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Transporte

Von Georg Lissey und nach Alfred Wegeners Tagebuch

Endlich waren am 17. Juni unsere 2500 Kisten, Kasten und Kannen im innersten Zipfel des Kamarujuk-Fjords gelandet. Auf dem schmalen, steinigen Strande lagen und standen sie in wirren Haufen durcheinander. Schnell waren die Zelte im Windschutz des Moränenwalls aufgeschlagen. Die erste Aufgabe war nun, mit Hilfe von Schubkarren, vielem Ho! und Ruck! und vielen Schweißtropfen das Gepäck hochwassersicher auf die Moräne zu bringen und dort übersichtlich zu stapeln. Neben diesem Depot zäunten die Isländer einen größeren Platz mit Drahtgitter ein und zimmerten Krippen. In diese Umzäunung wurden unsere 25 Pferde gebracht. Die isländischen Bergpferde brauchen im Sommer keinen Stall.

Spät abends hatte alles seinen Platz: Gepäck, Pferde und Menschen. Schnell schluckten wir unsern Pemmikan, der uns Polarsäuglingen noch gar nicht munden wollte, und stiegen noch einmal zur Moräne hinauf. Die Sonne hatte sich hinter den steilen, 1000 Meter aufragenden Felswänden verkrochen, die Fjord und Gletscher rechts und links einsäumten. Am Tage, während der Arbeit in der stechenden Sonne, hatten wir nach einem kühlen Labetrunk gelechzt; jetzt fröstelten wir. Der sich den Augen darbietende Anblick weckte auch nicht gerade eine wärmere Stimmung in uns. Grau lag der Fjord zwischen seinen düsteren Felswänden, von denen Hängegletscher kalt und weiß herunterglitzerten. Etwas schief und krumm standen die Zelte am Strand. Es war schwer gewesen, ein halbwegs ebenes Plätzchen für sie zu finden. Der Gletscher hatte einst einen breiten Ringwall von Schutt und Steinen bis fast heran an das Ufer vor sich hergeschoben. Hierauf lag unser Gepäck. Der Zufluß von Firn und Eis zum Kamarujuk-Gletscher hatte sich nun aber im Lauf der Zeiten vermindert. So lag jetzt seine Zunge etwa 500 Meter von der alten Endmoräne entfernt, eine Strecke ebenen, nur von Schmelzwasserbächen zerfurchten Geländes freilassend. Hier lag auch noch etwas Schnee. Der Gletscher selbst zeigte sich, soweit er zu überblicken war, schneefrei. Spiegelglatt, dafür aber fast spaltenlos, reckte er sich in sanfter Wölbung bis auf etwa 350 Meter Seehöhe hinauf. Nun, da würden wir wohl hinaufkommen. Vigfus hatte schon probiert, dort mit einem Pferdeschlitten vorwärtszukommen. Er mußte den Versuch aber bald aufgeben. Der Gletscher war zu steil. Den Abschluß des Gletscherpanoramas bildete die 300 Meter hohe Wand des Gletscherbruchs. Mißtrauisch betrachteten wir das Gewirr von Spalten, Eisrippen und Türmen. Wir schüttelten die Köpfe, jagten mit ein paar wohlgezielten Steinwürfen die Hunde auseinander, die zwischen unserm Gepäck nach Freßbarem herumschnupperten, und trollten uns zurück zum großen Sommerzelt.

Hier war man schon beim Kriegsrat. Arbeit gab es für die nächste Zeit mehr als genug: Kraus und Kelbl, die beiden Propellerschlittenmonteure, sollten erst einmal ihr Funkgerät aufbauen und versuchen, Verbindung mit der nächsten Küstenfunkstelle »Godhavn« herzustellen. Die Isländer müssen schnellstens ihre Pferde beschlagen und sofort damit beginnen, das Expeditionsgepäck noch über den jetzt in der Sommersonne rasch schmelzenden Schnee zum Gletscherfuß zu befördern. Alle andern aber müssen mit Spitzhacke und Schaufel hinauf in den Bruch, um einen Weg zu bahnen, den Pferde mit Traglasten begehen können. Dort oben werden uns die Propellerschlitten, die den Umfang eines großen, geschlossenen Automobils haben, noch viel Arbeit machen. Sprengingenieur Herdemerten soll mit Jülg eine Gasse durch die Eisklüfte sprengen, durch die die Schlitten dann hinaufgewunden werden können.

Der Pferdetransport muß so schnell wie möglich in Gang kommen, um die 3000 Kilogramm Proviant, Hundefutter und Ausrüstung hinaufzubringen für die erste Schlittenreise, die 400 Kilometer ins Innere vorstoßen soll.

Am andern Morgen war dann auch schon alles bei der Arbeit. Die Wegebaukolonne, verstärkt durch ein halbes Dutzend Grönländer, schnallte die Steigeisen unter und stieg den Gletscher hinauf. Bis zum Bruch boten sich keine besonderen Schwierigkeiten. Packpferde konnte man hier führen, ohne einen besonderen Weg anlegen zu müssen. Bei der Betrachtung aus der Nähe erwies sich auch der Bruch nicht so unwegsam, wie er uns abends aus der Ferne erschienen war. Über Spalten springend, Oberflächenbäche durchwatend, fanden wir einen Weg, der durch den Bruch aufwärts führte. Die am stärksten zerklüfteten Stellen ließen sich umgehen. Bald wand sich der Weg langsam steigend zwischen Eisrippen, bald ging es in kurzem Zickzack empor. Oberhalb des Bruchs zeigte sich der Gletscher noch mit Schnee bedeckt, anscheinend war er hier weniger zerrissen. Aber auch diese letzte Strecke hinauf zur weiten Fläche des Inlandeises war zu steil für Pferdeschlitten. Hundeschlitten mit halber Last würden dies Stück schon bewältigen, sagte uns Wegener.

Auf dem Rückweg schauten wir uns dann unsern »Weg« einmal etwas genauer an. Lange Strecken mußte er erst aus den glatten Eiswänden herausgehauen werden. So standen wir bald in langer Reihe im Bruch und schwangen unsere Spitzhacken, daß Splitter und Brocken flogen. An günstigen schmalen Stellen wurden die Spalten mit Eisschutt verstopft. In wenigen Tagen war diese Arbeit beendet. Die Transporte konnten beginnen.

Nun ging's aber wirklich los! Alle wurden wir Transportarbeiter und schufteten vom Abendrot bis zum Morgenrot. Wir arbeiteten nämlich des Nachts. Am Tage war es zu heiß für Mensch und Tier in der brennenden, gleißenden Sonne auf dem Gletscher. Daß wir in Grönland so schwitzen sollten, hatte uns in Europa auch nicht geschwant. Uns Polarsäuglingen kam alles überhaupt recht wenig expeditionsmäßig vor. Das Ganze ähnelte sehr dem Betrieb einer Baustelle im Hochgebirge. Von wissenschaftlichen Arbeiten war nicht die Rede. Nur Transport, Transport und noch einmal Transport! Packpferde, Träger, Pferde-, Hundeschlitten und Motorboot, alles war dauernd in Bewegung. Nur die Förderung nicht aufhalten! war die Parole.

In drei Staffeln wurde die Strecke Kamarujuk (+0 Meter) Nunatak-Scheideck (+950 Meter) eingeteilt. Kamarujuk blieb Ausgangsstation und Hafenstadt. Von hier aus hielt die »Krabbe« die Verbindung mit der Außenwelt, d. h. den weit zerstreut liegenden kleinen Eskimosiedlungen der Umanak-Bucht, aufrecht. Hier wurde auch der eintreffende Nachschub eingelagert, gebucht und in Pferdelasten umgepackt. Drei Mann, unter der Leitung von Vigfus, versahen mit 15 Pferden den Dienst von Kamarujuk den Gletscher hinauf bis zum Bruch. Dort begann das Reich des baumstarken Isländers Jon. Er hauste mit seinem Landsmann Gudmund in »Grünau«, einem kleinen Fleckchen Almwiese mit einem rauschenden Bach auf halber Höhe des Gletschers zwischen der nördlichen Talwand und der Seitenmoräne. Neben dem Zelt von Schif, Kelbl und Kraus wohnten hier noch Herdemerten und Jülg. Stieg man weiter der Moräne nach, so gelangte man an ihrem oberen Ende beim Nunatak Scheideck zu einem geräumigen Zelt. Zwischen Windmesser und Thermometerhütte saß dort gewöhnlich der Meteorologe Holzapfel und hantierte mit seinen Strahlungsapparaten. Er war das einzige Expeditionsmitglied, das neben seiner Transportarbeit schon seinen wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen konnte. Dicht neben der meteorologischen Station standen auch die Zelte der Loeweschen Hundeschlittenabteilung. Alles, was Jon durch den Bruch schaffte, fuhr Loewe mit seinen Grönländern über den noch mit Schnee bedeckten oberen Teil des Gletschers zum Nunatak, wo der Startplatz der Schlittenreisen ins Innere der weißen Wüste war.

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Aufnahme Wegener. Ein Stück des Pferdeweges.

Bald merkten wir, daß dieser Gletscher, der uns anfänglich so tot und verlassen schien, lebendig, ja viel zu lebendig war. Tag für Tag wurde mit steigender Sonne die Abschmelzung stärker. Die Oberflächenbäche schnitten sich tiefer und tiefer in das Eis hinein; die Spalten wurden breiter und breiter, und der Fuß des Gletschers zog sich Meter auf Meter zurück. Unser dort aufgestapeltes Gepäck drohte in Morast und Schlamm zu versinken. Überall zeigte sich täglich neue Arbeit. Die in das Eis gehauenen Wege wurden von der Schmelzung eingeebnet, immer wieder mußten sie nachgehackt werden.

Nacht für Nacht zogen die Pferdekarawanen über den Gletscher, aber der große Gepäckhaufen in Kamarujuk wollte und wollte nicht merklich kleiner werden. Manchmal sah es trostlos aus. Deutlich erinnere ich mich noch an einen Morgen im Kamarujuk-Zelt. Wir hatten uns müde und zerschlagen in unsere Kojen gelegt, da erschien Holzapfel. Er war heruntergekommen, um noch einige Instrumente zu holen. »Oben im Bruch ist eins von Jons Pferden in eine Spalte gestürzt. Es ist tot.« So erzählte er. »Und da haben Sie uns keinen Schinken mitgebracht?«, riefen wir alle wie aus einem Munde. Schlimm war es ja. Wir hatten ein gutes Tier verloren, aber die Aussicht auf frisches Pferdefleisch tröstete uns.

