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4.
Die deutsche Luftflotte

I

Von allen Erzeugnissen menschlicher Phantasie, die die Welt, in der Mr. Bert Smallways lebte, wunderbar verworren machten, war keines so seltsam, so unberechenbar und aufregend, so lärmend und so einschneidend und gefährlich, als die durch die Reichs- und internationale Politik hervorgerufenen Modernisationen des Patriotismus. In der Seele jedes Menschen ist eine Vorliebe für die eigene Art, ein Stolz auf die eigene Atmosphäre, eine Zärtlichkeit für Muttersprache und Vaterland. Vor dem Kommen des wissenschaftlichen Zeitalters war diese Gruppe von weichen und edlen Empfindungen ein schöner Faktor in der Ausrüstung jedes anständigen menschlichen Wesens, ein schöner Faktor, der seine weniger liebenswürdige Seite in einer meist harmlosen Feindseligkeit fremden Menschen gegenüber und einer meist ebenso harmlosen Herabsetzung fremder Länder hatte. Aber durch die wilde Sturzflut von Wechsel in Tempo, Raum, Material, Maßstab und Möglichkeiten des menschlichen Lebens, die jetzt hereinbrach, wurden die alten Schranken, die die Menschen eingehegt und eingeteilt hatten, gewaltsam niedergerissen. All die alten, eingewurzelten geistigen Gewohnheiten und Traditionen der Menschen sahen sich plötzlich nicht nur einfach neuen Bedingungen, sondern fortwährend erneuerten und wechselnden neuen Bedingungen gegenüber. Sie hatten keine Möglichkeit, sich anzupassen. Sie wurden vernichtet und verzerrt oder überhitzt bis zur Unkenntlichkeit.

Bert Smallways' Großvater – in den Tagen, als Bun Hill noch ein Dorf unter der Herrschaft Sir Peter Bones, des Vaters, war – hatte bis aufs kleinste gewußt, was er »seiner Stellung schuldig war«. Er hatte vor denen, die über ihm standen, den Hut gezogen, war denen, die unter ihm standen, mit herablassender Verachtung begegnet und hatte von der Wiege bis zum Grab auch nicht eine einzige kleinste Überzeugung gewechselt. Er war ein Engländer und war aus Kent, und das bedeutet Bier, Hopfen, wilde Rosen und den allerschönsten Sonnenschein auf Gottes Erde. Zeitungen und Politik und Reisen nach London waren nicht für seinesgleichen. Dann kam der Wechsel. Die früheren Kapitel haben eine Vorstellung davon gegeben, was mit Bun Hill geschah und wie die Flut neuer Dinge über seine fromme Ländlichkeit hereingebrochen war. Bert Smallways war nur einer von zahllosen Millionen in Europa, Amerika und Asien, die, statt festgewurzelt in der Erde, im Kampf eines Stroms geboren wurden, den sie überhaupt nie recht verstanden. Jeder Glaube ihrer Väter war überrumpelt und in die seltsamsten Formen und Reaktionen geschreckt worden. Hauptsächlich die schöne alte Tradition des Patriotismus wurde im Sturmlauf der neuen Zeiten verdreht und verzerrt. Statt des handfesten Aufbaus von Vorurteilen zur Zeit von Bert Smallways' Großvater, für den das Wort »französisch« der Inbegriff aller Verachtung war, sprudelte durch Berts Gehirn eine Flut schwächlich-gewaltsamer Ideen über die deutsche Konkurrenz; die gelbe Gefahr, die schwarze Gefahr, über die Pflicht des weißen Mannes – das heißt sein, Berts, gänzlich widersinniges Recht, die schon von Natur wirren Angelegenheiten kleiner, ihm (bis auf eine etwas braunere Haut) vollkommen ähnlicher Schlucker, die in Buluwayo, Kingston (Jamaika) oder Bombay ihre Zigaretten rauchten und Rad fuhren, noch weiter zu verwirren. Denn sie waren die »dienenden Rassen«, und Bert war bereit – vertreten durch jeden Beliebigen, der gerade Soldat werden mochte –, sein Leben zu lassen für die Aufrechterhaltung dieses seines Rechts. Der bloße Gedanke, daß er es verlieren könnte, hätte ihn nachts aus dem Schlaf gejagt.

Der Grundzug der Politik des Zeitalters, in dem Bert Smallways lebte – des Zeitalters, das sich schließlich blindlings in die Katastrophe des Luftkriegs stürzte –, war ein sehr einfacher; wenn nur die Menschen den Verstand gehabt hätten, ihn einfach zu nehmen. Die Entwicklung der Wissenschaft hatte den Maßstab menschlicher Verhältnisse verändert. Mit Hilfe raschen, mechanischen Verkehrs hatte sie die Menschen in sozialer, ökonomischer und physischer Beziehung einander so viel näher gebracht, daß die alten Sonderungen in Nationen und Königreiche nicht länger möglich waren; eine neuere Synthese war nicht nur geboten, sondern ganz absolut unerläßlich. So wie die einst unabhängigen Herzogtümer Frankreichs sich zu einer Nation auflösen mußten, so mußten sich jetzt die Nationen einer weiteren Gemeinschaft anpassen; sie mußten behalten, was wertvoll und möglich, und aufgeben, was veraltet und gefährlich war. Eine verständigere Welt würde diese wesentliche Notwendigkeit einer vernünftigen Synthese begriffen, würde sie maßvoll erörtert und durchgeführt haben, um dann die große Zivilisation zu organisieren, die offenbar der Menschheit wartete. Bert Smallways' Welten taten nichts dergleichen. Ihre nationalen Regierungen, ihre nationalen Interessen mochten von etwas so Einleuchtendem nichts hören; sie waren zu mißtrauisch gegeneinander, zu bar jeder hochherzigen Idee. Sie fingen an, sich zu gebärden wie unerzogene Menschen in einem Trambahnwagen – zu drängeln, sich die Ellbogen in die Rippen zu stoßen, zu schelten und zu streiten. Vergeblich, darauf hinzuweisen, daß sie sich bloß wieder zu vertragen brauchten, um ihr Behagen zu finden! Überall, auf der ganzen Welt, findet der Geschichtsschreiber des frühen zwanzigsten Jahrhunderts dasselbe: eine rettungslose Verwirrung des Fortschritts und der Neugestaltung menschlicher Angelegenheiten durch die alten Gesichtspunkte, die alten Vorurteile und durch eine Art hitziger, gereizter Borniertheit, überall ein Gedränge von Nationen in einer zu kleinen Arena, von Nationen, die sich gegenseitig mit ihrem Material an Menschen und Produkten überschütteten, durch Zolltarife und jede nur erdenkliche kommerzielle Schwierigkeit ärgerten und mit Flotten und Heeren bedrohten, die jedes Jahr ungeheuerlicher wurden.

Es ist heute nicht mehr möglich, einzuschätzen, welches Quantum physischer und intellektueller Energie der Welt auf militärische Vorbereitung und Ausrüstung verschwendet wurde; jedenfalls war es ein enormer Prozentsatz. Großbritannien gab für Flotte und Heer Summen und Kräfte aus, die, in die Kanäle physischer Kultur und Erziehung geleitet, die Engländer zur Aristokratie der Welt gemacht hätten. Die Regierung hätte die ganze Bevölkerung bis zum achtzehnten Jahr lernen und exerzieren lassen, hätte aus jedem Bert Smallways im ganzen Inselreich einen breitschultrigen, intelligenten Menschen machen können, wenn sie die Gelder, die sie für Kriegsmaterial verbrauchte, auf das Heranziehen von Männern verwendet hätte. Statt dessen wedelten sie ihm bis zu seinem vierzehnten Jahr mit Flaggen vor der Nase herum, stachelten ihn zu einem Hurra auf und entließen ihn dann aus der Schule zu seiner Karriere von Privatunternehmungen, wie wir sie im ersten Kapitel in Kürze geschildert haben. Frankreich leistete ähnliche Dummheiten; Deutschland war, wenn möglich, noch schlimmer. Rußland taumelte unter der Wucht und Vergeudung des Militarismus dem Bankrott und Verfall entgegen. Ganz Europa produzierte große Kanonen und zahllose Schwärme kleiner Smallways. Die asiatischen Völker zwang Selbstverteidigung zu einer ähnlichen Anwendung der neuen Kräfte, die die Wissenschaft ihnen gebracht hatte. Am Vorabend des Kriegsausbruchs gab es sechs Großmächte in der Welt, dazu eine Gruppe von kleineren Mächten, alle bis an die Zähne gewappnet und aus vollen Kräften bemüht, es den anderen an Tödlichkeit der Ausrüstung und militärischer Gewalt zuvorzutun. Diese Großmächte waren erstens die Vereinigten Staaten, eine Handelsnation, die aber durch die Bemühungen Deutschlands, sich in Südamerika auszubreiten, und durch die natürlichen Folgen ihrer eigenen unbedachten Annexionen dicht vor der Nase Japans zu militärischen Notwendigkeiten aufgerüttelt worden war. Sie unterhielt zwei ungeheure Flotten im Osten und Westen; im Innern war sie von heftigen Konflikten zwischen ihren Staats- und Bundesregierungen in Fragen der allgemeinen Wehrpflicht zerrissen. Nächst ihr kam die große ostasiatische Allianz, ein fester Bund zwischen China und Japan, der von Jahr zu Jahr, mit immer rascheren Schritten, die Hand nach einer herrschenden Rolle im Welttheater ausstreckte. Dann kam das Deutsche Reich, das sich noch immer bemühte, den Traum von einer Ausdehnung seiner Herrschaft zu verwirklichen, um dereinst einem gewaltsam geeinten Europa die deutsche Sprache aufzuzwingen. Dies waren die drei unternehmungslustigsten und aggressivsten Mächte der Welt. Weit friedlicher war das Britische Empire, das gefährlicherweise auf der ganzen Erde verstreut lag und durch aufständische Bewegungen in Irland und seinen sämtlichen Untertanenstaaten in Anspruch genommen war. Es hatte diesen Staaten Zigaretten, Stiefel, steife Hüte, Kricket, Rennen, billige Revolver, Petroleum, das Fabrikindustriesystem, Fünfpenny-Zeitungen – in englischer und einheimischer Sprache –, billige Universitätsgrade, Motorräder und elektrische Trambahnen geschenkt; es hatte eine beträchtliche, die dienenden Rassen mit Verachtung behandelnde Literatur hervorgebracht und sie ihnen auch bereitwillig zugänglich gemacht; und es hatte ruhig geglaubt, diese Stimulanzmittel würden keine Folge haben, weil irgendwer irgendwann einmal etwas vom »uralten Osten« geschrieben hatte und weil, um mit den erhabenen Worten Kiplings zu reden:

»Der Osten Osten ist und Westen Westen,
Und nimmer beide sich begegnen werden –«

Statt dessen hatten Ägypten, Indien und die Untertanenstaaten überhaupt neue Generationen voll leidenschaftlicher Empörung, voll äußerster Energie, Tatkraft und Modernität großgezogen. Die herrschende Klasse in Großbritannien gewöhnte sich langsam an den neuen Begriff der dienenden Rassen als erwachender Völker und sah sich in ihren Bemühungen, das Empire unter diesen Spannungen und wechselnden Ideen zusammenzuhalten, vielfach behindert durch den gänzlich spielerischen Geist, in dem Bert Smallways daheim (zu Millionen) sein Stimmrecht betätigte, und durch die Neigung seiner dunkler gefärbten Gesinnungsbrüder, sich reizbaren Regierungsbeamten gegenüber despektierlich zu benehmen. Sie kamen mit Zitaten von Burns und Mill! Noch friedlicher als das Britische Empire waren Frankreich und seine Verbündeten, die romanischen Mächte, schwer bewaffnete Staaten zwar, aber widerstrebende Krieger, und in vieler Beziehung soziale und politische Führer der westlichen Zivilisation. Rußland war eine Friedensmacht parforce, in sich selbst zerspalten, hin und her gerissen zwischen Revolutionen und Reaktionen, die beide gleich unfähig einer sozialen Rekonstruktion waren, und so in eine tragische Zerrüttung chronischer politischer Vendetta versinkend. Eingekeilt zwischen diesen unglücksschwangeren größeren Körpern und von ihnen beherrscht und bedroht, behaupteten die kleineren Staaten der Welt eine unsichere Unabhängigkeit, wobei sich jeder so gefährlich gewappnet hielt wie seine äußerste Leistungsfähigkeit es ihm gestattete.

