Johanna Spyri
Gritlis Kinder kommen weiter
Johanna Spyri

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Achtes Kapitel

Die Entscheidung

Elslis Schlafzimmer war durch eine Tür mit demjenigen der Tante Klarissa verbunden. In dieser Zeit, da jeder Tag so vieles und so Ungewohntes mit sich brachte, kam Klarissa, die treue Pflegerin und Ordnerin des Hauses, immer sehr spät zur Ruhe, denn nachdem die Kinder sich zurückgezogen, hatte sie jeden Abend sich im Zimmer der Frau Stanhope einzufinden, wo diese die Ereignisse des Tages mit ihr besprechen und allerlei Anordnungen für das Weitere mit ihr treffen wollte. Nachher hatte Klarissa noch gar vieles für das Haus zu verwalten, so manches zu ordnen, die Dienerschaft, den Garten, die Küche zu bedenken und hundert kleine Dinge wieder ins Geleise zu bringen, die durch den bewegten Lauf des Tages daraus gekommen waren. Am heutigen Tage war besonders viel zu ordnen gewesen; es war sehr spät, als Klarissa endlich in ihre Schlafstube trat. Es war sehr still ringsum, denn längst lagen alle anderen Hausbewohner im tiefen Schlafe. Klarissa setzte sich noch hin, um ihr Abendlied zu lesen. Plötzlich hörte sie im Nebenzimmer so beängstigende Töne, daß sie erschrocken aufsprang und zu Elsli hinüberlief.

Das Kind saß auf seinem Bette mit todesblassem Angesicht; vor ihm floß ein ganzer Blutbach von der Decke nieder.

Als Klarissa eintrat, sagte Elsli voller Angst: »O, es ist mir so leid, ich konnte nicht mehr aus dem Bette springen, es kam auf einmal.«

»Um Gottes willen, was ist das?« rief Klarissa im höchsten Schrecken aus, als sie jetzt an das Bett herangetreten war.

»Es ist nichts Wichtiges«, meinte Elsli beruhigend; »schon daheim habe ich manchmal Blut gespieen und auch hier schon oft, nur nicht so viel, aber es hat mir nicht weh getan. Jetzt tut es mir auch nicht stark weh, aber es ist mir so leid um das Bett.«

»Daran denk jetzt nicht, Kind«, sagte Klarissa bewegt, indem sie ihren Arm um Elsli legte, um es zu stützen. »Du bist sehr krank. Sieh, liebes Kind, du bist so krank, daß du bald, sehr bald unserer Nora nachgehen könntest. Kannst du dich freuen darauf?«

Elsli war sehr überrascht. Es schwieg eine Weile ganz still, dann sagte es ein wenig zaghaft: »Ich möchte so gern Ihnen gleich erzählen, was ich schon lange hätte sagen sollen. Es war vielleicht gar nicht recht, daß ich immer fortfuhr und Sie doch nichts davon wußten, und es könnte sein, daß Frau Stanhope mir es nie erlaubt hätte, und darum war es ja nicht recht.«

In großem Staunen schaute Klarissa auf das Kind. War es denn möglich, daß dieses Kind heimlich ein Unrecht getan und fortgesetzt hatte mit dem Bewußtsein, daß es eines war?

»Sag mir alles aufrichtig, es wird dir wohltun«, sagte sie freundlich, »aber sprich nur leise und ganz langsam.«

Das Kind tat so und berichtete seine Bekanntschaft mit den Fischerleuten von Anfang an, wie es täglich stundenlang dort verweilt und in Stube und Küche viel Arbeit getan hatte und so mit den Leuten umgegangen war, wie es Frau Stanhope wohl nicht erlaubt hätte.

Als Elsli zu Ende war, schaute es flehentlich zu Klarissa auf und fragte: »War es ein großes Unrecht?«

Klarissa nahm des Kindes Hand in die ihrige und sagte liebevoll: »Du mußt nicht bekümmert sein: du wolltest ja nichts Böses tun, und was du tatest, war ja nicht böse. Du mußtest mir sagen, was du tatest, das hätte sein müssen, und ich hätte dir raten können. Aber ich habe dich selbst daran verhindert. Ich will Frau Stanhope alles erklären, dann wird's gut sein.«

»Aber glauben Sie, daß ich wieder hingehen und alles tun darf, was ich dort getan habe?« fragte Elsli ängstlich.

