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6.
Wie der Krieg über New York kam

I

Die Stadt New York war im Jahr des deutschen Angriffs die ausgedehnteste, reichste, in vieler Hinsicht die prächtigste und in mancher die lasterhafteste Stadt, die die Welt je gesehen hatte. Sie war der erstklassige Typ der Stadt des wissenschaftlich-kommerziellen Zeitalters. Seine Größe, seine Macht, sein harter, gesetzloser Unternehmungsgeist und seine soziale Desorganisation fanden in ihr den auffallendsten und vollkommensten Ausdruck. Sie hatte London, das sich mit Stolz das moderne Babylon nannte, längst überflügelt; sie war das Zentrum der Weltfinanz, des Welthandels und der Weltlust; und die Menschen verglichen sie mit den apokalyptischen Städten der alten Propheten. Sie sog in sich den Reichtum eines Kontinents auf, so wie Rom den Reichtum des Mittelmeers und Babylon den Reichtum des Orients aufgesogen hatten. In ihren Straßen fand man die Extreme von Pracht und Elend, von Zivilisation und Ordnungslosigkeit. In dem einen Viertel reckten sich Paläste aus Marmor, überrieselt und gekrönt von Licht und Flammen und Blumen, in unbeschreiblicher Schönheit in ein wunderbares Zwielicht empor; in dem anderen hungerte eine schwarze, finstere, aus allen Zungen zusammengewürfelte Bevölkerung in unbeschreiblichen Haufen … in Höhlen und Rattenlöchern, von deren Vorhandensein die Behörden keine Ahnung und über die sie keine Gewalt hatten. Ihre Laster, ihre Verbrechen, ihre Gesetze, alle entsprangen aus ein und demselben leidenschaftlichen und furchtbaren Lebensdrang, und wie in den großen Städten des mittelalterlichen Italien waren auch ihre Wege dunkel und abenteuerlich und voll von inneren Kriegen …

Die eigentümliche Form der Insel Manhattan, die auf allen Seiten von Meeresarmen eingezwängt und, mit Ausnahme eines schmalen, nach Norden gehenden Gürtels, zu jeder bequemeren Ausdehnung ungeeignet war, gab den New Yorker Architekten den ersten Anstoß zu außergewöhnlichen vertikalen Dimensionen. Alles, was sie brauchten, wurde ihnen reichlich geliefert – Geld, Material, Arbeit; bloß an Raum mangelte es. Sie bauten also im Anfang notgedrungen hoch. Aber dies hieß eine ganz neue Welt architektonischer Schönheit, wundervoller, aufsteigender Linien entdecken; und lange nachdem die Enge des Zentrums durch unterseeische Tunnels, vier kolossale Brücken über den East River und ein Dutzend Einschienenbahnen nach Osten und Westen entlastet war, ging das Wachstum in die Höhe noch immer weiter. In vieler Hinsicht waren New York und seine üppige Plutokratie eine Wiederholung von Venedig, so zum Beispiel in der Pracht ihrer Architektur, ihrer Malerei, ihrer Metallarbeiten, ihrer Skulptur, in der grausamen Intensität ihres politischen Vorgehens, in ihrem Übergewicht in Schiffahrt und Handel. Aber keinem früheren Staat glich es in der laxen Ordnungslosigkeit seiner inneren Verwaltung, einer Laxheit, die weite Teile seines Gebiets unerhört gesetzlos machte, so daß es vorkommen konnte, daß ganze Distrikte nicht passierbar waren, weil der Bürgerkrieg von Straße zu Straße tobte, und daß mitten in ihrem Herzen ein Alsatia Londoner Stadtbezirk, der in früheren Zeiten ein Asyl für Verbrecher war. Anm.d. Übers. existierte, in das die Polizei nie einen Fuß setzte. Es war ein Mahlstrom des Heidentums. Die Flaggen aller Nationen wehten in seinem Hafen, und die jährlich über den Ozean kommenden und gehenden Schiffe zählten alles in allem mehr als zwei Millionen Menschen. Für Europa war New York Amerika. Für Amerika war es die Pforte der Welt.

Aber die Geschichte New Yorks schreiben, hieße eine soziale Geschichte der Welt schreiben. Heilige und Märtyrer, Träumer und Schurken, die Traditionen von tausend Rassen und tausend Religionen [nährten] sein Blut, pulsierten und drängten sich in seinen Straßen. Und über all diesem wirren Strom von Menschen und ihrem tausendfachen Streben flatterte das seltsame Banner, die Sterne und Streifen, die gleichzeitig das Edelste im Leben und das Unedelste bedeuten: auf der einen Seite die Freiheit und auf der anderen die gemeine Eifersucht, die das ichsüchtige Individuum dem allgemeinen Streben des Staates gegenüber empfindet …

Viele Generationen hindurch hatte New York sich um Krieg nicht gekümmert, außer als etwas, das irgendwo in der Ferne vor sich ging, das die Preise beeinflußte und die Zeitungen mit sensationellen Schlagzeilen und Illustrationen füllte. Die New Yorker fühlten sich vielleicht noch sicherer als einst die Engländer, daß der Krieg in ihrem eigenen Land etwas Unmögliches sei. Sie teilten hierin den Wahn von ganz Nordamerika. Sie fühlten sich so sicher wie die Zuschauer bei einem Stierkampf: sie riskierten vielleicht ihr Geld dabei; das war alles. Die Ideen vom Krieg, wie die Amerikaner im allgemeinen sie besaßen, waren aus dem engbegrenzten, malerischen, abenteuerlichen Krieg der Vergangenheit geschöpft. Sie sahen den Krieg, wie sie die Geschichte sahen – durch einen regenbogenfarbenen Nebel – romantisch – parfümiert – all seine tatsächlichen Grausamkeiten taktvoll verhüllt. Sie seufzten ihm nach als etwas Hohem, Veredelndem, sie bedauerten, daß sie selbst das nicht mehr erleben konnten. Sie lasen mit Interesse, ja mit Gier, von ihren neuen Geschützen, ihren ungeheuerlichen und immer ungeheuerlicheren Panzerschiffen, ihren unglaublichen und immer unglaublicheren Explosivgeschossen, aber was diese gewaltigen Zerstörungsmaschinen für ihr persönliches Leben zu bedeuten haben könnten – das war das einzige, was ihnen nicht in den Kopf wollte. Soweit man aus der damaligen Literatur entnehmen kann, dachten sie überhaupt nicht, daß sie für ihr persönliches Leben etwas bedeuteten. Sie dachten, Amerika säße sicher hinter all seinen aufgestapelten Geschossen. Sie schwenkten ihr Banner, sie schrien Hurra aus alter Gewohnheit und Tradition, sie verachteten die anderen Nationen, und wenn es irgendeine internationale Schwierigkeit gab, waren sie unendlich patriotisch, das heißt sie waren Feuer und Flamme gegen jeden ihrer eigenen Politiker, der nicht das gegnerische Volk in Wort und Tat laut beschimpfte und bedrohte. Sie trotzten Asien, sie trotzten Deutschland, sie trotzten Großbritannien in einer Weise, daß die internationale Haltung des Mutterlandes seiner großen Tochter gegenüber in der zeitgenössischen Karikatur ständig mit der eines Pantoffelhelden einer boshaften jungen Xanthippe gegenüber verglichen wurde. Und im übrigen gingen sie ihrem Geschäft und Vergnügen nach, als wäre mit dem Megatherium auch der Krieg ausgestorben …

Und dann – plötzlich – in diese Welt, die sich in aller Friedlichkeit hauptsächlich mit Kriegsrüstung und der Vervollkommnung von Geschossen beschäftigte – kam der Krieg – kam der plötzliche Schock der Erkenntnis, daß all diese Kanonen losgingen, daß all diese Massen entzündlichen Materials, die über alle Welt verbreitet waren, in Flammen standen …!

 

II

Die unmittelbare Wirkung, die der unvermittelte Ausbruch des Kriegs auf New York hatte, war zunächst einfach eine Steigerung seines normalen Lebensfiebers.

