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Zweites Capitel.
Berühmte Reisende vom ersten bis zum neunten Jahrhundert

Pausanias (174). – Fa-Hian (399). – Cosmas Indicopleustes (5..). Arculph (700). – Willibald (725). – Soleyman (851).

Plinius, Hippalus, Arrien und Ptolomäus. – Pausanias besucht Attika, Korinth, Lakonien, Messenien, Elis, Achaïa, Arkadien, Böotien, Phokis. – Fa-Hian erforscht Kan-tcheou, die Tartarei, das nördliche Indien, das Pendjab, Ceylon und Java. – Cosmas Indicopleustes und die christliche Topographie des Universums. – Arculph beschreibt Jerusalem, das Thal des Josaphat, den Oelberg, Bethlehem, den Jordan, den Libanon, das Todte Meer, Kapernaum, Nazareth, den Berg Tabor, Damaskus, Tyrus, Alexandria, Konstantinopel. – Willibald und die heiligen Orte. – Soleyman durchschifft die Meere von Oman, Ceylon, Sumatra, den Golf von Siam und das Chinesische Meer.

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Während der beiden ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung erfreute sich zwar die Geographie von rein wissenschaftlichem Standpunkte einer regen, erfolgreichen Theilnahme, aber eigentliche Reisende, sagen wir Forscher oder Entdecker neuer Länder, erzeugte diese Epoche nur wenige.

Plinius, im Jahre 23 n. Chr., behandelte die Erdbeschreibung im 3., 4., 5. und 6. Buche seiner »Naturgeschichte«. Im Jahre 50 erkannte Hippalus, ein gewiegter Seefahrer, das Gesetz der Moussons (Jahreszeiten-Winde) und empfahl den Schiffern, weit in See hinaus zu gehen, um mit Hilfe dieser sehr gleichmäßigen Luftströmungen die Fahrt nach Indien und von dort zurück bequem im Laufe eines Jahres ausführen zu können. Arrien, ein im Jahre 105 geborner griechischer Historiker, compilirte seinen Periplus des Pontus Euxinus und bemühte sich, die Ergebnisse aller früheren Entdeckungsreisen in demselben übersichtlich zusammen zu fassen. Endlich veröffentlichte der Egypter Claudius Ptolomäus, im Jahre 175, durch Zusammenfassung der Arbeiten seiner Vorgänger eine trotz ihrer bedenklichen Irrthümer berühmt gewordene Erdbeschreibung, in welcher zuerst die nach Länge und Breite bestimmte Lage der Städte auf mathematischer Basis begründet wurde.

Der erste Reisende der christlichen Aera, dessen Name auf uns gekommen ist, war Pausanias, ein griechischer Schreiber, der im 2. Jahrhundert in Rom lebte und eine noch jetzt vorhandene Arbeit vom Jahre 175 hinterließ. Diesem Pausanias kommt unzweifelhaft bezüglich der Herausgabe eines »Reise-Handbuches« die Priorität gegenüber unserem Bädecker, Joanne u. A. zu. Er lieferte für das alte Griechenland dasselbe, was die fleißigen Reiseliteratur-Verleger jetzt für die verschiedenen Länder Europas bieten. Sein Bericht stellt ein verläßliches Handbuch dar, das in einfachem Style, doch in allen Einzelheiten sehr genau abgefaßt ist und mit dessen Unterstützung die Touristen des 2. Jahrhunderts die verschiedenen Provinzen Griechenlands erfolgreich bereisen konnten.

Sehr eingehend beschreibt Pausanias Attika und ganz vorzüglich Athen selbst mit seinen Denkmälern, Gräbern, Triumphbögen, Tempeln und Säulengängen, seinem Aräopag und seiner Akademie. Von Attika wendet er sich nach Korinth und schildert dabei die Inseln Aegina und Aeakus; im Weiteren durchstreift und bespricht er sehr anschaulich Lakonien mit Sparta, die Insel Kythere, Messenien, Elis, Achaïa, Arkadien, Böotien und Phokis; die Wege durch das Land und die Straßen der Städte werden speciell aufgeführt und ebensowenig eine Beschreibung der allgemeinen äußeren Erscheinung der verschiedenen Gegenden Griechenlands vergessen. Freilich bereichert Pausanias die Entdeckungen seiner Vorgänger durch keine einzige neue. Er war ein Reisender mit offenem Auge, der sich auf eine genaue Kenntnißnahme des Vaterlandes beschränkte, keineswegs aber ein Entdecker. Nichtsdestoweniger benutzten seine Arbeit alle Geographen und Kommentatoren, welche über Hellas und den Peloponnes schrieben, und mit Recht nennt sie ein Gelehrter des 16. Jahrhunderts »eine Fundgrube ältester und seltenster Art«.