So kam es, daß in jedem Land eine große und wachsende Gesamtheit energischer und erfinderischer Männer, entweder zu Offensiv- oder Defensivzwecken, damit beschäftigt war, den Kriegsapparat zu vervollkommnen, bis die sich ansammelnden Spannungen den Höhepunkt erreicht haben würden. Jede Macht suchte ihre Vorbereitungen geheimzuhalten, neue Waffen in Reserve zu halten, die Vorbereitungen ihrer Rivalen zu durchschauen und ihnen zuvorzukommen. Das Gefühl der Gefahr durch neue Entdeckungen beschäftigte die Phantasie aller Völker der Erde. Bald ging das Gerücht, die Engländer hätten eine überwältigende Kanone, bald, die Franzosen ein unbesiegbares Gewehr; dann wieder die Japaner ein neues Geschoß oder die Amerikaner ein Unterseeboot, das jedes Panzerschiff in die Flucht schlagen würde. Und jedesmal war eine Kriegspanik.

Kraft und Herz der Nationen waren dem Kriegsgedanken gewidmet, und doch war die Masse ihrer Bürger eine wimmelnde Demokratie, so ohne Gedanken an Kampf und ohne Fähigkeit zum Kampf, geistig, moralisch, physisch, als nur je eine Bevölkerung war oder – man darf wohl sagen – je sein wird. Das war das Paradoxon der Zeit. Es war eine in der Weltgeschichte ganz einzig dastehende Periode. Der Apparat der Kriegsführung, die Kunst und Methode des Kampfs kamen mindestens alle zehn Jahre der Vollkommenheit um einen Riesenschritt näher. Und die Menschen wurden immer unkriegerischer. Und es kam kein Krieg.

Und dann endlich kam er. Er kam als Überraschung für alle Welt, weil die eigentlichen Ursachen verborgen waren. Zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten herrschten gespannte Beziehungen wegen eines aufs höchste erbitterten Tarifkonflikts und wegen der zweideutigen Haltung der ersteren Macht der Monroe-Doktrin gegenüber; und zwischen den Vereinigten Staaten und Japan waren die Beziehungen gespannt wegen der noch immer schwebenden Bürgerrechtsfrage. Aber in beiden Fällen handelte es sich um stehende Streitobjekte. Die wahre entscheidende Ursache war, wie man jetzt weiß, Deutschlands Schöpfung, die Pforzheimer Maschine, und die durch sie geschaffene Möglichkeit eines schnellen und vollkommen praktisch verwertbaren Luftschiffs. Deutschland war zu dieser Zeit die bei weitem tatkräftigste Macht in der Welt, besser organisiert für rasche und geheime Aktion, besser ausgerüstet mit den Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft und mit einer auf höhere Stufe der Erziehung und Disziplin stehenden Beamten- und Regierungsklasse als sämtliche anderen Mächte. Deutschland war sich dessen auch bewußt und steigerte dies Bewußtsein bis zur Verachtung der geheimen Beratschlagungen seiner Nachbarn. Es ist möglich, daß mit der Gewohnheit des Selbstvertrauens die Aufmerksamkeit auf die anderen etwas weniger scharf wurde. Außerdem besaß es eine Tradition unsentimentaler und skrupelloser Aktion, die seine internationale Wachsamkeit stark beeinträchtigte. Beim Entstehen dieser neuen Waffen erzitterte seine Gesamtintelligenz in dem Gefühl, daß jetzt der Augenblick gekommen sei. Wieder einmal in der Geschichte des Fortschritts schien es die entscheidende Waffe in der Hand zu halten. Jetzt konnte es zuschlagen – und siegen –, ehe noch die anderen mehr in der Luft hatten als Experimente.

Vor allem mußte Amerika rasch geschlagen werden; denn, wenn irgendwo, so lag dort die Möglichkeit eines Rivalen. Man wußte, daß Amerika eine aus dem Wrightschen Modell hervorgegangene Flugmaschine von beträchtlichem praktischem Wert besaß; aber man vermutete nicht, daß das Washingtoner Kriegsministerium irgendwelche größere Versuche gemacht hätte, eine Luftkriegsmacht zu schaffen. Es mußte zugeschlagen werden, ehe das möglich war. Frankreich hatte eine Flotte von langsamen Fahrzeugen, einige noch aus dem Jahr 1908, die dem neuen Typ in keiner Weise die Spitze bieten konnten. Sie waren lediglich für Rekognoszierungszwecke an der Ostgrenze gebaut worden, und größtenteils zu klein, um mehr als zwei Dutzend Menschen mit Waffen und Fourage tragen zu können; und kein einziges war imstande, mehr als vierzig Meilen pro Stunde zu machen. Großbritannien schien sich in einem Anfall von Knickrigkeit noch immer mit dem empiretreuen und temperamentvollen Butteridge und seiner außerordentlichen Erfindung herumzuzerren. Also auch das kam nicht in Betracht – zum mindesten nicht für die nächsten Monate. Von Japan hörte man nichts. Und Deutschland erklärte dies, indem es behauptete, die Japaner hätten keinen Erfindungsgeist. Kein anderer Konkurrent war der Beachtung wert. »Jetzt oder nie!« sagte sich Deutschland. »Jetzt oder nie ergreife ich Besitz von der Luft, so wie England einst Besitz ergriffen hat von der See! Solange alle anderen Mächte noch beim Experimentieren sind!«

Rasch und systematisch und geheim waren die Vorbereitungen, und die Pläne waren ganz vorzüglich. Amerika war, soviel man wußte, die einzige gefährliche Möglichkeit, dasselbe Amerika, das auch der Haupthandelskonkurrent Deutschlands und eins der Haupthindernisse für die Ausdehnung seiner Herrschaft war. Also würde man Amerika zuerst schlagen. Man würde eine große Kriegsmacht über die atlantischen Himmel schleudern und Amerika unvorbereitet überfallen und besiegen.

Alles in allem war es, angesichts der Informationen, die die deutsche Regierung besaß, ein wohlausgedachtes, äußerst kühnes und hoffnungsreiches Unternehmen. Und die Möglichkeiten, daß es auch ein erfolgreiches sein würde, waren außerordentlich groß. Luftschiff und Flugmaschine waren ganz andere Dinge als Panzerschiffe, deren Bau ein paar Jahre erforderte. Vorausgesetzt, daß Hände und Gelder genug da waren, ließen sie sich in wenigen Wochen zu unzähligen herstellen. Waren nur erst die nötigen Parks und Schmelzöfen organisiert, so konnte man Luftschiffe und Drachenflieger in Schwärmen gen Himmel senden. Tatsächlich schwärmten sie auch, als die Zeit kam, wie – um einen erbitterten französischen Schriftsteller zu zitieren – »die Fliegen ums Aas«.

Der Angriff auf Amerika sollte der erste Zug in diesem ungeheuerlichen Spiel sein. Aber sobald er vom Stapel gelassen war, sollten die aeronautischen Parks sogleich zur Zusammenstellung und Füllung der zweiten Flotte schreiten, die Europa beherrschen und bedeutsam über London, Paris, Rom, St. Petersburg, kurz, wo ihr moralischer Einfluß vonnöten sein würde, manövrieren sollte. Eine Weltüberraschung sollte es sein – und eine Welteroberung. Und es ist wunderbar, wie wenig daran fehlte, daß diesen ruhig Überlegsamen Abenteurerseelen, die sie ausgedacht hatten, ihr kolossaler Plan glückte.

Sternberg war der Moltke dieses Luftkriegs. Aber die seltsame, harte Romantik des Prinzen Karl Albert war es, die den zaudernden Kaiser für das Projekt gewann. Prinz Karl Albert war überhaupt der Mittelpunkt des Weltdramas. Er war der Liebling des imperialistischen Geistes in Deutschland und das Ideal des neuen aristokratischen Empfindens – des neuen Rittertums, wie man es nannte –, das dem Sturz des Sozialismus (infolge seiner inneren Spaltungen und seines Mangels an Disziplin und der Vereinigung des Kapitals in den Händen weniger großer Familien) folgte. Knechtische Schmeichler verglichen ihn dem Schwarzen Prinzen Alcibiades, dem jungen Cäsar. Vielen erschien er als die Offenbarung des Nietzscheschen Übermenschen. Er war groß und stark und blond und männlich und wundervoll unmoralisch. Seine erste große Tat, die Europa in Bestürzung versetzte und fast einen neuen Trojanischen Krieg hervorrief, war seine Entführung der Prinzessin Helena von Norwegen und seine glatte Weigerung, sie zu heiraten. Darauf folgte seine Heirat mit Gretchen Kraß, einer jungen Schweizerin von unvergleichlicher Schönheit. Dann kam – was ihn selbst beinahe das Leben kostete – die mutige Rettung von drei Schiffern, deren Boot in der Nähe von Helgoland gekentert war. Um dieser Tat und um seines Siegs über die amerikanische Yacht »Defender« willen verzieh ihm der Kaiser und ernannte ihn zum Befehlshaber der neuen aeronautischen Waffe der deutschen Armee. Er entwickelte diese mit staunenswerter Energie und großartigem Geschick: denn er war – wie er sagte – »entschlossen, Deutschland Erde, Meer und Himmel zu Füßen zu legen«. Die nationale Leidenschaft für Aggression fand in ihm ihren höchsten Vertreter und erreichte durch ihn ihre Verkörperung in diesem erstaunlichen Krieg. Aber sein faszinierender Einfluß war mehr als ein bloß nationaler; in der ganzen Welt beherrschte seine erbarmungslose Kraft die Seelen, so wie die napoleonische Legende die Seelen beherrscht hat. Engländer wandten sich voll Ekel von den langsamen, komplizierten, zivilisierten Methoden ihrer eigenen Empirepolitik ab und dieser unnachgiebigen, kraftvollen Erscheinung zu. Franzosen glaubten an ihn. Amerikanische Dichter verherrlichten ihn.

Er machte den ganzen Krieg.

Genauso wie die übrige Welt war auch die deutsche Bevölkerung im allgemeinen überrascht durch die schnelle Initiative der Regierung. Jedoch hatte eine beträchtliche Literatur von militärischen Plänen, die schon im Jahr 1906 mit Rudolf Martin, dem Verfasser eines glänzenden Zukunftsbuchs und außerdem des Sprichworts »Die Zukunft Deutschlands liegt in der Luft« einsetzte, die deutsche Phantasie auf ein derartiges Unternehmen vorbereitet.

 

II

Von all diesen Weltmächten und gigantischen Plänen wußte Bert Smallways nichts, bis er sich mitten im Brennpunkt des Ganzen befand und erstaunt auf das Schauspiel der Riesenherde von Luftschiffen hinabblickte. Jedes einzelne schien ihm so lang wie die Bun Hiller Hauptstraße und so breit wie der breiteste Londoner Platz. Manche mußten eine Drittelmeile lang sein. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas so Riesenhaftes und Diszipliniertes gesehen wie diesen ungeheuren Park. Und zum erstenmal in seinem Leben kam ihm eine Ahnung von den außerordentlichen und tatsächlich doch recht wichtigen Dingen, die da vor sich gehen, ohne daß der Zeitgenosse überhaupt etwas davon weiß. Er hatte sich immer in der Vorstellung gewiegt, die Deutschen seien dicke, komische Leute, die Porzellanpfeifen rauchten und eine Vorliebe für Wissenschaft, Pferdefleisch, Sauerkraut und überhaupt alle unverdaulichen Dinge hätten.