Ruhelos wälzten wir uns auf unsern Lagern. Die Sonne machte das Zelt zum Treibhaus. Kaum hatten wir endlich Schlaf gefunden, weckte uns Vigfus schon wieder. »Es ist gleich 8 Uhr. Raus!« Immer noch todmüde, kroch man dann schlaftrunken aus seinen Decken hervor, zog Skihose, Anorak Bluse aus winddichtem Stoff oder Fell mit Kapuze., Strümpfe und Bergstiefel an, und setzte sich an den Frühstückstisch. Waschen ist nur Energieverschwendung! Viel wichtiger ist Kaffee. Mit einem Liter dieses braunen Getränkes spülten wir den faden Geschmack der allabendlichen Portion Hafergrütze hinunter.

Die Pferde hatte Vigfus schon gefüttert, bevor er uns weckte. Jetzt ging es an das Satteln. Wir mußten alles selbst machen, da die Grönländer für Pferdearbeit nicht zu gebrauchen waren. Sie hatten Angst vor den »großen Hunden«, wie sie sagten. Vier Mann waren wir damals in Kamarujuk: Vigfus, Wölcken, Friedrichs und Lissey. Einer von uns Deutschen hatte abwechselnd Kochdienst; die drei andern zogen täglich dreimal mit Vigfus den Gletscher hinauf. So spielten ein isländischer Bauer, ein Wissenschaftler, ein Feinmechaniker und ein Ingenieur-Student zusammen Pferdeknecht. In langer Reihe, immer vier oder fünf Pferde hintereinandergebunden, zog man dann des Abends los. Beim Gletscherfuß wurde aufgeladen. Himmel, waren diese Proviantkisten schwer! 45 Kilogramm sollten sie wiegen, aber sie wogen sechzig. Das merkte man nur zu deutlich, wenn man mit Steigeisen an den Füßen auf der schrägen Gletscherzunge mit ihnen herumhantierte. Hätten doch wenigstens die eisernen Ringe gehalten, die an ihnen befestigt waren, um sie bequem an den Haken der Packsättel aufhängen zu können! Aber sie rissen aus, und so mußte jede Kiste einzeln mit Tauen gezurrt werden. 15 Gäule hatten wir. Also mußten bei jedem Gang 30 Kisten gezurrt und aufgeladen werden. Waren die Kisten gleichartig, so war es nicht so schlimm, von beiden Seiten trat je ein Mann mit einer Kiste an das Pferd heran. Gleichzeitig hängten sie dann die Lasten rechts und links vom Pferd in die Haken des Packsattels. Oft zitterten dann den Pferdchen die Beine unter der Last von 120 Kilogramm. Aber was half's? Die vermaledeiten Kisten waren nun einmal so schwer, und hinauf mußten sie. Unangenehm waren sperrige Gegenstände. Da gehörten schon allerlei Zurrkunststückchen dazu, die manchmal unförmigsten Dinge an die Pferde zu hängen, ohne daß sie die Tiere beim Gehen hinderten oder durch Schaukeln erschreckten. Dann konnten die kleinen niedlichen Ponys recht wild werden, bocken und schlagen, daß man Mühe hatte, sie wieder zu beruhigen. Auf jedem Gang passierte irgend etwas. Ohne Zwischenfall ging es eigentlich nie ab. Die ersten paar hundert Meter auf der Gletscherzunge waren steil. Vigfus nahm sein Leitpferd bei der Halfterleine und marschierte mit seinen fünf Gäulen ab. »Ho! Ho! Ho! Komm so! Komm so!« Lissey und Friedrichs zotteln mit den ihren hinterher. Gerade hier auf dem steilen Wegstück drängen die Pferde schnell vorwärts. Wir schnaufen und können kaum mit unsern klobigen, steigeisenbewehrten Stiefeln nachkommen. »Füchsle«, mein Handpferd, tritt mir dauernd auf die Hacken. »Wupp, Wupp, Wupp«, machen die Lasten auf den Pferderücken. Aufwärts stolpernd, schaue ich mich um, ob alle noch richtig sitzen. »Opa, ruhig!« Seine Lasten sitzen schon bedenklich schief, aber jetzt kann man nichts richten. Wir müssen erst einmal wieder in flacheres Gelände kommen. »Nicht springen!« Aber schon setzt der Braune, von der dunkleren Farbe des Eises im Bachbett stutzig geworden, zum Sprung an. Mit heftigem Ruck reißt er seinen Nachfolger mit sich. Dieser, erschreckt, macht einen noch größeren Satz. Die letzten beiden Pferde stolpern nur so hinterdrein. »Bums!« Von Opas Rücken kollert eine Kiste. Jetzt hat die andere Kiste Übergewicht. Sie dreht sich mitsamt dem Sattel und kommt so unter Opas Bauch zu hängen, ihn in den Weichen kitzelnd. Nun beginnt er aber wild zu werden und zu keilen. Vorne hoch! Hinten hoch! Das Tier wird immer wilder und aufgeregter. Die Kiste hängt jetzt nur noch an einem Haken und schlägt bei jedem Sprung gegen die Hinterbeine. Schnell das Messer aus der Scheide gerissen und die Leinen, die das tobende Tier mit seinen Kameraden verbinden, durchschnitten, damit die andern Pferde nicht auch von den Hufschlägen getroffen werden und darauf ihrerseits zu bocken beginnen. Vigfus hat seine Pferde stehengelassen und kommt zurückgelaufen. Friedrichs hat mit seinen eigenen Gäulen zu tun. Aber Opa hat sich inzwischen seiner Last entledigt und steht nun ruhig da, als ob nichts geschehen wäre. Schnell wird der Sattel wieder in die richtige Lage gebracht; die Kisten werden aufgeladen, und weiter geht's mit »Ho! Ho!« und »Komm so! Komm so!«

In weit ausholenden Kehren windet sich die lange Reihe der Pferde den Gletscher hinauf. Jedesmal, wenn wir uns der südlichen Talwand nähern, schauen wir ängstlich hinauf, ob auch kein Steinschlag oder keine Lawine herunterkommt. Zwar ist für uns keine Gefahr vorhanden, aber das Gepolter macht die Pferde scheu. Kurz unterhalb des Bruches queren wir den Gletscher. Von dort oben hören wir die Stimmen von Gudmund und Jon, die ihre Pferde durch laute Zurufe anfeuern. Sie haben das weitaus schwierigste Wegstück zu bewältigen. Hier müssen die kleinen isländischen Pferdchen wirklich einmal zeigen, was sie leisten können. Sie gehen vollkommen frei. Vornweg kommt Jon mit seinem Handpferd, Professor Brun, gefolgt von sechs andern Pferden. Wo steckt denn nur Gudmund? Ah, da taucht er auch schon auf, ein Pferd, das seitlich, Richtung Stall, ausbrechen wollte, vor sich hertreibend. Na, wir werden sie ja gleich beim Zehntonnendepot mitten auf dem Gletscher treffen. Aber jetzt müssen wir erst einmal auf uns selbst achten. Einen Eishang querend, steigen wir zur Bachschlucht hinab. Hier hatten wir einen guten, breiten Weg ins Eis gehackt und durch Kohlenstaubstreuung vertieft. Doch viel war nicht davon übriggeblieben. Die starke Abschmelzung hatte fast alles wieder eingeebnet. Auf dem kaum noch 20 Zentimeter breiten Pfade schritten die Pferde, vorsichtig Huf vor Huf stellend, hinab. Unten toste der Bach. Ein paar darübergelegte Bohlen überbrückten ihn. Hier scheuten die Pferde leicht. Das Brausen des Wassers und der hohle Klang der Tritte auf dem Holz machten sie wohl unruhig. Heute scheint alles gut gehen zu wollen. Vigfus und Lissey kommen gut hinüber, Friedrichs aber hat Pech. Sein letztes Pferd, sonst ein ruhiges Tier, wird plötzlich unruhig und drängt vorwärts. Für zwei Pferde nebeneinander ist aber kein Platz auf der Brücke. Ein Fuß tritt vorbei, und krach! fällt »Grauni« hinunter in den Bach. »Hilfe!« schreit Friedrichs; aber Vigfus und Lissey sind schon hinter dem nächsten Eishügel verschwunden.

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Aufnahme Wegener. Grönländer vor dem Zelt. Der vierte von links: Rasmus Villumsen.

Die Lage ist brenzlich. Grauni liegt, eingeklemmt von den Eiswänden des Baches, im Bachbett mit zwei Kisten von je 60 Kilogramm auf dem Buckel. Die Halfterleine ist noch mit dem Sattel seines Vordermannes verbunden. So droht auch dieses Pferd abzustürzen. Die beiden andern Pferde, mit Friedrichs jenseits des Baches, können mit ihren schweren Lasten auf dem dortigen steilen Eishang nicht stehen. Es sieht so aus, als ob im nächsten Augenblick alles, Mann und Pferde, in den Bach hinunterkollern werde. Verzweifelt ruft Friedrichs nochmals um Hilfe. Da kommt Holzapfel herangesaust, der mit uns unten abmarschiert ist, aber mit seinem schweren Rucksack voll Instrumente nicht so schnell mitgekommen ist. Rasch schneidet er die straffgespannte Halfterleine durch, und hilfsbereit, wie die Österreicher nun einmal sind, steigt er in den Bach hinunter, um dem Tier die Kisten abzunehmen. Von seiner Last befreit, richtet sich dieses plötzlich auf, den guten Holzapfel mit Schwung ins eiskalte Wasser werfend, das ihn sofort ein Stück mit fortschwemmt. Vigfus und Lissey kommen gerade zurecht, ihn triefend naß, mit ein paar blutigen Schrammen im Gesicht aus dem Bachbett krabbeln zu sehen. Friedrichs grinst schon wieder, »tja, das Eis ist hart.« »Und dees Wasser iest kolt«, vollendet Holzapfel. Das arme Grauchen steht zitternd mit fliegenden Flanken. Außer einer Verletzung am linken Hinterfuß hat es anscheinend nichts abbekommen.

