Jakob Wassermann
Der Moloch
Jakob Wassermann

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Sechsundvierzigstes Kapitel

Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der Leutnant Balescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.

»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte Anna Borromeo. »Beschlossen worden?«

»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die Baronin.

»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Balescott hinzu.

»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold verlegen.

»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen nur Figur machen.«

»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken.

Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte.

»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Balescott eifrig fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sage vom Narziß in etwas modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler gesprochen.«

»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend.

Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete sich. Er wurde mit Kälte entlassen.

»So schweigsam zu sein ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als er fort war.

Arnold verabredete mit Balescott den Tag, an dem er kommen wollte.

Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig. Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen. Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal: es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte ihn genarrt. Er setzte seinen Weg fort und erwog im stillen einen Plan. Er suchte das nächste Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die Straße betrat.

Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im Laden eines Trödlers.

»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn durch ein halbdunkles Zimmer in einem vollständig finstern Raum und sagte: »Passen Sie auf!« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen auf, und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf breitem Postament der marmorne Antinous.

»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.

»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«

»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft? Eine wertvolle Sache.« »Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern.

»Ganz gut. Sehr schön – vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit verbinden.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die Hüftknochen gestemmt, und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung, ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei Ebenholzkugeln glichen.

»Und wenn ich's täte – ?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber wenn ich's täte –?«

Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug, ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens,« fügte er hinzu, mit einer eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten, »wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen – dort?«

»Ich denke, nein«, entgegnete Arnold.

Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster und blickte auf die Statue.

Hanka ging, und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte seine Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen, anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung, nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Nachen, für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen, die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben, schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter Betrachtung er sich hingab. Doch sooft der Sturm sich legte, woher kam es, daß aus irgendeiner Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine Spinne, deren seine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos machten?

Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage eines Kapitalteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen; was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung. Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander gegenüber. Beide waren blaß.

»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Anna sah ihn mit einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo lächelte dünn und leer. »Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der Schale und setzte sie nachdenklich in Brand.

Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Hähne. Dann blieb er stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch die Anna gegangen war, und finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen, im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.

»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag.

»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.«

Borromeo starrte auf den Tisch, auf dem Spielkarten verstreut lagen. Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster betrachtete.

»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.

Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat verkaufen?« Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm gegen die eisige Trauer dieses Mannes.

»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.

Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte. Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen, ob sein Bild auch wirklich darin sei.


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