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Erstes Capitel.
Berühmte Reisende vor der christlichen Aera

Hanno (505.) – Herodot (484.) – Pytheas (310). Nearchus (326). – Eudoxus (146). – Cäsar (100). – Strabo (50).

Hanno der Karthager. – Die Inseln der Glückseligkeit, die Westspitze, die Südspitze, der Golf des Rio do Ouro. – Herodot. – Er besucht Egypten, Lybien, Aethiopien, Phönizien, Arabien, Babylonien, Persien, Indien, Medien, Kolchis, das Kaspische Meer, Scythien, Thracien und Griechenland. – Pytheas erforscht die Küsten Iberiens und des Keltenlandes, den Kanal, die Insel Albion, die Orkaden, die Länder von Thule. – Nearchus bereist die asiatische Küste vom Indus bis zum Persischen Meerbusen. – Eudoxus entdeckt die Westküste Afrikas wieder. – Cäsar erobert Gallien und Britannien. – Strabo durchstreift das innere Asien, Egypten, Griechenland und Italien.

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Der erste Reisende, den uns der Zeitfolge nach die Geschichte nennt, ist Hanno, welchen der Senat von Karthago behufs Colonisirung einiger Punkte an der Westküste Afrikas aussandte. Der Bericht über diese Expedition wurde in punischer Sprache niedergeschrieben und in's Griechische übersetzt; er ist unter dem Namen »Hanno's Periplus« bekannt. Wann lebte dieser kühne Reisende? Die Geschichtskundigen sind darüber zwar nicht ganz einig, doch hat diejenige Annahme die größte Wahrscheinlichkeit für sich, welche seine Reise längs der Gestade Afrikas in das Jahr 505 vor Christi Geburt verlegt.

Hanno verließ Karthago mit einer Flotte von sechzig Schiffen mit je fünfzig Rudern und führte auf dieser außer 30.000 Menschen auch die nöthige Provision zu einer weiten und langdauernden Reise mit sich. Jene Auswanderer – denn so könnte man sie füglich nennen – waren bestimmt, die neuen Städte zu bevölkern, welche die Karthager an der Westküste Lybiens, d. i. Afrikas zu gründen beabsichtigten.

Glücklich passirte die Flotte die Säulen des Herkules, jene die Meerenge beherrschenden Felsen von Gibraltar und Ceuta, und steuerte, unter einer Wendung nach Süden, auf den Atlantischen Ocean hinaus. Zwei Tage nach der Durchfahrt durch die Meerenge ankerte Hanno in Sicht der Küste und legte den Grund zu der Stadt Thymaterion. Dann stach er wieder in See, umschiffte Cap Soloïs, gründete neue Niederlassungen und drang bis zur Mündung eines großen afrikanischen Stromes vor, an dessen Ufer eine Gesellschaft nomadisirender Hirten lagerte. Nachdem er mit diesen ein Freundschaftsbündniß abgeschlossen, setzte der karthagische Seeheld seine Entdeckungsreise weiter nach Süden hin fort und erreichte die im Grunde einer Meeresbucht gelegene Insel Cerne, deren Umfang fünf Stadien oder 925 Meter betrug. Nach Hanno's Tagebuche läge diese Insel von den Säulen des Herkules an der einen Seite ebensoweit entfernt wie Karthago an der anderen Seite. Welche Insel mag das sein? Offenbar ein zu den Inseln der Glückseligkeit (d. s. die Kanarischen Inseln) gehöriges Eiland.

Immer weiter ging die Fahrt, und Hanno erreichte die Mündung des Flusses Chretes, welche eine Art innere Bucht bildete. Die Karthager schifften diesen Fluß hinauf, wurden dabei aber von Eingebornen schwarzer Race mit Steinwürfen empfangen. Krokodile und Flußpferde tummelten sich in demselben Gewässer in großer Anzahl.

Nach diesem Abstecher kehrte die Flotte nach Cerne zurück und kam von hier aus nach zwölf Tagen in Sicht einer gebirgigen Küstenstrecke mit zahllosen wohlriechenden Bäumen und balsamischen Sträuchern. Sie steuerte hier tief in einen weiten, im Hintergrunde wieder von einer Ebene begrenzten Golf ein. Die ganze, tagsüber ungemein stille Gegend wurde in der Nacht durch lodernde Feuersäulen erleuchtet, welche entweder von vielfachen, durch wilde Bewohner angelegten Bränden oder von zufälliger Entzündung des nach Ablauf der Regenperiode gedörrten Grases herrührten.