»Du bist jetzt so krank, daß du jedenfalls lange nicht mehr dahin gehen kannst. Aber ängstige dich nicht mehr um die Sache, ich will sie aufnehmen«, sagte Klarissa beruhigend. »Ich wußte nicht, daß die Leute so bedürftig sind; der Mann klagte nie, wenn er seine Fische brachte. Ich will hingehen und sehen, was für die kranke Frau zu tun ist. Das beruhigt dich doch?«

»Ja«, sagte Elsli zögernd, »aber da ist so viel zu tun, das niemand weiß und das sie nicht sagen darf. In der kurzen Zeit konnte ich auch so wenig flicken, und es ist alles zerrissen, die Kinder können nichts mehr anziehen, und die Mutter kann noch nicht kochen und alles tun, und der Vater kann schon fast nicht genug arbeiten, daß sie noch essen können und man ihnen das Haus nicht nimmt. Wenn ich nun nicht mehr komme, so wissen sie nicht, was zu machen sei. Sie betteln nicht, sie sind nur im Elend; es ist so, wie bei uns daheim.«

Elsli schluchzte laut auf. Es war, als ob die Eindrücke tiefer Traurigkeit, die in das früheste Leben des Kindes gefallen waren, mit dem neuen Eindrucke einer Not, die ihm tief zu Herzen ging, als ein großer Jammer über das zarte Leben hereinbrechen und es erdrücken wollten.

Klarissa nahm das schluchzende Kind in ihren Arm und hob es so empor, daß das helle Sternenlicht auf sein Angesicht fiel.

»Schau nicht mehr zurück, Elsli«, sagte sie freundlich; »wir wollen hinüberschauen, dorthin, wo unsere Nora ist und dir zuwinkt. Weißt du, wie es von denen drüben heißt:

›Die kennen keine Tränen mehr,
Die kennen lauter Freude!‹

Elsli hob seine Augen zu dem lichten Sternenhimmel auf und wurde nach und nach wieder ruhig. Nach einer Weile fragte es ein wenig zagend: »Kann ich doch dahin gehen, wo Nora ist? Lassen sie mich auch hinein? Der alte Großvater hat gesagt, nur die Guten kommen dort hinein.«

»Liebes Kind, hör mich an, ich will dir sagen, wer dir und mir und allen die Tür auftun kann und es so gern tun will«, sagte beruhigend Klarissa. »Zu jenem Lande der Seligen hat unser Herr Jesus, der vom Himmel gekommen ist, uns den Weg aufgetan; ohne ihn kann keiner diesen Weg finden. Aber unser Herr will alle hineinführen, und mit denen, die nicht gut sind, hat er ein besonderes Erbarmen und will ihnen so gern helfen, daß er sie dorthin bringen kann. Weißt du noch, wie er zu jenem am Kreuze sprach, der kein Guter war?«

»Ja, ich weiß es schon –«, sagte Elsli ganz deutlich. Dann legte das gute Kind seinen Kopf auf das Kissen zurück, und Klarissa hörte, wie es leise etwas vor sich hin sprach. Sie konnte nur die letzten Worte verstehen:

»So wird die Tür mir aufgetan
Zum Paradies noch heute.«

Dann war alles still.

Bald nachher beugte Klarissa sich über das stille Kind; es atmete nicht mehr, – es war Nora nachgefolgt.

Früh am anderen Morgen trat Klarissa bei den Kindern ein und sagte ihnen, daß Elsli in der Nacht in den Himmel gegangen sei. Sie konnten es zuerst nicht fassen, gar nicht glauben. Noch gestern hatte Elsli ja mit ihnen im Garten gespielt, so still teilnehmend und jedem gefällig wie immer und hatte über gar kein Weh geklagt.

Als sie in seine Kammer traten, lag es im schneeweißen Kleidchen auf seinem Bette. Auf dem friedlichen Gesichtchen lag ein glückliches Lächeln, wie man es an dem lebenden Kinde nur in selten fröhlichen Augenblicken gesehen hatte. Es war ein trauriger Tag für die Kinder. Jedes saß in einem eigenen Winkel und weinte vor sich hin, denn alle hatten ja das sanfte, liebevolle, immer allen mit Freuden dienende Elsli so lieb gehabt. Fani konnte es vor Schmerz nirgends aushalten. Er schlich wieder in Elslis Kammer hinauf und kniete an dem Bette nieder und schluchzte herzbrechend. Jetzt stieg alles in seinem Herzen auf, was von frühester Kindheit an das gute Elsli so schwer gedrückt hatte: wie oft es noch auf sich genommen, was er hätte tragen müssen; wie manchmal es lieber eine Strafe auf sich gezogen hatte, als daß es ihn verriet. Jetzt empfand Fani auch, welche große Liebe er verloren hatte und wie kein Mensch mehr auf Erden war, der so sich um ihn kümmerte und sein ganzes Leben mit ihm teilte, wie Elsli getan hatte. Über den Fani war ein Herzeleid gekommen, wie er noch keines in seinem Leben gekannt hatte.

