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Die vierte Schlittenreise bis 151 Kilometer Randabstand

Von Fritz Loewe

Alfred Wegener hatte in den Sommermonaten damit gerechnet, daß die Station »Eismitte« durch drei Hundeschlittenreisen und die Fahrten der Propellerschlitten für die Überwinterung hinreichend versorgt werden würde. Zwei Hundeschlittenreisen waren Ende August bereits zurückgekehrt. Sie hatten ihr Ziel schneller als erwartet erreicht. Die dritte war am 30. August aufgebrochen. Die ersten Fahrten der Propellerschlitten hatten begonnen. Wegener hatte geplant, daß Anfang September Weiken und ich mit einer kleinen Hundeschlittenabteilung zu einer Reise mit wissenschaftlichen (glaziologischen) Aufgaben aufbrechen sollten. Wir sollten insbesondere versuchen, die Schneepegel wiederzufinden, die auf der Schlittenreise von 1929 bis 200 Kilometer Randabstand aufgestellt worden waren. Die neue Route von 1930 war nämlich der alten nur bis 42 Kilometer Randabstand (Lager »Abschied« von 1929) gefolgt, wo der alte Weg von der geraden Ostrichtung stark nach Norden abwich. Aber die ersten Fahrten der Propellerschlitten ab Ende August ergaben, daß dieses neue Verkehrsmittel, auf das Wegener so große Hoffnungen gesetzt hatte, nicht sofort die erhofften Leistungen erreichen konnte. So ordnete Wegener am 4. September an, daß Weiken und ich eine große Hundeschlittenabteilung aufstellen sollten, die die Winterversorgung von »Eismitte« endgültig sicherstellte. Wegener plante, nicht weniger als 15 Schlitten abzusenden.

Die Aufstellung einer neuen so großen Schlittenabteilung mußte auf Schwierigkeiten stoßen. Noch war ja die von Sorge geleitete dritte Schlittenreise von zehn Schlitten unterwegs und nicht vor dem 20. September zurückzuerwarten. Es fehlte daher an Nansenschlitten mit breiten Skikufen, die in der Schneezone des Inlandeises den grönländischen Schlitten weit vorzuziehen sind. Die Grönländerschlitten, durch ihre zugleich feste und geschmeidige Bauart zur Fahrt auf Land und unebenem Eis besonders günstig, schneiden auf dem Inlandeis mit ihren schmalen eisenbeschlagenen Kufen tief in den weichen Schnee ein. Notdürftig ließ sich dem durch Befestigung von Unterlegskiern aus Fichtenholz abhelfen, wie sie in Umanak angefertigt werden konnten. Waren doch 1929 Unterlegskier mit gutem Erfolg bis über 200 Kilometer Randabstand benutzt worden. Außerdem waren in den ersten Tagen, wo der Weg über das blanke oder nur mit dünnem Neuschnee bedeckte Eis der Randzone führte, die schmalen Kufen nicht so hinderlich, und später konnte man die Grönländerschlitten gegen die rückkehrenden Nansenschlitten der dritten Reise austauschen.