Etwa hundertdreißig Jahre nach dem griechischen Historiker unternahm ein chinesischer Reisender, ein Mönch seines Standes, gegen Ende des 4. Jahrhunderts eine wissenschaftliche Reise durch die westlich voll China gelegenen Länder. Sein Bericht darüber ist uns erhalten geblieben und man muß bezüglich desselben dem Urtheil Charton's beistimmen, der jene Reisebeschreibung »für ein desto werthvolleres Monument betrachtet, als es uns weit außerhalb des gewöhnlichen Gesichtskreises unserer abendländischen Civilisation hinführt.«

Begleitet von einigen anderen Mönchen wollte Fa-Hian seine Wanderung nach der Westseite Chinas, richten, wobei er mehrere Gebirgsketten überschritt und in das Land kam, welches heutzutage Kan-tcheou bildet und unfern der großen Mauer zu suchen ist. Dort schlossen sich ihm mehrere Samanier an. Sie setzten über den Fluß Cha-ho und zogen durch eine Wüste, welche Marco Polo achthundert Jahre später durchforschte. Nach siebzehntägiger Wanderung erreichten sie den Lobe-See, der im heutigen chinesischen Turkestan liegt. Von hier aus glichen sich alle Reiche, durch welche die frommen Männer kamen, bezüglich der Sitten und Gebräuche sehr auffallend. Nur die Sprache zeigte Verschiedenheiten.

Wenig befriedigt von dem ihnen im Lande der ungastlichen Ouigours zu Theil gewordenen Empfange, wandten sie sich nach Südosten, nach einem wüstliegenden Lande, dessen Wasserläufe sie nur mit größter Anstrengung überschritten. Nach einer Wanderung von fünfunddreißig Tagen kam die kleine Karawane in die Tartarei, und zwar in das Königreich Khotan, welches »mehrmals zehntausend Geistliche zählte«. Fa-Hian und seine Gefährten wurden hier in geräumigen Klöstern aufgenommen, wo sie nach einem Aufenthalte von drei Monaten bei der »Bilder-Procession« assistiren konnten; es ist das ein hohes, den Buddhisten und Brahmanen gemeinschaftliches Fest, zu dessen Feier die Bilder der Götter auf prächtig geschmücktem Wagen durch die mit Blumen besäeten und von wohlriechenden Dünsten erfüllten Straßen geführt werden.

Nach Schluß des Festes verließen die Mönche Khotan und begaben sich nach dem Königreiche, welches den heutigen Bezirk Kouke-yar bildet. Nach vierzehntägiger Rast finden wir sie weiter im Süden wieder, in dem Gebiete des heutigen Balistan, einem kalten, bergigen Lande, in dem nur noch Roggen zur Reife kommt. Dort benutzten die Geistlichen mit Gebeten beklebte Cylinder, welche der Strenggläubige ungemein schnell dreht (sog. Bete-Mühlen). Von hier aus ging Fa-Hian nach dem östlichen Afghanistan über und brauchte einen vollen Monat zur Reise durch ein Gebirge, das stets mit Schnee bedeckt war und in dem er das Vorkommen giftiger »Drachen« (jedenfalls größere Eidechsen) erwähnt.

Jenseits des genannten Berglandes befanden sich die Reisenden im nördlichen Indien, in der Provinz, welche die ersten, später den Sind oder Indus bildenden Wasseradern benetzen. Weiter gelangten sie nach Durchwanderung der Königreiche Ou-tchang, Su-ho-to und Kaan-tho-wei nach Fo-lou-cha, wahrscheinlich die Stadt Peichaver, zwischen Kabul und dem Indus, und vierundzwanzig Meilen weiter im Westen nach der Stadt Hilo, welche am Ufer eines Nebenflusses des Kabul-Stromes erbaut ist. Von allen genannten Städten schildert Fa-Hian vorzüglich die dem Gotte Foë geweihten Feste und Gebräuche, welche Gottheit übrigens mit Buddha identisch ist.

