Lesern gegeben. Die ausgedehnteste soziale Sicherheit herrschte. Der gewöhnlichste Mann konnte unangefochten drei Viertel der bewohnbaren Erdkugel bereisen, konnte um die ganze Welt reisen, ohne daß es ihn mehr kostete als das jährliche Einkommen eines gewandten Handwerkers. Die Verhältnisse des Römischen Reichs unter den Cäsaren waren kleinbürgerlich und beschränkt im Vergleich mit der Fülle und Bequemlichkeit des Alltagslebens jener Zeit. Und jedes Jahr, jeder Monat brachte eine neue Steigerung menschlicher Errungenschaften, ein neu erschlossenes Land, neue Minen, neue wissenschaftliche Entdeckungen, neue Maschinen!

Dreihundert Jahre lang schien tatsächlich die Bewegung der Welt der Menschheit nichts als eitel Segen zu bringen. Es gab allerdings Männer, die sagten, die moralische Organisation gehe mit dem physischen Fortschritt nicht Hand in Hand; aber nur wenige maßen solchen Äußerungen einen Sinn bei, dessen tiefste Erkenntnis die Grundlage unserer heutigen Sicherheit bildet. Schaffende und erhaltende Kräfte hielten wirklich eine Zeitlang dem boshaften Spiel des Zufalls und der natürlichen Unwissenheit, dem Vorurteil, der blinden Leidenschaft und dem verderblichen Egoismus der Menschheit die Wage.

Das zufällige Übergewicht auf seiten des Fortschritts war viel geringer und von unendlich viel verwickelterer und zerbrechlicherer Art, als die Menschen jener Zeit ahnten; aber das änderte nichts an der Tatsache, daß es ein wirksames Übergewicht war. Daß dies Zeitalter verhältnismäßigen Gedeihens das Zeitalter einer unendlich günstigen, aber vorübergehenden Gelegenheit für die menschliche Rasse war, machten sie sich nicht klar. Sie maßen sich voll Selbstzufriedenheit einen naturnotwendigen Fortschritt bei, für den sie moralisch keineswegs verantwortlich waren. Sie machten sich nicht klar, daß die Sicherheit dieses Fortschritts etwas war, das erst gewonnen werden mußte – oder auch verloren, und daß die Zeit, es zu gewinnen, schon vorüber war. Sie gingen ihren eigenen Angelegenheiten zwar energisch genug nach, aber doch mit einer merkwürdigen Lässigkeit all jenen drohenden Dingen gegenüber. Niemand machte sich Sorge wegen der wirklichen Gefahren für die Menschheit. Sie sahen ihre Heere und Flotten immer größer und unheildrohender werden; manche ihrer Kriegsschiffe kosteten zuletzt so viel, wie der ganze jährliche Aufwand für höhere Ausbildung und Erziehung betrug; sie häuften Geschosse und Zerstörungsmaschinen an; sie ließen ihre nationalen Traditionen und Eifersüchteleien immer höher anwachsen; sie sahen ohne Sorge oder Verständnis mit an, wie, je mehr die Rassen sich einander näherten, desto mehr auch die Rassenfeindschaft sich steigerte; und sie duldeten in ihrer Mitte das Vorhandensein einer übelgesinnten Presse voll schlimmer Gesinnungen, habgierig, gewissenlos, unfähig, Gutes zu tun, und mächtig, Böses anzustiften. Der Staat übte in Wahrheit keinerlei Kontrolle über die Presse aus. Vollkommen sorglos sahen sie diesen Zündfaden, der nur auf einen Funken wartete, vor der Tür ihres Kriegsmagazins liegen. Und dabei war die ganze frühere Weltgeschichte ein einziger großer Bericht vom Zusammenbruch von Zivilisationen, und die Gefahren der Gegenwart lagen vor aller Augen. Man ist heute gar nicht mehr imstande, zu glauben, daß sie sie nicht zu sehen vermochten.

Ob die Menschheit das Unheil dieses Luftkriegs hätte verhüten können? Eine müßige Frage! So müßig, wie die Frage, ob die Menschheit den langsamen Verfall und Zusammenbruch hätte verhüten können, der Assyrien und Babylon in öde Wildnis wandelte, oder das langsame Sinken und Zusammenstürzen, die stufenweise, von Phase zu Phase fortschreitende soziale Auflösung, die das Kapitel der Herrschaft des weströmischen Reiches abschloß! Sie konnte es nicht, eben weil sie das Unheil nicht aufhielt, nicht den Willen hatte, es aufzuhalten! Was die Menschheit alles vollbringen könnte, wenn sie einen andern Willen hätte, ist ein ebenso müßiges wie großartiges Problem. Und diesmal war es kein langsamer Verfall, der über die europäisierte Welt kam; jene anderen Zivilisationen verrotteten und zerbröckelten, die europäisierte Zivilisation flog sozusagen in die Luft. Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren war sie vollständig zersetzt und vernichtet. Noch bis zum Vorabend des Luftkriegs nichts als ein einziges Bild des Fortschritts, weltenweite Sicherheit, ungeheure Schauplätze großartig organisierter Industrie und wohlgeordneter Bevölkerungen, Riesenstädte, die sich ins Ungeheuerliche dehnten, Meere und Ozeane mit Schiffen übersät, das Land mit Netzen von Eisenbahnen und Verkehrsstraßen bedeckt. Und dann auf einmal, unerwartet, fegen die deutschen Luftflotten über die Szene, und wir stehen am Anfang des Endes …

