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Wintereinbruch

Von Karl Weiken

Am 20. September 1930 übertrug mir Alfred Wegener die Führung der Expeditionsgeschäfte für die Zeit seiner Abwesenheit auf der vierten Hundeschlittenreise nach »Eismitte«. Wegener hoffte, in etwa 30 Tagen, also noch vor Ende Oktober, von dieser Schlittenreise zurück zu sein. Er besprach mit mir alle bis dahin zu erledigenden Arbeiten:

siehe Bildunterschrift

Aufnahme Holzapfel. Wegener mit seinen Hunden vor der Abfahrt nach »Eismitte«.

Für die großen Pferdetransporte blieben jetzt nur noch zwei Wochen Zeit. Am 5. Oktober mußten Vigfus und Jon uns verlassen, um mit dem letzten Europaschiff dieses Jahres die Heimat zu erreichen. Dann würden auch die Futtermittel fast verbraucht sein, die meisten Pferde mußten also getötet werden. Gudmund hatte sich entschlossen, bei der Expedition zu bleiben.

Auf der Strecke zwischen Kamarujuk und dem Ebenendepot kurz unter Scheideck arbeiteten Jon und Gudmund, unterstützt von zwei Grönländern, mit 20 Packpferden. Sie waren jetzt »auf Höchstleistung« und hofften, die Hauptarbeit vor dem 5. Oktober zu beenden.

Schif, Kelbl, Kraus und Lissey waren seit etwa einer Woche unterwegs, um unter Benutzung der bis dahin ausgefahrenen Benzindepots die Station »Eismitte« zu erreichen.

Die starke sommerliche Abschmelzung am Rande des Inlandeises hatte in der Höhe von Scheideck fast ganz aufgehört. Jetzt konnte das Winterhaus auf dem Eise errichtet werden. Das Schneefegen, das, aus dem Innern kommend, im Sommer bei etwa 25 Kilometer Randabstand haltmachte, war jetzt, der zurückweichenden Abschmelzungsgrenze folgend, schon einige Male bis Scheideck vorgedrungen. Das war eine dringende Mahnung, den Hausbau zu beschleunigen.

Seit unser Motorbootführer, der Grönländer Tobias Gabrielsen, vor einiger Zeit in seine Heimat zurückgekehrt war, hatte Friedrichs wieder die Führung der »Krabbe« übernommen. Sie hatte noch manche Fahrten zu machen, sollte aber nach Möglichkeit vor dem Zufrieren der Häfen und Fjorde zur Überwinterung nach Umanak gebracht werden; denn in Kamarujuk fehlten uns alle Vorrichtungen, sie an Land zu bringen. Der Gefahr, im Wintereise erdrückt zu werden, durften wir sie natürlich nicht aussetzen.

Da unsere Vorräte an Hundefutter zur Neige gingen, bat mich Wegener, in Umanak und Ikerasak 12000 Kilogramm gut getrockneter Hellefische zu bestellen. Mit dem Transport dieses Futters über das Meereis nach Kamarujuk und mit dem Heraufbringen nach Scheideck sollte möglichst schon im Februar begonnen werden, damit die ersten Depotreisen auf das Inlandeis im März abgehen könnten.

Am 21. September kamen Wölcken und Jülg mit neun Grönländern von der dritten Schlittenreise zurück. Noch am gleichen Tage ging ich mit ihnen allen und ihrer Meute von 65 ausgehungerten Hunden nach Kamarujuk hinunter, um Grönländer und Hunde möglichst schnell mit der »Krabbe« nach Hause zu schaffen. In Ikerasak traf ich auf dieser Fahrt neben dem Leiter dieser Außenstelle, Herrn Thomsen, auch den Leiter des Umanak-Bezirks, Herrn Dan Möller. Mit beiden Herren besprach ich unsern Hundefutterbedarf. Sie konnten sich aber weder auf genaue Mengen von Trockenfischen noch auf einen bestimmten Liefertag festlegen, weil der Fangbeginn von der Bildung des Fjordeises abhängt und weil es mehrere Monate dauern kann, bis die Fische gut getrocknet sind. Sie versprachen mir aber, alles zu tun, um der Expedition das dringend notwendige Hundefutter zu besorgen.

siehe Bildunterschrift

Entwurf Dr. Karl Weiken. Umgebung der Weststation (das eisfreie Land ist punktiert).