Bis zum Zehntonnendepot sind es nur noch wenige Schritte. Hier wird abgeladen. Jon und Gudmund, mit ihren Pferden von oben kommend, sind auch schon angelangt. Wir zünden uns eine Zigarette an und lassen die Pferde etwas verschnaufen. Auf einmal ertönen von oben drei Pfiffe und ein langgezogener Ruf: »Es brrrennt!« Wum! Da steigt mit dumpfem Krach eine Wolke von Eisbrocken und Splittern wohl 15 Meter hoch in die Luft und fällt prasselnd wieder auf den Gletscher nieder. Ach so, da steht ja auch Herdemerten hoch oben auf dem Kamm einer Eisrippe, stolz auf seinen Eispickel gestützt. Jülg ist schon wieder dabei, das Zündkabel aufzutrommeln. Wieder ist eine Eisrippe umgelegt, und der Weg für die »Schwergewichte« weitergebahnt. »Mensch, sauft ihr da oben Sekt?« schreit der allezeit gutgelaunte Friedrichs hinauf. »Wieso?« fragt Herdemerten zurück. »Na, ich hab doch eben so etwas wie Sektproppen knallen hören.« Tief gekränkt wendet der Herr Sprengingenieur uns den Rücken.

Da drüben murksen die Propellerschlittenleute. Mit Bauwinde und Drahtseil ziehen sie ihre großen Karren aus der Bachschlucht herauf. Kraus steht mit einer Horde Grönländer an der Winde und kommandiert: »Spillemik! Assut! Assut! Schnell!« Die Grönländer drehen gelassen ihr Tempo. »Unipok! Elende Rasselbande! Halt!« Nun drehen sie natürlich wie besessen drauflos. Wir wollen uns totlachen, aber Kraus schimpft und flucht.

Das ist aber eine langweilige Geschichte mit diesem Transport der Propellerschlitten! Erst muß der Weg ausgesprengt, die schwere Winde mit dem Drahtseil hinaufgeschleppt, eingebaut und mit Proviantkisten beschwert werden, dann kann man die Schlitten und die Motorkisten gerade lumpige knappe 150 Meter weiterkurbeln. »Es wird wohl noch lange dauern, bis sie fahrtbereit auf dem Inlandeis stehen.

Die Zigarette ist aufgeraucht. Jon und Gudmund laden auf, wir nehmen unsere Gäule beim Strick und gehen wieder nach unten, um noch einen Gang zu machen. Als wir dann zum zweitenmal zum Depot beim Gletscherfuß herunterkommen, erwartet uns dort der heutige Koch, Wölcken, mit einer großen Kanne Kaffee und ein paar gewaltigen Brocken geräucherten Hellefisch. Die »Krabbe«, die inzwischen von Umanak mit Post zurückgekommen ist, hat diese Leckerei mitgebracht. Aber ehe wir uns darüber hermachen, bekommen die Gäule die Futterbeutel übergehängt. Dann lassen wir es uns auch schmecken. »Friedrichs, da oben in der Spalte liegt ein totes Pferd. Du mußt hinaufgehen, einen Schinken abschneiden und ihn mit herunterbringen!« »Ausgeschlossen, wenn ich jetzt mit den Gäulen ein drittes Mal hinaufgehe, habe ich genug! Ja, mehr als das! Keinen Schritt weiter tue ich umsonst!« »Dann gibt es eben heute abend Pemmikan,« entgegnet der Koch.

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Aufnahme Wegener. Pferde im Bruch.

Pemmikan ist eine von Polarfahrern viel gebrauchte Fleischkonserve. Sie besteht zum größten Teil aus gemahlenem Fleisch, das mit vielem Fett in Büchsen eingekocht wird. Jetzt, während der warmen Jahreszeit, hatten wir herzlich wenig Appetit darauf.

»Na, dann muß ich wohl doch gehen.« Noch einmal werden die Kisten gezurrt und aufgeladen. Als wir wieder hinaufstampfen und -stolpern, glänzt der Bruch schon wieder im Sonnenschein.

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Aufnahme Sorge. Depot in 750 Meter Höhe auf dem Kamarujuk-Gletscher.

Morgens um 6 Uhr sind wir endlich zurück und können ans Absatteln gehen. Damit ist unsere Tagesarbeit aber noch nicht beendet. Nachdem ein Ballen Heu herangeschleppt und in die Krippen verteilt ist, werden die Pferde besichtigt. Hestepräst ist lahm; Grauni hinkt wegen seiner Fußverletzung. »Einen Tag Ruhe!« Der Jude hat seine Hufeisen schon stark abgelaufen; bei Fröken Röska sitzen sie lose. Also müssen wir heute abend noch beschlagen. Jetzt aber erst mal zum Zelt und runter mit den schweren Stiebeln! Das Essen ist noch nicht fertig. Friedrichs soll ja erst den Festbraten bringen. Hunger haben wir auch gar nicht, nur Durst. Man packt sich auf die Kojen, trinkt einige Becher Kaffee und streckt alle viere von sich. »Ach, wenn doch erst wieder Sonntag wäre!« Aber heute ist ja erst Mittwoch. Der Koch erzählt, was für Dinge morgen hinausgeschafft werden müssen: »Also Proviant ist für diesen Monat genug oben, aber Petroleum müßt ihr mitnehmen. Einen Gang müßt ihr auch bis Grünau hinauf gehen. Herdemerten will Sprengstoff und ein Seismozelt haben. Jon braucht auch Heu für seine Pferde.«

»Nanu, was ist denn da draußen los?« Wir schauen aus dem Zelt. Da steht der kleine, dicke Friedrichs mit einem Riesenschinken auf dem Buckel, umgeben von einer Schar heulender und kläffender Hunde. »Ja, den möchtet ihr wohl, ihr Bestien! Aber den fressen wir selber uf!« Wölcken greift zur Hundepeitsche und knallt dazwischen. Die grönländische Hundepeitsche besteht aus einem nur etwa 60 Zentimeter langen Stiel. Daran sitzt dann ein vier bis fünf Meter langer Riemen. Die Hunde haben einen gewaltigen Respekt davor und verschwinden mit eingekniffenen Schwänzen. Der Schinken aber wird triumphierend ins Zelt getragen. Wölcken säbelt eine große Scheibe nach der andern ab, mit einem schweren Schmiedehammer wird das Fleisch sorgfältig geklopft, und schon schmurgelt und brozelt es lieblich in der Pfanne.

»Junge, Junge, wenn wir zu Hause soviel Fleisch essen wollten, unsere Mütter und Frauen würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.«

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Aufnahme Holzapfel. Umgestürzter Schlitten.

»Wölcken, Menschenskind, nur nicht so stark durchbraten! Pferde können solche Hitze nicht vertragen! So roh, wie möglich! Blut muß fließen, wenn man ein Stück anschneidet.« So sitzen wir und futtern unsern Pferdebraten ohne Kartoffeln, ohne Gemüse. Es ist ein Festschmaus.

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Aufnahme Wegener. Gletscherspalte.

Dann aber geht es wieder zu den lebendigen Pferden. Kraftfutter wird gegeben, die Hufeisenkiste und das Beschlagzeug werden hervorgesucht. Der Jude will sich nicht beschlagen lassen. Wir müssen ihm Taue um die Beine binden, ihn umwerfen und fesseln. Doch der Jude ist stark. Trotz der Fesseln können wir ihn kaum halten. Als Vigfus sich hinunterbeugt, um die alten Eisen abzureißen, ruckt er noch einmal gewaltsam und trifft Vigfus mit dem linken Hinterfuß gerade in das Gesicht. So kam es, daß an diesem Morgen der Jude vier neue Hufeisen an den Beinen und Vigfus zwei Zähne weniger im Munde hatte. Unser Tagwerk war geschafft.

So ging es nun Tag für Tag und Woche für Woche im ewigen Einerlei. Nachts zog man mit den Pferden über den Gletscher, tagsüber lag man, vergeblich nach Schlaf suchend, in der Bruthitze des Zeltes.

Der grönländische Sommer ist kurz, aber heftig. Wir mußten diese Zeit ausnutzen. Die Wartezeit in Uvkusigsat hatte uns schon bös in Rückstand gebracht. Was mußte auch nicht alles auf das Inlandeis geschafft werden, mußten wir doch mindestens drei Schlittenreisen ausrüsten, um die Station Eismitte, 400 Kilometer von der Küste entfernt, mitten in der Eiswüste, einrichten zu können. Oben auf dem Kangerdluarsuk-Gletscher, in der Nähe von Scheideck, wollten wir unsere Hütte aufbauen, in der zehn Menschen zu überwintern gedachten. Was gehörte nicht alles dazu: Hausrat und Verpflegung, Petroleum zum Heizen und Kochen, eine große Drachenwinde mit Motorbetrieb, alle möglichen wissenschaftlichen Instrumente, ein ganzes Sprengstofflager und tausend Kleinigkeiten. Alles, was wir im nächsten Sommer brauchen wollten, sollte schon jetzt hinaufgeschafft werden, denn zum Herbst mußten wir die Pferde schlachten. In der Winternacht dachten wir dann gemütlich in unserm Hause zu sitzen, ein großes Depot daneben. Dann brauchten wir zum Frühjahr, wenn die Sonne wieder kam, nur Hunde aus den Grönländerdörfern zu holen, unsere Schlitten zu beladen und loszufahren zu den wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Inlandeis. Es sollte aber ganz anders kommen. Nichts wurde aus der Winterruhe und dem großen Depot vorm Hause. Aber geschafft haben wir es doch!

Jetzt, mitten im Sommer, freuten wir uns schon auf die Winternacht. Diese dauernde Helligkeit im Sommer erleichterte die Arbeit ja in mancher Beziehung, aber sie verführte auch immer wieder dazu, die Arbeitszeit ungebührlich lange auszudehnen. Nicht alle Abteilungen arbeiteten bei Nacht. So kam es vor, daß an demselben Platz eine Partie in die Schlafsäcke kroch, während die andere ihre Frühstückshafergrütze kochte.