Als sie Hilo verließen, mußten unsere Mönche die Hindu-Kousch-Berge erklimmen, die sich zwischen Tokharestan und Gandhara erheben. Auf diesen herrschte eine so strenge Kälte, daß einer von Fa-Hian's Begleitern umsank, um sich nie wieder zu erheben. Unter zahllosen Beschwerden erreichte die Karawane die noch jetzt vorhandene Stadt Banu; nachdem sie dann von Neuem den Indus in der Mitte seines Laufes überschritten, trat sie in das Pendjab ein.

Von da aus wandte sich die kleine Gesellschaft nach Südosten mit der Absicht, den nördlichen Theil der indischen Halbinsel zu durchziehen, gelangte nach Mathoura, einer Stadt der heutigen Provinz Agra, und bewegte sich nach Ueberschreitung der großen Salzwüste im Osten des Indus durch ein Land, welches Fa-Hian »das Central-Königreich« nennt, »dessen ehrsame und fromme Bewohner ohne Behörden, ohne Gesetze, aber auch ohne Verbrechen, ohne ihre Nahrung von irgend einem lebenden Geschöpfe zu beziehen, ohne Fleischer und Weinhändler, glücklich leben in Ueberfluß und Freude, unter einem Klima, in dem Wärme und Kälte sich die Wage halten«. Dieses Reich aber ist Indien.

Weiter im Südosten besuchte Fa-Hian den jetzigen District Feroukh-abad, auf welchen der Legende nach Buddha, als er auf dreifacher Treppe mit kostbaren Stufen vom Himmel herabstieg, einst den Fuß setzte. Der geistliche Reisende verbreitet sich dabei ausführlich über die Satzungen des Buddhaismus. Von da aus begab er sich zu einem Besuche nach der Stadt Kanudje, am rechten Ufer des Ganges, den er übrigens den Heng nennt. Hier ist vorzugsweise das Land Buddha's. Ueberall, wo der Gott sich gesetzt hatte, errichteten die Gläubigen hohe Thürme. Unsere frommen Pilger verfehlten nicht, sich nach dem Tempel von Tchihuan zu begeben, wo Foë sich fünfundzwanzig Jahre lang freiwilligen Selbstkasteiungen unterzogen hatte, und als sie im Anschauen der Oertlichkeit versunken waren, an der Foë einst fünfhundert Blinden die Sehkraft wiedergab, »ging den gottergebenen Wanderern ein lebhafter Stich durch das Herz«.

Sie nahmen ihren Weg wieder auf und gingen nach Kapila, nach Gorakhpuur, an der Grenze Nepals, nach Kin-i-na-kin – lauter durch Foë's Wunderthaten berühmte Orte – und kamen in dem Delta des Ganges nach der Stadt Palian-fu, im Königreiche Magadha. Es war das ein reiches Land, bewohnt von einer mitleidigen, Gerechtigkeit liebenden Bevölkerung, welche gern philosophische Discussionen pflegte.

Nach Ersteigung des Pies von Vautour, der sich nahe den Quellen der Flüsse Dadher und Banurah erhebt, begab sich Fa-Hian in das Ganges-Thal hinab, besuchte den Tempel von Issi-Patene, wo früher »fliegende« (d. h. ambulante) Magier ihr Wesen trieben, und erreichte Benares, in dem »glänzenden Königreiche«, und noch weiter flußabwärts To-mo-li-ti, an der Mündung des heiligen Stromes, nahe der Stelle, welche das heutige Calcutta einnimmt.

Zur Zeit seiner Anwesenheit daselbst rüstete sich eben eine Karawane von Kaufleuten, in See zu stechen und nach der Insel Ceylon zu gehen. Fa-Hian nahm Passage auf einem der Schiffe und landete nach vierzehntägiger Ueberfahrt an der Küste des alten Taprobane, über welches der große griechische Kaufmann Jambulos einige Jahrhunderte vorher so merkwürdige Berichte geliefert hatte. Der geistliche Chinese fand in diesem Reiche noch alle die sagenhaften Überlieferungen, die auf den Gott Foë Bezug haben, und verweilte hier, mit bibliographischen Untersuchungen beschäftigt, zwei volle Jahre. Er verließ Ceylon wieder, um sich nach Java zu begeben, das er nach sehr schlechter, stürmischer Ueberfahrt erreichte, während welcher »man bei dunklem Himmel nichts Anderes sah als große, einander durchkreuzende Wogen, feurige Blitze, riesige Schildkröten, Krokodile, See-Ungeheuer und andere Wunder«.