Schwieriger war es, die für diese große Reise nötige Zahl Hunde, etwa 130, zusammenzubringen. Es war im allgemeinen am günstigsten, die Hunde für unsere sommerlichen Schlittenreisen von den Grönländern zu entleihen. Etwa von Juni ab haben ja die Grönländer keine Verwendung für ihre Hunde, sind vielmehr froh, wenn sie der Sorge um die Fütterung enthoben sind. Zwar sind die Hunde im Sommer überwiegend sich selbst überlassen; allenthalben kann man sie dann am Ufer herumstreifen und auf kleine Fische, die bis in Ufernähe kommen, Jagd machen sehen. Aber hin und wieder muß sich doch auch der Eigentümer um Futter bemühen. Wo Haie gefangen werden, wie beispielsweise in Uvkusigsat, macht das keine Schwierigkeit; anderwärts aber erfordert es so viel Mühe, daß die Grönländer sich ihr gern entziehen. Für einen Hund pflegten wir etwa fünf Kronen Leihgebühr zu bezahlen. Für einen umgekommenen Hund bezahlten wir meist 15 Kronen. Gelegentlich versuchten die Grönländer, eine ungebührlich hohe Bezahlung herauszuschlagen. Aber auch bei unverschämt erscheinenden Forderungen sollte man sich stets vor Augen halten, daß die Zahlenvorstellungen der Grönländer wenig ausgebildet sind. Lehnt man solche Forderungen ab, so kommen sie meist nach einigen Stunden und erklären sich mit dem Angebot einverstanden. Dagegen verstanden es die Grönländer gut, uns neben brauchbaren Hunden auch manchen schlechten, alten oder mit Untugenden, wie Geschirrfressen, behafteten anzuhängen. Besonders gefürchtet waren die sogenannten »Pitutenfresser« (Pituta, grönländisch = Zugleine); ihre Gewohnheit, Zugstränge und Zuggeschirre durchzubeißen, zwang auf Schlittenreisen zu zeitraubenden Instandsetzungsarbeiten. Am gefährdetsten waren die Zuggeschirre aus Leder, aber auch Hanfstricke wurden von vielen Hunden in meterlangen Stücken verzehrt, wenn auch nicht verdaut. Häufig brachte erst der nächste Tag das Verbrechen buchstäblich ans Tageslicht, zu spät für eine auf die Schlittenhundseele wirkende Prügelstrafe. Wir versuchten verschiedene Mittel, dieser Untugend zu begegnen. Wir zogen die Geschirre durch Petroleum; wir verbanden den Hunden die Schnauzen während der Nacht mit einer fest um den Nacken gezogenen Schlinge. Im Winter verfertigte Lissey Schnauzringe aus Leder, die sich ganz gut bewährten. Doch konnte man den Hunden erst nach dem Füttern die Schnauze verbinden, so daß bis dahin schon manches Unheil angerichtet sein konnte. Mit der Zeit wurden außerdem durch das Verbinden die Schnauzen der Hunde wundgerieben. Gelegentlich schlugen wir unverbesserlichen Sündern die Eckzähne aus, ein Brauch, den die Polareskimo am Smithsund allgemein befolgen. Aber das hat den Nachteil, daß man diese Hunde gesondert füttern muß, weil sie durch die Zahnlücken im Fressen behindert sind. Als letztes Mittel bleibt nur noch übrig, den Hunden nach dem Halt alle Geschirre abzunehmen. Zeitweilig legte ich ihnen statt dessen Halsbänder um, die an einer langen Kette befestigt waren, was sich nicht schlecht bewährte. Sonst muß man sie frei herumlaufen lassen, was leicht zu Beißereien führt, und dann mit besonderer Sorgfalt alles Freßbare von den Schlitten im Zelt bergen.

Den Grönländern pflegten wir, solange sie in Diensten der Expedition standen, drei Kronen für den Tag zu zahlen. Für die Dauer der Schlittenreisen erhielten sie täglich eine Krone Zuschlag und bei besonderen Schwierigkeiten Sonderbelohnungen. Schon die Erfahrungen der Vorexpedition hatten uns gezeigt, daß wir die Grönländer stets in volle Verpflegung nehmen mußten. Sie sind im Durchschnitt nicht imstande, den für längere Zeiten nötigen Bedarf richtig zu berechnen. Jedenfalls verdienten die Leute bei uns Summen, die sie sonst im Umanakdistrikt nicht zu erwerben vermögen. So fehlte es uns nie an Helfern aus der Bevölkerung. Zum ersten Male glückte es unserer Expedition, Grönländer in größerer Zahl aus dem der dänischen Verwaltungsorganisation unterstehenden Teil Westgrönlands für Reisen auf dem Inlandeis zu gewinnen. Wesentlich trug dazu das Vertrauen mit bei, das die Grönländer zu unserer Wegbezeichnung durch Flaggen gewonnen hatten. So meldeten sich beim Fehlen jüngerer Leute zu dieser Reise sogar die alten Familienväter aus Uvkusigsat und Kekertat.