Auf dem Rückweg nahmen wir aus Uvkusigsat noch vier Grönländer mit, die ich als Baugehilfen für Herdemerten angeworben hatte.

Nach neuntägiger Abwesenheit trafen wir am Abend des 1. Oktober wieder in Kamarujuk ein. Schon von weitem sahen wir dort reges Leben und Treiben, viele Grönländer und Hunde. Sie konnten nur von der vierten Schlittenreise sein. Sollten die Propellerschlitten »Eismitte« erreicht haben und Wegener deshalb umgekehrt sein, weil die Station nun genügend versorgt war? Jülg war am Strande und belehrte uns anders. Wegen der in dieser Jahreszeit immer ungünstiger werdenden Reisebedingungen hatten neun Grönländer sich geweigert weiterzureisen und waren von km 62 aus umgekehrt. Näheres besagen die Briefe Wegeners, die die Grönländer mitbrachten:

km 62, den 28. Sept. 1930.

Lieber Weiken!

Meine Befürchtung ist eingetroffen. Nicht nur sind die Propellerschlitten nicht weiter gekommen als bis 200, auch unsere Schlittenreise ist durch die Ungunst des Wetters zusammengebrochen. Von den zwölf Grönländern, die nach Oles Fortgang noch blieben, fahren heute acht nach Hause. Es hat große Mühe gekostet, die anderen vier bei uns zu halten. Und ob es gelingt, mit ihnen bis 400 zu kommen, muß sich noch zeigen. Wir haben heute früh -28,2°, Schneefegen und Gegenwind, eine liebliche Witterung. Nehmen Sie den Rückkehrern bitte alles ab. Die Leute bekommen wie bisher 4 Kronen pro Reisetag. Den Weitergehenden habe ich 6 Kronen pro Reisetag versprochen. Wir versuchen, jetzt das fehlende Petroleum nach 400 hineinzubringen, sonst nur Kleinigkeiten. Ob Sorge und Georgi dann dort bleiben oder mit uns herausfahren, muß sich noch zeigen. Wenn es geht, möchte ich ja die Station den Winter über halten, aber auch nur dann! Das Haus können wir nicht hineinbringen, aber darauf wollten sie ja verzichten. Das Ganze ist eine schwere Katastrophe, und es nutzt nichts, es sich zu verheimlichen. Es geht jetzt ums Leben. Ich will Sie nicht bitten, etwas für die Sicherung unserer Rückreise zu tun. An Depots ist ja kein Mangel. Die einzige Hilfe, die Sie bieten könnten, wäre psychologischer Art, wenn wir einer ausfahrenden Abteilung begegneten. Aber das wäre im Oktober wieder mit beträchtlichem Risiko für diese Entsatzabteilung verbunden. Sorges Plan, am 20. Oktober mit Handschlitten abzumarschieren, halte ich für undurchführbar. Sie würden nicht durchkommen, sondern unterwegs erfrieren. – Wir werden tun, was wir können, und brauchen ja die Hoffnung noch nicht aufzugeben, daß es gut geht. Aber mit den guten Reisebedingungen dürfte es jetzt endgültig vorbei sein. Schon die Reise hierher war sehr hart, und was uns bevorsteht, ist jedenfalls keine Vergnügungsfahrt.

Mit den besten Grüßen an alle und auf gesundes und mit den Erfolgen zufriedenes Wiedersehen!

Ihr
Alfred Wegener.

In einem zweiten Brief gibt Wegener eine Aufstellung all der Sachen, die er nun zurücklassen muß, und alles dessen, was er an Proviant und Futter für seine Weiterreise und an Nutzlast für »Eismitte« weiter mitnimmt. In diesem zweiten Briefe heißt es unter anderm:

... Wir gedenken am 14. Oktober bis »Eismitte« und am 25. Oktober bei Scheideck zu sein ... Die näheren Umstände, unter denen dieser Brief geschrieben wurde, sind in meinem anderen Brief gekennzeichnet.

Mit den besten Grüßen an alle und der Bitte, bis zu meiner Rückkehr alle Expeditionsarbeiten in Ruhe weiterzubetreiben

Ihr Alfred Wegener.

Anstatt die Station »Eismitte« durch eine große Schlittenreise mit allem mehr oder weniger notwendigen Bedarf zu versorgen, mußte sich Wegener also jetzt auf den Versuch beschränken, das notwendigste Petroleum hineinzuschaffen und, falls das nicht genügte, die Station »Eismitte« aufzulösen. Der großen Gefahren dieser Reise war er sich vollkommen bewußt.

