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Siebentes Capitel.
Christoph Columbus (1436-1506)

I.

Entdeckung Madeiras, der Inseln des Grünen Vorgebirges, der Azoren, Guineas und des Congo. – Bartholomäus Diaz. – Cabot und Labrador. – Die geographischen und commerciellen Bestrebungen des Mittelalters. – Allgemein angenommener Fehler bez. der Entfernung zwischen Europa und Asien. – Christoph Columbus' Geburt. – Seine ersten Reisen. – Seine abgewiesenen Projecte. – Aufenthalt im Franziskanerkloster. – Er wird endlich von Ferdinand und Isabella bei Hofe empfangen. – Sein Vertrag vom 17. April 1492. – Die Gebrüder Pinzon. – Drei im Hafen von Palos ausgerüstete Caravellen. – Abreise am 3. August 1492.

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Das Jahr 1492 nimmt in den Annalen der Geographie eine sehr hervorragende Stelle ein, da es sich durch eines der merkwürdigsten Ereignisse, durch die Entdeckung Amerikas, auszeichnet. Der Genius eines einzelnen Mannes bereicherte und vervollständigte sozusagen unsere Erdkugel, indem er Gagliuffi's Vers:

Unus erat mundus; duo sint, ait iste: fuere!
(Eine Welt nur gab es; zwei gäb' es, sagt er, und es war so!)

bestätigte.

Die Alte Welt kam mit diesem Ereigniß in die Lage, ihre moralische und politische Bildung gleichsam von Neuem anzufangen. War sie bei ihrem beschränkten Ideenkreise, ihren halbbarbarischen Bestrebungen, ihrem religiösen Hasse einer solchen Aufgabe gewachsen? Die Thatsachen selbst werden diese Fragen beantworten.

Zunächst sei hier kurz berichtet über die bemerkenswertheren Vorkommnisse seit dem Jahre 1405, in dem Johann von Bethencourt seine Kolonisation der Canarischen Inseln beendigte, und dem eine neue Epoche beginnenden Jahre 1492.

Der ganzen Pyrennäen-Halbinsel bemächtigte sich jener Zeit eine von den eben aus Europa vertriebenen Arabern ausgehende, lebhafte wissenschaftliche Bewegung. In allen Häfen, vorzüglich in denen Portugals, sprach man nur noch von Afrika und den so reichen und wunderbaren Ländern jenseits des Meeres. »Unzählige Berichte, sagt Michelet, reizten die Neugierde, den Muth und den gemeinen Geiz; jeder wollte die geheimnißvollen Länder sehen, wo die Natur zwar die schrecklichsten Ungeheuer erzeugte, dafür aber auch das Gold über den Erdboden verstreut hatte.« Ein junger Prinz, der Infant Dom Heinrich, Herzog von Veuse und dritter Sohn Johann's I., der sich dem Studium der Astronomie und Geographie ergeben hatte, übte auf seine Zeitgenossen einen beträchtlichen Einfluß aus; ihm vor Allem verdankt Portugal die Entwickelung seiner Kolonialmacht und die Ausführung wiederholter Expeditionen, deren großartige, in enthusiastischen Berichten dargelegte Erfolge auch Christoph Columbus' Phantasie so nachhaltig anregten. An der Südspitze der Provinz von Algarbien, in Sagres, wo seine Blicke unbehindert über den grenzenlosen Ocean schweiften und darin ein unbekanntes Land zu suchen schienen, ließ Dom Heinrich ein Observatorium errichten, begründete eine Schifffahrtsschule, wo er von kundiger Hand richtigere Karten entwerfen ließ, zog Gelehrte heran, welche in allen einschlagenden Fächern Unterricht ertheilten und sammelte schätzbare Nachrichten über die Möglichkeit, durch eine Umschiffung Afrikas nach Indien zu gelangen. Ohne je selbst an einer Seefahrt betheiligt gewesen zu sein, brachten doch die von ihm ausgehende Ermuthigung und seine Protection der Seeleute, Dom Heinrich den Beinamen » Navigator« (der Seefahrer) ein, unter welchem er in der Geschichte bekannt ist.

Cap Non, jene verhängnißvolle Grenzmarke für die Schiffer des Alterthums, war im Jahre 1418 von zwei Edelleuten am Hofe des Königs Heinrich, Juan Gonzales Zarco und Tristam Vaz Teixeira mit Namen, überschritten worden, indem diese auf's hohe Meer hinaus und nach einer Insel verschlagen wurden, der sie den Namen Puerto Santo beilegten. Bald darauf segelten sie auf einen am fernen Horizonte eben sichtbaren dunklen Punkt zu und gelangten nach einer großen, mit prächtigen Wäldern bedeckten Insel. Das war Madeira.

Im Jahre 1433 wurde auch Bojodar, so lange Zeit das Endziel der Entdeckungsreisenden, von den Portugiesen Gillianes und Gonzales Baldaya umschifft, welche Beide noch vierzig Meilen darüber hinausfuhren.

Durch dieses Beispiel ermuthigt, drangen Antonio Gonzales und Nuño Tristam im Jahre 144l bis zum Cap Blanc, auf dem 21. Breitegrade, vor, »eine Heldenthat, sagt Faria y Souza, welche dem allgemeinen Urtheile nach in keiner Weise gegen die berühmtesten Arbeiten des Herkules zurücksteht«, und jene brachten nach Lissabon auch eine Quantität Goldpulver vom Rio del Ouro mit. Während einer zweiten Reise entdeckte Tristam einige Inseln des Grünen Vorgebirges und gelangte selbst bis Sierra Leone. Bei dieser Expedition erkaufte er an der Guinea-Küste von maurischen Händlern zehn Neger, die er nach Lissabon mitnahm und dort mit hohem Gewinn veräußerte, da diese die öffentliche Neugierde ganz außerordentlich erregten. Das war der Anfang des Handels mit Schwarzen, der Afrika vier Jahrhunderte hindurch so viele Millionen rauben und zum untilgbaren Schandfleck der Menschheit werden sollte.

Im Jahre 1441 umschiffte Cada Mosto das Grüne Vorgebirge und entdeckte einen Theil der unterhalb desselben gelegenen Küste. Im Jahre 1446 wagten sich die Portugiesen noch weiter als ihre Vorgänger auf das Meer hinaus und fanden dabei die Inselgruppe der Azoren. Jetzt war jede Furcht verbannt. Man hatte nun einmal die Linie überschritten, wo man vorher die Luft für brennend wie Feuer hielt; eine Expedition treibt nun die andere und keine kehrt zurück, ohne die Zahl der entdeckten Gebiete vermehrt zu haben. Es schien, als habe dieses Gestade Afrikas gar kein Ende. Je weiter man nach Süden vordrang, desto mehr schien das so ersehnte Cap, die untere Spitze des Welttheiles, welche man umsegeln mußte, um nach dem Indischen Meere zu gelangen, zurück zu weichen.

Seit einiger Zeit hatte König Johann II. seinen früheren Titeln auch noch den eines »Herren von Guinea« hinzugefügt. Schon mit dem Congo entdeckte man ferner gleichsam einen neuen Himmel mit bisher unbekannten Sternbildern; Diogo Cano aber erweiterte durch drei bald auf einander folgende Reisen die Kenntniß Afrikas noch mehr als alle seine Vorgänger, und war nahe daran, Diaz die Ehre der Auffindung der Südspitze des Continentes zu rauben. Der äußerste von ihm erreichte Punkt lag unter 21° 50' südl. Br. Es war das das Cap Croß, wo er, wie man das allgemein zu thun pflegte, einen »Padrao« oder »Padron«, d. h. eine Erinnerungssäule errichtete, die sich auch später wieder aufgefunden hat. Bei der Rückfahrt besuchte er den König von Congo in dessen Hauptstadt und brachte nach Lissabon einen Gesandten, Namens Caçuta, nebst zahlreichem afrikanischen Gefolge mit, welche Leute alle sich dort taufen und in den Lehrsätzen des Christenglaubens unterrichten lassen wollten, um diesen nach ihrer Rückkehr in der Heimat zu verbreiten.

Nur kurze Zeit nach der Wiederkehr Diogo Cano's liefen drei Caravellen unter dem Oberbefehl eines Cavaliers vom Hofe des Königs, Namens Bartholomäus Diaz, einem Veteranen der Meere von Guinea, aus dem Tago aus. Unter ihm commandirte ein anderer erfahrener Seemann, Joao Infante, während sein leiblicher Bruder, Pedro Diaz, das mit Lebensmitteln befrachtete kleinste der drei Schiffe führte.

Ueber den ersten Theil dieser merkwürdigen Expedition ist uns keinerlei Nachricht erhalten geblieben. Wir wissen nur, durch Joao de Barros, dessen Niederschriften überhaupt als beste Quelle anzusehen sind für Alles, was auf die Entdeckungsfahrten der Portugiesen Bezug hat, daß Diaz jenseit des Congo der Küste bis zum 29. Breitengrade folgte und in einem Hafen vor Anker ging, dem er den Namen »das Voltas« gab, weil er nur lavirend in denselben gelangen konnte und wo er die kleinste Caravelle unter der Obhut von neun Matrosen zurückließ. Schlechtes Wetter hielt ihn auch selbst fünf Tage lang an derselben Stelle zurück, dann aber stach er in See und steuerte gen Süden, wurde jedoch noch dreizehn Tage lang vom Sturme hin und hergeworfen.

Je weiter er nach Süden vordrang, desto mehr erniedrigte sich die Temperatur und wurde zuletzt verhältnißmäßig rauh. Endlich legte sich die Wuth der Elemente und Diaz schlug einen Kurs nach Osten ein, wo er Land zu finden hoffte. Nach einigen Tagen aber – er segelte damals unter 42° 54' südl. Br. – steuerte er wiederum nach Norden und ankerte in der Bai dos Vaqueiros, so genannt nach den Heerden von Hornvieh und den Schäfern, welche beim Anblick der Caravellen vom Strande nach dem Innern zu entflohen. Diaz befand sich jetzt vierzig Meilen östlich vom Cap der Guten Hoffnung, das er umsegelt hatte, ohne es zu Gesicht zu bekommen. Die Flottille nahm Wasser ein, erreichte die Bai San-Braz (St. Blaise, heute Mossul-Bai) und fuhr längs der Küste hinauf bis zur Bai de l'Algua und bis zur Insel da Cruz, wo ein Padrao errichtet wurde. Die durch die vielfachen Gefahren, denen die Seefahrer getrotzt hatten, entmuthigten, sowie durch schlechte und unzureichende Nahrung erschöpften Mannschaften erklärten aber nun, nicht mehr weiter gehen zu wollen. »Uebrigens, sagten sie, da die Küste jetzt nach Osten verläuft, dürfte es gerathen sein, das Cap in Augenschein zu nehmen, das man unbewußt umschifft hatte.«

Diaz stimmte diesem Rathschlage bei und erlangte dadurch das Versprechen, noch zwei oder drei Tage nach Nordosten zu segeln. Dank seiner Festigkeit, entdeckte er auch, fünfundzwanzig Meilen von la Cruz, einen Strom, den er nach dem Namen des zweiten Befehlshabers Rio Infante taufte. Gegenüber der bestimmten Weigerung seiner Leute, noch weiter mitzugehen, sah er sich nun freilich in der Lage, nach Europa zurücksegeln zu müssen.

»Als er sich, sagt Barros, von der an diesem letzterreichten Punkte errichteten Säule trennte, geschah es mit einem solchen Gefühle von Bitterkeit und Schmerz, als ob er für immer einen Sohn im Exil zurückließe, vorzüglich, wenn er sich der Gefahren erinnerte, die er und seine Leute bisher überstanden hatten und von wie unendlich weit her sie gekommen waren, nur um hier die Grenzen ihres Zuges zu bezeichnen, da es Gott ihnen nicht gewährt hatte, ihr Haupt- und Endziel zu erreichen.«

Endlich entdeckten sie jenes große Cap, »das so viele Jahre verborgen geblieben war und das der Seeheld mit Zustimmung seiner Gefährten das Cap der Stürme ( o Cabo Tormentoso) nannte, zur Erinnerung an die Gefahren und Stürme, welche sie bei seiner Umschiffung hatten überstehen müssen«.

Mit der Sehergabe, welche die Mitgift großer Geister ist, setzte Johann II. an Stelle des Namens Cap der Stürme den Namen »Cap der Guten Hoffnung«. Für ihn lag nun der Weg nach Indien offen und seine weitumfassenden Pläne zur Ausdehnung des Handels und der Machtstellung seines Landes gingen damit ihrer Verwirklichung entgegen. Am 24. August 1488 kehrte Diaz nach Angra das Voltas zurück. Von den neun dort zurückgelassenen Leuten waren sechs schon todt und ein Siebenter starb vor Freude, seine Landsleute wieder zu sehen. Die Heimkehr ging nun ohne bemerkenswerthe Zwischenfälle vor sich. Nach kurzem Aufenthalte an der Küste von Benin, wo man sich Sklaven zum Verkaufe zu verschaffen suchte, und in La Mina, wo man vom Gouverneur die Ueberschüsse des Handels der Kolonie im Empfang nahm, traf die Expedition im Laufe des Decembers 1488 wieder glücklich in Portugal ein.

Auffallender Weise erhielt Diaz nicht allein keine anerkennende Belohnung für seine kühne, erfolggekrönte Fahrt, sondern schien sogar in Ungnade gefallen zu sein, da er in den nächsten zehn Jahren nirgends verwendet wurde. Noch mehr; der Oberbefehl über die mit der Umschiffung des von ihm entdeckten Caps beauftragte Expedition wurde Vasco da Gama anvertraut, den Diaz in untergeordneter Stellung nur bis La Mina begleiten sollte. Ihm war nur vergönnt, den Bericht seines glücklicheren Nebenbuhlers über dessen merkwürdigen Zug nach Indien kennen zu lernen und sich ein Urtheil zu bilden über den ungeheuren Einfluß, den jenes Ereigniß auf die Geschicke seines Vaterlandes auszuüben versprach.

Er betheiligte sich später bei der Expedition Cabral's, der Brasilien entdeckte; doch auch hier blieb ihm die Genugthuung versagt, mit eigenen Augen das Gestade zu sehen, nach dem er den Weg gezeigt hatte. Kaum war die Flotte nämlich in See gegangen, als sich ein entsetzlicher Sturm erhob. Vier Schiffe versanken dabei, darunter dasjenige, welches Diaz führte. Auf dieses tragische Ende spielt Camoëns mit der düsteren Prophezeiung an, welche er Adamastor, dem Schutzgeiste des Caps der Stürme in den Mund legt: »Ich werde ein schreckliches Gericht halten mit der Flotte, die zuerst an meinen Felsenwänden vorübersegelt, und Der soll meine ganze Rache empfinden, der zuerst in meine Wohnung dringt.«

Erst 1497, fünf Jahre nach der Entdeckung Amerikas, wurde die Südspitze Afrikas übrigens von Vasco da Gama umschifft. Es liegt auch die Annahme nahe, daß die Entdeckung der Neuen Welt sich wohl noch um Jahrhunderte verzögert haben würde, wenn der Seeweg nach Indien schon vor Columbus' Fahrten bekannt gewesen wäre.

Die Seefahrer jener Zeit erwiesen sich im Ganzen immer noch ziemlich zaghaft; sie wagten sich nicht gern weit in das offene Meer hinaus und spürten keine Lust, auf unbekannten Meeren zu segeln; so folgten sie immer klüglich der afrikanischen Küste, ohne sie je aus den Augen zu verlieren. Wäre das Cap der Stürme also umschifft gewesen, so hätten sich die Schiffer unzweifelhaft an diesen Weg nach Indien gewöhnt und es wäre zunächst kein Mensch auf den Gedanken gekommen, »das Land der Gewürze«, d. h. Asien, quer durch den Atlantischen Ocean segelnd, aufzusuchen. Wem hätte es auch einfallen sollen, nach dem Morgenlande auf einem Wege nach Westen zu gelangen?

Jenes Problem des Seeweges nach Indien stand nun damals in erster Stelle auf der Tagesordnung. »Der Hauptzweck der vielen See-Expeditionen der Portugiesen im 15. Jahrhundert, sagt Cooley, war einzig der, einen Wasserweg nach Indien aufzufinden.« Die Gelehrtesten des Zeitalters erhoben sich noch nicht zu der schon aus Gründen des Gleichgewichtes und der Vertheilung der Massen auf unserem Erdballe nothwendigen Annahme eines neuen Continentes. Ja noch mehr. Einzelne Theile des amerikanischen Festlandes hatte man wirklich schon entdeckt. Ein italienischer Seefahrer, Sebastian Cabot, soll 1487 an irgend einem Punkte von Labrador gelandet sein. Skandinavische Normannen waren unzweifelhaft nach diesen unbekannten Gestaden gekommen. Kolonisten von Grönland hatten »Vinland« besucht. Die herrschende Richtung der Geister war aber einmal eine so unerschütterte, die Unwahrscheinlichkeit der Existenz einer Neuen Welt eine so große, daß dieses Grönland, Vinland und Labrador nur als Ausläufer des europäischen Festlandes betrachtet wurden.

Alle Seefahrer des 15. Jahrhunderts hatten nichts Anderes im Auge als die Auffindung eines bequemeren Weges nach den reichen Gestaden Asiens. Gewiß war die Straße nach Indien, China und Japan – Gebiete, welche man durch die merkwürdigen Berichte Marco Polo's schon so ziemlich genau kannte – jene Straße, die sich durch Kleinasien, Persien und die Tartarei hinzieht, sowohl sehr lang als auch mit mancherlei Gefahren verknüpft. Uebrigens entsprechen »Landwege« niemals den Bedürfnissen des Welthandels; der Transport gestaltet sich hier zu schwierig und wird deshalb zu theuer. Man bedurfte dringend einer praktischeren Communication. Darf es uns nun Wunder nehmen, daß alle europäischen Küstenvölker von England bis Spanien, daß die Bewohner der Ufer des Mittelländischen Meeres, wenn sie die weiten Wege des Atlantischen Oceans für ihre Schiffe offen liegen sahen, sich auch die Frage vorlegten, ob diese nicht auch nach den Küsten Asiens führen möchten?

Da die Kugelgestalt der Erde nachgewiesen war, entbehrte diese Vorstellung nicht der Begründung. Drang man also weiter und weiter nach Westen vor, so mußte man zuletzt wieder im Osten ankommen. Der Weg über den Ocean mußte allen Voraussetzungen nach offen sein. Wer hätte auch damals das gegen 3200 Meilen lange zwischen Europa und Asien gelagerte Hinderniß, welches Amerika heißt, nur ahnen können?

Hierzu kommt noch, daß die Gelehrten des Mittelalters die Entfernung der Küste Asiens von Europa auf höchstens 2000 Meilen schätzten. Aristoteles hielt unsere Erdkugel für weit kleiner, als sie es in Wirklichkeit ist. »Wie lange Zeit braucht man, um von den letzten Ausläufern Spaniens bis nach Indien zu kommen?« fragt Seneca und antwortet selbst: »Nur wenige Tage, wenn das Schiff vom Winde begünstigt wird«. Auch Strabo hatte dieselbe Meinung. Den Weg zwischen Europa und Asien hielt auch er nur für ziemlich kurz. Uebrigens mußten solche Ruhepunkte, wie die Azoren und die Antilia-Inseln, (!) deren Vorhandensein man im 15. Jahrhundert voraussetzte, die Leichtigkeit der transoceanischen Communication sicherstellen.

Man wird zugeben können, daß dieser allgemein verbreitete Irrthum über die in Rede stehende Entfernung wenigstens das eine Gute hatte, die Seefahrer jener Zeit zu einem Versuche der Durchmessung des Oceans zu bewegen. Hätten sie die thatsächliche Entfernung zwischen Europa und Asien, welche 5000 Meilen beträgt, gekannt, so würde sich wahrscheinlich Niemand auf die Meere des Westens hinausgewagt haben.

Nun lagen außerdem einige Thatsachen vor, welche den, eine nicht allzu große Entfernung der Ostufer Asiens behauptenden Vertretern der Anschauung Aristoteles' und Strabo's Recht zu geben schienen. So fand ein Lootse des Königs von Portugal, der 450 Meilen vom Cap Vincent, an der äußersten Spitze der Algarven, auf hohem Meere umhersegelte, ein Stück mit alten Schnitzereien verziertes Holz, das nur von einem nicht allzu entfernten Continente herrühren konnte. In der Nähe von Madeira hatten Schiffer auch einen verzierten Balken und Bambusstengel aufgefischt, welche den von Indien her bekannten glichen. Dazu bargen die Bewohner der Azoren von ihrem Strande wiederholt ungeheure Fichten von unbekannter Art, und eines Tages sogar zwei menschliche Körper, »Leichen mit sehr breitem Gesicht, sagt der Chronist Herrera, welche Christenmenschen nicht ähnlich sahen«.

Diese verschiedenen Vorkommnisse erregten die Phantasie der Zeitgenossen. Da man im 15. Jahrhundert noch nichts vom Golfstrome wußte, der durch seine Annäherung an die Küsten Europas diesen amerikanische Seetriften zuführt, so konnte man jenen Funden nur einen rein asiatischen Ursprung zuschreiben. Asien lag demnach aber nicht sehr weit von Europa und die Verbindung zwischen den beiden entgegengesetzten letzten Ausläufern der Alten Welt mußte eine ziemlich leichte sein.

Kein Geograph dachte also an das Vorhandensein einer Neuen Welt; diesen Satz müssen wir unverrückt vor Augen behalten. Auch als man endlich den Weg nach Westen einschlug, bezweckte oder erwartete Niemand eine Erweiterung der geographischen Kenntnisse. Nein; nur Kaufleute als solche traten an die Spitze der Bewegung und für die Ueberschiffung des Atlantischen Oceans ein. Sie dachten nur daran, zu handeln, und suchten zu dem Zwecke nach dem kürzesten Wege.

Hier sei auch des Umstandes erwähnt, daß die der allgemeinen Annahme nach gegen 1302 von einem gewissen Flavio Gioja d'Amalfi erfundene Boussole den Schiffern gestattete, sich von den Küsten zu entfernen und außer Sicht von jedem Lande zu segeln. Außerdem hatten jetzt Martin Behaim und zwei Leibärzte des Königs Heinrich von Portugal, Mittel und Wege gefunden, sich nach der Höhe der Sonne zu orientiren und das Astrolabium (Winkelmesser) dem Dienste der Schifffahrt zugängig gemacht.