Wegener hatte sich am 18. September entschlossen, an Stelle Weikens diese Reise selbst zu führen. Er sah die Notwendigkeit wichtiger Entscheidungen voraus, die er selbst fällen wollte. War doch an der Weststation noch immer nicht bekannt, ob es den Propellerschlitten gelungen war, mit Winterhaus und Petroleum »Eismitte« zu erreichen. Auch glaubte er, durch seine Teilnahme die Grönländer zu größeren Leistungen anspornen zu können. Weiken hatte vorgeschlagen, mit der Abreise nicht bis zur Versammlung der ganzen Schlittenabteilung zu warten, sondern einen kleineren Trupp, der eher bereit sein konnte, möglichst schnell in Marsch zu setzen. Es wäre, wie der weitere Verlauf lehrte, wohl richtig gewesen, diesem Vorschlag zu folgen.

Am 19. September abends war endlich alles, Menschen, Hunde, Schlitten und Ausrüstung, in Scheideck versammelt. Der 20. September verging mit den letzten Vorbereitungen. Ein lebhaftes Treiben herrschte am 21. September morgens an unserm Aufbruchsplatz. In Haufen lagen am Eisrand die Hunde gespannweise angebunden. Dazwischen strolchten ein paar Ausreißer herum, schnüffelten an den leeren Konservenbüchsen, und wenn sie dabei einem Gespann zu nahe kamen, wahrte der »Baas«, der Führer des Gespanns, sein Hausrecht, und nach einigem Geknurr zog der Eindringling ab. Manchmal begann auch unvermittelt ein Hund den Kopf emporzurecken und mit aufgerissenem Maul zu heulen. Erst fiel der eine oder andere, dann der ganze Chor ein und aus hundert Kehlen scholl ein ohrenzerreißendes Lied über den Gletscher hin! An- und abschwellend tönte es einige Minuten fort; eine kurze Pause, und mit erneuter Kraft begann der Gesang, bis schließlich auch die ausdauerndsten Sänger verstummten. Nie haben wir ergründet, was diese Heulkonzerte auslöste, die ganz unabhängig von äußeren Umständen von Zeit zu Zeit zu ertönen pflegten und die offenbar ein Erbe der alten wölfischen Verwandtschaft des Polarhundes sind. Wie oft haben wir fluchend im Zelt gelegen, wenn nach anstrengendem Tag die Ruhe gar nicht wieder eintreten wollte. Selbst den immer gutgelaunten Grönländern wurde es manchmal zuviel, ohne daß auch sie ein Mittel dagegen gewußt hätten.

Der größere Teil unserer Lasten war durch Weiken und Vigfus einige Tage vorher mit Pferdeschlitten zur Schonung der Hunde bis 17 Kilometer Randabstand vorgebracht worden. In der Randzone des Inlandeises ist nämlich gegen Sommerende die Oberfläche weithin in scharfe, zentimeterhohe Eiszacken aufgelöst; die Vertiefungen dazwischen sind durch Staubablagerungen gefüllt, sogenannten Kryokonit, den der Wind hierhergetragen hat und der dank seiner dunklen Farbe tief eingeschmolzen ist. Dieses Eis zerschneidet die Pfoten der Hunde, namentlich wenn sie schwerbeladene Schlitten bergauf ziehen und sich deshalb fest einstemmen müssen. Zwar heilen die Wunden in Ruhe bald wieder, aber es ist doch sehr bedenklich, mit so verletzten Hunden eine längere Schlittenreise anzutreten. Wir suchten sie durch sogenannte »Hundekamikker« zu schützen, Segeltuch- oder Seehundfellstücke, in die Löcher für die Krallen geschnitten sind und die um den Knöchel festgebunden werden. Allerdings müssen die Kamikker bei jedem längeren Aufenthalt abgenommen werden, damit die Hunde die Pfoten lecken können; auch benutzen die Hunde gern die Gelegenheit, die Kamikker zu fressen, so daß ihre Verwendung keine reine Freude ist. Aber auch für die Pferdeschlitten, die bei dieser Fahrt ihren fernsten Punkt auf dem Inlandeis erreichten, war der Weg nicht einfach. Die Pferde treten leicht durch Schneebrücken in Spalten, weil sie mit ihren kleinen Hufen und dem verhältnismäßig großen Gewicht einen großen Flächendruck ausüben. Geraten sie einmal mit einem Huf in eine enge Spalte, so können sie sich leicht Beinverletzungen zuziehen.