Die Zeitungen und Zeitschriften, von denen der amerikanische Geist sich nährte – Bücher waren für diesen ungeduldigen Kontinent überhaupt nur noch Material für Sammler –, waren sofort ein wahres Feuerwerk von Kriegsbildern und Schlagzeilen, die aufschossen wie die Raketen und zersprangen wie die Granaten. Zu dem schon im normalen Zustand hochgespannten Getriebe der New Yorker Straßen kam noch ein Anfall von Kriegsfieber. Um das Farragut-Denkmal im Madison Square sammelten sich, hauptsächlich um die Mittagsstunde, große Menschenmengen, um patriotischen Reden zu lauschen und Hurra zu schreien; und eine wahre Epidemie kleiner Flaggen und Kokarden verbreitete sich unter die Riesenströme von jungen, eiligen, hastenden Leuten, die morgens mit der Tram und der Einschienenbahn, der Untergrundbahn oder mit dem Zug nach New York hereinfluteten, um zwischen fünf und sieben wieder heimwärts zu ebben. Es war geradezu lebensgefährlich, keine Kriegskokarde zu tragen. Die luxuriösen Tingeltangels jener Zeit spitzten jede Nummer auf Patriotismus zu und waren der Schauplatz von Szenen des wildesten Enthusiasmus; starke Männer weinten wie die Kinder beim Anblick des von der gesamten Stärke des Balletts gehaltenen Nationalbanners; Extrailluminationen und Scheinwerfer strahlten aus allen Ecken und Winkeln. Die Kirchen hallten, in ernstem Ton und gemäßigterem Tempo, die nationale Begeisterung wider, und die Vorbereitungen der Marine- und Luftschifferabteilung am East River hatten einen schweren Stand der Unmenge von Vergnügungsdampfern gegenüber, die sie, hilfsbereit und Hurra schreiend, umdrängten. Der Handel in kleineren Waffen stieg enorm, und viele der überreizten Bürger fanden in ihrer Erregung eine momentane Erleichterung durch das Loslassen von Feuerwerken mehr oder minder heroischen, gefährlichen und nationalen Charakters in den öffentlichen Straßen. Im Zentralpark wurden die an Schnüren herumgezerrten Kinderluftballons letzten Modells bald ein ernstliches Hindernis für die Fußgänger. Und unter Szenen unbeschreiblicher Erregung und mit Übergehung zahlreicher Gesetze und Präzedenzfälle brachte der Senat zu Albany in einer permanenten Sitzung die lang umstrittene Bill für allgemeine Wehrpflicht im Staat New York durch beide Häuser.

Beurteiler des amerikanischen Charakters sind geneigt, zu behaupten, daß bis zu dem Moment, in dem der Angriff der Deutschen wirklich erfolgte, die New Yorker den Krieg viel zu sehr als eine politische Demonstration behandelten. Mit dem Tragen von Kokarden, dem Schwenken von Flaggen, mit Feuerwerken und patriotischen Liedern hätten sie, so sagen sie, weder den Deutschen noch den Japanern je irgendwelchen Schaden zugefügt. Sie vergaßen, daß unter den durch ein Jahrhundert der Wissenschaft geschaffenen Bedingungen für Kriegführung der nichtmilitärische Teil der Bevölkerung seinen Feinden überhaupt in keiner Form irgendwelchen Schaden zufügen konnte, daß darum also kein Grund vorhanden war, weshalb sie sich nicht so betragen sollten, wie sie das taten. Die militärische Stärke einer Nation lag jetzt nicht mehr in den Händen der vielen, sondern in denen weniger, ging vom allgemeinen über zum einzelnen. Die Tage, in denen kampfbegeisterte Infanterie noch Schlachten entschieden hatte, waren für immer vorüber. Heute war der Krieg ein komplizierter Mechanismus, der auf einer Ausbildung und Geschicklichkeit einzelner in Einzelheiten allerverwickeltster Art beruhte. Er war undemokratisch geworden. Und was auch der Wert oder Unwert des allgemeinen Enthusiasmus gewesen sein möge – jedenfalls läßt sich nicht leugnen, daß das kleine stehende Institut der Regierung der Vereinigten Staaten, als es sich plötzlich und gänzlich unerwartet dieser Tatsache eines bewaffneten Einfalls von seiten Europas gegenübersah, mit Energie, Klugheit und Erfindungsgabe vorging. Es wurde – sofern die diplomatische Situation in Betracht kam – überrumpelt und seine Vorbereitungen zum Bau von Schiffen oder Aeroplanen waren – im Vergleich mit den riesigen des deutschen Parks – wertlos. Trotzdem machten sie sich sofort daran, der Welt zu beweisen, daß der Geist, der die »Monitor« und die Unterseeboote von 1864 geschaffen hatte, nicht tot war. Der Chef des aeronautischen Instituts bei West Point war Cabot Sinclair; und nur einen Moment lang gestattete er sich, der Neigung zum Volksredenhalten nachzugeben, die so allgemein war in jener demokratischen Zeit. »Wir haben uns unseren Nachruf selbst gewählt!« sagte er zu einem Reporter. ›Sie haben getan, was sie konnten!‹ soll er lauten. Und damit – adieu!«

Das Merkwürdige bei der Sache ist, daß wirklich alle alles taten, was sie konnten; man weiß von nicht einer Ausnahme. Der einzige Mangel war Mangel an Stil.

Einer der – historisch genommen – auffallendsten Umstände in der Geschichte dieses Krieges und der Umstand, der die völlige Trennung zwischen den Methoden der Kriegführung und der Notwendigkeit einer Unterstützung von Seiten des Volkes am schärfsten markierte, ist die absolute Verschwiegenheit, die die Washingtoner Autoritäten über ihre Luftschiffe bewahrten. Auch nicht eine Maßnahme ihrer Vorbereitungen vertrauten sie der Öffentlichkeit an. Nicht einmal zum Kongreß davon zu sprechen ließen sie sich herab. Jede Frage erstickten oder umgingen sie. Der ganze Krieg wurde vom Präsidenten und von den Ministern in absolut autokratischem Sinn geführt. Wo sie die Öffentlichkeit suchten, geschah es nur, um etwaiger ungeschickter Agitation vorzubeugen oder um bestimmte Punkte zu verteidigen. Sie waren sich klar darüber, daß die Hauptgefahr bei einer Luftkriegführung seitens eines so erregbaren und intelligenten Volks darin lag, daß dieses lokale Luftschiffe und Aeroplane zur Verteidigung lokaler Interessen fordern würde. Bei den Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, konnte dies zu einer fatalen Spaltung und Zersplitterung der nationalen Kräfte führen. Hauptsächlich fürchteten sie, daß sie in eine verfrühte Aktion zur Verteidigung New Yorks gedrängt werden könnten. Sie sahen mit prophetischer Einsicht voraus, daß dies gerade der Vorteil war, den die Deutschen suchen würden. Darum gaben sie sich die äußerste Mühe, die öffentliche Meinung von jedem Gedanken an eine Luftschlacht ab- und auf die Defensivartillerie zuzulenken. Ihre eigentlichen Vorbereitungen maskierten sie unter Scheinvorbereitungen. In Washington befand sich eine große Reserve von Marinegeschützen; und diese wurden rasch, sehr öffentlich und unter großer Aufmerksamkeit seitens der Presse unter die Städte im Osten verteilt. Sie wurden zum größten Teil auf Hügeln und Anhöhen um die bedrohten Zentren der Bevölkerung aufgestellt. Sie waren montiert auf einer Art Doanschen Drehböden, die zu jener Zeit für schwere Geschütze das größte vertikale Schußfeld ermöglichten. Ein großer Teil dieser Geschütze war noch nicht montiert, und fast alle waren noch ungeschützt, als die deutsche Luftflotte New York erreichte. Und drunten, in den menschenwimmelnden Straßen, erbauten sich, als dies geschah, die Leser der New Yorker Zeitungen an wunderbaren und wunderbar illustrierten Berichten über Dinge, wie:

 

Das Geheimnis des Blitzes.