Sein Vogelschauüberblick war sehr flüchtig. Beim ersten Schuß duckte er sich. Und sobald der Ballon zu fallen begann, überlegte er voll Verwirrung, wie er sich selber erklären und ob er vorgeben sollte, er wäre Butteridge oder nicht. »Himmlischer Vater!« stöhnte er in verzweifelter Unentschlossenheit. Dann fiel sein Auge auf die Sandalen, und ein Widerwille vor sich selbst durchzuckte ihn. »Sie werden mich für einen kompletten Narren halten!« sagte er; das war der Augenblick, in dem er aufstand und den Sandsack hinauswarf und dadurch den zweiten und dritten Schuß herausforderte.

Wie ein Blitz kam ihm, während er am Boden des Korbs kauerte, der Gedanke, daß er allen unangenehmen und verwickelten Erörterungen aus dem Wege gehen könne, wenn er sich verrückt stelle.

Das war sein letzter Gedanke, ehe die Luftschiffe plötzlich auf ihn loszustürzen schienen, als wollten sie ihn sich besehen, und sein Korb auf den Boden stieß, aufschnellte und ihn kopfüber hinausschleuderte …

Als er erwachte, fand er sich berühmt. Er hörte eine Stimme rufen: »Botteridsch! Ja! Ja! Herr Botteridsch! In eigener Person!«

Er lag auf einem kleinen Fleckchen Rasen neben einer der Hauptalleen des aeronautischen Parks. Die Luftschiffe lagen in endloser Perspektive auf der einen Seite; das stumpfe Vorderteil eines jeden war mit einem schwarzen etwa hundert Fuß klafternden Adler geschmückt. Auf der anderen Seite der Allee verlief eine Reihe von Gasometern; riesige Leitungsschläuche schleiften über dem dazwischenliegenden Raum. Neben ihm lag sein fast ganz entleerter Ballon mit dem Korb, winzig klein wie ein zerbrochenes Kinderspielzeug, eine zusammengeschrumpfte Blase im Vergleich zu der gigantischen Masse des zunächst sichtbaren Luftschiffs. Dieses erblickte er fast senkrecht vor sich, wie eine Klippe aufsteigend und nach vorn, seinem Genossen auf der anderen Seite zu, schräg abfallend, so daß es die Allee dazwischen überschattete. Eine Menge von aufgeregten Menschen stand um ihn herum, große Männer, meist in enganliegenden Uniformen. Alle redeten und schrien auf deutsch. Er merkte das an der Aussprache. Nur eine Wendung, die sich immer und immer wiederholte, verstand er – den Namen: »Herr Botteridsch«.

»Verflucht!« sagte Bert. »Das nenn' ich einen Reinfall!«

»Er kommt zu sich!« sagte jemand, und wieder folgten einige eilige Worte.

Er bemerkte, daß weiter hinten ein Feldtelefon war und daß ein großer, blauer Offizier dort von ihm sprach. Daneben stand ein anderer, der die Brieftasche mit den Zeichnungen und Fotografien in der Hand hielt. Sie blickten zu ihm herüber.

»Do you speak German, Herr Botteridsch?«

Bert beschloß, daß es besser sei, wenn er sich benommen stellte. Und er versuchte nach Kräften, gänzlich benommen zu scheinen. »Wo bin ich?« fragte er.

Heftiges Durcheinanderreden. »Der Prinz« wurde genannt. In der Ferne ertönte ein Horn; ein näheres und dann ein ganz nahes nahmen das Signal auf. Dies schien die Erregung aufs höchste zu steigern. Ein Einschienenwagen ratterte vorüber. Das Telefon klingelte leidenschaftlich, und der große Offizier schien in einem hitzigen Wortwechsel begriffen. Dann näherte er sich der Gruppe, die um Bert versammelt war, und rief etwas von »mitnehmen«.

Ein ernsthaft aussehender, hagerer Mann mit einem weißen Schnurrbart redete Bert an. »Herr Botteridsch, wir haben Befehl zum Start!«

»Wo bin ich?« wiederholte Bert.

Jemand schüttelte ihn an der Schulter. »Sind Sie Herr Botteridsch?«

»Herr Botteridsch, wir haben Befehl zum Start!« wiederholte der weiße Schnurrbart; dann, hilflos: »Es nützt nichts! Was sollen wir machen?«

Der Offizier am Telefon wiederholte seine Worte vom »Prinzen« und »mitnehmen«. Der Mann mit dem Schnurrbart blickte einen Moment lang starr, faßte dann einen Entschluß, ward gewaltig energisch, richtete sich auf und erteilte laute Befehle an unsichtbare Leute. Fragen wurden gestellt, und der Arzt an Berts Seite antwortete mehrmals: »Ja! Ja!« Auch etwas von »Kopf. Mit einer gewissen Dringlichkeit brachte er den ziemlich widerwilligen Bert auf die Beine. Zwei riesige Soldaten in grauen Uniformen traten auf Bert zu und ergriffen ihn. »Hallo!« sagte Bert bestürzt. »Was ist?«

»Alles in Ordnung!« erklärte der Arzt; »sie sollen Sie tragen.«

»Wohin?« fragte Bert. Keine Antwort.

»Legen Sie die Arme um ihren Hals … um sie herum!«

»Ja! Aber wohin?«

»Festhalten!«

Ehe Bert sich ausgedacht hatte, was er noch weiter sagen wollte, wurde er von den zwei Soldaten in die Höhe gehoben. Sie machten aus ihren gekreuzten Händen einen Sitz, man legte seine Arme um ihre Nacken: »Vorwärts!« Einer lief mit der Brieftasche voraus, und er ward eiligst die breite Allee zwischen den Gasometern und Luftschiffen entlanggetragen, eiligst und im großen und ganzen ziemlich sanft; bloß ein- oder zweimal stolperten seine Träger über die Schläuche und warfen ihn beinahe ab.

Er hatte Mr. Butteridges Sportmütze auf, und seine schmalen Schultern steckten in Mr. Butteridges pelzgefüttertem Mantel; und er hatte auf Mr. Butteridges Namen geantwortet. Die Sandalen baumelten hilflos. Verflucht! Alle Welt schien es ja höllisch eilig zu haben. Warum nur? So wurde er durch das Zwielicht getragen, baumelnd und wilden Auges um sich starrend und über die Maßen erstaunt.

Die systematisch durchgeführte breite und praktische Raumeinteilung, die Massen emsiger Soldaten überall, das da und dort peinlich ordentlich aufgestapelte Material, die Einschienenspuren allenthalben und die turmhohen, schiffartigen Rumpfe um ihn her erinnerten ihn ein bißchen an die Eindrücke, die er einst als Junge bei einem Besuch der Woolwicher Docks empfangen hatte. Das ganze Lager spiegelte die kolossale Macht der modernen Wissenschaft wieder, deren Schöpfung es war. Seltsam fremdartig wirkte die niedrige Anlage des elektrischen Lichts, das dicht am Boden angebracht war und alle Schatten aufwärts warf und ihn selbst und seine Träger auf den Flanken der Luftschiffe als einen grotesken Schatten abzeichnete, alle drei ineinandergeflossen zu einem ungeheuerlichen Tier mit dünnen Beinen und einem riesigen, fächerähnlichen, buckligen Rumpf. Die Lichter waren am Boden, weil man sich soweit als möglich ohne Stangen und Pfosten beholfen hatte, um Verwicklungen beim Aufsteigen der Luftschiffe zu vermeiden.

Es war jetzt tiefe Dämmerung, ein stiller, dunkelblauer Abend; aus den Lichtstreifen am Boden stiegen alle Dinge in undeutlichen, durchsichtigen großen Massen empor; in den Hohlräumen der Luftschiffe glühten gleich wölken verschleierten Sternen kleine Inspektionslampen und gaben ihnen ein wunderbar körperloses Aussehen. Jedes Luftschiff trug auf der Flanke in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund seinen Namen; vorn spreizte sich ein überwältigender Vogel im Zwielicht, der Reichsadler. Signale ertönten, Einschienenwagen mit schweigsamen Soldaten glitten mit sachtem Geräusch vorüber. Die Kabinen unter den Köpfen der Luftschiffe erhellten sich; Türen öffneten sich drinnen und gaben den Blick aufgepolsterte Gänge frei. Dann und wann erteilte eine Stimme schattenhaften Arbeitern Befehle.

Dann einige Schildwachen, Fallreeptreppen und ein langer, schmaler Gang, eine Kletterpartie über ein Durcheinander von Bagage; Bert fühlte, wie er zu Boden gelassen wurde, und stand plötzlich unter der Tür einer geräumigen Kabine, die vielleicht zehn Fuß im Quadrat und acht Fuß hoch und mit roter Polsterung und Aluminium ausgestattet war. Ein langer, junger Mann mit einem Vogelgesicht und kleinem Kopf, einer langen Nase und sandfarbenem Haar und mit beiden Händen voll von Gegenständen, wie Rasiermesser, Stiefelspanner, Haarbürsten und ähnlichen Toilettenutensilien, erging sich, als Bert eintrat, in Ausdrücken wie: »Herrgott!« und »Donnerwetter!« und »Esel von Botteridsch!« usw. Augenscheinlich war er ein vertriebener Bewohner der Kabine. Dann verschwand er, und Bert lag auf einem Ruhebett in der Ecke, mit einem Kissen unter dem Kopf, und die Tür der Kabine schloß sich. Er war allein. Alle waren mit erstaunlicher Eile wieder verschwunden.

»Alle Wetter!« sagte Bert. »Was nun?«

Er starrte um sich.

»Butteridge! Ob ich versuch', es durchzuführen. Oder nicht?«

Der Raum, in dem er sich befand, machte ihm Kopfzerbrechen. »Ein Gefängnis ist's nicht, und auch kein Büro!« Dann überwältigte ihn wieder sein alter Kummer: »Ich wollt', zum Geier, ich hätt' die blödsinnigen Sandalen nicht an! Die lassen noch die ganze Katze aus dem Sack!« rief er kläglich.

 

III

Eine Tür wurde aufgerissen, und ein handfester junger Mensch in Uniform, der Mr. Butteridges Brieftasche, Rucksack und Rasierspiegel trug, erschien. »Hallo!« sagte er, während er eintrat, in tadellosem Englisch. Er strahlte übers ganze Gesicht und hatte eine Art rötlichblonden Haars. »Also Sie sind Butteridge!«

Er warf Berts mageres Reisegepäck zu Boden.

»In einer halben Stunde«, sagte er, »wären wir weg gewesen. Sehr viel zu früh sind Sie nicht gekommen!«

Er musterte Bert neugierig. Für den Bruchteil einer Sekunde ruhte sein Blick auf den Sandalen. »Sie hätten auf Ihrer Flugmaschine kommen sollen, Mr. Butteridge!«

Er wartete keine Antwort ab. »Der Prinz sagt, ich soll für Sie sorgen. Natürlich kann er Sie jetzt nicht empfangen; aber er sieht in Ihrem Kommen eine Vorsehung. Höchste Gnade des Himmels! Ein Zeichen! Hallo!«

Er blieb stehen und horchte. Draußen war ein Kommen und Gehen von Füßen, ein Getöne ferner Signale, die plötzlich ganz in der Nähe aufgenommen und wiederholt wurden; Männer riefen mit lauter Stimme kurze, scharfe, anscheinend bedeutsame Worte, die in der Ferne erwidert wurden. Eine Glocke schrillte, und Füße eilten den Korridor entlang. Dann kam eine Stille, die beunruhigender war als jeder Lärm; und dann ein lautes Gurgeln und Stürzen und Plätschern von Wasser. Der junge Mann zog die Augenbrauen empor. Er zögerte und stürzte dann aus dem Zimmer. Gleich darauf kam, als Unterbrechung der Geräusche draußen, ein ungeheurer Stoß und dann ein fernes Hurrageschrei. Der junge Mann trat wieder ein.