Fünf Tage darauf umschiffte Hanno ein vorspringendes Cap, die damals sog. »Westspitze«. Dort vernahm er, seinem eigenen Berichte nach, »Pfeifenklang und Cymbelnschlag, Tambourins und das wirre Gejauchze einer unzähligen Volksmenge«. Die Wahrsager im Gefolge der Flotte riethen ihm, dieses schreckliche Land zu fliehen. Ihr Rath ward befolgt und die Expedition begab sich wieder auf den Weg nach niedrigeren Breiten.

Sie gelangte nach einem, die »Südspitze« benannten Cap, welches einen Meerbusen bildete. Nach d'Avezac wäre unter diesem Golfe die Mündung des Rio do Ouro zu verstehen, der sich unfern dem Wendekreise des Krebses in den Atlantischen Ocean ergießt. Im Grunde des betreffenden Golfes zeigte sich eine Insel mit vielen Gorillas, welche die Karthager für behaarte Wilde hielten. Es gelang ihnen, sich dreier »Frauen« zu bemächtigen, die sie jedoch, der unbezähmbaren Wildheit dieser Affenweibchen wegen, später tödten mußten.

Die genannte Südspitze bezeichnet die äußerste, von der punischen Expedition erreichte Grenze. Einige Commentatoren behaupten sogar, sie habe Cap Bojador, das kaum zwei Grade unterhalb des Wendekreises liegt, nicht überschritten, doch scheint man sich im Allgemeinen mehr der anderen Annahme zuzuneigen. An diesem Punkte angekommen, schlug Hanno, dessen Nahrungsmittel-Vorrath sich sichtbar gelichtet hatte, wiederum den Weg nach Norden ein und kehrte glücklich nach Karthago zurück, wo er seinen Reisebericht im Tempel des Baal Moloch aufzeichnen ließ.

Nach dem karthagischen Seefahrer war der berühmteste Reisende des Alterthums aus historischer Zeit der Neffe des Dichters Panysias, dessen Poesien damals sogar mit denen Homer's und Hesiod's rivalisirten, der gelehrte Herodot, mit dem ehrenden Beinamen »der Vater der Geschichte«. Für unseren Zweck trennen wir den Reisenden von dem Geschichtsschreiber und folgen nur jenem durch die von ihm durchzogenen Lande.

Herodot wurde in Halikarnassus, einer Stadt Kleinasiens, im Jahre 484 v. Chr. geboren. Seine Familie war vermögend und konnte in Folge ihrer weitverzweigten Handelsverbindungen dem in ihm sehr frühzeitig erwachenden Forschungstriebe Genüge leisten. Zu jener Zeit stritt man sich noch lebhaft über die eigentliche Gestalt der Erde. Die pythagoräische Schule lehrte indeß schon, daß sie rund sein müsse. Herodot selbst betheiligte sich nicht an dieser Discussion, welche die Gelehrten des Zeitalters ungemein erregte, sondern verließ, noch jung an Jahren, das Vaterland in der Absicht, die zu seiner Zeit mehr oder weniger bekannten Länder möglichst sorgfältig zu durchforschen, da über dieselben im Ganzen nur sehr unzuverlässige Berichte existirten.

Im Jahre 464 verließ er, erst zwanzig Sommer alt, Halikarnassus. Aller Wahrscheinlichkeit nach wandte er sich zuerst nach Egypten und besuchte Memphis, Heliopolis und Theben. Auf dieser Reise glückte es ihm, sehr werthvolle Beobachtungen über das periodische Austreten des Nils zu machen, und er theilt bei dieser Gelegenheit auch die verschiedenen Anschauungen seiner Zeitgenossen über die Quellen jenes Flusses mit, dem die Egypter wahrhaft göttliche Verehrung zollten. »Wenn der Nil aus den Ufern getreten ist,« sagt er, »sieht man nichts weiter mehr als die Städte; sie ragen aus den Wassern empor und gleichen dann nahezu den Inseln des Aegäischen Meeres.« Er erzählt von den religiösen Ceremonien der Egypter, von ihren frommen Opfern, ihrem Eifer bei den Festen der Göttin Isis, vorzüglich in Busiris, dessen Ruinen man noch heutzutage neben dem neueren Bousir findet; von ihrer Verehrung der wilden und der Hausthiere, welche sie für geheiligt halten, und denen sie ein ehrenvolles Begräbniß zu Theil werden lassen. Als getreuer Naturbeobachter beschreibt er das Krokodil des Nils, dessen Körperbau und Lebensweise, nebst der Art und Weise, wie man es fängt; ferner den Hyppopotamus, den Tupinambis, Phönix, Ibis und die dem Jupiter geheiligten Schlangen. Von den Sitten und Gebräuchen der Egypter besitzt man keine verläßlicheren Berichte als die seinigen. Er schildert das häusliche Leben, die öffentlichen Spiele wie die Methode der Einbalsamirung, in der die Chemiker jener Zeit sich ganz besonders auszeichneten. Ferner giebt er von Menes, dem ersten König ausgehend, eine Geschichte des Landes; beschreibt die Errichtung und die innere Construction der Pyramiden unter der Regierung Cheop's, das, ein wenig über dem Möris-See erbaute Labyrinth, dessen Ueberreste im Jahre 1799 aufgefunden wurden; den Möris-See selbst, den er mit der hohlen Hand des Menschen vergleicht, und die beiden Pyramiden, welche sich über seiner Wasserfläche erheben; er leiht seiner Bewunderung über den Tempel der Minerva zu Saïs beredten Ausdruck, ebenso wie über die in Memphis errichteten Tempel Vulkan's und der Isis und jenen kolossalen Monolithen, zu dessen Ueberführung von Elephantine nach Saïs 2000 Schiffer nicht weniger als drei Jahre brauchten.