Vervollkommnung des elektrischen Geschützes durch einen Gelehrten. Elektrische Vernichtung von Luftschiffbesatzungen von unten. Washington bestellt fünfhundert Stück. Kriegsminister Lodge äußert seinen Beifall. Ausspruch des Kriegsministers: Wir werden damit den Deutschen »von Grund aus« imponieren. Der Präsident spricht dem Minister öffentlich seine Anerkennung für dies launige Motto aus.

 

III

Die deutsche Flotte erreichte New York, noch ehe die Nachricht von der Niederlage der Amerikaner im Atlantik angelangt war. Sie erreichte New York spät am Nachmittag. In Ocean Grove und Long Branch entdeckte man sie zuerst, wie sie rasch von Süden her übers Wasser kam und in nordwestlicher Richtung weitereilte. Das Flaggschiff passierte fast vertikal über das Observatorium von Sandy Hook weg, indem es dabei rasch in die Höhe stieg; und wenige Minuten später erzitterte ganz New York unter den Kanonen von Staten Island.

Mehrere dieser Kanonen, hauptsächlich die in Gifford und eine auf Beacon Hill über Matavan, waren hervorragend gut bedient. Die erstere sandte, in einer Entfernung von fünf Meilen und mit einer Erhöhung von sechstausend Fuß, eine Granate aus, die so dicht an der »Vaterland« krepierte, daß ein Splitter eine Scheibe im Vorderfenster des Prinzen zertrümmerte. Bei dieser plötzlichen Explosion zog Bert seinen Kopf so geschwind ein wie eine erschreckte Schildkröte. Die ganze Luftflotte stieg sogleich senkrecht zu einer Höhe von ungefähr zwölftausend Fuß auf und flog unangefochten über die wirkungslosen Geschosse weg. Die Luftschiffe bildeten nun, während sie sich vorwärts bewegten, ein abgeplattetes V, mit der Spitze nach der Stadt zu; das Flaggschiff zuoberst an der Spitze. Die beiden Enden des V nahmen ihren Weg über Plumfield und Jamaica Bay, und der Prinz nahm seinen Kurs etwas östlich von der Meerenge, flog über Upper Bay und hielt über der Stadt Jersey, in einer Position, die das südliche New York beherrschte. Und so – groß und wunderbar, im Abendschein, in heiterer Nichtachtung der gelegentlichen Raketenexplosionen und blitzenden Granatenkrache – hingen die Ungetüme jetzt über New York.

Es war eine Pause gegenseitiger Inaugenscheinnahme. Eine Zeitlang erstickte die naive Menschlichkeit sämtliche Konventionen des Krieges. Das Interesse der Millionen unten und der Tausende oben war beiderseitig ein rein zuschauerisches. Es war ein ungewöhnlich schöner Abend – nur wenige dünne, waagrechte Wolkenstreifen unterbrachen in einer Höhe von sieben- oder achttausend Fuß etwa seine leuchtende Klarheit. Der Wind hatte sich gelegt; es war ein unendlich friedvoller, stiller Abend. Die schweren Erschütterungen der fernen Kanonen und die gelegentlichen harmlosen Feuerwerke in der Höhe der Wolken schienen so wenig von Gewalt und Tod, von Schrecken und Unterwerfung zu wissen wie ein Salut bei einer Flottenparade. Unten wimmelte jeder kleinste Punkt, der einen Ausblick bot, von Zuschauern; die Dächer der hohen Gebäude, die öffentlichen Plätze, die eiligen Fährboote, jede günstige Straßenkreuzung, alles war voller Menschen; alle Flußkais waren gedrängt voll, Battery Park war vollständig schwarz von Oststadtbevölkerung, und jede günstige Stelle im Zentralpark und am Riverside Drive hatte ihre besondere und charakteristische Menschenansammlung aus den umliegenden Straßen. Die Trottoirs der großen Brücke über den East River waren ebenfalls dicht gedrängt und vollgepackt. Überall hatten die Kaufleute ihre Läden, die Männer ihre Arbeit, die Frauen und Kinder die Häuser verlassen, um das Wunder zu sehen.

» Das geht« – so erklärten sie – »doch noch über die Zeitungen!«

Und von oben starrten die meisten von der Besatzung der Luftschiffe mit gleicher Neugier hinab. Keine Stadt in der Welt war so herrlich gelegen wie New York, so großartig umrahmt von Meer und Klippen und Strom, so bewundernswert eingeteilt, daß die Wirkung der großen Gebäude, die riesigen Komplexe von Brücken, Einschienenbahnen und sonstigen Leistungen der Ingenieurkunst so ganz zur vollen Geltung kamen. London, Paris, Berlin waren unförmliche, unvornehme Massenanhäufungen daneben. Sein Hafen reichte ihm bis ans Herz, wie der von Venedig, und wie Venedig war es selbstbewußt, dramatisch, stolz. Von oben gesehen wimmelte es von Tausenden von Zügen und Trambahnen; an tausend Punkten belebte es sich schon mit flimmerndem Licht. New York hatte diesen Abend seinen guten Tag – seinen allerbesten Tag.

»Alle Wetter! Was für eine Stadt!« sagte Bert.

Es war so groß und in seiner Gesamtwirkung so friedvoll-prächtig, daß es zu bekriegen so maßlos sinnwidrig erschien, wie etwa eine Belagerung der Nationalgalerie oder ein Angriff mit Streitaxt und Rüstung auf anständige Leute in einem Hotelspeisesaal. Es war in seiner Ganzheit so weitgestreckt und so zusammengedrängt, so unermeßlich und von solcher Feinheit, daß, es dem Kriegsgeschick zu überliefern, nicht anders war, als ob man mit dem Brecheisen in den Mechanismus einer Uhr eindränge. Und der fischartige Schwarm der großen Luftschiffe, die leicht und sonnbeglänzt da oben schwebten und den Himmel füllten, schien gleich weit entfernt von der häßlichen Gewalttätigkeit des Krieges. Kurz, Smallways und ich weiß nicht wie viele sonst von der Luftflotte empfanden diese Widersinnigkeit nur allzu deutlich. Aber im Kopf des Prinzen Karl Albert spukten die Geister der Romantik: er war ein Eroberer, und dies war die Stadt des Feindes. Je größer die Stadt, desto größer der Triumph. Er – ohne Zweifel – empfand da oben in dieser Nacht nichts als ein unermeßliches Frohlocken und berauschte sich wie nie zuvor am Hochgefühl der Macht.

Schließlich kam das Ende der Pause. Verschiedene drahtlose Verhandlungen hatten zu keinem günstigen Resultat geführt, und Flotte und Stadt erinnerten sich, daß sie feindliche Mächte waren.

»Seht!« rief die Menge unten … »Seht!«

»Ja – was …?«

Durch die Dämmerung senkten sich fünf Luftschiffe zum Angriff herab, eins nach der Marinestation am East River, eins nach dem Stadthaus, der City Hall, zwei über die großen Geschäftshäuser von Wall Street und dem unteren Broadway, eins nach der Brooklynbrücke; leicht und rasch sanken sie aus den Reihen ihrer Kameraden durch die von fernen Kanonen bedrohte Zone bis in die sichere Nähe des Stadtmassivs. Bei diesem Anblick hielten alle Trambahnen mit dramatischer Plötzlichkeit an, und alle Lichter, die sich in Straßen und Häusern entzündet hatten, erloschen. Denn das Stadthaus war erwacht, konferierte telefonisch mit dem Oberkommando und traf Maßnahmen zur Verteidigung. Das Stadthaus verlangte Luftschiffe, verweigerte die Übergabe, die Washington riet, und entwickelte sich zu einem Zentrum äußerster Aufregung und fieberhafter Tätigkeit. Die Polizei begann in größter Hast überall die Menschenansammlungen auseinanderzutreiben. »Nach Hause«, sagte sie – und die Worte gingen von Mund zu Mund – »es wird ernst!« Ein ahnungsvolles Bangen durchlief die Stadt, Männer, die in der ungewohnten Dunkelheit durch den Stadthauspark und über Union Square eilten, stießen plötzlich auf schattenhafte Umrisse von Kanonen und auf Soldaten, die sie anriefen und zurückschickten. Binnen einer halben Stunde war New York aus heiterem Sonnenuntergang und offenmäuliger Bewunderung in angstvolles, drohendes Dämmerlicht versunken.