Die Propellerschlitten waren bei km 200 im tiefen Neuschnee steckengeblieben. Sie mußten die Versuche, weiterzukommen, schließlich aufgeben und umkehren. Jetzt lag ein Propellerschlitten bei km 51, der andere bei 41, beide wegen Motorpanne. Kelbl, Kraus und Lissey waren mit drei von Wegeners Reise zurückgekehrten Grönländern sofort wieder hineingefahren. Sie hatten Ersatzteile, Werkzeug und Benzin mitgenommen und hofften, in etwa acht Tagen mit den Propellerschlitten draußen zu sein. Schif konnte sich an diesem Unternehmen nicht mehr beteiligen, da er in den nächsten Tagen zusammen mit Vigfus und Jon die Heimreise nach Europa antreten mußte.

Auch die Pferdetransporte auf Scheideck hatten schon sehr unter den Vorboten des nahenden Winters zu leiden. Schneefall und Schneefegen hatten am Inlandeisrand bis herab auf die Gletscher große Schneemassen abgelagert, die immer mehr anwuchsen. Niemand von uns hatte mit soviel Schnee im Gebiet von Scheideck gerechnet. Der Zuwachs durch den vom Inlandeis her herangewehten Treibschnee betrug ein Vielfaches von dem Zuwachs durch gewöhnlichen Schneefall. Es war vorauszusehen, daß schon sehr bald jeglicher Pferdetransport dort oben unmöglich sein würde. Die endgültige Räumung der Depots um Scheideck war, wenn überhaupt, so nur durch Hundeschlitten möglich. Die von Wegeners Schlittenreise zurückgekehrten Grönländer wollten natürlich möglichst bald nach Hause, ließen sich dann aber doch überreden, mit ihren Hunden diese Transportfahrten aufzunehmen. Schon am nächsten Morgen, dem 2. Oktober, zog ich mit der ganzen Kolonne hinauf nach Scheideck.

Dort traf ich auch Wölcken und Herdemerten. Sie hatten die letzten Hausteile so schnell als möglich hinaufgeschafft und waren nun dabei, alle Einzelteile zu ordnen. Herdemerten war sehr in Sorge, da der tiefe Schnee und das starke Schneefegen seinen Bau stark zu gefährden drohten. Für die vier Grönländer, die ich ihm jetzt mitbrachte, hatte er Arbeit genug. Wölcken übernahm die Leitung der Transportfahrten mit der Hundeschlittenkolonne.

Am 4. Oktober fanden die letzten großen Pferdetransporte statt. Anschließend daran wurden 16 Pferde getötet. Die fünf stärksten blieben für die letzten Transporte in Kamarujuk. Für sie hatte Friedrichs, dessen technischen Fähigkeiten wir überhaupt die meisten Bauten in Kamarujuk zu verdanken hatten, inzwischen einen festen Stall gezimmert.

Unsere drei isländischen Kameraden hatten mit ihren wackern Ponys eine ungeheure Arbeit hinter sich. Immer wieder hatten wir über ihre unglaublichen Leistungen bei den schwierigen Transporten gestaunt. Ohne ihre Hilfe wäre es unmöglich gewesen, die 120 Tonnen Last auf den Rand des Inlandeises zu schaffen. Wieder einmal haben isländische Ponys unter sachkundiger Führung überaus wertvolle Arbeit im Dienste der Polarforschung geleistet.

Am nächsten Tage, dem 5. Oktober, mußten Schif, Vigfus und Jon uns verlassen. Friedrichs und ich brachten sie nach Umanak. Unsere drei Kameraden hatten eine langwierige Reise vor sich. Sie mußten zunächst von Hafen zu Hafen an der Küste entlang fahren, um etwa Mitte November in Holstensborg die »Disko« zu erreichen, die sie auch erst nach Anlaufen vieler Häfen in Südgrönland im Dezember nach Kopenhagen bringen würde.

Von Umanak aus machten wir mit der »Krabbe« noch einen Abstecher nach Kaersut. Der dänische Leiter dieser Außenstelle, Herr Nielsen, hatte sich im Sommer mehrere von einem norwegischen Fangschiff aufgegebene Walkadaver einschleppen lassen und den Speck als Hundefutter in Tonnen gefüllt. Da der Sommer auch in Grönland warm ist und die Holztonnen nicht gerade luftdicht waren, ging von ihnen ein recht durchdringender Geruch aus. Als reines Hundefutter kommt dieser Speck nicht in Frage, sondern nur als Zusatzfutter zu Fleisch oder Fisch; dann ist er für die Hunde sehr nahrhaft. Wir erstanden davon zwölf Tonnen, die zusammen etwa 1000 Kilogramm enthielten.