Nachdem man diese Unterstützung gewonnen, blieb die handelswichtige Frage des Weges nach Westen in Spanien, Portugal und Italien, Länder, deren Wissenschaften ohnedies zu drei Viertheilen aus Phantasiegebilden bestand, stets auf der Tagesordnung. Man discutirte und schrieb hin und her darüber, die erhitzten Kaufleute brachten auch die Gelehrten in Streit miteinander. Nach und nach wuchs ein ganzer Berg ungeordneter Thatsachen, Systeme und Doctrinen empor. Es ward höchste Zeit, daß ein einziger intelligenter Geist diese zusammenfaßte und sich sozusagen assimilirte. Das sollte denn auch geschehen. Alle jene verstreuten Gedanken sammelten sich in dem Kopfe eines einzigen Mannes, der Ausdauer und Kühnheit in seltenem Maße in sich vereinigte.

Dieser Mann war Christoph Columbus, wahrscheinlich geboren in der Nähe von Genua im Jahre 1436. Wir sagen »wahrscheinlich«, denn außer Savone und Genua nehmen auch die Dorfschaften Cogorea und Nervi, die Ehre, als seine Geburtsstätten zu gelten, für sich in Anspruch. Selbst das Geburtsjahr des großen Seehelden schwankt je nach den Commentatoren zwischen 1430 und 1445; doch scheint das Jahr 1436 am besten mit den zuverlässigsten Documenten übereinzustimmen.

Die Familie Christoph Columbus' lebte nur in ziemlich beschränkten Verhältnissen. Sein Vater, Dominique Columbus, Fabrikant von Webstoffen, erfreute sich jedoch eines gewissen Wohlstandes, der es ihm gestattete, seinen Kindern eine etwas bessere Erziehung angedeihen zu lassen. Der junge Columbus ward, als ältester Sprößling der Familie, nach der Universität in Pavia geschickt, um daselbst Grammatik, Latein, Geographie, Astronomie und Schifffahrtskunde zu studiren.

Mit vierzehn Jahren schon vertauschte Christoph Columbus die Schulbank mit einem Schiffsdeck. Die nun folgende Periode seines Lebens bis 1487 ist immer im Dunkel verhüllt geblieben. Wir citiren hier nur den von Charton wiedergegebenen Ausspruch Humboldt's, der umsomehr bedauert, daß über Columbus eine solche Unsicherheit herrscht, wenn er daran denkt, welche Einzelheiten die Chronisten über das Leben des Hundes Becerillo oder über den Elefanten Abulababat, den Harun-al-Raschid einst Karl dem Großen zum Geschenk machte, der Nachwelt überliefert haben.

Am annehmbarsten erscheint noch mit Bezugnahme auf gewisse Dokumente jener Zeit und einzelne von Columbus selbst herrührende, allerdings lückenhafte Schriftstücke, daß der junge Reisende die Levante, den Occident, den Norden, zu wiederholten Malen England, ferner Portugal, die Küste von Guinea, die afrikanischen Inseln, vielleicht selbst Grönland besuchte und im Alter von vierzig Jahren »überall gewesen war, wo nur je vor ihm ein Seefahrer hinkam«.

Christoph Columbus hatte sich zum erfahrenen Seemanne ausgebildet. Auf seinen weitverbreiteten Ruf hin vertraute man ihm das Commando der genuesischen Galeeren in dem damaligen Kriege der Republik mit Venedig an. Später leitete der neue Kapitän für den König René von Anjou eine Expedition nach den Küsten des Berberstaates und lief endlich 1477 zur Erforschung der jenseit des Eises von Island gelegenen Länder aus.

Nach glücklicher Beendigung dieser Reise kehrte Christoph Columbus zurück nach Lissabon, das er als ständigen Wohnsitz erwählt hatte. Hier heiratete er die Tochter eines italienischen Edlen, Bartholomeo Muniz Perestrello, ein Seemann wie er selbst und ebenso vertraut mit den geographischen Ideen seiner Zeit. Seine Frau, Donna Felipa, war ohne Vermögen; er selbst besaß nichts; es galt also zu arbeiten, um leben zu können. Der spätere Entdecker der Neuen Welt beschäftigte sich mit der Herstellung von Bilderbüchern, Erdgloben, geographischen Karten und nautischen Plänen, und zwar bis 1484, ohne deshalb jedoch seine wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten ganz aufzugeben. Wahrscheinlich wiederholte er während dieser Periode sogar seine früheren theoretischen Studien und eignete sich dabei eine der gewöhnlichen Wissensstufe der Seeleute sehr überlegene Menge von Kenntnissen an.

Es ist wohl anzunehmen, daß »der große Gedanke« ebenfalls während jener Zeit zuerst in seinem Gehirn aufkeimte. Christoph Columbus verfolgte eifrig die Discussionen über den Weg nach Westen und die Leichtigkeit der Verkehrsverbindung Asiens mit Europa mittelst desselben. Sein Briefwechsel bezeugt, daß er die Anschauung Aristoteles' über die verhältnißmäßig kurze Entfernung zwischen den äußersten Enden der Alten Welt vollkommen theilte. Er schrieb häufig an die hervorragendsten Gelehrten des Zeitalters, wie z. B. an den schon erwähnten Martin Behaim, an den berühmten Florentiner Astronomen Toscanelli, deren Ansichten auf die Christoph Columbus' nicht ohne Einfluß blieben.

Zu jener Zeit war Christoph Columbus, nach dem Bilde, das der Geschichtsschreiber Washington Irving von ihm entwirft, ein hochgewachsener, kräftiger Mann von vornehmer Haltung. Er hatte ein längliches Gesicht, eine Adlernase, etwas hervorstehende Backenknochen, helle feurige Augen und munteren, etwas röthlichen Teint. Er war Christ aus tiefster Ueberzeugung, der den ihm von der katholischen Religion auferlegten Pflichten gewissenhaft nachkam.

Als Christoph Columbus mit Toscanelli in Verbindung stand, vernahm er, daß dieser auf Verlangen König Alphons' V. von Portugal dem Letzteren eine Abhandlung über die Möglichkeit, Indien auf dem Wege nach Westen zu erreichen, ausgearbeitet und übergeben habe. Der ebenfalls um seine Meinung befragte Columbus unterstützte mit all' seiner Autorität die einem solchen Versuche günstigen Anschauungen Toscanelli's. Zuletzt blieb dieser hoffnungerweckende Anfang doch ohne Resultat, da der von einem Kriege gegen Spanien in Anspruch genommene König von Portugal mit Tod abging, bevor er dazu kam, seine Absichten bezüglich neuer maritimer Entdeckungen durchzuführen.

Sein Nachfolger Johann II. machte mit Enthusiasmus die combinirten Pläne Columbus' und Toscanelli's zu den seinigen. Dabei suchte er freilich – eine Betrügerei, welche die Geschichte brandmarken muß – die beiden Gelehrten des Lohnes ihrer Vorschläge zu berauben und ließ, ohne jene davon zu benachrichtigen, eine Caravelle auslaufen, um die Lösung des großen Räthsels eines über den Atlantischen Ocean führenden Weges nach China zu versuchen. Er machte seine Rechnung aber ohne die Unerfahrenheit seiner Leute, ohne die Witterung, die ihnen so ungünstig wie möglich war, und wenige Tage nach ihrer Abreise schon trieb ein Orkan die Seeleute des Königs von Portugal nach Lissabon zurück.

Christoph Columbus, mit Recht durch dieses taktlose Vorgehen beleidigt, gewann bald die Ueberzeugung, daß er auf diesen König, der ihn so unwürdig hintergangen, nicht zählen könne. Da er auch Witwer geworden war, verließ er mit seinem Sohne Portugal gegen Ende des Jahres 1484. Man nimmt an, er habe sich zunächst nach Genua, dann nach Venedig begeben, wo seine Projecte der transoceanischen Schifffahrt jedoch kein Entgegenkommen fanden.

Jedenfalls begegnet man ihm im Laufe des Jahres 1485 wieder in Spanien. Der arme große Mann stand gänzlich mittellos in der Welt. Er reiste nur zu Fuß, wobei er seinen zehnjährigen Sohn oft auf dem Arme trug. Von dieser Periode seines Lebens folgt ihm endlich die Geschichte Schritt für Schritt, verliert ihn niemals aus dem Auge und bewahrt der Nachwelt auch die kleinsten Ereignisse dieses merkwürdigen Lebenslaufes.

Christoph Columbus befand sich jener Zeit in Andalusien, eine halbe Meile von dem Hafen von Palos. Entblößt von Allem und vor Hunger dem Tode nahe, klopfte er an die Pforte eines der heiligen Maria von Rabida geweihten Franziskanerklosters, um sich als Almosen ein wenig Brod und Wasser für sein armes Kind und für sich selbst zu erbitten.

Der Pater Guardian dieses Klosters, Juan Perez da Marchena, bot dem unglücklichen Reisenden gastfreie Aufnahme an. Er legte ihm verschiedene Fragen vor. Verwunderte sich der Pater schon über die gebildete Sprache, so erstaunte er noch mehr über die Kühnheit der Pläne seines Gastes, als ihm Columbus mitgetheilt hatte, wohin sein Streben ziele. Mehrere Monate verweilte der umherirrende Seefahrer in dem gastfreien Kloster. Gelehrte Mönche interessirten sich für ihn und seine Projecte. Sie studirten seine Pläne, zogen von erfahrenen Seefahrern weitere Erkundigungen ein und dürfen – es verdient das wohl hervorgehoben zu werden – als die Ersten gelten, welche das Genie Christoph Columbus' in seinem ganzen Umfange erkannten. Juan Perez that noch mehr; er bot dem Vater an, die Erziehung des Sohnes zu übernehmen, und gab ihm einen dringenden Empfehlungsbrief für den Beichtvater der Königin von Castilien mit. Dieser Beichtvater und Prior des Klosters von Prado genoß das volle Vertrauen Ferdinands und Isabellas; er verstand aber die Projecte des genuesischen Seefahrers nicht gehörig vorzulegen und leistete diesem keinerlei Dienste bei seinem königlichen Beichtkinde.

Noch einmal mußte sich Christoph Columbus in Resignation ergeben. Er ließ sich also in Cordova, wohin der Hof kommen sollte, nieder und griff, um sich den nöthigen Lebensunterhalt zu verschaffen, wieder auf sein Gewerbe als Bildermaler zurück. Findet sich in der Geschichte berühmter Männer eine ebenso prüfungsreiche Existenz als die des großen Seefahrers? Konnte das Schicksal Jemand mit noch härteren Schlägen treffen? Und dennoch verzweifelte dieser große, unbezähmbare und unermüdliche Geist, der allen Prüfungen trotzte, noch immer nicht. Ihn entflammte ein heiliges Feuer, er arbeitete ununterbrochen, besuchte einflußreiche Personen und verbreitete und verfocht auch seine Ideen mit wahrhaftem Heldenmuthe. Endlich gelang es ihm, die Protection des Groß-Cardinals und Erzbischofs von Toledo, Pedro Gonzales de Mendoza, zu gewinnen, und dieser vermittelte seine Vorstellung bei dem Könige und der Königin von Spanien.

Columbus durfte nun wohl hoffen, dem Ende seiner Leiden nahe zu sein. Ferdinand und Isabella nahmen seine Pläne günstig auf, überließen sie jedoch der Begutachtung einer Versammlung von Gelehrten, Prälaten und Geistlichen, welche eben im Dominikanerkloster zu Salamanca stattfand.

Der unglückliche Pfadfinder stand aber noch nicht am Ende seiner Unfälle. Der Ausspruch jener Versammlung fiel gegen ihn aus. Seine Ideen berührten leider auch gewisse, gerade im 15. Jahrhundert besonders leidenschaftlich ventilirte religiöse Fragen. Die Kirchenväter hatten die Annahme einer Kugelgestalt der Erde verworfen, und da dieser Planet darnach also nicht rund war, so widersprach eine Umschiffung desselben dem Texte der Bibel, konnte also logischer Weise gar nicht vorgenommen werden. »Uebrigens, sagten die gelehrten Theologen, sollte es je gelingen, nach der supponirten anderen Hemisphäre hinunter zu kommen, wie wollte man nach der unserigen wieder herauf gelangen?«

Für jene Zeit war das eine sehr schwer wiegende Beweisführung. Columbus kam auch fast in Gefahr, wegen eines, in jenen unduldsamen Ländern unverzeihlichen Verbrechens, nämlich wegen Ketzerei, angeklagt zu werden. Zwar gelang es ihm, sich den drohenden Maßnahmen des Concils rechtzeitig zu entziehen, jedes weitere Eingehen auf seine Projekte blieb aber auf unbestimmte Zeit vertagt.

Lange Jahre verstrichen. Der arme geistreiche Mann hatte, da er in Spanien an jedem Erfolge verzweifelte, seinen Bruder an den englischen König Heinrich VII. abgesendet, um diesem ihre Dienste anzubieten. Wahrscheinlich gab der König gar keine Antwort.

Columbus wandte sich also mit einem neuen Gesuche an Ferdinand. Dieser war aber noch mit dem Vernichtungskriege gegen die Mauren beschäftigt und lieh erst nach deren Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492 sein Ohr wieder den Vorstellungen des Genuesen.

Jetzt wurde die Sache reiflicher erwogen. Der König willigte ein, wenigstens einen Versuch zu machen. Hierzu wollte ihm Christoph Columbus aber, wie es stolzen Seelen ziemt, gewisse Bedingungen stellen. Man feilschte mit Dem, der Spanien bereichern sollte! Entrüstet wandte sich Columbus ab, um das undankbare Land auf immer zu verlassen; Isabella aber, bewegt durch den Gedanken an die Heiden Asiens, die sie für den katholischen Glauben zu gewinnen hoffte, rief den berühmten Seefahrer zurück und bewilligte alle seine Wünsche.

Erst siebzehn volle Jahre nach Aufstellung seines Projectes, und sieben Jahre nachdem er das Kloster in Palos verlassen, unterzeichnete der nun sechsundfünfzigjährige Columbus in Santa-Feta, am 17. April 1492, einen Vertrag mit dem Könige von Spanien.

Unter entsprechenden Feierlichkeiten ward Christoph Columbus zum Groß-Admiral aller von ihm zu entdeckenden Länder ernannt. Diese Würde sollte für alle Zeit auf seine Erben und Nachfolger übergehen. Christoph Columbus selbst wurde gleichzeitig als Vice-König und Gouverneur der neuen Besitzungen installirt, die er von den reichen Gebieten Asiens erwerben würde. Ein Zehent von den Perlen, Edelsteinen, dem Golde, Silber, den Gewürzen und Waaren jeder Art, die aus den unter seiner Jurisdiction stehenden Ländern stammten, sollte ihm persönlich zukommen.

Ueber Alles war Verabredung getroffen, und endlich ging nun Columbus an die eigentliche Ausführung seiner Pläne. Dabei aber dachte er, wir wiederholen das ausdrücklich, nicht im Geringsten daran, eine Neue Welt zu entdecken, deren Vorhandensein er so wenig ahnte wie irgend ein Anderer. Er wollte nur »den Orient auf dem Wege durch den Occident auffinden, auf westlichem Wege in das Land der Gewürze gelangen«. Man darf auch behaupten, daß Columbus in dem Glauben gestorben ist, mit seinen Fahrten die östlichen Ausläufer Asiens erreicht zu haben, ohne also je zu erfahren, was er eigentlich entdeckt hatte. Es vermindert das seinen Ruhm indeß in keiner Weise. Die Auffindung des neuen Kontinentes war nur ein Zufall. Was Columbus' unvergänglichen Nachruhm sichert, ist die Kühnheit des Geistes, die es ihm wagen ließ, den Gefahren eines unbekannten Oceans zu trotzen, sich von denjenigen Küsten zu entfernen, welche die Seefahrer bisher niemals aus den Augen zu verlieren trachteten, sich auf die Wogen hinaus zu begeben mit den damaligen gebrechlichen Fahrzeugen, die der erste Sturm zu verschlingen drohte, und damit endlich in die unbekannte Welt hinein zu dringen.

Columbus begann seine Vorbereitungen. Er verständigte sich mit drei reichen Seefahrern in Palos, den drei Gebrüdern Pinzon, welche die noch zur vollkommenen Ausrüstung nöthigen Vorschüsse leisteten.

Drei Caravellen wurden im Hafen von Palos ausgerüstet. Sie hießen die »Gallega«, die »Nina« und die »Pinta«. Christoph Columbus sollte die »Galega« führen, die er in »Santa Maria« umtaufte. Die »Pinta« ward von Martin Alonzo Pinzon, die »Nina« aber von Francesco Martin und Vincenz Yanez Pinzon, den beiden Brüdern des Vorigen, befehligt. Da die Matrosen vor dem Unternehmen zurückschreckten, hatte man Schwierigkeiten, die nöthige Besatzung zu heuern. Doch gelang es endlich, dieselbe auf einen Bestand von 120 Mann zu bringen.

Am Freitag dem 3. August 1492 um acht Uhr Morgens segelte der Admiral an der Klippe von Saltes, seewärts vor der Stadt Huelma in Andalusien, vorüber und drang mit seinen nur halbgedeckten drei Caravellen kühnen Muthes hinaus auf die Wogen des Atlantischen Oceans.

II.

Erste Reise: Gran-Canaria. – Gomera. – Magnetische Variation. – Vorzeichen von Ungehorsam. – Land! Land! – San Salvador. – Besitznahme. – Conception. – Ferdinandina oder Groß-Exuma. – Isabella oder Ile Longue. – Die Mukaras. – Cuba. – Beschreibung der Insel. – Der Archipel von Notre-Dame. – Ile Espagnole oder San Domingo. – Die Schildkröten-Insel. – Der Cazike an Bord der Santa-Maria. – Columbus' Caravella strandet und kann nicht wieder flott gemacht werden. – Das Eiland Monte Christi. – Rückkehr. – Sturm. – Ankunft in Spanien. – Christoph Columbus' Huldigung.

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Am ersten Reisetage legte der Admiral – mit diesem Titel bezeichnen ihn alle Berichte – nach Süden steuernd, vor Untergang der Sonne fünfzehn (franz.) Meilen zurück. Er schlug dann einen Kurs nach Südosten ein und hielt auf die Canarischen Inseln zu, um dort das beschädigte Steuer der »Pinta« auszubessern, eine Beschädigung, welche vielleicht der über diese Reise erschreckte Schiffszimmermann selbst verschuldete. Zehn Tage später ankerte Christoph Columbus vor Gran-Canaria, wo er die Havarie der Caravelle reparirte. Neunzehn Tage später warf er bei Gomera Anker, dessen Bewohner ihm das Vorhandensein eines unbekannten Landes im Westen ihres Archipels bestätigten.

Christoph Columbus verließ diese Insel nicht vor dem 6. September. Er hatte Nachricht erhalten, daß ihm in offener See drei portugiesische Schiffe auflauerten, um ihm den Weg zu verlegen. Ohne sich hierdurch abschrecken zu lassen, ging er unter Segel, vermied geschickt ein Zusammentreffen mit den Feinden, schlug eine Richtung direct nach Westen ein und verlor das Land bald gänzlich aus dem Gesicht.

Im Verlauf der Reise bemühte sich der Admiral, seinen Gefährten die wirkliche, täglich zurückgelegte Strecke zu verheimlichen, um die Matrosen nicht noch mehr zu erschrecken, wenn sie die thatsächliche Entfernung bis zum Festlande Europas erführen. Tag für Tag beobachtete er aufmerksam die Boussole, und so verdankt man ihm auch die Entdeckung der magnetischen Variation, welche er schon in seinen Rechnungen berücksichtigte. Seine Lootsen beunruhigten sich aber nicht wenig, wenn sie diese Boussole »Nordwestern« sahen, wie sie sich auszudrücken pflegten. Am 14. September bemerkten die Matrosen der »Nina« eine Schwalbe und einen Spitzschwanz. Die Anwesenheit dieser Vögel konnte wohl auf die Nähe von Land hindeuten, da man sie gewöhnlich nicht weiter als fünfundzwanzig Meilen von der Küste noch antrifft. Die Temperatur war sehr mild, das Wetter prächtig. Der Wind wehte aus Osten und trieb die Caravellen in günstiger Richtung fort. Gerade dieses Anhalten des Ostwindes aber erschreckte die meisten Seeleute, welche darin ein ernstes Hinderniß für die Rückkehr sehen wollten.

Am 16. September beobachtete man einige Büschel noch frischen Varecs, die sich auf den Wellen schaukelten. Land zeigte sich indeß nirgends. Diese Pflanzen rührten wahrscheinlich von Felsen unter dem Wasser her und nicht von der Küste eines Festlandes. Am 17., fünfunddreißig Tage nach der Abfahrt der Expedition, sah man wiederholt Grasmassen auf der Oberfläche des Meeres schwimmen. Auf einem dieser Grasbündel befand sich sogar ein lebender Krebs, was als Vorzeichen eines nahen Landes betrachtet wurde.

Während der folgenden Tage umschwärmten die Caravellen große Mengen verschiedener Vögel, wie Tölpel, Spitzschwänze und Meerschwalben. Columbus benützte das Vorkommen dieser Vögel zur Beruhigung seiner Begleitung, welche nicht wenig verwundert waren, auch nach sechswöchentlicher Fahrt noch kein Land zu finden. Er selbst trug stets das größte Vertrauen zur Schau, daß Gott sie nicht verlassen werde. Häufig richtete er mahnende Worte an die Seinigen und versammelte sie jeden Abend, um das Salve Regina oder irgend einen anderen Hymnus an die heilige Jungfrau zu singen. Bei den Worten dieses heroischen, großen, seiner selbst so sicheren und über die gewöhnlichen Schwächen der Menschen erhabenen Mannes schöpften auch die Mannschaften neuen Muth und fuhren vertrauensvoll weiter.

Es versteht sich von selbst, daß die Matrosen und Officiere der Caravellen den westlichen Horizont, auf den sie zusteuerten, geradezu mit den Blicken verzehrten. Alle hatten mindestens ein reges pecuniäres Interesse daran, den neuen Continent zu entdecken, denn Dem, der ihn zuerst sehen würde, hatte Ferdinand eine Belohnung von 10.000 Maravedis (etwa 6400 Mark = 3200 fl.) unserer Münze zugesichert.

In den letzten Tagen des September herrschte ein regeres Leben durch die Gegenwart einer gewissen Menge Felstauben, Fregattvögel und Captauben, lauter große Vögel, welche häufig in starken Schwärmen zusammenflogen, ein Beweis, daß sie sich nicht blos verirrt hatten. Auch Christoph Columbus verblieb bei der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß nun das Land nicht mehr fern sein werde.

Am 1. October verkündete der Admiral seinen Leuten, daß sie nun von der Insel Ferro aus 594 Meilen zurückgelegt hätten. Wirklich überstieg jedoch der von den Caravellen zurückgelegte Weg sogar 700 Meilen, was Christoph Columbus zwar sehr gut wußte und nur noch immer dabei verharrte, nach dieser Seite die Wahrheit zu verhehlen.