Nachdem er in Egypten Alles sorgfältig in den Kreis seiner Beobachtung gezogen, wanderte Herodot nach Lybien, d. h. nach dem eigentlich sogenannten Afrika; wahrscheinlich aber huldigte der jugendliche Reisende der Ansicht, daß dasselbe nicht über den Wendekreis des Krebses hinaus reiche, denn er nimmt an, die Phönizier haben den Continent umschiffen und durch die Meerenge von Gibraltar nach Egypten zurückkehren können. Herodot zählt weiter die Völkerschaften Lybiens aufs welche im Grunde freilich nur aus längs der Küste nomadisirenden Stämmen bestanden, und nennt im Inneren der wegen zahlreicher Raubthiere sehr unsicheren Binnenlandschaften unter Anderen die Ammoniter, welche den berühmten Tempel des Jupiter Ammon besaßen, dessen Ruinen im Nordosten der Lybischen Wüste, 500 Kilometer von Kairo, gefunden wurden.

Auch von den Sitten der Lybier liefert er eine sehr eingehende Darstellung und beschreibt ihre religiösen Gebräuche; er bespricht die Thiere, welche das Land durchstreifen, Schlangen von ungewöhnlicher Größe, Löwen, Elephanten, Bären, Nattern, gehörnte Esel – wahrscheinlich Rhinocerosse – kinocephalische Affen, »Thiere ohne Kopf, welche die Augen auf der Brust haben«, Füchse, Hyänen, Stachelschweine, wilde Eber, Panther u. s. w.

Zuletzt stellt er den Satz auf, daß das ganze Landesgebiet nur von zwei eingebornen Stämmen, den Lybiern und den Aethiopiern, bewohnt sei.

Nach Herodot begegnet man Aethiopiern schon oberhalb Elephantine. Bereiste aber der gelehrte Forscher diese Gegend wirklich selbst? Seine Kommentatoren bezweifeln es. Wahrscheinlich erfuhr er nur von den Egyptern die Einzelheiten, welche er über die Hauptstadt Meroë, den Cultus des Jupiter und Bacchus und über die Langlebigkeit der dortigen Einwohner berichtet. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel – denn er sagt es ausdrücklich selbst – daß er nach Tyrus in Phönizien segelte. Dort erregten die beiden Tempel des Herkules seine Bewunderung. Weiter besuchte er Thasos und verwerthete die an Ort und Stelle erlangten Nachrichten zu einer kurzen Geschichte Phöniziens, Syriens und Palästinas.

Von hier aus wendet sich Herodot gegen Süden, nach Arabien, nach dem Lande, das er das asiatische Aethiopien nennt, d. i. jener südliche Theil Arabiens, den er für das äußerste bewohnte Land ansieht. Er hält die Araber für dasjenige Volk, welches auf die Verrichtung der vorgeschriebenen Gebete den meisten Werth legt; ihre einzigen Götter sind Urania und Bacchus; ihr Land erzeugt Weihrauch, Myrrhe, Cannel, Zimmt und Rosmarin in Ueberfluß und der Reisende theilt auch sehr interessante Details über die Einbringung dieser wohlriechenden Pflanzen mit.