Am Abend des 12. Oktober liefen wir mit der »Krabbe« wieder in Kamarujuk ein. Statt der veranschlagten vier hatte diese Reise acht Tage gedauert, da wir wegen stürmischen Wetters mehrere Tage in den Häfen von Umanak und Kekertat hatten stilliegen müssen.

In dem seit der Beendigung der großen Transporte sehr vereinsamten Kamarujuk saß Jülg allein. Die letzten fünf Pferde hatten fünf Ruhetage gehabt und sich in ihrem warmen Stall von der Überanstrengung der letzten Wochen gut erholt. Jülg hatte die Zeit benutzt, das letzte Gepäck für den Abtransport durch Gudmund zu ordnen. Es handelte sich um etwa 7000 Kilogramm Last, und zwar solche Stücke, die nicht als Pferdelasten verpackt und deshalb bisher liegengeblieben waren. Jülg ließ es sich auch weiter angelegen sein, alle noch einzeln herumliegenden Gepäckstücke zu sammeln und zu Pferdelasten zusammenzustellen.

Am nächsten Morgen begleitete ich Gudmund bei seinem ersten Transport mit fünf Pferden. Der Schnee lag auf dem unteren Gletscher nur etwa zehn Zentimeter tief, wurde nach oben aber immer tiefer. Auf dem Serpentinenweg an der steilen Moräne waren die Verwehungen meterhoch. Mühsam mußten wir mit Spaten und Schaufel einen Durchgang für die Pferde schaffen. Zwei Pferde versanken im Schnee und rutschten mit ihren Lasten die steile Moräne hinunter. Es sah sehr gefährlich aus, doch hatten beide keinen Schaden genommen. Der Pferdeweg bis zum Steinmann auf der oberen Moräne am Ende des Moränenweges konnte auch weiterhin immer wieder freigeschaufelt werden, wenn auch nach starken Verwehungen nur mit großer Anstrengung. Über den Steinmann hinaus auf dem oberen Gletscher konnten die Pferde überhaupt nicht mehr gehen. Auch dort mußten jetzt Hundeschlitten eingesetzt werden.

Inzwischen waren die Transportfahrten auf Scheideck und der Bau des Winterhauses durch Unwetter stark behindert worden. Ein Schneesturm hatte mehrere Tage lang jede Außenarbeit unmöglich gemacht. Zudem mußte Wölcken mit seiner Transportkolonne jeden Morgen beim Freischaufeln des Bauplatzes helfen, damit die Arbeiten überhaupt fortgeführt werden konnten.

Am Abend des 14. Oktober trafen Kelbl, Kraus und Lissey mit drei von Wegeners letzten Grönländern in Scheideck ein. Sie hatten die Propellerschlitten nicht flottbekommen, da die Kufen auf dem Neuschnee einfach nicht glitten. Aber sie gaben die Hoffnung noch nicht auf. Durch Wachsen und Tränken der Kufen glaubten sie auch das Übel beheben zu können.

Die drei Grönländer hatte Wegener von km 151 zurückgeschickt. Sie brachten folgenden Brief mit:

km 151, den 6. Okt. 1930.

Lieber Weiken!

Der weiche tiefe Neuschnee hat unsere Marschgeschwindigkeit sehr herabgesetzt: 1. Okt. 15 km, 2. Okt. 0, 3. Okt. 6 km, 4. Okt. 14 km, 5. Okt. 11 km. Hierdurch ist unser Programm wieder über den Haufen geworfen. Wir schicken nun drei Grönländer nach Haus. Ich hatte jedem eine Expeditionsuhr versprochen, falls sie bis 200 durchhielten. Da wir sie jetzt von uns aus heimschicken, bitte ich Sie, ihnen die versprochenen Uhren auszuhändigen und Sorge zu tragen, daß auch für Rasmus, der uns weiterbegleitet, eine Uhr bereitliegt ...