Wir haben in dieser Geschichte bereits von dem plötzlichen Angriff der deutschen Luftflotte auf New York und von der wilden, unausbleiblichen Orgie nicht endenwollender Vernichtung gehört, die darauf folgte. Dahinter schwoll, als England, Frankreich, Spanien und Italien sich ins Spiel mischten, schon eine zweite Luftflotte neben ihren Gasometern. Keines dieser Länder hatte sich auf einen Krieg in der Luft in so großartigem Maßstab vorbereitet wie die Deutschen; aber jedes hatte doch seine Heimlichkeiten, jedes rüstete in irgendeiner Weise, und eine gemeinsame Furcht vor der deutschen Energie und dem gewalttätigen Geist, dessen Verkörperung Prinz Karl Albert war, hatte diese Mächte schon längst in Voraussicht auf einen derartigen Angriff verbunden. Das ermöglichte denn auch ihre prompte Gegenoperation; und wirklich – sie zögerten keine Sekunde. Die zweite Luftmacht Europas in jener Zeit war Frankreich; die Engländer, die um ihre Herrschaft in Asien zitterten und sich der unendlichen moralischen Wirkung des Luftschiffs auf halbzivilisierte Völker bewußt waren, hatten ihre aeronautischen Parks in Nordindien errichtet und konnten darum in dem europäischen Konflikt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Immerhin hatten sie auch in England neun oder zehn große Luftschiffe, zwanzig bis dreißig kleinere und ein Sammelsurium von Versuchsaeroplanen. Ehe noch die Flotte Prinz Karl Alberts über England weggeflogen war, und während Bert noch Manchester aus der Vogelschau betrachtete, waren die diplomatischen Unterhandlungen im Gang, die zu einem Angriff auf Deutschland führten. Eine sehr verschiedenartige Gesellschaft von lenkbaren Ballons aller Größen und Arten sammelte sich über dem Berner Oberland, verbrannte und vernichtete die fünfundzwanzig schweizerischen Luftschiffe, die in der Alpenschlacht ganz unerwartet dieser Ansammlung die Stirn boten, und teilte sich dann, die Schweizer Täler und Gletscher voll seltsamer Trümmer zurücklassend, in zwei Flotten, die es sich zur Aufgabe machten, Berlin zu bewältigen und den fränkischen Park zu nehmen, ehe noch die zweite Luftflotte möglicherweise gefüllt werden konnte.

Sowohl über Berlin als über Franken richteten die Angreifenden mit ihren modernen Explosivgeschossen großen Schaden an, ehe sie vertrieben wurden. In Franken waren zwölf vollständig und fünf halbgefüllte und bemannte Ungeheuer imstand, dem Angriff zu begegnen, ihn mit Hilfe eines Geschwaders von Hamburger Drachenfliegern zurückzuschlagen, die Feinde zu verfolgen und Berlin zu entsetzen. Bis aufs äußerste strengten die Deutschen sich an, als von Birma und Armenien der erste Bericht von den Vorboten der asiatischen Luftflotten, die erste Meldung von einem neuen Faktor in diesem Konflikt, kamen.

Als dies geschah, wankte schon das ganze Finanzgebäude der Welt. Mit der Vernichtung der amerikanischen Flotte im Nordatlantik und dem verderblichen Zusammenstoß, der der Seemacht Deutschlands in der Nordsee ein Ende machte, mit dem Einäschern und Zertrümmern von Billionen von Pfund repräsentierendem Eigentum in den vier größten Städten der Welt zeigte sich zum erstenmal die ganze hoffnungslose Kostspieligkeit des Kriegs und fuhr wie ein Blitzschlag unter die Menschheit. Der Kredit brach zusammen in einem wilden Wirbel von Verkauf. Überall zeigte sich eine Erscheinung, die sich, in milderer Form, auch schon in früheren Zeiten der Panik gezeigt hatte: der Wunsch, Gold zu erhaschen und aufzuspeichern, ehe die Preise zur tiefsten Tiefe herabsanken. Jetzt verbreitete sich diese Gier wie ein Waldbrand über die ganze Welt. Oben die für alle sichtbaren Konflikte und die Vernichtung. Unten aber gingen Dinge vor sich, die für das unsichere Gebäude von Finanz und Handelswesen, auf das die Menschen so blindlings vertraut hatten, weit unheilvoller und tödlicher waren. Und während droben die Luftschiffe kämpften, schwand drunten der sichtbare Goldvorrat der Welt immer mehr. Eine Epidemie allgemeinen Mißtrauens kam über die ganze Welt. In wenigen Wochen verschwand, mit Ausnahme von entwerteten Papieren, das Geld … in Gewölbe, in Löcher, in Hausmauern, in viele Millionen heimlicher Verstecke. Es verschwand … und Handel und Industrie hörten auf mit seinem Verschwinden … Die gesamte Finanzwelt taumelte und brach zusammen. Es war wie das Wüten einer Pest … es war, als schwände das Wasser aus dem Blut eines lebendigen Geschöpfes. Wie ein plötzliches, allgemeines Gerinnen jeden Verkehrs …