Nach fünfmonatlichem Aufenthalte auf Java schiffte Fa-Hian sich nach Canton ein; wiederum wehten ihm die Winde sehr ungünstig und er landete, nach tausend Mühsalen und Gefahren, in dem heutigen Chan-toung; nachdem er dann noch einige Zeit in Nan-king verweilt, kehrte er endlich nach Si-an-fu, seiner Vaterstadt. nach achtzehnjähriger Abwesenheit zurück.

So lautet der Bericht über diese Reise, von welcher eine ausgezeichnete (französische) Uebersetzung Abel de Rémusat's vorhanden ist, der darin höchst interessante Einzelheiten über die Gewohnheiten der Tartaren und Indier, vorzüglich über deren religiöse Gebräuche mittheilt.

Dem chinesischen Mönche folgt im 6. Jahrhundert der chronologischen Ordnung nach ein egyptischer Reisender, Namens Cosmas Indicopleustes, welchen Namen Charton mit: »Kosmographischer Indien-Fahrer« übersetzt. Es war das ein Kaufmann aus Alexandrien, der nach einem Besuche Aethiopiens und eines Theiles von Asien bei seiner Rückkehr Mönch wurde.

Sein Reisebericht führt den Titel »Christliche Topographie des Universums«. Von den eigentlichen Reisen seines Verfassers erzählt es so viel wie nichts. Kosmographische Abhandlungen, zum Beweise, daß die Erde viereckig und nebst den anderen Gestirnen in einem mehr langen als breiten Kasten eingeschlossen sei, bilden die Einleitung jenes Werkes, dann folgen Darlegungen der Functionen der Engel und eine Beschreibung des Kostüms der hebräischen Priester. Im Weiteren liefert Cosmas eine Naturgeschichte des Thierreiches von Indien und Ceylon und erwähnt dabei das Rhinoceros, den Riesenhirsch, den man zu häuslichen Dienstleistungen abrichtet, die Giraffe, den wilden Ochsen, das Bisamthier, welches »um seines wohlriechenden Blutes willen« gejagt wird, das Einhorn, das er nicht für ein fabelhaftes Thier hält, den Eber, den er Schweinshirsch nennt, das Flußpferd, den Seehund, den Delphin und die Schildkröte. Nach dem Abschnitte von den Thieren beschreibt Cosmas die Pfefferstaude, eine schwache, sehr empfindliche Pflanze, ebenso wie die zartesten Weinreben, und den Cocosbaum, dessen Früchte einen so milden Saft haben wie die grünen Nüsse.

Seit der ersten Zeit der christlichen Aera schon lag es den Gläubigen am Herzen, die heiligen Stätten, die Wiege der neuen Religion, zu besuchen. Solche Pilgerfahrten häuften sich mehr und mehr und die Geschichte hat uns viele Namen hervorragender Persönlichkeiten aufbewahrt, welche sich in der ersten Zeit des Christenthums nach Palästina begaben.

Einer dieser Pilger, der fränkische Bischof Arculph, der gegen Ende des 7. Jahrhunderts lebte, hat einen umständlichen Bericht über seine Reise hinterlassen.

Er beginnt mit der topographischen Lage Jerusalems und beschreibt die Mauer, welche die heilige Stadt umschließt. Dann sucht er die über dem heiligen Grab errichtete Kuppelkirche auf, ferner die Grabstätte Christi selbst, den Stein, der diese einst umschloß, die Kirche St. Maria, die Kirche auf dem Calvarienberg und die Basilica Constantin's, auf der Stelle, wo einst das echte Kreuz gefunden wurde. Diese verschiedenen Kirchen bilden einen einzigen Komplex von Gebäuden, der auch das Grab Christi und den Calvarienberg, auf dessen Gipfel der Erlöser gekreuzigt ward, mit umfaßt.

Arculph begiebt sich nachher in das, östlich von der Stadt gelegene Thal des Josaphat, wo sich die Kirche über dem Grabe der heiligen Jungfrau und dem Grabe Absalon's erhebt, welche er »Josaphat-Thurm« nennt. Dann ersteigt er den Oelberg, der jenseits des genannten Thales liegt, und betet dort in derselben Grotte, in welcher Jesus einst sein Gebet verrichtete. Hierauf begiebt er sich nach dem Berge Zion, im Süden vor der Stadt gelegen; er erwähnt beiläufig des ungeheuren Feigenbaumes, an dem sich der Sage nach Judas Ischariot erhenkte, und besuchte auch die jetzt zerstörte Kirche des Cönakels.