Als wir am 21. September kaum drei Kilometer auf dem Inlandeis bis zum Beginn der Spaltenzone zurückgelegt hatten, trafen wir auf die rückkehrenden Schlitten der dritten Schlittenreise, Jülg, Wölcken und die sieben Grönländer, die am 30. August mit Sorge nach »Eismitte« gefahren waren. Von ihnen erfuhren wir, daß sie mit den Propellerschlitten am 17. September bei km 200 zusammengetroffen waren und daß die Schlitten von dort baldigst nach »Eismitte« hatten starten wollen. Sie brachten einen Brief von Georgi und Sorge, in dem diese unter anderm eine Reihe von Ausrüstungsgegenständen anforderten, die wir in unserer Nutzlast nicht vorgesehen hatten. Wir brauchten noch einen Tag, um die gewünschten Sachen von Kamarujuk heraufschaffen zu lassen. Am 22. September startete die Abteilung endgültig und kam am ersten Tag bis 17 Kilometer Randabstand, wo sie wegen Nebels Lager schlagen mußte und die dorthin vorgeschobene Nutzlast aufnahm.

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Aufnahme Georgi. Gesamtansicht von »Eismitte«. Von links nach rechts: Strahlungsmeßgerät, Beobachtungsturm und Eingang zum Wohnraum, Wetterhütte, Strahlungsschreiber, Ballonwinde mit Windmesser.

Am 23. September kamen wir bis km 40. Das Wetter war sommerlich warm; aber die schwergeladenen Schlitten kamen in dem Neuschnee, der ab km 30 lag, nur schlecht vorwärts. Wir pflegten auf unsern Transportreisen mit 35 bis 40 Kilogramm Gewicht je Hund zu starten; mit 30 Kilogramm war auch auf ungünstiger Bahn ein brauchbarer Fortschritt zu erwarten. Ein volles Gespann beförderte also sechs bis sieben Zentner Last. Die Last verringerte sich allmählich, besonders durch den Verbrauch an Hundefutter, von dem jeder Hund etwa 600 Gramm täglich erhielt. Dagegen pflegten wir nicht, wie sonst vielfach üblich, mit abnehmender Last die Zahl der Hunde zu vermindern und das Fleisch der getöteten als Hundefutter zu verwenden. Die Schlittenabteilung von 15 Schlitten erwies sich bald als zu groß. Bei der sorglosen Fahrweise der Grönländer geraten gar zu leicht verschiedene Gespanne ineinander. Zeitraubender Aufenthalt aller Schlitten ist die Folge, denn es ist nicht möglich, zwei ineinander verknotete Gespanne auseinanderzubringen, wenn die andern Schlitten weiterfahren und der ganze Hundeknäuel wild hinterherstrebt. Die Schwierigkeit wird noch erhöht, weil die grönländische Fahretikette sowohl der rechtzeitigen Vorsorge wie der Hilfeleistung Unbeteiligter Schranken setzt.