Unnötiges Fett verloren wir bei diesem Leben schnell, nicht aber den Humor. Dazu gab's auch zu viele lustige Begebenheiten: Kommt da eines Tages der kleine Eskimo Jeremias zum Materialverwalter und sagt: »Lissey, Igitsirangilanga«, oder so etwas Ähnliches. Der sieht ihn verständnislos an. Darauf platzt Jeremias heraus: »Streichholz! Du Mistvieh!« Ja, unsere Grönländer machten mit ihren deutschen Sprachkenntnissen bedeutende Fortschritte.

Überhaupt die Grönländer waren ein Kapitel für sich. Jedesmal vor Abgang einer Schlittenreise brachte die »Krabbe« so etwa ein Dutzend Eskimo mit ihren Hunden. In einem Fünf-Mann-Zelt wurden sie einquartiert. Sie lagen darin wie die Heringe, aber zu eng war es ihnen nie. Die Hunde strolchten einfach frei herum und fraßen alles, was zu beißen war.

Vergnügt sind die Grönländer immer, und sie arbeiten auch ganz gerne, solange es ihnen Spaß macht, vor allem möchten sie aber etwas Gutes zu essen haben. Kaffeemik war immer das erste, was sie wünschten. Nun, der Wunsch war leicht zu erfüllen; aber was wollten sie nicht noch alles haben. »Meine Kamikker (Pelzschuhe) sind schlecht. Mein Zeug ist so dünn, und auf dem Inlandeis ist es kalt. Ich habe keinen Schlafsack. Meine Pfeife habe ich verloren. Hast du nicht ein Taschenmesser für mich? Ja, und meine Unterhosen sind auch kaputt.« So hagelt es tausend Wünsche. »Bringt ihr doch euren Kram selbst mit! Zu Hause habt ihr doch alle diese Dinge. Ihr wißt doch ganz genau, daß ihr nicht halb nackend auf dem Inlandeis herumlaufen könnt.« Aber weiter als zwei Minuten denkt der Grönländer nicht voraus. Die Deutschen werden schon Rat wissen.

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Aufnahme Sorge. Mit vereinten Kräften stemmen die Grönländer einen Felsblock heraus.

Kisten und Kasten werden umgekramt, und schließlich Enok, Abraham, und wie sie alle heißen, befriedigt. So etwas dauerte dann stundenlang. »Also schön, habt ihr nun alles? Zum Abschied bekommt ihr noch einmal Seehundbraten. Um 4 Uhr ist Abmarsch.«

Das Seehundfleisch ist aufgegessen, aber kein Mensch denkt daran, loszugehen. Gemütlich liegen die Kerle in der Sonne und lausen sich gegenseitig. »Was ist denn los? Wollt ihr ewig hierbleiben?« »Pavias Hunde haben ihr Geschirr gefressen. Zugleinen haben wir auch nicht.« »Das hättet ihr auch eher sagen können. Der Deubel soll euch alle holen!« Und die Kramerei und Austeilerei geht von neuem los.

Schließlich, nach langem Palaver, sind wir aber doch fertig. Und nun bekommen wir ein klassisches Beispiel grönländischer Bequemlichkeit vorgeführt. Jeder Grönländer nimmt sich acht bis zehn Hunde an die Leine und bindet sie sich vor den Bauch. Dann schwingt er sein Bündel auf den Rücken und knallt die Peitsche. Mit »iu! iu!« geht es vorwärts. So müssen die Hunde die Menschen den Gletscher hinaufziehen. Ob die Hunde dabei auf dem glatten Eis rutschen und fallen, kläglich heulen und sich die Pfoten an den scharfen Eiskristallen blutig reißen, ist dem Eskimo völlig gleichgültig. Unbarmherzig saust die Peitsche nieder, wenn sie nur einmal etwas stocken. Bequem zurückgelehnt, schreitet der Herr Grönländer hinter den keuchenden Tieren drein.

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Aufnahme Wegener. Arbeit am Moränenweg.

Im Bruch ist dieses Beförderungsverfahren aber doch nicht durchzuführen. Die Wege sind einfach zu schmal. So lassen die Grönländer die Hunde frei laufen. Die Spalten klaffen jetzt unheimlich breit. Alle Übergangsstellen sind mit Bohlen überbrückt worden. Herdemerten und Jülg haben viel zu tun. Die Gletscheroberfläche schmilzt jeden Tag um etwa fünf Zentimeter ab. Liegt eine Kiste ein paar Tage auf dem Eis, so können hier die Sonnenstrahlen nicht wirken, aber ringsherum schmilzt das Eis weg. So steht unsere Kiste bald auf einem Eissockel. Mit den Brücken ging es nicht besser. Jeden Tag waren sie wieder herausgetaut und mußten an ihren Auflagerstellen frisch eingebettet werden. Sie mußten ganz fest liegen. Wehe, wenn sie wackelten! Dann wollte kein Pferd hinübergehen.

Die Hunde stürzten jetzt voraus. Sie hatten die Pferde entdeckt, die gerade mit nickenden Köpfen den Zickzackweg hinaufstiegen. Wie Gemsen kletterten die Tiere an der Eismauer empor. Dann sah man sie wieder als Schattenriß, wie sie, vorsichtig das Gleichgewicht haltend, mit ihren schaukelnden Lasten den schmalen Kamm eines Eisrückens entlangschritten. Rechts und links gähnten die Spalten. Schwindelfrei waren die Ponys jedenfalls. Die Hunde waren sichtlich ängstlich, auch als dann der Weg sich in flacherem Gelände zwischen unzähligen Spalten schlängelt. Die Hunde verschmähen die Brücken. Sie springen hinüber. Einer springt zu kurz. Spurlos verschwindet er in der dunkelblau schimmernden Tiefe. »Haltet die Hunde zurück! Die Pferde werden unruhig«, riefen Jon und Gudmund.

Jetzt kommt der große Quergang. Der Weg ist in die jähe Schräge des Eishangs hineingehauen, vorsichtig, Schritt für Schritt wählend, schreiten hier die Pferde. Zur Linken streifen sie ab und zu mit ihren Lasten den Eishang; zur Rechten geht eine spiegelglatte Rutschfläche steil hinab, die plötzlich abbricht und Meter senkrecht hinunterstürzt.

Ausgerechnet hier drängt sich ein vorwitziger Hund an das letzte Pferd heran. Es scheut, tritt fehl und rutscht mit dem Kopf voraus ab. Da, genau am Rande des Steilabfalls, finden die spitzen Stollen seiner Hufe wieder im Eise Halt. Ein Ruck, das Tier richtet sich auf und steht zitternd, den Kopf über den Rand der Kluft gebeugt, da. Die Hinterbeine stehen viel höher als die Vorderbeine. Die Lasten sind dem Tier fast bis auf den Hals gerutscht. Wie lange wird es sich halten können?

Gudmund ist sofort, seine Steigeisen immer energisch in das Eis tretend, hinterhergesprungen. Er klopft dem Braunen den Hals und spricht ihm beruhigend zu. Da macht das Tier eine ängstliche Bewegung und stellt Gudmund ein Bein auf den Fuß. Wenn es jetzt stürzt, reißt es Gudmund mit.

Aber schon ist Jon da. Vorsichtig heben die beiden die Lasten ab. Es ist keine Kleinigkeit in solcher Lage, auf einer schrägen, glatten Eisfläche am äußersten Rand einer Kluft stehend, 60 Kilogramm schwere Kisten von einem vor Todesangst zitternden Pferde zu nehmen. Bums! fliegen die Kisten in die Spalte. Jetzt zeigt Jon aber, daß er seine Bärenkräfte auch zu gebrauchen versteht. Mit einem Satz steht er schon hinter dem Pferde, packt es beim Schwanz und zieht es ein paar Meter zurück. Gudmund reißt das Tier am Halfter herum, und hopp, hopp, hopp, da steht es schon wieder auf dem sicheren Weg. »Kinder, das hätte auch schief gehen können!«

Oberhalb des Bruchs, in etwa 750 Meter Höhe, erreichen wir das obere Depot. Die Pferde werden abgeladen, denn von hier ab liegt noch Schnee auf dem Gletscher, der die Spalten verdeckt, so daß die Pferde mit ihren kleinen Hufen leicht hineintreten. Hier oben war Loewes Reich, der mit einigen Grönländern auf Hundeschlitten die Lasten für die Inlandeisreisen einige Kilometer weiter beförderte. Allmählich begann sich jedoch die ziemlich ebene Fläche an der Wurzel des Kamarujuk-Gletschers in einen wahren Schneesumpf zu verwandeln. Erst als die Oberflächenbäche sich mit der Zeit scharf eingeschnittene Bachbetten schufen und die Fläche entwässerten, war es möglich, hier wieder durchzukommen. Am 4. Juli versuchte Loewe, mit leeren Schlitten zusammen mit einem Grönländer von ihrem Zelt bei Scheideck zum 750-Meter-Depot zu gelangen. Sein Tagebuch meldet: »Ein kläglicher Mißerfolg! Bald gerieten wir in dichten Nebel, in einen furchtbaren Eisbrei, dem man wegen der starken Neuschneebedeckung seine heimtückische Natur vielfach gar nicht ansah. Saß man auf dem Schlitten, so blieb dieser alle paar Schritte stecken. Dann hieß es, abzusteigen und die Schlitten herauszuziehen. Dabei gerieten wir bis über die Knie in den Eisschlamm. Alles troff; in die kniehohen Kamikker lief das Wasser von oben hinein. Was half da das wasserdichteste Schuhwerk? An schlimmeren Stellen geriet der Schlitten unter die Oberfläche des Eisbreies. Wie mit eisernen Klammern sog er sich dann fest und konnte nur mit äußerster Anstrengung wieder herausgeholt werden. Die Hunde verloren den Boden unter den Füßen und patschten kläglich heulend umher. Da hieß es umkehren, und wir waren froh, uns schließlich zum Nunatak zurückretten zu können.« Dieser Weg war also einstweilen für die Beförderung von Lasten nicht gangbar. Es glückte jedoch, einen Weg zum Nunatak zu finden, der schon weiter unten den Gletscher querte, wo die Ausaperung weiter vorgeschritten war. Der Weg war zwar keineswegs mustergültig, gestattete jedoch wenigstens die Transporte weiterzuführen. Eine solche Lastfahrt, wie sie hier Loewe mit der Auslese unserer grönländischen Begleiter und später Holzapfel täglich mehrmals ausführten, schildert Loewe in seinem Tagebuch:

»Die Spalten sind schon bei der Auffahrt gefährlich. Überall droht man durchzubrechen; dabei sind die Klüfte stellenweise so breit, daß man, hinter dem langen Schlitten gehend, kaum mehr hinüberkommt. Noch schlimmer ist der Quergang! Da rutschen die beladenen Schlitten, zumal es stellenweise bergab geht, seitlich mit einer Kufe in die nur mit unzuverlässigen Schneebrücken geschlossenen Spalten hinein und schlagen um. Man steht auf dem weichen Schnee, in den Schlitten und Mann jederzeit einbrechen können, und arbeitet krampfhaft, den Schlitten wieder aufzurichten. Vorn zerren heulend die Hunde, und im Augenblick des Aufrichtens schießt der Schlitten plötzlich vorwärts. Kaum kann man sich anklammern, um gleich darauf über einer andern Spalte zu enden. Noch wilder geht es bei der Talfahrt mit leeren Schlitten zu. Im Galopp jagen die Hunde quer über den Gletscher. Die langen Schlitten mit ihren breiten Kufen schleudern und schlagen, springen über die Eiswellen, daß einem Hören und Sehen vergeht. Vor mir eine Längsspalte! Ich klammere mich an den Schlitten, versuche, ihn durch Rucke am oberen Rand zu halten. Da rutscht er ab, fällt am Spaltenrand auf die Seite. Ich krampfe mich fest und lasse mich eine Strecke weit von dem umgestürzten Schlitten mitschleifen, bis ich ihn schließlich hochreißen und mich atemlos darauf werfen kann.

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Aufnahme Wegener. Eisberg mit Schmelzrinnen.

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Aufnahme Wegener. Eisberg mit Tor.

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Aufnahme Herdemerten. Eisberg.

Und dann die Talfahrt zum Depot! Die Hunde in voller Karriere voraus, ihnen auf den Fersen der Schlitten! So geht es über alle gähnenden Spalten hinweg. Auf dem vereisten Schnee ist es unmöglich, die Fahrt zu hemmen. Stets ist der bremsende Fuß in Gefahr, sich in einer Spalte zu verklemmen. Ein überhängender Spaltenrand! Halbmeterhoch springt der Schlitten in die Luft. Die Hunde setzen über die Spalte und sausen atemlos weiter. Was würde geschehen, wenn einer von ihnen in die Spalte fiele? Das Geschirr müßte von der Wucht des rasenden Schlittens reißen, er wäre in der gähnenden Tiefe verloren. Die Peitsche ist mir irgendwo aus der Hand gerutscht; vielleicht kann sie einer der Folgenden im Rasen aufgreifen.

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Aufnahme Wegener. Weiken mit seinen km 400-Helden.

Immer steiler geht es bergab. Tief drunten liegt der Fjord; zwischen uns und ihm sehe ich ein paar Meter Schnee und dann die blaue Luft. Man übersieht den Abgrund nicht, in den man sich stürzt. Plötzlich, unvermittelt brausen wir auf das Depot los. Knapp davor kommen die Hunde zum Stehen; aufatmend klopfen wir uns den Schnee ab und blicken zu den andern hinauf, die hoch droben in wilder Jagd einige Augenblicke später auftauchen. Schön und spannend sind diese Fahrten, aber eigentlich unverantwortlich leichtsinnig, wenn es auch immer gerade noch gut geht.«

Oben bei Scheideck weitet sich der Blick. Im Osten schweift er über die endlosen Schneegefilde des Inlandeises. Im Westen gleitet er über die runden Dome des Hochlandeises, von deren Kanten die Eislawinen über fast senkrechte Felswände auf die tief unter uns liegenden Talgletscher hinabdonnern.

Dort oben packte Georgi noch an seinen Sachen für die zentrale Firnstation. Jetzt war aber alles hier oben beieinander: Ausrüstung, Proviant, Hunde, Schlitten und Grönländer. Mehr konnten wir für ihn nicht tun. Er mußte jetzt selbst sehen, wie er mit seinen Siebensachen nach »km 400« weiterkam. Am 15. Juli reiste er mit Loewe, Weiken und zehn Grönländern ab.

Uns Zurückbleibende erwarteten jetzt neue Aufgaben: Im Bruch konnte es nicht so weitergehen. Die dauernde Abschmelzung veränderte das Gelände derartig, daß die Schwierigkeiten immer größer wurden. Ein ganz anderer Weg mußte gesucht werden. Vielleicht konnte man von Grünau aus über Land auf der Moräne neben dem Gletscher hinaufgehen. Der Boden war dort trocken und hart geworden, ein Einsinken der Pferde nicht mehr zu befürchten. Als Fußgänger konnte man wohl auf dem Moränenkamm unmittelbar hinaufsteigen, für Pferde war das aber viel zu steil. Da mußte ein richtiger Weg mit lang ausholenden Kehren gebaut werden. Das letzte Stück bis hinauf zum Nunatak konnte man dann wieder den Gletscher benutzen. Vielleicht ließen sich dort, wenn nur der Schnee erst einmal vollständig weggeschmolzen war, Pferdeschlitten verwenden. Man mußte jedenfalls alle diese Möglichkeiten ins Auge fassen.

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Aufnahme Holzapfel. Vigfus mit seinem Pferdeschlitten bei Scheideck.

Wegener schreibt darüber in seinem Tagebuch:

21. Juli. Kamarujuk. Ich ging gestern mit dem hier zu Besuch weilenden Kolonieleiter von Umanak die Moräne hinauf, begleitet von den Isländern, um die Ausführbarkeit eines Moränenweges zu prüfen. Jon erklärte: »Ganz unmöglich!« Deshalb habe ich auf dem Rückweg selbst einen Versuch gemacht. In vier Stunden baute ich eine halbe Spitzkehre im steilsten Stück. Freilich müßte sie noch etwas verbreitert werden, aber gehen müßte es, und zwar in zehn Tagen mit zehn Grönländern.

22. Juli. Nun haben wir 14 neue Grönländer angeworben, im ganzen beschäftigen wir jetzt 35. Jetzt gilt es, sie zugunsten unserer Arbeit auszunutzen. Es heißt die Zähne zusammenzubeißen und Transporte machen, Transporte und nochmals Transporte, wenn wir alles hinaufbekommen wollen.

26. Juli. Bis jetzt hat meine Grönländerkolonne vortrefflich gearbeitet. Zuerst unten in Kamarujuk, wo wir uns ein Packhaus gebaut haben, wie jede grönländische Kolonie es hat, und dann am Moränenweg. Wir haben gestern die lange Spitzkehre auf dem steilsten Teil der Moräne bereits am Vormittag fertigbekommen. Sie ist abwärts 175, aufwärts 195 Schritt lang. Nachmittags haben wir dann noch 50 Meter auf dem Kamm, eine Kehre 50 Meter zurück, noch eine Kehre und 25 Meter vorwärts geschafft. Wir sahen aber nicht auf Schnelligkeit, sondern nur darauf, daß der Weg breit und bequem wird. Es ist prachtvoll, zu sehen, wie die Grönländer arbeiten. Europäische Arbeiter hätten nicht soviel geschafft, sie hätten sich nicht so schnell bewegt.

Die Schlacht ist damit gewonnen, das Ergebnis übertrifft weit meine Erwartungen, und die Frage, ob wir den Moränenweg herrichten können, ist endgültig zu unsern Gunsten entschieden. In zwei Tagen kann der eigentliche Weg fertig sein, dann müssen noch die Zugangswege gebaut werden.

27. Juli. Heute früh erschien Loewe und erzählte, er habe sich planmäßig bei km 200 von Georgi und Weiken getrennt, alles sei gut gegangen. Den Rückweg hat er in drei Tagen gemacht, letzter Tagesmarsch 105 Kilometer! Das sind Rekorde! Wetter und Bahn sind sehr gut, es ist fast immer windstill gewesen.

31. Juli. Ich habe mir heute die Depots an der Gletscherzunge und hier am Ufer angesehen. Es kann fast alles mit Packpferden gehen oder von Grönländern getragen werden. Aber es ist noch viel umzupacken. Beides muß möglichst bald beginnen, damit nicht einiges hinten nachhängt.

Jetzt gehen täglich zwölf Packpferde dreimal bis zum Depot am Bruch hinauf, und oben gehen sieben Packpferde fünfmal durch die erste Hälfte des Bruches, wo ein neues Depot angelegt ist. Der von meinen Grönländern verbesserte Zugangsweg zum Gletscher erleichtert die Verbindung außerordentlich, und an der Gletscherzunge hat Lissey eine große Brücke gebaut, die über den weichen Boden hinweg auf das Eis führt. Alles wird ordentlicher, überall entstehen Verkehrserleichterungen.

1. August. Sorge baut jetzt an meiner Stelle den Moränenweg weiter. Jon hat noch viele Änderungswünsche, so daß es wohl mindestens noch drei Tage dauern wird, bis der Weg fertig ist, aber dann haben wir auch einen sehr guten und leichten Aufstieg für unsere Packpferde. Ich will jetzt in Umanak Steigeisen für unsere Grönländer holen und andere zahlreiche Einkaufswünsche befriedigen. So hat mich wieder einmal die »Krabbe« unter ihre Fittiche genommen.

2. August. An Bord der » Krabbe«. Wir haben in Uvkusigsat den Katecheten an Bord genommen sowie mehrere weibliche Passagiere. Die Umanakfahrten werden sehr beliebt! Glücklicherweise geht der Motor gut.