Am 7. October versetzte ein von der »Nina« ausgehendes Musketenfeuer die Mannschaft der Flottille in ungewohnte Aufregung. Die Befehlshaber derselben, die beiden Brüder Pinzon, glaubten das Land entdeckt zu haben. Es zeigte sich jedoch bald, daß sie sich getäuscht hatten. Da sie indeß behaupteten, Papageien in der Richtung nach Südwesten hin fliegen gesehen zu haben, stimmte der Admiral zu, seine Richtung um einige Compaßstriche nach Süden zu ändern. Diese Aenderung hatte für die Zukunft die segensreichsten Folgen, denn hätten die Caravellen ihren Kurs direct nach Westen noch ferner beibehalten, so wären sie jedenfalls auf die große Sandbank von Bahama aufgefahren und daselbst zu Grunde gegangen.

Noch immer erschien das so heiß ersehnte Land nicht. Jeden Abend verschwand die Sonne am Horizonte nur hinter der unbegrenzten Wasserlinie. Die Besatzung der drei Schiffe, welche wiederholt einer optischen Täuschung zum Opfer fiel, begann gegen Columbus, »einen Genuesen, einen Fremden«, der sie so weit von ihrem Vaterlande weggeschleppt habe, zu murren. Es kam sogar bis zu einigen Anzeichen von Ungehorsam an Bord, und am 10. October erklärten die Matrosen, daß sie nicht weiter mitgehen würden. Mehrere etwas phantastische Geschichtsschreiber, welche die Reisen Christoph Columbus' erzählt haben, erwähnen hierbei gewisser ernster Scenen, deren Schauplatz die Caravelle des Anführers gewesen sei. Ihren Angaben nach soll sogar sein Leben durch die Empörer auf der »Santa Maria« bedroht gewesen sein. Sie sagen ferner, daß in Folge dieser Auftritte und einer Art Verhandlung dem Admiral noch drei Tage Frist bewilligt worden wären, nach deren Ablauf die Flotte, wenn sich auch dann kein Land gezeigt hätte, den Weg nach Europa einschlagen sollte. Jetzt weiß man, daß diese Berichte nur aus der Phantasie der Romantiker jener Zeit entsprungene Legenden sind. In Columbus' hinterlassenen Papieren findet sich nichts, was jene Erzählungen bestätigte. Wir erwähnen dieselben hier nur deswegen, weil es uns gut scheint, nichts zu übergehen, was auf den großen genuesischen Seehelden Bezug hat. Und ein wenig Legende thut ja der großartigen Erscheinung eines Columbus keinen Abbruch. Doch wie dem auch sei, es steht fest, daß man auf den Caravellen anfing, zu murren, doch verweigerten die Mannschaften auf eine Ansprache des Admirals hin und angesichts seiner energischen Haltung wenigstens nicht, vorläufig ihre Pflichten zu erfüllen.

Am 11. Oktober sah der Admiral neben seinem Schiffe einen noch grünen Rosenstock bei stürmischem Meere hintreiben. Gleichzeitig fischte die Besatzung der »Pinta« einen anderen Rosenstock, ein Brett und einen Stock, der mit einem eisernen Instrumente zugeschnitten schien, auf. Die Hand des Menschen hatte ihr Merkzeichen auf diesen Seetriften zurückgelassen. Fast in demselben Augenblicke bemerkten die Leute der »Nina« einen Dornenzweig mit Blüthen daran. Alle fühlten sich neu belebt. Jetzt konnte ja die Küste nicht mehr fern sein.

Allmälig sank die Nacht über das Meer herab. Die »Pinta«, der beste Segler der Flottille, hielt sich an deren Spitze. Schon glaubten Christoph Columbus selbst und ein gewisser Rodrigo Sandez, ein Controleur des Kapitäns, ein Licht bemerkt zu haben, das sich im Schatten des Horizontes hin und her bewegte, als der Matrose Rodrigo von der »Pinta« den Ruf: »Land! Land!« ertönen ließ. Was mochte in diesem Moment in der Seele Christoph Columbus' vorgehen? Gewiß empfand noch Niemand, seit Menschen auf der Erde wandeln, eine solche Erregung wie jetzt der große Seefahrer. Oder war es doch das Auge des Admirals selbst, der zuerst mit jenem unsicheren Lichte das Land entdeckte? Sei dem wie es will, nicht daß Christoph Columbus ankam, begründet seinen Ruhm, sondern daß er wagte, nach diesem Ziele hin abzureisen.

Zwei Uhr Nachts war es, als man mit Bestimmtheit das Land erkannte. Die Caravellen segelten keine zwei Stunden entfernt von demselben. Alle Mannschaften stimmten tiefbewegt das Salve Regina an.

Bei den ersten Strahlen der Sonne sah man dann eine kleine Insel, zwei Stunden weit unter'm Winde vor sich. Diese gehörte zur Bahama-Gruppe. Columbus nannte sie San Salvador, fiel auf beide Knie und betete mit St. Ambrosius und St. Augustin: » Te Deum laudamus, te Dominum confitemur«.

Da erschienen einige vollkommen nackte Eingeborne auf der neuen Küste. Christoph Columbus begab sich mit Alonzo und Yanez Pinzon, dem Controleur Rodrigo, dem Secretair Descovedo und einigen Anderen in ein Boot. Er trat an's Land, während er das königliche Banner in der Hand hielt und die beiden Kapitäne das Banner des grünen Kreuzes mit den verschlungenen Namenschiffern Ferdinands und Isabellens trugen. Dann nahm der Admiral im Namen des Königs und der Königin von Spanien von der Insel Besitz und ließ ein Protokoll darüber aufnehmen.

Inzwischen umringten die Eingebornen Christoph Columbus und seine Gefährten. Nach Charton, der hierbei Columbus' eigenem Berichte folgt, wird diese Scene folgendermaßen geschildert:

»Um ihnen (den Eingebornen) Freundschaft für uns einzuflößen, und so wie ich sie sah, überzeugt, daß sie zutraulicher gegen uns sein und eher unseren heiligen Glauben annehmen würden, wenn wir mit möglichster Schonung und Milde verführen und zur Gewalt unsere Zuflucht nicht nähmen, ließ ich mehreren derselben bunte Mützen und Glasperlen schenken, welch' letztere sie am Halse befestigten. Ich fügte dem noch einige andere werthlose Sachen hinzu; sie zeigten eine große Freude darüber und erwiesen sich so erkenntlich dafür, daß es uns wirklich überraschte. Als wir wieder auf den Schiffen waren, schwammen sie zu uns heran, um Papageien, Knäuel von Baumwollenfaden und mancherlei andere Dinge als Gegengeschenke anzubieten; wir gaben ihnen dafür nochmals kleine Glasperlen, klingende Schellen und anderen Tand. Sie gaben uns Alles, was sie besaßen. Alles in Allem schienen sie mir aber sehr arm zu sein; Männer und Frauen gingen so nackt, wie sie einst das Licht der Welt erblickt hatten. Unter Denen, die wir sahen, befand sich nur eine einzige jüngere Frau, keiner der Männer aber mochte über dreißig Jahre zählen. Uebrigens waren sie wohlgebaut, hübsch von Körper und angenehm von Gesicht. Ihre Haare – so grob wie die Haare des Roßschweifes – hingen über die Stirn bis auf die Augenbrauen herab; nach rückwärts trugen sie dieselben zu einem langen, niemals verschnittenen Büschel vereinigt. Einige derselben hatten sich mit schwärzlicher Farbe angemalt, sonst sind sie jedoch von der nämlichen Hautfarbe wie die Bewohner der Canarischen Inseln. Sie sind weder schwarz noch weiß; einzelne malen sich auch weiß oder roth, oder mit beliebigen anderen Farben entweder den ganzen Körper, oder nur das Gesicht, die Augen, oder nur allein die Nase. Sie besitzen keine Waffen wie die unsrigen und kennen dieselben überhaupt gar nicht. Als ich ihnen Säbel zeigen ließ, ergriffen sie dieselben, um sich damit die Nägel zu verschneiden. Das Eisen ist ihnen unbekannt. Ihre Wurfspieße sind eigentlich nichts als Stöcke. Auch deren Spitze ist nicht von Eisen, wohl aber zuweilen mit einem spitzigen Fischzahn oder einem anderen harten Körper bewehrt. In ihren Bewegungen entwickeln sie viel natürliche Grazie. Da ich bei Einigen am Körper Narben bemerkte, fragte ich durch Zeichen, wie sie verwundet worden seien, und sie antworteten auf dieselbe Weise, daß die Bewohner benachbarter Inseln sie überfallen, um Gefangene zu machen, und sie sich dagegen vertheidigt hätten. Ich glaubte und glaube es noch immer, daß vom Festlande her Räuber kommen, um sie einzufangen und zu Sklaven zu machen. Sie müssen sehr treue und sanftmüthige Diener sein. Sie haben die Gewohnheit, schnell zu wiederholen, was sie hören. Ich bin überzeugt, daß sie leicht zum Christenthume zu bekehren sein werden, denn wie mir scheint, gehören sie keinerlei Secte an.«

Als Christoph Columbus nach seinem Schiffe zurückkehrte, folgte dem Boote eine Anzahl Eingeborner schwimmend. Am nächsten Tage, dem 13. October, zeigten sich Eingeborne in großer Anzahl bei den Caravellen. Sie saßen in großen, aus je einem Baumstamme geschnitzten Piroguen, von denen manche wohl vierzig Mann fassen konnte und die sie mit Rudern in Form von Bäckerschaufeln fortbewegten. Einige dieser Wilden trugen als Schmuck kleine Goldplättchen an der Nasenscheidewand. Sie schienen über die Ankunft der Fremden sehr erstaunt und glaubten offenbar, diese weißen Männer seien vom Himmel gefallen. Mit ebenso viel Verehrung als Neugier berührten sie die Kleider der Spanier, die sie ohne Zweifel für eine Art natürlichen Gefieders hielten. Der scharlachrothe Rock des Admirals erregte ihre Bewunderung in höchstem Maße. Allem Anscheine nach betrachteten sie Columbus als einen Papageien von besserer Art. Uebrigens erkannten sie in ihm sofort den Anführer der Fremden.

Christoph Columbus und seine Leute nahmen nun diese neue Insel San Salvador näher in Augenschein und konnten deren glückliche Lage, ihre prächtigen Wälder, Flüsse und grünen Wiesen gar nicht genug bewundern. Nur die Fauna war ziemlich einförmig, Papageien mit schillerndem Gefieder wiegten sich in großer Menge auf den Bäumen, bildeten aber scheinbar auch die einzige, hier vorkommende Art Vögel. San Salvador erschien als eine wenig hügelige Hochebene; in seinem mittleren Theile breitete sich ein kleiner See aus, während kein eigentlicher Berg die Fläche des Erdbodens unterbrach. Vielleicht barg San Salvador jedoch große mineralische Schätze, da seine Bewohner Goldschmuck trugen, obwohl man ja nicht wissen konnte, ob dieses Metall von ihrer Heimatinsel selbst herrührte.

Der Admiral fragte deshalb einen der Eingebornen und es gelang ihm, aus dessen Zeichen zu verstehen, daß er, wenn er die Insel umsegelte und sich nach Süden wendete, ein Land antreffen werde, dessen König große goldene Gefäße und ungeheure Reichthümer besäße. Am anderen Tage gab Christoph Columbus seinen Caravellen mit dem ersten Morgengrauen Befehl, die Anker zu lichten und steuerte nach dem bezeichneten Festlande, das seiner Meinung nach kein anderes als Cipango sein konnte.

Wir müssen hier eine wohl zu beachtende Bemerkung einflechten über einen Umstand, der sich aus den geographischen Kenntnissen der damaligen Zeit ergab: den nämlich, daß Christoph Columbus selbst glaubte, in Asien angekommen zu sein. Cipango ist Marco Polo's Name für Japan. Es bedurfte vieler Jahre, ehe man diesen von allen seinen Begleitern getheilten Irrthum des Admirals als solchen erkannte, und der große Seeheld selbst starb ja auch, wie erwähnt, nach vier glücklich zurückgelegten Reisen, ohne eine Ahnung davon, daß er eine Neue Welt entdeckt hatte. Es steht außer allem Zweifel, daß Columbus' Leute, und auch dieser selbst, der Meinung waren, in der Nacht des 12. October 1492 entweder Japan, China oder Indien aufgefunden zu haben. Hieraus erklärt es sich auch, daß ganz Amerika so lange den Namen »Westindien« führte, und daß die Eingebornen dieses Continentes noch heute, sowohl in Brasilien und Mexiko, als in den Vereinigten Staaten »Indianer« genannt werden.

Christoph Columbus verfolgte jetzt also eigentlich nur das eine Ziel, nach Japan zu gelangen. Er segelte längs der Küste von San Salvador hin, um auch dessen westlichen Theil kennen zu lernen. Die Einwohner strömten am Ufer zusammen und boten ihm Wasser und Cassave, d. i. eine Art Brot aus Yucca-Wurzel an. Wiederholt ging der Admiral an verschiedenen Stellen an's Land und versündigte sich freilich gegen die Pflichten der Humanität, indem er mehrere Indianer entführen ließ, um sie nach Spanien mitzunehmen. Schon begann man also, diese Unglücklichen aus ihrer Heimat zu rauben; konnte es nun fehlen, daß man sie auch bald als Sklaven verkaufte? Endlich verloren die Caravellen San Salvador aus dem Gesichte und gingen wieder auf's offene Meer hinaus.

Gewiß hatte ein gütiges Geschick Columbus begünstigt, indem es ihn gerade mitten in einen der schönsten Archipele der ganzen Welt führte. All' das neue Land, das er noch entdecken sollte, glich einem gefüllten Schmuckkästchen, woraus er nur mit vollen Händen zuzulangen brauchte.

Am 15. October mit Sonnenuntergang warf die Flottille an der Westseite einer zweiten Insel Anker, welche man Conception taufte, und welche nur ein Zwischenraum von fünf Meilen von San Salvador trennte. Am darauffolgenden Morgen ging der Admiral mit gut bewaffneten und gegen jeden etwaigen Ueberfall gesicherten Booten an's Land. Die Ureinwohner, offenbar von derselben Race wie die in San Salvador, empfingen die Spanier sehr freundlich. Da sich indessen ein günstiger Südost-Wind erhob, versammelte Columbus wieder seine Flotte und entdeckte, neun Meilen weiter im Westen, eine dritte Insel, der er den Namen Ferdinandina gab. Es ist das das heutige Groß-Exuma.

Man blieb die ganze Nacht aufgebraßt liegen und am nächsten Morgen, dem 17. October, kamen große Piroguen, welche um die Caravellen herumglitten. Die Beziehungen zu den Eingebornen gestalteten sich ganz vortrefflich. Die Wilden tauschten friedlich ihre Früchte und kleinen Baumwollenballen gegen Glasperlen, baskische Tamburins, Nadeln, für welche sie große Vorliebe zeigten, und gegen Syrup aus, von dem sie begierig naschten. Die Einwohner von Ferdinandina kannten schon mehr den Gebrauch der Kleidung und waren im Ganzen etwas civilisirter; sie bewohnten Häuser in Form von Pavillons mit hohen Schornsteinen; diese Hütten waren im Innern sehr reinlich und überhaupt wohlerhalten. Die von einer weiten Bucht tief eingeschnittene Nordseite der Insel hätte wohl hundert Schiffen einen geräumigen und sicheren Hafen geboten.

Doch auch Ferdinandina bot den Spaniern die Reichthümer nicht, nach denen sie so großes Verlangen trugen und von welchen sie die Proben mit nach Spanien zurücknehmen wollten; Goldminen gab es hier offenbar nicht. Dagegen sprachen die auf der Insel miteingeschifften Eingebornen immer von einer größeren, mehr im Süden gelegenen Insel mit Namen Samoeto, die er Isabella nannte und welche man auf den jetzigen Karten unter dem Namen Longue findet.

Nach den Aussagen der Bewohner von Salvador hätte man glauben müssen, hier einen großmächtigen König anzutreffen; mehrere Tage lang wartete der Admiral jedoch vergeblich; diese große Persönlichkeit zeigte sich nicht. Die Insel Isabella bot übrigens mit ihren kleinen Seen und dichten Wäldern einen wahrhaft prächtigen Anblick. Die Spanier bewunderten nur immer die neuen Baumarten, deren herrliches Grün europäische Augen über alle Maßen entzückte. Unter den üppigen Bäumen flatterten unzählige Papageien und große, muntere Eidechsen, jedenfalls Iguane, schlüpften hurtig durch das hohe Gras. Die Einwohner der Insel, welche zuerst beim Anblick der Spanier entflohen waren, wurden doch bald zutraulicher und verhandelten die Erzeugnisse des Bodens an die Fremden.

Christoph Columbus gab seinen Gedanken, bei Japan angelangt zu sein, noch immer nicht auf. Da die Eingebornen einer nicht weit entfernten, sehr großen Insel im Westen Erwähnung thaten, welche sie Cuba nannten, setzte der Admiral voraus, daß diese einen Theil des Königreichs Cipango bilden würde und zweifelte gar nicht mehr, binnen Kurzem die Stadt Quin-say, sonst auch Hang-tcheu-fu genannt und früher die Hauptstadt von China, zu erreichen.

Deshalb ging die Flottille auch, sobald es der Wind gestattete, wieder unter Segel. Am Donnerstag den 25. October bekam man sieben bis acht längs einer Linie verstreute Inseln in Sicht, wahrscheinlich die Mukares (Jamentos Keys). Christoph Columbus hielt sich hier indessen nicht auf und langte am folgenden Sonntag vor Cuba an. Die Caravellen ankerten in einem Strom, dem die Spanier den Namen San Salvador beilegten; nach kurzem Aufenthalt setzte man aber den Weg nach Westen fort und lief wiederum in einen Hafen an der Mündung eines großen Stromes ein, aus dem später der Hafen Nuevitas del Principe wurde.

Das Gestade der Insel schmückten viele Palmen, deren Blätter so breit waren, daß ein einziges zur Bedeckung der Hütten der Eingebornen hinreichte. Letztere hatten bei der Annäherung der Spanier die Flucht ergriffen. Am Strande fanden sich verschiedene kleine Götzenbilder in Form von weiblichen Figuren, ferner gezähmte Vögel, Gebeine von Thieren, stumme Hunde und mancherlei Jagdgeräthe. Auch die Wilden Cubas wurden durch die gewöhnlichen Mittel herbeigelockt und traten dann ebenfalls mit den Spaniern in Tauschhandel.

Christoph Columbus glaubte nun auf dem Festlande und wahrscheinlich nur wenige Meilen von Hang-tcheu-fu entfernt zu sein. Dieser Gedanke hatte sich sowohl seiner selbst als seiner Officiere so sehr bemächtigt, daß er sich schon damit beschäftigte, dem Groß-Khan von China einige Geschenke zu übersenden. Am 12. November beauftragte er einen Edelmann von seinem Schiffe und einen Juden, der hebräisch, chaldäisch und arabisch sprach, sich zu dem Monarchen des Landes zu begeben. Die Gesandten nahmen kostbare Perlenhalsbänder mit und begaben sich in das Innere des vermeintlichen Continentes, in der Annahme, ihre Mission etwa binnen sechs Tagen erfüllen zu können.

Inzwischen segelte Christoph Columbus ungefähr zwei Meilen weit einen schönen Fluß hinauf, der im Schatten großer, wohlriechender Bäume dahinlief. Die Eingebornen trieben dabei mit den Spaniern den gewohnten Tauschhandel und verwiesen diese immer wieder nach einem Orte Namens Bohio, wo sich Gold und Perlen im Ueberfluß finden sollten. Sie fügten auch hinzu, daß dort Menschen mit Hundeköpfen lebten, die sich von Fleisch ernährten.

Am 6. November schon, also nach kaum viertägiger Abwesenheit, kehrten die Gesandten des Admirals nach dem Hafen zurück. Nach zwei Marschtagen hatten sie ein aus etwa fünfzig Hütten bestehendes Dorf erreicht gehabt, in welchem sie mit wahrhaft übermäßiger Verehrung ausgenommen worden waren. Man küßte ihnen daselbst Füße und Hände und hielt sie geradezu für Götter, welche vom Himmel herabgestiegen seien. Ueber die Sitten der Eingebornen erzählten sie unter Anderem, daß Männer und Frauen mittelst einer gabelförmig getheilten Pfeife Tabak rauchten, wobei sie den Rauch durch die Nasenlöcher einsogen. Die Ureinwohner wußten sich auch durch Reibung zweier Hölzer aufeinander Feuer zu verschaffen. In ihren Häusern fand sich sehr viel Baumwolle vor, die sie in Gestalt von Zelten aufgestapelt hatten, und eines derselben enthielt nahe an 11.000 Pfund. Vom Groß-Khan freilich hatten sie auch nicht eine Spur entdeckt.

Wir berühren hier auch noch einen zweiten Irrthum und Fehler des Columbus, der in seinen Folgen, nach Irving, der ganzen Reihe seiner Entdeckungen eine andere Richtung gab. Da Columbus nämlich an der Küste Asiens zu sein glaubte, sah er folgerichtig Cuba für einen Theil des Festlandes an. Eben darum aber dachte er gar nicht daran, dasselbe zu umschiffen, sondern beschloß vielmehr, nun nach Osten zurückzukehren. Hätte er sich bei dieser Gelegenheit nicht getäuscht und wäre er seiner Richtung unentwegt gefolgt, so würde das Resultat seines Zuges ein ganz anderes Ansehen gewonnen haben. Entweder wäre er dann nach Florida, an die Südspitze Nord-Amerikas gelangt, oder direct nach Mexiko gekommen. Was hätte er aber in letzterem Falle an Stelle der Wilden und unwissenden Eingebornen gefunden? Nun, die Bewohner des großen Reiches der Azteken, der von Montezuma halb civilisirten Gebiete. Dort hätte er Städte, Heere neben unermeßlichen Reichthümern angetroffen und seine Rolle würde wahrscheinlich dieselbe gewesen sein, welche nach ihm Ferdinand Cortez übernahm.

Doch es sollte nicht so kommen; der in seinem Irrthum befangene Admiral kehrte mit der Flottille, welche am 12. November 1492 die Anker lichtete, wieder nach Osten zurück.

Lavirend folgte Christoph Columbus der Küste Cubas, entdeckte die beiden Berge Cristal und Moa, besuchte einen Hafen, den er Puerto del Principe nannte, und einen Archipel, dem er den Namen das Meer von Notre-Dame beilegte. Jede Nacht leuchteten die Feuer der Fischer auf den zahlreichen Inseln, deren Bewohner sich von Spinnen, Krebsen und einer Art großer Würmer (Seealen?) ernährten. Die Spanier gingen auch wiederholt an's Land und errichteten ein Kreuz als Zeichen der Besitznahme des Landes.