»Sie lassen schon das Wasser aus dem Ballonet.«

»Was für Wasser?« fragte Bert.

»Das Wasser, mit dem wir verankert waren. Schlauer Kniff, was?«

Bert versuchte zu begreifen.

»Natürlich!« sagte der handfeste junge Mann. »Das verstehen Sie nicht.«

Ein leises Zittern schlich sich über Berts Sinne. »Das ist die Maschine!« sagte wohlgefällig der handfeste junge Mann. »Jetzt dauert's nicht mehr lang.«

Wieder eine lange Pause des Lauschens.

Die Kabine schwankte. »Beim Zeus! Es geht schon los!« rief er. »Es geht los!«

»Los?« rief Bert und setzte sich auf. »Wohin?«

Aber der junge Mann war schon wieder aus dem Zimmer. Draußen im Gang hörte man deutsche Laute und andere nervenerschütternde Geräusche.

Das Schwanken wurde stärker. Der junge Mann erschien wieder.

»Stimmt! Wir steigen!«

»Hallo!« sagte Bert. »Wohin steigen wir? Ich wollte, Sie drückten sich deutlicher aus! Wo bin ich denn hier? Ich versteh' nicht …«

»Was!« rief der junge Mann. »Sie verstehen nicht?«

»Nein. Ich bin noch ganz benommen von dem Krach auf den Schädel vorhin! Wo sind wir? Wohin gehen wir?«

»Wissen Sie nicht, wo Sie sind – was dies ist?«

»Keine Ahnung! Was bedeutet denn das Schwanken und der ganze Lärm?«

»So ein Ulk!« rief der junge Mann. »Hallo! So ein Kapitalulk! Sie wissen nicht? Wir sind unterwegs nach Amerika, und Sie wissen's gar nicht! Sie haben uns grade noch am Schlafittich erwischt. Sie sind auf unserem famosen alten Flaggschiff, mit dem Prinzen. Sie sollen um nichts kommen! Wo was los ist, die ›Vaterland‹ wird dabeisein, da können Sie Gift drauf nehmen?«

»Wir! … Nach Amerika!?«

»Will's meinen!«

»In einem Luftschiff?«

»Was glauben Sie denn?«

»Ich! Nach Amerika – auf einem Luftschiff! Nach dem Ballon da! He, Sie! Ich will nicht mit! Ich will meine Beine wieder fühlen! Lassen Sie mich raus! Ich hab's nicht gewußt!«

Und er machte einen Satz nach der Tür.

Der junge Mann hielt ihn mit einer Handbewegung zurück, faßte nach einem Lederriemen, zog ein Stück Füllung in der gepolsterten Wand auf, und ein Fenster ward sichtbar. »Sehen Sie!« sagte er. Seite an Seite blickten sie hinaus.

»Verflucht!« sagte Bert. »Wir steigen.«

»Stimmt!« sagte der junge Mann vergnügt. »Und mit Dampf!« Sie stiegen auf in die Luft, sachte und ruhig, und glitten unter dem Pochen der Maschine langsam über den aeronautischen Park hin. Da unten dehnte er sich, im Dunkel eine undeutliche geometrische Fläche, durch die in regelmäßigen Zwischenräumen das Glühwürmchenglitzern der Lichter seine Linien zog. Eine schwarze Lücke in der langen Reihe grauer rundrückiger Luftschiffe bezeichnete den Platz, von dem die »Vaterland« aufgestiegen war. Daneben erhob sich jetzt, befreit von Fesseln und Ankertauen, langsam ein zweites Ungetüm in die Luft. Dann stieg, mit Einhaltung einer wundervoll genauen Distanz, ein drittes auf und ein viertes.

»Zu spät, Mr. Butteridge!« bemerkte der junge Mann. »Wir steigen. Ich glaub's ja, daß es ein bißchen ein Schock für Sie ist. Aber es ist nun einmal so. Der Prinz sagte, Sie müßten mit.«

»Schauen Sie her!« sagte Bert. »Ich bin wirklich benommen. Was ist dies eigentlich? Wohin gehen wir?«

»Dies, Mr. Butteridge«, sagte der junge Mann, indem er sich Mühe gab, möglichst deutlich zu sein, »ist ein Luftschiff. Es ist das Flaggschiff des Prinzen Karl Albert. Dies ist die deutsche Luftflotte, und sie geht hinüber nach Amerika, um dem frechen Volk da drüben eins aufs Dach zu geben. Das einzige, was uns überhaupt Sorge machte, war Ihre Erfindung. Und nun haben wir Sie!«

»Aber – Sie sind ein Deutscher?«

»Leutnant Kurz. Leutnant der Luftflotte Kurz.«

»Aber Sie sprechen doch Englisch?«

»Meine Mutter war Engländerin. Und ich bin in England erzogen. Nachher Rhodes' Schüler. Trotzdem Deutscher! Augenblicklich abkommandiert, Mr. Butteridge, für Sie zu sorgen. Sie sind durch Ihren Fall ein bißchen durchgerüttelt. Aber es ist tatsächlich alles in Ordnung. Man wird Ihnen Ihre Maschine abkaufen und alles … Jetzt setzen Sie sich und nehmen Sie die Sache ruhig. Sie werden sich bald in die Lage finden.«

 

IV

Bert setzte sich, seine Gedanken zusammenraffend, auf das Ruhebett, und der junge Mann plauderte von dem Luftschiff. Es war wirklich ein junger Mann von sehr viel natürlichem Takt.

»Kann mir denken, daß Ihnen alles das neu ist«, sagte er. »Nicht Ihre Art Maschine. Die Kabinen hier sind wirklich gar nicht so übel.«

Er stand auf und, in dem kleinen Gelaß umhergehend, wies er auf dessen Vorzüge.

»Hier ist das Bett!« sagte er, durch einen Federdruck ein Lager aus der Wand hervorzaubernd und es dann ebenso rasch wieder zurückschnappen lassend. »Hier sind Toilettensachen«, und er öffnete einen hübsch eingerichteten Wandschrank. »Viel Waschen ist nicht. Wir haben kein Wasser; gar kein Wasser, außer zum Trinken. Kein Bad oder dergleichen, bis wir in Amerika sind und landen. Abreibungen mit Luffa. Eine Kanne heißes zum Rasieren. Das ist alles. In der Truhe unter Ihnen sind Felle und Wolldecken; Sie werden sie bald nötig haben. Es heißt, daß es kalt wird. Ich weiß nicht. War noch nie oben. Außer ein paar Übungen mit Gleitfliegern die meist abwärts gehen. Dreiviertel der Mannschaft in der Flotte war nie oben. Da hinter der Tür ist ein Klapptisch und -stuhl. Kompakt, was?«

Er nahm den Stuhl und balancierte ihn auf seinem kleinen Finger.

»Hübsch leicht, was? Aluminium mit Magnaliumlegierung und innen hohl. Die Kissen alle mit Wasserstoff gefüllt. Schlau! Das ganze Schiff ist so. Und nicht ein Mann in der Flotte, ausgenommen den Prinzen und einen oder zwei andere, über 112 Pfund. Konnten den Prinzen nicht abschwitzen, wissen Sie. Morgen wollen wir uns die Geschichte ansehen. Macht mir furchtbar viel Spaß.« Er lächelte Bert zu. »Sie sehen schrecklich jung aus«, bemerkte er. »Ich dachte immer, Sie wären ein alter Mann mit einem Bart – so eine Art Philosoph. Ich weiß nicht, warum man sich gescheite Leute immer alt vorstellt. Ich jedenfalls tu's.«

Bert parierte das Kompliment etwas ungeschickt. Darauf beschäftigte den Leutnant das Rätsel, warum Herr Butteridge nicht in seiner eigenen Flugmaschine gekommen war.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Bert.

»Sagen Sie mal!« lenkte er unvermittelt ab. »Könnten Sie mir nicht ein Paar Schuhe oder so was leihen? Die Sandalen hab' ich wirklich reichlich satt. Ekelhafte Dinger. Hab' sie für einen Freund anprobiert, wissen Sie.«

»Natürlich! Natürlich!«

Der Ex-Rhodesschüler flitzte aus dem Zimmer und erschien sogleich wieder mit einer beträchtlichen Auswahl von Fußbekleidungsgegenständen, Zugstiefeln, Stoffbadeschuhen und einem Paar purpurroter, mit goldenen Sonnenblumen verzierter Pantoffeln.

Vor diesen kam ihm aber im letzten Moment die Reue an. »Ich trag' sie nicht einmal selber«, sagte er. »Brachte sie nur im Eifer des Gefechts mit.« Er lachte vertraulich. »Jemand hat sie mir gestickt – in Oxford. Eine Freundin. Ich hab' sie immer bei mir.«

Bert wählte also die Zugstiefel.

Der Leutnant brach in ein lustiges Gekicher aus. »Da sitzen wir und probieren Schuhe an, und drunten zieht die ganze Welt wie ein Panorama vorüber. Ulkig, was? Sehen Sie her!«

Bert schaute neben ihm aus dem Fenster. Aus der blitzenden Zierlichkeit der rotsilbernen Kabine blickten sie hinab in dunkle Unermeßlichkeiten. Das Land drunten war, mit Ausnahme eines Sees, schwarz und ausdruckslos; die anderen Luftschiffe waren unsichtbar. »Draußen sehen wir mehr«, sagte der Leutnant. »Kommen Sie! Da ist eine Art kleiner Galerie.«

Er ging voraus in einen langen Gang, der durch eine einzige kleine elektrische Lampe erleuchtet war, nach einem offenen Balkon und zu einer leichten Leiter, die auf eine über dem leeren Raum hängende Galerie aus Metallgitterwerk führte. Bert folgte seinem Führer langsam und vorsichtig hinunter. Von hier aus war er imstande, das wunderbare Schauspiel der durch die Nacht fliegenden ersten Luftflotte zu beobachten. Die Schiffe flogen in Keilformation, die »Vaterland« am höchsten und an der Spitze, der Schweif nach zwei Ecken des Himmels verschwindend. Sie flogen in langen, regelmäßigen Wellenlinien, große, dunkle, fischartige Gestalten; fast gar kein Licht war zu sehen; die Maschinen machten ein poch-poch-pochendes Geräusch, das hier außen auf der Galerie sehr deutlich hörbar war. Sie waren jetzt in einer Höhe von fünf- oder sechstausend Fuß und stiegen stetig höher. Unten die Landschaft lag stumm, ein klares Dunkel, das da und dort durch Punkte und Striche von Gruppen von Hochöfen und erleuchteten Straßen großer Städte erhellt war. Die ganze Welt lag wie in einer Schüssel; der überhängende Rumpf des Luftschiffs oben bedeckte alles bis auf die untersten Regionen des Himmels.

Eine Weile betrachteten sie die Landschaft.