Wir reisen von hier mit drei Schlitten weiter, die später auf zwei reduziert werden sollen, und hoffen so, wenn auch praktisch ohne Nutzlast, Georgi und Sorge zu erreichen, sei es bei Station »Eismitte« oder schon auf dem Rückmarsch. Damit wäre folgendes gewonnen:

1. Aufrechterhaltung der Winterstation »Eismitte«, wenn auch wesentlich nur als klimatologische. Denn Loewe und ich sind entschlossen, dort zu überwintern, falls Georgi und Sorge das nicht wollen. Freilich mit 1,3 Liter Petroleum pro Tag, also unter sehr primitiven Verhältnissen, aber doch, wie wir meinen, genügend gesichert.

2. erhalten Georgi und Sorge für die Rückreise 1-2 Hundegespanne und einen Grönländer als Begleitung, und sie finden allerlei Depots vor. Dadurch wird nach unserer Auffassung die Rückreise erst ermöglicht. Sie würden sonst in der Zone maximalen Niederschlags vielleicht steckenbleiben und umkommen.

3. fällt die unerträgliche und alle Arbeiten störende Ungewißheit darüber fort, ob Georgi und Sorge so vernünftig waren, dort zu bleiben, oder bei dem versuchten Herausmarsch umgekommen sind. Ich denke an Pressetelegramme und die Heimat!

Sie wissen jetzt mit Bestimmtheit, daß drei Mann zurückzuerwarten sind, da für fünf Personen nicht genügend Lebensmittel bei »Eismitte« vorhanden sind.

Ich bitte Sie, noch eine kleine Hundeschlittengruppe als Entsatz auszusenden, vielleicht zwei Gespanne, zwei Expeditionsteilnehmer. Die Entsatzabteilung soll bei km 62 ihre Basis haben und hier unsere bzw. unserer Kameraden Rückkehr abwarten. Doch wäre es sehr erwünscht, wenn Lebensmittel noch weiter vorgeschoben würden. Denn die ganze Strecke jenseits km 62 ist knapp mit solchen versehen. Die Entsatzabteilung bitte ich etwa am 10. Nov. von Scheideck in Gang zu setzen. Sie muß auf eine Wartezeit bei km 62 bis 1. Dezember gefaßt sein. Vielleicht lassen sich in dieser Wartezeit eine Eisdickenmessung oder andere wissenschaftliche Untersuchungen ausführen. Wir sind mit Vorräten versehen für eine Marschgeschwindigkeit von 12 Kilometer pro Tag, was wir wegen der Kürze der Tage auch für den Rückmarsch ansetzen. Das ergäbe ein Eintreffen bei 62 am 21. Nov. Wir hoffen aber früher zu kommen.

(Es folgt eine Liste der Depots.)

Es geht uns gut, bisher keine Erfrierungen, wir hoffen auf guten Ausgang. Lassen Sie und Ihre Kameraden sich nicht in der Verfolgung der wissenschaftlichen Aufgaben beirren. Bitte noch durch die Entsatzabteilung in deren Bereich Wegezeichen verbessern bzw. neue Flaggen einstecken!

Viele Grüße an alle!
Alfred Wegener.

Der eigentliche Zweck der anfänglich so groß angelegten vierten Schlittenreise, Nutzlast nach der Station »Eismitte« zu bringen, hatte sich nun doch als unmöglich erwiesen. Aber trotzdem glaubte Wegener, weiterreisen zu müssen, da Georgi und Sorge am 20. Oktober den von Wegener für undurchführbar gehaltenen Rückmarsch mit Handschlitten antreten wollten.

Am 24. Oktober fuhren Kelbl, Kraus und Lissey zusammen mit drei Grönländern wieder aus, die Propellerschlitten zu bergen. Jetzt hatten sie auch Wachs und andere Mittel zum Glätten der Kufen mit. Bei dem schrecklichen Unwetter war es ihnen aber unmöglich, die Propellerschlitten überhaupt zu erreichen. Am 31. Oktober kamen sie unverrichteter Dinge vom Inlandeis zurück. Ihre Hunde hatten unter Kälte und Schneefegen stark gelitten. Da in dieser Jahreszeit auf besseres Wetter kaum zu hoffen war, erschien jeder weitere Versuch aussichtslos. Die Propellerschlitten mußten also bis zum nächsten Frühjahr ihrem Schicksal überlassen bleiben.