Häufig sprachen die Eingebornen gegen den Admiral von einer gewissen Insel Babèque, wo Gold in Menge vorhanden sei. Der Admiral beschloß, sich dahin zu begeben. Martin Alonzo Pinzon aber, der Kapitän der »Pinta«, dessen Caravelle am besten segelte, fuhr ihm voraus und war beim Anbruch des 2l. November vollständig aus dem Gesichtskreise der Anderen verschwunden.

Der Admiral erschien über diese Trennung mit Recht sehr erzürnt, wovon noch die Stelle in seinem Bericht den Beweis liefert, wo er sagt: »Pinzon hat mir auch noch manches Andere gesagt und angethan«. Er setzte indeß seinen Weg zur Durchforschung Cubas unbeirrt weiter fort und entdeckte die Bai von Moa, die Mangle-Spitze, das Cap Vaez und den Hafen Baracoa; nirgends aber fand er Kannibalen, obwohl die Hütten der Eingebornen nicht selten mit Menschenschädeln verziert waren, worüber sich die an Bord befindlichen Eingebornen sehr zu freuen schienen.

Während der folgenden Tage sah man den Fluß Boma und befanden sich die Caravellen, welche das Cap de los Azules umschifften, auf der Ostseite der Insel, deren Küste sie in einer Länge von hundertfünfundzwanzig Meilen aufgenommen hatten. Statt sich nun aber nach Süden zu wenden, entfernte sich Columbus mehr nach Osten und kam am 5. December in Sicht einer großen Insel, welche die Indianer Bohio nannten. Es war das Haiti oder San Domingo.

Am Abend lief die »Nina« unter Führung des Admirals einen Hafen an, der den Namen Port-Marie erhielt. Es ist das der heutige Hafen von San Nicolo in der Nähe des gleichnamigen Caps am Nordwestende der Insel.

Am nächsten Tage fanden die Spanier noch eine große Menge solcher Caps und auch ein Eiland, die Schildkröteninsel. Die Caravellen jagten, sobald sie nur sichtbar wurden, die Piroguen der Indianer in die Flucht. Diese Insel, deren Gestade sie folgten, erschien ihnen sehr groß und sehr hoch, wovon der spätere Name Haiti, d. i. Hochland, sich herleitet. Die Aufnahme der Ufer wurde noch bis zur Mosquito-Bai fortgesetzt. Die Vögel, welche unter den schönen Bäumen dieser Insel umherflatterten, ihre Pflanzen, Ebenen und Hügel erinnerten Alle lebhaft an die Gefilde Castiliens. Deshalb gab Christoph Columbus dem neuen Lande auch den Namen Espagnola. Die Bewohner waren sehr furchtsam und mißtrauisch, so daß man, da sie in's Innere entflohen, mit ihnen keinerlei Verbindung anknüpfen konnte. Einigen Matrosen gelang es jedoch, eine Frau einzufangen, die sie an Bord brachten. Sie war noch jung und ziemlich hübsch. Der Admiral schenkte ihr Ringe, Perlen und Kleidungsstücke, deren sie höchst nothwendig bedurfte; er behandelte sie überhaupt mit größter Zuvorkommenheit und sandte sie dann wieder nach dem Lande zurück. Die nächste Folge davon war, daß die Eingebornen zutraulicher wurden, und als sich am Tage darauf neun bewaffnete Matrosen bis vier Stunden in das Innere des Landes hineingewagt hatten, wurden sie mit aller Ehrerbietung empfangen. In hellen Haufen strömten die Bewohner um sie zusammen und boten ihnen alle Erzeugnisse des Bodens an. Entzückt von dem Ausfluge kamen die Matrosen zurück. Ihrer Erzählung nach war das Innere der Insel reich an Baumwollenstauden, Aloës und Mastixbäumen, und ein schöner Strom, später der Fluß der drei Ströme genannt, rollte daselbst sein klares Wasser dahin.

Am 15. December ging Columbus wieder unter Segel und führte ihn der Wind nach dem sogenannten Schildkröten-Eilande, wo er einen schiffbaren Wasserlauf fand und ein so herrliches Thal, daß er es das Thal des Paradieses nannte. Als er anderen Tages in einem tiefen Golfe lavirte, bemerkte er einen Eingebornen, der ein kleines Canot trotz der Gewalt des Windes mit großer Geschicklichkeit regierte. Dieser Indianer ward eingeladen, an Bord zu kommen; Columbus beschenkte ihn reichlich; dann segelte er nach einem Hafen von Espagnola, den man später als den Hafen des Friedens bezeichnete, weiter.

Dieses freundliche Entgegenkommen erwarb dem Admiral die Zuneigung aller Eingebornen und von demselben Tage ab fanden sie sich in großer Menge bei den Caravellen ein. Auch ihr König kam mit ihnen. Es war das ein gut gebauter, kräftiger und etwas wohlbeleibter junger Mann von beiläufig zwanzig Jahren. Er ging eben so nackt wie seine männlichen und weiblichen Unterthanen, welche ihm viel Achtung, doch ohne das mindeste Zeichen kriechender Unterwürfigkeit, erwiesen. Columbus ließ ihm alle einem Souverän zukommenden Ehren erweisen und aus Dankbarkeit theilte dieser König, oder richtiger Cazike, dem Admiral mit, daß die östlicheren Provinzen vom Golde strotzten.

Am nächsten Tage stellte der Cazike alle Schätze seines Landes Columbus zur Verfügung. Er nahm an dem Feste der heiligen Maria theil, das Columbus auf seinem Fahrzeuge mit allem Prunke feiern ließ und bei welcher Gelegenheit auch das Schiff selbst möglichst ausgeschmückt worden war. Der Cazike wurde mit zur Tafel des Admirals gezogen und nahm wirklich an dem Mahle theil; nachdem er verschiedene Speisen und Getränke gekostet, schickte er die Becher und Schüsseln den Leuten seines Gefolges. Dieser Cazike hatte ein recht gutes Aussehen; er sprach wenig und erwies sich den Umständen nach ziemlich gebildet. Nach beendetem Mahle bot er dem Admiral mehrere dünne Goldplättchen an. Dieser erwiderte das Geschenk durch einige Münzen mit den Bildnissen Ferdinands und Isabellens, und nachdem er ihm durch Zeichen begreiflich gemacht, daß von den mächtigsten Fürsten der Erde die Rede sei, ließ er in Gegenwart des eingebornen Königs die königlichen Banner von Castilien entfalten. Mit Anbruch der Nacht zog sich der Cazike sehr befriedigt zurück und mehrere Artilleriesalven donnerten ihm bei der Abfahrt nach.

Am folgenden Tage errichteten mehrere Leute der Mannschaft ein großes Kreuz mitten in dem Dorfe der Eingebornen, und dann verließen Alle diese gastliche Küste. Beim Auslaufen aus dem weiten, von den Schildkröteninseln und der Insel Espagnola gebildeten Golfe entdeckte man mehrere Häfen, Caps, Baien und Flüsse, an der Limbe-Spitze eine kleine Insel, welche St. Thomas getauft wurde, und endlich einen sehr geräumigen, sicheren und geschützten, zwischen der Insel und der Bai von Acul verborgenen Hafen, dessen Eingang ein von hohen baumbedeckten Bergen umschlossener Canal bildete.

Der Admiral betrat das Ufer ziemlich häufig. Die Eingebornen empfingen ihn als einen Abgesandten des Himmels und luden ihn ein, bei ihnen wohnen zu bleiben. Columbus beschenkte sie mit Schellen, zinnernen Ringen, Glasperlen und anderen Kleinigkeiten, die sie sehr hoch zu schätzen schienen. Ein Cazike mit Namen Guacanagari, der Beherrscher von Marien, sandte Columbus einen Gürtel, geschmückt mit dem Abbilde eines Thieres mit großen Ohren, dessen Nase und Ohren aus Gold getrieben waren. Gold mochte es auf der Insel überhaupt viel geben, denn die Eingebornen brachten bald eine gewisse Menge dieses Metalls zusammen. Die Bewohner dieses Theiles von Espagnola zeichneten sich durch höhere Intelligenz und besseres, äußeres Ansehen aus. Nach Columbus dienten die schwarzen, rothen und weißen Malereien, mit denen sie ihren Körper bedeckten, wahrscheinlich nur zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen. Die Häuser der Leute waren hübsch und gut gebaut. Als Columbus sie nach dem Lande fragte, woher das Gold komme, zeigten sie gen Osten nach einer Gegend, welche sie Cibao nannten und unter der der Admiral sich stets nur Cipango oder Japan vorstellen konnte.

Am heiligen Abend traf die Caravelle des Admirals ein schwerer Unfall. Es war das die erste Havarie bei dieser sonst so glücklich abgelaufenen Seefahrt. Ein unaufmerksamer Seemann bediente das Steuer der »Santa Maria« während eines Ausflugs aus dem Golfe von St. Thomas; als es finster wurde, gerieth er unbemerkt in eine falsche Strömung und wurde gegen die Uferfelsen getrieben. Die Caravelle strandete und ihr Steuer lief dabei fest auf. Der Admiral erwachte von dem Stoße und kam eiligst auf das Deck. Er ließ vom Vordertheile aus einen Anker auswerfen, um das Schiff durch kräftiges Ziehen an demselben zu wenden und wieder flott zu machen. Der Quartiermeister und einige Matrosen wurden mit der Ausführung dieses Manövers beauftragt und sprangen in das große Boot. Von Schrecken erfaßt, entflohen sie aber, so schnell sie rudern konnten, nach der »Nina« zu.

Inzwischen kam die Ebbe. Die Santa Maria sank immer tiefer ein; man mußte die Masten kappen, um sie zu erleichtern, und bald stellte sich die Nothwendigkeit heraus, die Besatzung an Bord des Begleitschiffes überzuführen. Der Cazike Guacanagari, der die mißliche Lage der Caravelle recht wohl begriff, kam mit seinen Brüdern, Verwandten und einer Menge Eingeborner herbei und betheiligte sich thätig bei der Entleerung des Fahrzeuges. Dank seiner Fürsorge, ging auch nicht ein Stück der Ladung verloren und noch während der Nacht hielten bewaffnete Eingeborne rings um die einstweilen aufgespeicherten Proviantvorräthe Wache.

Am folgenden Tage begab sich Guacanagari an Bord der »Nina«, um den Admiral zu trösten und stellte ihm alle seine Schätze zur Verfügung. Gleichzeitig bot er ihm zur Aushilfe einen Vorrath an Lebensmitteln, bestehend aus Brot, kleinen Ziegen, Fischen, Wurzeln und Früchten an. Gerührt durch diese Freundschaftsbezeugungen beschloß Columbus, auf einer dieser Inseln eine Niederlassung zu gründen. Er bemühte sich also, die Indianer durch kleine Geschenke und liebenswürdiges Entgegenkommen noch mehr für sich zu gewinnen; dann ließ er, um ihnen eine Vorstellung von seiner Macht zu geben, eine Arkebuse und eine Standbüchse abfeuern, worüber die armen Leute heftig erschraken.

Am 26. December begannen die Spanier den Bau einer kleinen Befestigung an diesem Theile der Insel. Die Absicht des Admirals ging dahin, hier eine Anzahl Leute, die für ein Jahr mit Brot, Wein und Getreide versorgt werden sollten, zurückzulassen und ihnen die Schaluppe der »Santa Maria« zu übergeben. Die Arbeiten wurden auch mit allem Eifer betrieben.

Am nämlichen Tage erhielt man ferner wieder die erste Kunde von der »Pinta«, die sich am 21. November von der Flottille getrennt hatte; sie sollte, wie Eingeborne meldeten, in einem Flusse am Ende der Insel vor Anker liegen; ein von Guacanagari abgesandtes Canot konnte sie aber nicht auffinden. Da kam denn Columbus, der seine Entdeckungsfahrt unter den gegebenen Umständen nicht fortsetzen wollte, da er sich seit dem Verlust der nicht wieder brauchbaren »Santa Maria« auf eine einzige Caravelle angewiesen sah, auf den Entschluß, nach Spanien zurückzukehren und traf auch bald seine Vorbereitungen zur Abreise.

Am 2. Januar bot Columbus dem Caziken das Schauspiel einer kleinen Schlacht, worüber der König und seine Unterthanen sich höchst erstaunt zeigten. Dann wählte er neununddreißig Mann aus, die während seiner Abwesenheit die Besatzung der Festung bilden sollten, und ernannte Rodrigo de Escovedo zu deren Kommandanten. Der größte Theil der Ladung aus der »Santa Maria« wurde ihnen ausgeliefert und versprach, für sie länger als ein Jahr auszureichen. Unter den ersten Kolonisten der Neuen Welt befanden sich ein Schreiber, ein spanischer Gerichtsdiener, ein Faßbinder, ein Arzt und ein Schneider. Diese Spanier unterzogen sich des Auftrages, die Goldminen aufzusuchen und einen geeigneten Platz zur Gründung einer Stadt ausfindig zu machen.

Am 3. Januar lichtete die »Nina« nach einem feierlichen Abschiede von dem Caziken und den neuen Kolonisten die Anker und segelte aus dem Hafen. Bald entdeckte man ein Eiland, über welches ein sehr hoher Berg emporragte, der den Namen Monte Christi erhielt. Zwei Tage hindurch folgte Columbus der Küste, als man die Annäherung der »Pinta« meldete. Bald traf deren Kapitän, Martin Alonzo Pinzon, an Bord der »Nina« ein und suchte sein Benehmen nach allen Seiten zu entschuldigen. In Wahrheit segelte Pinzon seiner Zeit nur voraus, um zuerst die Insel Babèque zu erreichen, welche die Eingebornen als so unermeßlich reich schilderten. Der Admiral beruhigte sich indeß bei den unhaltbaren Gründen, welche Kapitän Pinzon vorbrachte, und erfuhr von diesem, daß die »Pinta« nur längs der Küste von Espagnola hingesegelt sei, ohne eine neue Insel zu entdecken.

Am 7. Januar hielt man an, um ein kleines Leck im Raume der »Nina« auszubessern. Columbus benützte diesen Aufenthalt, um einen breiten, etwa eine Meile vom Monte-Christi befindlichen Strom näher zu untersuchen. Von den glänzenden Flitterchen, welche die Strömung mit sich führte, erhielt derselbe den Namen der »Gold-Fluß«. Gern hätte der Admiral auch diesen Theil von Espagnola näher durchforscht, seine Mannschaften drängten aber zur Heimkehr und begannen, verleitet von den Gebrüdern Pinzon, sogar gegen seine Autorität zu murren.

Am 9. Januar gingen die beiden Caravellen wieder unter Segel und schlugen einen Kurs nach Ostsüdosten ein. Sie hielten sich dabei immer in der Nähe der Küsten, deren kleinste Ausbuchtungen ihre Namen erhielten, wie z. B. die Isabellen-Spitze, das Cap de la Roca, das Cap Français, Cap Cabron und endlich die am äußersten östlichen Ende der Insel gelegene Bai von Samana. Hier fand sich ein Hafen, in dem die Flottille wegen der herrschenden Windstille vor Anker ging. Das erste Zusammentreffen mit den Eingebornen verlief ganz nach Wunsch; doch bald sollten sich diese guten Beziehungen ändern. Der schon begonnene Handel nahm ein Ende und gewisse feindselige Demonstrationen ließen deutlich die bösen Absichten der Indianer erkennen. Wirklich überfielen diese die Spanier unerwartet am 13. Januar. Trotz ihrer Minderzahl hielten Letztere jedoch wacker Stand und trieben mit Hilfe ihrer besseren Waffen die Feinde nach einem Kampfe von nur wenig Minuten in die Flucht. Das war das erste Mal, daß Indianerblut von europäischen Händen vergossen wurde.

Am nächsten Tage behielt Columbus noch vier Gefangene, junge Eingeborne, an Bord und ging mit ihnen, trotz ihres Widerspruchs, unter Segel. Seine erbitterten und wohl auch ermüdeten Mannschaften machten ihm manchen Aerger und der über alle menschlichen Schwächen fast ganz erhabene Mann, den die schwersten Schicksalsschläge nicht niederzudrücken vermochten, beklagte sich in seinem Reisebericht recht schmerzlich darüber. Am 16. Januar begann die eigentliche Rückreise und verschwand das Cap Samana, an der äußersten Spitze von Espagnola, unter dem Horizonte.

Die Ueberfahrt ging sehr schnell und bis zum 12. Februar ohne merkliche Zwischenfälle von statten. Am genannten Tage wurden die beiden Caravellen aber von einem furchtbaren Sturme überrascht, der mit entsetzlichen Windstößen, haushohen Wellen, unter fortwährenden Blitzen in Nord-Nordosten dreimal vierundzwanzig Stunden anhielt. Erschreckt legten die Seeleute das Gelübde einer Pilgerfahrt zur heiligen Maria von Guadaloupe, Notre-Dame de Loretto und St. Clair de Moguer ab. Endlich schwuren die Leute, barfuß und im Büßerhemd in einer der Mutter Gottes geweihten Kirche zu beten.

Trotz alledem nahm der Sturm nur an Heftigkeit zu. Auch der Admiral befürchtete eine Katastrophe und schrieb auf ein Pergament eiligst einen kurzen Bericht seiner Entdeckungen nieder, mit der Bitte an den etwaigen Finder, dasselbe dem Könige von Spanien zugehen zu lassen; dann verschloß er dieses in Wachstuch eingewickelte Document in ein Holzfaß und ließ es in's Meer werfen.

Mit dem Aufgang der Sonne am 15. Februar schwächte der Orkan sich ab; die während der letzten Tage von einander getrennten Caravellen trafen wieder zusammen und ankerten drei Tage später bei der Insel Sainte Marie, einer der Azoren. Sofort sorgte der Kapitän für Erfüllung der während des Ungewitters gethanen Gelübde und schickte deshalb die Hälfte seiner Leute an's Land; diese wurden aber von den Portugiesen als Gefangene zurückgehalten und erst fünf Tage später und nur auf die energische Reclamation Christoph Columbus' wieder freigegeben.

Am 23. Februar stach der Admiral wieder in See. Von widrigen Winden aufgehalten und von einem nochmaligen Sturm bedroht, legte er mit allen seinen Leuten auf's Neue verschiedene Gelübde ab und verpflichtete sich, am ersten Samstag nach der Ankunft in Spanien zu fasten. Am 4. März endlich bekamen die Seefahrer die Mündung des Tajo zu Gesicht, in welche sich die »Nina« flüchten konnte, während die »Pinta« vom Wind bis in die Bai von Biscaya verschlagen wurde.

Die Portugiesen nahmen den Admiral sehr herzlich auf; der König bewilligte ihm sogar eine Audienz. Columbus lag es nun aber am Herzen, schnell nach Spanien zu kommen. Sobald es die Witterung irgend erlaubte, ging die »Nina« wieder in See und warf am 15. März, gegen Mittag, vor dem Hafen von Palos Anker, nach einer Reise von sieben Monaten, während welcher Columbus die Inseln San Salvador, Conception, Groß-Exuma, Longue, die Mukares, Cuba und San Domingo entdeckt hatte.

Ferdinands und Isabellens Hofhaltung befand sich zur Zeit eben in Barcelona. Der Admiral ward dahin befohlen. Er reiste sogleich mit den aus der neuen Welt mitgebrachten Indianern ab. Der Enthusiasmus, den er überall hervorrief, kannte fast keine Grenzen. Von allen Seiten lief das Volk zusammen, wo es den großen Seehelden nur treffen zu können glaubte, und erwies ihm wahrhaft königliche Ehren. Der Einzug Christoph Columbus' in Barcelona gestaltete sich wahrhaft prächtig. Der König, die Königin und die Granden von Spanien empfingen ihn feierlich im Palaste der Deputation. Hier erstattete er einen Bericht über seine merkwürdige Reise, wies die Muster von Gold vor, die er mitgebracht hatte, und die ganze Versammlung fiel dann auf die Kniee und stimmte das Te Deum an.

Christoph Columbus ward hierauf durch ein besonderes Patent geadelt und der König verlieh ihm ein eigenes Wappen mit der Devise: »Castilien und Leone schenkte Columbus eine neue Welt«. Der Name des genuesischen Seefahrers hallte durch ganz Europa wider; die von ihm mitgeführten Indianer erhielten in Gegenwart des Hofes die christliche Taufe und der so lange Zeit arme und verkannte, geistvolle Mann stand jetzt auf der höchsten Staffel seines Ruhmes.

III.

Zweite Reise: Flottille von 17 Schiffen. – Insel Ferro. – Dominica. – Marie-Galante. – Guadeloupe. – Die Kannibalen. – Montserrat. – Sainte Marie Rotonde. – St. Martin und St. Croix. – Der Archipel der 11.000 Jungfrauen. – Gründung der Stadt Isabella. – Absendung zweier mit Schätzen beladener Fahrzeuge nach Spanien. – Fort St. Thomas in der Provinz Cibao. – Don Diego, Columbus Bruder, zum Gouverneur der Insel ernannt. – Insel St. Jean Baptiste oder Porto-Rico. – Espagnola. – Die ersten Kolonisten ermordet. – Jamaica. – Die Küste von Cuba. – Der Sauger (Hemmfisch). – Rückkehr nach Isabella. – Der Cazike wird gefangen gesetzt. – Aufstand der Eingebornen. – Hungersnoth. – Columbus in Spanien verleumdet. – Sendung Johann Aguada's, Commissär Isabellens. – Die Goldminen. – Columbus' Abreise. – Ankunft in Cadix.

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Der Bericht von den Abenteuern des genuesischen Seefahrers hatte die Geister wahrhaft überreizt. Schon sah man in der Einbildung jenseits der Meere ganze Continente aus purem Golde. Alle Leidenschaften, welche die Habgier zu wecken im Stande ist, erwachten. Der Admiral mußte dem Drange der öffentlichen Meinung nachgeben und in kürzester Zeit wieder in See gehen. Ihn trieb es übrigens auch selbst, nach dem Schauplatz seiner Eroberungen zurückzukehren und die Karten jener Zeit mit neuen Ländern zu bereichern. Er erklärte sich also bereit, abzureisen.

Der König und die Königin stellten eine Flotte von drei großen Schiffen und vierzehn Caravellen zu seiner Verfügung. Zwölfhundert Menschen sollte dieselbe aufnehmen. Eine Anzahl vornehmer Castilianer zögerte nicht, Columbus' Stern zu folgen und ihr Glück jenseits der Meere zu versuchen. Pferde und Nutzthiere, Instrumente und Werkzeuge aller Art, bestimmt zur Einsammlung und Reinigung des Goldes, verschiedene Sämereien, mit einem Worte Alles, was zur Gründung einer großangelegten Kolonie irgend nöthig schien, füllte den Raum der Fahrzeuge. Von zehn nach Europa mitgenommenen Eingebornen kehrten fünf nach ihrer Heimat zurück, drei blieben als Kranke in Europa und zwei derselben waren gestorben.