Später treffen wir Herodot in jenen berühmten Landen, die er unbestimmt mit Assyrien oder Babylonien bezeichnet. Zu Anfang beschreibt er sehr eingehend die große Stadt Babylon, den Sitz der Könige des Landes nach der Zerstörung Ninives, dessen Ruinen sich noch heute als vereinzelte Schutthügel auf beiden Seiten des Euphrat, 78 Kilometer südsüdwestlich von Bagdad, vorfinden. Der breite, tiefe und reißende Euphrat theilte die Stadt jener Zeit in zwei Hälften. In der einen erhob sich die wohlbefestigte Königsburg, in der anderen der Tempel des Jupiter Beleus, der vielleicht genau an der Stelle des Thurmes zu Babel erbaut wurde. Herodot bespricht im Weiteren die Königinnen Semiramis und Nitocris und erzählt, was die Letztere Alles für das Gedeihen und die Sicherheit ihrer Hauptstadt gethan habe. Dann geht er zu den Landesproducten über, indem er von der Cultur des Weizens, der Gerste und Hirse, des Sesam, des Weinstockes, der Feigen und der Palmen berichtet. Endlich schildert er die Trachten der Babylonier und schließt mit der Darstellung ihrer Lebensgewohnheiten, vorzüglich der Schließung der Ehen, welche sozusagen im Wege der öffentlichen Auction erfolgte.

Nach Durchforschung Babyloniens begab sich Herodot nach Persien, und da er als letztes Ziel seiner Reise die Aufsuchung von historischen Documenten bezüglich der langjährigen Kriege zwischen Persien und Griechenland im Auge hatte, so strebte er nach dem Schauplatze jener Kämpfe, deren Geschichte er schreiben wollte. Er beginnt mit der Anschauung und Sitte der Perser, wornach sie ihren Göttern eine menschenähnliche Gestalt nicht zuerkennen, ihnen weder Tempel noch Altäre errichten und sich darauf beschränken, sie auf den Gipfeln der Berge anzubeten. Darauf skizzirt er ihr häusliches Leben, ihre Verachtung des Fleisches und Vorliebe für Näschereien, ihre Leidenschaft für den Wein, ihre Gewohnheit, sehr wichtige Angelegenheiten nur zu verhandeln, wenn sie übermäßig getrunken haben, ihre Neugierde bezüglich fremder Gebräuche, ihre Sucht nach Vergnügungen, aber auch ihre kriegerischen Tugenden, den Ernst, mit dem sie sich der Erziehung der Kinder hingeben, ihre Achtung vor dem Leben des Menschen, selbst des Sklaven, ihren Abscheu vor der Lüge und dem Schuldenmachen, ihr Entsetzen vor jedem Leprösen (Aussätzigen), dessen Krankheit ihnen der Beweis war, daß »der Unglückliche sich gegen die Sonne versündigt habe«.

Indien im Sinne Herodot's umfaßt nach Virien des Saint-Martin nur das von fünf Strömen bewässerte eigentliche Penschab (Pentapotamien) nebst Afghanistan. Dorthin wandte der junge Reisende seine Schritte, als er Persien verließ. Nach ihm bilden die Indier das zahlreichste aller bekannten Völker. Ein Theil derselben hat feste Wohnsitze, der andere führt ein Nomadenleben. Die Bewohner des Ostens, die Padeer, tödten die Kranken und Greise und zehren sie auf. Die im Norden, die besten und gewerbfleißigsten Aller, schlämmen goldhaltigen Sand. Indien stellt nach Herodot das östlichste bewohnte Land dar und er bemerkt dazu, »daß die äußersten Enden der Erde jedes seinen Theil von dem Schönsten besitze, was jene überhaupt zu bieten habe, wie z. B. Griechenland die angenehmste Temperatur in allen Jahreszeiten«.

Der unermüdliche Herodot zieht nun nach Medien. Er liefert eine Geschichte der Völker, welche zuerst das Joch der Assyrier abschüttelten. Die Medier gründeten die ungeheure, von sieben concentrischen Mauern umschlossene Stadt Ekbatana und wurden durch den König Dejores zu einem zusammengehörigen Volke vereinigt. Nach Ueberschreitung der Berggrenze zwischen Medien und Kolchis drang der griechische Reisende in das durch Jason's Heldenthaten berühmt gewordene Land ein und studirte mit der ihm eigenen Gründlichkeit dessen Sitten und Gebräuche.

Herodot scheint die Topographie des Kaspischen Meeres vollkommen gekannt zu haben. Er sagt, »es bilde ein Meer für sich selbst« und stehe mit keinem anderen in Verbindung. Seinen Angaben nach ist der Kaspis-See begrenzt im Westen durch den Kaukasus, im Osten durch eine ungeheure Ebene, die von den Massageten bevölkert ist, welche wohl zum Stamme der Scythen gehören könnten, eine von Arrien und Diodorus von Sicilien befürwortete Annahme. Diese Massageten beten die Sonne an und opfern ihr zur Ehre Pferde. Herodot erwähnt hier zwei große Ströme, deren einer, der Araxes, für die Wolga, der andere, der Ister, für die Donau zu halten wäre.