Den ersten Verlust an Menschenleben brachte die panische Flucht von der Brooklynbrücke, als das Luftschiff sich dieser näherte.

Eine ungewohnte Stille kam über New York mit dem Stocken des Verkehrs; das Grollen der rings auf den Hügeln in vergeblicher Verteidigung donnernden Kanonen wurde immer lauter. Endlich hörte auch das auf. Eine Pause von weiteren Unterhandlungen folgte. Die Menschen saßen im Dunkeln und versuchten, sich Rat zu holen an Telefonen, die stumm blieben. Dann kam in das erwartungsvolle Schweigen hinein ein donnernder Krach und Tumult, der Einsturz der Brooklynbrücke, das Gewehrfeuer von der Marinestation und das Platzen der Bomben in Wall Street und im Stadthaus. New York – an sich – vermochte nichts zu tun – nichts zu verstehen. New York spähte und lauschte im Dunkeln diesen fernen Geräuschen, bis sie bald darauf erstarben, so plötzlich, wie sie begonnen hatten. »Was mochte draußen geschehen?« Man fragte umsonst.

Eine lange, unbestimmte Zeit verfloß; und die Menschen, die in den oberen Stockwerken aus den Fenstern sahen, bemerkten die dunklen Rümpfe der deutschen Luftschiffe, die langsam und lautlos ganz dicht vorüberglitten. Dann waren plötzlich – ganz ruhig – die elektrischen Lichter wieder da, und ein Tumult von nächtlichen Zeitungsverkäufern erhob sich in den Straßen.

Und die ganze große Masse jener ungeheuren und tausendartigen Bevölkerung kaufte und erfuhr, was geschehen war: ein Kampf hatte stattgehabt, und New York hatte die weiße Flagge gehißt …

 

IV

Die beklagenswerten Ereignisse, die der Übergabe New Yorks folgten, erscheinen heute – beim Rückblick – nur als notwendige und unvermeidliche Folgen des Zusammenstoßes zwischen den durch das wissenschaftliche Jahrhundert geschaffenen Apparaten und sozialen Verhältnissen einerseits und der Tradition eines primitiven romantischen Patriotismus anderseits. Zuerst nahmen die Menschen die Tatsache mit einer Art unpersönlichen Gleichmuts auf, ungefähr, wie sie eine Zugstockung während einer Fahrt oder die Errichtung eines öffentlichen Denkmals durch die Stadt, der sie angehörten, aufgenommen hätten.

»Wir haben kapituliert! Herrje! Wirklich?« In dieser Art ungefähr wurden die ersten Nachrichten aufgenommen. Man nahm es im selben zuschauerischen Sinn, wie man ihn beim ersten Erscheinen der Luftflotte gezeigt hatte. Nur ganz langsam mischte sich in diesen Begriff der Kapitulation eine Aufwallung patriotischer Leidenschaft; erst durch Reflexion kam man zu einer persönlichen Stellungnahme. »Wir haben kapituliert!« Und dann – später: »Wir haben kapituliert!« – »In uns ist Amerika besiegt!« Jetzt begann es in ihnen zu prickeln und zu brennen …

Die Zeitungen, die etwa gegen ein Uhr morgens herauskamen, enthielten keine näheren Nachrichten über die Bedingungen, unter welchen New York kapituliert hatte; sie machten auch keinerlei Angaben über die eigentliche Beschaffenheit des Konflikts, der der Übergabe vorausgegangen war. Die späteren Ausgaben holten diese Mängel nach. Es kam ein ausführlicher Bericht über den geschlossenen Vertrag: Verpflegung der deutschen Luftschiffe, Lieferung von Sprenggeschossen und Ersatz für die im heutigen Gefecht und bei der Vernichtung der Nordatlantikflotte verbrauchten, ein ungeheures Lösegeld von vierzig Millionen Dollar und Übergabe der Flottille im East River. Ferner kamen immer längere und längere Beschreibungen der Sprengung des Stadthauses und der Marinestation, und die Menschen begannen nach und nach zu begreifen, was diese kurzen Minuten des Tumults eigentlich bedeutet hatten. Sie lasen von Menschen, die in Stücke gerissen worden waren, von vergebens geopferten Soldaten, die in dieser lokalisierten Schlacht wider alle Hoffnung, inmitten eines unbeschreiblichen Zusammenbruchs, gekämpft hatten, von Flaggen, die von weinenden Männern niedergeholt wurden. Und diese seltsamen nächtlichen Ausgaben enthielten auch die ersten kurzen Depeschen von Europa über die Vernichtung der Nordatlantikflotte, die immer New Yorks ganz besonderer Schützling und Stolz gewesen war. Langsam, Stunde um Stunde, erwachte das Gesamtbewußtsein – und kam die Flut patriotischer Bestürzung und Demütigung hereingeströmt. Amerika hatte eine Niederlage erlitten. Und New York entdeckte plötzlich, mit einem Staunen, das einer unaussprechlichen Wut wich, daß es eine eroberte Stadt in der Hand des Eroberers war.

Als diese Tatsache im Geist der Bevölkerung Form und Gestalt annahm, da loderte, wie Flammenlodern, erbitterte Empörung auf.

»Nein!« rief New York, im Morgengrauen erwachend. »Nein! Ich bin nicht besiegt! Es ist ein Traum!«

Noch vor Tagesanbruch durchlief der rasche amerikanische Grimm die ganze Stadt, jede einzelne Seele dieses Millionen-Ansteckungsherds. Noch ehe er zur Tat ward, noch ehe er Gestalt gewann, fühlten die Männer in den Luftschiffen diesen gigantischen Gefühlsaufruhr, wie die Tiere und die stumme Kreatur das Kommen des Erdbebens fühlen. Die Zeitungen der Knypepartei waren die ersten, die der Sache Ausdruck und Form verliehen. »Wir geben unsere Einwilligung nicht«, hieß es einfach. »Wir sind überrumpelt worden.« Überall hörte man diese Worte, sie gingen von Mund zu Mund, an jeder Straßenecke standen im bleichen Licht der Morgendämmerung Redner, die an den Geist Amerikas appellierten und seine Schmach jedem Zuhörer zu ganz persönlicher Wichtigkeit machten. Niemand tat ihnen Einhalt. Und Bert, der fünfhundert Fuß darüber herablauschte, schien es, als ob diese Stadt, die anfänglich nur voll wirren und unklaren Lärms gewesen war, jetzt summte wie ein Korb voll Bienen – voll sehr wütender Bienen.