Christoph Columbus wurde mit unbegrenzter Machtvollkommenheit zum »General-Kapitän« ernannt.

Am 25. September 1493 liefen die siebzehn Fahrzeuge unter den Jubelrufen einer unzählbaren Menschenmenge mit vollen Segeln von Cadix aus. Am 1. October liefen sie die Insel Ferro, die westlichste der Canarien-Gruppe, an. Nach einer von Wind und Meer gleichmäßig begünstigten Ueberfahrt kam Columbus in Sicht des neu entdeckten Landes.

Am 3. November, dem Sonntag in der Octave Allerheiligen, rief der Wachtposten des Admiralschiffes »Marie-Galante«: »Frohe Botschaft! Dort ist das Land!«

Dieses Land bestand aus einer bewaldeten Insel. Der Admiral segelte, da er sie für unbewohnt hielt, daran vorüber, sah auf seinem Wege noch mehrere verstreute Eilande und langte bei einer zweiten Insel an. Die erste wurde Dominica, die andere auf den Namen Marie-Galante getauft, wie sie auch noch heutigen Tages heißen. Am nächsten Tage zeigte sich den Blicken der Spanier eine dritte, größere Insel. »Und, sagt der von Pierre Martyr, einem Zeitgenossen Columbus', herrührende Bericht über diese Fahrt, als sie näher kamen, erkannten sie, daß das die Insel der verwünschten Kannibalen oder Caraiben war, von denen man gelegentlich der ersten Reise verschiedentlich reden gehört hatte.«

Wohl bewaffnet gingen die Spanier an's Ufer, wo sich gegen dreißig hölzerne, mit Palmenblättern bedeckte Hütten von runder Form erhoben, in denen allen man Hängematten aus groben Baumwollenstoffen fand. Auf dem Vorplatz derselben standen zwei Bäume oder Stämme, welche von zwei großen todten Schlangen umwunden waren. Bei der Annäherung der Fremden flohen die Eingebornen so schnell sie konnten und ließen eine Anzahl Gefangener zurück, die sie eben hatten aufzehren wollen. Die Matrosen durchsuchten jene Hütten, wobei sie menschliche Arme und Beine, frisch abgeschnittene, noch blutende Köpfe und andere menschliche Ueberreste fanden, welche jeden Zweifel über die Nahrungsweise dieser Caraïben beseitigten.

Die Insel wurde zum Theil untersucht und erhielt von dem Admiral den Namen Guadeloupe wegen ihrer Aehnlichkeit mit einer Provinz von Estremadura. Einige von den Matrosen eingefangene Frauen schickte man, nachdem sie auf dem Admiralschiff eine möglichst freundliche Aufnahme erfahren hatten, auf das Land zurück. Christoph Columbus rechnete darauf, daß sein zuvorkommendes Verfahren gegen die Indianerinnen auch die Männer bestimmen sollte, einmal an Bord zu kommen, eine Hoffnung, welche freilich nicht in Erfüllung ging.

Am 8. November gab der Admiral das Signal zur Abfahrt und segelte mit seiner ganzen Escadre nach Espagnola, dem heutigen San Domingo, wo er neununddreißig Theilnehmer der ersten Reise zurückgelassen hatte. Auf dem Wege nach Norden entdeckte er wiederum eine große Insel, der die an Bord behaltenen Eingebornen den Namen Madanino gaben. Sie sagten aus, daß dieselbe nur von Frauen bewohnt sei, und da Marco Polo's Bericht einer Gegend in Asien erwähnte, die nur weibliche Bevölkerung haben sollte, so hatte Christoph Columbus allen Grund zu der Annahme, daß er längs der Küsten dieses Welttheils hinsegle. Der Admiral wünschte lebhaft, die betreffende Insel kennen zu lernen, doch verhinderte der widrige Wind eine Landung an derselben.

Zehn Meilen von hier entdeckte man eine weitere, von hohen Bergen umgebene Insel, welche Montserrat getauft wurde; am nächsten Tage eine zweite, die den Namen Sainte Marie Rotonde erhielt, und am folgenden Tage noch zwei Inseln: St. Martin und St. Croix.

Das Geschwader ankerte vor der letzteren, um Wasser einzunehmen. Hier ereignete sich eine sehr ernste Scene, welche Pierre Martyr mit so bezeichneten Worten erzählt, daß wir uns zu deren Wiedergabe veranlaßt fühlen: »Der Admiral«, sagt er, »ordnete an, daß dreißig seiner Leute das Schiff verlassen sollten, um die Insel in Augenschein zu nehmen; als diese das Ufer betreten hatten, fanden sie daselbst, außer vier Hunden auch ebensoviel junge Männer und Weiber am Strande, die ihnen entgegenkamen und mit erhobenen Armen um Schutz und Befreiung aus der Gewalt der grausamen Einwohner zu flehen schienen. Sobald die Kannibalen das sahen, entflohen sie, ganz wie auf Guadeloupe, eiligst in die Wälder. Unsere Mannschaften aber blieben zwei Tage auf der Insel, um diese näher zu untersuchen.

Inzwischen bemerkten Diejenigen, welche auf dem Boote zurückgeblieben waren, aus der Ferne ein Canot mit acht Männern und ebensoviel Frauen ankommen; unsere Leute versuchten, sich mit ihnen durch Zeichen zu verständigen; bei weiterer Annäherung aber überschütteten jene, Männer sowohl wie Frauen, sie mit einem dichten Hagel von Pfeilen, bevor diese nur dazu kommen konnten, sich mittelst ihrer Schilde zu schützen, so daß ein Spanier durch den Pfeil einer Frau getödtet wurde und diese auch einen zweiten mit einem anderen Pfeile schwer verletzte.

Diese Wilden führten vergiftete Pfeile, welche das Gift an der Spitze trugen; unter ihnen befand sich eine Frau, welcher die Anderen alle gehorchten und mit sichtbarer Ehrfurcht begegneten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war das die Königin des Stammes und hatte sie einen schrecklich anzusehenden, sehr kräftig gebauten Sohn mit einem wahren Löwenangesicht, der ihr nachfolgte.

Die Unsrigen hielten es für vortheilhafter, ein Handgemenge herbeizuführen, als sich durch einen Kampf aus der Entfernung noch mehr Verluste zufügen zu lassen, und trieben ihr Boot mit den Rudern mit solcher Gewalt vorwärts, daß dasselbe das Fahrzeug der Anderen tüchtig anlief und es dabei versenkte.

Die Indianer aber, lauter gute Schwimmer, fuhren, Männer sowohl wie Frauen, unbeirrt fort, die Unsrigen mit Pfeilen zu beschießen, bis sie einen halb vom Wasser verdeckten Felsen erreichten, den sie bestiegen und dann den Kampf von neuem begannen. Nichtsdestoweniger wurden sie zuletzt überwältigt, Einer von ihnen getödtet, der Sohn der Königin aber mehrfach durch Stiche verwundet; die Gefangenen schleppte man auf das Schiff des Admirals, wo sie sich mit derselben ungezähmten Wildheit benahmen, wie etwa libysche Löwen, wenn sie sich in Netzen gefangen sehen. Es waren durchaus Leute, welche Niemand ansehen konnte, ohne daß ihm Herz und Eingeweide erzitterten, so häßlich, fürchterlich und wahrhaft teuflisch war ihr Aussehen.«

Wie man sieht, gestalteten sich die Kämpfe zwischen Spaniern und Eingebornen immer ernster. Christoph Columbus setzte indeß seine Fahrt nach dem Süden fort, inmitten unzähliger, lieblicher, von Bergen in allen Farben bedeckter Inseln. Die Zusammenhäufung von Inseln erhielt den Gesammtnamen der 11.000 Jungfrauen. Bald kam die Insel St. Jean Baptiste, mit anderen Namen Porto-Rico in Sicht, ein Land, das ebenfalls die Caraïben inne hatten, das aber sorgfältiger angebaut erschien und mit seinen prächtigen Wäldern einen wirklich herrlichen Anblick darbot. Einige Matrosen gingen an's Land und fanden am Gestade etwa ein Dutzend unbewohnter Hütten. Der Admiral stach dann wieder in See und folgte ungefähr fünfzig Meilen weit der Südküste von Porto-Rico.

Am 12. November endlich landete Columbus an der Insel Espagnola. Man begreift wohl, wie erregt er sein mochte beim Wiedersehen des Schauplatzes seiner ersten Erfolge, und wie sehnlich er mit den Augen nach dem kleinen Fort gesucht haben mag, in dem er seine Gefährten zurückgelassen hatte. Wie mochte es den vor einem Jahre auf fremder Erde zurückgebliebenen Europäern wohl ergangen sein? Aus solchen Betrachtungen erweckte ihn die Annäherung eines Canots mit dem Bruder des Caziken Guacanagari, das an der »Marie-Galante« anlegte. Der Eingeborne schwang sich an Bord und brachte dem Admiral zwei goldene Bilder zum Geschenk.

Christoph Columbus lag es indessen zunächst am Herzen, seine Befestigung zu entdecken, und obwohl er vor demselben Platz ankerte, wo er diese hatte erbauen lassen, fand er doch keine Spur von ihr wieder. Voller Unruhe über das Schicksal seiner Leute betrat er das Land. Welcher Schreck, als er von der ganzen Ansiedlung nichts als ein Häufchen Asche übrig sah! Was war aus seinen Landsleuten geworden? Hatten sie diesen ersten Ansiedlungsversuch mit dem Leben bezahlt? Der Admiral ließ, um seine Ankunft weit über die Insel Espagnola bekannt zu machen, sein gesammtes Geschütz auf einmal abfeuern, doch keiner von seinen Gefährten folgte diesem Rufe.

Voll Verzweiflung sandte Columbus sofort Boten aus zu dem Caziken Guacanagari. Diese brachten, als sie zurückkamen, freilich nur sehr traurige Nachrichten mit. Der Mittheilungen Guacanagari's nach hatten andere Caziken, erzürnt über die Anwesenheit der Fremdlinge auf ihrer Insel, die unglücklichen Kolonisten überfallen und bis auf den letzten elend umgebracht. Guacanagari selbst wollte bei deren Vertheidigung eine Wunde davon getragen haben und zeigte zum Beweis noch sein mit einer Baumwollenbinde umwickeltes Bein vor.

Christoph Columbus glaubte zwar nicht an diese angebliche Intervention zu Gunsten der Spanier, doch ließ er sich davon nichts merken und nahm am folgenden Tage, als Guacanagari zu ihm an Bord kam, denselben so freundlich wie früher auf. Der Cazike nahm auch ein kleines Bild der heiligen Jungfrau an, das er sich an die Brust hängte. Ueber die Pferde, die man ihm zeigte, schien er höchlichst erstaunt; solche Thiere waren ihm und seinen Begleitern noch nicht zu Gesicht gekommen. Nach Beendigung dieses Besuches kehrte der Cazike an's Land zurück, begab sich in das Gebirge und ward dann nicht wieder gesehen.

Der Admiral beorderte hierauf einen seiner Kapitäne nebst dreihundert Mann, das Land zu durchstreifen und sich des Caziken zu bemächtigen. Diese Truppe drang zwar bis tief in das Innere der Insel ein, entdeckte aber keine Spur von dem Caziken oder von den beklagenswerthen Kolonisten. Bei dieser Exkursion entdeckte deren Anführer einen großen Fluß mit schönem sicheren Hafen, den er Port-Royal nannte.

Trotz des Fehlschlagens seines ersten Versuches hatte Christoph Columbus doch beschlossen, auf dieser Insel eine neue Niederlassung zu gründen, da ihm das Land reich schien an Gold und Silbererzen. Die Eingebornen sprachen auch immer noch von den in der Provinz Cibao gelegenen Minen. Zwei Edelleute, Alonzo de Hojeda und Corvalan, erhielten deshalb den Auftrag, sich zu überzeugen, was hieran Wahres sei, und brachen im Laufe des Januar mit zahlreicher Begleitung auf. Wirklich fanden sie vier Flüsse mit goldhaltigem Sande und brachten unter Anderem ein Geschiebe von neun Unzen Gewicht mit zurück.

Der Anblick dieser Reichthümer bestärkte den Admiral in dem Glauben, daß dieses Espagnola das berühmte Ophir sein müsse, von dem im Buche der Könige die Rede ist. Er suchte einen geeigneten Platz zur Erbauung einer Stadt und legte, zehn Meilen östlich vom Monte Christi, an der hafenartig erweiterten Mündung eines Flusses den Grundstein für das spätere Isabella. Am Tage Epiphanias celebrirten dreizehn Priester in Gegenwart einer ungeheuren Menge Eingeborner, den Gottesdienst in der Kirche.

Columbus gedachte nun dem König und der Königin von Spanien einige Nachrichten über die Kolonie zugehen zu lassen. Unter dem Befehl des Kapitän Torres wurden also zwölf Schiffe auserwählt, die mit vielem auf der Insel gesammelten Golde und den verschiedensten Erzeugnissen des Bodens befrachtet nach Europa zurückkehren sollten. Diese Flottille ging am 2. Februar 1494 unter Segel und bald darauf schickte ihr Columbus noch eines der ihm verbliebenen fünf Schiffe mit dem Lieutenant Bernhard de Pisa, über den er sich mehrfach zu beklagen hatte, ebenfalls mit reicher Ladung nach.

Sofort nach Wiederherstellung der Ordnung in der Kolonie Isabella, bestellte der Admiral daselbst seinen Bruder Diego zum Gouverneur und brach mit fünfhundert Mann auf, um die Minen von Cibao selbst zu besuchen. Das Land, durch welches der Zug kam, zeigte eine an's Wunderbare grenzende Fruchtbarkeit; Gemüse reiften hier binnen dreizehn Tagen; im Februar gesäeter Weizen stand schon im April in üppigen Aehren und jedes Jahr lieferte zwei reiche Ernten. Durch Berge und Thäler führte der Weg; oft mußte die Axt helfen, durch diese jungfräulichen Gebiete Bahn zu brechen, und nach vielen Beschwerden erst langten die Spanier in Cibao an. Hier ließ der Admiral auf einem Hügel in der Nähe eines großen Flusses aus Stein und Holz ein Fort erbauen, das er mit einer Art Wallgraben umzog, und dem er, um einige seiner Officiere, welche an das Vorhandensein der Goldminen nicht glauben wollten, zu necken, den Namen St. Thomas beilegte. Jetzt konnten jene nämlich ihre Zweifel nicht wohl länger aufrecht erhalten; von allen Seiten brachten ja die Eingebornen Gold in Geschiebe und Körnern herbei, das sie eifrig gegen Perlen und vorzüglich gegen die so beliebten kleinen Schellen umzutauschen suchten, deren heller Klang sie zum Tanzen anreizte. Die in Rede stehende Gegend war aber nicht nur das Land des Goldes, sondern auch das Land der Gewürze und Balsame; ja, die Bäume, welche die so geschätzten Producte lieferten, bildeten hier wirkliche Wälder. Die Spanier hatten also allen Grund, sich zur Besitznahme dieser reichen Insel zu beglückwünschen.

Nachdem er das Fort St. Thomas unter den Schutz von fünfzig Mann, mit Don Pedro de Margerita als deren Anführer, gestellt, begab sich Columbus Anfang April wieder nach Isabella zurück, wurde aber bei diesem Zuge durch häufige, starke Regen sehr aufgehalten. Bei seiner Ankunft fand er die entstehende Kolonie in größter Unordnung; schon drohte sogar eine Hungersnoth wegen Mangels an Mehl, und das Mehl fehlte wegen Mangels an Mühlen: Soldaten und Arbeiter waren von Anstrengung auf's Höchste erschöpft. Columbus wollte seine Edelleute veranlassen, mit helfender Hand einzugreifen; die dummstolzen Hidalgos aber, welche zwar begierig waren, Schätze einzuheimsen, wollten sich doch nicht einmal bücken, um solche aufzuheben, und verweigerten, sich als Handarbeiter nützlich zu machen. Die Priester unterstützten sie in ihrem Widerstande, und Columbus, der nur mit Strenge durchzugreifen vermochte, mußte die Kirchen mit seinem Interdict belegen. Indeß konnte er seinen Aufenthalt in Isabella nicht allzu sehr ausdehnen; es trieb ihn, immer noch neue Länder zu entdecken. So stach er denn, nach Einsetzung eines aus drei Edelleuten und dem Chef der Missionäre unter Vorsitz Don Diego's bestehenden Verwaltungsrathes der Kolonie, am 24. April wieder mit drei Fahrzeugen in See, um den Kreis seiner Entdeckungen zu vervollständigen.

Die Flottille wandte sich nach Süden. Bald entdeckte man eine neue Insel, welche die Eingebornen Jamaica nannten. Das Relief dieser Insel zeichnete sich durch einen bedeutenden Berg mit sanft verlaufenden Abhängen aus. Ihre Bewohner schienen sehr geweckten Geistes und für mechanische Künste begabt, aber wenig von friedliebendem Charakter zu sein. Wiederholt versuchten sie eine Landung der Spanier abzuwehren, wurden aber vertrieben und schlossen zuletzt eine Art Bündniß mit dem Admiral ab.

Von Jamaica aus setzte Columbus seine Nachforschungen weiter nach Westen hin fort. Er glaubte nach der Stelle gelangt zu sein, wohin die alten Geographen den Chersones, das Goldgebiet des Abendlandes, verlegten. Starke Meeresströmungen warfen ihn nach Cuba zurück, dessen Küste er auf 225 Meilen Länge folgte. Während dieser, wegen vieler Untiefen und engen Fahrstraßen sehr gefährlichen Seereise benannte er über 700 Inseln, untersuchte eine große Anzahl Häfen und trat mit den Eingebornen häufig in Verbindung.

Im Monat Mai meldeten die Ausluger der Schiffe wiederum eine große Anzahl pflanzenbedeckter, fruchtbarer und bewohnter Inseln. Columbus näherte sich dem Lande und lief in einen Fluß mit so heißem Wasser ein, daß Niemand die Hand in dasselbe halten konnte; offenbar eine sehr übertriebene Angabe, welche später niemals eine Bestätigung gefunden hat. Die Fischer dieses Strandes verwendeten beim Fischen einen gewissen Fisch mit Namen »Remora« (Hemm-, Saugfisch), der ihnen denselben Dienst leistete wie der Hund dem Jäger.

»Dieser bisher unbekannte Fisch glich etwa einem sehr großen Aale, besaß aber an der Rückseite des Kopfes eine sehr haltbare, beutelförmige Haut, mit der er eigentlich Nahrung einfängt. Diesen Fisch halten die Leute hier mittelst einer Schnur außer dem Boote stets im Wasser, denn er kann den »Anblick« der Luft nicht vertragen. Bemerken sie nun einen Fisch oder eine Schildkröte, welche hier wirklich größer als Schilder sind, so verstatten sie dem Remora durch Nachlassen der Schnur eine freiere Bewegung. Sobald er das fühlt, schießt er schneller als ein Pfeil auf den betreffenden Fisch oder die Schildkröte los, wirft seinen Hautbeutel über diese und hält seine Beute so fest, daß sie ihm Niemand entreißen kann, wenn man ihn nicht durch allmäliges Einziehen der Schnur zur Wasseroberfläche heranholt; denn sobald er »den Glanz der Luft« wittert, läßt er sofort die Beute los. Die Fischer beugen sich so weit als nöthig herab, um ihm den Fang abzunehmen, den sie dann in ihr Boot bringen. Den »Jagdfisch« binden sie dann kurz an, uni ihn an Ort und Stelle zu halten, und geben ihm als Belohnung ein Stück Fleisch von der Beute.«

Die Ufer wurden auch noch weiter nach Westen hin untersucht. Der Admiral kam nach verschiedenen Ländern, in denen es Ueberfluß gab an Gänsen, Enten, Reihern und jenen stummen Hunden, welche die Einwohner als Nahrung benutzen, und die entweder sogenannte Almiguis oder eine Art Ratten sein dürften. Inzwischen verengten sich die versandeten Furthen immer mehr; die Schiffe hatten Noth, sich noch hindurchzuwinden. Dennoch beharrte der Admiral darauf, sich von der Küste, die er auskundschaften wollte, nicht zu entfernen. Eines Tages glaubte er auf einer entfernten Landspitze weißgekleidete Männer zu erkennen, die er für Brüder aus dem Orden Sainte-Marie de la Mercede hielt, und sandte deshalb mehrere Matrosen ab, sich mit jenen in's Einvernehmen zu setzen. Alles stellte sich jedoch als optische Täuschung heraus; die vermeintlichen Mönche waren nichts Anderes als große Reiher der Tropenlande, welchen die weite Entfernung ein menschenähnliches Aussehen verlieh.

Während der ersten Tage des Juni mußte Columbus vor Anker liegen bleiben, um seine Schiffe auszubessern, deren Rumpf durch die Untiefen mancherlei Beschädigungen erlitten hatte. Am 7. desselben Monats ließ der Admiral am Strande eine feierliche Messe lesen. Während des Gottesdienstes traf ein bejahrter Cazike ein, der dem Admiral nach Beendigung der Ceremonie verschiedene Früchte anbot. Dann sprach der Cazike einige Worte, welche die Dolmetscher folgendermaßen übersetzten:

»Es ist uns davon Kunde geworden, daß Du Länder, die Euch bisher unbekannt waren, überfallen und in Deine Gewalt gebracht hast und daß Dein Erscheinen die Völker und einzelnen Bewohner so sehr in Schrecken setzte. Ich glaube also, Dich ermahnen und daran erinnern zu sollen, daß es für die Seelen, wenn sie sich von den Körpern trennen, zwei verschiedene Wege giebt: den einen voll Finsterniß und Trübsal für die Seelen Derjenigen, welche dem Menschengeschlechte einst schädlich und lästig waren; den anderen, voller Lust und Freude für Diejenigen, welche im Leben den Frieden und die Ruhe ihrer Nebenmenschen achteten und liebten. Denkst Du aber daran, daß Du selbst auch sterblich bist und daß der zukünftige Lohn abgemessen wird nach Deinen Thaten in diesem Leben, so wirst Du Niemand mehr zunahe treten.«

Welcher Philosoph der alten oder neuen Zeit hätte jemals besser und mit einfacherer Klarheit sprechen können! Alles Menschliche des Christenthums ist in diesen herrlichen Worten zusammengedrängt, die aus dem Munde eines – Wilden kamen! Columbus und der Cazike trennten sich entzückt von einander und der Erstaunteste von Beiden war der alte Eingeborne wahrscheinlich nicht gewesen.