Umanak. Hier waren neun paar Steigeisen fertig, so daß wir jetzt eine ausreichende Zahl für unsere Grönländer haben. Auch sonst habe ich reiche Einkäufe gemacht: Milch, Trockenobst, Essig, Saft, Mehl, Gewürze und so allerlei, nicht zu vergessen 2000 Zigaretten, damit »die Expedition nicht aus Mangel an Zigaretten scheitert«, was Loewe, der ganz unbeteiligte Nichtraucher, auf allgemeinen Wunsch immer wieder als ceterum censeo vorbringt.

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Aufnahme Wegener. Herdemerten und Friedrichs »im Heu«. Im Hintergrund der Kamarujuk-Gletscher.

Es ist noch immer warmes, stilles Wetter. Gestern abend die Einfahrt nach Umanak war prachtvoll. Es war 12 Uhr nachts, die Sonne ist jetzt um diese Zeit bereits unter dem Horizont, und die ragenden Felsriesen mit dem blanken Wasser darunter und dem farbigen Himmel bildeten ein prachtvolles Bild. Es wurde nachts kühl, das Deck war betaut. Bei Umanak lagen wieder viele Eisberge. Heute um die Mittagszeit kalbten sie alle Augenblicke infolge der starken Abschmelzung. Es erinnerte an ein aufsteigendes Gewitter, bald langes, dumpfes Rollen, bald schrille Schläge, als wenn es in der Nähe einschlägt, oft aber auch ein einziger starker Kanonenschuß. Fast unaufhörlich durchzogen kleine Kalbungswellen den Hafen, der wie immer mit zahlreichen kleineren Kalbeisstücken angefüllt war. Auf Deck wimmelt es von Menschen. Die zahlreiche Familie Fleischer, eine Frau, die nach Uvkusigsat will, unser angeworbener Steuermann und Tobias. Ich halte mich deshalb vorwiegend in der Kajüte auf, zumal das Deck mit Säcken und Kisten vollgepackt ist.

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2. August. Wieder in Kamarujuk. Von unserer Oststation im Scoresbysund ist ein Telegramm gekommen, wonach sie die gleichen Schwierigkeiten mit dem Meereis haben wie wir! Nur daß es bei ihnen überhaupt fraglich ist, ob es noch rechtzeitig aufbricht!

5. August. Heute früh habe ich die erste Laus in meinem Hemd gefunden. Recht unangenehm, aber nicht unerwartet. Unser enges Zusammenleben mit den Grönländern macht eine Ansteckung ja fast unvermeidlich.

Gestern habe ich mit Schif, der wegen des vor ihm liegenden Geländes ziemlich entsetzt war, eine Erkundung bis zwei Kilometer weiter vorgenommen. Er will montieren, sobald er unsern vorjährigen Zeltplatz II erreicht.

Abends. Heute, wie auch schon gestern und Samstag, sind die unteren Pferde nur zweimal gegangen. Das ist ein großer Ausfall. Mir ist nicht ganz klar, woran es liegt. Ist eine allgemeine Abspannung eingetreten? Die Umstellung auf den Moränenweg geht leider sehr langsam. Wir treiben, wie es scheint, allmählich in eine immer unangenehmere Zwangslage hinein. Der kurze Sommer ist bald vorbei, und der Weg bis zu der Stelle, wo unser Winterhaus stehen soll, noch lang. Auch die zentrale Firnstation macht mir ernstliche Sorgen. Die Georgische Schlittenreise kam spät fort und brachte nur 750 Kilogramm hinein. 3500 Kilogramm müssen aber auf jeden Fall hinkommen, sonst können die drei Mann nicht den Winter über dort bleiben. Das Unglück ist, daß sowohl Sorge wie Georgi gesagt haben: Die Hunde schaffen es allein doch nicht, also müssen wir uns auf die Motorschlitten verlassen, die beliebig viel schaffen. Nach meiner Berechnung wird die Montage der Motorschlitten erst am 10. August beginnen. Ihre Leistung ist zwar eine große Unbekannte, aber in solchen Fällen pflegen Erwartungen nur sehr teilweise in Erfüllung zu gehen. Es ging ja von Anfang an so: Das Hinkommen nach Kamarujuk wurde verzögert, das Hinaufschaffen aufs Inlandeis nahm längere Zeit in Anspruch, als man dachte, vielleicht wird wieder das Montieren und Probieren länger dauern, und vermutlich werden die Schlitten schließlich nicht das leisten, was Sorge und Georgi sich versprechen.

Ich bin heute niedergedrückt und pessimistisch. Die Sache scheint stark vorbeizuglücken, weil unsere Transportmittel mit zu kleinem Nutzeffekt arbeiten. Oder ist daran nur die Laus von heute früh schuld? Ich habe den ganzen Tag mit Waschungen, Wäsche- und Kleidungkochen, mit Benzinwaschen und Flitspritzen verbracht und nichts für die Sache geschafft. Um Mitternacht ist jetzt die Sonne schon so tief unter dem Horizont, daß es merklich dunkler wird. Die Winternacht wirft ihre Schatten voraus, und wir werden ihr schlecht gerüstet entgegengehen. Kommt dann noch ein früher Winter, so liegen wir ganz auf der Nase.

7. August. In der Nacht kam Weiken. Georgi sitzt bei km 400! Die ganze Rückreise machte Weiken in sechs Tagen, das ist eine großartige Rekordleistung. Bei den Seen (offenbar nahe unserm vorjährigen Zeltplatz am Bach) ist er mit Loewe zusammengetroffen, der mit acht Schlitten und 60 Hunden nach Eismitte abgefahren ist. Weiken ist gut durch diese sumpfige Zone hindurchgekommen, aber ab km 25 traten allerlei Spalten auf.

8. August. Kamarujuk. Ich habe meine übliche Rundtour von 18 Stunden hinter mir. Weiken begleitete mich, weil er gern mit mir zusammen in Scheideck die Unterhandlungen mit seinen vier grönländischen Helden führen wollte, die das Sermersuak (das große Eis) bezwungen haben. Die Begrüßung war sehr herzlich, und das Ergebnis unseres längeren Palavers war: Alle vier wollen nach einer Pause nochmals bis km 400 fahren. Die neue Schlittenreise soll etwa am 20. unter Sorges Leitung abgehen, der dann gleich drinnen bleibt. Es fehlen uns dafür noch Schlitten, Hunde, Leute und namentlich Ausrüstung. Weiter brauchen wir Hunde und Hundekutscher besonders eilig für die Fahrten bis km 25, da die Propellerschlitten in zehn Tagen startbereit sein und bei km 25 laden sollen, damit sie dann aus dem Spaltengebiet heraus sind.

Hier unten haben wir gestern abend ein Pferd verloren. Es hatte sich aus unbekannter Ursache vollständig zerschlagen. Nun haben wir noch 22. Jon probiert mit dem neuen Moränenweg herum, um die beste Methode herauszubekommen. Auch hatte er jetzt zahlreiche Sonderwünsche zu befriedigen, ein Tag Pferdevorspann für die Propellerschlitten, dann Hinaufschaffen der meteorologischen Station nach Scheideck, Hinaufbringen von Loewes Gepäck, Umzug von Schifs Zelt zum Montageplatz, Umzug von Vigfus nach Scheideck und Futtertransport nach Scheideck. Inzwischen fallen natürlich die Packpferdetransporte fort.

9. August. Auf der » Krabbe«. Große Katastrophe! Wir haben nur noch für 20 Tage Heu! Das Kraftfutter reicht fünf bis zehn Tage länger. Gudmund will sich hier nach Gras umsehen – vermutlich mit sehr geringem Erfolg –, außerdem will ich versuchen, Roggenmehl und Hafergrütze für die Pferde zu kaufen.

Jülg ist krank, es scheinen die Nerven zu sein, was für einen Mann, der überwintern will, sehr schlimm ist. Ich erfahre auch, daß Lissey öfters an Ischias leidet als Nachwirkung einer Quetschung. Herdemerten hat eine Fußverletzung, und Wölcken war die letzten Tage sehr herunter und mußte geschont werden, Vigfus hat Rheumatismus, Jon muß nach stärkerem Kaffeegenuß brechen, will sich aber den Kaffee durchaus nicht versagen, die Isländer sind ja wild danach. Kurz, es ist jetzt das reine Lazarett. Auch Weiken hatte nach dem wochenlangen Stillsitzen, auf dem Schlitten von unserm Rundgang solche Muskelschmerzen in den Beinen, daß er kaum laufen konnte.

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Aufnahme Wegener. Eine Propellerschlittenkiste wird am Eisrand ausgeladen.

Die Krise dauert also an oder sie greift um sich, wenn man so will. Es drohen schwere Wolken am Expeditionshimmel. Wir wollen uns nicht beirren lassen und ruhig weiterarbeiten. Was es mir leicht macht, über alle die zahllosen kleinen Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens hinwegzukommen, das ist doch die große Aufgabe, die vollendet werden soll. Hinge alles allein von meiner eigenen Arbeitskraft ab, so würde ich diesen Schwierigkeiten gern die Stirn bieten. Aber die Energie meiner die ganze Zeit über hart angespannten Kameraden beginnt nachzulassen, und das könnte unsere größte Schwierigkeit werden. Wie soll das Ganze enden? Die Frage ist jetzt brennend heiß!

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Aufnahme Schif. Propellerschlitten auf dem unteren Teil des Gletschers.

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Aufnahme Wegener. Die Besatzung der Propellerschlitten. Von links nach rechts: Schif, Kraus, Kelbl.

Abends in Uvkusigsat. Johann Fleischer hat sich erboten, das hier vorhandene Gras reißen und trocknen zu lassen. Er meint, es könnte 100 bis 200 Kilogramm Heu geben. Es wird freilich nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sein, muß aber unbedingt mitgenommen werden. Ich bin noch immer in etwas verzweifelter Stimmung. Die zentrale Firnstation ist nun wirklich auf das Funktionieren der Motorschlitten angewiesen, die Transporte sind knapp durchführbar, und nun ist auch der Pferdebestand gefährdet – seit der Laus wachsen die Schwierigkeiten in beängstigender Weise. Seit der Laus! Ich muß wohl erst einmal richtig ausschlafen. Geht es hart auf hart, so wollen wir schon die Zähne zeigen. So leicht ergeben wir uns nicht!