Und während das Kreditsystem, das die lebendige Festung der wissenschaftlichen Zivilisation gewesen war, wankte und auf die Millionen, die es durch finanzielle Verbindungen zusammengehalten hatte, herabstürzte, während all diese Menschen, verwirrt und hilflos, dies Weltwunder, diesen gänzlich vernichteten Kredit anstarrten, ergossen sich, zahllos, erbarmungslos, die Luftschiffe Asiens über die Himmel, stürzten sich ostwärts … nach Amerika … und westwärts … nach Europa. Und das Blatt der Geschichte füllt sich mit einem langen Crescendo von Kampf. Die Hauptmacht der britisch-indischen Luftflotte ging auf einem Scheiterhaufen flammender Feinde in Birma unter; die Deutschen wurden in der großen Karpatenschlacht in alle Winde verstreut; die große indische Halbinsel war bald von einem Ende zum anderen voll von Aufruhr und Bürgerkrieg. Und von Bobi bis Marokko wehten die Banner des »Jehad«. Ein paar Wochen voll Krieg und Vernichtung hindurch schien es, als müsse der ostasiatische Bund die ganze Welt erobern; dann brach auch die »moderne« Marionetten-Zivilisation der Chinesen zusammen. Die friedliche, fruchtbare Bevölkerung Chinas hatte sich in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts »verwestlichen« lassen; das heißt, sie hatte mit innerem Groll und Widerstreben sich unter japanischem und europäischem Einfluß in eine gewisse Fügsamkeit gegen sanitäre Maßnahmen, Polizeiordnung, Militärdienst, überhaupt in eine Daseinsweise hineindrillen und -zwängen lassen, gegen welche ihre ganze Tradition sich empörte. Unter dem Zwang des Krieges gab schließlich sogar ihre Geduld nach: ganz China erhob sich zu einem zusammenhanglosen Aufstand; und die Vernichtung des Regierungssitzes in Peking durch ein paar britische und deutsche Luftschiffe, die in den entscheidenden Kämpfen nicht untergegangen waren, steigerten diesen Aufstand bis zur Unbesiegbarkeit. In Yokohama tauchten Barrikaden auf und die schwarze Flagge und allgemeine soziale Revolution. Und damit ward die ganze Welt zu einem einzigen Wirrsal von Kampf …

Der allgemeine soziale Zusammenbruch war die logische Konsequenz des Weltkriegs. Wo große Bevölkerungen waren, waren auch Massen von Menschen ohne Arbeit, ohne Geld, unfähig, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. In jedem Arbeiterviertel der ganzen Welt herrschte schon drei Wochen nach dem Beginn des Krieges Hungersnot. Nach Verlauf eines Monats gab es überhaupt keine Stadt mehr, in der nicht das gewohnte Gesetz und die sozialen Einrichtungen durch irgendeine Form von Kontrolle verdrängt waren, wie eben die Gelegenheit sie verlangte, in der Feuerwaffen und Militär nicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Verhütung von Gewalttaten gebraucht wurden. Und in den ärmeren Vierteln, in den übervölkerten Distrikten, ja, hier und da auch unter denen, die dereinst wohlhabend gewesen waren, verbreitete sich die Hungersnot.

So entsprang das, was die Geschichtsschreiber die Periode der Notkomitees nannten, aus der beginnenden Periode sozialen Zusammenbruchs. Hierauf folgte eine Periode heftigen und erbitterten Kampfes gegen die Auflösung. Überall herrschte das Bestreben, die Ordnung aufrechtzuerhalten und sich zu wehren. Gleichzeitig veränderte sich auch der Charakter des Krieges dadurch, daß die riesigen, mit Gas gefüllten Luftschiffe durch Flugmaschinen – als Kriegsinstrumente – ersetzt wurden. Sobald die großen Flottenzusammenstöße vorüber waren, versuchten sich die Asiaten in nächster Nähe der schwachen, exponierten Punkte jener Länder festzusetzen, gegen die sie ankämpften, und bildeten Hauptquartiere, von denen aus sie ihre Flugmaschinen-Streifzüge unternehmen konnten. Eine Zeitlang waren sie hierin auch ganz unbehindert; dann kam, wie es diese Geschichte ja berichtet hat, das Geheimnis der Butteridge-Maschine ans Licht, und der Kampf wurde auf beiden Seiten gleich und unentschiedener als je. Denn diese kleinen Flugmaschinen, die für jede größere Expedition oder entscheidende Attacke gänzlich untauglich waren, erwiesen sich als geradezu grauenhaft geeignet für den Guerillakrieg: rasch und billig in der Herstellung, leicht von Gebrauch, leicht zu verbergen. Der Plan wurde eiligst in Pinkerville kopiert und gedruckt und über die gesamten Vereinigten Staaten verbreitet; auch nach Europa wurden Kopien gesandt und dort vervielfältigt. Jeder einzelne Mensch, jede Stadt, jede Gemeinde, die nur überhaupt in Betracht kam, wurde aufgefordert, sie herzustellen und in Gebrauch zu setzen. In kurzer Zeit wurde sie nicht bloß von Regierungen und Lokalverwaltungen fabriziert, sondern auch von Räuberbanden, von Aufstandskomitees, von Privatpersonen jeder Art. Die eigenartige, soziale, zerstörerische Macht der Butteridge-Maschine lag in ihrer unübertrefflichen Einfachheit. Sie war fast so einfach wie ein Motorrad. Die breiteren Umrisse der früheren Kriegsphasen verschwanden, die große Gegnerschaft von Nationen, Reichen und Rassen verlor sich in einer zischenden Masse von Einzelkonflikten. Die Welt wurde – mit einem Schritt – aus einer Einheit und Einfachheit, die die des Römischen Reiches zu seiner besten Zeit noch übertrafen, zu einem sozialen Mischmasch von Bruchstücken … so unentwirrbar wie die Raubritterperiode des Mittelalters. Nur daß das Ganze diesmal, statt eines langsamen Sinkens durch stufenweise Stadien der Auflösung, ein Sturz war … wie der Sturz über einen Felsen. Und daß Männer und Frauen das auch überall begriffen, und sich verzweiflungsvoll anstrengten, sich noch an dem Rand des Felsens festzuklammern.