»Famos muß es sein, Erfindungen zu machen«, sagte plötzlich der Leutnant. »Wie ist Ihnen zuerst der Gedanke an Ihre Maschine gekommen?«

»Einfach ausgearbeitet«, sagte Bert nach einer Pause. »Dran gebohrt und gebohrt.«

»Unsre Leute sind ganz versessen auf Sie. Sie dachten, die Engländer hätten Sie fest. Waren's die Engländer nicht auch?«

»In einer Art …«, sagte Bert. »Aber das ist eine lange Geschichte.«

»Ich finde, es ist etwas Immenses – Erfinden. Ich könnt' ums Leben nichts erfinden.«

Sie versanken wieder in Schweigen, betrachteten die verdunkelte Welt und sannen ihren eigenen Gedanken nach, bis ein Signal sie zu einem verspäteten Diner rief. Bert packte ein plötzlicher Schreck. »Muß man sich umkleiden und so was?« fragte er. »Ich hab' immer zu tief in der Wissenschaft und so was gesteckt, als daß ich in Gesellschaft und so weiter hätte gehen können.«

»Kein Stück!« sagte Kurz. »Niemand hat mehr bei sich als die Kleider, die er auf dem Leib trägt. Wir reisen mit leichtem Gepäck. Ihren Überrock könnten Sie vielleicht ablegen. Es ist eine elektrische Heizung in der Kabine.«

Gleich darauf fand sich Bert dem »deutschen Alexander« gegenüber, jenem großen und gewaltigen Fürsten, dem Prinzen Karl Albert, dem Kriegsherrn, dem Heros zweier Hemisphären. Er war ein schöner, blonder Mann mit tiefliegenden Augen, einer Stülpnase, aufgezwirbeltem Schnurrbart und langen, weißen Händen – ein seltsam aussehender Mann. Er saß höher als die anderen, wie auf einem Thron, und es fiel Bert besonders auf, daß er während des Essens die Menschen nicht ansah, sondern über ihre Köpfe wegblickte wie ein Mensch, der Visionen hat. Zwanzig Offiziere verschiedenen Rangs standen um den Tisch – und Bert. Alle schienen ungeheuer neugierig auf den berühmten Butteridge und verhehlten nur schlecht ihr Erstaunen über seinen Anblick. Der Prinz würdigte ihn eines gemessenen Grußes, den er, in einer glücklichen Eingebung, durch eine Verbeugung erwiderte. Dem Prinzen zunächst saß ein Mann mit gebräuntem, faltigem Gesicht, einer silbernen Brille und einem flaumigen, schmutziggrauen Backenbart, der Bert mit ganz besonderer und beunruhigender Aufmerksamkeit betrachtete. Die Tischgesellschaft setzte sich, nach Zeremonien, die Bert unverständlich waren. Am anderen Ende des Tischs saß der vogelgesichtige Offizier, den Bert vertrieben hatte; er sah noch immer feindselig aus und unterhielt sich flüsternd mit seinem Nachbarn über Bert. Zwei Soldaten servierten. Das Essen war einfach – Suppe, frisches Hammelfleisch und Käse, dazu Sekt. Gesprochen wurde nicht viel.

Etwas seltsam Feierliches lag über allem. Es war dies zum Teil die Reaktion nach der angestrengten Arbeit und der gespannten Erregung des Aufbruchs, zum Teil auch das überwältigende Gefühl seltsamer, neuer Erlebnisse und drohender Abenteuer. Der Prinz war in Gedanken versunken. Schließlich erhob er sich, um den Trinkspruch auf den Kaiser auszubringen, und die ganze Gesellschaft rief »Hurra!« – etwa wie Menschen, die in der Liturgie respondieren.

Da Rauchen strengstens verboten war, gingen einige der Offiziere auf die kleine, offene Galerie hinunter, um Tabak zu kauen. Keinerlei Flamme war sicher in dieser Anhäufung entzündbarer Dinge. Bert wandelte plötzlich ein Gähnen und Frösteln an. Das Gefühl seiner eigenen Unbedeutendheit inmitten all dieser großen, dahinschießenden Luftungetüme überwältigte ihn. Er fühlte, das Leben war zu groß für ihn – war überhaupt zu viel für ihn!

Er sagte zu Kurz etwas von seinem Kopf, kletterte die steile Leiter hinan, die von der schwankenden kleinen Galerie ins Luftschiff hinaufführte und suchte seine Zuflucht im Bett.

 

V

Eine Weile schlief er; dann wurde sein Schlaf von Träumen unterbrochen. Meist war er auf der Flucht vor gestaltlosen Schrecknissen – einen endlosen Gang in einem Luftschiff hinunter, dessen Boden erst aus mörderischen Falltüren und dann aus einem durchsichtigen Segeltuch nachlässigster Art bestand.

»Verdammt!« sagte Bert, während er sich nach seinem siebenten Fall durch unendlichen Raum in dieser Nacht umdrehte.

Er setzte sich im Bett auf und schlang die Arme um die Knie. Die Bewegung des Luftschiffs war bei weitem nicht so unmerklich wie die des Ballons. Er fühlte ein regelmäßiges Schwanken – aufwärts, aufwärts, aufwärts –, dann wieder abwärts – abwärts – abwärts – und das Pochen und zitternde Pulsieren der Maschinen.

Zahllose Erinnerungen begannen in ihm aufzusteigen – immer mehr und mehr Erinnerungen.

Und mittendurch – wie einem kämpfenden Schwimmer in wildbewegten Wassern – kam die beunruhigende Frage: Was soll ich morgen tun? Morgen, das hatte Kurz ihm erzählt, würde der Sekretär des Prinzen, Graf Winterfeld, ihn aufsuchen, um über seine Flugmaschine mit ihm zu sprechen, und dann würde der Prinz ihn empfangen. Er mußte jetzt dabei bleiben, er sei Butteridge, und seine Erfindung verkaufen. Aber wenn sie dahinterkamen! Er sah eine ganze Vision von ergrimmten Butteridges vor sich … Wenn er doch lieber beichtete? Tat, als hätten sie ihn mißverstanden? Er begann Pläne zu schmieden, wie er das Geheimnis verkaufen und Butteridge umgehen könnte.

Was sollte er für das Ding verlangen? Zwanzigtausend Pfund, dachte er, würde gerade eine richtige Summe sein. Verzweiflung, wie sie in den Stunden vor Tagesanbruch auf der Lauer liegt, überfiel ihn. Er war da in eine viel zu große Sache hineingeraten – eine viel zu große Sache …

Dann schwemmten wieder Erinnerungen all seine Pläne mit sich fort …

»Wo war ich in der letzten Nacht um diese Zeit?«

Langsam und ausführlich ging er seine Abende durch. Vorige Nacht war er hoch über den Wolken in Butteridges Ballon gewesen. Er gedachte des Augenblicks, als er zwischen ihnen abwärts sank und die kalte, dämmernde See unten sah. Noch jetzt entsann er sich jenes unangenehmen Augenblicks mit der lebendigen Deutlichkeit eines Alpdrückens. Und in der Nacht vorher hatten Grubb und er nach einem billigen Logis in Littlestone in Kent gesucht. Wie fern das jetzt schien. Als wären Jahre dazwischen. Zum erstenmal dachte er an seinen Wüstenderwischkollegen, der mit den zwei rotangestrichenen Rädern auf dem Dymchurcher Strand zurückgeblieben war. »Er wird nicht besonders ziehen – ohne mich! Na, jedenfalls hat er die Kasse – soviel überhaupt da war!« … Der Abend vorher war Pfingstmontag abend; da hatten sie miteinander ihr Bänkelsängerunternehmen ausgedacht und das Programm gemacht und die Tanzschritte eingeübt. Und der Abend vorher war Pfingsten. »Herrgott!« rief Bert. »Das war keine schlechte Schinderei – mit dem Motorrad!« Das schlappe Kissen fiel ihm wieder ein, aus dem die Eingeweide entwichen waren, und das Gefühl der Ohnmacht, als die Flammen aufs neue aufsprangen. Und aus all den verworrenen Erinnerungen jener tragischen Brandnacht löste sich, licht und süß, eine kleine Gestalt … Edna, wie sie, widerstrebend, aus dem abfahrenden Automobil zurückrief: »Auf Wiedersehen morgen, Bert!«

Andere Erinnerungen an Edna stiegen auf und leiteten seine Gedanken Schritt um Schritt zu seligeren Gefilden. »Paß nur auf, ich heirat' dich doch noch!« Das war der Gipfel von Berts angenehmen Gefühlen. Und dann durchzuckte ihn blitzgleich der Gedanke: Wenn er das Butteridge-Geheimnis verkaufte, konnte er sie heiraten! Wenn er nun wirklich zwanzigtausend Pfund bekam – solche Summen sind ja schon bezahlt worden –, damit konnte er Haus und Garten kaufen und neue Kleider, mehr, als er sich je erträumt hatte, und ein Auto und konnte reisen und konnte sich und Edna jeden Genuß des zivilisierten Lebens, wie er es kannte, verschaffen. Natürlich war es ja auch ein Wagnis. »Der Schafskopf von Butteridge wird ja wohl hinter mir her sein!«

Er überlegte. Und wieder wollte Verzweiflung ihn erfassen. Bis jetzt war er ja erst am Beginn des Abenteuers. Erst mußte er die Ware abliefern und das Geld einnehmen … Und bis dahin … Er war ja auch momentan keineswegs auf dem Weg nach Haus. Er flog nach Amerika – in den Krieg. » Viel Schlachten werden ja nicht sein«, überlegte er, »auf die Weise!« Aber doch – wenn nun zum Beispiel eine Kugel die »Vaterland« auf der Unterseite erwischte …

Werd' ja wohl eigentlich ein Testament machen müssen!

Eine Weile lag er ganz still und entwarf Testamente … Natürlich alle zu Ednas Gunsten. Er hatte sich nun entschieden, daß es zwanzigtausend Pfund sein würden. Er hinterließ eine Menge kleiner Legate. Die Testamente wurden immer verzwickter und ausschweifender …

Dann erwachte er über der achten Wiederholung seines Traumsturzes durch uferlosen Raum. »Das Fliegen geht einem doch auf die Nerven!« sagte er.

Er fühlte, wie das Luftschiff abwärts tauchte, abwärts, abwärts, und dann sich wieder aufwärts schwang, aufwärts, aufwärts, aufwärts. Poch, poch, poch, poch, pulste die Maschine … Er stand auf, wickelte Mr. Butteridges Überrock und sämtliche Decken um sich; denn die Luft war scharf. Dann sah er aus dem Fenster auf ein graues Dämmerlicht, das über die Wolken hereintagte, drehte sein Licht an, verriegelte seine Tür, setzte sich an den Tisch und zog seinen Brustwärmer heraus.

Er glätte die zerknüllten Papiere mit der Hand und betrachtete sie. Dann holte er die anderen Zeichnungen aus der Brieftasche hervor. Zwanzigtausend Pfund. Wenn er's richtig zusammenbrachte! Es war immerhin einen Versuch wert. Er öffnete das Fach, in dem Kurz Papier und Schreibzeug untergebracht hatte.

Bert Smallways war keineswegs dumm und hatte auch, bis zu einem gewissen Grad, gar keine schlechte Erziehung genossen. Seine Volksschule hatte ihm bis zu einem gewissen Grad das Zeichnen beigebracht, ebenso einen Begriff für das Verständnis und Ausrechnen einer Spezifikation. Wenn – an diesem Punkt – sein Vaterland seinen Bemühungen kein Interesse mehr entgegenbrachte und ihn unvollendet entließ, damit er sich in einer Atmosphäre von Reklame und Einzelunternehmungen selbständig durchs Leben schlagen sollte, so war das wirklich nicht seine Schuld. Er war das, wozu sein Staat ihn gemacht hatte, und der Leser darf sich ja nicht einbilden, er sei, weil er ein kleiner ungebildeter Tölpel war, so ganz unbefähigt gewesen, die Butteridgesche Flugmaschine zu verstehen. Immerhin fand er sie schwierig und kompliziert. Sein Motorrad und Grubbs Experimente und das »Maschinenzeichen« in der siebten Klasse halfen ihm aber; und außerdem hatte sich der Verfertiger der Zeichnungen augenscheinlich bemüht, die Pläne möglichst deutlich zu machen. Bert kopierte die Skizzen, machte sich allerhand Notizen und stellte wirklich eine ganz anständige und intelligente Kopie der wichtigsten Zeichnungen und Skizzen her. Dann verfiel er in tiefes Sinnieren.