Mittelst Umschreitung der Stadt durch das Thal des Siloah und längs des Bettes des Baches Kidron gelangte der Bischof nach dem Oelberge, der reich mit Weizen und Gerste bestanden war, auch viele Kräuter und Blumen trug, und er beschreibt auf einem der drei Gipfel des Hügels die Stelle, von der aus Christus gen Himmel gefahren sein soll. Dort haben die Gläubigen eine große, runde Kirche mit fünf Bogeneingängen errichtet, welche, ohne Dach oder Wölbung, nach oben zu offen ist. »Man hat das Kirchen-Innere nicht überwölbt,« heißt es in des Bischofs Berichte, »damit von der Stelle aus, an welcher die Füße des Herrn zum letzten Male die Erde berührten, bevor er sich auf einer Wolke zum Himmel erhob, bis ebendahin der Weg offen bleibe für die Gebete der Gläubigen. Denn als man die Kirche, von der wir sprechen, erbaute, war man nicht im Stande, die Stelle, auf der die Füße des Herrn geruht hatten, mit Steinen zu belegen. Sobald man die Marmorplatten dahin wälzte, spie sie gleichsam die Erde, im Unmuthe darüber, ein Werk von Menschenhand tragen zu sollen, wieder, ja, sofort vor den Augen der Arbeiter aus. Als untilgbaren Beweis bewahrt der Erdboden noch immer den Eindruck des göttlichen Fußes, und erscheint, trotzdem, daß die frommen Gläubigen täglich von dem geweihten Staube sammeln, immer wieder.«

Nachdem er die Mark von Bethania, mitten in dem großen Oelbaumwalde besucht, wo sich Lazarus' Grab findet, nebst der Kirche rechts von der Stelle, an der sich Christus mit seinen Jüngern zu unterhalten pflegte, begab sich Arculph nach Bethlehem, das zwei Stunden von der heiligen Stadt, im Süden des Thales von Zephraïm erbaut ist. Er beschreibt die Stätte der Geburt des Herrn, eine Art natürlicher Grotte am Ost-Ende des Städtchens, mit einer von der heiligen Helena erbauten Kirche darüber; ferner die Gräber der drei Hirten, welche bei der Geburt des Herrn von himmlischem Lichtschein umflossen wurden; das Grab der Rahel, die Gräber der vier Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob und Adam, des ersten Menschen. Dann besucht er den Berg und die Eiche von Mambra, unter deren Laubdach Abraham die Engel gastlich aufnahm.

Von hier aus wendet sich Arculph nach Jericho oder vielmehr nach der Stelle, welche diese Stadt, deren Mauern durch die Trompeten Josua's umgestürzt wurden, früher einnahm.

Er untersucht die Oertlichkeit, wo die Kinder Israel nach Ueberschreitung des Jordans zuerst in Kanaan rasteten. In der Kirche von Galgala betrachtet er die zwölf Steine, welche die Israëliten auf Befehl des Herrn aus dem trocken liegenden Strombette holten. Er folgt dem Laufe des Jordan und trifft an dessen rechtem Ufer an einer Biegung des Flusses, etwa eine Wegstunde vom Todten Meere, inmitten einer prachtvollen, mit prächtigen Bäumen bestandenen Umgebung auf die Stelle, wo Johannes der Täufer einst den Herrn taufte, und an der man ein Kreuz errichtet hat, das die weißlichen Wellen bei Hochwasser gänzlich überfluthen.

Nachdem er dann die Küste des Todten Meeres umwandert und das Salz des letzteren gekostet, in Phönizien am Fuße des Libanon nach den Quellen des Jordan gesucht, einen großen Theil des Tiberas-See erforscht, den Brunnen in Samaria, wo Jesus durch die Samariterin erquickt wurde, sowie die Quelle in der Wüste, an der Johannes der Täufer seinen Durst stillte, und die weite, »seit jener Zeit nie wieder bestellte« Ebene von Gazan besucht hat, wo Christus einst fünf Brote und zwei Fische segnete, geht Arculph nach Kapernaum hinab, von dem jetzt nicht einmal die Ruinen mehr vorhanden sind; dann begiebt er sich gen Nazareth, wo Christus seine Kindheit verbrachte, und beschloß mit dem in Galiläa gelegenen Berge Tabor seine speciell den heiligen Stätten geltende Reise.