Nach der Sprengung des Stadthauses und des Postamts war auf einem Turm des alten Park-Row-Gebäudes die weiße Flagge gehißt worden; dorthin hatte sich auch, gedrängt von den geängstigten Grundbesitzern des südlichen New York, der Oberbürgermeister O'Hagen begeben, um mit dem Grafen Winterfeld wegen der Kapitulation zu unterhandeln. Die »Vaterland«, die den Sekretär an einer Strickleiter herabgelassen hatte, blieb in der Tiefe schweben, indem sie ganz langsam über die großen alten und neuen Gebäude, die sich um den Stadthauspark drängten, kreiste, während die »Helmholtz«, die dort gekämpft hatte, zu einer Höhe von ungefähr zweitausend Fuß aufstieg. Auf diese Weise sah Bert alles, was sich hier im Zentrum zutrug, von nahem mit an. Das Stadthaus und der Justizpalast, das Postamt und eine Menge von Gebäuden an der Westseite des Broadway hatten großen Schaden gelitten; die drei ersteren waren nur noch ein Haufen geschwärzter Ruinen. Bei den ersten beiden war der Verlust an Menschenleben nicht groß gewesen; aber bei der Zerstörung des Postamts war eine große Menge von Angestellten, darunter viele junge Mädchen und Frauen, verletzt oder getötet worden; und ein ganz kleines Heer von Freiwilligen mit der weißen Binde um den Arm drangen hinter der Feuerwehr ein, schleppten die zum Teil noch lebenden und fast immer entsetzlich verstümmelten Körper der Verunglückten heraus und trugen sie in das dicht dabei liegende Morsonsche Haus. Überall lenkten geschäftige Feuerwehrleute ihre klaren Wasserstrahlen auf die Glutmassen: die Schläuche lagen im ganzen Stadtviertel umher, und lange Kordons von Schutzmannschaft hielten die hauptsächlich vom Osten her sich herandrängenden schwarzen Menschenmengen von diesem Mittelpunkt der Geschehnisse fern. In starkem und auffallendem Kontrast zu dieser Szene der Zerstörung standen die ganz in der Nähe befindlichen riesigen Zeitungsverlage von Park Row. Alle waren sie hell erleuchtet und an der Arbeit; nicht einmal während von oben die Bomben gesaust kamen, hatten sich die Angestellten entfernt; jetzt waren Redaktionen und Druckereien in fieberhafter Tätigkeit, um die Geschichte, die ungeheuerliche und furchtbare Geschichte dieser Nacht, herauszubringen, ihre Kommentare dazu zu machen und in den meisten Fällen die Aufforderung zum Widerstand direkt unter den Augen der Luftschiffe zu verbreiten. Lange Zeit konnte Bert sich nicht erklären, was diese mit eherner Stirn weiterarbeitenden Büros eigentlich sein konnten; endlich vernahm er das Geräusch der Pressen und sein ewiges: »Alle Wetter!« entfuhr ihm wieder.

Jenseits dieser Zeitungspaläste und zum Teil von den Bogen der alten Hochbahn von New York (jetzt längst in eine Einschienenbahn umgewandelt) verdeckt, war wieder ein Kordon von Schutzleuten und eine Art Lager von Lazaretten und Ärzten, die um die zu Anfang der Nacht bei der Panik auf der Brooklynbrücke Getöteten und Verwundeten beschäftigt waren. All dies sah er aus der Vogelperspektive wie Geschehnisse, die in einer großen, unregelmäßig gestalteten Schlucht zwischen Felsen hoher Gebäude tief unter ihm sich ereigneten. Nach Norden überblickte er den steilen Einschnitt des Broadway, in welchem da und dort und überall Menschenhaufen sich um aufgeregte Redner drängten; wenn er die Augen aufhob, sah er die Schornsteine und Kabelmaste und Dächerplattformen von New York; auch auf diesen letzteren drängten sich, mit Ausnahme dort, wo das Feuer wütete und die Wasserstrahlen zischten, beobachtende und debattierende Gruppen. Und überall Flaggenstangen ohne Flaggen; nur über den Gebäuden von Park Row ein vereinzeltes weißes Stück Tuch, das schlapp niederhing, aufflatterte und wieder zusammensank. Und über die düsteren Lichter, die schwärende Bewegung und die intensiven Schatten dieser seltsamen Szene brach jetzt das kalte, unparteiische Tageslicht herein.

Bert Smallways sah all dies im Rahmen einer offenen Fensterluke. Es war eine blasse, schattenhafte Welt, die Welt außerhalb dieser dunklen und festen Einfassung. Die ganze Nacht hatte er sich daran festgeklammert, war aufgezuckt und erbebt vor den Explosionen, hatte gespenstische Geschehnisse beobachtet. Einmal war er hoch oben gewesen, dann tief unten. Einmal fast über jedem Geräusch, dann wieder dicht bei Donner und Lärm und Geschrei. Er hatte Luftschiffe eilig und niedrig über dunkle Straßen voller Gestöhn fliegen sehen; er hatte große Gebäude sich plötzlich inmitten der Schatten rot entzünden und unter krachenden Detonationen der Bomben zusammenschrumpfen sehen, war zum erstenmal in seinem Leben Zeuge der grotesken, schnellen Wirkung unersättlicher Feuersbrünste gewesen. Und all dem gegenüber fühlte er sich so losgelöst und unwirklich. Die »Vaterland« warf nicht eine einzige Bombe; sie beobachtete und kommandierte. Dann hatten sie sich schließlich auf den Stadthauspark herabgesenkt, und langsam, mit kaltem Entsetzen war es ihm zum Bewußtsein gekommen, daß diese lichtstrahlenden schwarzen Massen große öffentliche Gebäude waren, die in Flammen standen, und daß das Kommen und Gehen von winzigen, nebelhaften Schatten in laternenbeleuchtetem Grau und Weiß ein Einholen der Verwundeten und Toten war. Als das Licht heller wurde, begann er mehr und mehr zu verstehen, was jene zusammengeschrumpften, schwarzen Dinger bedeuteten …

Er hatte Stunde um Stunde verwacht, seit New York aus der blauen Verschwommenheit des auftauchenden Landes emporgestiegen war. Mit Tagesanbruch überwältigte ihn eine unerträgliche Müdigkeit.

Er blickte mit schweren Augen auf den rosigen Schein am Himmel, gähnte fürchterlich und kroch, leise vor sich hinflüsternd, durch die Kabine zur Truhe. Er legte sich nicht nieder – er fiel einfach darauf hin und schlief sofort ein.

So – in würdeloser Hingegossenheit und tiefem Schlummer – fand ihn nach Stunden Kurz – ein echtes Bild des vor die Probleme einer sein Verständnis übersteigenden Zeit gestellten demokratischen Geistes. Sein Gesicht war blaß und ausdruckslos, sein Mund weit offen, und er schnarchte. Er schnarchte widerlich.

Kurz betrachtete ihn einen Augenblick mit mildem Ekel. Dann stieß er mit dem Fuß gegen seinen Knöchel.

»Wachen Sie auf!« sagte er, als Smallways ihn anstarrte, »und legen Sie sich anständig hin!«

Bert setzte sich auf und rieb sich die Augen.

»Noch mehr Kampf?« fragte er.

»Nein«, sagte Kurz, und setzte sich – ein müder Mann.

»Herrgott!« rief er gleich darauf, sich mit beiden Händen das Gesicht reibend, »was gäb' ich für ein kaltes Bad! Die ganze Nacht, bis jetzt, hab' ich die Luftkammern nach etwaigen Kugellöchern durchsucht.« Er gähnte. »Ich muß schlafen. Sie machen besser, daß Sie rauskommen, Smallways. Ich kann Sie heut morgen nicht um mich haben. Sie sind so verdammt häßlich und unnütz. Haben Sie Ihre Ration schon gehabt? Nein? Na, dann gehen Sie und holen Sie sich die, und kommen Sie nicht zurück. Bleiben Sie auf der Galerie …«

 

V

So nahm denn Bert, etwas erfrischt durch Kaffee und Schlaf, seine hilflose Teilhaberschaft im Luftkrieg wieder auf. Er ging, wie der Leutnant befohlen hatte, auf die kleine Galerie hinunter und klammerte sich dort – in äußerster Entfernung von der Schildwache – ans Geländer, indem er sich möglichst bemühte, wie ein recht unaufdringliches und harmloses Lebensfragment auszusehen.

Von Südosten erhob sich eine ziemlich heftige Brise, die die »Vaterland« zwang, beizudrehen; sie schlingerte tüchtig, während es über der Insel Manhattan hin und wider strich. Fern im Nordwesten stiegen Wolken auf. Das Poch-Poch seiner langsam gegen den Wind anarbeitenden Schraube war viel vernehmbarer, als wenn das Schiff in voller Fahrt war, und die Reibung des Windes gegen die Unterseite seines Gasraums trieb ein Gekräusel flacher Luftwellen mit sich und verursachte ein leises, pulsierendes Geräusch, wie das Plätschern der Wellen unter dem Kiel eines Boots – nur schwächer. Die »Vaterland« war jetzt über dem Interimsstadthaus im Park-Row-Gebäude stationiert, und ab und zu ließ sie sich hinab, um die Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister und Washington wieder aufzunehmen. Aber die Unrast des Prinzen litt ihn nicht lang auf einem Fleck. Jetzt kreiste er über dem Hudson und East River; dann stieg er hoch auf, als wolle er in blaue Fernen spähen, einmal flog er so rasch und hoch, daß ihn und die Mannschaft die Bergkrankheit überfiel und er wieder hinunter mußte; auch Bert verspürte Schwindel und Übelkeit.