Schließlich erhob er sich mit einem Seufzer, faltete die Originale, die in seinem Brustwärmer gewesen waren, zusammen, steckte sie in die Brusttasche seines Rocks und legte die Kopien, die er gemacht hatte, an die Stelle der Originale. Er hatte dabei eigentlich keinen besonders klaren Plan; bloß, daß ihm der Gedanke unleidlich war, sein Geheimnis ganz aus der Hand zu geben. Eine lange Weile saß er noch in tiefem Nachsinnen – halb im Schlaf. Dann drehte er das Licht aus, legte sich wieder zu Bett und sann sich selbst in Schlummer.

 

VI

Seine Exzellenz Graf Winterfeld schlief auch nur wenig in dieser Nacht. Aber er gehörte überhaupt zu den Menschen, die wenig schlafen und die zum Zeitvertreib Schachprobleme in ihrem Kopf herumwälzen. Und in dieser Nacht hatte er ein ganz besonders schwieriges Problem zu lösen.

Er überraschte Bert, während dieser noch im Bett saß, bestrahlt von der Sonne, die die Nordsee von unten emporwarf, und Kaffee und Zwieback genießend, die ein Soldat ihm eben gebracht hatte. Der Graf trug unter dem Arm eine Aktentasche, und sein graues Haar und die schwere silberne Brille gaben ihm in dem klaren, frühen Morgenlicht ein fast wohlwollendes Aussehen. Er sprach fließend Englisch, aber mit einem starken deutschen Akzent. Hauptsächlich schlimm waren seine »B«, und seine »Th« klangen ungefähr wie weiche »Z«. Er redete Bert mit »Putterredsch« an. Er begann mit einigen allgemeinen Redensarten, verbeugte sich, zog den Klapptisch und -stuhl hinter der Tür heraus, schob den ersteren zwischen sich und Bert, setzte sich auf den letzteren, hustete trocken und öffnete seine Aktenmappe. Dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch, klemmte seine Unterlippe zwischen seine beiden Zeigefinger und betrachtete Bert aus seinen runden Augen mit beunruhigender Hartnäckigkeit. »Sie sind, Herr Putteredsch, gegen Ihren Willen zu uns gekommen!« fragte er endlich.

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Bert nach einer Pause der Überraschung.

»Durch die Karten in Ihrem Korb. Es sind lauter englische Karten. Und dann Ihre Verproviantierung. Einfach für ein Picknick. Sie haben an den Leinen gezerrt. Aber umsonst. Sie wurden nicht fertig mit dem Ballon. Ein anderer Wille als der Ihre brachte Sie zu uns. Hab' ich nicht recht?«

Bert überlegte.

»Und dann – wo ist die Dame?«

»Nanu? Was für eine Dame?«

»Sie hatten eine Dame bei sich. Das liegt auf der Hand. Sie hatten einen Nachmittagsausflug vor – ein Picknick. Und ein Mann von Ihrem Temperament – nun ja – hat entschieden eine Dame bei sich. Als Sie in Dornfeld landeten, war sie nicht bei Ihnen. Gewiß! Das ist Ihre Sache. Immerhin – ich bin neugierig …«

Bert überlegte. »Woher wissen Sie das?«

»Ich denk' es mir – Ihrer ganzen Ausrüstung nach. Was Sie mit der Dame gemacht haben, Mr. Putteredsch, ist mir nicht klar. Ich weiß auch nicht, weshalb Sie Kneippsandalen tragen oder einen so billigen Anzug. Das geht über meine Informationen. Sind auch vielleicht Kleinigkeiten. Jedenfalls sind sie offiziell zu ignorieren. Damen – nun ja –, ich bin ein Mann von Welt. Ich habe Gelehrte gekannt, die Sandalen trugen und die sogar dem Vegetarianismus huldigten. Ich habe sogar Männer gekannt, die nicht rauchten. Oder wenigstens Chemiker. Jedenfalls haben Sie die Dame irgendwo gelassen. Schön! Also, zum Geschäftlichen! Eine höhere Macht« – hier veränderte sich seine Stimme, seine runden Augen erweiterten sich –, »eine höhere Macht hat Sie und Ihr Geheimnis zu uns geführt. Dem Herrn«, er neigte das Haupt, »sei Preis! Es ist das Schicksal Deutschlands und meines Prinzen. Ich nehme an, Sie tragen Ihr Geheimnis stets bei sich. Sie fürchten sich … vor Räubern und Spionen. So kommt es also mit Ihnen … zu uns! Mr. Putteredsch, Deutschland wird Ihr Geheimnis kaufen.«

»Wahr und wahrhaftig?«

»Wahr und wahrhaftig!« sagte der Staatssekretär mit einem stieren Blick auf Berts Sandalen, die verlassen in der Ecke des Zimmers lagen. Dann erhob er sich und überflog ein Blatt voll Notizen. Bert beobachtete sein braunes, faltiges Gesicht voll Erwartung und Schrecken. »Deutschland – es ist meine Instruktion, Ihnen das zu sagen«, sagte der Staatssekretär, indem er dabei die Blicke auf den Tisch geheftet hielt und seine Notizen langsam ausbreitete, »war stets bereit, Ihnen Ihr Geheimnis abzukaufen. Es war unser höchstes Bestreben, es für uns zu gewinnen. Unser höchstes Bestreben. Und nur die Furcht, Sie könnten, aus patriotischen Gründen, in einem heimlichen Einverständnis mit Ihrem Kriegsministerium handeln, hielt uns zurück. Sonst hätten wir längst durch … Vermittlung betreffs Ihrer wunderbaren Erfindung mit Ihnen verhandelt. Ich bin ermächtigt, Ihnen zu sagen, daß wir jetzt keinerlei Bedenken mehr tragen, Ihren Preis von hunderttausend Pfund anzunehmen.«

»Donnerwetter!« sagte Bert überwältigt.

»Belieben?«

»Nichts – ein … ein plötzlicher Stich«, sagte Bert, indem er mit der Hand nach seinem verbundenen Kopf fuhr.

»Ah so! Ich bin also fernerhin beauftragt zu sagen, daß, was die Dame betrifft, die so zu Unrecht angeklagt ist und die Sie so tapfer gegen britische Heuchelei und Kälte verteidigt haben – die ganze Ritterlichkeit Deutschlands für sie in die Schranken tritt …«

»Dame?« sagte Bert schwächlich. Und dann fiel ihm auf einmal die ganze Butteridgesche Liebesgeschichte ein. Ob der alte Esel auch die Briefe gelesen hatte? Und wenn – für was für einen Rattenfänger er ihn halten mußte! »Ach!« sagte er. »Das ist schon alles recht … mit ihr! Daran hab' ich ja nie gezweifelt …«

Er hielt inne. Das Starren des Adjutanten war wirklich außerordentlich unangenehm. Es war, als vergingen Jahre, ehe der Mensch den Blick wieder abwandte. »Nun ja. Wie Sie wünschen. Die Dame – das ist Ihre Sache. Ich habe nichts als meine Instruktionen zu befolgen. Auch ein Titel, wenn Sie wünschen, kann Ihnen verschafft werden. Es wird alles gemacht, Herr Putteredsch.« Er trommelte eine Sekunde lang auf den Tisch und fuhr dann fort: »Ich bin beauftragt, Ihnen zu sagen, daß Sie in einer Krisis zu uns gekommen sind – in einer Krisis der Weltpolitik. Es kann nichts mehr schaden, wenn ich Ihnen jetzt unsere Pläne enthülle. Ehe Sie diese Schiffe wieder verlassen, wird man von ihnen wissen in aller Welt. Vielleicht schon jetzt ist der Krieg erklärt. Wir gehen nach Amerika. Unsere Flotte wird aus der Luft auf die Vereinigten Staaten niederkommen. Es ist ein Land, das in jeder Beziehung – in jeder Beziehung – unvorbereitet ist für Krieg. Sie haben sich immer auf den Atlantik verlassen. Und auf ihre Flotte. Wir haben einen Punkt ausgewählt – welchen, das ist vorläufig noch das Geheimnis unserer Befehlshaber –, den wir nehmen werden; und dann werden wir eine Art Depot errichten, so etwas wie ein Binnen-Gibraltar. Es wird – nun ja –, es wird eine Art Adlerhorst sein. Und da soll unser Stapelplatz sein – und unsere Docks … Von da aus sollen unsere Luftschiffe über die Vereinigten Staaten hin und her fliegen, sollen die Städte beherrschen, Washington im Zaum halten, überhaupt alles tun, bis die Bedingungen, die wir diktieren, angenommen sind. Sie verstehen?«

»Nur weiter«, sagte Bert.

»Wir hätten all dies nicht machen können mit den Luftschiffen und Drachenfliegern, die wir haben. Aber Ihre Maschine macht die Sache komplett. Nicht bloß, daß es uns einen besseren Drachenflieger sichert; wir sind dadurch auch unsere letzte Furcht vor England los. Ohne Sie kann England, das Land, das Sie so lieben und das Ihnen so schlecht gelohnt hat, dies Land der Pharisäer und Reptilien, nichts tun! Einfach nichts! Nichts! Sie sehen, ich bin ganz offen. Also – ich bin ermächtigt zu sagen, daß Deutschland all dies anerkennt. Wir wünschen, daß Sie sich uns zur Verfügung stellen. Wir wünschen, Sie sollen unser erster Oberflugingenieur werden. Wir wünschen, Sie sollen für uns arbeiten, Sie sollen einen Schwärm von Hornissen bauen. Und wir wünschen, Sie sollen diesen Schwärm anführen. Also … wir wünschen Sie in unsrem Depot in Amerika. Und so bieten wir Ihnen einfach .,. ohne weiter zu handeln … die Summe, die Sie schon vor Wochen angegeben haben … einhunderttausend Pfund bar, ein Gehalt von jährlich dreitausend Pfund, eine Jahrespension von tausend Pfund und einen Titel, falls Sie das wünschen. Dies sind meine Instruktionen.«

Und wieder beobachtete er scharf Berts Gesicht.

»Das ist alles recht schön und gut …«, sagte Bert. Ihm schien, als wäre jetzt die Zeit, seine nächtlichen Pläne zur Ausführung zu bringen.

Der Staatssekretär besah sich Berts Kragen mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Einen Moment schweifte sein Blick zu den Sandalen und wieder zurück.

»Lassen Sie mir etwas Zeit«, sagte Bert, den dieser Blick beunruhigte. »Also – sehen Sie«, sagte er schließlich mit einer Miene ausführlicher Deutlichkeit, »ich habe das Geheimnis.«

»Ja.«

»Aber ich möchte nicht, daß der Name Butteridge mit ins Spiel kommt. Sie verstehen? Ich hab' es mir überlegt.«

»Eine Art Zartgefühl?«

»Gewiß! Ganz recht! Also Sie kaufen das Geheimnis … das heißt ich gebe es Ihnen … im Auftrag – Sie verstehen …?« Seine Stimme kippte ein bißchen; das Starren des andere hörte nicht auf. »Ich möchte materiellen Nutzen ziehen aus der Geschichte. Verstehen Sie?«

Fortgesetztes Starren.