Der ganze Volksstamm schien sich übrigens der Beachtung der von seinem Chef angedeuteten Lebensvorschriften zu befleißigen. Das Land z. B. gehörte allen Bewohnern gemeinschaftlich, wie die Sonne, die Luft und das Wasser. Das Mein und Dein, die Ursache so vieler Streitigkeiten, war hier unbekannt und Alle lebten mit Wenigem zufrieden. »Sie leben im goldenen Zeitalter, sagt der Bericht, und schließen ihre Besitzungen weder durch Gräben oder Hecken ab: sie lassen ihre Gärten offen stehen, ohne Gesetze, Bücher oder Richter zu kennen; ihre Natur sagt ihnen allein, was gut und recht ist, und sie haben für Den, der einem Anderen Unrecht thut, nur die Strafe der allgemeinen Verachtung.«

Christoph Columbus kehrte, als er Cuba verließ, nach Jamaica zurück, dessen Küste er bis zum östlichen Ende folgte. Seine Absicht ging dahin, die Inseln der Caraïben anzugreifen und diese abscheuliche Brut auszurotten. In Folge seiner vielen Nachtwachen und Strapazen aber fiel der Admiral in eine Krankheit, die ihn zum Aufgeben seiner Pläne nöthigte. Er mußte nach Isabella zurückkehren, wo er unter dem Einflusse der guten Luft und der nöthigen Ruhe, Dank der sorgfältigen Pflege seines Bruders und anderer Angehöriger, seine Gesundheit wiederfand.

Uebrigens bedurfte auch die Kolonie dringend seiner Anwesenheit. Der Gouverneur des Fort St. Thomas hatte die Eingebornen durch seine rücksichtslosen Maßnahmen erbittert. Don Diego, Columbus' Bruder, ließ ihm wiederholte, leider fruchtlose Mahnungen zugehen. Derselbe Gouverneur war dann, während Columbus' Abwesenheit, nach Isabella zurückgekehrt und hatte sich auf einem der Fahrzeuge, die eben Don Barthelemy, den zweiten Bruder des Admirals, nach Espagnola gebracht hatten, nach Spanien eingeschifft.

Nach wiedererlangter Gesundheit konnte Columbus doch das Ansehen Derjenigen, die er einmal zu seinen Stellvertretern ernannt hatte, nicht ungeahndet lassen und beschloß also, den gegen den Befehlshaber von St. Thomas aufgestandenen Caziken zu bestrafen. Vor Allem sandte er neun wohlbewaffnete Leute aus, sich dieses gefürchteten Caziken, Namens Carnabo, zu bemächtigen. Der Anführer derselben, Hojeda, der auch später wiederholte Proben seiner Unerschrockenheit ablegen sollte, raubte den Caziken aus der Mitte der Seinigen und führte ihn als Gefangenen nach Isabella. Columbus seinerseits ließ den Eingebornen nach Europa schaffen; das Fahrzeug, welches ihn trug, muß aber Schiffbruch erlitten haben, denn man hörte nicht das Mindeste von ihm wieder.

Inzwischen langte Antoine de Torres, gesendet von dem König und der Königin, um Columbus deren Wohlgeneigtheit auszudrücken, in San Domingo mit vier Schiffen an. Ferdinand erklärte sich überaus zufrieden mit den Erfolgen des Admirals und versprach eine monatliche Verbindung zwischen Spanien und der Insel Espagnola herzustellen.

Inzwischen hatte eine neue Revolte Carnabo's auch eine wiederholte allgemeine Empörung der Eingebornen hervorgerufen. Diese wollten ihren beleidigten und unrechtmäßiger Weise fortgeschleppten Häuptling rächen. Nur der Cazike Guacanagari blieb, trotz seiner Betheiligung an dem Morde der ersten Ansiedler, den Spaniern treu. Von Don Barthelemy und dem Caziken begleitet, zog Columbus gegen die Rebellen zu Felde.

Er begegnete bald einem Heere der Ureinwohner, dessen Stärke – jedenfalls weit übertreiben – von ihm zu 100.000 Mann angegeben wird. Doch wie dem auch sei, diese Armee wurde durch ein einfaches Detachement von 200 Infanteristen, 25 Reitern und 25 Hunden völlig in die Flucht geschlagen. Dieser Sieg stellte allem Anscheine nach die Autorität des Admirals wieder her. Den Besiegten wurde die Zahlung eines Tributs auferlegt. Die Indianer aus der Nachbarschaft der Minen mußten von drei zu drei Monaten eine gewisse Menge Gold liefern, die anderen, entfernter wohnenden aber je 25 Pfund Baumwolle. Die Empörung war jedoch nur unterdrückt, keineswegs erloschen. Auf den Ruf einer Frau, Anacaona, der Witwe Carnabo's, erhoben sich die Eingebornen noch ein zweites Mal, wobei es ihnen sogar gelang, den bis dahin an Columbus' Seite kämpfenden Guacanagari zu sich herüber zu ziehen; nach Zerstörung der Maisfelder und aller Anpflanzungen zogen sie sich in die Gebirge zurück. Die Spanier sahen sich hiermit allen Schrecken einer Hungersnoth preisgegeben und übten in ihrer Wuth furchtbare Repressalien gegen die Eingebornen. Man berichtet, daß ein Viertel der Ureinwohner durch Hunger, Krankheiten und die Waffen der Leute Columbus' umgekommen sei. Die unglücklichen Indianer bezahlten ihre mit den siegreichen Europäern angeknüpften Verbindungen wirklich theuer.

Christoph Columbus' Stern war von jetzt ab im Erbleichen. Während seine Autorität auf Espagnola mehr und mehr untergraben wurde, erlitten sein Charakter und sein Ruf auch so manche Anfechtung von Europa aus. Er selbst konnte ja nicht zur Hand sein, sich zu vertheidigen, und die Officiere, die er nach dem Mutterlande zurückgesendet hatte, klagten ihn laut der Ungerechtigkeit und Grausamkeit an; sie sprengten sogar das Gerücht aus, der Admiral beabsichtige, sich gänzlich unabhängig von dem Könige zu machen. Ferdinand sandte unter dem Eindruck dieser verleumderischen Nachrichten einen Commissär ab, der sich über die Verläßlichkeit solcher Anschuldigungen unterrichten sollte. Dieser Edelmann hieß Jean d'Aguado. Die Wahl gerade des Genannten zu einem derartigen vertraulichen Auftrage war keine besonders glückliche zu nennen. Jean d'Aguado galt als ein einseitiger, etwas vorurtheilsvoller Mann. Er langte Mitte October in Isabella an, als der mit weiteren Untersuchungen beschäftigte Admiral eben nicht anwesend war, und begegnete Christoph Columbus' Bruder mit verletzendem Hochmuth. Don Diego aber berief sich auf seinen Titel als General-Gouverneur und lehnte es ab, sich den Anforderungen des königlichen Commissärs zu fügen.

Jean d'Aguado rüstete sich schon, nach Spanien zurückzukehren, wohin er doch nur sehr mangelhafte Nachrichten hätte mitbringen können, als ein entsetzlicher Orkan im Hafen die Schiffe zerstörte, auf denen er hierhergekommen war.

Auf der Insel Espagnola waren jetzt nur noch zwei Caravellen übrig. Christoph Columbus stellte, sobald er nach der Kolonie zurückkam, mit einer Großherzigkeit, die alle Bewunderung verdient, dem Commissär des Königs eines seiner Schiffe zur Verfügung unter der Bedingung, daß er sich auf dem anderen einschiffen wolle, um sich vor dem Könige zu rechtfertigen.

So lagen die Verhältnisse, als auf der Insel Espagnola plötzlich neue Goldminen entdeckt wurden. Der Admiral verschob in Folge dessen seine Abreise. Die Sucht nach Schätzen schnitt sofort alle weiteren Verhandlungen ab. Jetzt war keine Rede mehr weder vom Könige von Spanien noch von der von ihm angeordneten Untersuchung. Mehrere Officiere verfügten sich nach den neuen, goldführenden Landschaften; daselbst fanden sie Metallgeschiebe, deren einige bis eilf Unzen wogen, und auch einen Ambrablock von dreihundert Pfund Gewicht.

Columbus ließ zum Schutze der Goldgräber zwei Befestigungen anlegen, die eine an der Grenze der Provinz Cibao, die andere am Ufer des Hayna-Flusses. Nach Durchführung dieser Vorsichtsmaßregel reiste er, da ihm seine schleunigste Rechtfertigung am Herzen lag, sofort nach Spanien ab.

Am 10. März 1496 verließen die beiden Caravellen den Hafen von Isabella. Columbus hatte fünfundzwanzig Passagiere und dreißig Indianer mit an Bord. Am 9. April berührte er Maria-Galante und nahm am 10. in Guadeloupe, wo es zu einem ernsthaften Treffen mit den Eingebornen kam, das für die Reise nöthige Wasser ein. Am 20. verließ er diese ungastliche Insel und kämpfte einen vollen Monat hindurch gegen den Passatwind. Endlich im Laufe des 11. Juni kamen die Küsten Europas in Sicht und am folgenden Tage liefen die Caravellen im Hafen von Cadix ein.

Diese zweite Rückkehr des großen Seefahrers wurde nicht wie die erste von der Bevölkerung mit rauschenden Huldigungen gefeiert. An die Stelle des Enthusiasmus waren die Kälte und der Neid getreten. Des Admirals Gefährten selbst nahmen Partei gegen ihn. Muthlos und enttäuscht, ohne die erhofften Schätze heimzubringen, für welche sie so vielen Gefahren und Beschwerden getrotzt hatten, erwiesen sie sich jetzt noch ungerecht dazu. Denn Columbus' Fehler war es doch wahrlich nicht, wenn die bisher in Angriff genommenen Goldminen mehr Unkosten verursachten, als sie Ausbeute lieferten.

Trotzdem wurde der Admiral am Hofe gnädig empfangen. Der Bericht über seine zweite Reise gewann ihm die irregeführten Geister wieder. Entdeckte er denn nicht bei dieser Expedition die Inseln Dominica, Maria-Galante, Guadeloupe, Montserrat, Sainte Marie, Saint Croix, Porto-Rico und Jamaica? Hatte er nicht eine eingehendere Untersuchung von Cuba und San Domingo durchgeführt? Columbus kämpfte also mannhaft wider seine Gegner und verwendete dabei sogar die Waffen des Scherzes. Denen, welche sein Verdienst bei den Entdeckungen herabzusetzen suchten, schlug er dabei vor, ein Ei so auf die eine Spitze zu stellen, daß es im Gleichgewichte bliebe, und als ihnen das nicht gelang, drückte der Admiral die eine Spitze der Schale etwas ein und stellte das Ei auf diese zerbrochene Stelle.

»Ja, daran hattet Ihr nicht gedacht, sagt er, so ist es aber überall!«

IV.

Dritte Reise: Madeira. – Santiago und der Archipel des Grünen Vorgebirges. – Trinidad. – Erster Blick auf die amerikanische Küste von Venezuela, jenseits des Orinoco, der heutigen Provinz Cumana. – Golf von Paria. – Die Gärten. – Tabago. – Grenada. – Margarita. – Cubaga. – Espagnola während Columbus' Abwesenheit. – Gründung der Stadt San Domingo. – Columbus' Ankunft. – Insubordination in der Kolonie. – Klagen in Spanien. – Bovadilla wird vom Könige abgesendet, um sich über Columbus' Auftreten in Westindien zu unterrichten. Columbus wird gefesselt und nebst seinen beiden Brüdern nach Spanien zurückgesendet. – Sein Erscheinen vor Ferdinand und Isabella. – Wiedererlangung der königlichen Gnade.

———

Noch hatte Columbus nicht darauf verzichtet, seine Erwerbungen jenseits des Atlantischen Oceans zu vermehren. Weder die erlittenen Strapazen, noch die Ungerechtigkeit der Zeitgenossen vermochten ihn zu lähmen. Nachdem er nicht ohne Mühe die bösen Absichten seiner Feinde vereitelt, gelang es ihm, unter den Auspicien der spanischen Regierung eine dritte Expedition zu Stande zu bringen. Der König bewilligte ihm acht Schiffe, vierzig Reiter, hundert Infanteristen, sechzig Matrosen, zwanzig Bergleute, fünfzig Ackerbauer, zwanzig verschiedene Handwerker, und sorgte außerdem dafür, daß auch dreißig Frauen, einige Aerzte und sogar etliche Musikanten sich dem Zuge anschlossen. Dazu erwirkte sich der Admiral die Zusage, daß im Königreiche alle jetzt üblichen Strafen in Deportation nach den Inseln umgewandelt werden sollten. Er lief den Engländern also den Rang ab mit dem klugen Gedanken, die neuen Kolonien durch Verbrecher zu bevölkern, welche die harte Arbeit wieder sittlich zu erheben versprach.

Obwohl Christoph Columbus eben an der Gicht litt und erschöpft war durch den Aerger und die bitteren Erfahrungen seit seiner Rückkehr, ging er doch schon am 30. Mai 1498 wieder unter Segel. Vor der Abfahrt hörte er noch, daß ihn bei Cap Vincent auf hohem Meere eine französische Flotte erwarte, um seine Expedition unmöglich zu machen. Er steuerte auf diese Nachricht hin einen anderen Kurs und kam nach Madeira, wo er vor Anker ging. Von hier aus sandte er alle Schiffe bis auf drei unter dem Commando Pedros' de Arana, Alonzo Sanchez' de Carabajal und Joan Antonio Columbo's, einer seiner Verwandten, nach der Insel Espagnola. Er selbst steuerte mit einem Schiffe und zwei Caravellen nach Süden, mit der Absicht, den Aequator zu überschreiten und tiefer südlich liegende Länder aufzusuchen, welche der allgemeinen Annahme nach an Erzeugnissen jeder Art noch reicher sein sollten.

Am 27. Juni berührte die Flottille Santiago und einige andere Inseln von dem Archipel des Grünen Vorgebirges. Am 4. Juli stach sie wieder in See, segelte hundertfünfundzwanzig Meilen weit nach Südosten, litt dann von andauernder Windstille und brennender Hitze und wendete sich, etwa Sierra Leone gegenüber angelangt, geraden Wegs nach Westen.

Am 31. Juli gegen Mittag meldete ein Matrose die Nähe des Landes; es war das eine am äußersten Nordosten Südamerikas und sehr nahe der Küste des Festlandes gelegene Insel.

Der Admiral gab ihr den Namen Trinidad und die ganze Mannschaft stimmte dankerfüllt das Salve Regina an. Am nächsten Tage, am 1. August, ankerte das Schiff und die beiden Caravellen etwa fünf Meilen von dem zuerst gesehenen Punkt, nahe der Landspitze von Alcatraz. Der Admiral ließ hier einige Matrosen an's Land gehen, um seine Vorräthe an Wasser und Holz zu erneuern. Das Gestade schien unbewohnt zu sein, doch sah man viel Spuren von Thieren, wahrscheinlich von Ziegen, auf dem Strande.

Am 2. August ruderte ein langes, von 24 Eingebornen besetztes Canot auf die Fahrzeuge zu. Die wohlgewachsenen und an Hautfarbe weißeren Indianer als die Eingebornen von Espagnola trugen auf dem Kopfe eine Art Turban aus einer baumwollenen Schärpe mit grellen Farben und um den Körper einen kleinen Rock aus demselben Stoffe. Man suchte sie durch Vorzeigung von Spiegeln und anderen Glaswaaren an Bord zu locken; die Matrosen begannen sogar, um jene zutraulicher zu machen, lustige Tänze; die Eingebornen aber antworteten, erschreckt durch den Lärm des Tambourins, der ihnen nichts Gutes zu versprechen schien, mit einer Wolke von Pfeilen und wandten sich nach einer der Caravellen hin; ein Steuermann machte noch einmal den Versuch, sie milder zu stimmen, und wagte sich dicht an sie heran, bald aber entfernte sich das Canot und wurde auch nicht wieder gesehen.

Christoph Columbus ging wieder in See und entdeckte eine neue Insel, die er Gracia nannte. Was er jedoch für eine Insel hielt, war in der That die Küste Amerikas, und zwar das Gestade von Venezuela, welches das von sehr vielen Flußarmen durchschnittene Delta des Orinoco bildet.

An diesem Tage entdeckte Columbus also wirklich, freilich ohne davon Kenntniß zu haben, den amerikanischen Continent an dem Theile Venezuelas, der jetzt Cumana heißt. Zwischen der Küste und der Insel Trinidad bildet das Meer einen gefährlichen Golf, den Golf von Paria, in dem ein Fahrzeug nur schwierig gegen die Strömung aufkommen kann, die es mit außerordentlicher Schnelligkeit nach Westen zu treibt. Der Admiral glaubte auf offenem Meere zu sein und setzte sich in diesem Golfe mehr Gefahren aus, als er wohl ahnte, weil die durch ein zufälliges Hochwasser angeschwollenen Flüsse des Hochlandes eine ungeheure Wassermasse gegen das Schiff wälzten. Christoph Columbus berichtet hiervon in einem Schreiben an den König und die Königin mit folgenden Worten:

»Als ich mich in später Nachtstunde auf dem Deck befand, hörte ich plötzlich ein entsetzliches Rauschen. Ich suchte die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen und bemerkte da, wie sich das Meer in Gestalt eines Hügels, von derselben Höhe wie unser Schiff, von Süden her langsam auf uns zuwälzte. Auf diesem Wasserberge brodelte noch eine gewaltige Strömung mit erschreckendem Geräusche. Ich glaubte nichts Anderes, als daß wir im nächsten Augenblicke verschlungen werden würden, und noch heute kann ich nicht ohne eine gewisse schmerzliche Empfindung an jene Minuten denken. Doch Wogen und Strömung gingen glücklich vorüber, stürmten auf die Mündung des Canals zu und kämpften dort lange Zeit, bis sie sich allmälig verliefen.«

Trotz der Schwierigkeiten, welche die Schifffahrt bot, segelte der Admiral doch in diesem Meere, dessen Wasser süßer und süßer wurde, je mehr er nach nördlicheren Gegenden kam, weiter, entdeckte verschiedene Caps, das eine im Osten der Insel Trinidad, das Cap Pena-Blanca, das andere im Westen des Vorgebirges von Paria, das Cap von Lapa; er verzeichnete mehrere Häfen, unter anderen den sogenannten Hafen der Affen an der Mündung des Orinoco. Columbus ging im Westen der Spitze von Cumana an's Land und erfreute sich seitens der in großer Anzahl herbeigeströmten Eingebornen eines freundlichen Empfanges. Nach Westen zu, jenseits der Spitze von Alcatraz, bot die Landschaft einen wahrhaft herrlichen Anblick, und die Eingebornen behaupteten, daß dort viel Perlen und Gold gefunden würden.

Columbus wäre an diesem Theile der Küste gern längere Zeit liegen geblieben, doch sah er nirgends einen Schutz für seine Schiffe. Außerdem verlangten auch seine Gesundheit, welche tief erschüttert war, und vorzüglich sein merkbar geschwächtes Sehvermögen eine längere Ruhe, ohne davon zu sprechen, daß seine ermüdeten Mannschaften sich nicht minder, wie er selbst, darnach sehnten, endlich nach Isabella zu kommen. Er fuhr also am Ufer von Venezuela weiter und unterhielt, so viel das möglich war, immer einige Verbindungen mit den Eingebornen. Diese Indianer zeichneten sich durch schönen Körperbau und angenehme Physiognomie aus; ihre häuslichen Einrichtungen verriethen einen gewissen Geschmack; sie besaßen Wohnungen mit geschmückten Façaden, in denen sich ziemlich geschickt hergestellte Möbel befanden. Am Halse trugen sie kleine Goldplatten. Das Land selbst war prächtig; seine Flüsse, Berge und Wälder hielten den Vergleich mit allen anderen aus. Der Admiral benannte diese herrliche Gegend deshalb auch Gracia und hat durch eine lange Abhandlung den Beweis zu führen gesucht, daß hier die Wiege des Menschengeschlechtes gestanden habe, in diesem indischen Paradiese, das Adam und Eva so lange bewohnten. Um diese Anschauung des großen Seefahrers wenigstens theilweise zu erklären, darf man nicht vergessen, daß er stets an den Küsten von Asien zu sein wähnte. Dem bezaubernden Orte selbst, an dem er sich befand, gab er den Namen »die Gärten«.

Am 23. August verließ Columbus, nachdem er nicht ohne Gefahr und Mühe die Strömung dieser Meerenge glücklich überwunden, den Golf von Paria durch die schmale Straße, die er den Drachenmund nannte, welche Bezeichnung sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. In's offene Meer gelangt, entdeckten die Spanier die Insel Tabago im Nordosten von Trinidad, ferner weiter im Norden La Conception, das heutige Grenada. Von hier aus änderte der Admiral seinen Kurs nach Südwesten, wodurch er nach der amerikanischen Küste zurückkam; dieser folgte er auf einer Strecke von vierzig Meilen und bekam am 25. August die stark bevölkerte Insel Margarita und endlich die nahe dem Festland gelegene Insel Cubaga zu Gesicht. Am Strande der letzteren hatten die Eingebornen eine Perlenfischerei errichtet und waren eben beschäftigt, das kostbare Naturproduct einzusammeln. Columbus sendete deshalb ein Boot an's Land und machte ein sehr vortheilhaftes Geschäft, denn er erhielt für Fayence-Bruchstücke und klingende Schellen mehrere Pfund Perlen, unter denen einige sehr groß und vom reinsten Wasser waren.

An diesem Punkte seiner Entdeckungen machte der Admiral Halt. Die Versuchung, das Land, bei dem sie sich befanden, näher zu untersuchen, war zwar groß genug, doch fühlten sich die Mannschaften und ihr Führer jetzt wirklich erschöpft. Man schlug nun den unmittelbaren Weg nach San Domingo ein, wohin die wichtigsten Interessen Christoph Columbus zurückriefen.