Klarissa ging gleich den anderen Tag zu den Fischerleuten, die ihr wie ein Vermächtnis von Elsli auf dem Herzen lagen. Sie teilte ihnen den Tod des Kindes mit und sagte, sie werde der kranken Mutter stärkende Speisen schicken, daß sie wieder zu Kräften komme: das sei, was ihr besonders mangele. Auch ferner wollte sie Elslis Freunde nicht vergessen, wie sie ihnen versicherte.

Erst als sie wieder fort war, ließen die Leute ihrem großen Leide den Lauf, denn den Großen wie den Kleinen war es, als könnten sie fast nicht mehr weiter kommen und gar nicht mehr froh werden. Elsli hatte den ganzen Haushalt verändert und allen wohlgemacht. Daß dieses Kind aber, das so für alle gesorgt und gearbeitet hatte, aus dem schönen Hause an der Rosenhalde gekommen war, das konnte keiner begreifen. Der Vater aber sagte: »Das war ein Engel vom Himmel, ich habe es von Anfang an gesagt«, und dabei blieb er.

Ein ganz kleines Geleite folgte dem blumenbedeckten Bettlein, in dem Elsli von der Rosenhalde nach dem Friedhofe der Dorfkirche hinübergetragen wurde. Fani, Oskar und Fred gingen still, mit verweinten Augen, voran, der Diener und der Kutscher folgten. Als der kleine Zug aus dem Hofe auf die Straße hinausgetreten war, kamen von unten herauf laut schluchzend zwei Jungen gelaufen: es waren Tolf und Heini. Sie schlossen sich dem Zuge an; aber das laute Schluchzen konnten sie nicht unterdrücken, denn immerfort sahen sie das Blumenbettlein vor sich, in dem man Elsli für immer von ihnen wegtrug. Hinter den Jungen kam ihr Vater daher, er hatte sein schwarzes Kleid angezogen, und man hätte denken können, sie trügen ihm ein eigenes Kind zu Grabe, so mußte er fort und fort seine Augen wischen. Weit hintennach folgte langsam und mühselig ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, der sich auf einer Seite auf einen dicken Stock, auf der anderen auf eine schmale, blasse Frau stützen mußte, die selbst keinen festen Schritt hatte. Sie konnten fast nicht nachkommen miteinander. Aber der Alte hatte so gebeten, daß man ihn seine kleine Wohltäterin zu Grabe geleiten lasse, daß seine Tochter es ihm nicht abschlagen konnte. Neben ihm trippelte das kleine Lenchen einher und weinte kläglich, denn es hatte verstanden, daß Elsli dort fortgetragen werde und nie mehr wiederkomme.

Als die Kinder von dem letzten Gange mit Elsli zurückkehrten, setzte Frau Stanhope sich zu ihnen hin und sprach in sehr freundlicher Weise mit ihnen. Sie sagte, sie könne wohl begreifen, daß das betrübende Ereignis sie alle sehr traurig gestimmt habe und daß die Gäste nun wohl am liebsten in die Heimat zurückkehren möchten. Sie hoffe aber, später werden die Freunde alle einmal wieder glücklich zusammentreffen. Sie bat dann Tante Klarissa, für die Kinder alles bereit zu machen, damit sie gleich am folgenden Tage gegen Abend abreisen könnten, um so die Nacht durch zu fahren und ohne Aufenthalt des anderen Tages in der Heimat anzukommen.

So nahmen denn am folgenden Abende die Kinder von den guten Damen, dem Freunde Fani und der ganzen schönen Rosenhalde Abschied in einer viel stilleren Weise, als sonst ihre Art war. Fani mußte sich abwenden, als der Wagen sich in Bewegung setzte, um die Gespielen fortzutragen.

Wie still und leer mußte es nun auf der Rosenhalde auch werden, nun die Freunde fort waren, und Elsli nie und nirgends mehr zu finden war.