Eine vierte Phase folgte. Mitten durch den Kampf gegen das Chaos, in den Fußstapfen der Hungersnot, kam jetzt ein anderer alter Feind der Menschheit … die Pestilenz … der Rote Tod. Aber der Krieg kennt kein Einhalten. Die Flaggen wehen noch immer. Neue Luftflotten entstehen, neue Formen von Luftschiffen. Und unter ihren dahinschwebenden Kämpfen wird die Welt dunkler und dunkler … ohne daß die Weltgeschichte sie weiter beachtet.

Es liegt nicht in der Absicht dieses Buches, diese fernere Geschichte zu erzählen, zu berichten, wie der Luftkrieg immer weiterging, einfach weil von allen Behörden und maßgebenden Persönlichkeiten niemand imstande war, ihm entgegenzutreten, zu verhandeln, ihn zu Ende zu bringen, bis schließlich jede organisierte Regierung in der ganzen Welt so zerbrochen und zertrümmert war wie ein Haufen Porzellan, in das man mit einem Stock geschlagen hat. Mit jeder Woche jener furchtbaren Jahre wird die Geschichte verworrener, auseinandergerissener, chaotischer, ungewisser. Nicht ohne große und heldenhafte Gegenwehr ließ die Zivilisation sich überwältigen. Aus dem bitteren sozialen Konflikt erstanden patriotische Verbindungen, Ordensbrüderschaften, Bürgermeister, Fürsten, provisorische Komitees, die versuchten, unten eine Art Ordnung einzuführen und oben den Himmel zu halten … Aber eben diese doppelte Anstrengung war ihr Verderb. Und als endlich eine Erschöpfung der mechanischen Quellen der Zivilisation die Himmel überhaupt völlig von Luftschiffen leert, sieht man unten Anarchie, Hungersnot und Pestilenz triumphieren … Die großen Nationen und Reiche sind zu bloßen Namen im Mund der Leute geworden. Allüberall Ruinen, unbeerdigte Tote, verwitterte, gelbgesichtige Überlebende in tödlicher Apathie. Hier Räuber, dort Bewachungskomitees und da wiederum Guerillabanden, die die Stücke ausgesogenen Landes beherrschen; seltsame Verbindungen und Orden bilden sich und lösen sich wieder auf, religiöse, aus der Verzweiflung geborene Fanatismen glühen aus hungerfunkelnden Augen. Es ist eine allgemeine große Auflösung. All die schöne Ordnung und der Wohlstand der Erde sind zusammengeschrumpft wie eine zerplatzte Luftblase. In fünf kurzen Jahren hatten die Welt und der Schauplatz menschlichen Lebens eine rückschrittliche Verwandlung durchgemacht, so groß, wie jene vom Zeitalter der Antoniusse zum Europa des neunten Jahrhunderts …

 

VII

Durch das düstere Schauspiel dieses Unheils wandert eine winzige, äußerst unbedeutende Gestalt, für die vielleicht die Leser dieser Geschichte mit der Zeit ein schwaches Interesse gefaßt haben. Von ihr bleibt nur noch eine einzige, wunderbare Tatsache zu berichten. Durch eine verfinsterte, verlorene Welt, durch eine Zivilisation in ihren Todeszuckungen wanderte unser kleiner fahrender Alltagsritter und fand seine Edna! Er fand seine Edna!

Er kam über den Atlantik zurück – teils vermittelst eines Befehls des Präsidenten, teils auch dank seinem eigenen günstigen Stern. Es gelang ihm, an Bord einer englischen Brigg zu kommen, die mit Holz handelte, und die ohne Ladung von Boston aussegelte, augenscheinlich hauptsächlich darum, weil der Kapitän eine Art unbestimmter Vorstellung von »nach Hause« … »nach South Shields-Gehen« hatte … Was Bert vor allem dazu verhalf, daß er mitgenommen wurde, war das seemännische Aussehen seiner Gummistiefel. Sie hatten dann eine lange, abenteuerliche Reise, wurden ein paar Stunden lang von einem asiatischen Kriegsschiff verfolgt (oder glaubten wenigstens, sie würden verfolgt), das aber bald durch einen englischen Kreuzer aufgehalten wurde. Drei Stunden lang kämpften die beiden Schiffe, sich in einem Kreis langsam nach Süden drehend, bis die Dämmerung und das aufsteigende Gewölk eines nahenden Sturms sie verschlangen. Ein paar Tage später verlor Berts Schiff Steuer und Mittelmast in einem Sturm. Die Lebensmittel gingen aus; man nährte sich von Fischen. In der Nähe der Azoren erblickten sie dann seltsame Luftschiffe, die ostwärts flogen; in Teneriffa landeten sie, um neue Vorräte zu fassen und ihr Steuer zu flicken. Sie fanden die Stadt zerstört und im Hafen zwei gesunkene große Linienschiffe mit ihren Toten noch an Bord. Sie fanden auch Konserven und Reparaturwerkzeuge, aber ihre Arbeit war oft ernstlich gestört durch die Feindseligkeit einer Räuberbande in den Ruinen der Stadt, die sie fortwährend bestahl und zu vertreiben suchte.