Als wir abends Lager schlugen, erscholl bei den Grönländern auf einmal der Ruf: »Kamusuit!« »Der große Schlitten!« So pflegten sie die Propellerschlitten zu nennen. Sie meinten im Osten einen Lichtschimmer gesehen, ein Rauschen gehört zu haben. Schnell bildeten wir eine weite Kette, damit die Schlitten nicht im Dämmerlicht an uns vorbeifahren sollten. Aber nichts regte sich mehr, und wir glaubten schon, daß auch diese erstaunlich sicheren Beobachter sich einmal geirrt haben könnten. Doch am nächsten Morgen erblickten wir einige Kilometer vor uns zwei Zelte und den einen Propellerschlitten. Wir trafen dort die Besatzungen beider Schlitten und erfuhren, wie es ihnen ergangen war. Zu fünf in dem engen Zweimannzelt kauernd, berieten wir lange, was weiter zu geschehen hatte. Es war nicht mehr damit zu rechnen, daß die Propellerschlitten »Eismitte« in diesem Jahr erreichten. So konnte Kraus nicht, wie vorgesehen, in »Eismitte« überwintern. Angesichts des langsamen Vordringens entschlossen wir uns, unsere Last um alles Überflüssige zu erleichtern. Wir hinterlegten hier nicht weniger als 800 Kilogramm. Auch einen Grönländer schickten wir mit dem Propellerschlitten zurück. Als der Schlitten nachmittags mit fünf Mann Besatzung nach Westen startete, sahen wir eine Decke gleichmäßig grauer Schichtwolken von Westen heraufziehen. Schneefall drohte!

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Aufnahme Wegener. Blick aufs Inlandeis.

Am nächsten Morgen (25. September) herrschte an unserm Lagerplatz bei km 50 so dichter Nebel, Windstille und starker Schneefall, derselbe, der die zurückkehrende Propellerschlittenbesatzung mehrere Tage im Zelt festhielt (S. 80). Lautlos und still fielen zwei Tage lang die Flocken und deckten Schlitten und Hunde zu. Einsam stand 300 Meter weiter der steckengebliebene »Schneespatz«, schon bis zum Rumpf in Schnee gehüllt. Als endlich am 26. mittags der Schneefall endete, schickten wir zwei Grönländer, Rasmus Villumsen aus Uvkusigsat und Johann Amossen aus Kekertat, zu unserm letzten Depot zurück, um eine dort hinterlegte Kiste Hundepemmikan nachzuholen. Der Abend kam, der Nebel senkte sich wieder; die beiden Grönländer waren nicht zurückgekehrt. Sie hatten kein Zelt, keinen Proviant bei sich. So fuhren Detlev Frederiksen und ich mit einem Schlitten auf der noch sichtbaren Spur zurück. Es war ein mühseliger Weg; von Fahne zu Fahne fanden wir uns durch die schwarze Nacht. Merkwürdigerweise folgten die Hunde der gut sichtbaren Spur nicht von selbst. So mußte der eine von uns, mit der Taschenlampe die Spur ableuchtend, vor dem Schlitten durch den tiefen Schnee waten, der andere folgte auf dem Schlitten. Es war schon Mitternacht, als auf einmal Detlev flüsterte: »Kernertok!« »Da ist etwas Schwarzes!« Was konnte das sein? Leider war es der zweite Propellerschlitten, der hier bei 41 Kilometer Randabstand gleichfalls havariert sein mußte. Die Besatzung fehlte; es fehlte auch jede Nachricht über ihren Verbleib. Dagegen fanden wir neben dem Schlitten in einem Zweimannzelt unsere Grönländer friedlich schlummern. Sie hatten das Zelt im Schlitten gefunden und sich darin schlafen gelegt, da bei ihrer Ankunft die Nacht hereinzubrechen drohte. Erst im Laufe des Vormittags stießen wir wieder zur Hauptabteilung. Das Wetter war sonnig und klar, von jener wundervollen Klarheit, die in der Randzone des Inlandeises beim Vorüberzug der Tiefdruckgebiete in der Baffinstraße dem Schnee und Nebel folgt. Schlimm aber war der lockere Schnee. Nur mit unzähligen Stockungen kamen wir voran; kaum vermochten wir uns den steileren Anstieg von km 60 bis 62 heraufzuarbeiten. Der Gegenwind frischte gegen Abend auf. Es wurde schnell kälter. Als wir bei km 62 Lager schlugen, jagte bei 27 Grad Kälte der Ostwind die Schneeschleier über die weiße Wüste. Von unserer freien Höhe hatten wir einen Rückblick über das weite Rund der Küstenberge mit ihren schroffen Felszacken und weißen Firnhauben. Aber wie sahen heute diese uns so vertrauten Berggipfel aus! Hier ragte statt einer kühnen Spitze ein breiter Kasten, dort stand neckisch über dem Gipfel sein umgekehrtes Spiegelbild, und jener Gipfel zeigte sich gar in dreifacher Gestalt. Dabei wechselte ununterbrochen die Form dieser Verzerrungen. Solche Luftspiegelungen sind ein Zeichen, daß kältere Luft, die Neigung des Inlandeises hinabfließend, sich unter wärmere schiebt. An der Grenze der unteren kalten und der daraufliegenden warmen Luft werden dann die Lichtstrahlen auf dieselbe Weise gespiegelt, wie wenn man bei einem gefüllten Wasserglas schräg von unten auf die Grenze zwischen dem dichteren Wasser und der dünneren Luft blickt.