Die schwankende Aussicht veränderte sich mit dem Wechsel der Höhe. Einmal waren sie ganz tief und nah, und er unterschied in der stillen, ungewohnten Perspektive Fenster, Türen, die Schilder in den Straßen und hoch an den Häusern, die Menschen und kleinsten Einzelheiten und beobachtete das rätselhafte Verhalten der Mengen und Gruppen auf den Dächern und in den Straßen. Dann, während des Aufstiegs, schrumpften die Einzelheiten ein, die Seiten der Straßen zogen sich zusammen, der Ausblick wurde weiter, die Menschen verloren ihre Bedeutung. Ganz oben wirkte es wie eine konkave Reliefkarte. Bert sah das dunkle, enggedrängte Land überall von glänzenden Wassern durchschnitten, sah den Hudson River gleich einem silbernen Speer und den Lower Island-Sund gleich einem Schild. Sogar für Berts unphilosophischen Geist deutete der Kontrast zwischen der Stadt unten und der Flotte oben auf einen Gegensatz, den Gegensatz zwischen der Tradition und dem Charakter des abenteuerlichen Amerikaners und deutscher Ordnung und Disziplin. Drunten die kolossalen Gebäude, so großartig und schön sie auch waren, erschienen wie Riesenbäume eines Dschungels, die um ihr Leben kämpfen; ihre malerische Pracht war so planlos wie die Chancen von Rouge et Noir, und diese Zufälligkeit erhöhten noch der Rauch und die Verwirrung unbezwungener, immer weiter um sich greifender Feuersbrünste. Oben schwebten die deutschen Luftschiffe wie Wesen einer anderen, unendlich viel geordneteren Welt, alle nach demselben Winkel des Horizonts eingestellt, alle gleich in Bau und Erscheinung, alle genau zu einem und demselben Zweck vorgehend, wie eine Herde Wölfe, zu genauestem und wirksamstem Zusammenarbeiten eingeteilt.

Bert ging es plötzlich auf, daß kaum ein Drittel der Flotte sichtbar war. Die anderen hatten sich – in welcher Absicht, das konnte er sich nicht vorstellen – über die Grenze des großen Kreises von Himmel und Erde hinausbegeben. Er war neugierig – aber es war niemand da, den er hätte fragen können. Als der Tag vorrückte, erschienen ungefähr ein Dutzend wieder im Osten mit aus der Flottille ergänztem Proviant und einer Anzahl von Drachenfliegern im Schlepptau. Gegen Nachmittag wurde die Atmosphäre dicker, schwerer, treibende Wolken erschienen im Südwesten, ballten sich zusammen und schienen neue Wolken zu gebären, der Wind sprang nach dieser Richtung um und blies heftiger. Gegen Abend wurde der Wind zum Sturm, gegen den die jetzt gewaltig schlingernden Luftschiffe anzukämpfen hatten. Diesen ganzen Tag unterhandelte der Prinz mit Washington, während seine einzeln ausgesandten Kundschafter die östlichen Staaten nah und fern nach etwas durchforschten, das Ähnlichkeit mit einem aeronautischen Park haben konnte. Ein in der Nacht ausgesandtes Geschwader von zwanzig Luftschiffen war über Niagara niedergestiegen und hielt die Stadt und die Elektrizitätswerke besetzt.

Mittlerweile war in der Riesenstadt die aufrührerische Bewegung nicht mehr in Schranken zu halten. Trotz fünf Großfeuern, die bereits viele Morgen Landes umfaßten und ständig weiter um sich griffen, war New York noch immer nicht davon überzeugt, daß es geschlagen war.

Anfänglich machte der rebellische Geist unten sich nur in vereinzeltem Geschrei, in öffentlichen Reden auf den Straßen und Zeitungsaufwieglungen Luft; dann fand er entschiedeneren Ausdruck in dem Auftauchen von amerikanischen Flaggen, die im Morgensonnenschein von einem Punkt nach dem andern auf den Architekturfelsen der Stadt aufflatterten. Es ist wohl möglich, daß in vielen Fällen dieses keck-trotzige Mit-den-Hörnern-Stoßen seitens einer schon übergebenen Stadt ein Ausfluß der harmlosen Formlosigkeit des amerikanischen Wesen war; aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß es in vielen Fällen doch auch eine ganz zielbewußte Kundgebung der Erbostheit des Volkes war.

Das deutsche Korrektheitsgefühl wurde durch diesen Ausbruch aufs tiefste verletzt. Graf Winterfeld setzte sich sofort mit dem Oberbürgermeister in Verbindung und wies auf die Regelwidrigkeit des Vorgehens hin; die Wachen erhielten diesbezügliche Instruktionen. Die New Yorker Polizei machte sich denn auch sogleich scharf an die Arbeit, und bald war ein höchst überflüssiger Streit zwischen leidenschaftlichen Bürgern, die entschlossen waren, die Fahnen aufgezogen zu lassen, und gereizten und überbürdeten Offizieren, die den Befehl hatten, sie niederzureißen, im schönsten Gang.

In den Straßen hinter der Columbia-Universität spitzten sich schließlich die Unruhen zu. Der Kapitän des dieses Stadtviertel bewachenden Luftschiffes scheint sich herabgesenkt zu haben, um eine Flagge, die auf Morgan Hall gehißt war, mit einem Lasso von ihrer Stange zu zerren. Während er dies tat, wurde aus den oberen Fenstern des großen Mietshauses, das zwischen der Universität und Riverside Drive steht, eine Salve von Gewehr- und Revolverschüssen abgegeben.

Die meisten von ihnen waren wirkungslos, aber zwei oder drei durchlöcherten Gaskammern und eine einem Mann auf der Vorderplattform Hand und Arm.

Der Posten auf der unteren Galerie erwiderte das Feuer sofort, und das Maschinengewehr auf dem Schild des Adlers trat in Tätigkeit und machte weiteren Schüssen sofort ein Ende. Das Luftschiff stieg auf und signalisierte dem Flaggschiff und dem Stadthaus; Polizei und Miliz wurden sofort nach der bezeichneten Stelle beordert, und damit war dieser Einzelvorfall beendet.

Aber unmittelbar darauf kam der verzweifelte Versuch einer Gesellschaft von jungen Klubmännern aus New York, die, angefeuert durch patriotische und abenteuerliche Phantasien, unbemerkt in einem halben Dutzend Autos nach Beacon Hill fuhren und sich dort mit außerordentlicher Energie daran machten, mit der Doanschen Drehscheibenkanone, die hier aufgestellt war, ein Fort zu improvisieren. Sie fanden sie noch in den Händen der ergrimmten Kanoniere, denen bei der Kapitulation befohlen worden war, das Feuer einzustellen; und es war leicht, diese Leute mit ihrer eigenen Begeisterung anzustecken. Die Leute erklärten, ihre Kanone hätte überhaupt gar keine Chance gehabt und brannten vor Eifer, zu zeigen, was sie leisten konnte. Unter Anleitung der Neuankömmlinge warfen sie um die Bettung des Geschützes Graben und Wall auf und konstruierten leichte Deckungen aus Eisenschlacken.

Wirklich luden sie auch schon die Kanone, als das Luftschiff »Preußen« sie bemerkte; die Granate, die sie noch eben abfeuern konnten, ehe die Bomben der »Preußen« sie und ihre primitiven Verteidigungen zu Fragmenten zersplitterten, barst über den mittleren Gaskammern der »Bingen« und brachte sie, schwer havariert, über Staten Island zum Sinken. Sie war in einem bösen Zustand und fiel zwischen Bäume nieder, auf denen ihre leeren Zentralgassäcke hingen wie Girlanden und Baldachine. Immerhin hatte nichts Feuer gefangen, und die Mannschaft war sofort emsig daran, sie zu reparieren. Die Leute waren von einer Vertrauensseligkeit, die schon an Unvorsichtigkeit grenzte. Während die Hauptmasse von ihnen mit dem Ausbessern der Fetzen der Ballonhülle begann, machte sich ein halbes Dutzend anderer auf dem nächsten Wege auf die Suche nach einer Gasfabrik, und fand sich denn auch bald in den Händen eines feindseligen Volkshaufens – gefangen. Dicht dabei war eine Reihe von Privatvillen, deren Insassen sogleich von einer wenig freundlichen Neugierde zu offenem Angriff übergingen.