Das Wetter auf Scheideck zu Anfang November, die Kälte und das unaufhörliche Stürmen sowie die Erfahrungen bei dem letzten Versuch, die Propellerschlitten zu bergen, ließen uns eine Eisdickenmessung auf dem Inlandeis in jetziger Jahreszeit als unmöglich erscheinen. Zudem hatte Wölcken, der dafür allein in Frage kam, von der dritten Schlittenreise her stark erfrorene Zehen, die noch nicht wieder ganz geheilt waren. Die Wahrscheinlichkeit, bei der Fahrt nach km 62 eine herausreisende Abteilung zu verfehlen, schien fast hundertprozentig. Aus diesen Gründen entschloß ich mich, mit Kraus, der sich seit langem dazu erboten hatte, die von Wegener erbetene Entsatzreise zu machen. Kraus als Funker konnte das transportable Funkgerät mitnehmen und so jederzeit von der Weststation Mitteilung bekommen, wenn Wegener dort eingetroffen sein sollte. Wegen der schwierigen Reisebedingungen, unter denen auch die Hunde stark leiden würden, hielten wir es für notwendig, einen Grönländer mitzunehmen.

Um möglichst noch vor dem 10. November die Entsatzreise antreten zu können, fuhr ich schon am 3. November mit der »Krabbe« aus, um von Uvkusigsat und Kekertat einen Grönländer, Hunde und fehlende Pelzsachen zu holen. Da kein Grönländer Neigung zeigte, allein mitzureisen, nahm ich zwei mit, darunter Johann Villumsen, einen Bruder von Rasmus, der allein bei Wegener und Loewe geblieben war.

Diese Reise sollte die letzte diesjährige Fahrt der »Krabbe« werden. Bei seinem Abschied am 21. September wünschte mir Alfred Wegener »viel Freude an den Motorbootfahrten«! Im Sommer ist eine Motorbootfahrt durch die Fjorde der Umanakbucht, wohl die großartigsten Fjorde Grönlands überhaupt, eine Quelle reinster Freude. Doch mit fortschreitendem Herbst wird diese Freude immer gemischter. Da die Nächte dunkel werden, ist man nicht mehr unabhängig von der Zeit. Wegen der überall treibenden Eisberge und des vielen kleinen Kalbeises ist die Fahrt bei Nacht meist unmöglich. Selbst in mondhellen Nächten mit ruhigem Wetter, das übrigens immer seltener wird, ist man auch bei schärfster Aufmerksamkeit und langsamer Fahrt nie sicher, daß sich die Schraube nicht an einem übersehenen Stück harten Blaueises zerschlägt. Trotz mehrerer solcher Nachtfahrten hatten wir bisher Glück gehabt. Im allgemeinen muß man aber für jede Nacht einen Ankerplatz aufsuchen. Ankerplätze oder gar Häfen gibt es sehr wenige. Die meisten sind zudem nur dann brauchbar, wenn der Wind nicht gerade das Eis in sie hineintreibt. Jetzt im November trafen wir draußen schon große Flächen treibenden Neueises an, die zu Umwegen zwangen. Kleine Buchten, so auch der Hafen von Kekertat, waren schon zugefroren. Wir mußten über Nacht draußen vor dem Hafen liegen und, da der Wind plötzlich drehte, vor dem Treibeis fliehen und eine andere Bucht aufsuchen. Die Trossen waren jetzt dauernd gefroren und brachen sehr oft. Vor jedem Aufrollen oder Auslegen mußten sie erst vorsichtig im Wasser aufgetaut werden.

Bei der Rückfahrt fanden wir auch den äußeren Teil des Kamarujuk-Fjords schon zugefroren. Erst nach stundenlangem Eisboxen gelang es uns endlich, durchzukommen. Wir entschlossen uns deshalb, die »Krabbe« in Kamarujuk an Land zu ziehen. Friedrichs hatte schon alle greifbaren Rollen und Flaschenzüge dafür gesammelt. Er, Jülg, Gudmund und zwei Grönländer sollten sich dieser Aufgabe unterziehen.

Für alle Grönländer hatten wir jetzt ihre Kajaks mitgebracht, damit sie jederzeit heimkehren konnten. Von unsern jetzigen sieben Grönländern waren zwei für die Entsatzreise, zwei für Kamarujuk und drei für die Hundeschlittentransporte auf Scheideck bestimmt.

*

Inzwischen aber war Anfang November das Winterhaus fertig geworden. Der Bau war langwierig und mühsam gewesen, ein steter Kampf gegen Sturm und Schneefegen.


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