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Aufnahme Kelbl. Holzapfel mißt auf dem Hausdach die Sonnenstrahlung.

Am Abend fanden sich alle Grönländer in einem Zelt zusammen. Das war ein schlechtes Zeichen! Irgendein Unwetter zog sich zusammen! Und richtig. Am nächsten Morgen, dem 28. September, kamen alle in unser Zelt. Da saßen sie stumm, sahen zu Boden und sogen an ihren Pfeifen. Schließlich teilte uns der Sprecher mit, daß alle Grönländer nach Hause zurückkehren wollten. Es fehle ihnen an hinreichender Ausrüstung für die bevorstehende Kälte, von der sie gestern eine Probe bekommen hätten, die Hunde würden bei dem losen Schnee nicht zu ziehen imstande sein usw. Bei den alten Fängern, die wir diesmal mithatten, blieben auch Wegeners Autorität und unsere durch Sprachschwierigkeiten gehemmten Überredungsversuche nutzlos. Und im stillen konnte ich ihnen nicht ganz unrecht geben. Zwar hatten wir sie aus Expeditionsbeständen mit Ausrüstung versehen, soweit uns das möglich war; aber da den Grönländern des Umanak-Distriktes z. B. Pelzschlafsäcke fast ganz fehlen, war es schwierig, eine so große Abteilung für sehr starke Kälte auszurüsten.

Nach langen Verhandlungen glückte es schließlich, vier Grönländer zur Weiterreise gegen eine höhere Bezahlung zu bestimmen, und zwar Detlev Frederiksen und Rasmus Villumsen aus Uvkusigsat, Nikola Sakiussen und Johann Amossen aus Kekertat. Die Weigerung der Grönländer zwang uns, die Nutzlast stark zu verringern. Wieder einmal mußten wir unsere Sachen umpacken; wieder einmal ging uns dadurch ein Reisetag verloren. Am 29. September trennten wir uns. Sechs Schlitten, 69 Hunde mit knapp 2000 Kilogramm Last reisten weiter nach Osten, acht Schlitten kehrten nach Westen zurück und trafen nach kurzer Fahrt am Eisrand ein.

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Aufnahme Weiken. Depot bei km 62.