In Mogador legten sie bei und schickten ein Boot um Wasser an Land und wurden beinah durch die List der Araber gefangen. Und hier kam auch der Rote Tod an Bord und vergiftete ihr Blut, während sie weitersegelten. Zuerst erkrankte der Koch, dann der Steuermann; und bald lagen alle, und drei im Vorderkastell waren tot. Das Wetter war gerade ruhig, und sie trieben, hilflos und im Grunde ziemlich gleichgültig gegen ihr Schicksal, zum Äquator zurück. Des Kapitäns Arznei für alle war Rum. Neun starben; von den vier Überlebenden verstand keiner etwas von Seefahrt. Als sie sich endlich ein bißchen ermannt hatten und mit einem Segel umzugehen verstanden, fuhren sie … den Sternen nach … in ungefährer Richtung nordwärts; sie fanden sich schon wieder ohne Lebensmittel, als sie auf ein Petroleummotorschiff von Rio de Janeiro trafen, dem der Rote Tod fast die ganze Besatzung geraubt hatte und das froh war, neue Leute an Bord zu kriegen. Und so erreichte Bert, nach einem Jahr des Umherirrens, endlich England. Er landete in lichtem Juniwetter und fand, daß der Rote Tod eben seinen verheerenden Siegeszug antrat. Die Bewohner von Cardiff waren in einem Zustand kopfloser Verzweiflung; viele waren ins Gebirge geflohen; und sobald der Dampfer in den Hafen einlief, kam ein improvisiertes, gänzlich ungesetzmäßiges Komitee an Bord, untersuchte das Schiff und legte Beschlag auf seine noch vorhandenen Lebensmittel. Bert zog als Vagabund durch ein Land, das ausgehungert, von der Pest verwüstet, brotlos und bis in die Grundfesten seiner früheren Organisation erschüttert war. Oft war er dem Tod, dem Verhungern nahe; einmal wurde er in böse Auftritte verwickelt, die sein Dasein leicht hätten enden können. Aber der Bert Smallways, der da von Cardiff nach London einem ziemlich unsicheren »Nach Hause« zuwanderte, der unsicher nach irgend etwas suchte, das keine andere greifbare Form hatte, als die Ednas, war eine ganz andere Persönlichkeit, als der Wüstenderwisch, der vor einem Jahr in Mr. Butteridges Ballon aus England weggefegt worden war. Er war braun, hager und zäh, scharfäugig, gegen die Pest gewappnet, und sein Mund, der früher immer halb offen gestanden hatte, schloß sich jetzt mit eiserner Energie. Über seine Stirn lief eine weiße Narbe, die er in einem Gefecht auf der Brigg davongetragen hatte. In Cardiff war ihm ein Bedürfnis nach frischen Kleidern und einer Waffe gekommen, und er hatte sich – mit Hilfe von Mitteln, die ihm noch vor einem Jahr empörend vorgekommen wären – aus dem verlassenen Laden eines Pfandleihers ein Flanellhemd, einen Anzug aus Baumwollsamt und einen Revolver nebst fünfzig Patronen verschafft. Gleichzeitig eignete er sich auch ein Stück Seife an und wusch sich … zum erstenmal seit dreizehn Monaten wieder … gründlich in einem Fluß vor der Stadt. Die Wachen, die erst jeden Plünderer ohne viel Federlesens erschossen hatten, waren jetzt entweder von der Seuche weggerafft oder – im vergeblichen Versuch, mit ihr Schritt zu halten – zwischen Stadt und Kirchhof beschäftigt. Also führte er drei oder vier Tage lang um die Stadt herum ein Räuberleben, immer so ziemlich am Verhungern, ging dann zurück und schloß sich auf eine Woche dem Lazarettkorps an, um sich wenigstens mit ein paar tüchtigen Mahlzeiten zu stärken, ehe er den Weg nach Osten antrat.

Die Landschaft von England und Wales zeigte zu jener Zeit die seltsamste Mischung von Sicherheit und Wohlstand des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und einer Art Dürerschen Mittelalters. Alles von früher, Häuser und Einschienenbahnen, Hecken und elektrische Kabel, Straßen und Pflaster, Telegrafenstangen und Reklameschilder, war zum größten Teil noch unberührt. Bankrott, sozialer Zusammenbruch, Hunger und Pestilenz hatten ihm nichts anhaben können; nur die großen Zentren, die Hauptadern in diesem Staat, hatte tatsächliche Vernichtung getroffen. Niemand, der unvermittelt in das Land hereingeschneit wäre, würde einen großen Unterschied bemerkt haben. Er würde vielleicht zuerst gesehen haben, daß die Hecken nicht beschnitten waren, daß das Gras an den Wegrainen zu üppig wuchs, daß die Wege auffallend vom Regen ausgewaschen waren, und daß die Villen und Landhäuser häufig leer zu stehen schienen; daß hier ein Telefondraht herabhing und dort ein verlassener Leiterwagen an der Landstraße stand. Aber noch immer hätte die verheißungsvolle Versicherung, daß Wilders Büchsenpfirsiche die besten oder daß Gobbles Würstchen unübertrefflich seien für jeden Frühstückstisch, seinen Appetit reizen können. Dann – plötzlich – setzte das Dürersche Element ein: das Gerippe eines Pferdes, oder ein zusammengeballter Haufen Lumpen in einem Graben, aus dem knochige Füße und ein gelbes, schwarzblau geflecktes, häutiges Gesicht oder wenigstens die Reste eines Gesichts, hager und knochig und zerfressen, hervorstarrten. Dann vielleicht ein Acker, der gepflügt, aber nicht gesät, ein Kornfeld, das vom Vieh zertrampelt, ein Zaun, der eingerissen worden war zum Feueranmachen …

Dann – vielleicht – begegnete ihm ein Mann oder ein Weib … mit gelbem Gesicht und meist nachlässig gekleidet und bewaffnet … auf der Suche nach Nahrung. Diese Menschen hatten fast immer die Gesichter und Augen und den Ausdruck von Vagabunden und Verbrechern und trugen sich häufig wie Leute der wohlhabenden Mittelklasse oder der höheren Stände. Viele erkundigten sich voller Eifer nach Nachrichten und gaben dafür willig ihren Beistand, Reste sonderbarer Mahlzeiten, Krusten zähen Brotes. Voller Gier horchten sie auf Berts Geschichte und versuchten, ihn einen oder ein paar Tage bei sich zurückzuhalten. Das völlige Aufhören des Postverkehrs und der Zusammenbruch sämtlicher Zeitungsunternehmungen hatte eine ungeheure schmerzhafte Lücke im geistigen Leben jener Zeit zurückgelassen. Die Menschen hatten ganz plötzlich die verschiedenen Enden der Erde aus dem Gesicht verloren und mußten sich wieder an das gerüchtweise Verbreiten der Nachrichten, wie zur Zeit des Mittelalters, gewöhnen. In ihren Augen, in ihrem Gebaren, in ihrer Rede lag ein Ausdruck wie von verirrten und verlorenen Seelen.