Die Polizeiaufsicht über die ausgedehnte kosmopolitische Bevölkerung von Staten Island war damals sehr lax; und es gab kaum einen Haushalt, der nicht mit Gewehr, Revolver und Munition versehen gewesen wäre. Diese wurden denn auch bald hervorgeholt, und nach zwei oder drei Fehlschüssen wurde einer der Männer, die an der Arbeit waren, ins Bein geschossen. Hierauf ließen die Deutschen von ihrem Flicken und Nähen ab, suchten Deckung hinter den Bäumen und erwiderten das Feuer.

Das Knattern der Schüsse brachte bald die »Preußen« und die »Kiel« auf die Szene, die mit ein paar Handgranaten kurzen Prozeß mit jeder innerhalb einer Meile gelegenen Villa machten. Eine Anzahl am Kampf unbeteiligter amerikanischer Männer, Frauen und Kinder wurden getötet, die eigentlichen Angreifer vertrieben. Eine Zeitlang gingen nun, unter Aufsicht der beiden Luftschiffe, die Reparaturen in Frieden vor sich. Dann – als jene wieder ins Quartier zurückkehrten – begann abermals ein wechselndes Plänkeln und Kämpfen um die gestrandete »Bingen«; es hielt auch den ganzen Nachmittag an und verschmolz schließlich mit dem allgemeinen Kampf am Abend.

Gegen acht Uhr wurde die »Bingen« gestürmt und – nach einem heftigen, zügellosen Kampf – alle ihre Verteidiger getötet.

Die Schwierigkeit für die Deutschen lag in beiden Fällen in der Unmöglichkeit, eine genügende Streitmacht – überhaupt irgendwelche Streitmacht – von der Luftflotte aus an Land zu schicken. Die Luftschiffe waren ganz und gar nicht auf den Transport von irgendwelchen nennenswerten Landtruppen eingerichtet. Ihre Besatzung genügte gerade zum Manövrieren und Kämpfen in der Luft. Von oben vermochten sie ungeheuren Schaden anzurichten; sie vermochten jede organisierte Regierung in kürzester Zeit zur Kapitulation zu zwingen; aber sie vermochten die Gebiete unten weder zu entwaffnen, noch sie zu halten. Sie waren vollständig auf den Druck angewiesen, den ihre Drohung, sie würden das Bombardement erneuern, auf die betreffenden Behörden unten ausüben würde. Das war ihre einzige Hilfsquelle. Ohne Zweifel würde das auch – bei einer gutorganisierten Regierung und einer entsprechend gutdisziplinierten Bevölkerung – genügt haben, den Frieden aufrecht zu erhalten. Aber das war nicht der Fall bei den Amerikanern. Nicht nur war die New Yorker Regierung schwach und ungenügend mit Polizei versehen, sondern die Zerstörung der Stadthalle und des Postamts und anderer zentraler Knotenpunkte hatte auch das Hand-in-Hand-Arbeiten der verschiedenen Teile hoffnungslos desorganisiert. Die Straßen- und Eisenbahnen hatten den Betrieb eingestellt; der Telefondienst war außer Ordnung und funktionierte bloß ab und zu. Die Deutschen hatten nach dem Haupt gezielt – und das Haupt war besiegt und betäubt – aber nur, um dem Körper um so mehr Freiheit zu lassen. New York war ein kopfloses, keiner Gesamtunterordnung mehr fähiges Ungeheuer geworden. Überall sprang rebellisches Leben auf; überall beteiligten sich ihrer eigenen Initiative überlassene Beamte und Angestellte an der allgemeinen Bewaffnung, an dem Flaggenhissen und der ganzen Aufregung dieses Nachmittags …

 

VI

Der schwärende Waffenstillstand kam zu einem definitiven und allgemeinen Bruch durch die Niedermetzelung der »Wetterhorn« – denn das ist die einzig mögliche Bezeichnung der Sache – über Union Square, keine Meile von den drohenden Ruinen des Stadthauses entfernt. Es ereignete sich spät am Nachmittag, zwischen fünf und sechs. Das Wetter war sehr viel schlechter geworden mittlerweile, und die Operationen der Luftschiffe waren etwas behindert durch den Zwang, sich gegen die Windstöße zu behaupten. Eine ganze Reihenfolge von Böen kam mit Hagel und Donner, eine nach der anderen, von Süd bei Südost, und um ihnen auszuweichen, senkte sich die Luftflotte dicht auf die Häuser, indem sie ihren Beobachtungskreis verengerte und sich einem Gewehrangriff mehr aussetzte.

In Union Square war über Nacht eine Kanone aufgestellt worden. Sie war überhaupt nie montiert, viel weniger abgefeuert worden, und im Dunkel nach der Übergabe hatte man sie mit ihrem sämtlichen Zubehör aus dem Weg geschafft, unter die Bogen des großen Dextergebäudes. Hier erblickten sie spät am Morgen eine Anzahl patriotischer Seelen. Sie machten sich daran, sie nach den oberen Stockwerken des Hauses zu schaffen und dort aufzustellen. Kurzum, sie machten hinter den ehrbaren Bürojalousien eine maskierte Batterie und lagen dort auf der Lauer – naiv aufgeregt, wie Kinder, bis endlich das Vorderteil der unglücklichen »Wetterhorn« erschien, wie es, stampfend und rollend, langsam über den erst kürzlich umgebauten Giebel von Tiffany dahinschwebte. Sofort demaskierte sich die Einkanonen-Batterie. Der Posten des Luftschiffs muß erst das ganze zehnte Stockwerk des Dextergebäudes zusammenstürzen und auf die Straße hinunter haben fallen sehen, ehe er die schwarze Mündung entdeckte, die da hinter den Schatten lauerte. Dann traf ihn wahrscheinlich die Granate.

Die Kanone feuerte zwei Granaten ab, ehe das ganze Dextergebäude zusammenkrachte, und jede Granate streifte die »Wetterhorn« vom Vorder- bis zum Hintersteven. Sie zerrissen sie vollständig. Sie kippte wie eine Gießkanne, der ein schwerer Stiefel einen Fußtritt versetzt, ihr Vorderteil stürzte auf den Platz herab, und der Rest sank unter lautem Krachen mit tausendfach zersplitterten und verbogenen Stützen und Sparren und gänzlich zusammenfallend über Tammany Hall und den Straßen gegen die Zweite Avenue zu herab. Das Gas strömte aus und mischte sich mit der Luft, die Luft des zerrissenen Ballonetts ergoß sich in die einschrumpfenden Gaskammern. Und mit einem ungeheuren Getöse explodierte die »Wetterhorn« …

Die »Vaterland« streifte um diese Zeit die Ruine der Brooklynbrücke und die Gegend südlich vom Stadthaus ab, und die Kanonenschüsse, gefolgt von dem ersten Krachen des einstürzenden Dextergebäudes, brachten Kurz und Smallways an die Kabinenluke. Sie erhaschten gerade noch einen Blick auf die explodierende »Wetterhorn«; dann wurden sie von der Luftwelle der Explosion erst platt ans Fenster gedrückt und dann kopfüber über den Kabinenboden gerollt. Die »Vaterland« sprang wie ein Fußball, dem man einen Tritt versetzt hat, und als sie wieder hinausblickten, war Union Square klein und fern und zertrümmert, als ob ein weltengroßer Riese sich darüber hingewälzt hätte. Die Häuser auf der Ostseite standen an einem Dutzend Stellen in Flammen, von den brennenden Fetzen und dem splitternden Skelett des Luftschiffs in Brand gesteckt, und alle Dächer und Mauern sahen ganz komisch schief und zerbröckelt aus. »Alle Wetter!« sagte Bert, »was ist geschehen? Sehen Sie doch nur die Leute!« Aber ehe Kurz sich zu einer Erklärung aufraffen konnte, riefen die schrillen Klingeln des Luftschiffs zum Dienst, und er mußte gehen. Bert zögerte und trat dann nachdenklich in den Gang hinaus, wobei er immer noch nach dem Fenster zurückblickte. Im selben Augenblick war er auch schon über den Haufen gerannt vom Prinzen, der Hals über Kopf aus seiner Kabine nach dem Zentralmagazin stürzte.