Von hier aus geht der Reisende nach Scythien. Er betrachtet die Scythen als eine Vereinigung verschiedener Stämme, welche das zwischen der Donau und dem Don gelegene Land, zum größten Theil also ein beträchtliches Stück des europäischen Rußland bewohnen. Sie huldigen der grausamen Gewohnheit, ihren Gefangenen die Augen auszustechen, und sind keine Ackerbauer, sondern nur Nomaden. Herodot erzählt verschiedene Fabeln, welche die Abstammung der Scythen in tiefes Dunkel hüllen und in denen Herkules eine hervorragende Rolle spielt. Dann zählt er die verschiedenen Völker und Stämme auf, welche diese Nation zusammensetzen, doch scheint es nicht, als habe er die Gebiete nördlich vom Pontus Euxinus persönlich in Augenschein genommen. Er geht dann auf eine sehr specielle Beschreibung der Sitten jener Völkerschaften ein und läßt sich von seiner Bewunderung für den Pontus Euxinus, das ungastliche Meer, ganz auffallend hinreißen. Seine Größenangaben für das Schwarze Meer, den Bosporus, die Propontis und das Aegäische Meer sind ziemlich zutreffend. Er benennt des Weiteren die großen Ströme, welche sich in das erstere ergießen, als: den Ister oder die Donau, den Borysthenes oder Dnieper, den Tanaïs oder Don, und schließt mit der Erzählung, auf welche Weise zwischen den Scythen und den Amazonen erst ein Bündniß, später eine wirkliche Vereinigung zu Stande gekommen sei, woraus es sich erklärt, daß die Jungfrauen des Landes nicht eher heiraten dürfen, bevor sie nicht einen Feind erlegt haben.

Nach einem kurzen Aufenthalte in Thracien, während dessen er die Gothen als die hervorragendste Völkerschaft desselben erkannte, langte Herodot in Griechenland, dem Endziele seiner Reisen, an, wo er die letzten für sein Geschichtswerk nöthigen Dokumente aufzufinden hoffte. Auch hier besuchte er die durch die größten Schlachten der Griechen gegen die Perser berühmten Punkte. Von dem Engpaß bei Thermopylä liefert er eine sehr genaue Beschreibung; dann besuchte er die Ebene von Marathon, das Schlachtfeld von Platää und kehrte nach Kleinasien zurück, dessen Küste, auf der die Griechen viele Kolonien gegründet hatten, er noch weithin bereiste.

Als er nach Halikarnassus in Carien heimkam, zählte der berühmte Reisende erst 28 Jahre, denn zu der Zeit, im Jahre der ersten Olympiade, oder 456 v. Chr., las er sein Geschichtswerk bei den Olympischen Spielen vor. Sein Vaterland war damals von Lygdamis unterdrückt und er selbst mußte sich nach Samos zurückziehen. Bald darauf glückte es ihm, jenen Tyrannen zu stürzen; doch der Undank seiner Mitbürger nöthigte ihn noch einmal, in's Exil zu wandern. Im Jahre 445 wohnte er dem Feste der Panathenäen bei, las sein jetzt völlig vollendetes Werk vor, erregte damit einen allgemeinen Enthusiasmus und zog sich endlich, gegen Ende seines Lebens, nach Thurium in Italien zurück, woselbst er, unter Hinterlassung des Ruhmes als größter Reisender und berühmtester Historiker des Alterthums im Jahre 406 v. Chr. verschied.

Nach Herodot überspringen wir anderthalb Jahrhundert, erwähnen nur beiläufig des Arztes Ctesias, eines Zeitgenossen Xenophon's, der den Bericht über eine Reise durch Indien veröffentlichte, welche er allem Anscheine nach gar nicht ausgeführt hat, und begegnen dann, der chronologischen Ordnung nach, Pytheas aus Massilia (Marseille), der als Reisender, Geograph und Astronom einen Glanzpunkt seiner Epoche bildet. Etwa im Jahre 340 war es, da Pytheas sich mit einem einzigen Schiffe über die Säulen des Herkules hinauswagte; statt aber der afrikanischen Küste zu folgen, wie es seine Vorläufer, die Karthager, gethan, wandte er sich nach Norden, segelte längs der Küsten Iberiens und des Keltenlandes bis zu den entlegensten Spitzen, welche jetzt zum Departement Finistère (Nieder-Bretagne) gehören; von hier aus lief er in den Kanal ein und landete in England, jener Insel Albion, deren erster Erforscher er werden sollte. An mehreren Punkten betrat er dessen Küste und trat in Verbindung mit deren einfachen, ehrbaren, nüchternen, gelehrigen und fleißigen Bewohnern, welche einen umfänglichen Handel mit Zinn trieben.