Während Bert von Dorf zu Dorf, von Distrikt zu Distrikt wanderte und so weit wie möglich die schwärenden Knotenpunkte der Gewalttat und Verzweiflung, die größeren Städte, vermied, fand er in Zuständen und Verhältnissen unermeßliche Unterschiede. In einem Dorf fand er das Herrenhaus niedergebrannt, das Pfarrhaus eingerissen, beides augenscheinlich in einem heftigen sozialen Kampf um irgendwelche gemutmaßten und vielleicht nur eingebildeten Vorräte von Lebensmitteln, überall unbeerdigte Tote und einen Stillstand des ganzen kommunalen Mechanismus. Im nächsten fand er organisatorische Mächte eifrig bei der Arbeit, frisch gemalte Anschlagtafeln zur Warnung für Landstreicher, die Straßen und noch bebauten Felder von Bewaffneten beaufsichtigt, die Seuche streng kontrolliert, sogar eine Krankenpflege eingerichtet und einen sparsam verwalteten Vorrat von Lebensmitteln, Vieh und Schafe wohl bewacht, und eine Gruppe von zwei oder drei Magistratspersonen – der Doktor oder ein paar Landwirte – die den ganzen Ort regierten, genauso, wie bei der selbstherrlichen, bürgerlichen Gemeinde des fünfzehnten Jahrhunderts. Aber ein derartiges Dorf war jederzeit einem Einfall der Asiaten oder Afrikaner oder ähnlicher Luftpiraten ausgesetzt, die Petroleum und Alkohol oder Lebensmittel suchten. Die Aufrechterhaltung der Ordnung kostete eine fast unglaubliche Wachsamkeit und Anspannung aller Kräfte. Grob angestrichene Warntafeln, wie »Quarantäne« oder »Fremde werden niedergeschossen!« oder eine Reihe halbverwester Strauchdiebe, die an den Telefonpfosten am Straßenrand baumelten, bezeichneten die Nähe der verworrenen Probleme irgendeines größeren Zentrums der Bevölkerung und das Vorhandensein verwickelter Konflikte. In der Umgegend von Oxford waren große Schilder auf den Dächern angebracht, die alle Luftwanderer mit dem einzigen Wort »Schießwaffen!« bedrohten.

All diesen Gefahren Trotz bietend fuhren ab und zu noch Radfahrer vorüber, und ein- oder zweimal während seiner langen Wanderfahrt sah Bert gewaltige Automobile mit verlarvten und bebrillten Gestalten an sich vorübersausen. Polizei ließ sich nur selten blicken, aber dann und wann kamen Trupps von hageren, zerlumpten Soldaten zu Rad vorbei; und diese Begegnungen mehrten sich, als er Wales verließ und nach England kam. Sie standen unter all dem Zusammenbruch noch immer im Feld. Bert kam der Gedanke, in der Nacht und wenn ihn der Hunger gar zu sehr peinigte, einen Unterschlupf im Armenhaus zu suchen; aber verschiedene dieser Häuser waren geschlossen, andere in zeitweilige Lazarette verwandelt, und eines, zu dem er in der Dämmerung in der Nähe eines Dorfes in Gloucestershire gelangte, stand, mit weitgeöffneten Fenstern und Türen, stumm wie das Grab und war, wie er zu seinem Entsetzen fand, als er durch den übelriechenden Hausflur stolperte, voll von unbeerdigten Toten.

Von Gloucestershire wandte sich Bert nordwärts nach dem englischen aeronautischen Park bei Birmingham, in der Hoffnung, dort eine Anstellung und seinen Lebensunterhalt zu finden; denn die Regierung oder wenigstens das Kriegsministerium existierte noch immer als lebensvolle Tatsache, inmitten allen Umsturzes und sozialen Unheils energisch darauf bedacht, das britische Banner hoch in Lüften zu erhalten und Bürgermeister und Magistrat zu neuen Organisationsversuchen aufzumuntern. Sie hatten dort die besten der überlebenden Handwerker jener Gegend um sich gesammelt, hatten den Park für eine Belagerung verproviantiert und bauten eiligst an einer größeren Art von Butteridge-Maschine. Bert konnte nicht ankommen; er besaß keine genügenden Kenntnisse, und er war schon weitergewandert nach Oxford, als der große Kampf stattfand, in welchem diese Werke endgültig zerstört wurden. Etwas, aber nicht viel, sah er von der Schlacht – von einem Ort namens Boar Hill aus. Er sah das asiatische Geschwader von Südwesten über die Hügel herkommen und sah eines seiner Luftschiffe kreisend wieder südwestwärts fliegen, verfolgt von zwei Aeroplanen; es war das Luftschiff, das schließlich wirklich in Edge Hill überholt, zerstört und eingeäschert wurde. Aber den Ausgang der Schlacht als Ganzes erfuhr er nie.