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Aufnahme Schif. 70% im Bruch.

10. August. Ich habe mindestens zehn Stunden geschlafen und hätte wahrscheinlich noch weiter schlafen können. Das ist doch erstaunlich! Bin ich denn so angestrengt? Aber ich merke es ja bei allen meinen Kameraden. Es ist der Sommer mit der Mitternachtssonne, der uns so herunterbringt. Das wird nun bald besser, wenn erst die Nacht dunkel wird.

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Aufnahme Schif. Bitte vorsichtig fahren!

11. August. Hier in Umanak traf ich Thomson, den Leiter von Ikerasak. Er will Gras sammeln und hofft auf 100 bis 200 Kilogramm Heu. Hier in Umanak hat Dan Möller dasselbe angeordnet, und es sind bereits heute eine Menge Leute ausgezogen, um Gras zu sammeln. Außerdem kann ich 1000 Kilogramm Roggenmehl haben, was allein schon Fourage für zehn Tage darstellt.

12. August. Umanak. Wie mich doch die hiesigen Erkundigungen erleichtern! Gestern nachmittag wurden im Laufe von vier Stunden bereits 600 Kilogramm Gras (200 Kilogramm Heu) angeliefert. Es sieht also doch so aus, als ob ziemlich viel Heu zusammenkäme! Und die Isländer und Schif, die im Herbst nach Europa zurückreisen sollen, brauchen erst am 5. Oktober in Umanak einzutreffen, um den Anschluß an die »Disko« zu erreichen, vielleicht sogar erst am 15. Oktober, wenn sie bis Godhavn fährt. Alles in allem erscheinen mir die Aussichten heute wieder besser. Zähigkeit, Ausdauer, nicht nachlassen und nicht den Mut verlieren, das ist das, was wir brauchen.

Nachmittags. In Kaersut. Hier habe ich 240 Kilogramm halbgetrocknetes Gras erhalten und gleich in Säcken mitgenommen. Ich trank vorher bei Nielsen, dem Leiter von Kaersut, Kaffee, und dann haben wir an Bord mit ihm Mittag gegessen, während die »Krabbe«, vor zwei Ankern liegend, in ziemlicher Dünung hin und her rollte. Eigentlich zweifle ich ja, ob der Gedanke, jemand ausgerechnet zum Essen hier an Bord einzuladen, besonders glücklich war, Nielsen hat auch entschieden nicht viel gegessen. Aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und trank tapfer seine beiden Schnäpse. – Neulich ließ sich wieder Johann Davidson das Ausgekratzte meiner kurzen Pfeife als Kautabak geben!

An Bord der » Krabbe«. Nun haben wir glücklich wieder 40 Hunde an Bord, dazu die Heusäcke, sechs männliche und einen weiblichen Grönländer! Die Hunde stinken wie die Pest und sind sehr schmutzig. Sie gehören nicht weniger als elf Eigentümern. Wie wir da wieder herausfinden sollen, mögen die Götter wissen. Im Oktober werden wir wohl überall verkehrte Hunde nach Hause bringen. Aber was soll man machen? Im ganzen haben wir nach meiner Rechnung augenblicklich 110 Hunde geliehen und zehn eigene, doch sollen wir 23, die nur wieder aufgefüttert werden, noch wieder haben, so daß wir eigentlich in Summa über 143 Hunde verfügen. Und dabei habe ich vor, beim nächstenmal noch etwa 20 Hunde zu besorgen!

14. August. Kamarujuk. Die Isländer haben von Grünau aus mit 20 Packpferden einen Mordsbetrieb gemacht: viermal täglich vom Benzindepot bis zum Steinmann am Ende des Moränenwegs! Das werden sie wohl schwerlich lange durchhalten können, aber der gesteigerte Betrieb ist natürlich für die Sache sehr förderlich. Hier unten traf ich Sorge, der heute mit allen Hunden hinauf will und gleich möglichst viel Ausrüstung mitnimmt. Oben fährt Vigfus mit zwei Pferdeschlitten bis zwei Kilometer jenseits Scheideck. Er hat für die Pferde als Stall einen Steinwall gebaut, den er mit Persenning zudecken will, wenn es kälter wird. Der Sturm hat das Trockengestell umgelegt, doch ist es schon wieder aufgebaut.

16. August. Auf der Fahrt nach Uvkusigsat. Heute vormittag fing ein Grönländer dicht vor unserer Ansiedlung in Kamarujuk einen Narwal. Wir haben alle gekochte Walhaut gegessen und ein großes Stück Fleisch bekommen, im Augenblick herrscht also wieder reicher Segen an frischem Fleisch. Der größte Teil soll natürlich hinauf zu den andern.

Nachmittags in Uvkusigsat. Fleischer hat 7000 Kilogramm Gras eingehandelt! Es liegt in großen Feldern draußen im Sonnenschein – heute ist herrliches Wetter, hoffentlich hält es an, so daß alles richtig trocknet und nicht verdirbt. Dazu kommt nun Umanak, Satut, Ikerasak, Kaersut und Ukuliarusek, wo wir überall schon bestellt haben. Offenbar war mein erster Eindruck dadurch verfälscht, daß Nielsen in Kaersut selbst Heu geschlagen hat, während beim Einhandeln eine ganze Armee von Rindern und Frauen hinauszieht. Nun sieht mit einemmal alles wieder viel besser aus: Pferdefutter im Überfluß, und von Loewe habe ich die Nachricht bekommen, daß seine Schlittenreise schneller geht und er mehr Nutzlast hineinbringt, als ich erwartete. Wir können auch hier und in Akuliarusek getrocknetes Seehundsfleisch kaufen als Schlittenproviant für die Grönländer, die unsern europäischen Proviant nicht essen wollen. Freilich, die Verproviantierung der Firnstation bleibt ein unlösbares Rätsel, wenn die Propellerschlitten nicht gehen. Aber warum sollen sie das eigentlich nicht? Alle Aussichten sind wieder rosig.

17. August. Umanak. Die »Krabbe« geht auf Waljagd! Wer hätte das gedacht! Draußen liegt ein norwegisches Fangschiff, das die Wale nur abspickt und dann die Kadaver treiben läßt. Das können wir uns nicht entgehen lassen. Wir können durch das Opfer von zwei Tagen für lange Zeit guten Grönländerproviant und Hundefutter gewinnen, Dinge, an deren Fehlen wir schon lange Zeit leiden. Das Wetter ist augenblicklich schön, wenn nur der Motor durchhält!

18. August. Unsere Waljagd ist gut verlaufen. Wir mußten allerdings weit hinausfahren, und als wir schließlich einen frischen Kadaver fanden und etwa 1000 Kilogramm abgeschnitten hatten, nahmen Wind und Seegang so zu, daß wir nach Umanak zurück mußten. Wir können noch von Glück sagen, daß wir soviel bekommen haben. Jetzt kann man sicher nicht da draußen an den Walen arbeiten. Neben dem Kadaver schwamm träge ein Hai; Tobias fing ihn ohne Köder mit dem Haihaken, und die beiden andern Grönländer, die für den Wal mitgegangen waren, töteten ihn durch Durchschneiden des Rückenmarks und des Kopfes. Nach einem kurzen Schnitt in die Seite holten sie mit sicherem Griff die lange Leber heraus. Es war übrigens um diese Zeit, etwa Mitternacht, schon recht dunkel, so daß wir zum erstenmal die Lampe in der Kajüte brannten.

19. August. Kamarujuk. Der Krabbenmotor lag wieder einmal in den letzten Zügen, als wir in Kamarujuk ankamen. Heute hat ihn deshalb Friedrichs zusammen mit Tobias auseinandergenommen und gereinigt.

20. August. Ich mache auch noch diese Krabbenfahrt mit, da die Motorschlitten noch nicht fertig montiert sind. Das Deck wimmelt von Grönländern, die nach Hause wollen. Die ganze Gesellschaft von Kaersut, die unsern Moränenweg gebaut hat, und der Katechet von Uvkusigsat, der Loewes Schlittenreise bis km 200 mitgemacht hat und nun nicht mehr zu halten ist. Die Schule beginnt Anfang September, und er muß deshalb heim. Es kann auch sein, daß er über den Tod eines seiner Hunde verstimmt ist. Er führt ihn auf zu reichlichen Genuß von Haifleisch zurück. Auch das gut getrocknete ist gefährlich, die Hunde bekommen danach Krämpfe; besonders wenn sie sehr abgemagert sind, vertragen sie nur ein kleines Stück täglich. Sind sie dagegen fett, so können sie fressen soviel sie wollen. Ja, ja, das Haifleisch! Nach meinen Erfahrungen kann ich nur jedem raten, sich um des Himmels willen unter keinen Umständen auf Haifleisch einzulassen! Es entstehen immer Schwierigkeiten daraus. Höchstens für Zeiten, wo die Hunde fett sind und nichts zu tun haben, kann man es brauchen, aber solche Zeiten kommen auf einer Expedition doch höchstens in der Winternacht vor.

Unser Motor qualmt immer noch, mir schwant nichts Gutes. Kurz vor der Abfahrt erschienen noch Lissey und Wölcken. Lissey will Schnaps, Tabak und Zigaretten hinaufbringen, damit sie anläßlich der gänzlichen Aufarbeitung des Benzindepots ein Fest feiern können, das ich ihnen herzlich gönne. Ich gab ihm einen Brief an Gudmund und Jon mit, in dem ich ihnen meine Heumengen mitteile und sie bitte, sich nicht zu überanstrengen. Jon bricht jetzt etwas Blut und ist sehr mager geworden. Wohin soll das führen? Lissey erzählte auch von dem fast phantastisch anmutenden Plan, das Depot oberhalb des Bruches an einem Tage bis zur Pferdeschlittenbahn hinaufzuschaffen. Ich hoffe, daß mein Brief die Wirkung hat, daß sie drei Tage darauf verwenden. Pferde und Menschen müssen sonst ja kaputt gehen.

Der jetzige Stand der Transporte ist also folgender: In Kamarujuk und an der Gletscherzunge liegen nur noch Reste. Auf dem Gletscher vor Grünau liegt der größte Teil des Winterhauses. Das Benzindepot ist geräumt. Der weitaus größte Teil unseres Gepäcks liegt schon oberhalb des Moränenwegs auf dem Gletscher.