Der gallische Reisende drang immer weiter nach Norden vor, segelte über die Orcaden an der Nordspitze Schottlands hinaus und erreichte eine so hohe Breite, daß die Nacht zur Mitsommerszeit nur noch zwei Stunden lang währte. Nach sechstägiger Seefahrt traf er auf ein Land, Namens Thule, wahrscheinlich Norwegen oder Jütland, an dem er nicht vorbeikommen konnte. »Darüber hinaus,« sagt er, »giebt es weder Meer, noch Land oder Luft mehr«. Er kehrte also um, veränderte aber seinen Kurs und erreichte die Mündungen des Rheines, wo die Ostfriesen und hinter diesen die Germanen wohnten. Von hier aus lief er die Mündung des Tanaïs (wahrscheinlich der Weser oder Elbe) an und segelte dann nach Massilia zurück, wo er ein Jahr nach seiner Abreise aus der Vaterstadt wieder anlangte. Pytheas war nicht nur ein beherzter Seefahrer, sondern auch ein hervorragender Gelehrter; er beobachtete zuerst den Einfluß des Mondes auf die Gezeiten und erkannte, daß der Polarstern nicht genau jene Stelle des Himmels einnimmt, welche die verlängert gedachte Erdachse treffen würde.

Einige Jahre nach Pytheas, gegen 326 v. Chr., erwarb sich ein griechisch-macedonischer Reisender neue Lorbeern als Entdecker. Es war das Nearchus aus Kreta, der Admiral Alexander's des Großen, welcher von diesem den Auftrag erhielt, die ganze Küstenstrecke zwischen dem Indus und dem Euphrat aufzunehmen.

Als dem Eroberer der Gedanke kam, eine Entdeckungsreise vornehmen zu lassen, um die Verbindung zwischen Indien und Egypten zu sichern, befand er sich mit seinem Heere 800 (englische) Meilen im Innern des Continents am oberen Laufe des Indus. Er gab Nearchus eine Flotte von wahrscheinlich 33 Galeeren, lauter zweideckigen Schiffen, und eine ungeheure Anzahl Transport-Fahrzeuge. Zweitausend Mann besetzten diese Flotte, welche gegen 800 Segel zählen mochte. Nearchus schiffte, an beiden Ufern des Stromes von Alexanders Armeen begleitet, binnen vier Monaten den Indus hinab. An der Mündung des mächtigen Wasserlaufes angelangt, verwendete der Eroberer sieben ganze Monate zur Durchforschung seines Deltas; dann ging Nearchus unter Segel und folgte dem Ufer, das heute die Küste des Königreichs Belutschistan bildet.

Nearchus stach am 2. October in See, d. h. einen Monat zu zeitig, als daß der Winter-Mousson seinen Kurs hätte begünstigen können. Im Beginn der Fahrt hatte er also mit mancherlei Widerwärtigkeiten zu kämpfen und nach den ersten vierzig Tagen kaum achtzig Meilen nach Westen zurückgelegt. Seine ersten Ankerplätze wählte er in Stura und Coreestis, zwei Namen, welche man mit keiner der heutigen Küstenplätze in Verbindung zu bringen vermag. Dann langte er bei der Insel Crocala an, welche die heutige Bai von Caranthey bildet. Von dem Winde gedrängt, flüchtete die Flotte nach Umseglung des Cap Monze in einen natürlichen Hafen, den der Admiral mit Befestigungen versehen lassen mußte, um sich gegen die Angriffe der Barbaren, der heutigen Sangarier, zu vertheidigen, welche noch in unserer Zeit ihr Unwesen als Seeräuber treiben.

Vierundzwanzig Tage später, am 3. November, lichtete Nearchus wiederum die Anker. Heftige Winde nöthigten ihn wiederholt, die Küste anzulaufen, wobei er stets gegen Ueberfälle durch die Arabiten, die wilden Belutschen unserer Tage, auf der Hut sein mußte, welche die orientalischen Historiker »als eine barbarische Völkerschaft mit langen, ungeordneten Haaren, nie verschnittenem Barte und als den Bäumen oder Bären ähnlich« schildern. Bisher hatte die makedonische Flotte immerhin noch kein ernsthafterer Unfall betroffen, am 10. November jedoch wehte ein so heftiger Wind von der offenen See her, daß zwei Galeeren und ein Transportschiff dabei zu Grunde gingen. Nearchus ankerte darauf nochmals vor Cracolo und nahm dort einen neuen Vorrath von Getreide ein, den ihm Alexander nachgesendet hatte. Jedes Schiff erhielt dabei für zehn Tage Nahrungsmittel.