Des Bischofs Bericht enthält ferner geographische und historische Notizen über andere, von ihm besuchte Städte, wie über den Königssitz Damaskus, welche Stadt vier große Ströme durchfließen, »um sie zu verschönern«; über Tyrus, die Hauptstadt von Phönizien, die einst vom Festlande abgetrennt lag, aber durch die Dammschüttungen Nebukadnezar's wieder mit demselben verbunden wurde; Alexandria, in früherer Zeit die Hauptstadt Egyptens, welche der Reisende vierzig Tage nach der Abfahrt von Jaffa erreichte, und endlich über Konstantinopel, woselbst er die sehr große Kirche besuchte, in der man noch »Holz von dem Kreuze aufbewahrt, an dem der Erlöser einst zum Heile der Menschheit den Märtyrertod erlitt«.

Der von dem Bischof dictirte und von dem Abte Saint Columban niedergeschriebene Reisebericht schließt endlich mit der an die Leser gerichteten Empfehlung, die göttliche Gnade für den Prälaten Arculph den Heiligen anzurufen und auch für den Verfasser, einen armen Sünder vor dem Herrn, zu Christus, den Richter aller Zeiten, zu beten.

Wenige Jahre nach dem fränkischen Bischof unternahm ein Pilger aus England aus Gründen der Frömmigkeit dieselbe Reise und führte sie auch nahezu in derselben Art und Weise durch.

Dieser Pilgrim hieß Willibald; er gehörte einer reichen, wahrscheinlich in der Grafschaft Southampton angesessenen Familie an. Nach einer sehr erschöpfenden Krankheit weihten ihn seine Eltern dem Herrn und er verbrachte seine Jugend unter geistlichen Uebungen im Kloster zu Waltheim. An der Schwelle des Jünglingsalters angelangt, beschloß Willibald, in Rom in der Kirche St. Petri zu beten, und sein inständiges Zureden bestimmten seine Brüder Richard und Winnebald und seine junge Schwester Walpurgis, ihn zu begleiten.

Die gottesfürchtige Familie schiffte sich in Hamble-Haven im Frühjahre 721 ein, fuhr die Seine flußaufwärts und ging nahe der Stadt Rouen an's Land. Ueber die Reise bis Rom berichtet Willibald nur sehr oberflächlich. Nachdem sie über Cortona, eine Stadt in Ligurien, und Lucca in Toscana gekommen, wo Richard den Strapazen der Reise am 7. Februar 722 unterlag, und nach einer Winterfahrt über die Apenninen, kamen die beiden Brüder mit der Schwester in Rom an, wo Alle den Winter zubrachten, aber hartnäckig vom Fieber heimgesucht wurden.

Nach seiner Wiedergenesung trat Willibald mit der Absicht hervor, seine Pilgerfahrt bis nach den heiligen Stätten selbst auszudehnen. Er sandte Bruder und Schwester nach England zurück und reiste in Begleitung mehrerer Geistlichen ab. Ueber Terracina und Gaëta gingen sie nach Neapel, segelten nach Reggio in Calabrien und nach Catane und Syrakus in Sicilien; dann begaben sie sich zur Ueberfahrt auf das Meer, berührten nur Cos und Samos und landeten in Ephesus in Kleinasien, wo sich die Gräber des Evangelisten Johannes, der Maria Magdalena und der Siebenschläfer finden, letztere sieben christliche Jünglinge, welche sich wegen Religionsverfolgungen im Jahre 251 in einer Höhle nahe der Stadt verbargen, darin einschliefen und der Sage nach am 27. Juni 446 erst wieder erwachten.

Nach kürzerem Aufenthalte in Strobola, Petara und zuletzt in Mytilenä, der Hauptstadt der Insel Lesbos, begaben sich die Pilger nach Cypern, wo sie Paphos und Konstanzia besuchten; endlich finden wir sie, Sieben an Zahl, in der phönizischen Stadt Edissa wieder, welche das Grab des Apostels Thomas birgt.

Hier wurden Willibald und seine Gefährten, weil man sie für Spione hielt, von den Sarazenen eingekerkert, vom König aber auf Fürsprache eines Spaniers wieder in Freiheit gesetzt. In aller Eile verließen die Pilger die ungastliche Stadt, und von jetzt ab fällt ihre Reiseroute fast durchgängig mit der des Bischofs Arculph zusammen. Sie besuchten Damaskus in Syrien, Nazareth in Galiläa, Cana, wo einer der Wunder-Eimer zu sehen ist, den Berg Thabor, auf dem einst die Transfiguration vor sich ging; Tiberia, nahe der Stelle, wo der Herr mit Petrus auf dem Wasser wandelte; Magdala, den Wohnort des Lazarus und seiner Schwestern; Kapernaum, wo Jesus die Tochter des Statthalters vom Tode erweckte, Bethsaïda in Galiläa, die Heimat Petri und Andreas'; Corozaïn, wo der Herr die Besessenen heilte; Cäsarea, wo der heilige Paul den Schlüssel zum Himmel empfing; ferner die Stelle, an der Christus getauft ward, sowie Galgala, Jericho und Jerusalem.