Vor der Abreise hatte der Admiral seinem Bruder Vollmacht gegeben, den Grund zu einer neuen Stadt zu legen. Don Barthelemy durchreiste zu diesem Zwecke die verschiedensten Theile der Insel. Nachdem er etwa fünfzig Meilen von Isabella einen sehr schönen Hafen an der Mündung eines breiten Stromes ausfindig gemacht hatte, steckte er daselbst die ersten Straßen einer Ansiedlung ab, aus der die spätere Stadt San Domingo entstand. Nach derselben Stelle verlegte Don Barthelemy dann auch seine Residenz, während Don Diego Gouverneur von Isabella blieb. So vereinigten die beiden Brüder durch die Lage ihrer Aufenthaltsorte die ganze Verwaltung der Kolonie in ihren Händen. Schon rührten sich aber viele Unzufriedene und standen bereit, sich gegen ihre Autorität aufzulehnen. Unter diesen Verhältnissen kam der Admiral in San Domingo an. Er billigte das Verfahren seiner Brüder, welche die Verwaltung übrigens mit großer Klugheit geführt hatten, und erließ eine Proclamation, um die empörten Spanier an ihren Gehorsam zu erinnern. Am 18. October ließ er darauf fünf Schiffe nach Spanien abgehen in Begleitung eines Officiers, der dem Könige die neuen Entdeckungen mittheilen und über den Zustand der Kolonie, welche durch den Ungehorsam Einzelner gefährdet worden sei, Bericht zu erstatten.

Zu dieser Zeit nahmen indeß die Angelegenheiten Columbus' in Europa eine üble Wendung. Seit seiner Abfahrt häuften sich die Verleumdungen gegen ihn und seine Brüder unablässig mehr und mehr an. Einige aus der Kolonie weggejagte Rebellen denuncirten die hochmüthige »Dynastie« Columbus' und erregten die Eifersucht eines eitlen und undankbaren Monarchen. Selbst die Königin, bisher die treueste Gönnerin des genuesischen Seemannes, fing an, ihm zu zürnen, als sie auf den Schiffen einen Transport von 300 ihrer Heimat entführten Indianern sah, welche als Sklaven verkauft werden sollten. Isabella wußte freilich nicht, daß man die Gewalt auf diese Weise ohne Vorwissen Columbus' und in seiner Abwesenheit gemißbraucht hatte. Der Admiral erschien nichtsdestoweniger verantwortlich, und um sein Auftreten kennen zu lernen, sandte der Hof nach der Insel Espagnola einen Officier von Calatrara, Namens Franz von Bovadilla, dem die Titel eines Intendanten der Justiz und eines General-Gouverneurs beigelegt wurden. Genau genommen war hiermit die Absetzung Columbus' ausgesprochen. Bovadilla reiste, mit jener discretionären Gewalt bekleidet, gegen Ende Juni 1500 mit zwei Caravellen ab. Am 23. August bemerkten die Kolonisten zwei Fahrzeuge, welche in den Hafen von San Domingo einzulaufen suchten.

Christoph Columbus und sein Bruder Barthelemy waren eben abwesend. Sie ließen im Canton von Naragua ein Fort errichten. Don Diego führte an ihrer Stelle den Oberbefehl. Bovadilla kam an's Land und ließ eine feierliche Messe lesen, während welcher Ceremonie er mit sehr bezeichnender Ostentation auftrat; dann berief er Don Diego zu sich und befahl ihm, die Macht in seine Hände niederzulegen. Christoph Columbus kam, von einem Boten unterrichtet, eiligst herbei. Er nahm die Patente Bovadilla's in Augenschein und war wohl bereit, ihn als Intendanten der Justiz, nicht aber als General-Gouverneur der Kolonie anzuerkennen.

Darauf übergab ihm Bovadilla einen Brief des Königs und der Königin mit folgendem Wortlaute:

»Don Christoph Columbus, unserem Admiral im Ocean.

Wir haben den Kommandeur Franz Bovadilla entsendet, Euch unsere Absichten zu erklären. Wir befehlen Euch, daran nicht zu zweifeln und zu thun, was er in unserem Namen anordnen wird.

Ich, der König.
Ich, die Königin.«

Der in Folge feierlicher Bestallung Columbus zukommende Titel eines Vicekönigs war in diesem Schreiben Ferdinands und Isabellas gar nicht gebraucht. Columbus unterdrückte seinen berechtigten Zorn und unterwarf sich. Gegen den in Ungnade gefallenen Admiral erhob sich nun aber ein großes Lager falscher Freunde. Alle, welche ihr Glück nur Columbus verdankten, wendeten sich jetzt gegen ihn; sie griffen seine Ehre an und beschuldigten ihn, er habe sich völlig unabhängig machen wollen. – Welch' ungereimte Anklagen! Wie hätte dieser Gedanke ihm als Fremden, als Genuesen, kommen können, der sich allein inmitten einer spanischen Kolonie befand?

Bovadilla hielt doch die Gelegenheit für passend, mit möglichster Strenge vorzugehen. Don Diego saß schon gefangen; bald ließ der Gouverneur auch Don Barthelemy und Christoph Columbus selbst in Eisen legen. Des Hochverrates beschuldigt, wurde der Admiral mit seinen beiden Brüdern auf ein Schiff geschleppt und unter dem Befehle Alphons' de Villeja nach Spanien gebracht. Der genannte Officier, ein Mann von Gefühl, wollte, empört über die Behandlung, welche man Columbus angedeihen ließ, diesem die beengenden Fesseln abnehmen. Columbus lehnte das ab. Er, der Erwerber einer Neuen Welt, wollte nun auch in dem durch ihn bereicherten Spanien wirklich mit seinen Ketten ankommen.

Der Admiral that ganz recht daran; denn wenn man ihn in diesem Zustande der Erniedrigung, gefesselt wie ein Verbrecher, behandelt wie ein Strafgefangener sah, mußte sich wohl das Gefühl des Volkes empören. Die Anerkennung der Größe des verleumdeten Mannes brach sich, trotz aller gegen ihn in's Werk gesetzten Ungerechtigkeiten, wieder Bahn. Gegen Bovadilla allein loderte der allgemeine Unwille auf. Von dem einmüthigen Ausdrucke des Volkswillens überwältigt, mißbilligten der König und die Königin öffentlich das Verfahren des Befehlshabers und richteten gleichzeitig einen freundlichen Brief an Columbus, den sie einluden, an ihren Hof zu kommen.

Das war noch einmal ein schöner Tag für Columbus. Vor Ferdinand und Isabella erschien er nicht als Angeklagter, sondern als Ankläger; die Erinnerung an die erlittene unwürdige Behandlung brach ihm fast das Herz – der arme, große Mann weinte und alle Anderen rings um ihn weinten mit. Seine Lebensweise schilderte er mit allem Freimuthe. Er, den man des maßlosen Ehrgeizes und der Sucht beschuldigte, sich in den Kolonien nur zu bereichern, er stand fast gänzlich ohne Mittel da! Ja, der Entdecker einer Welt besaß selbst nicht eine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte!

Die gute und theilnahmvolle Isabella weinte mit dem bejahrten Seemann und war eine Zeit lang außer Stande, ein Wort zu sprechen. Endlich drangen einige huldreiche Worte über ihre Lippen; sie versicherte Columbus ihres Schutzes und Beistandes und versprach, ihn bei seinen Feinden zu rächen; sie entschuldigte sich wegen der unglücklichen Wahl, die man mit Bovadilla's Sendung nach den Inseln getroffen habe, und beschwor, sie werde es an einer exemplarischen Bestrafung nicht fehlen lassen. Jedenfalls aber bat sie den Admiral, einige Zeit verstreichen zu lassen, bevor er in dem Gouvernement seine Stellung wieder einnähme, um den erhitzten Gemüthern Zeit zu gönnen, dem Gefühle der Ehre und Gerechtigkeit wieder Raum zu geben.

Christoph Columbus beruhigte sich bei den huldvollen Worten der Königin; er verhehlte nicht seine Befriedigung über den ihm gewordenen Empfang und willigte auch gern in den von Isabella gewünschten Aufschub. Er hatte vor Allem ja nur das eine Ziel im Auge, er wollte seinem Adoptiv-Vaterlande und dessen Beherrscher noch weiter dienen und stellte noch so manche Erweiterung der bisherigen Entdeckungen in gewisse Aussicht. Trotz ihrer kurzen Dauer war ja auch seine dritte Reise keine unfruchtbare zu nennen, denn die Länderkarten hatten bei derselben die neuen Namen Trinidad, Golf von Paria, Cumanaküste, Tabago, Grenada, Margarita und Cubaga gewonnen.

V.

Vierte Reise: Eine Flottille von vier Fahrzeugen. – Gran-Canaria. – Martinique. – Dominica. – Sainte-Croix. – Porto-Rico. – Die Insel Espagnola. – Jamaica. – Die Caimans-Inseln. – Die Pinien-Insel. – Insel Guanaja. – Cap Honduras. – Die amerikanische Küste von Truxillo am Golf von Darien. – Die Limonaren-Inseln. – Intel Huerta. – Küste von Veragua. – Goldführendes Land. – Aufstand der Eingebornen. – Columbus' Traum. – Porto-Bello. – Die Mulatas. – Aufenthalt auf Jamaica. – Elend. – Empörung der Spanier gegen Columbus. – Mondfinsterniß. – Columbus' Ankunft in Espagnola. – Columbus' Rückkehr nach Spanien. – Sein Tod am 20. März 1506.

———

Christoph Columbus hatte am Hofe Ferdinands und Isabellas das ganze, ihm gebührende Ansehen wieder erlangt. Vielleicht benahm sich der König noch einigermaßen kühl gegen ihn, während ihn die Königin warm und offenkundig beschützte. Der officielle Titel eines Vicekönigs wurde ihm indeß nicht wiedergegeben und der Admiral war ein viel zu großer Mann, um seinen Anspruch auf denselben geltend zu machen. Er hatte jedoch die Genugthuung, Bovadilla sowohl wegen Mißbrauchs seiner Gewalt gegen ihn, als auch wegen seines herzlosen Auftretens gegen die Indianer schimpflich abgesetzt zu sehen. Die Unmenschlichkeit dieses Spaniers ging so weit, daß sich die eingeborne Bevölkerung unter seiner Verwaltung wirklich zusehends verminderte.

Inzwischen begann die Insel Espagnola Columbus' Voraussetzungen zu bestätigen, indem schon ein Zeitraum von drei Jahren hinreichte, die Einkünfte der Krone um sechzig Millionen zu vergrößern. In den jetzt besser ausgenutzten Minen fand man Gold in Ueberfluß. Am Ufer des Hayna-Flusses hatte ein Sklave einen Klumpen im Gewicht von 3600 Gold-Thalern ausgegraben. Jetzt ließ sich schon voraussehen, daß die neuen Kolonien jedenfalls unermeßliche Schätze bargen.

Der Admiral, der nicht lange müßig bleiben konnte, drang inständig darauf, eine vierte Reise zu unternehmen, obwohl er schon sechsundsechzig Jahre zählte. Die von ihm zu Gunsten dieser Expedition angeführten Gründe erschienen auch wirklich ganz annehmbar. Ein Jahr vor Columbus' Rückkehr nämlich war der Portugiese Vasco da Gama nach Umschiffung des Caps der Guten Hoffnung von Indien heimgekehrt. Columbus gedachte nun dadurch, daß er sich auf dem weit kürzeren und sichereren westlichen Wege dahin begab, dem portugiesischen Handel eine ernsthafte Concurrenz zu bereiten. Er glaubte immer, in der Voraussetzung, die Küsten Asiens erreicht zu haben, daß die von ihm entdeckten Inseln von den Molukken nur durch eine schmale Wasserstraße getrennt sein könnten. Ohne Espagnola und die anderen schon begründeten Kolonien zu berühren, wollte er diesmal geraden Weges nach dem eigentlichen Indien gehen. Man sieht, daß sich der ehemalige Vicekönig wieder vollständig zum kühnen Seefahrer seiner früheren Jahre verwandelt hatte.

Der König genehmigte das Gesuch des Admirals und übergab ihm den Oberbefehl über eine, aus vier Schiffen, der »Santiago«, »Gallego«, »Vizcaino« und der Admirals-Caravelle bestehenden Flottille. Das größte dieser Fahrzeuge maß nur siebzig, das kleinste gar nur fünfzig Tonnen. Im Grunde gehörten also alle vier nur in die Klasse der Küstenschiffe.

Christoph Columbus verließ Cadix am 2. Mai 1502 mit einem Gefolge von 500 Mann und nahm, außer seinem Bruder Barthelemy, auch seinen zweiten, kaum dreizehnjährigen Sohn aus zweiter Ehe, Fernando, mit sich.

Am 20. Mai ankerten die Schiffe vor Gran-Canaria und erreichten am 15. Juni Martinique, eine der Inseln des Windes. Später liefen sie Dominica, Sainte-Croix und Porto-Rico an und trafen endlich, nach einer im Ganzen glücklichen Ueberfahrt, vor Espagnola ein.

Gewiß lag es in Columbus' Absicht, treu dem Rathe seiner Königin, den Fuß nicht auf diese Insel zu setzen, von der er so schimpflich weggeführt worden war; seine schlecht gebaute Caravelle hielt aber nicht mehr die See und bedurfte am Rumpfe nothwendiger Weise mancher Ausbesserungen. Der Admiral ersuchte den Gouverneur also um Erlaubniß, in den Hafen einlaufen zu können.

Der neue Gouverneur und Nachfolger Bovadilla's, ein Ordensritter von Alcantara, mit Namen Nicolas Ovando, war ein gemäßigter und gerechter Mann. Aus übertriebener Klugheit nur verweigerte er Columbus, durch dessen Anwesenheit er ungesetzliche Auftritte fürchtete, das Einlaufen in den Hafen. Columbus verbarg die Erbitterung, in die ihn ein solches Benehmen versetzte, schweigend im Herzen und antwortete auf diese erniedrigende Behandlung sogar noch mit einem wohlgemeinten Rathschlage.

Die Flotte, welche Bovadilla nach Spanien zurückbringen und außer dem erwähnten gewaltigen Goldklumpen auch ungeheure Schätze dahin mitnehmen sollte, war eben zum Auslaufen bereit; das Wetter aber hatte sich drohender gestaltet, und Columbus, dem sein seemännischer Scharfblick die Annäherung eines Sturmes verrieth, ließ dem Gouverneur anrathen, seine Schiffe und Mannschaften nicht unnöthig einer Gefahr auszusetzen. Ovando schlug den Rath des Admirals achtlos in den Wind. Die Schiffe stachen in See; sie hatten jedoch kaum das östliche Ende der Insel erreicht, als ein entsetzlicher Orkan einundzwanzig derselben mit Mann und Maus versenkte. Bovadilla und der größte Theil von Columbus' Feinden lagen auf dem Grunde des Meeres, während das Schiff, welches die Reste des Vermögens Columbus' trug, wie durch ein Wunder der Vorsehung dem Verderben entging. Zehn Millionen an Gold und Edelsteinen hatte der Ocean verschlungen.

Währenddem flüchteten Columbus' vier, vor dem Hafen abgewiesene Caravellen vor dem Sturme. Sie wurden arg mitgenommen und zerstreut, doch gelang es ihnen, sich wieder zu vereinigen. Der rasende Wind trieb sie am 14. Juli in Sicht von Jamaica. Dort führten sie mächtige Strömungen nach dem »Garten der Königin« und in der Richtung nach Ost ein Viertel Südost weiter. Sechzig volle Tage kämpfte die kleine Flottille, ohne dabei mehr als siebzig Meilen zurückzulegen, und ward endlich an die Küste von Cuba geworfen, was zur Entdeckung der Cumanen und der Pinien-Insel führte.

Christoph Columbus schlug nun einen südöstlichen Kurs ein, mitten durch diese Meere, welche noch kein europäisches Schiff durchpflügt hatte. Mit der ganzen Leidenschaft des Seefahrers betrat er wieder den Weg der Entdeckungen. Sein Glücksstern führte ihn nach einem gegen Norden gerichteten Küstenstriche Mittelamerikas, er fand am 30. Juli die Insel Guanaja und berührte am l4. August Cap Honduras, die Landspitze, welche in ihrer Verlängerung als Isthmus von Panama die beiden Continente Amerikas verbindet.

Zum zweiten Male lief also Columbus hier, ohne es selbst zu ahnen, das wirkliche Festland Amerikas an. Er folgte den Umrissen des Ufers neun Monate lang, immer unter Gefahren und Kämpfen aller Art, und entwarf eine Karte dieser Küsten von jenem Punkte aus bis zum Golfe von Darien. Jede Nacht warf er Anker, um sich nicht vom Lande zu entfernen, und gelangte bis zu der mit dem Cap Gracias a Dios scharf auslaufenden Ostspitze des Landes.

Am 14. September wurde dieses Cap umschifft; dann aber ward der Admiral von einem so heftigen Sturme heimgesucht, wie weder er selbst noch der älteste seiner Seeleute je einen ähnlichen erlebt hatten. In einem an den König von Spanien gerichteten Schreiben äußert er sich über diese schreckliche Episode folgendermaßen: »Vierundzwanzig Tage lang dauerte das Wüthen der Elemente, während der ich weder Sonne noch Sterne oder einen Planeten sah; meine Schiffe waren geborsten, die Segel zerfetzt; Taue, Boote und Takelage – Alles verloren. Die erschöpften und bestürzten Matrosen beteten und legten strenge Gelübde ab; jeder verpflichtete sich zu einer frommen Pilgerfahrt, während Alle von Minute zu Minute das Ende ihres Lebens gekommen glaubten. Ich habe wohl so manchen Sturm gesehen, doch keinen, der so andauernd und heftig gewesen wäre. Viele der Meinigen, die man sonst für die unerschrockensten Seeleute hielt, verloren den Muth; am meisten freilich nagten mir am Herzen die Leiden meines Sohnes, dessen Jugend meine Verzweiflung vermehrte, und dem wohl härtere Qualen als einen von uns Anderen heimsuchten. Gewiß verlieh ihm nur Gott allein die Kraft zum Widerstande. Mein Sohn allein belebte den Muth und erhielt die Geduld der Seeleute bei ihrer schweren Arbeit; Alles in Allem hätte man ihn für einen in Stürmen ergrauten Seemann halten können, der, so unglaublich das klingt, in die schwere, über uns verhängte Prüfung doch einen Schimmer von Freude zu mischen verstand. Ich selbst erkrankte und mehrmals glaubte ich mein letztes Stündlein gekommen ... Um meine unglückliche Stimmung voll zu machen, sagte ich mir auch, daß ich nach zwanzig Jahre langem Dienste, nach Ueberstehung so vieler Mühen und Gefahren, nichts, auch gar nichts erübrigt hatte und heute in Spanien auch nicht einen Ziegelstein mein nenne, daß nur das Gasthaus mir eine Stätte bietet, wenn ich ein wenig Ruhe oder die einfachste Mahlzeit brauche; und dann begegnet es mir noch häufig, daß ich meine Zeche kaum zu bezahlen im Stande bin ...«

Liefern diese wenigen Zeilen nicht den Beweis, wie bitter Columbus im Innern manchmal leiden mochte? Wie konnte er inmitten solcher drückenden Verhältnisse noch die für den Chef einer Expedition so nöthige Energie bewahren?

Während der ganzen Dauer des Sturmes fuhren die Schiffe längs jener Küste hin, welche successive die Namen der Küste von Honduras, Moskito, Nicaragua, Costa-Rica, Veragua und Panama führt. Die zwölf Limonares-Inseln wurden während dieser Fahrt entdeckt. Am 25. September endlich sucht Columbus zwischen der kleinen Insel la Huerta und dem Festlande Zuflucht, reist dann am 5. October von Neuem ab und wirft, nach Aufnahme der Bai von Almirante, vor dem Dorfe Cariay Anker. Hier wurden die Schiffe ausgebessert und verweilten dieselben bis zum 15. October.

Christoph Columbus glaubte nun unfern der Mündungen des Ganges angelangt zu sein, und die Eingebornen, die von einer gewissen Provinz Cignare sprachen, schienen diese Annahme zu bekräftigen. Sie sagten auch, daß diese Gegend reiche Goldminen besitze, deren hervorragendste etwa fünfundzwanzig Meilen südlicher zu suchen sei. Der Admiral stach also wieder in See und segelte an dem bewaldeten Ufer Veraguas weiter. Die Indianer dieses Theiles des Continentes schienen sehr wilder Natur zu sein. Am 26. November lief die Flottille in den Hafen El Retrete, den heutigen Hafen des Escribanos ein. Die von Würmern zernagten Schiffe befanden sich im elendsten Zustande; noch einmal mußte man ihre Havarien ausbessern und den Aufenthalt in El Retrete länger als beabsichtigt ausdehnen. Columbus verließ aber diesen Hafen nur, um einen noch schrecklicheren Sturm als alle vorhergehenden zu erleben. »Neun Tage hindurch, schreibt er, verzweifelte ich an jeder Möglichkeit einer Rettung. Noch nie sah Jemand ein wilderes, entsetzlicheres Meer; es war durchweg mit Schaum bedeckt; der Sturm erlaubte weder weiter zu segeln noch irgendwo an's Land zu gehen; er hielt mich auf offener See fest, wo das Wasser fast blutigroth aussah und zu sieden schien, als würde es durch Feuer erhitzt. Noch niemals bot mir der ganze Himmel einen grauenvolleren Anblick. Tag und Nacht im Feuer, schleuderte er ohne Unterlaß seine Blitze herab, und jeden Augenblick fürchtete ich, unsere Masten und Segel verloren gehen zu sehen. Der Donner rollte mit so furchtbarem Krachen, als sollte er unsere Schiffe zersprengen, und während der ganzen Zeit strömte ein so überaus heftiger Regen hernieder, daß man ihn eigentlich gar nicht mehr Regen, sondern nur eine zweite Sündfluth nennen konnte. Erschöpft von so vielen Beschwerden und Qualen, sehnten sich meine Matrosen fast nach dem Tode, dem Ende dieser Leiden. Die Schiffe waren an allen Seiten leck und die Boote, Anker, Seile und Segel alle rettungslos verloren.«

Während dieser langen und mühevollen Fahrt hatte der Admiral nahezu dreihundert Meilen zurückgelegt. Seine Mannschaft war am Ende ihrer Kräfte. Er mußte also daran denken, umzukehren und das Gestade von Veragua wieder zu erreichen suchen; da er für seine Schiffe aber augenblicklich keinen sicheren Zufluchtsort fand, so segelte er nur ein Stück weiter, nach dem Ausflusse des Bethlehem-Stromes, dem heutigen Yebra, in welchem er am Tage Epiphanias des Jahres 1503 vor Anker ging. Am andern Tage begann der Sturm von Neuem, und am 24. Januar rissen, in Folge plötzlichen Anschwellens, die Ankerkabel, so daß die Schiffe nur mit genauer Noth gerettet werden konnten.