Nach verschiedenen kleineren Vorkommnissen zur See und einem kurzen Kampfe mit den Barbaren erreichte Nearchus die äußerste Grenze des Gebietes der Oriten, welche durch das Cap Moran der modernen Geographie bezeichnet wird. In seinem Berichte hierüber behauptet Nearchus, daß die Sonne zur Mittagszeit die irdischen Gegenstände in verticaler Richtung beschienen und folglich keinen Schatten erzeugt habe. Offenbar unterliegt er hier einer Täuschung; sie stand zu dieser Zeit über der südlichen Halbkugel der Erde im Wendekreise des Steinbocks, während die Schiffe Nearchus' stets noch einige Grade vom Wendekreise des Krebses entfernt blieben, so daß die genannte Erscheinung auch zu Anfang des Sommers nicht hätte eintreten können.

Die Seefahrt gestaltete sich günstiger, als der Ost-Mousson stetiger geworden war. Nearchus folgte nun der Küste der Ichthyophagen, d. h. der Fisch-Esser, arme Völkerstämme, denen es an Weiden vollkommen fehlt, so daß sie ihre Heerden mit Erzeugnissen des Meeres ernähren müssen. Von Neuem gingen der Flotte nun die Lebensmittel aus. Sie umschiffte das Cap Posmi. Dort verschaffte sich Nearchus einen einheimischen Lootsen und die Fahrzeuge kamen, von günstigen Landwinden getrieben, ziemlich schnell vorwärts. Die Küste erschien hier minder trostlos. Da und dort schmückten sie vereinzelte Bäume. Nearchus erreichte eine kleine, von ihm nicht namentlich aufgeführte Stadt der Ichthyophagen, wo er sich wegen Mangels an Proviant durch Ueberrumpelung neuer Vorräthe bemächtigte, zum Nachtheil der Eingebornen, welche der Gewalt weichen mußten.

Die Schiffe liefen von hier aus Canasida an, worunter das spätere Churbar zu verstehen ist, dessen Ruinen man noch heute in der Bai gleichen Namens findet. Jetzt fing auch das Mehl an auszugehen. Nearchus ankerte nach und nach in Canate, Trois und Dagasira, ohne bei deren ärmlicher Bevölkerung Gelegenheit zur Erneuerung seiner nothwendigsten Vorräthe zu finden. Die Seefahrer besaßen nun weder Fleisch noch Brot und konnten sich doch nicht entschließen, Schildkröten zu verzehren, welche der dortige Strand in großen Mengen liefert.

Nahe der Einfahrt in den Persischen Meerbusen traf die Flotte auf eine ganze Heerde Walfische. Voller Entsetzen wollten die Matrosen entfliehen. Nearchus wußte sie jedoch durch sein Zureden zu ermuthigen und machte auf die wenig gefährlichen Ungeheuer einen Angriff, durch den er die Heerde bald zerstreute.

Auf der Höhe von Carmanien angekommen, änderten die Schiffe ein wenig den früheren Kurs nach Westen und hielten sich mehr nordwestlich. Hier waren die Ufer fruchtbarer; überall wogten Saatfelder, grünten die Weiden und gediehen vielerlei Fruchtbäume. Nearchus ankerte in Badis, dem heutigen Jask, umschiffte das Vorgebirge von Maceta oder Mussendon und gelangte dann nach dem Persischen Meerbusen, dem er, in Uebereinstimmung mit den arabischen Geographen, fälschlich den Namen »Rothes Meer« beilegt.

Nearchus drang in den Meerbusen ein und kam nach einer einzigen Unterbrechung an einem Flecken mit Namen Harmozia an, von dem später die kleine Insel Ormuz ihren Namen erhielt. Dort vernahm er, daß die Armee Alexander's nur fünf Tagemärsche entfernt stehe. Er beeilte deshalb seine Ausschiffung, um mit dem großen Eroberer zusammen zu treffen. Letzterer, welcher einundzwanzig Wochen lang ohne jede Nachricht von der Flotte war, hoffte kaum, diese wieder zu sehen. Seine freudige Ueberraschung, als der Admiral, freilich durch die langen Strapazen herabgekommen und kaum wieder erkennbar, sich ihm vorstellte, erscheint daher sehr begreiflich. Zur Feier seiner Wiederkehr ließ Alexander gymnastische Spiele veranstalten und dankte den Göttern durch reichliche Opfer. Darauf begab sich Nearchus, um das Commando der Flotte zu übernehmen und diese nach Susa zu führen, wieder nach Harmozia und ging nach frommer Anrufung des Jupiter-Soter von Neuem unter Segel.