Bert kämpfte weiter wie ein Schwimmer, den der Strom mitreißt. »Ich hab' es mir überlegt – ich möchte den Namen Smallways annehmen. Einen Titel will ich nicht; ich hab' mir das anders überlegt. Ich möchte das Geld ganz … unauffällig. Ich möchte, daß die hunderttausend Pfund an Banken eingezahlt werden … Dreißigtausend an die Filiale der Londoner und Grafschaftsbank in Bun Hill, Kent, sofort nach Auslieferung der Pläne. Zwanzigtausend an die Englische Bank. Den Rest zur einen Hälfte in eine gute französische Bank und die andere Hälfte in die deutsche Reichsbank. Sie verstehen? So möcht' ich es … Aber nicht auf den Namen Butteridge. Ich möcht' es eingetragen haben auf den Namen Albert Peter Smallways. Das ist der Name, den ich annehmen will. Das ist Bedingung Nummer eins.«

»Weiter!« fragte der Staatssekretär.

»Die zweite Bedingung ist«, sagte Bert, »daß Sie keine weiteren Nachfragen anstellen wegen Rechtstiteln und so was. Ich meine, was die Engländer machen, wenn sie Land verkaufen oder verpachten. Sie fragen nicht, wieso ich dazu gekommen bin. Verstehen Sie? Ich bin hier; ich liefere die Ware ab; also es stimmt. Es gibt Menschen, die frech genug sind zu behaupten, es wäre gar nicht meine Erfindung. Verstehen Sie? Aber es ist, wissen Sie – das stimmt schon. Bloß – ich möchte darüber keine weiteren Untersuchungen. Ich wünsche eine glatte, klipp und klare Bestätigung, daß alles stimmt. Verstehen Sie?«

Sein »Verstehen Sie?« verklang in einem tiefen Schweigen. Schließlich seufzte der Staatssekretär, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, zog einen Zahnstocher aus der Tasche und half damit seinem Nachsinnen über Berts Fall nach … »Wie war der Name?« fragte er endlich, den Zahnstocher wieder einschiebend. »Ich muß ihn mir aufschreiben.«

»Albert Peter Smallways«, sagte Bert in mildem Ton.

Der Staatssekretär schrieb, nicht ohne einige Schwierigkeit wegen der verschiedenen Benennung der Buchstaben des Alphabets in den beiden Sprachen.

»Und nun, Mr. Schmallweß«, sagte er schließlich, sich zurücklehnend und sein Starren wieder aufnehmend, »sagen Sie mir: wie sind Sie in Mr. Putteredschs Ballon gekommen?«

 

VII

Als endlich der Graf Winterfeld Bert Smallways verließ, ließ er ihn in einem Zustand äußerster Ausgepumptheit zurück. Bert hatte eine Generalbeichte abgelegt und seine ganze kleine Geschichte erzählt. Alle Einzelheiten waren aus ihm herausgepreßt worden. Den blauen Anzug, die Sandalen, die Wüstenderwische – alles mußte er erklären. Eine ganze Zeitlang verzehrte den Staatssekretär der Eifer der Wissenschaft, und die Planfrage blieb in der Schwebe. Er erging sich sogar in Vermutungen über die früheren Insassen des Ballons. »Ich denke mir«, sagte er, »die Dame war die Dame. Aber das geht uns nichts an.«

»Es ist sehr sonderbar und komisch, gewiß; aber ich fürchte, der Prinz wird ärgerlich werden. Er handelte mit gewohnter Entschiedenheit – er handelt stets mit wunderbarer Entschiedenheit. Wie Napoleon. Sobald er von Ihrer Ankunft im Lager zu Dornhof hörte, sagte er: »Mitnehmen – mitnehmen! Das ist mein Stern!« Der Stern seines Schicksals. Sie verstehen! Das wird seine Pläne durchkreuzen. Er hat Ihnen befohlen, als Herr Putteredsch zu kommen, und Sie haben es nicht getan. Sie haben es ja versucht, gewiß; aber es war ein jämmerlicher Versuch. Seine Beurteilung der Menschen ist sehr richtig und gerecht, und es ist für die Menschen am besten, wenn sie sich danach richten – vollständig. Besonders jetzt. Ganz besonders jetzt.«

Er verfiel wieder in die ihm eigene Positur – die Unterlippe zwischen beide Zeigefinger eingeklemmt; dabei sprach er fast vertraulich. »Es wird sehr unangenehm sein. Ich habe schon versucht, einen Zweifel zu äußern; aber ich bin überstimmt worden. Der Prinz hört nicht. Er ist ungeduldig im höchsten Grad. Vielleicht wird er denken, sein Stern habe ihn genarrt. Vielleicht wird er denken, ich habe ihn genarrt.« Er runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel herab.

»Ich habe die Pläne«, sagte Bert.

»Ja. Gewiß. Ja. Aber sehen Sie, der Prinz interessierte sich für Herrn Putteredsch seines romantischen Liebeshandels wegen. Herr Putteredsch war so viel mehr – ja – im Bilde. Ich fürchte, Sie sind nicht befähigt, die Oberaufsicht über die Flugmaschinen-Abteilung unseres aeronautischen Parks zu führen, wie er es wünschte. Er hatte das gehofft … Und dann das Prestige – das Prestige der Welt gegenüber –, daß wir Putteredsch bei uns hatten … Nun, wir müssen sehen, was sich tun läßt.« Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir die Pläne.«

Mr. Smallways erstarrte das Blut in den Adern. Bis auf den heutigen Tag ist er sich nicht darüber klar, ob er eigentlich weinte oder nicht in diesem Moment; jedenfalls klang seine Stimme höchst weinerlich. »Nein, hören Sie!« sagte er. »Soll ich gar nichts dafür haben?«

Der Staatssekretär betrachtete ihn mit wohlwollenden Blicken. »Sie verdienen nichts!« sagte er.

»Ich hätte sie zerreißen können!«

»Sie gehören nicht Ihnen.«

»Sie gehörten auch nicht Butteridge.«

»Nicht nötig, etwas zu bezahlen.«

Berts ganzes Sein schien sich zu verzweifelten Taten anzuspannen. »Verdammt!« sagte er, die Finger in seinen Rock krampfend, »nicht nötig?«

»Ruhig!« sagte der Staatssekretär. »Passen Sie auf! Sie sollen fünfhundert Pfund haben. So viel will ich für Sie tun; aber das ist auch alles, was ich tun kann. Ich verspreche Ihnen, daß Sie das bekommen. Nehmen Sie es von mir! Geben Sie mir den Namen der Bank! Schreiben Sie ihn mir auf! So! Ich sage Ihnen, kann Ihnen sagen, der Prinz läßt nicht mit sich spaßen! Ich glaube nicht, daß Ihr Äußeres ihm gefallen hat gestern abend. Nein! Ich kann nicht einstehen für ihn. Er wünschte Putteredsch – und Sie haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Prinz – ich begreife selbst nicht recht – ist in einer seltsamen Verfassung. Es ist die Aufregung des Aufbruchs, und dann dies großartige Durch-die-Lüfte-Fliegen! Ich kann nicht einstehen für das, was er tut. Aber wenn alles gut geht, so werd' ich dafür sorgen – Sie sollen fünfhundert Pfund haben. Sind Sie zufrieden? Dann geben Sie mir die Pläne.«

»Alter Fuchs!« sagte Bert, als die Tür einschnappte. »Verflucht! So ein alter Fuchs! – Schlau!«

Er setzte sich in den Klappstuhl und pfiff eine Weile lautlos vor sich hin.

»Nette Bescherung für ihn, wenn ich sie zerrissen hätte! Hätt's können!«

Er rieb gedankenvoll seinen Nasenrücken. »Ich hab selber die Katze aus dem Sack gelassen. Wenn ich meinen Mund gehalten hätt' von wegen dem Anonym-Sein-Wollen! … Verdammt! … Viel zu früh, alter Schafskopf! … Viel zu früh … und zu überstürzt! Die Haare könnt' ich mir ausraufen! Durchführen hätt' ich's ja nicht können. Und schließlich … ganz so schlimm ist's ja gar nicht! Immerhin fünfhundert Pfund! … Schließlich – mein Geheimnis ist's ja auch nicht! Es ist reinewegs gefunden! Fünfhundert Pfund!

Möcht' wissen, was die Reise von Amerika nach Haus kostet?«

 

VIII

Später am Tag stand ein höchst geknickter und zerknirschter Bert Smallways dem Prinzen Karl Albert gegenüber.

Die Verhandlungen wurden auf deutsch geführt. Der Prinz war in seiner Privatkabine, dem Endraum des Luftschiffs, einem entzückenden, mit Strohgeflecht ausgestatteten Gemach mit einem langen Fenster nach vorn, das über die ganze Breite des Zimmers ging. Er saß an einem mit grünem Tuch bezogenen Klapptisch; neben ihm saßen Winterfeld und zwei Offiziere. Eine Anzahl amerikanischer Karten waren vor ihnen ausgebreitet, dazwischen Mr. Butteridges Brieftasche und Briefe und verschiedene lose Papiere. Bert wurde nicht aufgefordert, sich zu setzen, und stand während der ganzen Unterhaltung. Der Graf erzählte seine Geschichte; ab und zu klangen die Worte »Ballon« und »Putteredsch« an Berts Ohr. Das Antlitz des Prinzen blieb streng und drohend; und die beiden Offiziere beobachteten es verstohlen oder sahen zu Bert hinüber. Etwas Sonderbares lag in ihrer scharfen Beobachtung des Prinzen – eine Neugier, fast etwas wie Furcht. Dann schien ihnen plötzlich ein Gedanke zu kommen, und sie unterhielten sich über die Pläne. Der Prinz fragte Bert unvermittelt auf englisch:

»Haben Sie das Ding fliegen sehen?«

Bert fuhr zusammen. »Von Bun Hill aus, Königliche Hoheit.«

Der Graf fiel mit einer Erklärung dazwischen.

»Wir rasch ging es?«

»Kann's nicht sagen, Königliche Hoheit. Die Zeitungen, wenigstens der ›Tägliche Kurier‹, sagten, achtzig Meilen die Stunde.«

Sie redeten wieder eine Weile deutsch.

»Konnte es stillstehen? In der Luft? Das ist's, was ich zu wissen wünsche.«

»Es konnte schweben, Königliche Hoheit, wie eine Wespe«, sagte Bert.

»Immer besser, nicht wahr?« sagte der Prinz zu Winterfeld und sprach dann eine Zeitlang deutsch weiter.

Bald darauf waren sie fertig, und die beiden Offiziere blickten zu Bert hin. Einer klingelte, und die Brieftasche wurde einer Ordonnanz übergeben, die sie hinaustrug.

Dann kamen sie auf Bert zurück. Augenscheinlich war der Prinz geneigt, den Fall mit Strenge zu behandeln. Der Graf protestierte. Anscheinend kamen auch theologische Rücksichten ins Spiel, denn verschiedentlich wurde »Gott« erwähnt. Ein Beschluß wurde gefaßt, und Winterfeld wurde beauftragt, ihn Bert mitzuteilen.

»Mr. Smallways«, sagte er, »Sie haben sich durch schändliche und systematische Lügen in dies Luftschiff eingeschlichen!«

»Systematisch wohl kaum«, sagte Bert. »Ich …«

Der Prinz gebot ihm durch eine Handbewegung Schweigen.

»Und es liegt in der Hand Seiner Königlichen Hoheit, mit Ihnen als Spion zu verfahren.«

»Hören Sie mal«, sagte Bert, »ich bin gekommen, um …«

»Sch!« machte einer der Offiziere.