Niemals setzte der Admiral inzwischen den Hauptzweck seiner Mission aus den Augen und unterhielt fortlaufende Verbindungen mit den Eingebornen. Der Cazike von Bethlehem zeigte sich ziemlich entgegenkommend und machte ihm von einem etwa fünf Meilen landeinwärts gelegenen goldreichen Districte Mittheilung. Christoph Columbus sandte in Folge dessen eine Abtheilung von sechzig Mann unter dem Befehl seines Bruders Barthelemy dahin ab. Der Weg führte über ein sehr hügeliges Land mit vielen und in solchen Windungen verlaufenden Flüssen, daß man einen derselben neununddreißigmal überschreiten mußte, ehe die Spanier das goldhaltige Gebiet erreichten, das sich als sehr groß erwies und bis über Gesichtsweite hinaus erstreckte. Gold fand sich hier in solchem Ueberfluß, daß ein Mann in zehn Tagen ein ganzes Maß voll sammeln konnte. In vier Stunden schon hatte Barthelemy mit seinen Leuten für eine ganz enorme Summe von diesem Metalle zusammengebracht. Dann kehrten sie zum Admiral zurück. Als dieser jenes vielversprechende Resultat erfuhr, beschloß er, an der Küste eine Niederlassung zu gründen, und ließ zunächst einige hölzerne Baracken errichten.

Die Erzlager dieser Gegend bargen wirklich einen Reichthum ohne Gleichen; sie schienen unerschöpflich zu sein und um ihretwillen vergaß Columbus Cuba und St. Domingo. Ein Brief an König Ferdinand giebt seinem Enthusiasmus darüber in einer Weise Ausdruck, daß man unwillkürlich erstaunt, aus der Feder dieses großen Mannes folgende, weder eines Philosophen noch eines Christen würdige Sätze fließen zu sehen: »Gold! Gold! Ein prächtig Ding! Das Gold ist die Mutter der Reichthümer! Das Gold regiert die ganze Welt und seine Macht reicht oft allein hin, den Seelen das ihnen sonst verschlossene Paradies zu öffnen!«

Die Spanier arbeiteten also emsig, ihre Schiffe mit Gold zu befrachten. Bis dahin gestaltete sich ihr Verhältniß zu den Eingebornen recht friedlich, obgleich Letztere etwas wilder Natur zu sein schienen. Bald aber beschloß der Cazike, unwillig über die factische Besitznahme seines Landes, die Fremdlinge niederzumachen und ihre Wohnstätten in Brand zu stecken. Eines Tages überfiel er die Spanier also mit ganz beträchtlichen Streitkräften. Es kam zu einem ernsthaften Treffen. Die Indianer wurden zurückgeworfen; der Cazike selbst war mit seiner ganzen Familie gefangen worden, doch gelang es ihm, sammt seinen Kindern zu entfliehen und sich mit vielen seiner Leute in die Gebirge zu retten. Später – im Laufe des Aprils – griff ein zahlreiches Indianerheer die Spanier noch einmal an, wurde von diesen aber zum größten Theile aufgerieben.

Inzwischen wurde Columbus' Gesundheitszustand immer schwankender. Zur Weiterfahrt fehlte ihm der günstige Wind. Er war der Verzweiflung nahe. Eines Tages fiel er vor Erschöpfung in Schlummer. Im Traume vernahm er, wie eine freundliche Stimme ihm folgende Worte zuflüsterte, die wir hier ohne Veränderung wiedergeben, denn sie sind charakteristisch wegen ihrer schwärmerischen Religiosität, welche das Bild des alten Seefahrers weiter vervollständigt. Jene Worte lauteten:

»O Du Thor! Was zögerst Du so sehr, an Deinen Gott zu glauben und ihm, dem Beherrscher des Weltalls, zu dienen? Was hat er für Moses und David, seinen Diener, mehr als für Dich gethan? Erwies er Dir nicht von Geburt an die zärtlichste Fürsorge, und hat er nicht, als Du in das Alter kamst, seine Absichten durchzuführen, Deinem Namen Ruhm verliehen in allen Landen? Gab er Dir nicht Indien, diesen reichsten Theil dieser Welt? Hat er es Dir nicht anheimgegeben, dasselbe zu verschenken, an wen Du wolltest? Wer anders als Er lieh Dir die Mittel, seine Pläne auszuführen? Noch war der Eingang zum Ocean verschlossen und Keiner vermochte dessen Riegel zu brechen. Dir hat er die Schlüssel dazu gegeben. Deine Macht erkannten die fernen Lande und Dein Ruhm glänzte durch die ganze Christenheit. Erwies Gott seinem Volke Israël etwa mehr Gnade, als er es aus Egypten führte? Oder goß er seine Gunst reichlicher aus über David, als er ihn vom Hirten zum König über Juda erhob? Wende Dein Antlitz zu ihm und erkenne Deinen Irrthum, denn sein Erbarmen ist ohne Grenzen. Dein Alter soll kein Hinderniß sein für die große Zukunft, die Deiner noch harrt; er hält das Schicksal ja in seiner Hand. War Abraham nicht hundert Jahre alt und auch Sarah schon über die erste Jugend hinaus, da Isaak geboren wurde? Du rufst nach einer unsicheren Hilfe. Antworte mir: Wer hat Dich so vielen und großen Gefahren ausgesetzt? War es Gott oder die Welt? Was Gott einmal versprochen, das weigert er seinen Dienern niemals. Er schützt, wenn Jemand ihm einen Dienst geleistet, nicht eine Ausrede vor, daß dieser nicht ganz nach seinem Willen gehandelt habe, und er giebt seinen Worten niemals später eine andere Auslegung; er bemüht sich nimmermehr, einem Acte der Willkür ein schönes Gewand umzuhängen. An seinen Reden ist nicht zu deuteln; Alles, was er verspricht, hält er gewißlich. So handelte er von Ewigkeiten her. Ich habe Dir Alles gesagt, was der Schöpfer für Dich gethan hat; jetzt zeigt er Dir den Preis und die Belohnung für alle Mühen und Gefahren, denen Du Dich im Dienste Anderer unterzogst.« Und ich (setzt Columbus hinzu), obwohl von Leiden gemartert, hörte zwar die ganze Rede, doch ich konnte die Kraft nicht finden, auf diese so sicheren Versprechungen zu antworten; ich begnügte mich, meine Irrthümer zu beweinen. Jene Stimme sprach zuletzt noch die Worte: »Hoffe, fasse Vertrauen; Deine Arbeiten wird die gerechte Nachwelt in Marmor schreiben!«

Sobald er einigermaßen wiederhergestellt war, dachte Columbus daran, diese Insel zu verlassen. Er hätte hier zwar gern eine dauernde Niederlassung gegründet, doch war seine Mannschaft nicht zahlreich genug, um einen Theil derselben ohne Gefahr am Lande zurücklassen zu können. Die vier Caravellen waren von Würmern zerfressen. Eine derselben mußte in Bethlehem zurückgelassen werden, als er zu Ostern unter Segel ging. Kaum dreißig Meilen im Meere, sprang noch eines von den Fahrzeugen leck. Der Admiral mußte eiligst nach der Küste zurückkehren und gelangte glücklich nach Porto-Bello, wo er jenes Schiff, dessen Havarien sich als unverbesserlich erwiesen, einfach stehen ließ. Die Flottille bestand jetzt nur noch aus zwei Caravellen ohne Boote, fast ohne Proviant, und dazu hatte sie einen Weg von über 700 Meilen vor sich. Sie segelte längs der Küste hinauf, am Hafen El Retrete vorüber, entdeckte die Gruppe der Mulatas und drang in den Golf von Darien ein. Das war der östlichste von Columbus erreichte Punkt.

Am 1. Mai begab sich der Admiral auf den Weg zur Insel Espagnola; am 10. war er in Sicht der Caïmans-Inseln, vermochte aber nicht, gegen den heftigen Wind aufzukommen, der ihn nach Nordwesten, bis in die Nähe von Cuba verschlug. Hier verlor er bei einem Sturme, der ihn inmitten von Untiefen überfiel, seine Segel und Anker, auch stießen die Fahrzeuge während der Nacht wiederholt auf den Grund. Dann warf ihn der Sturm nach Süden zurück und er kam mit seinen halbzertrümmerten Schiffen nach Jamaica, wo er am 23. Juni in den Hafen San Gloria, die spätere Bai Don Christoph, einlief. Der Admiral trachtete zwar, nach Espagnola zu kommen; dort fanden sich die nöthigen Hilfsmittel, seine Schiffe wieder in Stand zu setzen, während solche auf Jamaica gänzlich fehlten; doch seine von Würmern zerfressenen Caravellen, »welche eher Bienenstöcken glichen«, waren nicht in dem Zustande, mit ihnen die Ueberfahrt von dreißig Meilen zu wagen. Wie konnte er aber an Ovando, den Gouverneur der Insel Espagnola, sonst einen Boten abfertigen?

Da die Caravellen an allen Seiten Wasser schluckten, mußte sie der Admiral auf den Strand setzen; dann suchte er in das Leben auf dem Lande einige Ordnung zu bringen. Die Indianer kamen ihm anfangs zu Hilfe und lieferten der Mannschaft die nöthigen Lebensmittel. Die armen, so schwer geprüften Matrosen verhehlten ihren Unmuth gegen den Admiral nicht länger; sie fingen an zu murren, während der unglückliche, durch Krankheit herabgekommene Columbus sein Schmerzenslager nicht zu verlassen vermochte.

Unter diesen Umständen machten zwei muthige Officiere, Mendez und Fieschi, dem Admiral den Vorschlag, auf Piroguen der Indianer die Ueberfahrt von Jamaica nach Espagnola zu wagen. Tatsächlich war das eine Reise von zweihundert Meilen, da sie auch noch längs der Küste bis zum Hafen der Kolonie hinfahren mußten. Die unerschrockenen Officiere erklärten sich jedoch bereit, allen Gefahren zu trotzen, da die Rettung oder der Untergang aller ihrer Gefährten auf dem Spiele stand. Christoph Columbus verstand diesen kühnen Vorschlag, den er unter anderen Umständen gewiß selbst ausgeführt hätte, und ermächtigte Mendez und Fieschi, abzureisen. Der Admiral blieb nun ohne Schiffe, fast ohne alle Nahrungsmittel, mit seinen Leuten auf der wilden Insel zurück.

Bald steigerte sich das Elend der Schiffbrüchigen – so kann man sie ja wohl nennen – so sehr, daß eine Empörung ausbrach. Geblendet durch ihre traurige Lage, redeten sich die Leute ein, ihr Chef wage nicht, nach dem Hafen von Espagnola zurückzukehren, in den ihm der Gouverneur Ovando schon früher den Eintritt verweigert hatte. Sie glaubten, dieses Verbot treffe sie mit dem Admiral gleichmäßig, und wenn der Gouverneur der Flottille die Häfen der Kolonie verschloß, so könne er nur auf königlichen Befehl handeln. Diese thörichten Anschauungen erhitzten die schon unruhigen Köpfe noch mehr und am 2. Januar 1504 stellten sich der Kapitän einer der Caravellen und der Schatzmeister der Flottille, zwei Brüder Namens Porras, an die Spitze der Unzufriedenen. Sie verlangten, nach Europa zurückzukehren, und stürmten das Zelt des Admirals mit dem Rufe: »Nach Castilien! Nach Castilien!«

Columbus war krank und lag zu Bette. Seine Brüder und sein Sohn traten vor, ihn mit dem eigenen Leibe zu schützen. Beim Anblick des bejahrten Admirals hielten die Empörer ein und legte sich die frühere Wuth. Seine Darlegungen und Rathschläge wollten sie jedoch nicht hören und nicht einsehen, wie sie ihr Heil nur darin finden könnten, daß jeder Einzelne unbeirrt seine Pflicht erfülle und für das allgemeine Wohl arbeite. Ihr Entschluß, die Insel so bald als möglich und mit Benützung jedes sich nur darbietenden Mittels zu verlassen, stand einmal fest. Porras und die anderen Unzufriedenen liefen also nach dem Strande; hier bemächtigten sie sich mehrerer Canots der Eingebornen und begaben sich nach dem östlichen Ende der Insel. Dort plünderten sie, blind vor Wuth und alle Rücksichten vergessend, die Indianer-Wohnungen, indem sie den Admiral für ihre Gewaltthätigkeiten verantwortlich machten, und schleppten selbst verschiedene Eingeborne mit in die geraubten Boote. Porras segelte dann mit seinen Angehörigen davon; Alle wurden aber, als sie kaum einige Meilen in See waren, von einem plötzlichen Windstoße überfallen und in große Gefahr gebracht, so daß sie zur Erleichterung ihrer Boote die Gefangenen einfach in's Meer warfen. Nach diesem unmenschlichen Acte versuchten die Canots die Insel Espagnola zu erreichen, wie es vordem Mendez und Fieschi gelungen war, wurden aber unwiderstehlich nach der Küste von Jamaica zurück verschlagen.

Inzwischen gelang es dem, mit den Kranken und seinen Freunden zurückgebliebenen Admiral, die Ordnung in seiner kleinen Welt wieder herzustellen. Doch das Elend nahm noch weiter zu. Der Hunger drohte immer ernstlicher. Die Eingebornen wurden es überdrüssig, diese Fremden, deren Aufenthalt auf ihrer Insel sich mehr, als ihnen lieb war, verlängerte, noch ferner mit Nahrung zu versorgen. Dazu hatten sie wohl gesehen, daß die Spanier selbst untereinander uneinig waren und sich bekämpften, wodurch ihr Ansehen eine merkbare Einbuße erlitt. Die Urbewohner überzeugten sich endlich, daß die Europäer auch nur gewöhnliche Menschen seien und verloren damit ebenso den Respect wie die frühere Furcht vor jenen. Columbus Autorität und Einfluß verminderten sich gegenüber der indianischen Bevölkerung von Tag zu Tag, und es bedurfte eines glücklichen Zufalles, den der Admiral geschickt benützte, um ihm das zur Rettung der Seinigen so nothwendige Ansehen wiederzugeben.

In nächster Zeit sollte eine von Columbus vorhergesehene und berechnete Mondfinsterniß stattfinden. Am Morgen desselben Tages ließ Columbus die Caziken der Insel zu einer Besprechung zu sich bitten. Diese folgten der Einladung, und als sie in Columbus' Zelte versammelt waren, kündigte der Admiral ihnen an, daß Gott, um sie für ihr ungastliches Benehmen und die lieblosen Maßregeln gegen die Spanier zu bestrafen, ihnen am nächsten Abend das Licht des Mondes entziehen werde. Die Vorhersage traf denn auch in allen Stücken ein. Der Erdschatten zog über den Mond, dessen Scheibe durch irgend ein furchtbares Ungeheuer geröthet erschien. Erschreckt warfen sich die Wilden Kolumbus zu Füßen mit der Bitte, sich beim Himmel für sie zu verwenden, wofür sie ihm Alles versprachen, was sie nur immer besäßen. Nach einigem schlau berechneten Zögern stellte sich Columbus, als gäbe er dem Flehen der Eingebornen nach. Unter dem Vorwande, zur Gottheit zu beten, verschloß er sich während der ganzen Dauer der Finsterniß in sein Zelt und erschien erst wieder, als das Phänomen sich zu Ende neigte. Dann verkündigte er dem Caziken, daß der Himmel ihn erhört habe, und befahl mit weit ausgestreckten Armen dem Monde, nun auch wieder zu leuchten. Bald trat die glänzende Scheibe aus dem Schattenkegel hervor und leuchtete das Gestirn der Nacht wieder in gewohnter Pracht. Von diesem Tag erkannten die Eingebornen die Uebermacht des Admirals an, welche ihnen die himmlischen Mächte so zweifellos vor Augen geführt hatten.

Während dieser Vorkommnisse auf Jamaica hatten Mendez und Fieschi längst ihr Ziel erreicht. Die kühnen Officiere waren, nach einer wunderbaren, vier Tage langen Fahrt in einem zerbrechlichen Canot aus der Insel Espagnola angekommen. Dem Gouverneur machten sie sofort Meldung von der verzweifelten Lage Columbus' und seiner Genossen. Der gehässige und ungerechte Ovando hielt die beiden Officiere zunächst in Gewahrsam und sandte unter dem Vorwande, sich erst über den wahren Sachverhalt zu unterrichten, nach achtmonatlichem Zögern einen ihm ergebenen, gegen den Admiral aber besonders eingenommenen Mann, einen gewissen Diego Escobar, nach Jamaica ab. Daselbst angelangt, wollte Letzterer mit Columbus selbst gar nicht sprechen und ging nicht einmal an's Land; er begnügte sich, für die nothleidenden Mannschaften »ein Schwein und ein Füßchen Wein« an das Ufer bringen zu lassen, und reiste, ohne irgend Jemand an Bord zu empfangen, sofort wieder ab. Wohl mag sich der bessere Mensch dagegen sträuben, solche Gemeinheit für möglich zu halten, und doch stehen ähnliche Fälle nicht vereinzelt da!

Der Admiral war empört über diese grausame Verhöhnung, doch er ereiferte sich weder, noch dachte er deshalb an Rache. Escobar's Erscheinen diente den Schiffbrüchen doch zu einiger Beruhigung, da es ihnen bewies, daß ihre Lage wenigstens bekannt sein müsse. Ihre Erlösung konnte also nur eine Frage der Zeit sein, eine Ueberzeugung, welche den Muth und das Vertrauen der Spanier nicht wenig auffrischte.

Der Admiral wollte nun versuchen, Porras und die übrigen Europäer, welche seit ihrem Entweichen nur verwüstend durch die Insel streiften und die abscheulichsten Greuelthaten gegen deren unglückliche Bewohner begingen, wieder zu sich heranzuziehen. Er ließ ihnen also verkündigen, daß sie straflos zurückkehren könnten. Die Verführten beantworteten dieses edelmüthige Anerbieten aber nur dadurch, daß sie Columbus selbst in seinem Lager überfielen. Die der Sache der Ordnung treu gebliebenen Spanier mußten zu den Waffen greifen und vertheidigten ihren Führer mannhaft. Sie verloren nur einen Einzigen der Ihrigen bei diesem traurigen Zusammentreffen, blieben aber die Herren des Kampfplatzes und hatten sogar die beiden Gebrüder Porras gefangen genommen. Nun warfen sich die Empörer Columbus zu Füßen, der in Anbetracht dessen, was sie zu erleiden gehabt hatten, großherzig genug war, ihnen auch jetzt noch zu verzeihen.

Endlich, ein volles Jahr nach der Abfahrt Mendez' und Fieschi's, kam das von diesen auf Columbus' Kosten ausgerüstete Schiff an, das die Schiffbrüchigen heimführen sollte. Am 24. Juni 1504 gingen Alle an Bord, verließen Jamaica, den Schauplatz so vielen moralischen und physischen Unglücks, und segelten nach Espagnola.

Nach glücklicher Ueberfahrt im Hafen daselbst angelangt, wurde Christoph Columbus zur größten eigenen Verwunderung mit allen Ehrenbezeugungen empfangen. Der Gouverneur Ovando, ein viel zu schlauer Mann, als daß er sich dem Ausdrucke der öffentlichen Meinung nicht gefügt hätte, begrüßte den Admiral selbst. Diese guten Beziehungen sollten indessen nicht lange anhalten. Bald begannen wieder die alten Nörgeleien. Columbus, der sich erniedrigt, ja fast mißhandelt sah, konnte und wollte das nicht mehr ertragen, miethete deshalb zwei Fahrzeuge, deren Führung er mit seinem Bruder Barthelemy theilte, und schlug am 12. September 1504 zum letzten Male den Weg nach Europa ein.

Diese vierte Reise hatte die geographische Wissenschaft mit den Inseln der Caïmanen, Martinique, den Limonaren und Gunaja, der Küste von Honduras, Mosquito, Nicaragua, Veragua, Costa-Rica, Porto-Bello, Panama, den Mulatas-Inseln und dem Golfe von Darien bereichert.

Noch einmal sollte ein Sturm Columbus bei seiner letzten Reise über den Ocean heimsuchen. Sein Schiff wurde arg zugerichtet und die Besatzung mußte sich auf das Fahrzeug seines Bruders retten. Am 19. October zerbrach ein Orkan auch noch den Großmast des letzteren, das nun noch 700 Meilen mit seinem mangelhaften Segelwerk zurücklegen sollte. Am 7. November endlich lief der Admiral in den Hafen von San-Lucar ein.

Hier wartete seiner bei der Rückkehr eine höchst betrübende Nachricht. Seine Beschützerin, die Königin Isabella, war unlängst gestorben. Wer interessirte sich nun ferner für den alten Genuesen?

Der undankbare und neidische König Ferdinand empfing den Admiral sehr frostig. Er machte ihm allerlei Mißgriffe und Nachlässigkeiten zum Vorwurf, indem er hoffte, dadurch von den mit eigener Hand feierlichst unterzeichneten Verträgen freizukommen, und schlug Columbus schließlich eine kleine Stadt in Castilien, Camon de los Condes, als Austausch für seine Titel und Würden vor.

Solcher Undank und solch' illoyales Verfahren lasteten schwer auf dem Greise. Sein tief erschütterter Gesundheitszustand besserte sich niemals wieder und der Kummer führte ihn in's Grab. Am 20. Mai 1506 athmete er in Valladolid seinen Geist aus mit den letzten Worten: »Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Leib und meine Seele«.

Christoph Columbus' sterbliche Ueberreste wurden zuerst in dem Kloster der Franziskaner beigesetzt und im Jahre 15l3 nach dem Karthäuserkloster in Sevilla übergeführt. Es scheint aber, als sei dem großen Seefahrer auch im Tode noch keine Ruhe gegönnt gewesen, denn im Jahre 1536 ward sein Leichnam nach der Kathedrale von St. Domingo geschafft. Eine locale Ueberlieferung behauptet, daß nach Unterzeichnung des Vertrages von Basel im Jahre 1795, wonach die spanische Regierung den östlichen Theil von St. Domingo abtrat, jene die Ueberführung der Asche des großen Reisenden nach Havanna zwar angeordnet, ein Domherr bei dieser Gelegenheit aber die Ueberreste eines Anderen für die Christoph Columbus' untergeschoben habe und letztere noch im Chor der genannten Kathedrale, zur Linken des Altars, ruhen sollen.

In Folge der Maßnahmen des genannten Domherrn, den hierzu entweder ein Gefühl von Local-Patriotismus oder auch die Hochachtung vor Columbus' letztem Willen, wonach er sich St. Domingo als Begräbnißplatz erwählt hatte, bewegen mochte, besäße Spanien also nicht die Asche des größten Länderentdeckers selbst, sondern wahrscheinlich nur die seines Bruders Diego.

Ein am 10. September 1877 in der Kathedrale von St. Domingo aufgefundener bleierner Behälter mit menschlichen Gebeinen und der Aufschrift, daß darin die sterblichen Ueberreste des »Entdeckers« von Amerika aufbewahrt seien, scheint die oben mitgetheilte Ueberlieferung nach allen Seiten zu bestätigen.

Mag aber der Leib Christoph Columbus in St. Domingo oder in Havanna ruhen – was liegt daran? Sein Name und sein Ruhm leben ja überall fort.


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