Die Kinder fuhren der schönen Heimat zu. An der letzten Bahnstation stand schon der Wagen des Hauses. Sie rannten darauf zu. Ein lautes Schreien tönte ihnen daraus entgegen: das war Ricklis Freudengeschrei. Es war ihm erlaubt worden, die Geschwister mit dem Wagen abzuholen. Als aber dieser nach einer kurzen Fahrt nun vor dem Hause anhielt, als Mutter und Tante herausgelaufen kamen und mit ihrer unvergleichlichen Liebe die Kinder begrüßten und empfingen, da lachten und weinten alle durcheinander in der Freude des Wiedersehens, und an diesem Abende wurde es fast zur Unmöglichkeit, die Kinder noch zur Ruhe zu bringen. Das Glück, wieder daheim zu sein, die Flut der Mitteilungen, welche die Kinder am liebsten gleich alle auf einmal machen wollten, die tausend Fragen, die sie wieder selbst zu tun hatten, das alles hatte sie zu einer so überströmenden Lebendigkeit gebracht, daß man hätte denken müssen, diese könnte sich nie mehr legen.

Endlich aber lagen sie alle wieder in ihren heimischen Betten und schliefen nach den ungeheuren Aufregungen nur um so fester. Die Mutter aber ging jetzt leise von einem Bette zum anderen. Bei jedem stand sie still und sandte ein eigenes Dankgebet zum lieben Gott empor, der ihr das Kind vor allem Unglück bewahrt und wohlbehalten wieder in ihre Arme zurückgeführt hatte.

Frau Stanhope hatte einen so unruhigen Sommer gehabt wie noch nie in ihrem Leben. Die Erfahrungen dieser Tage ließen sie leichter dazu kommen, einen Entschluß, den sie einmal gefaßt hatte, wieder zu ändern, als es vielleicht sonst geschehen wäre. Sie hatte fest im Sinne gehabt, dem Fani eine Erziehung zu geben, die ihn befähigen würde, dereinst als Verwalter ihrem Gute vorzustehen.

Wenige Tage nach der Abreise der Freunde, als Fani wie verloren in dem großen Garten herumirrte, wurde er nach dem Zimmer der Frau Stanhope gerufen.

»Setz dich zu mir, Fani«, sagte sie zu dem Eintretenden, »wir haben noch einmal miteinander zu sprechen. Ich habe aus deiner Schilderung der verunglückten Rheinfahrt verstanden, daß der größte Wunsch deines Herzens dahin geht, ein Maler zu werden. Ist das nicht ein vorübergehender Einfall, sondern hast du daran ernsthaft und lange mit demselben Verlangen gedacht, und ist es jetzt noch dein höchstes Begehren?«

Fani wurde dunkelrot. Er zögerte ein wenig, dann antwortete er: »Ja, es war schon lange mein größter Wunsch und immer mehr, je weiter ich im Zeichnen kam. Aber ich will gewiß nicht mehr daran denken und will schon mit Freuden tun, was Ihnen recht ist.«

»Ich habe mit deinem Lehrer gesprochen«, fuhr Frau Stanhope fort; »er sagt, wenn dein Fleiß deinem Talente entspreche, so werdest du ein tüchtiger Künstler werden. Ist dein Verlangen so groß, so wirst du auch Fleiß zeigen. Ich habe beschlossen, dich nach Düsseldorf zu bringen, wo dir aller Unterricht, der dir nötig ist, zuteil werden wird. Zunächst bleibst du einige Jahre dort, dann wollen wir sehen, was mit dem jungen Maler weiter geschehen soll.«

Fani stand vor Überraschung und Entzücken völlig stumm da. Als er endlich zu danken anfangen wollte, stürzten ihm die hellen Tränen aus den Augen vor großer innerer Bewegung; er konnte nichts sagen.

Aber es gefiel Frau Stanhope, daß der sonst so redegewandte Fani vor Ergriffenheit kein Wort herausbrachte und so regungslos dastand. Sie sagte sich: »Diesmal ist's ein rechter Ernst bei ihm.«

Die Nachricht von Fanis Eintritt in die Künstlerlaufbahn hat in Buchberg einen ungeheuren Jubel hervorgerufen. Schon sehen Oskar und Fred, vor allen aber die triumphierende Emmi, mit Zuversicht dem Augenblicke entgegen, da auf der Kunstausstellung der nahen Stadt wundervolle Landschaftsbilder erscheinen werden, unter denen der Name »Fani von Buchberg« zu lesen sein wird.

Oskar steht mit den Brüdern Fink in unausgesetztem Briefwechsel. Wenn die drei einmal erwachsen sind, wird man von Bündnissen in der Schweiz hören, über die alle Welt erstaunen wird.

Feklitus erzählt nie von seiner Rheinreise, wie oft ihn auch die Kameraden befragen wollen. Folgt in der Schule für seine Klasse die Geographie der Rheinlande, so wendet er den Kopf ab und hört absichtlich nicht zu; denn von einem Lande, wo man so mit den Unschuldigen umgeht, will er nichts mehr hören.


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