Zwar das Wetter war zum Reisen ideal; es war warm (um -10 Grad), der Wind schwach, und trotz des Nebels vermochten wir die allerdings schon stark verschneite Wegmarkierung meist ohne Mühe zu finden. Wir bauten die Schneewarten neu auf und zogen die Fahnen wieder an die Oberfläche, um unsern Rückweg zu sichern und den Weg für die Reisen des nächsten Jahres auffindbar zu machen. Aber die Tage waren schon kurz, der Schnee tief. Unsere Hundegespanne, aus verschiedenen Gespannen zusammengewürfelt, waren zu groß, um die Zugkraft der Hunde voll auszunutzen, übrigens nicht nur für die Europäer, sondern auch für die uns begleitenden Grönländer. Ich persönlich glaube, daß auf Inlandeisreisen von längerer Dauer Gespanne von mehr als neun Hunden für Europäer keinen nennenswerten Nutzen mehr bieten, da die übrigen Hunde kaum mehr als ihr eigenes Futter ziehen. Doch gehen hierüber, wie nicht verschwiegen werden soll, die Meinungen der Expeditionsmitglieder auseinander. Erst am 1. Oktober erreichten wir 120 Kilometer Randabstand. Die Marschgeschwindigkeit sank immer mehr; trotz frühen Aufbruchs vermochten wir am 1. bis zur Dunkelheit nicht mehr als 15 Kilometer zurückzulegen. Die Hunde schwammen im Schnee, und die breitkufigen Nansenschlitten versanken manchmal bis zu den Querhölzern. Dieses Schlittenmodell hatte Nansen für seine Durchquerung Grönlands 1888 entworfen. Es ist das beste für die schneebedeckten Teile des Inlandeises. Die dreieinhalb bis vier Meter langen, breiten Skikufen, die wir häufig des besseren Gleitens halber mit einem Paraffin- oder Skiwachsüberzug versahen, schmiegen sich schlangengleich den Unebenheiten des Bodens an; der ganze Schlitten, fast ohne Nagelung nur durch Lederriemen zusammengehalten, folgt den Biegungen der Kufen so bequem, daß auch auf welligem Boden fast niemals der glatte Lauf gebremst wird. Die breiten Kufen halten auch bei losem Schnee den Schlitten gut an der Oberfläche. Dabei besitzen die Schlitten eine große Festigkeit, die wir bei Stürzen in die Gletscherspalten immer wieder bewunderten.

Trotzdem wurden diesmal bei den besonders ungünstigen Schneeverhältnissen Führer und Hunde namentlich des ersten Schlittens durch das häufige Steckenbleiben und den grundlosen Schnee sehr erschöpft. Bei der Warte km 120 erklärte Detlev, der älteste der uns noch folgenden Grönländer, umkehren zu wollen. Nur mit Mühe vermochten wir die Grönländer zum Weitermarsch zu bewegen. Da aber am 2. Oktober wieder Nebel und Schneefall die Weiterreise verhinderten, entschlossen wir uns, hier bei km 120 fast alle Nutzlast zurückzulassen. Am dringendsten wurde ja in »Eismitte« Petroleum gebraucht, und davon hatte die letzte Propellerschlittenreise bei km 200 schon so viel hinterlegt, daß für den Winter in »Eismitte« ein Verbrauch von drei Liter täglich möglich war. So ging es am 3. Oktober weiter mit Schlitten, die fast nur noch den Bedarf der Schlittenreise selbst und beinahe keine Nutzlast mehr trugen.