»Jedoch – in Anbetracht der glücklichen Fügung, die Sie vor Gott auserlesen hat, die Putteredsch-Flugmaschine in die Hand Seiner Königlichen Hoheit zu liefern, wird man Gnade für Recht ergehen lassen. Sie waren der Überbringer guter Neuigkeiten. Man wird Ihnen gestatten, auf dem Schiff zu verbleiben, bis man anderwärts über Sie zu verfügen beliebt. Verstehen Sie mich?«

»Wir wollen ihn mitnehmen«, sagte der Prinz mit fürchterlicher Stimme und fügte einen fürchterlichen Blick hinzu: »Als Ballast.«

»Sie werden uns begleiten«, sagte der Graf, »als Ballast. Verstehen Sie mich?«

Bert tat den Mund auf, um wegen der fünfhundert Pfund zu fragen; aber ein letzter Rest von Klugheit gebot ihm Schweigen. Er begegnete dem Auge des Grafen; es schien ihm, als ob dieser ihm leise zunicke. »Gehen Sie!« sagte der Prinz und deutete mit seiner großen weißen Hand nach der Tür. Bert flatterte hinaus, wie ein Blatt vor dem Sturm.

 

IX

Aber in der Zwischenzeit – nachdem der Graf Winterfeld mit ihm gesprochen hatte und ehe die furchtbare Unterredung mit dem Prinzen stattfand, hatte Bert die »Vaterland« von einem Ende zum anderen gründlichst erforscht. Und trotz all seiner bösen Vorahnungen hatte er sie im höchsten Grade interessant gefunden. Kurz hatte, wie die Mehrzahl der Mannschaft der deutschen Luftflotte, kaum einen Begriff von Aeronautik gehabt, ehe er zu dem neuen Flaggschiff kommandiert worden war. Aber diese wunderbare neue Waffe, die Deutschland sich so plötzlich und dramatisch zugelegt hatte, interessierte ihn mächtig. Mit knabenhafter Freude und Bewunderung wies er Bert alles. Es war, als zeige er sich selber jedes einzelne Ding von neuem, wie ein Kind, das ein Spielzeug vorweist. »Kommen Sie, wir wollen uns das ganze Schiff ansehen!« sagte er eifrig. Er wies auf das leichte Gewicht aller Gegenstände hin, auf die Aluminiumröhren, auf die mit komprimiertem Wasserstoff gefüllte Polsterung. Die Wände bestanden aus Wasserstoffpolstern, die mit leichtem imitierten Leder überzogen waren; sogar das Koch- und Eßgeschirr war aus glasiertem Biskuit und wog fast nichts. Wo Kraft und Stärke geboten waren, war die neue Charlottenburger Legierung, der deutsche Stahl, verwendet, das zähste und widerstandsfähigste Metall der Welt.

An Raum war kein Mangel. Raum kam nicht in Betracht, sofern nicht das Gewicht wuchs. Der bewohnbare Teil des Schiffs war zweihundertfünfzig Fuß lang, auf beiden Seiten mit Kabinen besetzt; über diesen waren seltsame, kleine Messingmansarden mit großen Fenstern und luftdichten Doppeltüren, von denen aus man in die große Leere der Gaskammern sah. Dieser Einblick ins Innere imponierte Bert ungeheuer. Noch nie hatte er sich klargemacht, daß ein Luftschiff nicht bloß ein einziger großer Gassack war, der nichts enthielt als Gas. Jetzt erblickte er, weit über sich, das Rückgrat des Apparats und seine großen Rippen, »wie Venen- und Arterienkanäle«, sagte Kurz, der sich ein bißchen mit Biologie beschäftigt hatte.

»Ganz so!« sagte Bert zustimmend.

Kleine elektrische Lampen konnten angeknipst werden, wenn nachts irgend etwas in Unordnung war. Durch den leeren Raum hin gingen Leitern. »Man kann sich doch nicht ins Gas hinein wagen!« protestierte Bert. »Keiner hielt das aus.«

Der Leutnant öffnete eine Wandschranktür und holte einen Taucheranzug heraus, der aus geölter Seide angefertigt war. Luftsack und Helm waren aus einer Art Legierung von Aluminium und einem anderen leichten Metall. »Man kann damit im ganzen Innern herumklettern und die Löcher von Kugeln oder Lecke suchen«, erklärte er. »Innen und außen ist alles Netzwerk. Die ganze Außenhülle ist sozusagen eine große Strickleiter.«

Hinter dem bewohnbaren Teil des Schiffs war das Magazin von Explosivgeschossen, das bis zur Mitte der ganzen Länge ging. Es waren Bomben verschiedenster Art – meist aus Glas – keines der deutschen Luftschiffe führte Kanonen mit sich, mit Ausnahme eines kleinen »Pom-pom« – um einen aus dem Burenkrieg datierenden Spitznamen zu gebrauchen –, das vorn auf der Galerie im Wappen, mitten im Herzen des Adlers, stand. Von dem Magazinraum in der Mitte des Schiffs lief ein bedeckter Gang mit Aluminiumschwellen auf dem Fußboden und einem Seil als Geländer unter dem Gasraum bis zu dem Maschinenraum am Schwanzende; hier aber ging Bert nicht weiter; die Maschinen sah er von Anfang bis zu Ende überhaupt nicht. Aber er kletterte eine Leiter hinauf, einem ganzen Strom von Ventilation entgegen – eine Leiter, die in eine Art gasdichten Feuerschlauchs eingebaut war und eine Telefonverbindung zwischen dem vorderen großen Luftraum und der kleinen Aussichtsgalerie mit ihrem Pom-pom aus deutschem Stahl und ihrem Dach aus Bomben bildete. Diese Galerie war ganz aus Aluminium-Magnesium-Legierung, die schmale Front des Luftschiffs stieg wie eine Klippe darüber auf, und der schwarze Adler breitete seine Riesenschwingen darüber, deren Spitzen von dem massigen Körper des Gassacks verdeckt waren.

Und unten, tief unter den fliegenden Adlern, lag England, viertausend Fuß tief vielleicht; sehr klein und schutzlos sah es aus im Morgensonnenschein …

Das Bewußtsein, daß ein England existierte, erfüllte Bert ganz plötzlich mit einem Gefühl patriotischer Zerknirschung. Ein ganz neuer Gedanke kam ihm auf einmal. Er hätte doch die Pläne zerreißen und wegwerfen sollen. Was hätten die Menschen hier ihm schließlich tun können? Und wenn sie ihm etwas getan hätten – weshalb sollte ein Engländer nicht für sein Vaterland sterben? Das war ein Gedanke, den die Konkurrenzängste der Zivilisation bisher so ziemlich erstickt hatten. Bert fühlte sich äußerst bedrückt. Er fühlte, er hätte die Sache schon eher von diesem Standpunkt aus ansehen müssen. Weshalb hatte er es nicht von diesem Standpunkt aus angesehen?

Überhaupt, war er nicht eigentlich ein Verräter?

Wie wohl die Luftflotte von da unten aus aussehen mochte? Kolossal! Und alle Gebäude mußten wie Zwerge erscheinen.

Sie waren eben zwischen Liverpool und Manchester – so berichtete Kurz. Ein schimmerndes Band, das sich durch das Bild zog, war der Schiffahrtskanal, und ein Teich voller Schiffe in der Ferne die Bucht von Mersey. Bert war ein Südengländer. Er war nie im Norden gewesen. Und die Unmenge von Fabriken und Schornsteinen – letztere zum größten Teil dunkel und rauchlos jetzt, dazwischen die riesigen elektrischen Kraftstationen, die alten Eisenbahnviadukte, die neuen Einschienenbahnspuren und Güterschuppen, die riesigen Gelände voll armseliger Heimstätten und ins Endlose sich dehnender enger Straßen kam ihm vor, als wären Chamberwell und Rotherhithe ins Kraut geschossen. Da und dort lagen, wie in einem riesigen Netz, Felder und Bruchstücke von Landwirtschaft. Eine armselige Bevölkerung, die sich da drunten abmühte und abzappelte! Natürlich gab es ja Museen und Theater und auch eine Art Kathedralen, die theoretische Zentren staatlicher und religiöser Organisation inmitten dieser Wirrnis darstellten. Aber Bert sah sie nicht; sie bedeuteten nichts in dieser weiten, ungeordneten Vision von zusammengedrängten Arbeiterhäusern und Fabriken und Läden und ärmlich aussehenden Kirchen und Kapellen. Und über diese Landschaft industrieller Zivilisation hin glitten die Schatten der deutschen Luftschiffe wie ein eilender Schwärm von Fischen.

Dann sprachen Kurz und er über aeronautische Taktik und gingen gleich darauf nach der unteren Galerie, damit Bert die Drachenflieger sehen sollte, die die Luftschiffe auf dem rechten Flügel in der Nacht mitgenommen hatten und mit sich führten. Jedes Luftschiff hatte drei oder vier im Schlepptau. Sie sahen wie große, phantastisch gestaltete Papierdrachen an unsichtbaren Schnüren aus. Sie hatten lange, viereckige Köpfe und abgeplattete Schwänze mit seitlichen Propellern.

»Dazu gehört viel Geschicklichkeit – viel Geschicklichkeit!«

»Glaub's wohl!«

Pause.

»Ihre Maschine ist anders, Mr. Butteridge?«

»Ganz anders«, sagte Bert. »Mehr wie ein Insekt und weniger wie ein Vogel. Und sie surrt und treibt nicht so herum. Was können die Dinger da leisten?«

Darüber war Kurz sich selbst nicht ganz klar, und er erklärte immer noch, als Bert zu der Unterredung mit dem Prinzen, von der wir eben berichtet haben, abberufen wurde.

Nachdem sie vorüber war, fielen die letzten Spuren Butteridges ab von Bert wie eine Hülle, und er ward Smallways für alle an Bord. Die Soldaten standen nicht mehr stramm, wenn er vorüberging, die Offiziere hörten auf, von seiner Existenz Notiz zu nehmen – ausgenommen Leutnant Kurz. Er mußte aus seiner behaglichen Kabine ausziehen und wurde in die des Leutnant Kurz gepackt, der zufällig der Jüngste war und am besten Englisch sprach; und der vogelköpfige Offizier zog, immer noch leise fluchend und Aluminiumstiefelspanner, gewichtlose Haarbürsten, Handspiegel und Pomadetöpfe mit sich schleppend, wieder ein. Bert wurde bei Kurz untergebracht, weil sonst überhaupt in dem ganzen vollgepackten Schiff kein Platz war, wo er sein verbundenes Haupt hätte hinlegen können. Essen, so sagte man ihm, würde er mit der Mannschaft – in der Kantine.

Während er bedrückt in seinem neuen Quartier saß, kam Kurz, stellte sich mit gespreizten Beinen vor ihn hin und betrachtete ihn eine Weile.

»Wie heißen Sie denn nun eigentlich?« fragte er. Er war nur unvollkommen von dem neuen Stand der Dinge unterrichtet.

»Smallways.«

»Ich dacht' mir's ja schon, Sie wären nichts Rechtes schon als ich noch glaubte, Sie wären Butteridge. Sie können froh sein, daß der Prinz es so ruhig aufgenommen hat. Sonst, wenn er zornig ist, ist er ziemlich scharf! Er würd' sich keinen Augenblick besinnen, so einen Burschen wie Sie über Bord zu kippen – wenn's ihm grade paßte. Nee! … Also … man hat Sie mir zugeschoben … Aber, Sie verstehen … das ist meine Kabine!«

»Ich werd's schon nicht vergessen!« sagte Bert.

Kurz verließ ihn; und als er wieder so weit zu sich kam, daß er sich umsehen konnte, war das erste, was er sah, eine an der gepolsterten Wand befestigte Reproduktion des großen Gemäldes von Siegfried Schmalz: der Kriegsgott als furchtbare, alles vernichtende Gestalt im Wikingerhelm und Scharlachmantel, die, das Schwert in der Hand, durch Tod und Verheerung watet und die eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Prinzen Karl Albert zeigte, zu dessen Ruhm sie gemalt war.

 


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