Bert sah in einem blitzartigen Eindruck die große Gestalt des Prinzen, weiß vor Zorn, jeder Nerv zitternd vor Grimm, die mächtige Faust schüttelnd. »Blut und Eisen!« schrie er wie einer, der flucht, »Blut und Eisen!«

Jemand fiel über Bert – und die Art und Weise, wie er fiel, ließ auf Winterfeld schließen –, und jemand anderes gab ihm einen erbosten und derben Fußtritt. Dann richtete er sich auf, rieb seine zerschundene Wange und rückte die Binde zurecht, die er immer noch um den Kopf trug. »Der Henker hol' diesen Prinzen!« sagte er, maßlos empört.

Er stand auf, sammelte eine Minute lang seine Gedanken und ging dann langsam nach dem Gang, der zu der kleinen Galerie führte. Im Gehen hörte er einen Lärm, der auf die Rückkehr des Prinzen zu deuten schien. Sie kamen alle wieder den Gang entlang. Er schoß in seine Kabine, wie ein Kaninchen ins Loch, just noch rechtzeitig, um dem tobenden Schreckgespenst zu entgehen.

Er schloß die Tür, wartete bis es draußen still war, ging dann ans Fenster und sah hinaus. Eine Wolkenschicht verschleierte die Aussicht auf Straßen und Plätze, und das Rollen des Schiffs schaukelte das Bild auf und ab. Ein paar Menschen liefen hin und her, aber in der Hauptsache war das Aussehen des Stadtviertels eitel Verlassenheit. Die Straßen schienen sich zu erweitern, wurden deutlicher, und die kleinen Punkte, die Menschen waren, wurden größer. Die »Vaterland« senkte sich wieder. Gleich darauf strich sie über das südliche Ende des Broadway hin. Bert sah die Punkte unten nicht mehr laufen, sondern stillstehen und aufwärts blicken. Dann – plötzlich – liefen sie alle wieder.

Etwas war von dem Luftschiff hinabgefallen, etwas, das klein und harmlos aussah. Bei einem großen Torweg grade unter Bert stieß es aufs Pflaster. Ein kleiner Mann sprang ein halb Dutzend Ellen davon das Trottoir entlang, und zwei oder drei andere und eine Frau rannten über den Fahrdamm. Sonderbare, kleine Figuren waren es, die Köpfe so klein und die Ellbogen und Beine so sehr lebendig. Es war wirklich spaßhaft, ihre Beine gehen zu sehen. Der kleine Mann auf dem Trottoir hüpfte so drollig – jedenfalls aus Schrecken, als die Bombe neben ihm niederfiel.

Dann spritzten nach allen Richtungen blendende Flammen hinaus, und der kleine Mann, der eben gehüpft war, ward einen Augenblick lang zum Feuerstrahl und verschwand – verschwand vollständig. Die Menschen, die auf die Straße herausstürzten, machten lächerliche, linkische Sätze; dann fielen sie und lagen ganz still, mit zerfetzten Kleidern, aus denen die Flammen brachen. Jetzt begannen von dem Torbogen Stücke herunterzufallen, und das untere Mauerwerk stürzte ein mit einem polternden Geräusch, wie Kohlen, die in einen Keller geschaufelt werden. Ein schwaches Geschrei drang zu Berts Ohr; dann rannte ein Haufe von Menschen auf die Straße heraus; ein Mann hinkte und machte unbeholfene Gestikulationen. Er blieb stehen und ging wieder nach dem Haus zurück. Ein herabstürzender Haufe von Backsteinen traf ihn; alle viere von sich streckend, sank er um und blieb liegen. Staub und schwarzer Rauch wälzten sich in die Straße; gleich darauf schossen rote Flammen dazwischen auf …

So begann das Blutbad von New York. Es war die erste der großen Städte des wissenschaftlichen Zeitalters, die unter den Riesengewalten und grotesken Begrenzungen der Luftkriegführung zu leiden hatten. Sie wurde zerstört, wie in dem vorhergehenden Jahrhundert endlose barbarische Städte zusammengeschossen worden waren, weil sie zu stark zum Einnehmen waren und zu diszipliniert und stolz, um zu kapitulieren und so der Zerstörung zu entgehen. Unter den obwaltenden Verhältnissen mußte es so kommen. Für den Prinzen war es unmöglich, abzustehen und sich als geschlagen zu bekennen, und ebenso unmöglich war es ihm, die Stadt anders zu erobern, als indem er sie fast ganz vernichtete. Die Katastrophe war die logische Folge der durch Anwendung der Wissenschaft zur Kriegführung geschaffenen Situation. Es war unvermeidlich, daß große Städte zerstört wurden. Trotzdem der Prinz durch dieses Dilemma aufs äußerste erbittert war, suchte er sogar in diesem Blutbad sich noch zu mäßigen. Er versuchte, mit einem Minimum an Menschenverlusten und einem Minimum an angewandten Geschossen ein denkwürdiges Exempel zu statuieren. Für diese Nacht beabsichtigte der Prinz nur die Zertrümmerung des Broadway. Er befahl der Luftflotte, in einer Linie der Länge nach über dieser Verkehrsader sich fortzubewegen und Bomben auszuwerfen. Die »Vaterland« ging an die Spitze. Und so wurde Bert Smallways ein Teilhaber an einer der kaltblütigsten Metzeleien in der Geschichte der Welt, einer Metzelei, in welcher Männer, die weder erregt, noch – mit Ausnahme einer zufälligen Kugel hier und da – im geringsten gefährdet waren, Tod und Vernichtung auf Heimstätten und Menschenmengen in der Tiefe schleuderten.

Er klammerte sich im Schwanken und Stoßen des Luftschiffs an den Rahmen der Kabinenluke und starrte durch den leichten Regen, der jetzt vor dem Wind hertrieb, hinunter in die dämmernden Straßen, sah die Menschen aus ihren Häusern stürzen, sah die Gebäude einfallen und die Flammen aufspringen. Während die Luftschiffe so dahinsegelten, zertrümmerten sie die Stadt, etwa wie ein Kind seine Städte aus Bausteinen und Karten umwirft. Hinter sich ließen sie Ruinen und lodernde Feuersbrünste und aufgehäufte und umhergestreute Tote: Männer, Weiber und Kinder – alles durcheinander, als wären sie nichts weiter als Neger, Zulus oder Chinesen. Das südliche New York war bald ein einziger Hochofen voll roter Flammen, aus dem kein Entrinnen war. Straßenbahn, Eisenbahn, die Fähren – alles hatte aufgehört, und kein Licht erhellte in dieser düstern Wirrnis den Weg der verzweifelten Flüchtlinge als das Licht des Brandes. Eine Ahnung überkam Bert hier und da, was das bedeuten mußte, da drunten zu sein – eine Ahnung! Und plötzlich kam es ihm – wie eine unglaubliche Entdeckung –, daß solches Unheil nicht nur möglich war jetzt, hier, in diesem seltsamen, riesenhaften, fremden New York, sondern auch in London – in Bun Hill! Daß es aus war mit der Immunität der kleinen Insel in den silbernen Gewässern, daß nirgends mehr in der ganzen Welt ein Ort war, wo ein Smallways stolz sein Haupt heben, für Krieg und kühne auswärtige Politik stimmen und doch sicher sein konnte vor solchen entsetzlichen Dingen …

 


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