Tag für Tag mildes, sommerliches Wetter, Tag für Tag schwere, tiefe Bahn. Am 3. Oktober kamen wir bis km 126, am 4. Oktober bis km 140, am 5. Oktober bis km 151. Trotz aller Anstrengungen vermochten wir in der Stunde kaum zwei Kilometer zurückzulegen. Die Hunde waren schwer angestrengt, denn sie versanken dauernd bis zum Bauch und konnten sich vielfach nur springend vorwärtsbewegen und den Schlitten hinter sich herziehen. Wir ließen den ersten Schlitten fast ohne Last vorausfahren. Er diente nur dazu, einen Weg zu brechen, auf dem die Hunde der andern Schlitten leichter folgen konnten, die dann der Reihe nach schwerer und schwerer beladen wurden. Wie oft mußte ich an jene Augustreise denken, wo wir mit vollen Schlitten täglich mühelos 30 bis 35 Kilometer zurücklegten und in zwölf Tagen »Eismitte« erreicht hatten. Da wechselten wir nur zwischen Schritt und Trab; hin und wieder knallte die Peitsche, und in sechs bis sieben Stunden hatten wir unsere Tagesstrecke zurückgelegt. Und gar jene Rückfahrten mit leeren Schlitten, bei denen uns der Wind über die spiegelglatte Bahn vor sich herschob, so daß die Hunde nur hin und wieder den Schlitten anzurucken brauchten, und bei denen eine Fahne nach der andern in schneller Flucht vorüberfloh.

Der langsame Fortschritt der letzten Tage zeigte uns, daß wir nicht genug Futter und Proviant hatten, um mit der ganzen Kolonne »Eismitte« zu erreichen. Wir berieten vielfach hin und her. Leider ist Wegeners Tagebuch von dieser Reise, das ein lebhaftes Bild unserer Erwägungen geboten hätte, verlorengegangen. Zeitweilig vertrat Wegener die Meinung, man solle den Weitermarsch als zwecklos aufgeben, wenn bis zum 6. Oktober keine Besserung der Verhältnisse eingetreten sei. Ich hielt es dagegen bei den verfügbaren Mitteln noch für möglich, mit einem grönländischen Begleiter »Eismitte« zu erreichen, wenn die andern drei Grönländer ohne europäische Begleiter von km 155 zurückkehrten. Nur schien es zweifelhaft, ob sich ein einzelner Grönländer als Begleiter finden würde und ob die Grönländer allein zurückreisen würden. Unsern Plänen kam entgegen, daß am 5. Oktober abends bei km 151 Detlev, erschöpft durch das Vorausfahren, erklärte, die Grönländer wünschten nunmehr endgültig umzukehren.

siehe Bildunterschrift

Aufnahme Weiken. Hundekonzert.

Wieder kosteten uns die folgenden Verhandlungen einen der wertvollen Reisetage. Zunächst wollten die Grönländer uns alle nach km 200 begleiten wo wir den dort lagernden Notproviant ergänzen wollten, am 6. Oktober erklärte sich Nikola bereit, mit Wegener und mir über km 200 hinauszugehen. Als alles für die Umkehr der übrigen Grönländer ab km 151 umgepackt war, tat ihm sein Entschluß wieder leid. Er kam mit allerlei Einwänden, weshalb er doch nicht mitgehen könne. Dabei muß man sich die Schwierigkeit und Zeitdauer solcher Erörterungen richtig vorstellen. Die Grönländer kannten fast kein Wort einer europäischen Sprache, Wegener verstand fast kein, ich nur wenig Grönländisch. Auch das Aussuchen der mitzunehmenden Sachen war überaus zeitraubend; denn es galt jedesmal, das noch verfügbare Nutzlastgewicht sorgfältig zu berechnen, die Kisten zu öffnen, das Notwendige herauszusuchen, zu wiegen und neu zu verpacken. Am 7. Oktober erklärte sich schließlich Rasmus Villumsen, der schon an zwei Inlandeisreisen mit mir teilgenommen hatte, bereit, Wegener und mich weiter zu begleiten.

So trennten sich die Abteilungen. Die drei Grönländer fuhren am 7. Oktober nach Westen ab. Sie kamen auch auf der Rückreise nur langsam vorwärts. Erst am 15. Oktober trafen sie in Scheideck ein. Wegener, Rasmus und ich setzten die Reise nach Osten fort, um möglichst Verbindung mit Georgi und Sorge aufzunehmen, die ja mitgeteilt hatten, daß sie »Eismitte« am 20. Oktober räumen würden, wenn sie bis dahin keine Schlittenabteilung erreicht hätte.


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