Er kam von Eton über die Themse nach Windsor und wanderte um das südliche London nach Bun Hill; und hier fand er seinen Bruder Tom, der in seinem alten Laden aussah wie ein finsteres, verbissenes Tier, gerade vom Roten Tod erstanden, und oben, eine Treppe hoch, Jessika, fiebernd und, wie es ihm schien, voller Ingrimm sterbend. Sie sprach im Delirium von den bestellten Waren, die den Kunden gebracht werden müßten, und schalt Tom fortwährend aus, er käme zu spät mit Mr. Thompsons Kartoffeln oder Mr. Hopkins' Blumenkohl, obwohl alles Geschäft schon längst aufgehört und Tom sich eine hausväterliche Geschicklichkeit im Fangen von Ratten und Sperlingen und im Verstecken gewisser Eßvorräte und Zwiebacke aus geplünderten Spezereihandlungen angeeignet hatte.

Tom empfing seinen Bruder mit einer Art zurückhaltender Wärme.

»Herrgott!« sagte er, »bist du's Bert? Ich hab' mir's wohl gedacht, du würdest eines Tages wiederkommen, und freu' mich, dich zu sehen. Aber zu essen kann ich dir nichts anbieten, weil ich selber nichts habe … Wo hast du denn gesteckt all die Zeit?«

Bert beruhigte seinen Bruder durch den Rest einer angebissenen Rübe, und war noch mitten im Zug, ihm in Bruchstücken und mit Randbemerkungen seine Geschichte zu erzählen, als er hinter dem Ladentisch ein vergilbtes und vergessenes, an ihn adressiertes Briefchen bemerkte. »Was ist denn das?« sagte er. Er fand, es war ein ein Jahr altes Billet von Edna. »Sie kam zu uns«, sagte Tom im Ton eines Menschen, der sich eines unwichtigen Geschehnisses entsinnt, »und fragte nach dir und wollte, wir sollten sie aufnehmen. Es war nach der Schlacht und dem Brand von Clapham Rise. Ich war auch dafür, wir sollten sie behalten, aber Jessika wollte nicht; und da hat sie heimlich fünf Schilling von mir gepumpt und ist wieder fortgegangen. Sie wird's dir ja wohl geschrieben haben …«

Das hatte sie, wie Bert fand. Sie war, wie ihr Billet besagte, zu einer Tante und einem Onkel gegangen, die eine Ziegelei in der Nähe von Horsham besaßen. Und dort – endlich –, nach einer weiteren vierzehntägigen, abenteuerlichen Reise, fand Bert sie.

 

VIII

Als Bert und Edna einander erblickten, starrten sie sich an und lachten wie närrisch – so verändert waren sie, so zerlumpt und so verwundert. Und dann fingen sie beide an zu weinen.

»Oh, Bertie! Junge!« rief sie. »Bist du da! Bist du da!« Und sie streckte die Arme aus. »Ich hab' es ihm gesagt! Er sagt, er würde mich umbringen, wenn ich ihn nicht heirate.«

Aber sie war nicht verheiratet; und als sie bald darauf wieder fähig war, zu sprechen, erklärte sie Bert die Aufgabe, die seiner wartete. Der kleine Fleck einsamen Ackerlandes war in die Hände einer Bande von wilden Burschen gefallen, deren Rädelsführer Bill Gore hieß. Er hatte als Schlächterbursche angefangen und war dann Ringkämpfer und ein gewerbsmäßiger Raufbold geworden. Die Bande war von einem adligen Herrn der Umgegend, der sich früher als Sportsmann ausgezeichnet hatte, organisiert worden; nach einiger Zeit jedoch war dieser verschwunden, wie, das wußte niemand so recht, und Bill hatte die Führerschaft übernommen und hatte die Grundsätze seines Lehrers mit beträchtlicher Energie weiterentwickelt. Der Verschwundene hatte einen Zug von höherer Philosophie gehabt und sich mit dem Problem der »Rassenveredlung« und der Erzeugung des Übermenschen beschäftigt – was sich in der Praxis darin äußerte, daß vor allem er selbst und in etwas beschränkterem Maße auch seine kleine Bande sehr häufig heiratete. Bill betätigte diese Idee mit einem Enthusiasmus, der sogar seine Popularität bei seinen Jüngern beeinträchtigte. Eines Tages hatte er zufällig Edna getroffen, die ihre Schweine fütterte, und hatte sogleich mit großer Dringlichkeit angefangen, ihr inmitten ihrer Spülichttröge den Hof zu machen. Edna hatte tapfer Widerstand geleistet, aber er zeigte sich sehr energisch und außerordentlich ungeduldig. Er konnte, wie sie sagte, jeden Augenblick kommen. Und sie blickte Bert in die Augen. Sie waren wieder in den barbarischen Zustand zurückversetzt, in dem ein Mann für seine Liebe kämpfen muß.

Leider gerät hier die Wahrheit mit der ritterlichen Tradition in Konflikt. Man würde mit Vergnügen berichten, wie Bert auszog, um seinen Nebenbuhler zu fordern, wie ein Ring gebildet und ein kühner Zweikampf ausgefochten wurde, in dem Bert durch ein Wunder von Tapferkeit und Liebe und Glück Sieger blieb. Tatsächlich aber geschah nichts von alledem. Statt dessen lud Bert mit großer Sorgfalt seinen Revolver und saß darauf im guten Zimmer des Landhauses neben der verlassenen Ziegelei, sorgenvoll und bestürzt, horchte auf die Berichte über Bill und Bills Gewohnheiten und dachte nach. Dann verkündete plötzlich Ednas Tante mit aufgeregter Stimme das Nahen dieser Persönlichkeit. Er kam mit zwei andern seiner Bande zur Gartentür herein. Bert stand auf, schob die Frauen beiseite und blickte hinaus. Es waren merkwürdige Gestalten. Sie trugen eine Art Uniform aus roten Golfjacketts und weißen Sweatern, dazu Fußballbeinkleider und Strümpfe und Schuhe; bei der Wahl der Kopfbedeckung hatte anscheinend jeder seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Bill trug einen Frauenhut voller Hahnenfedern; alle Hüte hatten wilde, umgeschlagene Cowboykrempen.