Die heilige Stadt, das Thal Josaphat, der Oelberg, Bethlehem, Tema, wo Herodes die Kinder morden ließ, das Laura-Thal und Gaza erhielten den Besuch der frommen Pilger. Willibald erzählt, daß er in dieser Stadt, während des Gottesdienstes in der Kirche St. Mathäi, plötzlich das Augenlicht verloren und es erst in Jerusalem, zwei Monate später, beim Eintreten in die Heilige-Kreuz-Kirche wiedererlangt habe. Er durchwanderte hierauf das Thal von Diospolis, zehn Meilen von Jerusalem, und an der Küste des syrischen Meeres Tyrus, Sidon und Tripolis. Von da aus zog Willibald über den Libanon, Damaskus und Cäsarea nach Emaus, einem Flecken Palästinas, bei dem die Quelle entspringt, in der sich Christus die Füße wusch, und endlich wieder nach Jerusalem, wo die Pilger den ganzen Winter über verweilten.

Hier sollten die unermüdlichen Pilger aber nicht etwa ihre Fahrt beschließen. Man trifft sie im Gegentheil nach und nach in Ptolemaïs, dem heutigen St. Jean-d'Acre, in Emessa, Jerusalem, Damaskus, Samaria, wo sich die Gräber Johannes des Täufers, Abadias' und Eliseus' befinden, in Tyrus, wo der gottesfürchtige Willibald damals freilich eine Zolldefraudation beging, indem er eine nicht unbeträchtliche Menge des sehr berühmten, aber einem Zolle unterworfenen Balsams von Palästina einpaschte. Erst nach langem Aufenthalt in Tyrus konnte er sich daselbst nach Konstantinopel einschiffen, welche Stadt seine Begleiter und er zwei Jahre hindurch bewohnten, bis sie endlich nach Sicilien und Calabrien, Neapel und Capua zurückkamen. Zehn Jahre nach dem Verlassen seines Vaterlandes trat Willibald in das Kloster des Berges Cassin ein. Noch hatte für ihn jedoch die Stunde der Ruhe nicht geschlagen. Er ward vom Papst Gregor III. zum Bischof eines neugeschaffenen Sprengels in Franken ernannt. Während er einundvierzig Jahre zählte, als er die Berufung als Bischof erhielt, verwaltete er dieses Amt noch fünfundvierzig Jahre hindurch und starb im Jahre 745. Im Jahre 938 ward Willibald durch den Papst Leo VII. heilig gesprochen

Wir schließen diese Reihe von Reisenden mit dem ersten aus dem 9. Jahrhundert, einem gewissen Soleyman, Kaufmann aus Bassorah, der vom persischen Golf ausgehend Asien erreichte und am Gestade Chinas landete. Der Bericht über diese Reise zerfällt in zwei bestimmt unterschiedene Theile, deren einer im Jahre 851 von Soleyman selbst verfaßt, der andere im Jahre 878 von einem Geographen niedergeschrieben wurde. Der letztere, Abu-Zeyd-Hassan mit Namen, beabsichtigte damit eine Vervollständigung jenes ersten Theiles. Nach dem Urtheile des Orientalisten Reynaud hat dieser Bericht »seiner Zeit ein ganz neues Licht verbreitet über die im 9. Jahrhundert bestehenden Handelsbeziehungen zwischen den Küstenländern Egyptens, Arabiens und des Persischen Meerbusens einerseits und den ungeheuren Gebieten Indiens und Chinas andererseits«.