22. August. Umanak. Unser Motor hat auf der Herfahrt wieder gewaltig gequalmt. Gestern nachmittag hatte hier ein Grönländer die Einstellung der Ventile geändert, mit dem Erfolg, daß der Motor nicht mehr qualmte und auch gut zog. Dann kam der Schiffer Olsen an Bord, dem ich die Geschichte erzählte, worauf er erklärte, mit dieser verkehrten Ventileinstellung dürften wir nicht fahren. Er stellte sie wieder so, wie es Vorschrift ist, aber damit kam auch der Qualm und die Leistungsminderung wieder. Olsen hat heute noch den ganzen Vormittag daran gearbeitet und es schließlich aufgegeben. Nun versuchen wir unser Heil auf der Fahrt nach Kaersut.

23. August. Wieder in Umanak. Die 30 Kilometer Rückfahrt von Kaersut dauerten wieder sechs Stunden. Da bat ich lieber heute früh Olsen, sich des Motors weiter anzunehmen. Er hat gefunden, daß beim Regulator ein Stift losgegangen ist. Das ist nun repariert, und sie heizen an zur Probefahrt.

Abends. Ja wirklich, es war nur der Regulator. Jetzt geht der Motor in jeder Hinsicht tadellos. Gut, daß wir das gemacht haben.

24. August. Ikerasak. Wir haben hier 49 Säcke halbtrockenes Gras und Pelzsachen für Expeditionsmitglieder an Bord genommen. Außerdem 23 Hunde, zwei Mann für die Reise bis km 400 und zwei als Pferdehilfe.

Abends in Satut. Unser Gras-Heu-Kauf hier war sehr zeitraubend, denn es mußte alles erst abgewogen werden. Der grönländische Leiter hat offenbar keine Ahnung von Heu, er hat das frische Gras in Säcke gepackt und auf den Boden gelegt, wo es natürlich angefangen hat zu brennen. Das Heu ist halb verdorben. Sie haben es überhaupt nicht auseinandergestreut, sondern die zusammengeklebten Bündel, so wie sie gerissen waren, zusammengelassen. Wenn wir es in Kamarujuk nicht augenblicklich in Behandlung nehmen, verdirbt alles bestimmt.

Die »Krabbe« ist blödsinnig vollgeladen, und wir haben noch ein schwerbeladenes Boot, das wir hier gegen drei Kronen täglich geliehen haben, im Schlepptau.

26. August. Scheideck. Als wir gestern früh nach Kamarujuk kamen, schufteten wir erst alle, um das mitgebrachte Heu auszubreiten. Es war in den Säcken schon ganz heiß. Mittags hatten wir erst die Hälfte ausgebreitet. Es war sehr mühsam, weil es noch in festen Klumpen zusammenklebte.

Inzwischen kam der Umanaker Arzt mit seiner Frau und Fräulein Österby, die sich unser Arbeitsgebiet ansehen wollten. Deshalb konnte ich mich nicht selbst weiter mit dem Heu beschäftigen, machte jedoch Friedrichs und Tobias die Hölle heiß, daß sie die Sache weitermachen müßten, und ging mit unsern Gästen hinauf.

Am unteren Depot trafen wir Jon, Gudmund, Lissey und Wölcken. Der Weg ist schon so verfallen, daß viele Pferde stark rutschten. Wölcken arbeitet aber eifrig an der Wiederherstellung. Fast das ganze Gepäck liegt jetzt oberhalb des Bruches. Oben fährt Vigfus fast ebenso schnell ab, als nachgeliefert wird. Das ist ein prachtvolles Arbeitsergebnis. Ich habe dringend gefordert, daß jetzt zuerst das neue Gras verbraucht wird. – Als Jon gestern abend mit zwei Packpferden nach Scheideck hinaufkam und unsere Schlafsäcke brachte, erzählte er, daß das Heu gut getrocknet sei. Doch meinte er, man solle es den Pferden nur abends geben, wo sie mehr Zeit zum Fressen haben, weil soviel harte Sachen dabei sind. Die Hauptsache ist ja, daß die Pferde es überhaupt noch fressen, es also noch nicht ganz verdorben war.

Als wir das Depot neben dem Moränenende erreicht hatten, kam uns eine Gruppe sehr brauner Grönländer entgegen. Es waren Loewes Leute von km 400, die vor einer Stunde zurückgekehrt waren. Es war sehr günstig, daß wir den Arzt mithatten, der grönländisch versteht, so konnten wir erfahren, daß es Georgi gut geht, daß sie drinnen -35 Grad gehabt haben und alles gut und schön war. Wir gingen daraufhin gleich zu Loewe und beglückwünschten ihn zu der schnellsten bisherigen Reise. Sein Hinweg dauerte 13 Tage, der Rückweg nur 6 Tage. Loewe hat unterwegs zahlreiche Schneedichtemessungen ausgeführt.

27. August. Nach unserm Palaver mit den km-400-Grönländern begleiteten wir Vigfus, der auf zwei Pferdeschlitten acht Proviantkisten bis kurz jenseits Scheideck transportierte. Unterwegs sahen wir die nächste Ansiedlung fünf Kilometer vor uns liegen. Dort haust Weiken mit seinen Grönländern und fährt Lasten, die die Propellerschlitten laden sollen, bis km 25 östlich Scheideck. Loewe erzählte, bis dahin kann man gar nicht vom Wege abkommen, weil er eine breite Chaussee geworden ist.

Wir gingen dann bis zum oberen Kangerdluarsuk-Gletscher und wählten den Platz für das Winterhaus der Weststation aus. Es soll am Rande eines Spaltensystems liegen, so daß der Weg bis dahin ganz spaltenlos ist. Ich schätze die Eisdicke dort auf 400 Meter, Loewe auf weniger, aber doch mehr als 200 Meter. Dann gingen wir nach Scheideck zurück und aßen Pemmikan, tranken aber den Kaffee drüben bei Schif. Es wurde gleich noch die Winterverteilung der beiden Monteure geregelt, Kraus überwintert in Eismitte, Kelbl an der Randstation.

Als wir dann beim Abstieg zum Moränenweg hinübergingen, hatten wir das Glück, gerade die 20 Packpferde zu treffen, die von Kamarujuk ganz hinauf aufs Inlandeis zogen. Es war ein starker Eindruck von der Leistungsfähigkeit unserer Arbeitsweise, wenn man die 40 Kisten oder Pakete langsam aber sicher den Moränenweg hinaufwandern sah.

In Grünau machten Herdemerten und Jülg uns Tee, und ich besprach nochmals mit Jülg, daß er an der Sorgeschen Schlittenreise teilnimmt. Weiken, der Lust hatte, an Jülgs Stelle zu fahren, soll als erfahrener Mann wegen der zu erwartenden tiefen Temperaturen lieber mit Loewe zusammen noch eine wissenschaftliche Hundeschlittenreise machen.

Es war schon ziemlich dunkel, Sterne standen am Himmel und die Lampe brannte im Zelt, als wir um 11 Uhr abends unten ankamen. Unten fanden wir die km-400-Grönländer; ich hatte ihnen einen Brief an Friedrichs mitgegeben mit der Aufforderung, ihnen Walfleisch zu geben, auch für die Hunde, und sie gut zu behandeln. Das war offenbar geschehen, denn sie waren alle im großen Zelt bei Grammophonmusik, als wir kamen.

29. August. Scheideck. Loewe ist gestern mit der »Krabbe« abgefahren, um seine Grönländer und Hunde nach Hause zu bringen. Diesmal bin ich also nicht mit von der Partie. Statt dessen war ich mit Friedrichs und Herdemerten »im Heu«, es trocknet jetzt wirklich sehr gut. Es war sehr warm, und die beiden arbeiteten mit entblößtem Oberkörper, ein sonderbares Bild auf einer Polarexpedition. Dann ging ich mit Holzapfel nach Scheideck hinauf, wobei ich mich wieder über das Kulturwerk unseres Moränenweges freute. Wie nahe ist Scheideck dadurch gerückt! Nach übereinstimmender Schätzung sind es jetzt bis Scheideck dreieinhalb Stunden Gehzeit. Wir zählten die Oberflächenbäche zwischen Moräne und Scheideck, es sind jetzt siebzehn!

Als wir beim Depot Scheideck ankamen, hörten wir plötzlich das Singen eines Motors. Das war Musik! Wir standen festgebannt und lauschten andächtig, bis der Probelauf beendet war. Noch zweimal ertönte diese Sphärenmusik, und jedesmal packte es mich so, daß ich stehenblieb und lauschte, bis der Motor wieder abgestellt wurde. Ich hatte das Gefühl: Hier wird ein Traum Wirklichkeit! Ich bin stolz auf die Propellerschlitten, denn sie bedeuten einen wesentlichen Fortschritt in der Polarforschung, gerade durch ihre Verbindung mit Hundeschlitten. Überhaupt haben wir mit unsern Transportmitteln gerade das Richtige getroffen. Auch die isländischen Pferde bestehen hier bei uns ihre Feuerprobe. Auf Kochs Expedition haben sie es nicht einwandfrei getan, da sind sie noch nicht ganz in der richtigen Weise angewendet worden. Dank der Erfahrung, dem Ehrgeiz und der Leistungsfähigkeit Jons leisten unsere Packpferde geradezu Erstaunliches. Hier im Bruch haben sich zum erstenmal in der Polarforschung die isländischen Pferde allen andern Beförderungsmitteln überlegen gezeigt. Von jetzt an weiß man, wozu sie zu gebrauchen sind.

Die Pferde auf dem Gletscher, die Hunde- und Propellerschlitten auf dem Inlandeis, das ist das Richtige. Wir beginnen eine neue Epoche der Polarforschung. Alles, was wir messen wollen und können, muß vom Boden aus gemessen werden. Was wir hier tun, das ist das unmittelbare Programm der künftigen Südpolarforschung. Wie wundervoll, daß wir es sein dürfen, die diesen bahnbrechenden, ja – nach den vielen Flugzeugunfällen im Polargebiet – erlösenden Schritt tun.


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