Die Flotte besuchte nun verschiedene Inseln, wahrscheinlich Arek und Kismis; bald darauf strandeten auch einmal viele Schiffe derselben, wurden durch die steigende Fluth jedoch wieder flott und liefen dann, nach Umseglung des Vorgebirges von Bestion, Keisch, eine dem Merkur und der Venus geheiligte Insel, an. Hier verlief die Grenze von Carmanien, auf deren anderer Seite Persien anfing. Die Schiffe folgten nun der persischen Küste, besuchten verschiedene Punkte, wie Gillam, Inderabia, Schevou, Konkun, Sita-Reghian, wo Nearchus einen ihm von Alexander entgegen gesendeten Proviant-Transport in Empfang nahm.

Nach mehrtägiger Fahrt erreichte die Flotte die Mündung des Endian-Stromes, welcher Persien von dem Gebiete Susa's trennte. Von da aus traf sie auf den Ausfluß eines großen fischreichen Sees, Namens Cataderbis, welcher in der jetzt Dorghestan benannten Gegend zu suchen ist. Endlich ankerte sie vor dem babylonischen Dorfe Degela am Euphrat, nachdem sie die ganze Küste zwischen diesem Punkte und dem Indus besucht hatte. Zum zweiten Male traf Nearchus nun mit Alexander zusammen, der ihn reich belohnte und als Befehlshaber für seine Flotte beibehielt. Alexander wollte auch die gesammte Küste Arabiens bis zum Rothen Meere aufnehmen lassen, doch blieben diese Projecte unausgeführt, da ihn inzwischen der Tod ereilte.

Man nimmt an, daß Nearchus in der Folge Gouverneur von Lycien und Pamphilien geworden sei. In den Mußestunden verfaßte er einen Bericht über seine Reisen, der leider verloren gegangen ist, von dem Arrien aber in seiner Historia Indica glücklicher Weise einen Auszug gemacht hat. Es scheint, als sei Nearchus in der Schlacht bei Ipsus gefallen unter Hinterlassung des ungetrübten Rufes eines erfahrenen Seehelden, dessen Reise ein hervorragendes Ereigniß in der Geschichte der See-Schifffahrt darstellt.

Wir haben hier noch ein kühnes Unternehmen jener Zeit zu erwähnen, das von Eudoxus von Cyzique, einem Geographen, der im Jahre 146 v. Chr. am Hofe Evergetes II. lebte, ausgeführt wurde. Nach einem Besuche Egyptens und der Ufer des Indus kam diesem wagehalsigen Abenteurer der Gedanke, Afrika zu umschiffen, ein Versuch, der doch erst sechzehn Jahrhunderte später durch Vasco de Gama wirklich ausgeführt werden sollte. Eudoxus miethete ein großes Schiff nebst zwei Barkassen und wagte sich damit hinaus auf die Wasserwüste des Atlantischen Oceans. Wie weit mögen diese Fahrzeuge gekommen sein? Das ist nur schwierig festzustellen. Jedenfalls kehrte er nach einem kurzen Zusammentreffen mit Eingebornen, die er für Aethiopier hielt, nach Mauretanien zurück. Von da aus wandte er sich nach Iberien und rüstete sich zu einem zweiten Versuche einer Rundreise um Afrika. Ob diese zweite Fahrt überhaupt unternommen ward, läßt sich nicht sagen; wohl aber müssen wir hinzufügen, daß eben jener Eudoxus, Alles in Allem ein mehr kühner als verläßlicher Mann, von nicht wenigen Gelehrten nur für einen unglaubwürdigen Flausenmacher gehalten wird.

Noch sind zwei Namen von Reisenden übrig, welche sich in der vorchristlichen Aera auszeichneten, nämlich Cäsar und Strabo. Cäsar, geboren im Jahre 100 v. Chr., war freilich im Grunde nur Eroberer, der keineswegs die bloße Kenntnißnahme fremder Länder im Auge hatte. Wir erwähnen deshalb nur der Vollständigkeit wegen, daß er im Jahre 58 zur Unterjochung Galliens auszog und während der zehnjährigen Dauer seines weitumfassenden Unternehmens seine siegreichen Legionen bis zu den Grenzen Großbritanniens führte, das von Völkerstämmen germanischer Herkunft bewohnt war.

Was den 50 Jahre v. Chr. in Cappadocien gebornen Strabo betrifft, so zeichnete dieser sich mehr als Geograph denn als Entdeckungsreisender aus. Doch durchwanderte er Kleinasien, Egypten, Griechenland und Italien und lebte längere Zeit in Rom, wo er in den letzten Jahren der Regierung des Tiberius verstarb. Strabo hinterließ eine in siebzehn Büchern zerfallende Geographie, die uns zum größten Theile erhalten blieb. Dieses Werk bildet neben dem des Ptolomäus das wichtigste Denkmal, welches den neueren Geographen aus dem Alterthume überkommen ist.


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