Bert seufzte und stand in tiefen Gedanken, und Edna beobachtete ihn neugierig. Die beiden Frauen standen ganz still. Er verließ das Fenster und ging hinaus in den Flur, ziemlich langsam und mit dem bekümmerten Ausdruck eines Mannes, der über eine verwickelte und unsichere Sache nachdenkt. »Edna!« rief er. Als sie kam, öffnete er die Haustür.

Dann fragte er ganz einfach, auf den vordersten der drei deutend: »Ist er das? … Sicher?« … Und als sie erwiderte, ja, das wäre er, schoß er seinen Nebenbuhler augenblicklich und mit großer Genauigkeit mitten durch die Brust. Darauf schoß er Bills Brautführer, mit sehr viel weniger Präzision, eine Kugel in den Kopf und streifte mit einem Schuß den dritten Mann, der floh. Der dritte Bursche kreischte und rannte, sich duckend, weiter.

Jetzt stand Bert still und überlegte, die Pistole in der Hand, und ohne auf die Frauen hinter ihm zu achten.

Soweit war alles gut gegangen.

Es ward ihm klar, daß man ihn, falls er sich nicht sofort in die Politik stürzte, als Mörder hängen würde. Also ging er, ohne zu den Frauen überhaupt ein Wort zu sprechen, nach dem Dorfwirtshaus hinunter, an dem er vor einer Stunde auf seinem Weg zu Edna vorübergekommen war, trat durch die hintere Tür ein, bot der kleinen Bande von zweideutigen Lümmeln, die im Schenkzimmer tranken und die Ehe im allgemeinen und Bills zarte Gefühle neidvoll und witzig besprachen, die Stirn, wobei er wie zufällig seinen sorgfältig wieder geladenen Revolver in der Hand hielt, und forderte sie auf, einem unter seiner Leitung stehenden »Sicherheitskomitee« – wie er es bedauerlicherweise nannte – beizutreten. »Wir brauchen das hier, und ein paar von uns wollen sich dazu zusammentun.« Er gebärdete sich als ein Mensch, der überall Freunde hatte, wiewohl er tatsächlich auf der weiten Welt keine hatte als Edna und ihre Tante und zwei Kusinen.

Eine hastige, aber respektvolle Erörterung der Situation folgte. Sie hielten ihn für einen Narren, der zufällig in diese Nachbarschaft geraten war, ohne etwas von Bill zu wissen, und sie wollten Zeit gewinnen, bis ihr Führer käme. Bill würde ihn schon abfertigen. Und jemand redete von Bill.

»Bill ist tot«, sagte Bert. »Ich hab' ihn eben erschossen. Mit ihm brauchen wir nicht mehr zu rechnen. Er ist erschossen, und ein rothaariger Kerl, der schielt, ist auch erschossen. Das haben wir alles schon erledigt. Einen Bill gibt's von jetzt ab überhaupt nicht mehr. Er hatte verdrehte Ideen über das Heiraten und so was im Kopf. Grade hinter der Sorte von Burschen sind wir her.«

Das entschied die Versammlung.

Bill wurde ohne Zeremonien begraben, und an seiner Statt regierte das Sicherheitskomitee (denn so wurde es auch fernerhin genannt).

Und das ist das Ende der Geschichte, soweit sie Bert Smallways betrifft. Wir lassen ihn bei seiner Edna, wo er zwischen Lehmboden und Eichendickichten, fern vom Strom der Ereignisse, ein Ansiedler wird. Von dieser Zeit an wird sein Leben eine Reihenfolge von ländlichen Vorfällen, eine Welt voller Schweine und Hühner und alltäglicher Bedürfnisse und kleiner Haushaltungssorgen und Kinder, bis Clapham und Bun Hill und das ganze Leben des wissenschaftlichen Zeitalters für Bert nichts anderes mehr waren als die verblassende Erinnerung an einen Traum. Er erfuhr nie, wie der Krieg in der Luft weiterging oder ob er überhaupt weiterging. Ab und zu kam ein Gerücht von Geschehnissen in der Gegend von London, von Luftschiffen, die kamen und gingen. Ein- oder zweimal fiel ihr Schatten auf ihn während er arbeitete, aber woher sie kamen und wohin sie gingen, wußte er nicht. Sogar sein Wunsch, zu erzählen, erstarb aus Mangel an Nahrung. Zeitweilig kamen Räuber und Diebe, oder unter dem Vieh brachen Seuchen aus, oder das tägliche Brot wurde knapp; einmal machte ein Rudel Wolfshunde die Gegend unsicher, und er half sie töten. Er hatte viele belanglose, zwecklose Abenteuer und überlebte sie alle.

Unheil und Tod kamen ihnen dann und wann nahe und gingen vorüber, und sie liebten und litten und waren glücklich, und sie gebar ihm viele Kinder – elf Kinder nacheinander, von denen nur vier den unvermeidlichen Beschwerden ihres primitiven Lebens erlagen. Sie lebten und gediehen, so wie man das Gedeihen in jenen Tagen verstand. Und sie gingen den Weg alles Fleisches, Jahr um Jahr.

 


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