Soleyman ging im persischen Meerbusen an Bord, nachdem er sich in Maskate mit Süßwasser versorgt hatte, und besuchte zunächst das »zweite« Meer, d. h. das Meer von Larevy der Araber oder das Meer von Oman der neueren Geographie. Er beobachtete zuerst einen Fisch von erstaunlicher Größe – wahrscheinlich einen Potwal, – den die erfahrenen Schiffer durch das Läuten einer Glocke zu erschrecken suchen; ferner einen Haifisch, in dessem Bauche man einen kleineren und in dem Bauche des letzteren einen noch kleineren vorfand, »alle beide lebendig«, setzt der Reisende in vollem Ernste hinzu. Des Weiteren beschreibt er den Saug- oder Hemmfisch, die Meerschwalbe und das Meerschwein und sagt, daß er an dem Meere von Herkend, in dem er von den Malediven bis zu den Sunda-Inseln mindestens 1900 Inseln und Eilande gezählt habe, alle Küsten mit großen Stücken grauen Ambras übersäet seien. Unter diesen von einer Frau beherrschten Inseln erwähnt er, meist mit ihren arabischen Namen, unter Anderen Ceylon und dessen Perlenfischerei, das an Goldminen reiche und von Menschenfressern bewohnte Sumatra, die Nikobaren und die Andamanen, welche noch heute von Kannibalen bevölkert sind. »Dieses Meer von Herkend, sagt er, erhebt sich manchmal zu verderblichen Tromben, welche die Schiffe zerschmettern und eine Unmasse todter Fische und selbst Steine und Berge an den Strand werfen. Wenn sich die Wogen dieses Meeres emporthürmen, bietet das Wasser einen Anblick wie aufloderndes Feuer.« Soleyman hält es für bewohnt von einem Ungethüm, das Menschen verschlingt und in dem die Commentatoren das Quermaul (eine Haifischart) wiederzuerkennen glaubten.

Soleyman segelte, nachdem er mit den Eingebornen der Nikobaren gegen Eisen Cocosnüsse, Zuckerrohr, Bananen und Palmenwein ausgetauscht, durch das Meer von Kalah-Bar, das die Küste von Malacca bespült; dann nach zehntägiger Seefahrt über das Meer von Schelaleth zum Zwecke der Wassereinnahme nach einer Stelle, welche dem heutigen Singapore entsprechen könnte; endlich kehrte er nach Norden durch das Meer von Kedrendj, jedenfalls den Golf von Siam, zurück und kam in Sicht von Pulo-Oby, an der Südspitze von Cambodje.

Vor den Schiffen des Kaufmanns aus Bassorah lag nun das Senf-Meer ausgebreitet, d. i. das Wasserbecken zwischen den Molukken und Indisch-China. Soleyman verproviantirte sich frisch an der nahe dem Cap Varela gelegenen Insel Sander-Fulat, begab sich hierauf in das Sandjy-, d. i. das Chinesische Meer, und lief einen Monat später in Khan-Fu ein, in dem chinesischen Hafen der heutigen Stadt Tche-kiang, vor der die Schiffe jener Zeit gewöhnlich anzulegen pflegten.

Der weitere von Abou-Zeyd-Hassan vervollständigte Bericht Soleyman's enthält nur sehr umständliche Sittenschilderungen der Indier, Chinesen und der Bewohner von Zendj, einem an der Ostküste Afrikas gelegenen Landstriche. Hier führt jedoch der Reisende nicht selbst mehr das Wort; die mitgetheilten Einzelheiten aber finden wir weit interessanter und anschaulicher geschildert in den Reiseberichten seiner Nachfolger wieder.

Ueberblicken wir die Arbeiten der Forscher, welche seit sechs Jahrhunderten vor Beginn der christlichen Zeitrechnung und neun Jahrhunderte nach demselben die Erde durchzogen, so finden wir, daß die ungeheure Küstenlinie von Norwegen bis zum Ende des chinesischen Reiches, welche sich am Atlantischen Ocean, dem Mittelländischen und Rothen Meere, dem Indischen Ocean und dem Chinesischen Meere hinzieht, zum größten Theil besucht und der Lage nach bestimmt worden war. Kühne Reisende drangen daneben in das Innere der Länder ein, in Egypten bis Aethiopien, in Kleinasien bis zum Kaukasus, in Indien und China bis zur Tartarei, und wenn den Orts- und Lagenbestimmungen jener Reisenden auch die mathematische Genauigkeit abging, so waren doch die Sitten und Gebräuche der Einwohner, wie die Erzeugnisse jener Länder, die Art des Handels mit ihnen und ihre religiösen Gewohnheiten hinlänglich bekannt; die Schiffe, welche die in ihrer Regelmäßigkeit erkannten Jahreszeitenwinde benutzten, konnten sich vertrauensvoller auf's Meer hinauswagen, die Karawanen zogen ihres Weges sicherer durch das Land, und als Gesammtwirkung dieser durch die Schriften der Gelehrten verbreiteten Kenntnisse erfreute sich der Handel in der zweiten Hälfte des Mittelalters eines ganz ungewöhnlichen Aufschwungs.


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